Das Ende der Nacht

"Fünf Kartuschen Silikon und eine Pumpe?" Jesse lachte, als er in den Einkaufswagen sah, den sein Freund schob. "In unserem Vorratsraum haben wir zwei Regalböden voll davon!"

"Aber keine Ersatzpumpe, und das ist die erste, die ich seit Monaten gesehen habe", antwortete Ben ungerührt und griff an Jesse vorbei, um im Regal hinter ihm nach einer Packung Luftfilter zu greifen und sie zu den Kartuschen zu legen. Der Hardwarestore war ihre letzte Station an diesem Tag, den sie mit einem Einkaufsmarathon ohne gleichen verbracht hatten. Trotzdem hatten sie verdammt wenig bekommen. Die Versorgungslage war knapp geworden im letzten Jahr.

"Noch eine Stunde, fünfzig Minuten bis Sonnenuntergang", verkündete die Lautsprecherdurchsage wie alle zehn Minuten die verbleibende Zeit bis zur Dunkelheit.

"Lass uns zur Kasse gehen." Jesse grinste noch immer, aber wusste es besser, als Ben das Silikon ausreden zu wollen. Bis vor relativ kurzer Zeit hatte sein Schatz nicht gerade zu den Menschen gehört, die Vorräte anlegten und Sachen sammelten. Doch seit die Dunkle Pest des Nachts das Land regierte, hatte sich einiges geändert. Ben war auch der erste in ihrer Nachbarschaft gewesen, der ihr kleines Haus pestsicher umgebaut hatte, als alle anderen noch der Meinung waren, dass bald ein Gegenmittel gegen den tödlichen Nebel gefunden würde und dass dieser bis dahin nicht von der Ostküste zur Westküste gelangen konnte.

Sie hatten sich grausam geirrt. Binnen Tagen hatte sich die Dunkle Pest über den gesamten Kontinent ausgebreitet, binnen weniger Wochen auf der gesamten Welt. Die ersten Nächte nach den dringenden Warnungen war ihr Haus sogar ein Zufluchtsort für Nachbarn gewesen, bis mit Bens Hilfe auch andere Häuser sicher waren. Trotzdem versuchte jeder, noch an der Normalität festzuhalten. Trotzdem gingen die Überlebenden jeden Tag zur Arbeit, und irgendwie schien es noch immer so surreal zu sein, dass sich das Leben vollkommen geändert hatte.

"Noch eine Stunde, vierzig Minuten", tönte die Stimme, als sie das Geschäft verließen und in Richtung SkyTrain-Station aufbrachen. Es war höchste Zeit. Eine gute halbe Stunde bis zur Endstation und von dort knapp zehn Minuten mit dem Auto nach Hause. Nach wie vor war die Innenstadt für Privatwagen gesperrt, obwohl der Verkehr längst nicht mehr so dicht war wie vor dem Ausbruch der Pest. Zu viele waren gestorben, als dass es überhaupt möglich war.

Es standen nicht mehr viele Wartende mit ihnen am Gleis, als der Zug einfuhr. Die meisten Menschen achteten darauf, möglichst früh vor Sonnenuntergang daheim zu sein, auch die Arbeitszeiten hatten sich dem angepasst. Jesse hatte als Bibliothekar auch kaum noch viel zu tun, und er wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis die ersten Entlassungen folgten. Er machte sich dennoch wenig Sorgen darum Ben als Mechaniker war nicht nur für Autos gefragter denn je, um die Wagen sicherer zu gestalten, sondern auch als Berater und Handwerker für Räume mit Pestschutz.

Zusammen mit einem weiteren Paar stiegen sie in einen der Wagons ein zumindest vermutete Jesse, dass die beiden ein Paar waren anhand der Art, wie sie sich vertraulich zankten, ohne dass man etwas verstehen konnte. Sie hörten auch nicht auf damit, bis sie drei Stationen weiter den Zug wieder verließen.

Mit einem zufriedenen Seufzen lehnte Jesse sich gegen seinen Freund, was Ben dazu brachte, ihm einen Arm um die Schultern zu legen. Das nur leicht auszumachende Spiegelbild in der Scheibe gegenüber zeigte, wie gut sie zueinander passten. Ben groß und dunkelhaarig, Jesse kleiner und blond. Es ließ ihn lächeln. Er hätte sich auch in Ben verliebt, wenn der rothaarig oder kahl gewesen wäre, da war er sich sicher, aber er mochte es dekorativ, und während Ben für die handwerklichen Dinge zuständig war, so war er es für die Optik. Und das bezog sich auch aufs Kochen. Ben kochte um Klassen besser als er, aber wenn sie Freunde zu Besuch hatten, war Jesse dafür verantwortlich, das Essen, sobald es fertig war, hübsch anzurichten.

"Was gibt es heute zu essen?", fragte er und streichelte gemütlich über Bens Knie. Er freute sich auf daheim, auf eine gute Mahlzeit, einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher und viel Entspannung nach dem anstrengenden Tag.

Der Wagon schwankte und ließ sie beide aufschrecken. Ein rascher Blick nach draußen zeigte jedoch nichts Ungewöhnliches. Der SkyTrain glitt weiter auf seinen hohen Gleisen dahin, unter ihnen zogen Vororte und auf der einen Seite das weite Flussdelta vorbei, auf der anderen Seite die schneebedeckten Gipfel des nahen Gebirges.

"Pizza", antwortete Ben verspätet, während die androgyne Stimme der Lautsprecherdurchsage verkündete, dass in fünfzig Minuten die Sonne unterging. "Der Teig steht schon seit heute Morgen im Kühlschrank und wartet auf unsere Heimkehr."

"Prima." Träge beobachtete Jessi durch die großen Fenster, wie an der nächsten Station im Wagon vor ihnen mehrere Leute ausstiegen und ein Mann dazukam, während ihr eigener Wagen leer blieb. Die Sonne sank in Richtung Horizont und wurde rot.

Langsam senkten sich die Schienen ab, als sie sich der Endstation näherten und der Zug langsamer wurde. Jesse streckte sich gähnend und rückte den Rucksack zurecht. Man konnte bereits den Bus an der Haltestelle warten sehen, aber Jesse war froh, dass sie hier in ihren Truck umsteigen konnten. Es ließ ihn sich unabhängiger und damit sicherer fühlen.

"Was zur Hölle...!", brachte Ben verblüfft hervor, und im selben Moment sah es auch Jesse. Der Bus machte einen Satz. Die ganze Straße machte einen Satz. Es war, als liefe eine Woge unter dem Asphalt hindurch. Stein ächzte.

Mit zischenden Bremsen kam der Zug zum Stehen, noch ehe sie die Station erreicht hatten. Ein Beben ging durch die Wagen hindurch, Jesse sah den vorderen Wagon hüpfen, bevor ihr eigener vibrierte. Für einen Moment war es ruhig, man hörte aufgeregte, gedämpfte Stimmen aus den angrenzenden Abteilen.

"Scheiße!", fluchte Ben erschrocken, ehe er die Rucksäcke auf den Boden warf, Jesse packte und ihn mit sich nach unten zog. In dem Moment, bevor die Fenster aus Jesses Sicht verschwanden, sah er Häuser schwanken, als sei Grund flüssig geworden.

Zu erschrocken, um auch nur zu schreien, klammerte Jesse sich an eine Haltestange und seinen Freund, während der Wagen durchgeschüttelt wurde. Er schrie erst, als sie langsam zu kippen begannen. Dunkles Grollen füllte die Luft, in dem die panischen Stimmen umher untergingen. Bens Arme schlossen sich fester um ihn, sein Freund zog ihn an sich, als wollte er ihn mit dem eigenen Körper schützen. Donnergetöse herrschte um sie, Krachen, Prasseln, ein Kreischen wie von reißendem Metall. Der Wagon kippte zurück in die Waagrechte und schüttelte sie erneut durch.

Dann war es still.

Benommen rappelte Jesse sich in sitzende Position auf und rieb sich eine schmerzende Stelle am Oberarm, mit der er gegen eine Sitzkante geprallt war. Sein Herz raste, und als er Ben ansah, konnte er den selben Schock in dem Gesicht seines Freundes entdecken.

"Scheiße, was war das? War das ein Erdbeben?" Selbst seine Stimme war piepsig. "Die bleiben doch immer schön brav viel weiter im Süden!"

Eine erneute Erschütterung ging durch den Wagon, weniger stark als die davor, doch dieses Mal schrie Jesse gleich, während Ben lauthals fluchte. Aneinander geklammert blieben sie auf dem Boden sitzen und warteten. Zwei weitere Erdstöße folgten, doch erst, als die Computerstimme emotionslos verkündete, dass die Zeit bis Sonnenuntergang noch vierzig Minuten betrug, wagten sie es, sich aufzurichten.

Ungläubig starrte Jessi nach draußen. Das Stationsgebäude war in Teilen zusammengebrochen, der Bus stand noch, und von den Häusern um den Platz davor schienen nur die wenigstens schwere Schäden davongetragen zu haben. Doch hinter ihnen gab es nichts mehr. Die SkyTrainSchiene war verschwunden, und ein tiefer Graben hatte sich aufgetan, in den sich der breite, mächtige Fluss in einem gigantischen Wasserfall ergoss. Vom SkyTrain an sich gab es nur noch zwei Wagons, der hintere Teil musste abgestürzt sein.

"Oh Gott", flüsterte Jesse und tastete nach Ben, ohne den Blick von der klaffenden Spalte direkt hinter ihnen nehmen zu können. "Oh Gott..."

Fassungslos standen sie Hand in Hand und versuchten zu begreifen, was geschehen war.

"Noch dreißig Minuten bis Sonnenuntergang", verkündete die körperlose Stimme der automatischen Zeitansage. "Bitte beachten Sie, dass in zehn Minuten der Wagon automatisch versiegelt wird. Sollten Sie sich zu dem Zeitpunkt noch hier befinden, verlassen Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit und der Ihrer Mitreisenden nicht den Wagon. Solange Sie sich hier befinden, sind Sie vor der Dunklen Pest geschützt. Die Filtervorrichtungen reichen aus, um zehn Personen für eine Nacht zu versorgen. Die Notdecken, sowie eine entsprechende Vorkehrung für die Notdurft befinden sich unter den Sitzen im vorderen Teil des Wagens. Bitte beachten Sie, dass die Hauptstromversorgung unterbrochen ist. Das Notstromaggregat hat jedoch ausreichend Energie, um die Sicherheit für zwölf Stunden zu garantieren."

Die Meldung wurde in weiteren Sprachen wiederholt, doch Ben hörte nicht mehr hin. "Wir kommen nicht mehr rechtzeitig nach Hause. Selbst wenn dem Wagen nichts passiert ist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass irgendeine Straße unpassierbar ist. Wir bleiben hier."

Benommen nickte Jesse, dann schüttelte er den Kopf, als sein Blick auf Risse im Fenster fiel. "Das geht nicht! Hier erwischt uns die Pest garantiert!"

Ben sah flüchtig auf die Scheiben, dann nickte er und nahm er ihre Rucksäcke auf. "Der andere Wagon ist vielleicht noch intakt."

Sie sprinteten nach vorne, lösten die Türsperre von Hand und stolperten zu dem nächsten Wagon. Auf den ersten Blick schien alles intakt, zumindest auf dieser Seite wiesen die Fenster keine Risse auf. Doch die Türen öffneten sich nicht, als Jesse den Türöffner betätigte. Auch die nächste Tür blieb geschlossen. Hinter der Sitzreihe tauchte das Gesicht eines Mannes auf; er hielt ein Taschentuch gegen eine Platzwunde am Kopf gedrückt. Heftig winkte er ab.

"Die Versiegelung ist zu! Wir können euch nicht reinlassen, sonst kann sie nicht mehr hochgefahren werden. Notstrom!"

Jesses Herz sackte in seinen Magen, Schwindel rauschte durch ihn hindurch. Von hier bis zum Truck brauchten sie garantiert zehn Minuten und nach Hause bei guten Verhältnissen dieselbe Zeit noch einmal. Für ein paar Notminuten reichten bestimmt die ungetesteten Sicherheitsvorkehrungen, die Ben eingebaut hatte. Aber das war es dann. Im Wagen würden sie die Nacht nicht überleben.

"Zurück in den Zug. Das ist unsere einzige Chance."

Sie rannten zurück und stolperten ins Innere. Mit fliegenden Fingern öffnete Ben seinen Rucksack und zerrte eine Silikonpatrone in Blau heraus, sowie die Pumpe.

"Schau nach, wo außer den Rissen in den Fenstern noch offene Stellen sein könnten!", sagte er hektisch, während er die Kartusche einlegte. Die Sonne sank als roter Feuerball unberührt dem Horizont entgegen, während er die ersten Risse verklebte und Jesse über den Boden robbte, Wände und Decke prüfte und akribisch nach gefährdeten Stellen suchte. Er fand zwei dort, wo der hintere Teil des Zuges abgerissen war, klaffte ein Riss, und eine der Türen war verzogen.

"Versiegelung wird aktiviert", verkündete die Computerstimme, gefolgt von der Meldung: "Versiegelung nicht möglich. Ein erneuter Versuch wird durchgeführt."

"Scheiße!", fluchte Ben, ließ das Fenster Fenster sein und verfugte die Tür.

"Versiegelung wird aktiviert", verkündete die Computerstimme erneut, wieder gefolgt von der Meldung: "Versiegelung nicht möglich. Ein erneuter Versuch wird durchgeführt."

Ben stürzte zu dem Riss im Heck, während Jesse im Notfallfach unter den Vordersitzen hektisch nach einer Taschenlampe kramte. Noch einmal suchte er in ihrem Schein die dunklen Bereiche unter den Sitzen ab, aber konnte keine weiteren kritischen Stellen entdecken. Auch Decke und Wände schienen intakt zu sein. Er wünschte, sie hätten eine zweite Pumpe mitgenommen, damit er Ben helfen konnte, doch selbst wenn er daran gedacht hätte es war die einzige gewesen.

Ben widmete sich wieder den Fenstern, während die Computerstimme zum dritten Mal verkündete: "Versiegelung wird aktiviert."

Erstarrt hielten sie inne, als ein leises Zischen erklang.

"Versiegelung erfolgreich. Bitte verlassen Sie den Wagon erst, wenn die Sonne vollständig aufgegangen ist. Die SkyTrain Company wünschen Ihnen eine geruhsame Nacht."

"Oh Gott." Mit einem erleichterten Ächzen sackte Jesse auf dem Sitz zusammen, neben dem er gerade noch gestanden hatte.

Ben fugte weiter. Erst, als er den Inhalt von drei Kartuschen auf die diversen Risse und Sprünge verteilt und damit ein buntes Netz aus Blau und Weiß erzeugt hatte, hielt er inne.

"Jetzt können wir nur noch beten, dass es hält", murmelte er und zog die Mütze vom Kopf, um sich durch die Haare zu fahren.

"Und dass uns keine Nachbeben in den Abgrund hinter uns befördern", fügte Jesse an und erschauderte. Er stand auf und warf dem letzten dunklen Nachglühen am Horizont einen Blick zu, ehe er erneut schauderte. Rasch ging er nach vorne, um Bodenmatten, Decken und Kissen aus dem Notfallfach herauszuholen. Immerhin hatten sie genug davon, um ein regelrecht gemütliches Lager zu richten die Ausstattung war für zehn Menschen angelegt. Sogar Wasser und Energieriegel gab es und auf der gegenüberliegenden Seite eine ausziehbare Kunststofftoilette mit Fäkalientank, die der nicht unähnlich war, die sie in ihrem eigenen Schlafzimmer in der Anfangszeit genutzt hatten, als dieses der einzigen wirklich sichere Ort über Nacht gewesen war. Für Notfälle stand das Klo noch immer hinter einem Raumteiler.

Auch im Nachbarwagon huschte der Strahl der Taschenlampe umher. Jesse wünschte sich, sie wären ebenfalls dort. In einer Gruppe ertrug sich so etwas bestimmt besser. Man konnte sich gemeinsam ablenken, und außerdem waren dort die Fenster intakt.

"Was für ein Glück hast du Silikon gekauft", sagte er mit einem schiefen Grinsen.

Ben lachte dunkel, während er mehrere Matten stapelte und eine Decke darüber ausbreitete. "Ich sage doch, man kann nie genug davon haben."

"Du hast natürlich Recht, mein Schatz." Im Schein der Taschenlampe holte Jesse die große Box mit der bunten Donat-Auswahl und die Äpfel aus seinem Rucksack, die sie früher am Tag gekauft hatten. "Ein ausgewogenes Abendessen, der Herr, auch wenn es nicht mit einer Pizza verglichen werden kann."

Ben grinste und sah ihn an; das Grinsen verblasste, dann schauderte er, schob die Box beiseite und zog Jesse in seine Arme.

"Scheiße", murmelte er. "Ich bin so froh, dass es dir gut geht, Baby."

"Hey. Heyhey, alles ist in Ordnung." Jesse erwiderte die Umarmung fest und drückte das Gesicht gegen Bens warmen Hals. Natürlich war nichts in Ordnung, nach einem Erdbeben in einem desolaten Wagon in der Nacht am Rande eines Abgrunds mit Toten und Sterbenden um sie herum irgendwo da draußen. Aber sie lebten, sie waren unverletzt und sie waren zusammen.

"Ich liebe dich, Baby." Ben atmete tief durch; sein Griff lockerte sich etwas, aber er ließ ihn nicht los.

"Ich liebe dich auch." Für einen wunderbaren Moment fühlte Jesse sich sicher und geborgen und als wäre das, was in der letzten Stunde geschehen war, nur ein böser Alptraum.

Der durchdringende Schrei aus dem vorderen Wagon war in der Stille der Nacht deutlich zu hören.

"Es kommt rein! Da, es kommt rein!" Die Stimme war schrill vor Angst.

"Leg was drauf! Verstopf es!"

"Gib mir..."

Der Schein der Taschenlampe huschte über die Decke ihres Wagons, wieder schrie jemand, ein dumpfer Laut, nur gedämpft zu hören, dann war es still. Stiller noch als zuvor.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte Jesse zu den verklebten Fenstern hin, während er sich an Ben festhielt. Ein leichter Schleier schien über die Scheiben zu gleiten und das Licht des aufgehenden Mondes zu verschlucken. Seine Finger gruben sich fester in Bens Jacke, während sie reglos warteten.

Die Dunkle Pest blieb draußen, nicht jedoch die Kälte. Jesse spürte, wie sie ihm in die Glieder kroch, doch er wollte sich nicht bewegen, wollte bewegungslos verharren aus Angst, dass es die Pest aufmerksam machen könnte.

Schließlich zog Ben eine Decke hoch und legte sie ihm um die Schultern, dann küsste er ihn auf die Schläfe und nahm die Taschenlampe an sich.

"Ich schaue nach, ob die Fugen dicht sind", flüsterte er.

"Mach keine Dummheit", wisperte Jesse zurück.

Das brachte Ben zum Lächeln. Sacht zauste er ihm durch das Haar, ehe er aufstand. "Ich will nur sicher mit dir die Nacht überleben. Ich mache garantiert nichts, was ich bereuen könnte."

Jesse zog die Decke dichter um sich, während er seinem Freund mit Blicken folgte. Ben prüfte gewissenhaft erst die Fenster, dann die Tür und schließlich den Riss im Heck. Einen Moment lang blieb er dort stehen und schaute hinaus, bevor er zurückkehrte und in den anderen Wagon spähte. Jesse sah ihn schaudern, ehe er sich abwandte und wieder zu ihm setzte.

"Alles sicher, soweit man erkennen kann", sagte er gedämpft. "Der Wasserfall sieht beeindruckend aus im Mondlicht. Ich frage mich, wie lange es dauert, bis die Kluft gefüllt ist oder ob der Fluss sich einfach unten seinen neuen Weg bahnt."

Aufmerksam betrachtete Jesse das Gesicht seines Freundes im Lampenschein. Ben war müde, erschöpft, grau, angespannt und sah genauso aus, wie er selbst sich fühlte. Jesse hob die Hand und strich mit den Fingerspitzen über die energischen Lippen, dann mit den Fingerrücken über seine Wange. Er wollte alles davon wischen, doch es war nicht möglich.

"Sind sie..."

Ben nickte stumm, und Jesse zog frierend die Decke hoch.

Sie kuschelten sich zusammen in die Decken, den Rücken gegen die Sitzreihe gelehnt, und aßen jeder einen Donat, mehr aus Vernunft als aus Hunger. So blieben sie sitzen, Arm in Arm. Jesse konnte sich nicht erinnern, jemals so erschöpft gewesen zu sein, mehr geistig, als körperlich, doch der Schlaf wollte nicht kommen. Leise flüsternd unterhielten sie sich über vergangene Urlaube, schöne Tage und Momente, die sie zusammen gehabt hatten und versuchten, die Gegenwart zu vergessen.

Irgendwann in der Nacht ließ ein weiteres Nachbeben sie vor Angst erstarren, doch der Wagon hielt ebenso wie die reparierten Fugen. Erst gegen Morgen dösten sie beide ein, noch immer im Sitzen, noch immer dicht aneinander geschmiegt.

 

"Die SkyTrain Company wünscht einen guten Morgen. Gerne informieren wir Sie darüber, dass die Sonne aufgegangen ist und Sie den Wagen jetzt verlassen können. Den Fahrplan Ihres Anschlussbusses finden Sie im Aushang jeder Station. Bitte beachten Sie, dass dieser Wagen gewartet werden muss, ehe er erneut als sicheres Domizil dienen kann. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Tag."

Jesse schreckte mit dem leisen Zischen hoch, als die Verriegelung gelöst wurde. Das erste, was er sah, waren Bens dunkle Augen, die seinen Blick erwiderten, dann wurde ihm bewusst, dass die Nacht vorbei war und sie beide lebten.

Sie hielten sich nicht lange auf. Rasch räumten sie die Decken und Matten wieder in ihr Fach, warfen ihre Rucksäcke über und verließen den Wagon.

"Schau nicht rein", sagte Ben, als sie an den Türen des anderen Wagens vorbeigingen, aber Jesse hatte auch so kein Verlangen danach.

Sie machten einen Bogen um die Überreste der Station, deren Dach eingebrochen war und in weiten Teilen wirkte, als wollten die Reste auch jeden Moment nachgeben. Die Straßen waren wie ausgestorben, als sie in Richtung der Panoramastraße liefen, in der sie den Wagen zurück gelassen hatten. Jesse erhaschte einen Blick auf den Fahrer des Busses, der leblos über den Steuer hing, und sah rasch weg.

Die Schäden waren erstaunlich gering. Der Asphalt war an vielen Stellen aufgeplatzt. Laternenmasten waren umgeknickt, einige Hauswände wiesen Risse auf. Zahlreiche Fenster waren geborsten oder ganz zerbrochen, so dass die Fensteröffnungen wie anklagende schwarze Augenhöhlen wirkten. Doch die meisten Gebäude standen.

In einer Seitenstraße entdeckten sie mehrere reglose Körper, doch lebendige Menschen waren weit und breit nicht zu sehen. Es war, als wären sie die letzten Überlebenden dieser Nacht, und soweit Jesses Phantasie reichte, konnte das auch durchaus so sein. Zersprungenes Glas war kein Schutz gegen die Dunkle Pest.

Als sie in die schnurgerade Panoramastraße einbogen, hob sich vor ihnen die Sonne über die Hügel am Horizont empor. Diese Aussicht war es, die ihr den Namen gegeben hatte. Ein Wagen war in eine Hauswand gerutscht, doch ihr eigener Truck stand wuchtig und sicher auf der anderen Straßenseite.

Jesse blieb stehen und sah dem Sonnenaufgang zu, blutrot wie jeden Morgen und doch anders als sonst. Kleine Wölkchen wurden in feuriges Licht getaucht.

"Sind wir die einzigen, die überlebt haben?", fragte er beklommen und fand seine Stimme so fehl am Platz wie den Laut ihrer Schritte, der nun verstummt war. Er ließ den Rucksack zu Boden sinken und sah sich um. Hinter jedem dieser Fenster konnten Tote liegen, die zwar das Erdbeben, aber nicht mehr die folgende Nacht überstanden hatten. Hunderte. Tausende vielleicht gar. Seine Kehle wurde eng.

Ben stellte seinen Rucksack daneben und sah an den Häuserfronten empor. "Hier? Ich weiß es nicht." Einen Moment standen sie einfach nur da, dann rief er laut: "Hallo! Ist hier jemand? Hallo? Braucht jemand Hilfe?"

Seine Stimme hallte von den Wänden wieder, dann war es erneut still. Jesse schauderte und lehnte sich gegen ihn, schützend schlossen sich Bens Arme um ihn.

"Immerhin haben wir uns", murmelte er.

"Die Häuser bei uns in der Nachbarschaft sind sicherer. Ich habe genug kleine Schutzzellen einrichten geholfen, um das zu wissen. Und vielleicht war das Erdbeben dort weniger stark. Wir sind nicht die einzigen", sagte Ben fest, und Jesse hoffte, dass er es nicht nur sagte, um ihn zu beruhigen. Aber er wollte es glauben.

Die Sonne hob sich über die Hügel und tauchte die Straße in goldenes Licht, als sie die Rucksäcke wieder aufnahmen und in ihren Truck stiegen, um nach Hause zu fahren.


Die Geschichte entstand anlässlich des angeblich durch den Maya-Kalender vorhergesagten Weltuntergangs, der am 21.12.2012 stattfinden sollte. Tatsächlich endete da lediglich ein Zeitraum des genannten Kalenders, was natürich manche nicht davon abhielt, die Apokalypse zu prophezeihen. Ich habe zu einem themenbezogenen Bild aufgerufen, die liebe Split hat geantwortet, und das ist die Geschichte, die dadurch entstand.

Ich habe mich für englische Namen und ein vage nordamerikanisches Setting entschieden, weil dank Hollywood Weltuntergänge selbstverständlich Amerika am ehesten betreffen. ^_~ Durch die Vorgaben der Zeichnung - keine Menschen bis auf das Paar, verhältnismäßig wenig sichtbare Schäden, leere, schwarze Fensteröffnungen, keine sichtbaren Toten - habe ich mich im Endeffekt für eine Mischung aus Erdbeben und der Dunklen Pest entschieden, die ich in einem fortgeschrittenen Stadium schon in einer NuR-Geschichte (Stockwerk Nr. 15) genutzt habe.

The Morning After: © Split - Klick auf das Bild führt zu einer großen Version.


Pandorah
Ende