Illusionen

27.

Die Blumen, die Shayde mitgebracht hatte, verströmten einen angenehmen Duft im Zimmer und brachten mit ihrem leuchtenden Orange einen Farbklecks in die ansonsten gedeckten Farben. Jack lächelte, als er einen Stuhl heranzog und sich neben Timm setzte. "Dein Priester liebt dich, Timm, ich bin mir sicher. Willst du wirklich aufs Leben verzichten, nur um in diesem Bett herumzuliegen? Das bist nicht du. Wach auf!"

Da Timm wie jedes Mal nicht auf ihn hörte, begann er, ihm vom Park zu berichten und ihm von allem zu erzählen, was ihm einfiel; doch bald ging ihm der Gesprächsstoff aus, und so saß er nur noch da, hielt seine Hand, streichelte ihn und beobachtete das ruhige Gesicht, das lebloser war als im Schlaf.

Jack erinnerte sich an all die Morgen, die er neben Timm aufgewacht war, an die Fröhlichkeit, die ihn nicht einmal in seinen Träumen hatte verlassen können. An das zerzauste Haar, mit dem er manchmal noch vor dem Aufwachen gespielt hatte, weil es sich gut zwischen den Fingern anfühlte. An Timms warmen Geruch, der intensiver gewesen war als hier, wo sie ihn mit fremden Seifen übertönten und davon wuschen. An die leisen Laute, die er manchmal im Schlaf von sich gegeben hatte und an die blinzelnden, neckenden Augen, wenn er schließlich aufwachte, die Art, wie er dann den Mund verzog oder herzhaft gähnte.

Sachte fuhr er ihm den Nasenrücken und die entspannten Lippen nach, ehe er sich vorbeugte, um ihn zu küssen. Er stützte sich auf einem Ellbogen ab und legte den anderen Arm um Timm, lehnte den Kopf an seine Schulter. "Ich vermisse das Dorf und den schattigen Wald, Timm. Den See, den Fluss und unseren Gasthof. Die rauchige Küche, das Knarren der kleinen Treppe nach oben", flüsterte er und spürte einen unangenehmen Druck auf der Kehle. "Aber am meisten vermisse ich dich."

 

Das Weiß der Nebel um ihn her lullte ein und lockte, die Augen zu schließen und niemals mehr zu öffnen. Timm war sich sicher, dass er in einem Nachleben nach dem Tode gelandet war, um auf seine Wiedergeburt zu warten, um auf ein neues Leben hinzuträumen.

Das wolleweiche, ungreifbare Nichts um ihn her begann jedoch statt eines abrupten Zerreißens, einfach eines Tages dünner zu werden. Sich lichtender Nebel, der hier und dort etwas freigab von der Umwelt und immer dünner wurde, als würde die Morgensonne ihn verdampfen.

Zuerst drangen Gefühle zu ihm vor. Ganz schlichte Empfindungen. /Mir ist kühl. Ein Lufthauch. Ich liege und mein Rücken schmerzt mich. Jemand bewegt mich./ Er hatte nicht die Kraft und auch nicht die Möglichkeit, um diesen Empfindungen eine Wertung zu geben.

Nach und nach kamen Eindrücke hinzu, täglich mehr. Er konnte jeweils nicht genau sagen, seit wann oder wie lange er Stimmen oder Gerüche wahrnahm, sie waren einfach nur da und erfreuten oder störten ihn. Noch immer konnte er jedoch keine eigenen Gefühle zuordnen. Er konnte wirklich nicht sagen, ob er es gut oder schlecht fand, wenn eine Hand seine Finger umfing, wenn eine Stimme ihm Dinge berichtete.

Die Gleichgültigkeit in ihm löste sich auf und mit einem Mal wusste Timm auch genau, wann und wie lang sie sich auflöste. Shaydes Stimme war erklungen. Weich, ein wenig distanziert und von einer Hoffnungslosigkeit durchsetzt, die Timm weh tat. Mit einem Mal war es nicht mehr egal oder nur einfach da. Mit einem Mal spürte er Trauer und Wut darüber, dass Shayde die Hoffnung verlor und es offensichtlich seine Schuld war.

Der Nebel wollte seinen Kopf nicht verlassen, aber er versuchte krampfhaft, dagegen anzukämpfen. Mit dem Körper, mit dem Kopf, mit seinen Gedanken, und dies brachte offensichtlich eine Veränderung. Er hörte, wie einige Stimmen lauter wurden und mit einem Mal mehrere Stimmen im Raum zu hören waren.

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Mejdan war eigentlich zum Krankenhaus gefahren, um Shayde abzuholen und mit Omair und ihren Söhnen zu reden, die sich kurzfristig dort aufhielten. Ein wenig über sich selbst verärgert erfuhr sie, dass Shayde an diesem Tag arbeiten musste und deswegen früher als sonst mit dem Bus wieder gefahren war.

Mit Omair konnte sie dann auch nicht mehr reden, denn gerade, als sie ihre Freundin umarmt hatte, kam ein aufgeregtes Männchen angelaufen, um zu berichten, dass Timms Hirnwellen sich drastisch änderten und er wahrscheinlich erwachen würde.

Omair hatte eigentlich nur eine kurze Visite bei den Intensivpatienten hinter sich bringen wollen, aber entschloss sich nun, gleich die Medikation von Timm umzustellen, damit er anstelle von ruhiger, wacher gehalten werden konnte. "Gehen wir doch gleich einmal zu ihm, Mejdan. Ich habe ja ehrlich gesagt nie geglaubt, dass der Mensch es noch überlebt, aber sie sind zäher, als wir es angenommen haben, sogar die Männchen."

Mejdan hatte Timm erst zwei Male kurz gesehen und das zu Beginn seiner Liegezeit in dem Krankenhaus. So war sie ein wenig erstaunt, als sie in dem Bett nicht etwa den kränklich bleichen, schlaff und willenlos im Bett liegenden Menschen mit dem glatten Schädel sah.

Stattdessen hatte er durch die Physiotherapie einen recht guten Muskeltonus, durch die Ernährung und Sonnenduschen eine gesündere Farbe bekommen, und seine Haare waren auf die Länge gewachsen, die er vermutlich auch im Log gehabt hatte. Sie umgaben das schlanke Gesicht mit dem kräftigen Mund für ihren Geschmack zu reichlich. Aber nun wirkte er viel lebendiger, seine Augen bewegten sich wie im Traum, und die Lippen schienen Worte formen zu wollen.

Seine Finger erwiderten sogar den Druck von Jacks Hand. Das menschliche Männchen blieb, offensichtlich ein wenig verwirrt, auch im Raum, während nun etliche Ärztinnen mit Omair zusammen einige Tests an Timm vornahmen. Mejdan entschuldigte sich nach einer kleinen Weile, um Shayde anzurufen, aber ein Helfer gestand ihr betreten, dass er Shayde ohnehin schon Bescheid gegeben hatte.

Shayde war zusammengezuckt, als sein Computer ihm die Nachricht aus dem Krankenhaus durchgestellt hatte. Noch während er den Worten des Helfers gelauscht hatte, waren ihm vor Erleichterung und Freude die Tränen gekommen, und anschließend war er derart abgelenkt gewesen, dass die Informatikerin nur noch die Augen gerollt und ihn mit einem unfreiwillig amüsierten Lachen weggeschickt hatte, da mit ihm eh nicht mehr zu arbeiten war. Er war mehr nach Hause gerannt als gelaufen, nur um festzustellen, dass Mejdan nicht da war, dass sie den Wagen mitgenommen hatte und er so nicht einmal Najib darum bitten konnte, ihn zu fahren.

Natürlich war der Bus auch gerade abgefahren, so dass er viel zu lange warten musste, bis endlich der nächste kam. Die gesamte Fahrt über dankte er abwechselnd allen Göttinnen einzeln, dann wieder allen zusammen, dass sie Timm hatten aufwachen lassen, und mehr als einmal musste er sich Tränen aus den Augen wischen. Vor dem Krankenhaus hatte er seine Ruhe dann soweit wieder gewonnen, dass er wenigstens die Gänge in normalen Tempo entlang laufen konnte und nicht rennen musste.

Doch als er Mejdan vor Timms Zimmer stehen sah, hielt ihn nur Omairs Anwesenheit davon ab, zu ihr zu stürmen und ihr vor Glück in die Arme zu fallen. Er wartete unbemerkt von den beiden Weibchen, bis die Ärztin sich verabschiedete, und erst als Mejdan Anstalten machte, sich zu entfernen, lief er eilig zu ihr hin. "Mejdan, ist es wahr, dass er aufgewacht ist? Ist es wirklich wahr?"

"Shayde? Da hast du dich aber mächtig beeilt, nicht wahr, mein Sternchen?" Mejdan beugte sich zu ihrem Männchen herab und umarmte ihn fest. "Er ist aufgewacht, aber schläft jetzt. Die vielen Eindrücke haben ihn offensichtlich ermüdet, und ein Koma ist kein Schlaf. Aber er ist wach, nicht mehr im Koma."

"Dann habe ich mich nicht genug beeilt." Dennoch strahlte Shayde über das ganze Gesicht, und in Mejdans Armen schämte er sich auch nicht, als die Tränen erneut zu fließen begannen. Die ganze Welt war mit einem Mal so leicht und hell geworden, als ob nichts ihn jemals wieder unglücklich machen konnte. In ihm jubilierte und jauchzte es vor Freude, und er drückte Mejdan, so fest er konnte. "Meinst du, ich darf zu ihm rein, oder würde das seinen Schlaf stören?"

"Natürlich darfst du zu ihm hinein, mein Sternchen, aber erwarte nicht zuviel. Er hat noch nicht gesprochen, nur um sich geschaut. Dann ist er eingeschlafen." Mejdan drückte Shayde ein wenig und sagte dann leise "Ich hole dich in einem kleinen Weilchen ab. Wir werden mit den beiden Jungs noch zu Abend essen, bevor wir nach Hause fahren."

Shayde nickte und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihr einen überschwänglichen Kuss auf den Mund zu geben, dann löste er sich von ihr, um regelrecht zum Zimmer hinzuhüpfen. Doch nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, schlich er schon mehr zum Bett hin, um Timm nicht zu stören. Er wusste nicht, ob er es sich vor lauter Freude nur einbildete, doch sein Freund wirkte gesünder auf ihn, nicht mehr so schlaff und leblos. Glücklich zog er sich einen Stuhl ans Bett und setzte sich zu ihm, wagte es aber nicht einmal, seine Hand zu nehmen, um ihn nur nicht zu wecken. /Ich bin so froh, so froh, so froh! Ich hoffe, du gewöhnst dich schnell hier ein. Jack hat ja auch nicht lange gebraucht. Ich bin so froh, dass du endlich aufgewacht bist!/

 

Dieser Raum war anders als alles, was Timm erwartet hatte. Zudem war es kein neues Leben, in dem er erwachte, wie damals in dem Gasthaus, neben Jack, mit dem Wissen über Bierbraukunst und dem Gefühl, schon ewig dort gelebt zu haben. Hier erwachte er allein in einem kühlen Raum, dessen runde, weiche Formen wie von Flusswasser gewaschene Kiesel wirkten und die Kühle noch betonte, die alle Möbel und die Gardinen vor den hohen Fenstern ausstrahlten.

Es war zudem anstrengend, hier zu erwachen. Jack war da, aber er verschwand sehr bald aus dem Gesichtsfeld, als wäre er verblasst. Timm vergaß ihn, auch wenn er gern nach ihm gerufen hätte. Die Wesen, bei denen er nun leben würde, waren keine Menschen, zudem waren sie weiblich und dennoch um einiges größer, kräftiger und selbstbewusster, als er es sich hätte träumen lassen. Sie beeindruckten ihn, weil er ihre Sprache verstand, obwohl er sie nie zuvor gesehen hatte. Etwas an dem Gesichtsschnitt erinnerte ihn dunkel an den Priester, der sie im Dorf stets befragt hatte.

Sie waren keine Priester, sondern nannten sich Ärztinnen. Einige kleinere waren auch dort und glichen ihnen nur wenig. Man konnte an dem weißen Haar und den Schwänzen sehen, dass sie zu einer Art gehörten, es war jedoch verwirrend, dass die Kleinen tatsächlich die Männchen waren.

Die Fragen konnte er nicht beantworten. Seinen Namen kannte er. Timm. Ja. Aber er wusste nicht, wo er war, er wusste nicht, was sie hören wollten, und wann immer er etwas sagen wollte, gehorchte ihm der Körper nicht. Der Mund ja, die Zunge auch, sein Kopf, aber er konnte nichts hören. Im Dorf, im Gasthaus hatte er eine so volle Stimme gehabt, und nun brachte er nur heiseres Zischen heraus. Er schlief erschöpft ein, noch bevor diese Wesen gegangen waren.

Eine Zeit, die er nicht benennen konnte, später, erwachte er und sah vor sich erneut einen von ihnen. Ein Kleines, ein Männchen. Das ernste Gesicht wurde von den Augen dominiert, die verdächtig feucht glänzten. Der Kopf wurde wie bei den anderen von feinem weißem Fell bedeckt und an den Seiten hingen kleine fellbedeckte Ohren. Es kribbelte Timm in den Fingern von dem Wunsch, eines der seidig glänzenden Ohren zu berühren. Mühsam und unter leisem Ächzen hob er seine Hand.

Entzückt und mit angehaltenem Atem hatte Shayde beobachtete, wie sich die tiefen, blauen Augen öffneten und Timm ihn mit seinem Blick umfing. Es dämpfte seine Freude auch nur wenig, dass kein Erkennen das geliebte Gesicht erhellte. Natürlich, er sah anders aus als im Log, und Timm war zudem lange bewusstlos gewesen. Doch als Timm den Arm hob und nach ihm ausstreckte, musste er schon wieder fast weinen vor Glück. Er unterdrückte es mühsam, weil er Timm nicht erschrecken wollte, und beugte sich näher zu ihm. "Erkennst du mich doch?", flüsterte er, um seine bebende Stimme unter Kontrolle zu halten. "Ich bin so froh, dass du endlich wach bist, Timm."

Erschrocken hielt Timm inne. Er hatte das Männchen erschreckt. Die Augen waren so weit aufgerissen, und die Stimme hell vor Aufregung. Langsam ließ er die Hand sinken, dann erst nahm er den Sinn der Worte wahr. Die Welt hier war zu schnell für ihn, er fühlte sich wie in dem zähen Schlamm am Ufer des Sees gefangen. /Erkennst du mich? Erkenne ich dich?/ Ja, die Augen waren ihm bekannt, und er wagte ein kleines Lächeln in Richtung der Augen. Antworten konnte er nicht, seine Stimme erklang nicht, als seine Lippen sich zu der Frage bewegten. /Priester?/

Shayde nickte, das kleine Lächeln wärmte ihn, auch wenn es nur eben gerade zu sehen war. /Aber er kann nicht sprechen, er ist noch zu schwach. Ach Timm, ich bete zu Ashiqa, dass deine Kräfte schnell wiederkommen. Und ich muss ihr Kerzen zum Dank anzünden, dass sie dich zu mir... dass sie dich zurückgebracht hat./ Vorsichtig berührte er die Hand mit seinen Fingerspitzen, mehr erschien ihm falsch, mehr wagte er auch nicht. "Ich bin Shayde." Er wollte noch mehr sagen, doch seine Stimme versagte ihm, und so erwiderte er nur das Lächeln.

/Shayde./ Ein Lächeln huschte über Timms Gesicht. /Mein Freund, Shayde, ist hier. Er hat mich... mitgenommen./ Er warf einen Blick im Kreis herum und fragte sich wieder, wo sich dieser Ort befand. Hinter der Kathedrale? Am Ende der Straße zur Stadt? Jenseits des Sees? Bevor er versuchen konnte, darüber nachzudenken, war er wieder eingeschlafen.

Als Mejdan ihn nach viel zu kurzer Zeit holen kam, war Shayde noch immer ganz durcheinander vor Glück. Er erzählte ihr von jeder Bewegung, von allem, was Timm in dem kurzen, wachen Moment getan hatte, und fragte sie aus, wie lange es dauern würde, bis er wieder bei Kräften war, ob er etwas für ihn tun konnte, außer ihn weiterhin täglich zu besuchen, was er besser nicht machen sollte, um ihm nicht zu schaden und tausend andere Dinge.

Er begrüßte seine Söhne überschwänglich und konnte sich im Anschluss dennoch nur schwer auf das Essen konzentrieren, auch wenn er sich Mühe gab. Immer wieder wanderten seine Gedanken zu dem Lächeln zurück, das Timm ihm für einen Augenblick geschenkt hatte. Es wurde erst besser, als er sich einen beruhigenden Tee bestellte und sich dann energisch zusammennahm. Er sah seine Söhne selten genug, es war nicht fair, wenn er so abwesend war, zumal er ihre Gesellschaft wirklich genoss und gerne ihren freudigen Schilderungen ihres neuen Lebens und den Episoden über Omairs Tochter lauschte.

Als sie Jaide und Jaime am Abend wieder zum Krankenhaus zurückbrachten, damit sie mit ihrer Frau nach Hause fahren konnten, sah er noch einmal kurz bei Timm vorbei, aber dieser schlief tief und fest, und so blieb Shayde auch nicht, um ihn nicht zu stören.

 

Mejdan hatte Shayde nichts von der Neuigkeit erzählt, aber als sie am Abend zu Najib in das Bett kroch und ihre müden Beine ausstreckte, brachte sie ihre Unterhaltung gleich auf diesen Punkt, den Omair mit ihr zu besprechen hatte. "Jack wird entlassen werden. Er ist soweit. Ich weiß nicht, ob Hilel es dir schon erzählt hat, er müsste ja schon davon wissen, Najib. Die Frage, die ich habe, ist, soll Jack erst einmal in ein kleines Haus im Viertel der Menschen ziehen? Soll er bei Hilel wohnen? Dieses Haus bietet zwar genug Raum, wenn wir meine Arbeitszimmer zu Schlafzimmern umbauen, aber ich weiß nicht, ob es auf die Dauer gut ist." Sie zwinkerte Najib zu. "Zum Beispiel, wenn du mit Hilel doch Kleine willst."

"Ich weiß es; sowohl Hilel als auch du, ihr habt es mir beide schon erzählt." Najib rutschte zu ihrer Geliebten und umarmte sie, legte eine Hand auf ihre Brust, weniger als Aufforderung gedacht, sondern einfach, weil sie es mochte, Mejdan zu spüren. "Ich hab mir auch schon Gedanken darüber gemacht. Für ein Haus in der Menschensiedlung habe ich kein Geld, hier wird es irgendwann auf jeden Fall zu eng. Erst recht, wenn noch Kinder dazukommen sollten. Ich habe nicht mit Hilel darüber gesprochen; ich wollte es, aber er hat mich abgelenkt, ohne das auch nur zu wissen. Er kann das gut, einfach, indem er lächelt."

Sie lachte und küsste Mejdan auf die Schulter, eroberte dann für einen Moment ihre Lippen, ehe sie weitersprach. "Ich denke, es ist das beste, wenn er bei Hilel wohnt, bis ich die ersten Gehälter bekommen habe und wir uns selber ein Haus suchen können. Auch wenn mir der Gedanke nicht gefällt, von dir wegzuziehen. Aber du wirst bestimmt froh sein, wieder ein wenig mehr Ruhe in deinen eigenen vier Wänden zu haben, hm?" Mit einem Grinsen biss sie ihr sacht in die Nase und kicherte, als Mejdan daraufhin das Gesicht verzog.

"Zum einen hast du Recht, zum anderen Unrecht." Mejdan wehrte ihre verspielte Geliebte ab und setzte sich auf. "Es wird zu eng hier werden, denn Timm wird auch bei uns leben, wenn er entlassen wird und sich nicht dagegen sträubt. Dazu Jack, dazu dann auch die Kleinen, die Hilel schon aus den Augen leuchten, wenn er dich nur sieht. Unrecht hast du mit der Behauptung, dass ich von dir meine Ruhe haben möchte. Ich habe mit Shayde darüber gesprochen, und auch er ist nicht der Meinung, dass er von Hilel oder Jack seine Ruhe haben muss."

Sie blickte zu Najib hinüber und legte den Kopf schief. "Willst denn du deine Ruhe haben vor der launischen, überarbeiteten alten Professorin? Wenn dem nicht so ist, mein Meerfeuer, dann hätte ich ein Angebot zu machen." Gespannt betrachtete sie Najibs Gesicht.

Najib lachte auf. "Das Launische kommt von dem Überarbeiteten her, ansonsten bist du wunderbar ausgeglichen. Und das Alt streite ich jetzt aber energisch ab. Um zu merken, dass du nicht alt bist, muss man nur mal eine Nacht mit dir verbringen." Sie rollte sich auf den Rücken und bettete den Kopf in Mejdans Schoß, um dann, deutlich zufrieden mit ihrer Lage, zu ihr empor zu sehen. Sie haschte nach dem Schwanz ihrer Geliebten und begann, mit den Fingern in der Quaste zu spielen. Dass Mejdan mit ihrer durchaus nicht immer ruhigen Art leben wollte, ließ ein warmes Gefühl von ihrem Bauch und der Brust aus durch ihren gesamten Körper ziehen. "Alles, was uns zusammen sein lässt, klingt schon von vorneherein sehr verlockend."

Mejdan erschauderte ein wenig, weil Najib noch immer nicht mitbekommen hatte, wie empfindlich sie an manchen Stellen ihres Schwanzes war. Dennoch ließ sie sich nicht ablenken, sondern steckte sich ein wenig, um einen Prospekt von ihrem Nachtschrank zwischen einigen Manuskripten neuer Assistenten hervorzuziehen.

"Ich hab mit einer Maklerin gesprochen, die immer die Häuser für die neuen Professorinnen verkauft. Die erste Assistentin von Jamnah verkauft ihr Haus. Es liegt auf der anderen Seite des Menschenviertels. Schau dir den Grundriss einmal an. Jedem Männchen stehen zwei Räume und ein eigenes Bad zu und es gäbe drei Zimmer für uns, eines war als Gästezimmer für Familienangehörige mit kleinem Bad gedacht. Was mir besonders gefallen hat, waren die zwei eingezogenen Ebenen im Empfangsbereich, dort könnte man die sonst ja hinten im privaten Trakt geplanten Arbeitszimmer einrichten." Während sie redete hielt sie Najib die Skizzen und die Bilder hin, die man in drei Dimensionen drehen konnte.

Najib ließ die Schwanzquaste los und griff nach dem Katalog, um sich die Fotos genauer anzusehen. Aufregung, aber auch ein wenig Nervosität ließen sie sich aufsetzen. Ihr Leben, das bis vor Kurzem noch ohne festes Ziel verlaufen war, bekam mit einem Mal mehr und mehr Grenzen, wurde in Bahnen gelenkt und in eine Richtung, von der sie sich vor nicht allzu langer Zeit noch nicht einmal zu träumen erlaubt hatte. /Eine Geliebte. Hochzeit mit einem Männchen, das ich liebe. Vielleicht Kinder. Und nun sogar ein Haus, das Mejdan und mir gehören wird?/ Unwillkürlich schauderte sie.

"Du weißt, dass ich dir das Geld nur sehr langsam zurückzahlen kann, und dass du das meiste vorlegen musst?", fragte sie, noch bevor sie darüber nachgedacht hatte und ärgerte sich im nächsten Moment darüber. Natürlich wusste Mejdan das. "Und du weißt auch, dass die Gerüchte früher oder später recht wahrscheinlich wiederkehren werden, die mit meiner Verlobung gerade eingeschlafen sind, wenn wir zusammenziehen." Sie sah ihr ernst in die schönen Augen und war sich sicher, dass zumindest sie selbst das nicht sehr stören würde. "Und was machen wir dann? Ich lüge ungern und nur sehr schlecht; kannst du damit leben?"

Mejdan hob die Schultern. "Ich kann damit leben, aber ich möchte nichts hervorrufen und auch keinen persönlichen Feldzug starten. Lügen erwarte ich nicht von dir, aber ein gewisses Maß an Diskretion wäre mir schon recht." Sie nahm die Seiten aus Najibs Fingern und meinte dann "Was diese Gerüchte angeht, wir werden sie nicht ausräumen können, aber sie werden auch nicht zuviel Nahrung finden, denn zum einen ist das Haus einfach riesig und bietet sehr viel Platz, zum anderen habe ich gemeinsam mit Shayde bereits das Gerücht in den Umlauf gebracht, dass er mich gebeten hat, die Nähe von Hilel zu ihm zu erlauben. Das ist eine Geschichte, die von den Leuten sehr viel eher geglaubt wird." Sie lächelte und fügte an "Und was das Bezahlen angeht, möchte ich dich darauf hinweisen, dass du und auch Hilel sehr offensichtlich noch nicht auf eure Gehaltsseiten geschaut habt. Er verdient nicht so viel wie du, aber zusammen könntet ihr euch sehr wohl sogar ein Haus für euern Menschen leisten."

Najib runzelte die Stirn, dann lachte sie auf. "Ich habe sehr wohl auf meine Gehaltsseite geschaut. Und ich habe so einiges schon unzählige Male durchgerechnet. Aber ich habe Hilels Einkommen in keiner Weise eingeplant. Da siehst du mal, wie wenig ich vorhatte zu heiraten." Mit einem amüsierten Kopfschütteln eroberte sie den Katalog zurück und betrachtete sich die dreidimensionalen Fotos der Räume mit neuem Interesse. "Ich habe nicht vor, einen Feldzug zu starten. Bestimmt nicht. Ich zweifle daran, dass es viel bringen würde, außer jeder Menge Unannehmlichkeiten für uns. Gerüchte sind erträglich, und ansonsten überlasse ich das Reden einfach dir."

Mejdan lachte auf und kletterte dann aus dem Bett. "Das überlässt du mir? Soso. Da hab ich was gegen, Meerfeuer! Du wirst fein mit bestimmen und reden, so einfach ist das!" Sie ging zum Schrank und zog sich einen langen Schlafanzug über. "Und ich ziehe das nur an, damit ich mal eine Nacht Ruhe habe. Morgen werden wir mal mit der Maklerin sprechen." Mit einem versteckten Grinsen beobachtete sie Najibs Gesichtsausdruck, dann wendete sie sich ins Bad ab.

"Wenn du meinst, ein Schlafanzug hält mich ab, dann wirst du dich aber sehr schnell zu wundern lernen, Schönste!", rief Najib ihr ausgelassen hinterher und fiel in das Lachen mit ein, das daraufhin aus dem Nebenraum erklang. Das Leben konnte wirklich schön sein.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh