Illusionen

28.

Er sollte sich nicht überanstrengen, hatte die Ärztin bei der Entlassung gesagt. Doch Jack fühlte sich nach dem langen Aufenthalt im Krankenhaus, an dem auch der Park nichts geändert hatte, regelrecht ausgehungert nach etwas anderem, nach Natur, nach Bäumen, die nicht zurechtgestutzt waren, nach einer Einsamkeit, in der man nicht nach drei Schritten über den nächsten Menschen oder Abd-Jabir stolperte. Zwar war ihm nicht wirklich wohl bei dem Gedanken gewesen, Timm allein zu lassen, aber da sein ehemaliger Gefährte noch weitgehend den Tag verschlief und er auch gar keine Wahl hatte, hatte er sich einfach nur gefreut, als Hilel ihn abholen kam. Natürlich mit dem großen Weibchen im Schlepp, das er heiraten würde und mit dem er sich auch würde anfreunden müssen, denn es gab keinen Weg darum herum, ohne sie zu leben. /Und wenn Hilel sie mag, kann sie nicht so schlimm sein./

Hilel hatte ihm voll Begeisterung die Umgebung seines künftigen Heimes gezeigt, den Strand, die Wiesen und Gärten, in denen Kolibris wie funkelnde Tautropfen zwischen den Blüten schwirrten. Die seltsamen Häuser, die Universität, die eine besondere Art der Schule war und die ihn mit ihrem klaren Glas und in ihrer sonnendurchfluteten Pracht vor Ehrfurcht über die Kunst der Bauherren mit offenem Mund hatte staunen lassen.

Als sie schließlich wieder in das Haus zurückgekehrt waren, hatte Jack der Kopf von all dem Neuen ebenso geschwirrt wie die Kolibriflügel, rasend schnell und die Gedanken kaum noch zu erkennen. Nach einem gemeinsamen Essen, das Carol für alle zubereitet hatte, war er froh gewesen, sich mit Hilel in dessen Zimmer zurückziehen zu können.

"Eure Welt ist so groß und hell und verwirrend. Es ist kaum zu glauben, dass ich hier einmal gelebt haben soll", sagte er ein wenig erschöpft, als Hilel die Tür hinter ihnen schloss.

Hilel war selber ganz erschöpft, auch wenn er es nun erst bemerkte. Er hatte Jack so viele Dinge zeigen wollen, so viele Regeln erklären und ihm näher bringen. Zudem hatte er die gesamte Zeit ein wenig Angst vor genau diesem Moment gehabt. Sie hatten alles angesehen, sie hatten gegessen, und nun war es dunkel draußen. Von der Terrasse der Männchen hörte er Shayde mit einem befreundeten Männchen reden, vom Garten hinten, der Mejdan und Najib vorbehalten war, erklangen leise Töne der Lieblingsmusik seiner Gastgeberin, und Carol hatte sich verabschiedet.

Nun waren sie zum ersten Mal allein zusammen und allein in der Wirklichkeit beieinander. Es schuf ein Kribbeln in Hilels Magen wie von tausend kleinen Käfern, die in ihm auf und ab liefen. Er schenkte Jack ein kleines Lächeln, dann nickte er zu seinem Bad. "Ich werde mich rasch umziehen, dann zeige ich dir das Bad. Es funktioniert fast so wie im Krankenhaus."

Er deutete einmal im Kreis umher. "Najib und ich leben hier, es ist ein wenig eng, aber wenn ich sie recht verstanden habe, dann werden wir mit Mejdan und Shayde schon bald in ein geräumigeres Haus ziehen, in dem du auch ein Zimmer haben wirst." Er öffnete den Schrank, den er mit Carols Hilfe für Jack frei geräumt hatte. "Bis dahin gehört dieser Teil von meinem Schrank dir und..." Er errötete und wandte den Blick rasch von seinem Bett fort. "Ich bin gleich zurück."

Wenig drauf fühlte Hilel sich schon wieder besser. Er hatte sich nachtblaue Schlafkleidung angezogen, kurze Shorts und ein ärmelloses, leichtes Hemdchen. Seine drei Verlobungsringe legte er im Bad sorgfältig in die Schale dafür, dann trat er wieder in sein Zimmer.

Jack sah ein wenig verloren aus in dem Raum, in dem noch nichts ihm gehörte, auf ihn hinwies. Er selber trug die Kleidung der Menschen auf Jabir. Helle Stoffe, um die Hitze abzuhalten und schlichte, klassische Schnitte, der Göttin Haudin gefällig, die für die Fremden die Schutzgöttin war.

Hilel näherte sich langsam und sah an Jack vorbei in den Garten, wo man durch flackernden Lichtschimmer weiter hinten eben erahnen konnte, dass Mejdans Terrasse dort lag. "Unsere Welt ist größer als das kleine Dorf, und leider wirst du es nie wieder sehen können. Die Gefahr einer Dekompensation ist für euch Menschen, die so lange im Log waren, zu groß. Ich hoffe aber, dass du diese Welt lieben lernen kannst, Jack."

"Was ich auf jeden Fall liebe, ist, dass du hier keine Roben trägst, die dich verstecken", rutschte es Jack heraus und ließ ihn sich dann gleich in ein verlegenes Grinsen retten. Aber es war die Wahrheit, er sah Hilel allein schon gern an, mochte es, wie hübsch sich der Abd-Jabir immer machte, wie sorgfältig er mit sich umging. Im Dorf hatte das niemand getan, aber bei Hilel wirkte es einfach richtig und passend. "Du bist so schön", gestand er leise, "dass ich dich immerzu anschauen möchte."

Hilels Schwanz tanzte zuckend über den Boden, ließ sich nicht ruhig halten, während er sich mit heißen Ohren zu Jack herumdrehte. "Nein, ich bin nur klein und ein Abd-Jabir-Männchen, wie es Tausende gibt. Du bist ein wunderschöner Mensch, Jack. Gleich im Log... im Dorf, meine ich, hast du mich in den Bann geschlagen, deine Augen und wie du die Welt siehst. Es hat alles lebendiger gemacht." Hilel drehte sich zu Jack um und lehnte sich an seinen Schreibtisch an. "Du machst, dass ich mich lebendiger fühle. Deswegen... ich liebe dich deswegen."

Jack sah ihn an, wie er da stand, zierlich und wunderschön. Die weiße Haut in dem dunkelblauen Stoff war wie Seeschaum vor tiefem Wasser kurz nach Sonnenuntergang; in den vanillefarbenen Augen spiegelte sich ein Lieben und Sehnen, das Jack atemlos zurückließ. Alles, was er denken konnte, war, dass dieser Mann niemals gewöhnlich sein konnte. Und er liebte ihn.

Beinahe ehrfürchtig streckte er die Hand nach ihm aus und berührte mit den Fingerspitzen Hilels Wange, strich zart über den Hals, die Schulter und den Arm, bis er seine Hand erreichte. Er umfing sie, gegen die schlanken Finger wirkten seine groß und fast plump, und legte die andere auf die schmale Hüfte, um Hilel so vorsichtig an sich zu ziehen, als könnte er ihn mit jeder hastigen, zu unbedachten Bewegung verletzen. Er wollte ihm sagen, dass er erst wusste, was Leben bedeutete, seit er ihn kennen gelernt hatte, dass es war, als hätte er zu atmen gelernt, aber er konnte keine Worte dafür finden. Stattdessen kam er ihm entgegen, als Hilel das Gesicht fast unmerklich empor hob, und als er den süßen Mund berührte, wurden Worte ohnehin nebensächlich.

Jacks Lippen hatte seine schon häufiger berührt, jedoch immer nur leicht, zur Begrüßung, zum Abschied, einfach nur so, weil sie nebeneinander unter dem großen Baum im Krankenhaus gesessen hatten. Doch dieses Mal war es nicht nur ein Kuss, sondern auch eine Einladung, eine Bitte und eine Frage zugleich. Deutlich spürte Hilel, wie Jacks Hände von Unsicherheit gebremst an seinen Armen entlang strichen und lächelte, während er die Lippen neckend zupfte.

Unendlich glücklich, dass Jack da war, dass er ihn liebte, dass sie zusammen sein durften, blickte er in die grünen Augen hinauf, dann flüsterte er leise "Ganz gleich, was du fragen willst, die Antwort kann immer nur 'ja' sein, Jack. Komm." Vorsichtig zog er ihn an einer Hand zum Bett hinüber.

Jack folgte ihm, von einer Wärme erfüllt, welche die Erschöpfung nebensächlich werden ließ. Hilels Selbstverständlichkeit, als könnte es nicht anders zwischen ihnen sein, faszinierte ihn noch immer; schon vom ersten Blick an war etwas davon zwischen ihnen zu spüren gewesen, als wäre eher die Trennung das, was ungewöhnlich war. In ihm wuchs die Sehnsucht, jede Entfernung zwischen ihnen aufzuheben.

Als Hilel stehen blieb und sich zu ihm umdrehte, nahm er ihn erneut in seinen Arm, bestimmter dieses Mal, und suchte seine Lippen erneut in kleinen Küssen. Für einen Augenblick ließ er von ihm ab und setzte sich, zog Hilel mit sich und auf seinen Schoß, dann nahm er das verlockende Spiel wieder auf, neckte ihn, kitzelte ihn und begann sehnsüchtig, mit der Zunge um Einlass zu bitten.

Die Menschenzunge war weicher, und ihr fehlte die Rinne in der Mitte, sie fühlte sich an wie ein flauschiges, feuchtes Tuch im Mund, wie gemacht, um zu streicheln, weniger um zu schmecken. Und streicheln konnte Jack damit hervorragend, Hilel war außer Atem, als sein Geliebter ihm eine kleine Pause gönnte. Ihm war heiß, und auch Jack hatte rote Wangen. Mit leisem Kichern begann Hilel deswegen, an seinem Hemd zu ziehen. Die Schulter, die er damit frei legte, probierte er gleich mit den Lippen und der Zunge, bevor er seine Hände mit Blick in Jacks Augen unter den Stoff streichen ließ, um ihn auszuziehen.

Hilels Kichern brachte Jack zu einem breiten Grinsen und nahm der Situation die Ernsthaftigkeit, die er gespürt hatte. Er half ihm mit dem Hemd, genoss die Berührungen, die neugierigen und gleichzeitig bewundernden Blicke, die sein kleiner Geliebter ihm schenkte. Nachdem auch Hilel sein Hemdchen losgeworden war, zog er ihn jedoch wieder an sich und ließ sich rückwärts mit ihm aufs Bett fallen. Das leichte Gewicht, der schlanke Körper auf ihm war angenehm und brachte ihn aus eben nur diesem Grund zum Lachen. Es war wundervoll, hier zu sein, mit Hilel und zu wissen, dass er ebenso geliebt wurde, wie er zurückliebte.

Jack zählte nicht, wie oft er es ihm sagte, als er seine Stimme wiedergefunden hatte, nur um sie wieder in Atemlosigkeit und Leidenschaft zu verlieren, als er den schlanken Körper so innig kennen lernen durfte, wie er es sich zuvor nur erträumt hatte. Irgendwann verlor er das Gefühl dafür, wo er endete und wo Hilel anfing, und es hielt auch noch an, als sie längst zur Ruhe gekommen waren. "Ich will nie wieder weiter von dir entfernt sein als jetzt", flüsterte Jack und lächelte glücklich.

Hilel betrachtete Jacks lächelndes Gesicht und erwiderte seine Freude, auch wenn er die Zähne zusammengebissen hatte, um ihn nicht wegzuschieben. Er hatte schon mit einem Männchen der Abd-Jabir geschlafen, aber das war kein Vergleich zu Jack gewesen, ein Mensch. Die Unterschiede waren ihm auch zu spät ins Bewusstsein gerückt.

Während er sein Gesicht in Jacks Halsbeuge schmiegte und ihn mit seinen Fingern und dem Schwanz streichelte, fragte er sich, ob er es wieder tun würde und bejahte dies eindeutig und freudig, egal wie unangenehm es sein mochte. Das Gefühl des Zusammenseins, nicht mehr getrennt, durch nichts mehr, war überwältigend gewesen. An seinen Geliebten gelehnt schlummerte er ein.

 

"Er bekommt es nicht hin. Etwas in seinem Kopf macht, dass er einfach nicht spricht." Die zwei hochgewachsenen Weibchen nickten zu den Ausführungen des molligen Männchens, das sein Sprachlehrer war. Seit einigen Tagen schon hatten sie zusammen einiges probiert, bislang schaffte er es einfach nicht, auch nur einen Ton hervorzubringen. Stattdessen hatte er sich bereits hinter dem Rücken der Ärztinnen und des Sprachlehrers einer Gruppe taubstummer Menschen angeschlossen und lernte deren Zeichensprache.

Er seufzte und zog sich schnell hinter den Vorsprung zurück, hinter dem er sich vor den dreien versteckt hatte. Nicht rechtzeitig genug, um zu hören "Außerdem ist er in der Gruppe Gebärdensprache gewesen. Ich habe den Verdacht, dass er aufgeben will. Professorin Mejdan hat uns zwar aufgetragen, alles zu versuchen, um ihr Männchen glücklich zu machen, aber mein Abschlussbericht steht an, so unglücklich ich darüber bin, werde ich keinen Fortschritt beschreiben können."

Einen lautlosen Fluch auf den Lippen wandte Timm sich ab. Sie hatten ihn doch bemerkt. Er fühlte sich müde und ging dennoch nicht auf sein Zimmer, sondern zu seinem Lieblingsplatz, dem kleinen Café des Krankenhauses, in dem zwei warmherzige Frauen arbeiteten. Ihnen zuzusehen, wie sie die zierlichen Tassen mit Tees füllten, prächtige Torten auf die Teller gaben und mit den Besuchern der Menschen sprachen, versetzte ihn zwar nicht in seine Kneipe, aber es gab ihm das Gefühl, ein Stück weit daheim zu sein.

/Nicht mein Zuhause. Ich vermisse die Stiege so sehr, den Geruch vom Bier, das Gefühl der glatten Theke unter meinen Fingern./ Aber es war unwirklich gewesen, auch wenn sein Kopf sich mit dem Vermissen aufhielt, anstelle ihm das Einsehen zu ermöglichen.

Er trug noch immer die Kleidung der Menschen, die im Krankenhaus Patienten waren. Hellgrüne Hemden, die man leicht mit Haken schließen konnte, zu Hosen mit Tunnelzug aus demselben Stoff. Timm fühlte sich schrecklich unbekleidet in diesen Sachen, aber er wagte es nicht, Shayde, der ihn fast täglich besuchte, mit Wünschen zu belästigen. Eigentlich wagte er gar nichts, in Shaydes Richtung zu unternehmen.

Die Frauen im Café lächelten ihm zu und gaben ihm eine Tasse Tee. Einige freundliche Fragen. 'Wie geht es denn heute, Timm?', 'Wann eigentlich wird ein so gesunder Mann entlassen?' folgten auf, aber dann hatten sie zu viel zu tun, um sich noch weiter zu kümmern.

/So gesunder Mann? Der nicht spricht. Dessen Mund nicht das tut, was er soll. Warum nur kann ich nicht einen Ton rausbringen?/ Die Ärztin hatte ihm erklärt, dass die Programme für ihn gesprochen hatten. Er hatte noch nie reden können, ganz offensichtlich immer nur gedacht, dass er sprach, und das Programm hatte ihm eine Stimme verliehen. Sie hatte ihm auch gesagt, dass es sein konnte, dass er nie sprechen würde. Dabei waren seine Zunge, seine Stimmbänder, seine Kehle normal.

Missmutig nippte er seinen Tee. /Aber was auch soll ich groß sagen? Ich habe nichts, das ich bestimmen kann. Ich bin ein Mensch von Shayde, ein Haustierchen bloß. Mejdan hat mich gekauft, wird mir erlauben, bei ihnen zu leben. Wie ein treuer Hund. Will ich das?/ Er bemerkte Shayde, der über den Weg auf das Krankenhaus zuging und hob eine Hand, um ihm zu winken.

/Er ist so schön. Perfekt ist er, wie eine Schneeflocke. Wie kann er sich nur so sehr um mich kümmern? Was hat er nur davon? Ruhe für sein Gewissen?/ Timm versuchte ein Lächeln in Shaydes Richtung, dann erhob er sich, um Shayde die Hand zu geben.

"Hallo, Timm." Shayde erwiderte das Lächeln scheu, als er Timms Hand schüttelte. Es ärgerte ihn, dass er sich in der Gegenwart seines Freundes unsicher fühlte, aber irgendetwas hatte sich zwischen ihnen verändert, seit sie nicht mehr im Log waren. Sie berührten sich öfter, allein schon bei der Begrüßung, aber dennoch fühlte er sich ihm mehr und mehr fremd, als würde Timm ihn aus allem ausschließen, und das lag nicht nur daran, dass er nicht sprach. Das warme Willkommen fehlte, die Freude in seinen Augen, die kleinen, vertrauten Blicke, die Herzlichkeit.

Shayde vermutete, dass es daran lag, dass Timm sich nicht damit abfinden konnte, dass er nicht mehr vollkommen sein eigener Herr war, dass er zumindest offiziell Mejdan gehörte, dass er seinen Gasthof vermisste. Aber es half nicht gegen das schmerzliche Stechen, das er immer öfter verspürte, wenn Timm wieder so distanziert zu ihm war. So glücklich war er gewesen, als sein Freund endlich aufgewacht war, dass er die Welt hätte umarmen können, doch das Glücksgefühl verschwand zusehends und wurde mehr und mehr von der Angst ersetzt, dass Timm ihn nicht als Abd-Jabir akzeptieren konnte, als das Männchen seiner Besitzerin. Dass er nicht mehr sein Freund sein wollte, geschweige denn mehr.

Er hatte schon überlegt, ob er ihm nicht Ruhe geben und ihn einige Tage nicht besuchen sollte, aber er konnte sich nicht dazu durchringen. Außer ihm und Jack, der auch oft genug kam, kannte Timm niemanden, er wollte ihn nicht allein lassen. Und zudem sehnte er sich nach seiner Nähe, nach dem spärlichen Lächeln, nach ihren Unterhaltungen, selbst wenn sie noch so mühsam waren. /Warum muss es nur so schwer sein? Warum kann es nicht so einfach sein wie bei Jack?/ Schuldbewusst schob er den Gedanken von sich. Jack und Timm waren zwei andere Menschen, und er wollte ja auch nicht, dass Timm wie Jack war.

"Wie geht es dir? Hast du Fortschritte gemacht?", erkundigte er sich hoffnungsvoll. Vielleicht würde es einfacher werden, wenn Timm endlich wieder würde sprechen können.

/Fortschritte. Er will wissen, ob ich eine Stimme bekomme, mit der ich ihm dann sage, was er hören möchte./ Timm unterdrückte ein Seufzen und hob mit einem nichtssagenden Lächeln die Schultern. Dann nahm er sein Schreibbrett auf, um auf den Tasten, wie er es gelernt hatte, zu tippen 'Sie werden mich bald entlassen.' /Wohin entlassen? In diese Welt? Wo ist hier denn nur mein Platz?/ Das Gefühl, schreien zu müssen, wurde stärker in ihm, aber er schob stattdessen nur das Schreibbrett vor Shaydes Gesicht.

Ein kleines Strahlen huschte über Shaydes Gesicht; und die Freude darüber, dass Timm nun endlich bald bei ihm sein konnte, ohne dass er ständig ins Krankenhaus fahren musste, ließ den Schmerz über dieses Lächeln, das keines gewesen war, verschwinden. /Ich darf ihn nicht immerzu danach fragen. Ich werde es schon mitbekommen, wenn er wieder sprechen kann. Und wenn er es nie wieder kann... Dann werde ich auch damit leben und ihn nicht weniger mögen. Das ist eine ganz dumme Angewohnheit von mir, dass ich erwarte, dass etwas besser wird, wenn irgendwelche Bedingungen erfüllt sind. Ich habe ihn jetzt hier, und das ist schön./

"Das ist wundervoll! Dann wirst du bei mir wohnen, und ich kann dir so viel mehr zeigen. Ich hoffe, es wird dir gefallen." Das hoffte er wirklich. Die Furcht davor, dass es anders sein könnte, weil das Haus so gar nichts mit dem Gasthof gemein hatte, unterdrückte er energisch, als er begann, es Timm zu beschreiben.

 

Mejdan seufzte und massierte ihre Nasenwurzel. "Aha." Das sagte sie nicht zum ersten Mal, auch nicht zum letzten. Es ging um Timm, immer wieder, wenn sie mit Shayde hierher kam, um etwas mehr Zeit mit ihm zu verbringen, ging es um Timm. Zur Zeit stand sie am Fenster, blickte in den Garten, wo sie die beiden an einem Tischchen des Cafés sitzen sehen konnte, und hörte dem Sprachlehrer zu. "... hat er sich in die Gruppe Gebärdensprache eingegliedert, ohne unser Zutun, von allein. Leider, denke ich, hat er aufgegeben. Wir können hier nichts mehr für ihn tun, Professorin."

Die junge Ärztin, die in der letzten Zeit für Timms Betreuung zuständig war, nickte leicht. "Er weigert sich auch, an den Unterrichtsstunden der anderen Menschen aus dem Log teilzunehmen. Wenn er sich einmal im Raum befindet, blickt er aus dem Fenster, desinteressiert, nicht zu bewegen, sich zu beteiligen. Er lächelt immer nur und hebt die Schultern."

"Aha." Mejdan drehte sich um zu den beiden und betrachtete kurz das bedauernde, runde Gesicht des Sprachlehrers. "Ich bin enttäuscht, aber es wird sich nicht ändern lassen. Wir nehmen ihn noch heute mit."

Ein wenig überrascht blinzelte die Ärztin und setzte bereits an, etwas zu erwidern, aber Mejdan hob ihre Hand. "Mach die Papiere fertig für ihn, ich habe noch einen Vortrag über die Narkose bei Menschen zu hören, es bleibt also genug Zeit." Sie wandte sich ab und verbrachte die Zeit des Vortrags mit Gedanken, die sich erfreulicherweise nicht um Timm drehten, sondern um die Inneneinrichtung ihres Schlafzimmers im neuen Haus. Der Mensch nervte sie, weil er Shayde unglücklich machte, aber zugleich wollte Shayde auch nicht von ihm lassen, also kam er mit in das neue Haus.

Als sie erneut auf die Station trat, auf der Timm untergebracht gewesen war, verabschiedete er sich gerade von den Pflegern. Lächelnd umarmte er einige von ihnen, schrieb ihnen auf dem Brett noch kleinen Nachrichten und nickte zustimmend, als sie ihn baten, doch wiederzukommen.

Es war Mejdan schleierhaft, warum er so beliebt war bei den Pflegern, bei den anderen Menschen, bis er sich zu ihr wandte. Das Strahlen in den blauen Augen, von feinen Fältchen verstärkt, steckte einfach an. Er freute sich, entlassen zu werden, freute sich offensichtlich wirklich. Shayde stand ein wenig abseits, neben den zwei Taschen mit Kleidung und den Gegenständen, die er Timm in der Zeit im Krankenhaus schon geschenkt hatte, energisch ging sie auf ihn zu.

Timm konnte erst gar nicht glauben, dass er wirklich zu Shayde nach Hause mitfahren sollte. Dort würde er in der Nähe des wunderschönen Engels sein, würde vielleicht einen Weg finden, um ihm danken zu können, für die Güte, für die Hilfe und seine unendliche Geduld mit dem deprimierten, zum Schweigen verdammten Mann.

Er verabschiedete sich freudig von den Pflegern, die ihn alle sehr gern gehabt hatten, auch wenn er keinerlei Fortschritte machte, und wollte sich gerade zu Shayde gesellen, um seine Taschen zu nehmen, als sie den Raum betrat. Schmale, dunkelorangefarbene Augen, ihn kritisch und nicht gerade wohlgesonnen musternd, ein Auftreten, das jedem verriet, dass sie gewohnt war, ihren Willen zu bekommen. Die spitzen Ohren erhoben sich aus einer wilden Mähne und drehten sich bei seinem Anblick gleich ein wenig zurück, ein Zeichen ihrer Ungeduld, der Schwanz jedoch bewegte sich nur leicht, wurde mit Erziehung und starkem Willen davon abgehalten, peitschend über den Boden zu schlagen. Dann sah sie ihm in die Augen, und ihr Ausdruck löste sich, wenn nicht ganz, so doch weitgehend in eine entspannte Neugierde auf. Es war ihm klar, dass sie zu Shayde gehen würde, die Drohgebärden bei ihrem Eintreten hatten auch nur jedem gegolten, der ihrem Männchen etwas antun würde, das verstand Timm sehr genau. Er war ein möglicher Feind in ihren Augen.

Ein wenig unbehaglich hatte Shayde bemerkt, wie Mejdan Timm angesehen hatte, auch wenn ihr Ausdruck schnell wieder einem neutralen gewichen war. Er hatte nicht einmal in Betracht gezogen bisher, dass es von ihrer Seite aus vielleicht Probleme geben könnte, dass sie ihn nicht mögen könnte. Immer nur hatte er sich auf Timm konzentriert. Doch als sie ihn dann anlächelte und zu ihm hinkam, löste sich seine Sorge gleich wieder auf. Mejdan würde ihr Missfallen schon äußern, wenn es denn eins gab, das war sicher. Und er konnte sich nicht vorstellen, dass sie Timm nicht würde mögen können. Er ließ sich von ihr umarmen und strahlte sie an. "Ist jetzt alles geklärt? Gab es keine Schwierigkeiten?"

"Nein, natürlich gibt es keine Schwierigkeiten. Wir werden ihn nur zwei Mal die Woche zu dem Sprachlehrer und der Gruppe für Gebärdensprache hierher zurück schicken. Er ist ja nicht dumm, sicherlich bekommt er es bald hin, mit dem Bus allein zu fahren." Sie ergriff eine der Taschen, die andere hatte Timm bereits aufgenommen und geschultert.

Mejdan legte einen Arm um Shaydes Schultern und nickte dem Team von der Station zu, dann ging sie mit zügigen Schritten aus dem Gebäude. Sie hatte die Hoffnung, dass sie das neue Haus, in dem die Handwerkerinnen wüteten, noch vor deren Abrücken erreichen konnte, um die Änderungen in den Plänen durchgehen zu können.

Die Fahrt über lauschte sie mit einem Ohr auf Shaydes vom Heck aus aufgeregt nach vorn dringenden Erklärungen zu der Straße, zu den Dörfern und dem Ausläufer der Stadt, durch die sie fuhren, zu dem Universitätsgelände. Timm sah stets freundlich interessiert in die Richtung, in der Shaydes Finger deuteten, aber hinter seinen Augen lag ein Schleier, der in keiner Weise verriet, was er dachte. Es machte Mejdan nervös, und sie war mehr als nur froh, als sie am neuen Haus hielt, da die Zimmer der Männchen bereits fertiggestellt waren.

"Ich bin hinten bei Najib." Mejdan ließ die Tasche stehen und zwinkerte Shayde rasch noch einmal zu. "Schau dir die Zimmer an, mein Sternchen. Wenn irgendetwas nicht stimmt, dann beschwer dich gleich!" Damit verschwand sie.


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