Illusionen

32.

Natürlich war Shaydes Verärgerung sehr schnell wieder verflogen. All das, was Timm ihm erzählte, wusste er doch längst, aber er hatte ihn nicht unterbrochen. Nur dass ihn der Verlust seiner Stimme derart frustrierte, das hatte er nicht gedacht. Er vermisste sie auch, das tiefe, fröhliche Lachen, ihre langen Gespräche, die nun so mühsam wurden, aber dass es Timm derart weh tat... Er rutschte von der Bank und setzte sich zu ihm auf den Boden, nahm eine seiner Hände in seine und begann vorsichtig, seine Finger streichelnd zu massieren.

"Ich kann dir fast gar nichts geben, was du verloren hast, Timm", sagte er leise und hielt den Blick auf die kräftigen Hände gerichtet. "Ich kann dir nicht viel mehr geben, fürchte ich, als ich es bisher getan habe. Ich würde auch gerne deine Stimme wiederhören, aber selbst, wenn das nie mehr möglich sein sollte... Sie ist in mir, in meinem Herzen, und dort wird sie für immer sein." Er ließ seine Finger zwischen Timms gleiten und betrachtete, wie schön es aussah, die weiße und die braune Haut, die Zartheit und die Kraft, dann erst sah er auf. "Ich kann bestimmt lernen, dich zu verstehen, ohne dass du tippen musst, selbst wenn es nicht das gleiche ist. Und du, du bist immer noch der gleiche Mann, ob mit oder ohne Stimme. Ich habe dich im Dorf bewundert, und ich tue es hier. Für deine Sturheit, für deine Energie, für deinen Mut und deine Durchhaltekraft. Und ich will jetzt auch einmal mutig sein. Ein bisschen wenigstens." Er schluckte und brauchte einen Moment, aber dann schaffte er, es zu sagen. "Ich liebe dich, Timm. Darum will ich, dass du bei mir bist."

Verwirrt und überwältigt von der Möglichkeit, die doch ohnehin schon immer so dicht vor seinen Augen gestanden hatte, blickte Timm eine ganze Weile lang auf Shaydes und seine Finger, dann legte er seine zweite Hand darüber und hob den Blick in Shaydes Augen. Mit dem letzten Satz hatte der kleine Priester, den er noch immer in Shayde sah, ihm gerade einen Sinn in diesem neuen Leben gegeben. Mit einem Mal fand er in dieser Situation auch wieder den nötigen Humor. Ein Lächeln ließ sich nicht mehr von seinen Lippen abweisen, und ihm war danach zumute, einfach aufzuspringen, Shayde zu packen und an sich zu drücken, nur um noch einmal sicher zu stellen, dass er auch wirklich lebte, atmete, bei ihm war.

Er dachte nicht lang darüber nach, sondern führte seinen Gedanken aus, sprang auf und zog Shaydes schmale Gestalt an sich, drückte ihn, und mit einem Mal machte es auch Sinn. Nie zuvor hatten sie sich berührt, im Log nur sehr selten eine Ahnung von Berührung gehabt. Nur er und Jack. Es war keine Liebe gewesen, nicht einmal Sex. Nur Illusion. Und jetzt, das zappelnde, lebendige Bündel in seinem Arm, war am Leben.

Lautlos lachend wirbelte Timm Shayde einmal herum, bevor er sich mit ihm auf das Bett fallen ließ. Dort erst wurde ihm bewusst, was er gerade begonnen hatte zu tun. Wie bei Jack, es einfach tun, einfach zugreifen, nicht lange fragen. Unsicher verschwendete er einen Augenblick daran, Shaydes Gesicht zu studieren, während sie nebeneinander zu Atem kamen.

Shayde kicherte auf und rollte auf die Seite, auf Timm zu, um ihm mit einem Finger auf die Nase zu tippen. "Nein, schau nicht so. Gerade eben warst du wieder mein Timm, so wie ich dich kenne. Lass dir nur nicht einfallen, das erneut zu ändern. Oh Ashiqa, wenn ich gewusst hätte, dass es alles ist, was ich sagen muss, um dich wieder zum Lachen zu bringen!" Glücklich streichelte er ihm ein paar blonde Strähnen aus dem Gesicht, die sich aus dem Zopf gelöst hatten. "Dann will ich gerne öfter mutig sein."

Mit seinem schelmischen Lachen machte Shayde alles, was sie tun würden, richtig. Wie ein Kinderstreich, aus dem zwar Ernst wurde, aber zugleich ein Ernst, der so und nie anders gemeint war. Mit einer Hand wehrte Timm die flinken, ihn neckenden Finger seines kleinen Geliebten ab, mit der anderen umfing er ihn, um den wenig Widerstand leistenden Körper über sich zu ziehen, während er herumrollte.

Das geringe Gewicht der Länge nach auf sich zu spüren, die leichte Wärme, der Atem, der sein Gesicht berührte. Erst jetzt fiel Timm auf, wieso ihm der Sex mit Jack immer so grob vorgekommen war. Er war zu grob gewesen, all die feinen Nebenempfindungen, der sinnliche Teil der Erfahrungen, hatte ihnen vollkommen gefehlt.

Langsam ließ er seine Hände über Shaydes Seiten gleiten und schob sie unter das Hemd, um das Fell zu ertasten. Als er am Schwanzansatz am Po angekommen war, bemerkte er den leicht verhangenen Ausdruck in Shaydes wunderschönen Augen. Lächelnd schob Timm sich einen Arm unter den Kopf, mit der freien Hand strich er den Rücken wieder hinauf, um Shaydes Kopf zu einem Kuss herunter zu ziehen. Lautlos murmelte er an dem weichen Mund gelehnt 'So ist das also, jetzt verstehe ich den Unterschied.'

 

Mejdan kehrte von einem Kongress zurück, auf dem sie weitere Details aus Jamnahs Vergehen mit ansehen musste. Die rücksichtslose Psychiaterin hatte die Menschen im Log gequält, hatte ihnen die größten Wünsche wieder und wieder vorgehalten, um zu sehen, wie sie reagierten. Nun auf dem Kongress stellte eine mit ihr befreundete Wissenschaftlerin in ihrem Namen doch tatsächlich die neusten Erkenntnisse über menschliche Psyche vor und pries das neuste Buch der Frau an, die eigentlich auf einen Gefangenenmond, weit weg von jeder Zivilisation verrotten sollte, wenn es nach Mejdan ging.

Sie war dermaßen erschüttert, dass sie die Vorträge verließ und früher nach Hause zurückkehrte. Dazu noch tat es ihr leid, dass sie Timm gedroht hatte. Fest entschlossen, ihm zu sagen, dass er noch eine weitere Chance erhalten sollte, ging sie im Garten auf die Suche nach ihm. Erst als sie in der Küche bei Carol nach ihm fragte, fiel ihr auf, dass auch Shayde nicht auf seinem Leseplatz auf der Terrasse saß.

Die Menschenfrau lächelte zurückhaltend und deutete in Richtung von Shaydes Zimmern. "Sie haben sich vor längerer Zeit zu einer Unterhaltung zurückgezogen, Mejdan. Soll ich etwas ausrichten? Soll ich ihn rufen?" Ihre Art, dies zu sagen, verriet Mejdan sehr genau, dass sie eigentlich lieber nicht stören wollte.

"Nein, danke. Ich gehe selber rasch nach meinem Mann sehen." Doch als sie die Tür zu Shaydes Zimmern nur einen Spalt weit offen hatte, machten ihr die Geräusche und gleich darauf auch der Anblick der beiden sehr deutlich, dass sie in der Tat störte und sicherlich nicht mit der Aufmerksamkeit der beiden rechnen konnte. Grinsend und mit ihrer Welt wieder ein wenig mehr im Lot zog sie sich in ihre Zimmer zurück, um Najib, die über einer Arbeit schwitzte und fluchte, etwas auf die Nerven zu fallen.

Najib sicherte, als sie Mejdan hereinkommen hörte, schickte das Programm verärgert in den Hintergrund und drehte ihren Stuhl mit einem leichten Tritt gegen den Schreibtisch. "Dieser verdammte Log-Fisch schwimmt nicht im Schwarm, Mejdan! Dafür schwimmt mir gleich alles vor Augen, wenn ich noch einen Moment länger auf die Zahlenkolonnen starren muss, ohne den Fehler zu finden. Abgabe ist zwei Tage nach meiner Hochzeit. Also bitte!"

Mit einem Blick zur Uhr stand sie auf, um zu ihr zu gehen. Die Hände auf Mejdans Hüften legend zog sie Mejdan an sich und küsste sie erst einmal ausgiebig. "Ist ja gar nicht so spät, wie ich dachte. Dein Kongress war recht kurz. Oder bist du früher gegangen, weil du es vor Sehnsucht nach mir nicht mehr ausgehalten hast?", fragte sie neckend und biss ihr verspielt in den Hals.

"Früher gegangen ja, Sehnsucht nach dir sowieso. Aber ich bin eigentlich geflüchtet, weil Jamnah doch tatsächlich ihre neusten Ergebnisse in einer Abhandlung zum Verkauf angeboten hat und dies auch noch Anklang fand bei den anderen Wissenschaftlern. Zum Verrücktwerden diese Ungerechtigkeiten!"

Sie warf einen nachdenklichen Blick auf die unregelmäßigen Zahlenkolonnen und grinste dann sich abwendend. "Ich bin froh, dass ich einen anderen Beruf gewählt hab. Ich gehe schwimmen. Willst du vielleicht mit mir kommen und dich erfrischt wieder an die Arbeit setzen?" Diese Idee schien Najib den nötigen Grund für eine Pause zu geben und so verbrachte Mejdan die nächste Zeit mit sehr angenehmen Dingen, beispielsweise in den herrlichen Anblick ihrer Geliebten im weichen Licht der untergehenden Sonne versunken.

 

Als er den Blick auf Shaydes Uhr wagte, war es schon dunkel vor den Fenstern. Noch immer lagen er und sein schmaler Geliebter und Freund auf dem Bett und hatten noch nicht einmal die Energie gefunden, um sich etwas zu trinken zu besorgen. Carol hatte zwar kurz geklopft und mitgeteilt, dass sie das Abendessen auf der Terrasse servieren würde und nun nach Hause ginge, aber sie hatten es gleich wieder vergessen, wie sie alles vergessen hatten, was umher gewesen war.

Timm rollte sich auf die Seite und fuhr mit zwei Fingern auf Shaydes Rückgrat entlang, durch das feine schlohweiße Fell, das sich dort bis zum Ansatz des schlanken Schwanzes zog. Fast hatte er zu Beginn gefürchtet, dass er zu grob gewesen sein mochte, aber gleich darauf waren es Shaydes Finger gewesen, die ihm fest ins Haar gegriffen, ihn noch angetrieben hatten, mehr zu wagen.

Endlich schaffte er es, sich aufzuraffen und Shayde loszulassen. 'Ich hole etwas zu trinken. Hast du Hunger?' Die leuchtende Anzeige des Lesebretts schmerzte Timms Augen ein wenig, so sehr hatte er sich an die Dunkelheit gewöhnt.

Shayde streckte sich genüsslich bis in die Schwanzspitze, ehe er ein wenig verwundert feststellte, dass er tatsächlich etwas zu essen wollte. Er sah zu Timm auf, der nach wie vor nackt war und konnte sich an dem kräftigen Körper nicht satt sehen, obwohl er doch gerade noch viel mehr davon bekommen hatte als bloße Blicke. /Ja, aber da hab ich nicht geguckt. Dafür war keine Zeit./ Mit einem kleinen Kichern nickte er. "Und wie. Das ist lieb von dir."

Timm zog sich seine Hose über, verzichtete zu der späten Stunde auf Hemd und Schuhe. Er wurde jedoch von der Anzahl Personen überrascht, die sich in der Küche um den runden Tisch tummelten. Hilel, Jack und Najib waren dort und beendeten Briefe mit vereinten Kräften. Hilel und Najib schrieben, Jack faltete und versiegelte die Nachrichten an diejenigen Leute, die nicht zur Feier geladen waren, aber davon etwas erfahren sollten.

Zuerst stockte Timm in seiner Bewegung, noch hatten die anderen ihn nicht bemerkt, doch dann dachte er trotzig bei sich, dass es sie zum einen nichts anging, was er hier noch tat, zum anderen würden sie sich an ihn im Haus gewöhnen müssen. Mit einem nebensächlichen Nicken in Richtung der anderen ging er zum Eisschrank, um aus dessen Tiefen Saft und Käse zu holen.

Hilel blickte von seiner Arbeit auf und musterte den stummen Mann einen Augenblick lang. Nett sah er aus, die kräftigen Schultern, die gebräunte Haut, dazu von der Sonne und dem Meer gebleichte Haare, die nachlässig mit einem Band zusammengefasst wurden. Rasch verbot sich Hilel unartige Gedanken und senkte den Blick wieder auf seine Arbeit.

Jack betrachtete seinen Freund weniger versteckt. Etwas an Timm hatte sich verändert, es war der alte Schwung in seine Bewegungen und seinen Schritt zurückgekehrt, das Leben strahlte wieder aus den blauen Augen und wärmte Jacks Bauch, um sich von dort prickelnd in seinem ganzen Körper zu verbreiten. Nachdem die letzten Begegnungen mit Timm eher distanziert und irritierend fremd verlaufen waren, wagte er nicht, etwas zu sagen, aber er lächelte, als er sich wieder den Karten zuwandte.

Flüchtig sah Najib zu dem Menschenmann hin, registrierte, dass er kaum angezogen war und musste grinsen. Dies und sein zerzaustes Haar zeigten recht offensichtlich, dass er und Shayde sich endlich einig geworden waren, was wiederum bedeutete, dass Mejdan sich um eine Sache weniger sorgen musste. Wenn ihr Männchen glücklich war, wirkte sich das deutlich auf ihre Laune aus. "Willkommen daheim, Timm."

Timm nickte leicht, aber wandte sich mit der Karaffe und dem Käseteller gleich wieder ab, um die Küche zu verlassen. Ihm war nicht nach Unterhaltung und auch nicht danach, sich von einer von ihnen anstarren zu lassen. Sie, diese ängstigenden Weibchen mit den wilden Mähnen, die das Sagen hatten, die ihn besaßen, ihm vorschreiben wollten, was er für wen zu fühlen hatte, würde er niemals respektieren, immer nur fürchten.

Er warf Jack einen kleinen Blick zu und empfand es als sehr angenehm, dass kein Prickeln, keine Sehnsucht in ihm herrschte, nur freundliche Erinnerung an die Dinge, die sie gemeinsam erlebt hatten, kein einziges davon war echt gewesen. Shayde hingegen, der ihn aus dunklen Augen in freudiger Erwartung ansah, war so wirklich, dass es Timm schmerzte, wie er ihn und die Gefühle zwischen ihnen nicht hatte wahr haben wollen. Mit dem Entschluss, dies in der restlichen Zeit ihres Leben wieder gut zu machen, betrat er das Zimmer.

Shayde war ins Badezimmer verschwunden, kaum dass Timm das Zimmer verlassen hatte. Hastig hatte er sich gewaschen und sein Fell wieder geglättet, und er hatte sich derart beeilt, dass er sogar vor Timms Rückkehr noch die Fenster öffnen konnte. Ein Nachtschwärmer schwirrte auf ihn zu, wurde aber von dem leichten Energiefeld davon abgehalten, durch hinein zu kommen. Träumerisch blickte Shayde zu dem mit Sternen übersäten Himmel empor und genoss die frische Brise, die seine noch feuchte Haut streifte und die Vorhänge sachte zum Tanzen brachte.

Als die Tür geöffnet wurde, drehte er sich um. Während er seinen Freund in dem vom Badezimmer herkommenden schwachen Lichtschein ansah, spürte er, wie er vor Glück und Liebe fast überfloss. Er eilte zu ihm und nahm ihm die Karaffe ab, ehe er ihn umarmte, unfähig, sich noch länger von ihm fernzuhalten. Einen Moment lang hielt er ihn fest, roch seinen Duft nach Timm, fühlte seine Wärme und seinen kräftigen Körper, dann ließ er ihn wieder gehen, damit sie sich setzen konnten.

 

Timm ließ zu, dass Shayde ihn berührte, auch wenn es ihn zuweilen störte. Besonders nervend war diese besorgte Nähe des kleinen Abd-Jabir, als in aller Eile noch ein Anzug für Timm geschneidert werden musste. Irgendwie war Timm bei der Planung zur Hochzeit vergessen worden, vermutlich weil niemand davon ausgegangen war, dass er teilnehmen würde. Doch gleich am Morgen, nachdem er sich endlich zu Shayde durchringen konnte, schleifte ihn sein kleiner Geliebter zu einem Schneider für Menschen.

Timm wurde in diesem Fall nicht gefragt, denn die Farben für alle Kleidung der Familie war nach Najibs Schutzgöttin Jawhar ausgerichtet worden. Er selbst fühlte sich ein wenig unwohl in den eng an den Körper geschnittenen Hemden und Hosen, aber Shaydes begeisterte Blicke entlohnten ihn für diese Umstellung.

Während der Zeremonie, die durch ein strenges, älteres Weibchen aus dem Ring der Priesterinnen gemeinsam mit einem von der Ratsversammlung durchgeführt wurde, hielt Shayde ununterbrochen seine Hand. Auch wenn es ein nicht zu heißer Tag war und die hohen Bäume, zwischen denen leichte, goldgelbe Stoffbahnen gespannt worden waren, angenehmen Schatten spendeten, so fühlte Timm sich dennoch ein wenig zu warm mit dem an ihn gepressten Körper.

Regelrecht dankbar war er deswegen, als die eigentliche Feier begann und Shayde ihn zum Essen doch noch loslassen musste. Noch während Hilel und Najib die Glückwünsche und Geschenke von ihren Gästen entgegen nahmen, begannen die Kellner schon, zwischen den Tischchen umher zu schwirren, Getränke und Teller zu verteilen, und eine Gruppe begann, zunächst leise, zurückhaltende Musik zu spielen.

Verstohlen öffnete Timm die ersten Knöpfe seines Hemdes und bemerkte, während Shayde mit Mejdan gemeinsam zu einigen ihrer Verwandten gehen musste, dass Carol ihm winkte. Er holte sich noch zwei Gläser des erfrischenden Getränks und gesellte sich zu ihr und einigen ebenfalls eingeladenen Menschen. Erst als er sich schon gesetzt hatte, bemerkte Timm, dass auch Jack hier bei den Menschen saß.

Carol zwinkerte Timm zu und reichte ihm den Brotkorb, während ein Kellner eine Suppenterrine vor ihn setzte. "Das wird eine herrliche Feier. Ich muss sagen, Timm, dir stehen Jawhars Farben ganz ausgezeichnet." Ganz selbstverständlich gingen die anderen mittlerweile damit um, dass er nur lächelte, nichts schmeichelhaftes erwiderte. Verstohlen streifte Timm Jack mit einem kleinen Blick, das Prickeln blieb noch immer aus. Er war wirklich nicht in ihn verliebt, vermutlich nie gewesen. Es erfüllte ihn mit Erleichterung.

 

Hilels Finger schmerzten bereits ein wenig vom Druck der vielen Hände, und er war schon heiser, vom vielen Reden, vom sich bedanken. Najibs Lächeln war auch nicht mehr so ganz enthusiastisch auf die letzten verbliebenen Gratulanten gerichtet, fast hätte er über ihr verstecktes Seufzen gelacht.

Doch sie wurden von den Reden der Verwandten, von den Müttern vor allen Dingen, erlöst. Diese waren stets kurz und drehten sich um den Wunsch, es möge eine ausgewogene und fruchtbare Beziehung sein. Hilel errötete bei diesen nicht gerade feinfühligen Hinweisen auf die Erwartungen. Gerade seine Mutter hatte ihn wissen lassen, dass er nun ein erstes Männchen war und sie besser nicht enttäuschen solle.

Zu ihrem Glück durften Najib und er sich schließlich an einen Tisch zurückziehen, um etwas zu essen. Sie würden noch bei den ersten Tänzen dabei sein, um dann von allen fortgeschickt zu werden in ihre Hochzeitsnacht. Davor hatte Hilel schon ein wenig Angst, weswegen er sich von einem der Kellner auch bereitwillig von dem berauschenden Getränk einschenken ließ.

Najibs Blick glitt immer wieder zu Hilels Hand, die nun wieder ein Hochzeitsreif schmückte aber dieses Mal war es ihrer. Bei der Auswahl hatte sie sich von Shayde helfen lassen, der auch prompt auf Dinge geachtet hatte, an die sie nicht einmal gedacht hatte, allein was die Tragbarkeit betraf. Und es schien, als hätte er gut gelegen mit seiner Einschätzung. Das zierliche Schmuckstück saß tadellos, und Najib gestand sich ein, dass es rein subjektiv war, aber sie fand, es sah besser an ihm aus, als das seiner vorherigen Frau. Einfach, weil es ihn an sie band. Mit einem Lächeln umfasste sie seine schmalen Finger und drückte sie sachte.

Überhaupt sah ihr Männchen wundervoll aus in den Farben von Ashiqa, geheimnisvoll, verführerisch. Der dünne Stoff enthüllte und verbarg zugleich und machte neugierig darauf, was er wohl darunter trug. Wenn er denn etwas darunter trug. Energisch schob sie sowohl ihr als auch sein Glas schließlich beiseite, um nicht doch noch in Gefahr zu laufen, zu viel zu trinken. Sie wollte ihre Hochzeitsnacht nicht in Alkohol ertränken.

"Ich bin froh, wenn wir gleich den Feierlichkeiten entkommen können", flüsterte sie ihm zu und küsste ihn rasch auf die Schläfe.

Hilel lächelte nervös, aber wurde von der Gruppe Männchen zu einem Tanz aufgefordert. Freudig folgte er den anderen, für die kleine Ablenkung und Schonfrist dankbar.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh