Illusionen

26.

Mejdan hatte Shayde bis zum Trakt der Männchen begleitet, um auch nach ihrer Geliebten sehen zu können. Doch was sie erblickte war, Najib, die Hilel auf dem Schoß in ihren Armen hielt und leise mit ihm flüsterte. Es klang jedoch nicht, wie sie zunächst grinsend vermutet hatte, wie eine Reihe Liebesschwüre, sondern war freundschaftlich, beinahe Neckerei zwischen ihnen. Hilel kicherte fröhlich und zappelte ein wenig, vermutlich hatte sie ihn gekitzelt, oder beschämt mit einem Kompliment. Mit einem Grinsen zog Mejdan sich wieder zurück in ihre Zimmer, um dort auf Najib zu warten.

In den nächsten Tagen wartete gerade auf Mejdan und Najib viel Arbeit, denn die Universität wurde umstrukturiert, das Log sollte als Lehrmittel erhalten bleiben, natürlich ohne die Menschen, jedoch mit den Tieren und Pflanzen von der Erde, die man dort gefahrlos studieren konnte. Es wurde sogar beschlossen, das Dorf zu erhalten, die Häuser jedoch einfach leerstehen zu lassen. Najib bekam nach ihrem Abschluss eine Stelle unter der neuen Professorin für Informatik in dem Team, das sich um die Programmierung einer Unterwasserwelt kümmern sollte, denn diese fehlte noch.

Hilel war zwar angestellt und sollte als Assistent in Shaydes Abteilung Kurse über Vögel vorbereiten, aber er ließ sich für die Zeit, in der die Kurse noch nicht stattfanden, beurlauben. Als offiziellen Grund gab er an, dass er die familiäre Lage noch klären müsste und die Trennungszeit abwarten wollte. In Wirklichkeit war er einfach jeden Tag bei Jack, brachte ihm Alltagswissen der Abd-Jabir nahe, brachte ihm Filme über den Planeten, über die Erde und über die Menschen auf Abd-Jabir mit.

Najib unterstütze ihn stets dabei, auch wenn sie sich nicht einmischte und nur selten mit zu diesen Besuchen fuhr. Entsprechend verwirrt und enttäuscht war Hilel, als Najib ihm eines Morgens regelrecht befahl, im Haus auf sie zu warten, da sie mit ihm sprechen wollte.

Najibs gute Laune, die sie seit dem Aufwachen leise hatte vor sich hinsummen lassen, bekam einen Dämpfer, als sie die Enttäuschung und beinahe Missmut in Hilels Miene sah. Wollte er diesen Tag wirklich wie jeden anderen verbringen? Oder sollte sie sich gar verrechnet haben? "Mach dich ein bisschen hübsch, hm? Ich hol dich gleich."

Als sie in ihre und Mejdans Räume zurückkehrte, warf sie als erstes einen Blick auf den Kalender. Aber da fünf mal fünf nach wie vor fünfundzwanzig ergab, war gestern der letzte Tag der Trennungszeit gewesen. Nachdenklich zog sie den gemütlichen Hausanzug aus und holte aus ihrer Hälfte des Schrankes die braune, bis fast zur Hüfte geschlitzte Hose und das goldgelbe Oberteil mit dem freien Rücken heraus. /Ob ihm der Tag nicht wirklich wichtig ist? Nein, das kann nicht sein; er ist viel zu traditionell erzogen, um ihn so vollkommen zu ignorieren./ Ein anderer Gedanke brachte sie zum Lachen, auch wenn sie sich nicht sicher war, ob sie in dem Fall nicht eher ungehalten sein sollte. "Vielleicht hat er die Zeit über Jack aus den Augen verloren."

Schmunzelnd ging sie ins Bad, kämmte sich die Mähne ordentlich durch und verzierte sie mit einigen goldbraunen Steinchen rund um die Ohren. Wenn es das wirklich sein sollte, wäre er wahrscheinlich viel zu schuldbewusst, um ihr noch Gelegenheit zum Ärgern zu geben. Rasch holte sie ihre Handtasche, in der die schlichte Schatulle mit dem Verlobungsschmuck, den drei durch Kettchen verbundenen Ringen schon seit fast zwei Wochen auf diesen Tag wartete, und ging zum Bereich der Männchen, um an Hilels Tür zu klopfen.

Hilel hatte die Zeit zunächst mit roten Ohren vor seinem Kalender verbracht. Über Jack hatte er doch tatsächlich vergessen, die Trennungszeit zu markieren. Fatal, denn an diesem Morgen war der letzte Tag verstrichen. Dann hatte er sich sehr viel Mühe mit seinem Äußeren gegeben. Eine kurze Weste zu einer Hose, die erst auf den Hüften begann, beides aus tiefrotem Stoff, waren schnell gewählt. Es war Sommer geworden, und die Hitze ließ Hilel schon seit einigen Tagen so wenig Kleidung wie möglich tragen. Sorgfältig umrahmte er seine Augen mit Ashiqas Farben dunklem Rot und altem Gold und brachte noch feine, goldene Steinchen an den Augenwinkeln auf. Als letztes legte er sich ein schmales Kettchen um die Taille, das einzige Schmuckstück, das ihm nach der Trennung geblieben war. Er war gerade fertig, suchte im Schrank noch nach den passenden Schuhen, als Najib auch schon anklopfte. Aufgeregt und unsicher, ob er das richtige unter 'hübsch machen' verstanden hatte, öffnete er ihr, um sich den Blicken seiner zukünftigen Frau zu stellen.

Als Najib auf das zierliche Männchen hinab sah, stellte sie fest, dass sie ihm wahrscheinlich nie würde böse sein können. Ein Lächeln zog sich über ihr Gesicht, und sie beugte sich zu ihm, um ihm einen schnellen Kuss auf den Kopf zu geben. "Immer wenn ich denke, ich hätte mich daran gewöhnt, dass du schön bist, überraschst du mich aufs Neue. Bezaubernd ist kein Wort, um dich auch nur annähernd zu beschreiben." Sie bot ihm den Arm, um ihn zum Wagen zu führen, den sie sich für den Tag von Mejdan geborgt hatte. "Ich habe im Krankenhaus Bescheid gesagt, dass du heute mir gehörst."

Hilel schwieg von ihrer Erscheinung und von seinen Gefühlen überrannt. Er nickte lediglich und ließ sich von Najib im Wagen entführen, genoss ihre Aufmerksamkeit in gleichem Maße, wie sie ihn nervös machte. /Ich schweige! Ich sollte etwas erzählen! Was kann ich nur sagen?/ Doch immer, wenn er den Kopf hob, warf sie ihm einen kleinen, von einem Lächeln verschönten Blick zu, der ihm jeden Gedanken verdrehte, so lächelte er lediglich zurück.

Najib genoss es, mit ihm allein zu sein; sie hatten schon lange keine wirkliche Gelegenheit mehr dazu gehabt. Entweder war er im Krankenhaus, sie mit der Programmierung des Logs beschäftigt, oder Mejdan, Shayde oder Carol waren dabei. Nachdem sie eine Weile schweigend durch die noch immer grünen Hügel gefahren waren, auf denen die Frühlingsblumen schon lange verblüht waren, begann sie, ihm von den Gesprächen mit ihrer und seiner Mutter über die Hochzeitsvorbereitungen zu erzählen, dass sich ihre Mütter sogar nach einigen Schwierigkeiten zu Beginn beinahe angefreundet hatten.

Schließlich erreichten sie die ersten Vororte; Najib bog von der Hauptstraße ab und parkte nur wenig später direkt vor dem Eingang zum botanischen Garten. Zufrieden bemerkte sie den verträumten Blick des Männchens, das ihr die Eintrittskarten verkaufte, als es Hilel ansah.

Gemächlich schlenderten sie durch den Park, und Najib ließ sich von Hilel gerne die verschiedensten Dinge zu Pflanzen, Insekten oder den zahlreichen kleinen Kolibris erklären, die nicht nur von den Blüten tranken, sondern auch von den zahllosen, herabhängenden Futterstellen Gebrauch machten. Angenehmerweise war es recht leer; auch der Göttinnengarten, in dem für jede Göttin im Zyklus des Jahres angeordnet ein Stück mit ihren Blumen gestaltet war, war wenig besucht.

Najib führte Hilel zu dem Part, der Ashiqa gewidmet war. In dem kleinen Pavillon mit der Statue, die eine Lyra hielt, blieb sie schließlich stehen. Mit einer kleinen Geste bat sie Hilel, sich auf die kleine Bank zu Füßen der Göttin zu setzen und nahm neben ihm Platz. "Das hier ist angemessen, meinst du nicht?" Sie holte die dunkelblaue Schmuckschatulle aus ihrer Tasche, lehnte diese dann achtlos an die kleine Bank zu Füßen der Göttin. Sie nahm eine seiner schlanken Hände in ihre und sah Hilel in seine ein wenig aufgerissenen, schönen Augen. "Die Trennungszeit ist vorbei. Ich habe versprochen, dass ich dich noch einmal fragen werde. Magst du dich noch immer mir anvertrauen und meinen Namen tragen?"

Hilel war durch die Atmosphäre im Garten verzaubert worden. Die Göttinnen blickten wohlwollend auf sie hinab, es war angenehm, nicht so schwülwarm wie in den letzten Tagen. Außer bei dem Pavillon der Göttin Sahdij waren die Wege leer, die vorherrschenden Farben der anderen Gäste waren dementsprechend auch helles Rosa und Hellgrün.

Hilel stach allein durch seine Farben heraus, aber fühlte sich wohl unter den bewundernden Blicken. In der letzten Zeit zuvor war durch den Mangel an einem Schutz durch Schmuck, der zeigte, dass er vergeben war, stets eine gewisse Unsicherheit entstanden, wenn jemand ihm im Bus oder im Garten des Krankenhauses einen zu langen Blick zugeworfen hatte. Doch Najib an seiner Seite war der beste Schutz. Ihr Arm, der sich um seine Schultern legte, um ihn zu führen, war zugleich wie eine Mauer, die jede Geste und jeden Flirtversuch abschirmte.

Gerade überlegte Hilel, dass er Ashiqa sicherlich auch noch einen Blumenblattregen für die freundlichen Gaben und sein Glück in der letzten Zeit spenden musste, als Najib ihn tatsächlich ganz offiziell und mit wunderschönem Verlobungsschmuck fragte. Mit strahlendem Lächeln nickte er, versuchte Tränen zu unterdrücken und umarmte sie dann fest.

Najib erwiderte die Umarmung innig, fühlte ihr Herz vor Freude schneller schlagen, auch wenn es ja eigentlich schon sicher gewesen war, dass er sie heiraten würde. Dennoch, dass er jetzt ihren Schmuck tragen würde, dass er nun ganz offiziell ihr versprochen war, ließ sie sich leicht und voll frühlingshaftem Prickeln fühlen.

"Du machst mich glücklich, Hilel", flüsterte sie in sein kleines Ohr mit der hängenden Spitze und küsste ihn sachte auf die Wange. Doch im gleichen Moment stellte sie fest, dass es nicht ausreichend war, und so küsste sie seinen Mundwinkel, dann seine weichen, nachgiebigen Lippen.

Zuerst hatte Hilel erwartet, dass Najib bei der zwischen ihnen üblichen freundschaftlichen Art blieb, die sie noch immer, ganz gleich wie nahe sie sich gewesen waren, beibehalten hatten, doch etwas an ihrer Haltung änderte sich mit einem Mal, ihr Griff um seine Schultern wurde entschlossener und schon berührten sich ihre Lippen.

Anders als bei dem letzten Kuss, den sie ihm eher aus Versehen geschenkt hatte, war Najib sich nun sicher und Hilel spürte, dass sie nicht einfach aufhören würde, seine Lippen entlang zu streichen und mit ihrer Zunge leicht zu necken.

Eine Gruppe singender Männchen, offensichtlich auf dem Weg zum Tempel einer der ernsteren Göttinnen störte sie nicht, vielleicht nahm sie die Blicke und das verhaltene Kichern gar nicht wahr, das die anderen sich erlaubten, weil ein Paar dem dekadenten Ruf der Ashiqa mit einem Verlöbnis in einem ihrer Tempel entsprach.

Hilel genoss Najibs Aufmerksamkeit sehr und zerfloss förmlich vor Wohlbehagen, doch nach einer Weile war er es, der sie vorsichtig ein wenig von sich schob. Geschickt begann er nach einem kleinen Lächeln für seine zukünftige Frau, den Schmuck anzulegen. Die Ringe waren zierlicher und feiner gearbeitet als diejenigen, die er von Kindheit an bis zu seiner Vermählung mit Reza getragen hatte.

Sie waren beinahe ohne Gewicht und brachten ein Gefühl nostalgischer Erinnerung zu ihm zurück. "Ich fühle mich herrlich, einfach nur wundervoll. Ich danke dir so sehr!" Erneut umarmte Hilel seine Verlobte und wagte es dann, sich zu strecken, um ihren ausdrucksstarken Mund mit den Lippen zu berühren.

Hilel hatte etwas Süßes und ganz und gar unwiderstehlich Unschuldiges an sich, dem Najib sich nicht entziehen konnte. Es war vollkommen anders als die Küsse mit Mejdan, auf eine andere Art verlockend, nicht wild und leidenschaftlich, sondern zart und zerbrechlich wie das gesamte, zierliche Männchen. Sie schloss die Arme fester um ihn und begann, an seinen Lippen zu knabbern und sie mit der Zungenspitze zu liebkosen, vorsichtig, um ihn zu mehr zu verführen. Sie wollte ihn nicht nur fühlen, wollte wissen, ob er auch genauso süß schmeckte.

Als Najib erneut auf seinen Kuss einging, war es wieder Hilel, der sie unterbrechen musste. Allerdings tat er dies, indem er sich erneut an sie schmiegte und mit beiden Armen fest einmal drückte. Dann schwiegen sie noch einen Augenblick lang, bevor sie sich gemeinsam, Hand in Hand nun sogar, auf den Rückweg machten.

Najib hatte nicht nur den Ausflug in den botanischen Garten geplant, sondern auch noch ein gemeinsames Essen in einem der Restaurants, die nicht teuer waren, weswegen es sich bei den Studenten der Universität auch großer Beliebtheit erfreute. Dort konnte man sich unter Weinlaub in mit schweren Kissen gefüllten Vertiefungen um flache Tischchen sehr traditionell von Männchen mit farbenfrohen Uniformen bedienen lassen und an einigen Abenden auch einer Musikgruppe lauschen.

An diesem Abend spielte keine Musik, aber das Essen unter den leicht im Wind rauschenden Blättern, bei Kerzenschein und mit Najibs ganzer Aufmerksamkeit war dennoch berauschend für Hilel. Sie saßen lange dort, die Sterne funkelten längst am schwarzen Himmel, als Hilel bemerkte, dass nicht nur seine Verlobte ihn berauschte, sondern auch der weiche Wein, den sie ihm so häufig nachgeschenkt hatte. Sie lachten auch entschieden zu oft und über so ziemlich alles.

Najib war froh, dass sie nahe dem Universitätsgelände waren, denn als sie schließlich aufstanden und das Restaurant verließen, merkte sie, dass sie nicht mehr in der Lage gewesen wäre, sicher zu fahren. So genoss sie es jedoch, mit Hilel gemütlich nach Hause laufen zu können. Sie hatte ihm einen Arm um die Taille gelegt, ihn dicht an sich gezogen und ihren Schwanz um seinen geschlungen. "Das war ein wunderschöner Tag, Hilel. Ich danke dir, dass du ihn mit mir verbracht hast."

"Und ich danke dir. Ich muss mich auch noch entschuldigen, Najib. Über Jack habe ich sogar vergessen, die Tage auf meinem Kalender abzustreichen." Am Segelboothafen blieb Hilel kurz stehen und sah sie fragend an. "Haben die Ärztinnen vom Krankenhaus dir oder Mejdan schon erzählt, dass Jack entlassen wird?"

"Sie haben Mejdan eine Nachricht geschickt, immerhin gehört er ja ihr. Ich hatte das Datum aber vergessen. Morgen also." Sie streckte sich ein wenig und sah auf das dunkle, ruhige Meer hinaus. "Soll ich dich fahren?"

"Sie wollten noch einige kleinere Tests mit ihm und Timm beenden, dann kann er erst einmal entlassen werden. Ich hoffe, dass Mejdan mir erlauben wird, ihn bei uns unterzubringen." Er betrachtete ihr Profil und lächelte dann. "Aber das ist ja erst morgen. Heute bin ich hier mit dir und... du hast dir für mich freigenommen, nicht?" Er schmiegte sich erneut in ihren Arm und blickte mit halbgeschlossenen Augen über die vom leichten Nachtwind gekräuselte See. Er war betrunken, das merkte er allein daran, dass er sich nicht nur der Romantik halber auf Najibs Umarmung verließ, sondern auch um den Weg sicher gehen zu können.

Er merkte erst, als sie das Haus betraten, dass der leichte Wind ihn ein wenig ausgekühlt hatte. Die ungewöhnliche Wärme ließ seine Wangen und Ohren heiß erscheinen, und noch immer ließ Najib ihn nicht los. Das Haus lag dunkel und still vor ihnen, als sie bis zu dem Flur der Männchen durchgingen und dort an der Grenze zu Mejdans Zimmern stehen blieben. "Das war wirklich die bislang schönste Nacht meines Lebens, Najib", flüsterte Hilel ehrfürchtig und sah zu ihr auf.

Najib lächelte und zeichnete ein wenig unsicher mit einer Fingerspitze seine Nase nach. "Dann werden wir daran arbeiten, dass noch viele schönere folgen werden." Ihre Gedanken waren vage schon weiter gegangen, doch hielten unvermittelt inne, von den großen, hellen Augen gefangen, die so voller Unschuld waren. Sie war zu betrunken, um genügend für ihn da zu sein in seiner Unerfahrenheit, und bestimmt wollte er es auch nicht vor der Hochzeit. Sie küsste ihn noch einmal auf den Mund, nur leicht dieses Mal und kurz. "Ich wünsche dir wundervolle Träume. Hab dich lieb, mein Kleiner."

Sie wartete, bis er die Tür hinter sich geschlossen hatte, dann ging sie leicht schwankend zu ihrer Geliebten, die schon längst schlief. Sich an Mejdans warmen, kräftigen Körper kuschelnd, die Nase an ihrem weichen Hals vergrabend und ihren Duft genießend, dachte sie noch an ihren Verlobten, bis sie einschlief.

 

Jack bekam mit dem Frühstück die Nachricht, dass Hilel ihn an diesem Tag nicht besuchen würde. Das Vermissen, das nahezu im selben Moment einsetzte, zeigte ihm, wie sehr er in den zierlichen Abd-Jabir verliebt war. Trotz der beständigen Sorge um Timm, die immer irgendwo in seinem Hinterkopf lauerte, selbst wenn er nicht direkt an ihn dachte, und trotz dem Heimweh nach dem Dorf, selbst wenn es nicht echt gewesen war, waren die vergangenen Tage beinahe so verzaubert gewesen, als hätten ihn die Nixen des Sees entführt.

Einfach alles war derart real, dass es oft schon eine Freude war, mit geschlossenen Augen zu sitzen und das Sonnenlicht im Gesicht zu spüren, Hilels Stimme zu lauschen oder in seinem Blick zu versinken. Sie hatten sich nicht geküsst, auch wenn Jack sich danach sehnte, ihn wieder zu schmecken, aber gleichzeitig war ihm, als wäre das ein Schritt zu weit, als würde es ihn vollkommen überwältigen. Die kleinen, weichen Hände zu halten, war schon atemberaubend; jeden schlanken Finger zu erkunden, die glatten, gepflegten Nägel, die Unregelmäßigkeiten über den Knöcheln, die Linien auf der Innenseite. Es war echt und derart deutlich, dass es ihn manchmal beinahe überforderte.

Mit einem Seufzen schob er das Frühstückstablett und die verträumten Gedanken an Hilel von sich und überlegte, ob er noch einmal versuchen sollte, etwas über sein Leben zu erfahren, bevor er ins Log gekommen war. Er hoffte, sich mit etwas mehr Wissen wieder daran erinnern zu können, denn so fremd ihm Jabir erschien, gab es dennoch immer wieder Momente, in denen ihm Vertrautes auffiel, wie verschwommene Erinnerungen an einen Traum. Doch die Ärztinnen und ihre Helfer hatten für so etwas wenig Zeit, und mit den seltsamen Geräten, die auf irgendwelche Bibliotheken Zugriff hatten, kam er trotz Hilels Hilfe nicht zurecht.

Nach einer schnellen Dusche zog er rasch eine leichte, grüne Hose und eine dunklere, ebenfalls grüne Weste mit gemusterter Zierborte auf der Knopfleiste über. Die dazu passenden Sandalen mochte er nicht sonderlich, aber seine bevorzugten, festen Stiefel gab es nicht, und er musste zugeben, dass sie dem Wetter auch nicht entsprachen. Ohne dass er sich bewusst dazu entschlossen hatte, befand er sich nur wenig später auf dem Weg in die Station, in der Timm lag.

Die meisten Pfleger kannten ihn, so wie sie alle Menschen aus dem Log kannten, und nickten ihm freundlich zu oder wechselten ein paar Worte mit ihm, ehe er Timms Zimmer erreichte. Nach einem kurzen Anklopfen trat er ein, doch außer Timm war niemand anwesend. Leise schloss er die Tür hinter sich und trat zum Bett, auf das blasse, entspannte Gesicht hinabsehend, das so wenig Ähnlichkeit mit dem lebenslustigen, fröhlichen Mann hatte, der sein Gefährte gewesen war. Wieder versetzte der Anblick Jack einen Stich, als er sich am Rand der Matratze niederließ und die schlaffe und ohne die Schwielen nach wie vor unvertraut weiche Hand in seine nahm.

"Guten Morgen, Timm", sagte er und schwieg dann wieder, wartete auf eine Antwort, die nicht kam. "Die anderen sind mittlerweile alle zu sich gekommen. Die meisten sind sogar schon in ihrem neuen Heim. Du lässt dir zu viel Zeit; willst du, dass ich mir wieder Sorgen um dich machen muss? Das magst du doch nicht, also wach auf."

Timm regte sich nicht, nur sein Brustkorb hob und senkte sich leicht im Rhythmus seiner Atemzüge. Jack drückte seine Hand ein wenig fester, ehe er begann, ihm wie jeden Morgen davon zu erzählen, was er über Abd-Jabir gelernt hatte. Auch wenn es nahezu sein ganzes Fühlen und Denken ausfüllte, vermied er es, von Hilel zu berichten. Sie hatten nicht genügend Zeit gehabt, um über ihre Trennung zu reden, um sie überhaupt richtig wahrzunehmen, bevor sich die Welt um sie ausgelöst hatte.

Er hatte Angst, dass es Timm vielleicht den Willen nehmen könnte, aufzuwachen. /Oder hast du mich doch geliebt und warst nicht nur bei mir, weil sie es so beschlossen hatten? Ich liebe dich auch, Timm, aber... anders./

Seine leisen Erzählungen wurden erst von einer Ärztin unterbrochen, die zu ihrer Routineuntersuchung kam, dann von einem Pfleger, der Timm wusch, und schließlich von Shayde. Es verging kaum ein Tag, an dem der Abd-Jabir nicht im Krankenhaus war, und Jack war ihm dankbar dafür, dass er sich so um Timm kümmerte und sich sorgte. Auch ihn hatte er sehr schnell wiedererkannt, bis auf Kleinigkeiten war das Aussehen gleich, und das Verhalten hatte sich gar nicht geändert. Er war höflich, lächelte und war trotz seines hübschen Gesichts unauffällig.

"Oh, hallo. Störe ich?" Shayde blieb ein wenig unsicher nahe der Tür stehen, drückte den Strauß Tigerlilien enger an sich. Er traf Jack selten bei Timm an, meistens war er schon wieder weg, wenn er kam, weil mit ihm eigentlich immer Hilel hier war. Ihm war, als würde er die beiden bei etwas Vertrautem, Intimem stören, und das ließ ihn ein wenig traurig werden. Es gab nichts, was er mit Timm teilte, das so tief ging. Aber sie zusammen zu sehen, ließ die Hoffnung erneut in ihm aufflackern, dass es vielleicht doch etwas gab, was Timm aus seinem Koma wecken konnte.

Jack schüttelte den Kopf und lächelte. Sacht legte er Timms Arm auf der weißen Decke ab, streichelte ihm noch einmal über die Wange und stand dann auf. "Nein, ich muss ohnehin zum Essen zurück, sonst schimpfen die Pfleger wieder. Sie mögen es nicht, wenn ich eine Mahlzeit verpasse. Wie lange bist du hier?"

"Nur für zwei Stunden heute. Ich muss eine Kollegin vertreten, die mit den Informatikerinnen für die Neuprogrammierung des Logs zusammen arbeitet." Leider, fügte Shayde in Gedanken hinzu, während er aus dem geschwungenen Wandschrank eine schlanke Vase hervor holte, sie mit Wasser füllte und dann die Tigerlilien an Timms Bett auf den kleinen Nachttisch stellte. Wenn es auch keine wissenschaftlichen Beweise dafür gab, sollten die der Göttin Mabah geweihten Blumen das Gemüt erhellen und Kraft geben.

"Dann lasse ich dich allein mit ihm und komme später wieder." Jack streckte sich, und ließ seine vom verspannten Sitzen schmerzenden Schultern kreisen. Als er an Shayde vorbei ging, legte er ihm kurz die Hand auf den Arm, weil er sich fühlte, als müsste er dem zarten, dünnen Männchen Trost spenden. "Er wird aufwachen, Timm ist ein Sturkopf. So schnell lässt er sich nicht unterkriegen."

Das hoffnungsvolle, kleine Lächeln, das daraufhin Shaydes Gesicht erhellte, war eines der ersten, das wirklich tiefer ging. Überrascht nahm Jack die Veränderung an ihm wahr, die ihm einen Eindruck davon gab, warum Timm ihn so gerne mochte. Er beeilte sich, in sein Zimmer zurückzukommen, denn gerade sein persönlicher Pfleger war von der Wichtigkeit regelmäßiger Mahlzeiten für die Genesung überzeugt.

Er ließ sich Zeit zum Essen und gönnte sich im Anschluss noch einen längeren Spaziergang in der Sonne durch den weitläufigen Park mit seinen Teichen und den kleinen Pavillons, um Shayde nicht zu stören. Als er schließlich zurückkehrte, war der kleine Priester bereits gegangen. /Er ist kein Priester, war es nie./ Aber es fiel ihm schwerer als bei Hilel, ihn nicht so zu sehen.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh