Illusionen

30.

Shayde kehrte nicht auf die Terrasse zurück, um mit Hilel und Jack zu essen, nachdem Timm gegangen war. Der Mensch hatte sich seine Sachen geholt und sich noch nicht einmal von ihm verabschiedet. Alles in Shayde fühlte sich wund und leer an, als sich all seine Hoffnungen und Träume mit dem leisen Laut der sich schließenden Tür in Nichts auflösten. Eine ganze Weile stand er nur im Empfangsbereich, starrte auf den Knauf und wünschte, dass er sich drehen möge, dass Timm einfach noch einmal herein schaute, um wenigstens zu winken, um ihm zuzulächeln, um ihm zu versprechen, dass er ihn besuchen würde.

Es geschah nicht, natürlich nicht. Bestimmt war Timm einfach nur froh, weg von hier zu sein, weg von dem Männchen, das ihn jahrelang im Log belogen und ihm vorgegaukelt hatte, ein Mensch zu sein. Das zudem mit dem Weibchen verheiratet war, das seine Besitzerin war. /Warum habe ich mir nur je Hoffnungen gemacht? Er liebt Jack, und Jack ist ein Mensch, er ist groß, er ist stark, er hat dunkle Haut und keinen Schwanz. Und ich bin klein, mager, weiß, habe diese Hängeohren... Ich bin Abd-Jabir./

Mit hängenden Ohren und über den Boden schleifendem Schwanz schlich er sich zu seinem Zimmer, doch als er in der Tür stand, fiel sein Blick auf das zusätzliche Bett, in dem nun niemand schlafen würde. Der Anblick schnürte ihm die Kehle zu, er konnte den Raum nicht betreten. Seine Sicht wurde verschleiert, als die Tränen, die er bis dahin so mühsam zurückgehalten hatte, doch über seine Wangen zu laufen begannen.

Ohne darüber nachzudenken, ging er den Flur hinab, um Trost bei Mejdan zu suchen, doch als er vor der Tür stand, fiel ihm Najib ein. Was, wenn er sie störte? Er wollte sich gerade abwenden, als die Tür geöffnet wurde und die Geliebte seiner Frau in ihren kurzen, roten Hosen, dem engen Shirt und ihren Laufschuhen vor ihm stand.

"Shayde?" Erschrocken sah Najib auf das in Tränen aufgelöste Männchen hinab, als ihr sofort jedes mögliche Horrorszenario durch den Kopf schoss. "Was ist los, ist mit Timm was nicht in Ordnung?"

"Doch, ihm geht es gut", flüsterte Shayde und wollte sich hastig abwenden. Wie musste er aussehen! Was musste sie von ihm denken, und... Ihre kräftige Hand auf seiner Schulter hinderte ihn daran.

"Mejdan sieht ein paar Rechnungen durch, nichts Wichtiges also, und ich will nach dem Laufen noch mal mit Hilel sprechen." Bestimmt schob sie ihn in den Bereich der Weibchen. "Du störst niemanden, mach dir da mal keine Gedanken." Noch ehe er etwas sagen konnte, rief sie lauter "Mejdan, Shayde ist hier", ehe sie mit einem kurzen Streicheln über seinen Kopf den Gang hinab lief.

Mejdan hatte halb schon damit gerechnet, dass genau dies an genau diesem Tag passieren würde. Shayde war blind gewesen, vor Freude, vor Liebe, wer wusste weswegen. Timm war einfach nicht glücklich im Haus bei ihm, nicht so, wie Jack sich schon mit kindlicher Freude in Hilels Nähe einfügte, als wäre er nie an einem anderen Ort gewesen.

Mejdan schob einen Umzugskarton mit persönlichen Papieren, der nicht von den Umzugstrupps ausgeräumt werden konnte, zur Seite und stand auf. "Shayde? Sternchen, was ist passiert?" Sie sagte es mit der richtigen Mischung erschrockenem Mitgefühl, auch wenn sie sich an ihren Fingern schon abzählen konnte, was Shayde ihr gleich berichten würde.

Shayde flüchtete sich in ihre Arme und konnte erst einmal nicht sprechen vor Schluchzern. Er drückte sich an sie und war froh, dass sie ihn auf ihren Schoß zog, ihn einfach nur hielt, ihn streichelte und ihn weinen ließ. Es dauerte eine Weile, ehe er sich soweit wieder beruhigt hatte, dass er sprechen konnte.

"Er hat es nicht einmal versuchen wollen, Mejdan", murmelte er, das Gesicht an ihrer Schulter vergraben und von einem kleinen Schluckauf geplagt, der ihn sich noch elender fühlen ließ. "Er konnte gar nicht schnell genug mit Carol mitgehen, weg von mir. Und ich hatte gedacht, er hätte sich gefreut, dass er... als wir ihn vorhin..."

Mejdan war selten wütend; wenn jemand ihr Sternchen zum Weinen brachte, dann kam jedoch solch ein Moment. Sie streichelte ihm über die schmalen Schultern und den Kopf und hielt ihn fest, ließ ihn nicht entkommen, während sie mit schmalen Augen versuchte, ein Loch in die gegenüberliegende Wand zu brennen.

Das schlimmste an ihrer Wut war, dass sie nicht gegen Timm gerichtet sein konnte. An seinen Augen, in seiner Haltung hatte Mejdan gesehen, dass der Mann einfach nicht gesund war. Äußerlich vielleicht. Trainiert war er, besser vermutlich, als er im Log erschienen war. Allein durch eine wilde Entschlossenheit, den weichen, schwachen Körper wieder zu dem zu machen, was er sehen wollte. Seine Stimme jedoch kam nicht wieder, und Mejdan konnte jedes Mal, wenn er etwas sagte, sehen, dass er die Stimme noch immer im Kopf hörte, so wie sie im Log erklungen war, wie sie durch seine Gedanken beeinflusst allen ebenfalls über ein Programm hörbar gemacht worden war.

Shayde wurde ruhiger und ließ zu, dass sie ihn zum Bett führt, ihm über das Gesicht wischte und etwas zu trinken gab. Mejdan deckte ihn vorsichtig zu und legte sich zu ihm, schlang ihren Schwanz um seine Beine und hielt ihn mit einem Arm fest. "Timm ist nicht bereit, Shayde. Er ist innerlich noch nicht soweit, hat das Log in seinem Kopf noch nicht wirklich verlassen."

Shayde kuschelte sich enger an sie und sah in ihre dunkelorangefarbenen Augen, die wie immer so sicher und voller Wärme waren und immer bereit, ihm davon abzugeben. "Aber er ist doch schon so lange draußen. Was kann ich denn noch tun, Mejdan? Ich hatte so gehofft, es würde gut werden, wenn er hier ist, aber nun... Er hat mich angestrahlt, als ich ihm gesagt habe, dass wir ihn mitnehmen. Er hat gestrahlt, nicht nur dieses Lächeln gelächelt, das nicht wirklich ein Lächeln ist." Und das ihn immer so furchtbar traurig machte, weil es nicht zu Timm passte, es gehörte nicht zu ihm, es war nicht er. Wieder begannen ihm Tränen in die Augen zu steigen, aber dieses Mal mischte sich noch ein anderes Gefühl dazwischen, nicht nur Trauer und Sorge, sondern Wut. "Was hat Jamnah nur mit ihm gemacht? Wie hat sie ihnen das antun können? Und jetzt... jetzt ist sie irgendwo weit weg, genießt wahrscheinlich ihr Leben und denkt nicht einmal mehr an die armen Menschen! Das ist so unfair!"

/Jamnah.../ Instinktiv schob Mejdan ihre Hände weiter über Shaydes Brust. "Ich weiß, dass sie viel zu glimpflich davon gekommen ist. Für all ihre Vergehen hätte man sie längstens auf den Strafmond verbannen sollen. Nicht einmal die Menschen sind ihr weggenommen worden, die sie sicherlich für das neue Log geplant hatte. Es ist mehr als nur unfair, Shayde!" Sie lächelte bitter. "Aber weißt du was? Es ist mir ein Fest gewesen, dass wir sie haben vertreiben können, dass wir die Menschen retten konnten. Und weißt du was noch? Wir werden Timm ebenfalls retten!" /Nebenbei werde ich ihm ein paar Takte über dich und darüber, wie du zu behandeln bist, verraten, mein Sternchen, das kannst du wissen./ Ihr Lächeln vertiefte sich, wirklich Mitleid hatte sie nicht.

Es war einer dieser Momente, in denen Shayde schier das Herz überquellen wollte vor Liebe für diese wundervolle Frau. Immer und immer wieder hatte sie Geduld mit ihm, tröstete ihn, gab ihm Mut und zeigte ihm, wie gern sie ihn hatte. Dass von allen Weibchen von Jabir ausgerechnet dieses ihn geheiratet hatte, empfand er noch immer als das größte Glück, das ihm je wiederfahren war.

"Ich bin dir so dankbar, Mejdan", flüsterte er und fand sein Lächeln wieder, als er sich ein wenig reckte und sie vorsichtig auf den Mund küsste. "Ich liebe dich so sehr."

Mejdan lächelte und küsste ihn wieder, drückte seinen schmalen Körper enger an sich. Nach einem kleinen Seitenblick auf ihre Umzugskartons mit privaten Briefdrucken zog sie die Decke weiter über sich und ihn und bettete sich bequemer. "Und morgen früh, bevor du dich noch einmal mit Timm triffst, denn er wird mit Carol zu uns kommen, wirst du mit Najib und mir frühstücken. Mit Frühstück meine ich nicht bloß einen Saft im Stehen. Ich hoffe, dass ich mich da klar ausgedrückt habe."

Shayde wurde rot, und ihm fiel ein, dass er seit dem Frühstück den ganzen Tag über nichts gegessen hatte. Hungrig war er dennoch nicht. "Ja, Mejdan", sagte er brav und kuschelte sich in ihren Armen zurecht. Dann musste er kichern und wackelte ein wenig mit den Füßen. "Ich hab noch Sandalen an. Darf ich denn..." Hoffnungsvoll sah er zu ihr hoch; ihn verlockte rein gar nichts, zu sich in das leere, neue Zimmer zurückzukehren. "Darf ich denn heute bei dir bleiben? Dann müsste ich mich... noch zur Nacht zurecht machen."

"Ich bestehe auf deine Gesellschaft heute Nacht! Und ich glaube nicht, dass es an dir noch etwas zum Zurechtmachen gibt. Ich will dich genau, wie du jetzt bist, bei mir haben, mein Sternchen." Entschlossen küsste Mejdan ihr Männchen noch einmal auf den Mund und begann, seine weichen Ohren zu streicheln.

 

Hilel fielen die Augen schon wieder zu. Hastig schüttelte er sich ein wenig, warf einen kleinen Blick zu seinem Krug mit kaltem Tee, aber der hatte sich nicht wieder auf magische Weise gefüllt, und er war zu müde, um sich einen neuen anzumischen.

Seit dem Abendessen mit Jack war er damit beschäftigt, die zierlichen, goldenen Mitteilungskarten zusammen zu stecken. Er hatte nicht gewusst, wie viele Verwandte er und Najib auf Jabir hatten. Es war ein Gebot der Höflichkeit, allen eine Mitteilung in den Farben ihrer Göttinnen Ashiqa und Jawhar zuzusenden. Auf allen stand das Verschlagene, dass es einen kleinen, familiären Rahmen geben würde, was übersetzt hieß 'Wir laden niemanden ein', was gelogen war. Der Stapel mit den Einladungen zu ihrer Feier war auch nicht gerade klein und schwankte bedenklich im Durchzug, der entstand, als Najib vom Duschen zurückkehrte.

Najib hatte sich nur den leichten, dunkelgelben Morgenmantel übergeworfen, den Mejdan ihr einfach so geschenkt hatte, weil er so gut zu ihren Augen passte. Sie ließ den Blick über die fertigen Einladungen schweifen, dann zu ihrem Verlobten hin, der so beharrlich noch immer am Falten war. Die kleine Zungenspitze, die sich zwischen die Lippen geschlichen hatte, ließ sie lächeln. Zu ihm tretend legte sie ihm die Hände auf die Schultern und küsste ihn auf den weichen Kopf. "Ein fleißiges Männchen bekomme ich." Sie warf einen Blick auf die nahezu leere Karaffe und beschloss "Ich hole uns noch etwas zu trinken, dann machst du Pause."

Als sie kurze Zeit später mit einer Kanne Saft und neuen Gläsern zurückkam, hatte Hilel schon ein wenig zusammen geräumt. Sie ging zu der gemütlichen Sitzecke, die ein wenig zu zierlich und klein für sie war, stellte ihre Last auf dem geschwungenen Tischchen ab und ließ sich auf dem Sofa nieder, während sie Hilel zusah, wie er noch die letzten Briefe in einer Schublade verstaute. "Und, wie weit bist du gekommen, Hübscher? Ist noch viel übrig?"

"Nein, ich war fleißig heute. Ich denke, dass Jack und ich sie morgen dem Botendienst bringen können." Er lächelte. "Wird auch hohe Zeit. Die Feier wird in wenigen Tagen sein, da bleibt nicht mehr viel, um die Geschenke zu besorgen oder Blumen schicken zu lassen." Insgeheim hoffte er, dass die Liste mit Geschenkwünschen, die er der Tradition folgend ganz im Sinne des neuen Haushalts geschrieben und in die Mitteilungen beigelegt hatte, nicht zu umfangreich war und die Verwandtschaft schreckte. Sie war interaktiv, sobald jemand etwas ausstrich, um es zu schenken, wurde die Liste kleiner. Allein dieser Service hatte die Karten um einiges teurer gemacht, aber Najib besaß gar nichts für einen Haushalt, und die wenigen Dinge, die Hilel selber hatte, waren lange nicht ausreichend.

Najib lächelte und haschte nach seiner Hand, als er zu ihr kam, um ihn auf ihren Schoß zu ziehen. Seit der Mensch bei ihnen lebte, hatte sie weniger von ihrem Verlobten als zuvor, was sie störte. Aber auch wenn sie alles Recht dazu hatte, sagte sie nichts. Es war einfach nur niedlich zu sehen, wie Hilel in Jacks Nähe aufblühte. All die Einsamkeit und Unsicherheit war verschwunden, und allein das war die ständige Gegenwart des Menschen wert. Sacht streichelte sie seinen Rücken, atmete den unterschwelligen Vanilleduft ein, der von Hilel ausging, und genoss das geringe Gewicht auf ihren Beinen.

"Weißt du schon, was du tragen wirst?", fragte sie und küsste ihn auf die Nase. "Und kann ich es vorher sehen oder willst du dich an meiner Sprachlosigkeit weiden, wenn ich dich dann erst auf der Hochzeit zu Gesicht bekomme?"

Hilel lachte fröhlich. "Ich bin ein Sohn Ashiqas und werde einen dra-ma-tischen Auftritt haben." In Wirklichkeit hatte er dem Schneider, einem Menschen aus dem Viertel und Freund von Carol, versprechen müssen, seine Kreation geheim zu halten, um das Interesse für seine Arbeit für Abd-Jabir zu erhöhen. Nicht viele bestellten ihre Kleidung bei Menschen. "Ich werde ihre Farben tragen", verriet er dann jedoch und gab Najibs Arm nach, um sich an sie zu schmiegen. Ihre Brust berührte seine Schulter, und Hilel errötete ein wenig, war aber zu glücklich und zu schüchtern, um sich zu entziehen.

"Du wirst wunderschön sein; das steht schon mal fest." Eine Weile gab Najib sich ganz dem sinnlichen Vergnügen hin, mit ihrem kleinen Verlobten zu schmusen. Stumm dankte sie Jawhar, dass sie ihr Leben so gerichtet hatte, dass all die, die ihr wichtig waren, damit zufrieden, sogar glücklich sein konnten. Mit einem leichten Lächeln spielte sie mit Hilels schmalen Fingern, fuhr sie einzeln nach, um die Hand dann umzudrehen und das Spiel auf der anderen Seite zu beginnen.

Nur eine Sache galt es noch zu klären, und Najib konnte sich mittlerweile selbst das vorstellen, auch wenn sie sich bisher dagegen gewehrt hatte. Am Morgen erst hatte ihre Mutter sie wieder in ihrer unvergleichlich direkten Art und ohne Umschweife darauf angesprochen, wie lange nach der Hochzeit sie wohl noch warten müsste. Und auch wenn sie ihr recht harsch geantwortet hatte, musste sie sich eingestehen, dass der Gedanke nicht nur vorstellbar, sondern sogar fast wünschenswert war.

"Hilel..." Sachte drückte sie ihm einen Kuss auf die Schläfe und ließ ihre Lippen für einen Moment dort ruhen. "Willst du Kinder?"

Die Frage riss Hilel aus seinem Halbschlaf und aus dem weichen Traum, der nur aus Gefühlen ohne wirklichen Sinn zu bestehen schien. "Oh." Sein Innerstes schrie sofort 'Ja! Das will ich, zu sehr, um es einzugestehen!' Laut sagte er, nachdem er noch einige Male Luft geschnappt hatte "Aber das kann ich doch nicht verlangen, Najib."

Das Zittern, das durch den schlanken Körper ging, und die aufgerissenen Augen, die so hoffnungsvoll zu ihr empor sahen, waren eigentlich schon Antwort genug. Najib drückte Hilel enger an sich und lachte leise. "Du kannst alles verlangen, was dich glücklich macht, mein Kleiner, so lange wir uns das leisten können. Du musst es mir nur sagen, denn Gedankenlesen kann ich nicht." Wieder schoss ihm das Blut in die Wangen, und Najib dachte einen Moment amüsiert, dass sie üben musste, mit ihrem empfindlichen Männchen umzugehen, um es nicht dauernd zu beschämen. Andererseits war es so niedlich an ihm, dass es schwer war, ihn nicht absichtlich dazu zu bringen, rot zu werden.

"Du bist wirklich das Süßeste, was die Göttinnen je erschaffen haben", murmelte sie, fast mehr zu sich als an ihn gewandt und küsste ihn rasch auf den Mund. "Kannst du dir das denn vorstellen, dich um so zwei kleine Schreihälse zu kümmern, die ziemlich schnell anfangen, in der Gegend herumzukrabbeln, Dreck zu machen und alles runter zu werfen, was sie in ihre winzigen Hände bekommen können?"

Hilel nickte stumm und lächelte seine und ihre Hände an, Najib streichelte ihn, vermutlich ohne es zu merken, und er liebte sie für die Aufmerksamkeit. "Vielleicht", flüsterte er schwach, "bin ich stark genug, um dir eine Tochter zu schenken." Das war sein größter Wunsch.

"Wenn es zwei Söhne werden, können sie nur nach ihrem Vater kommen, und darüber würde ich mich genauso freuen wie über eine Tochter", antwortete sie mit einer Zärtlichkeit in der Stimme, die sie selber überraschte. Aber es war so. Allein der Gedanke an Hilel mit zwei Kleinen im Arm machte sie glücklich.

Das einzige, was sie dafür überstehen musste, war die Schwangerschaft, die sie allein wegen der Unbeweglichkeit, die dadurch später auf sie zukam, gerne abgegeben hätte. Doch das Bild eines schwangeren Männchens, das ihr als Alternative einfiel, brachte sie nur zum Grinsen. Männchen waren einfach zu klein und schwach, um eine Schwangerschaft und gar die Geburt zu überstehen. Und als sie auf ihren Verlobten hinabsah, dessen Augen vor Freude leuchteten, wusste sie, dass sie ihm das auch niemals zumuten wollte.

 

Timm räumte in gemütlichem Tempo einige Gartengeräte weg und genoss das Gefühl der Sonne auf seinem bloßen Rücken. Die Haare waren wieder lang genug geworden, um sie mit einem Lederband zusammenzufassen, und er hatte sich von einem Schneider eine der Hosen mit den verstärkten Kniepartien schneidern lassen.

Carol hatte ihn augenzwinkernd mit Komplimenten über seine Rückseite in der Hose aufgemuntert, und er hatte es geschafft, sie dem Schneider durch Hilfe bei der Reparatur seines Hausdaches zu bezahlen. Natürlich hätte Mejdan die Kosten getragen, aber das wollte er nicht. Er wollte nichts von seiner Besitzerin erhalten, nicht einmal Hilfe.

Shayde stattete er jeden Tag einen Besuch ab. Sie trafen sich beim Frühstück und schwiegen gemeinsam über Tee und süßem Obstsalat, das Geplauder und Geturtel von Hilel und Jack, das raue Lachen von Najib und Mejdans dunkle Stimme bildeten einen angenehmen Hintergrund dafür. Da Carol das Essen am Morgen nicht bereitete, sondern die Abd-Jabir selbst dafür sorgten, musste Timm für diese Besuche vor ihr vom Viertel der Menschen weg, allerdings schien es Carol auch recht zu sein, wenn sie ihren Wohnraum ein wenig für sich hatte vor der Arbeit.

Nicht nur deswegen fühlte Timm sich schuldig, auch weil er spürte, dass seine Anwesenheit in Carols Häuschen ihre Einsamkeit verstärkte. Sie beide wussten, dass sie nicht einmal Freunde waren, nie mehr sein konnten und auch nicht wollten. Carol lebte schon zu lange in den Träumen aus ihren Kitschromanen und schon viel zu lang allein, um sich auf eine Person in ihrem Leben einstellen zu können.

Timm knotete das helle Hemd um seine Hüfte und streckte sich leicht, dann sah er sich im Garten um, wo er gerade etliche Äste zurückgestutzt hatte, damit die Blumenstauden darunter mehr Licht bekamen. Den Garten seines Gasthauses... eher der Illusion des Gasthauses hatte er auch bestellt, und es war ein schöner Garten geworden unter seinen Händen, seinen Vorstellungen.

Sein Blick glitt auf die Terrasse hinüber, auf der Shayde im Schatten saß und eine Abhandlung korrigierte. Einer der Studenten seiner vorgesetzten Professorin hatte seine Abschlussarbeit eingereicht, und seit Tagen war Shayde in die Thesen über Schmetterlingspaarung vertieft, ohne sich dafür zu interessieren.

Shayde weiterhin betrachtend ging Timm über den sauber gestutzten Rasen auf ihn zu. Wäre er sich nicht schmerzlich sicher, dass dies alles die Realität war, er hätte seinen Gasthof verwettet, dass er in einem Traum der Wassernixen gefangen gehalten wurde.

Hier in seiner eigenen Welt war Shayde einfach zu perfekt, die Details, die ihm im Dorf als Priester gefehlt hatten, die gestört hatten, stimmten. Seine weichen Ohren, die im Sonnenlicht wie Perlmutt schimmerten, der helle Schwanz, der seine Bewegungen elegant kontrollierte, so dass Shayde nie zu straucheln schien, sich stets im Einklang mit seinem gesamten Körper befand und nicht zuletzt die Helligkeit um ihn her. Das weiße Fell leuchtete selbst im nächtlichen Garten, wenn Shayde und Hilel ihrem neusten Projekt, den Glühkäfern in der Umgebung, nachgingen. Timm musste sich manchmal die Augen reiben, wenn Shayde zu ihm in die Sonne trat.

Er wusste, dass Shayde unglücklich war über die Entwicklung der Beziehung. Er war kein Dummkopf, und es tat ihm weh, wenn Shayde sehnsüchtige Blicke warf, sobald Hilel und Jack sich küssten. Und Timm wusste, dass er den kleinen Abd-Jabir verletzt hatte mit dem Abwenden, mit seiner Weigerung, in dessen Zimmer zu schlafen. Aber er konnte den Gedanken, wie ein Schoßhund angeschafft und untergebracht zu werden, einfach nicht ertragen. Erst recht nicht, wenn es sich bei seinem Besitzer um das Wesen handelte, das er wirklich liebte.

Mejdan tauchte neben ihm auf, und er schreckte zusammen. Nicht von ihrer Lautlosigkeit und auch nicht von dem Ausdruck von Wut in ihrem Gesicht, sondern weil sie ihn berührte. Das hatte sie noch nie zuvor getan. Sie berührte Menschen nicht. Carol war noch nie von ihr angefasst worden mit der Ausnahme ihrer Ankunft, da hatte Mejdan sie an der Schulter gefasst, damit sie sich ins Haus traute. Jack und auch er selber hatten Mejdan nur von Weitem gesehen bislang. Doch in dem Moment, in dem sie neben ihm auftauchte, spürte er ihre große, kräftige Hand fest an seinem Nacken.

Ihre orangefarbenen Augen streiften ihn nicht einmal, sondern blieben auf Shayde gerichtet, der noch immer in seine Lektüre versunken war. "Ich gebe dir bis zur Hochzeit noch Schonfrist, Timm. Ich habe schon einige Interessentinnen, denen es egal ist, dass du schweigst." Im nächsten Augenblick hatte sie ihn losgelassen und war an ihm vorbei auf Shayde zugegangen. Wütend starrte er ihr hinterher.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh