Illusionen

33.

Timm konnte sich nach dem Essen nicht mehr auf das Gespräch konzentrieren, denn die Tänze begannen. Traditionell tanzten nur die Männchen, zumeist in Kreisen umeinander. Im Schutz der anderen, die dabei zusehen wollten, heftete er seine Blicke verlangend auf Shayde, dessen Leichtigkeit im Tanz mit einem Mal auch noch durch sinnliche Bewegungen und schließlich, als er Timm entdeckte, auch Blicke zu einem besonderen Schauspiel wurde.

Zu seinem Leidwesen bemerkte Timm nach den traditionellen zwei Tänzen für das Brautpaar, nach dem das Paar in die Zimmer der Frau entlassen wurde, dass Shayde seine Blicke und süßen Hüpfer sehr wohl auch für Mejdan hatte ausführen können. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er Eifersucht.

Er unterdrückte einen wütenden Blick, als die hochgewachsene Abd-Jabir nach einem Tanz auch tatsächlich auf Shayde zuging, ihn besitzergreifend küsste und mit sich auf die andere Seite des Gartens zu einer Gruppe Kollegen zog. Timm beschloss, dass er aus dem Hintergrund starren und warten würde und zog sich in die Nähe des Tresens zurück. Das stellte sich die beste Entscheidung seines Lebens heraus.

Der kleine Abd-Jabir im Ausschank für die farbenfrohen Getränke kam nicht mit dem Mischen hinterher, und sehr bald schon hatte Timm seine Ärmel aufgeschlagen und begonnen, ihm zu helfen. Nachdem er erklärt hatte, dass er stumm war und der Kleine ihm versichert hatte, dass er von dem stummen Menschen schon gehört hatte, arbeiteten sie schnell gemeinsam, und Timm spürte, wie sehr ihm seine Arbeit gefehlt hatte. Bald schon hatte er Shayde und seine Eifersucht vergessen.

Jack wusste nicht, wie oft er sich geschworen hatte, alles zu tun, damit er nicht eifersüchtig wurde, wie oft gesagt, dass es eine gute Sache für Hilel war, Najib zu heiraten, die nichts gegen ihn hatte und nichts gegen eine Beziehung ihres Männchens mit einem Menschen. Wie oft er darüber nachgedacht und all die Vorteile aufgezählt und versucht hatte, sich darauf vorzubereiten. Er hatte die Fassade bewahrt, als die Zeremonie gelaufen war, hatte gelächelt, wann immer Hilels Blick ihn gestreift hatte, doch als sein Geliebter mit seiner nun angetrauten Frau das Fest verlassen hatte, konnte er die Enttäuschung und die Eifersucht nicht mehr unterdrücken.

Hilel war gerne mit Najib zusammen. Hilel wollte Kinder mit ihr. Und das war irgendwie doch etwas ganz anderes als der eher freundschaftliche Umgang, den sie vorher miteinander gehabt hatten. Als er sich ein möglichst großes, möglichst alkoholreiches Getränk holte, verdrängte es seine miserable Laune für einen Moment, als er Timm ganz in seinem Element hinter dem Tresen bemerkte. Doch sie kam augenblicklich wieder, als er daran dachte, was sein Geliebter und dessen Frau jetzt vermutlich ziemlich bald gemeinsam machen würden. Mit dem Glas zog er sich in eine unbeachtete Ecke zurück, um niemandem die Laune zu verderben. /Du musst dich daran gewöhnen. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass sie ihn mitnimmt./ Es half nichts gegen das Magengrimmen.

Timm wischte sich die Hände an einem Tuch ab, das er sich längst in seinen Hosenbund geschoben hatte und spähte auf den umliegenden Tischen nach leeren Gläsern. Da entdeckte er Jack, der mit einem halbleeren Glas zweifelhaften Inhalts vor sich hinbrütete.

Mit einem Grinsen streifte er die feiernde Gesellschaft, bemerkte, dass Shayde erneut in einen Kreis tanzender Männchen gezogen war, von wachsamen Blicken seiner Frau Mejdan verfolgt und entschied dass er vermutlich genau wie Jack an diesem Abend allein bleiben würden. Najib und Hilel stand die Hochzeitsnacht zu, und er hatte mitbekommen, dass die beiden Kinder wollten. Mejdan würde in solch einer Nacht nicht auf die Gesellschaft ihres Männchens verzichten, allein weil es von ihr erwartet wurde nicht.

Er richtete zwei Mischgetränke her und ging auf Jack zu, um ihm das Glas im Tausch gegen sein warmes, abgestandenes Getränk hinzuhalten.

Jack sah missmutig auf, als er bemerkte, dass sich ihm jemand näherte. Er hatte keine Lust auf Feiern, Fröhlichsein und Unterhaltung. Doch als er sah, dass es Timm war, verschwand seine Verärgerung ein wenig, besonders weil der andere Mann wie er allein war, ihm freundschaftlich etwas zu trinken mitbrachte und ihn anlächelte. Keine Verbitterung mehr, keine Enttäuschung. Allein, ihn endlich glücklich zu sehen, machte Jack noch immer froh. Aber leider vertrieb es die Eifersucht nicht, drängte sie nur in den Hintergrund.

Er nahm das Glas entgegen und trank gleich einen Schluck, um den eigenartigen Geschmack des anderen Getränkes loszuwerden. "Ah, das ist deutlich besser. Danke." Sich damit zu betrinken würde einfacher sein; er spürte den Alkohol schon jetzt. Das Log hatte ihm immer vorgegaukelt, dass er ganz ordentlich vertrug, aber in der Realität sah das anders aus.

"Weißt du, dass Vernunft gar nicht hilft, wenn dein Liebling gerade mit seiner Frau verschwunden ist? Und wenn du dir noch so oft vorsagst, dass es gut für ihn ist, dass es notwendig ist und dass es keinen Weg dran vorbei gibt", grummelte er.

Timm lachte und hob die Schultern. Dann nickte er über den Platz hinweg zu Mejdan und Shayde hin, die mit ihren Söhnen gemeinsam dabei waren, an einem Spiel für die Gäste teilzunehmen. Er fühlte zwar mit Jack mit, aber hatte sich selber schon damit abgefunden, dass es zwischen ihm und Shayde stets ein großes, kräftiges Hindernis mit orangefarbenen Augen geben würde.

Statt Jacks Talfahrt in den Trübsinn zu erlauben, stieß er sein Glas erneut gegen das seines langjährigen Geliebten, den er doch noch nie berührt hatte und nahm einen kräftigen Schluck.

Timms vergnügte blaue Augen, die schelmischen Fältchen, die sie umgaben, und die vertraute, gelassene Haltung ließen Jack unvermittelt lachen. Nach einem weiteren Schluck sah die Welt bereits etwas besser aus. Timm ließ nicht zu, dass er sich einsam und deprimiert fühlte, wie er das immer schon verhindert hatte. "Danke, dass du hier bist." Es war Gewohnheit, dass er sich an ihn anlehnte, doch es fühlte sich gut an.

Ein wenig überraschte Timm diese Geste der Vertrautheit schon, aber nach kurzem Zögern schob er einen Arm um Jacks Schultern herum und drückte ihn kurz an sich. Die nächste Zeit über beobachteten sie lediglich, wie die zierlichen Abd-Jabir-Männchen im Kreis tanzten, und Timm genoss den Unterschied. Er spürte, wie das feine Hemd unter seinen Fingern warm wurde, wie sich die Muskeln an Jacks Arm leicht bewegten, als er sein Glas hob, einige Haare streiften seine Wange, und das Kitzeln war ebenfalls ein so feines Gefühl, dass es im Log nicht möglich gewesen war.

Mit halb geschlossenen Augen begann Timm, den Unterschied vom echten Jack zur Illusion aus dem Log zu ergründen und zu genießen. Aus einem Impuls heraus hob er schließlich seine freie Hand und legte sie Jack auf die Brust. Das Gefühl des Herzschlags unter seinen Fingern brachte ihn zum Lachen. Leben, das war es, was sie gewonnen hatten. All die Illusionen waren sicher gewesen und schmerzlos, aber tot. Das wurde ihm nun wirklich klar.

Jack fiel in das lautlose Lachen mit ein, das er durch den kräftigen Körper vibrieren spürte und das sich durch ihre Nähe auf ihn übertrug. Zwar wusste er nicht genau, warum Timm lachte, aber es war auch nicht wirklich wichtig. Vielleicht waren es die kleinen Differenzen zum Log, vielleicht war es das Wissen, dass sie beieinander sein konnten, in einer gewissen Weise. Zumindest ihn machte das glücklich. Das, was er für Timm empfand, glich wenig dem, was fühlte, wenn er auch nur an Hilel dachte. Aber dennoch mochte er ihn sehr, mochte es, bei ihm zu sein und von ihm berührt zu werden. Und das war nicht nur die Gewohnheit. /Ich bin wirklich froh, dass du hier bist/, dachte er mit einem Lächeln und nahm einen weiteren Schluck.

Die Überlegung kam unerwartet, und Timm brauchte eine ganze Weile, um zuzugeben, dass er überhaupt so zu denken wagte. Doch als die Menschengruppe mit Carol zusammen den Platz verließ, wie es offensichtlich von ihnen erwartet wurde, gab er sich einen Ruck und zog sein Schreibbrett heraus, um, ohne Jack gehen zu lassen, rasch zu tippen 'Shayde wird bei Mejdan übernachten, Hilel sowieso mit seiner Frau, also: zu mir oder zu dir?' Er zwinkerte Jack dabei zu, aber meinte die Frage auch im übertragenen Sinn ernst, nur für sich, ohne Jacks Meinung wirklich wissen zu wollen. Er gestand sich ein, dass es aufregend war, allein den Körper zu berühren, den er so viele Male in der Illusion besessen hatte.

Jack lachte wieder, bereits genügend beschwipst, um die Möglichkeit ernsthaft in Erwägung zu ziehen, aber noch nicht zu sehr, um nicht klar denken zu können. Wollte er das? Wollte Timm das überhaupt? Oder war es nur ein Scherz, selbst wenn er das bekannte Begehren in seinen Augen zu sehen meinte? Er hielt ihn noch immer, und das war schön. Einen Moment lang dachte er an Hilel, fragte sich, ob es ihn verletzen würde, doch Hilel war bei seiner Frau, und Abd-Jabir-Männchen waren ohnehin sehr freizügig, was das betraf.

Mit einem fröhlichen Grinsen beschloss er, es darauf ankommen zu lassen, während er sein leeres Glas auf den Tisch stellte und Timm einen Arm um die Taille zu schob, um ihn dichter an sich zu ziehen. "Zu dir."

 

Hilel war sich schon zuvor sicher, dass er Angst haben würde. Nicht vor Najib oder vor ihrem Körper, denn er hatte schon eine Ehefrau gehabt und hatte auch, vor allem zu Beginn der Ehe, regelmäßig ihr Bett teilen müssen. Er fürchtete sich vielmehr davor, dass er sich bei Najib fühlen würde wie bei seiner ersten Frau. Wie ein Gebrauchsgegenstand, wie ein Haustierchen, dem man einen zufriedenen Laut entlocken musste, bevor man es fortschickte. Denn das hatte seine erste Frau Reza immer getan. Ihn hinterher fortgeschickt, um die Nacht mit ihrem ersten Männchen zu verbringen.

Nun lag er entkleidet und vom Hochzeitsschmuck befreit, sogar abgeschminkt neben seiner Frau in dem mächtigen Bett, in dem sie nur selten schlief, weil sie lieber bei Mejdan war, und zitterte vor Furcht, dass es nun wieder so werden würde.

Najib hatte keine Ahnung, was falsch war und das verunsicherte sie genauso wie das Beben, das den schmalen Körper neben ihr regelrecht schüttelte, wie die Angst in Hilels hellen Augen und die nur mühsam nicht zusammengekniffenen Lippen. So war er nie gewesen, und zu bestimmt zwei Dutzend Gelegenheiten hätten sie miteinander ins Bett gehen können, ohne dass er so verschreckt gewesen wäre, wenn sie nicht versucht hätte, auf seine Erziehung Rücksicht zu nehmen und auf die Hochzeit zu warten.

/Ist es das? Denkt er, er muss mir jetzt zu Willen sein, nur weil wir jetzt verheiratet sind? Weil es Pflicht ist? Und dass ich ihn eigentlich nicht haben mag? Oder hat er Angst, dass er versagt? So nervös, wie er ist, wird hier gleich gar nichts passieren./ Sie erinnerte sich daran, wie entspannt er sonst immer gewesen war, ein wenig verlegen oft, so niedlich schüchtern, aber auch auf ihrem Schoß und in ihren Armen anschmiegsam und ruhig. Energisch zog sie die Decke hoch, um ihm ein wenig Schutz zu geben, dann küsste sie ihn auf die Nasenspitze und lächelte ihn an. "Ich bin gleich wieder bei dir, rühr dich nicht weg, Hübscher."

Ohne sich um ihre eigene Nacktheit zu kümmern, stieg sie aus dem Bett und trat zu dem kleinen Büffet, das vorsorglich zur Stärkung der Eheleute errichtet worden war, damit sie nicht das Zimmer verlassen mussten, wenn sie Durst oder Hunger bekamen. Sie goss zwei große Gläser gekühlten Orangensafts ein und kehrte mit ihnen zum Bett zurück, auf dem Hilel sich halb aufgerichtet hatte. Sie auf dem Tischchen daneben abstellend setzte sie sich ans Kopfende, um ihr Männchen samt Decke in ihre Arme und an sich zu ziehen und ihren Schwanz um ihn zu schlingen. Dann reichte sie Hilel eines der Gläser, nahm sich das zweite und trank erst einmal einen großen Schluck.

"Das ist, als müsste man es auf Befehl machen, nicht?" Sachte küsste sie ihn hinter eines seiner noch ein wenig tiefer als gewöhnlich hängenden Ohren.

Unglücklich darüber, dass er ihr Sorgen bereitet hatte, nickte Hilel leicht, dann nippte er an dem Glas und schmiegte sich ein wenig gemütlicher an seine Frau. Ihre kräftigen Finger der einen Hand fanden schon von allein die Stelle zwischen Schulterblatt und Hals, wo er so gern gestreichelt wurde, und ihr Schwanz hielt ihn mit einer besitzergreifenden Geste in ihrer Nähe fest, die ihm mehr und mehr zu gefallen begann.

"Ich bin nur nervös, weil alle mir solche Dinge gesagt haben. Dass ich mich anstrengen soll, dass es an mir liegt, dir eine Tochter zu schenken... und dass ich... dankbar sein darf für deinen Großmut." Nervös trank er noch einen Schluck. "Und das bin ich auch. Sehr sogar. Du hast mich sehr glücklich gemacht, Najib. Ganz gleich, was ich dafür tun soll, sag es mir, es wird mich noch glücklicher machen." Hilel hoffte, dass er nicht zu weit gegangen war, denn er hatte zwar eine Frau gehabt, aber seine Erfahrungen mit ihr waren lange her, die frischen Eindrücke waren eindeutig Jack zu verdanken gewesen, und an ihn wollte er nun gerade gar nicht denken.

Der letzte Teil klang auswendig gelernt, und das machte Najib ein wenig grummelig, während die Erwartungen, die an Hilel gestellt wurden, sie regelrecht verärgerten. Doch sie glaubte ihm, dass er es ernst meinte, dass er mit ihr glücklich war, und das ließ sie lächeln. Sie konnte gar nicht anders.

"Gut, dann fangen wir jetzt gleich mit ein paar Grundlagen an. Wenn du mir dankbar sein willst, dann sei es für Dinge, die es verdienen. Nicht für irgendeinen Großmut, den es nicht gibt. Ich habe dich geheiratet, weil ich dich heiraten wollte, nicht wegen des Clans, aus dem du kommst, nicht weil ich Mitleid hatte. Du bist in meinem Herzen, Hilel. Und vergiss die anderen, wer immer sie sind, was immer sie von sich geben. Sie haben nichts zu sagen. Hier sind nur wir, du und ich, und das ist alles, was zählt. Wenn sie sagen, dass noch heute eine Tochter gezeugt werden muss, und wir beide beschließen, wir wollen aber die ganze Nacht nur kuscheln, dann ist es unsere Sache." Mit einem leisen Lachen küsste sie seinen Mundwinkel und drückte ihr Männchen enger an sich.

Eine Weile lang ließ Hilel zu, dass Najib ihn an ihren Körper drückte, doch nachdem er sich gefangen hatte, machte er sich frei und stellte das Glas ab, bevor er sich ein wenig aus der Decke wand, die ihn einengte, wenn auch sie ihm Schutz bot dabei. Trotz seiner Furcht entschlossen reckte er sein Kinn und sah seine Frau an, bevor er fragte "Aber was ist denn, wenn ich mir wünsche, Kinder zu haben? Wie lange meinst du, sollten wir warten? Ist es vermessen von mir, danach zu fragen, Najib?"

"Ich mag es, wenn du gerade heraus bist." Najib rutschte ein wenig von der Kopflehne fort und ließ sich dann in die Kissen sinken, um zu Hilel aufzusehen. /Ich hätte Psychologie studieren sollen, nicht Informatik. Im Gegensatz zu Abd-Jabir sind Computer immer so nett logisch und durchschaubar. Aber dann wäre ich unter Jamnahs Leitung gewesen! Wie furchtbar!/ Der Gedanke ließ sie lachen und nach seiner Hand greifen. "Wir werden Kinder haben, Hilel, allein schon, weil ich dir nie etwas abschlagen könnte, was du dir so von Herzen wünschst. Und wie lange warten? Vielleicht so lange, bis du keine Angst mehr hast. Vor was fürchtest du dich, mein Kleiner?"

Hilel ließ den Kopf ein wenig weiter hängen. /Bis ich keine Angst mehr habe?/ "Ich bin zu unsicher, ich weiß." Er blickte auf seine Finger, die miteinander spielten.

"Du hast Angst", korrigierte sie, "und ich weiß nicht, warum. Ist es wegen mir? Ist es wegen den Erwartungen? Sag es mir, und ich versuche, es zu ändern. Ich will nicht, dass du dich fürchtest, Hilel. Unser Zusammensein soll schön sein, gleichgültig wo wir sind, gleichgültig wie."

Hilel bemerkte zu spät, dass er seine Hand von ihr entzogen hatte, um die Arme zu verschränken. Da es keine Möglichkeit gab, sich im nackten Zustand wohlerzogen und wie erwartet zu benehmen, ließ er sich diese kleine Sicherheit und wandte sich eine Spur von ihr ab. "Nein. Ich habe wirklich keine Angst, ich bin nur nervös. Wer wäre das nicht an meiner Stelle?" Ihre Wärme wurde mehr und mehr spürbar an seinem Rücken, und er meinte, ihre Blicke ebenso zu fühlen, mit denen sie versuchte, in seine Gedanken zu sehen. "Entschuldige", flüsterte er endlich und löste sich seiner Erziehung entsinnend die Arme voneinander. "Ich benehme mich schlimmer als ein minderjähriges Männchen in der Hochzeitsnacht."

Er erinnerte sich an seine erste Nacht mit Reza zurück und seufzte leise. "Dabei war meine erste Nacht schon anders als eine normale Hochzeitsnacht. Ich war betrunken von der Hochzeitsfeier, und Reza hat mir kühle Lappen auf die Stirn gelegt, nachdem ich eine Weile gebrochen habe. Sie hätte mich gern jemandem anderes überlassen, aber konnte mich in der Hochzeitsnacht ja nicht verlassen. Betrunken war ich nur, weil Reza und die anderen mein Glas so oft gefüllt hatten und ich bei jedem guten Wunsch mit allen anstoßen musste."

Hilel fragte sich, warum er Najib von diesem schrecklichen Reinfall erzählte, doch dann wurde es ihm bewusst. Geschmeidig wand er sich aus ihrem Arm und schlang sich sein Schultertuch um die Hüfte, um nicht nackt durch das Zimmer zu gehen, als er an das Fenster trat. Er konnte sie nicht ansehen. "Ich bin mit ihr nicht... ich meine im Bett... es ist kein Zufall, dass sie keine Kinder von mir..." Er holte zittrig Luft und starrte, ohne etwas wahrzunehmen auf den düsteren Garten. "Deswegen bin ich so unsicher."

Ganz sicher war Najib nicht, ob sie ihn richtig verstanden hatte. Aber das war auch nicht der Punkt. Ihr Zorn Reza gegenüber, der in den letzten Tagen schon beinahe eingeschlafen gewesen war, loderte wieder auf. Diese Frau hatte einen Schatz wie Hilel wirklich nicht verdient! Energisch stand sie auf, trat zu ihm und legte ihre Hände auf seine Schultern, um ihn bestimmt zu sich umzudrehen. "Ich bin nicht Reza, Hilel. Ich erwarte keine Perfektion von dir. Wenn es nicht gleich klappt, dann vielleicht später. Irgendwann werden wir Kinder haben, auch wenn es Jahre dauern mag. Ich will dich bei mir haben, und zwar länger als die paar Augenblicke, die es braucht, um ein Kind zu machen. Es ist mir keine Last, und du bist mir keine Last. Hörst du?"

Sie verstummte, wusste nicht, was sie sonst noch erklären sollte. Im Grunde hatte sie ihm das alles wieder und wieder zu gesagt. /Verlange ich zu viel? Dass er sein ganzes Reza-Trauma in einer kurzen Zeit wie einer Verlobung vergisst, ist das zu viel erwartet? Oder hat es gar nicht wirklich was mit Reza zu tun, sondern mit mir? Denkt er, alles muss zu hundert Prozent perfekt sein, nur weil ich von mir selber immer so viel erwarte?/

Hilel versuchte ein kleines Lächeln und verzweifelte an Najibs Begriffsstutzigkeit, die ihm zuvor nie aufgefallen war. "Nein, was ich damit sagen will ist, dass ich noch nie mit einem Weibchen zusammen war. Nie. Reza hat mich in ihr Bett geholt, aber nur zu... Spielen, für alles andere hatte sie ihre ersten Männchen, und ich wurde weggeschickt." Ernsthaft sah er sie an. "Ich habe Shayde nicht gewagt zu fragen, aber ich verspreche dir, dass ich das nachholen werde, ja?"

Hilflos lachte Najib auf und zog ihr Männchen an sich. Das hatte sie doch schon verstanden, aber da lag nun wirklich kein Problem. Wenn das alles war, was ihm Kopfzerbrechen bereitet hatte... "Frag, wen du willst oder lass es bleiben, mein Hübscher. Es ist deine Entscheidung." Sie hob ihn hoch und trug ihn zum Bett zurück, setzte sich mit ihm auf dem Schoß ans Fußende. "Aber was hältst du davon, wenn wir für heute Nacht einfach alle aus dem Schlafzimmer raushalten? Kein Shayde, kein Jack, keine Mejdan. Keine Vergleiche. Vielleicht beruhigt es dich, dass ich mit Männchen auch noch nichts hatte bis auf ein paar Küsse. Wir können also ganz von vorne anfangen, hm?"

Hilel nickte, auch wenn von Najibs Rede bis auf das Wort 'Küsse und Jack' nicht viel zu ihm durchgedrungen war. Aber ersteres brachte ihn dazu, das Kinn ein wenig zu ihr zu heben, und letzteres brachte ihn zum Lächeln, das war ein guter Anfang, wie er befand.

Najib erwiderte das Lächeln, erleichtert darüber, dass ihr Schatz nicht gleich wieder zu zittern begann. Für einen Moment gestattete sie sich entgegen ihres Vorsatzes den Gedanken, dass es mit Mejdan einerseits wesentlich einfacher war und dass sie ihre Geliebte zum anderen vielleicht ebenfalls einmal befragen musste, was die männliche Psyche betraf. Raus aus den Klamotten und das tun, auf was beide Lust hatten, funktionierte offensichtlich nicht, wie sie eben erfahren hatte. Sachte legte sie eine Hand auf Hilels Wangen, um ihn vorsichtig auf den ihr dargebotenen Mund zu küssen. Es war ein Anfang, der ihm wohl gefiel, und sie war bereit, sehr darauf zu achten, was er mochte. Sie hatten viel Zeit.

Als sie aufgehört hatten zu sprechen, wurde alles mit einem Mal leichter. Rasch verlor Hilel das Bewusstsein für die Situation, in der er sich befunden hatte, verlor das Gefühl für die Zeit, die verging, für den Raum, Najibs großes Schlafzimmer und die Atmosphäre. Er schloss in wonniges Genießen versunken die Augen, während es seiner Frau offensichtlich ein Spaß geworden war, seinen kleinen Körper kennen zu lernen, als habe sie noch nie ein Männchen berührt. Besonders seine Ohren und das feine Fell im Nacken hatten es ihr angetan. Und unmerklich zunächst, aber dann mehr und mehr in den Vordergrund seiner Gefühle drängend, steigerte sich Hilels Lust und sein Verlangen nach Berührung auf eine andere Art. Dass sie ihn so fühlen ließ, verwunderte und freute ihn gleichermaßen. Dezent versuchte er, mit Gesten und Lauten ihre Hände zu lenken.

Es war anders als mit Mejdan, doch es bereitete Najib Vergnügen, auf Hilel einzugehen und darauf zu schauen, was er wollte. Dass er mehr und mehr in ihren Armen schmolz, ließ sie mutiger werden und ihn mit sich ziehend sank sie rückwärts aufs Bett, um noch ganz andere Dinge mit ihm auszuprobieren und um ihm zu zeigen, was sie gern mochte.

Als sie schließlich aneinander geschmiegt beisammen lagen und sie besitzergreifend ihren Schwanz um die schlanken Beine ihres Männchens geschlungen hatte, den schmalen Körper in einer engen Umarmung hielt, spürte sie der angenehmen Mattigkeit in sich nach.

"Das Kindermachen werden wir auch dann nicht einstellen, wenn wir schon welche haben", verkündete sie fröhlich und zwinkerte Hilel zu, der sie aus halb geschlossenen Augen wie eine zufriedene Katze ansah. "Stell dich gleich schon mal darauf ein."

Hilel lachte auf, auch wenn er errötete. Das war ihm sehr recht, denn mit Najib hatte er sich herrlich gefühlt. Anders als mit Jack, ganz anders, aber auf eine beschwingte Art richtig und am rechten Ort. Er freute sich, dass sie genauso zufrieden war wie er und dies auch sein Verdienst war, wenn auch sie ihm sehr direkte Anweisungen gegeben hatte, damit er ihren Wünschen nachkommen konnte. Zu müde und glücklich für eine Antwort ließ er zu, dass der Schlaf ihn entführte, ohne dass er gefragt hatte, ob er überhaupt in dem Bett seiner Frau bleiben durfte.

 

Keuchend versuchte Timm zu Atem zu kommen, während er Jack über den Raum hinweg mit schmalen Augen betrachtete wie ein Raubtier seine Beute. Eine wehrhafte Beute. Man merkte Jack deutlich an, dass er es mehr als gewohnt war, im Bett dominierend zu sein. Die Zeit mit Hilel hatte eindeutig jede Vorstellung von seiner Anschmiegsamkeit zu Logzeiten aus seinem Kopf gewaschen, ein Umstand, mit dem Timm nicht wirklich gerechnet hatte. Schon eine ganze Weile lang waren sie beide eher in eine Art Kampf um die Vorherrschaft denn ein Liebesspiel verwickelt, und es tat Timm doch gut. Es tat ihm sogar viel mehr noch gut als jede andere Therapie zuvor.

Er spürte Jack, konnte seine Haut riechen, seine Haare fühlen, die Feuchtigkeit auf seinem Rücken sehen, wie Schweißtropfen an ihm herabrannen, und er hörte den ebenfalls schweren Atem seines ehemals so gefügigen Geliebten. Die Echtheit ihres Zusammenseins war wichtiger und wertvoller als die Befriedigung darin, die bislang eher einseitig geblieben war. Auf Jacks Seite nämlich, da war Timm eher großzügig gewesen. Nun jedoch wollte er selber auch ein wenig Spaß und nicht nur die Arbeit und musste feststellen, dass der Jack, den er zu kennen glaubte, ausgerechnet was diesen Punkt anging, anderer Meinung war.

Anderer Meinung vielleicht, aber noch war die Nacht nicht vorbei, noch bevor Jack sich hatte erholen können, stürzte Timm sich erneut auf ihn, um ihn auf das Bett zu werfen. Dieses Mal gelang ihm sogar eine günstige Position über seinem ehemaligen Geliebten. Nach kurzem Gerangel hatte er ihn unter sich festgesetzt.

Keuchend gab Jack nach einem Moment den Widerstand auf, zumindest fürs erste. Was sich nicht geändert hatte, war, dass Timm stärker war als er. Alles andere war besser, intensiver geworden. Das vertraute Gefühl, nicht wirklich bei ihm zu sein, ihn trotz aller Nähe nicht berühren zu können, hatte ihn nicht ein einziges Mal gestreift. Timm war da, war real, war bei ihm. Mit einem Grinsen sah er hoch in die blitzenden, blauen Augen, schon lange nicht mehr vom Alkohol berauscht, eher von der Hitze zwischen ihnen und der Echtheit ihres Beisammenseins.

"Vielleicht lasse ich dich, wenn du Bitte sagst", neckte er und schlang ein Bein um ihn, presste ihn ein wenig enger an sich.

Timm hob eine Augenbraue und entsann sich, dass Jack es war, der Bitte gesagt hatte, wenn er um genau das gebeten hatte, um das er nun gebeten werden wollte. Die echte Welt war wirklich verdreht. Er lachte tonlos auf und schüttelte den Kopf, auch wenn Jack sich wirklich gegen ihn zu bewegen wusste. Wenigstens eines hatte sich da nicht geändert, er reagierte heftiger als erwartet und schaffte es nicht sonderlich lange, einen kühlen Kopf für weitere Verhandlungen zu bewahren. Stattdessen presste er sich auf den Körper des anderen Mannes herunter, um ihn noch einmal zu küssen, wenigstens etwas, zu dem sein Mund in der Verständigung noch zu gebrauchen war.

Hungrig erwiderte Jack den Kuss, genoss den Geschmack seines Freundes, die Weichheit seiner Zunge, die er schon beinah nicht mehr gewohnt war und mit der Timm so unverschämt gut umgehen konnte. Er kämpfte seine Hände aus Timms Griff frei und streichelte ihn, den kräftigen Rücken, die breiten Schultern, seinen ganzen Freund neu entdeckend. Die Vielfalt der Eindrücke ließ ihn sich fragen, ob auch das, was Timm wollte, anders sein würde. Außerdem war er im Vorsprung. Energisch bewegte er sich unter ihm, bis er ihn mit beiden Beinen umschlingen konnte, dann unterbrach er den Kuss gerade lang genug, um grinsend auf Timms bereits wieder suchenden Lippen zu sagen "Okay, dann ohne Bitte."

Mit einem breiten Grinsen nickte Timm und ging auf das Angebot ein. Als sie später nebeneinander auf Shaydes nun komplett zerwühltem Bett lagen, war Timm nur zu deutlich bewusst geworden, dass er es zwar aufregend gefunden hatte, aber keinerlei Liebe diese Aufregung begleitete.

Er reichte Jack ein Glas Wasser hinüber, dann nahm er sein Schreibbrett auf und tippte rasch ein 'Ich bin so froh, wir zwei würden niemals funktionieren.' Gespannt wartete er mit Blick in Jacks wunderschöne Augen ab, wie dieser reagierte, ob auch er so fühle. Dann fügte er jedoch noch schnell eine Zeile an. 'Zur Jagd treffe ich mich aber jeder Zeit wieder mit dir.'

Jack lachte herzhaft auf und ließ sich nach einem großen Schluck Wasser wieder zurück in die Laken sinken. Er fühlte sich gut, und das war deutlich mehr, als er für Hilels Hochzeitnacht erwartet hatte. Mit einem Augenzwinkern sah er zu Timm hin und in dessen noch gerötetes, feuchtes Gesicht. "Aber das nächste Mal bin ich dran."

 

Die Sonne ging gerade über dem Strand auf, als Timm dorthin kam. Jack war in Hilels Zimmer verschwunden, um sich auszuschlafen, natürlich nur nach einem deutlich eifersüchtigen Blick in Richtung des Traktes der Weibchen. Timm war froh darum, denn er hatte gerade das Bett frisch bezogen und die Gläser in die Küche gebracht und stand unter der Dusche, als Shayde müde und ein wenig zerrauft aus dem Zimmer von Mejdan in sein eigenes wechselte. Nach kurzem Zögern entschied Timm sich jedoch, ein wenig am Meer laufen zu gehen, bevor er sich zu seinem Schatz legen wollte. Es war ihm, als müsste er Jack von sich waschen, aus sich und seinen Gefühlen.

Nun stand er auf dem kleinen Bootssteg und atmete die salzige Luft, erinnerte sich an den Geschmack auf der Haut seines Geliebten, erinnerte sich daran, wie sehr das Log ihn belogen hatte. Unwillkürlich wandte er den Blick zur Kuppel hin, in der die Räume lagen, in denen er gelebt hatte, eingewoben in die Lügen und Illusionen. Mit einem Lächeln breitete er die Arme aus und lachte lautlos. 'Nie wieder!', schrie er gegen dem nun in kitschigem Rosť erglühenden Dom entgegen.

Sein Lachen wurde zu einem erschöpften Gähnen, und mit müden Bewegungen wanderte Timm zu seinem kleinen Geliebten zurück, um sich nackt zu ihm unter die leichte Decke zu legen. Seufzend genoss er das Gefühl des feinen Fells an seiner Brust, als er Shayde enger an sich zog. Mit einem Lächeln schlief er ein.


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© by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh
~ Ende ~