Hundstage

"Alle vergeben." Die Enttäuschung umgab Ben spürbar, als er kurz vor Sonnenuntergang nach Hause zurückkehrte.

Jesse hörte, dass er seine Jacke auf den Stuhl im Vorraum warf und die Schuhe von den Füßen trat, ehe er zu ihm in die Küche kam. Jesse kaschierte ein unpassendes Grinsen, indem er einen Stapel Teller in den Hängeschrank stellte, bevor er sich zu seinem Freund umdrehte, die Arme um ihn legte und ihm in die Augen sah. "Dafür weiß Mandy jetzt, dass du einen willst und merkt dich sicher vor."

"Hm." Ben drückte ihn und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. "Es wird ewig dauern, ehe Trixie das nächste Mal wirft. Aber was will ich machen..."

Sacht zauste Jesse ihm durch die dunklen Haare. "Es heißt einfach noch ein wenig warten. Ist ja nicht so, als sei es damit unmöglich geworden."

"Hm."

Weder klang Ben überzeugt, noch sah er so aus. Jesse umarmte ihn fester und lächelte versteckt gegen seinen Hals. Am Anfang ihrer Beziehung hatte er keinen Hund gewollt und sich vehement gewehrt, bis Ben aufgegeben hatte, das Thema anzusprechen. Doch gegen den sehnsüchtigen Blick, wann immer ihnen Hunde begegneten, war er einfach machtlos gewesen. Seinem Schatz etwas zu verwehren, was dieser sich derart innig wünschte, ging einfach nicht auf Dauer gut. Shops, in denen man Haustiere kaufen konnte, gab es nicht mehr, seit das Erdbeben sie von jeder Stadt getrennt hatte. Doch dann war Trixie gedeckt worden. Zu seinem Glück hatte Jesse bei einem kleinen, nachbarlichen Plausch als einer der ersten davon erfahren, und er hatte die Gunst der Stunde genutzt.

Ben hingegen hatte das Thema derart gründlich verdrängt, dass es erst wieder aufgekommen war, als er die kleinen Fellknäuel im Garten um die Ecke in der Abendsonne hatte herumtollen sehen. Den kurzen Weg über hatte er tief gegrübelt, und noch ehe sie daheim die Tür hinter sich geschlossen hatten, war seine erste Frage gewesen: "Bist du sicher, dass du immer noch keinen Hund willst?"

Jesse hatte sich innerlich ein wenig amüsiert, als er sein Einverständnis gegeben hatte immerhin hatte Ben am nächsten Tag Geburtstag, und das Geschenk stand seit Wochen fest. Womit er nicht gerechnet hatte, war, dass sein strahlender Schatz nach einer festen Umarmung direkt auf dem Absatz kehrt machen und zurück zu Mandy laufen würde, ganz ungeachtet der späten Uhrzeit.

Draußen färbte sich der Himmel dunkelblau. Grummelnd ließ Ben Jesse los und schaltete das Sicherheitssystem ein. Die Jalousien fuhren hinab, ein leises Zischen verkündete die Versiegelung. Trotzdem prüfte Ben wie jeden Abend akribisch jedes Fenster und jede Tür, ehe er zurück zu Jesse in die Küche kam.

Seine Niedergeschlagenheit begleitete sie durch das Essen, das sie gemeinsam kochten und dann in der offenen Küche aßen. Sie kam auch mit zum Kuscheln ins Bett in ihrer kleinen, sicheren Schlafzelle, während der Fernseher leise im Hintergrund dudelte ein Film von Blueray. Die wenigen verbliebenen Fernsehsender brachten selten etwas, das man tatsächlich sehen wollte. Jesse versuchte vergeblich, die kleine Falte zwischen den dunklen Augenbrauen wegzustreicheln.

"Hey Schatz", sagte er schließlich leise und küsste Ben auf den Mundwinkel. Er wollte nicht, dass Ben so enttäuscht war, wenn sich sein Wunsch doch am nächsten Tag erfüllte. "Sei nicht traurig. Mandy ist nicht die einzige mit Hund. Vielleicht kommt demnächst ja woanders noch ein Wurf."

Mit einem schiefen Grinsen drehte Ben den Kopf und fing Jesses Lippen für einen kurzen Kuss ein. "Aber du hast jetzt Ja gesagt. Nach wie vielen Jahren?" Er seufzte und schmuste das Gesicht in Jesses blondes Haar. "Wirst du immer noch Ja sagen, wenn sich die nächste Chance bietet?"

"Das ist deine Sorge?" Jesse lächelte erleichtert. Er richtete sich ein wenig auf und umfing Bens Gesicht mit beiden Händen. "Ich verspreche dir, dass wir uns so schnell wie möglich einen Hund zulegen. Nur halt nicht heute. Aber sobald sich die Gelegenheit bietet, schlagen wir zu."

Das Leuchten, das Bens braune Augen füllte, machte ihn ganz schwach. Gott, wie er diesen Mann liebte! Er schlang ihm die Arme um den Hals und küsste ihn heftig. Ben erwiderte sowohl die Umarmung, wie auch den Kuss leidenschaftlich, und sie waren beide atemlos, als sie sich nach einer langen Zeit wieder trennten.

Grinsend sah Ben ihn an. "Das wäre eigentlich mein Part gewesen, dich vor Freude zu küssen. Womit habe ich diese Attacke ausgelöst? Das will ich gleich noch mal versuchen."

Jesse lachte auf und biss Ben ins Kinn. "Das machst du doch eh ständig. Mit mir lachen. Mich derart strahlend anlächeln wie eben. Dich freuen. Manchmal kann ich mich dabei beherrschen. Manchmal nicht. Ich liebe es, wenn du dich freust."

"Du bist kitschig, Baby." Mit einem Lächeln fing Ben seine Hand ein und küsste sie, dann zog er Jesse eng zu sich, um ihn mit beiden Armen fest an sich drücken zu können.

Jesse lächelte ebenfalls, als er sich ein wenig zurecht ruckelte, um sich besser an ihn kuscheln zu können. Manchmal war 'kitschig' Bens Äquivalent für 'unglaublich süß'; denn manchmal war auch Ben kitschig. Und mittlerweile kannte Jesse ihn lange genug, um zu wissen, was er gerade meinte.

 

Jesse erwachte später als geplant, und er erwachte zudem mit dem Blick in Bens dunkle Augen und sein lächelndes Gesicht. Das ließ seinen Plan, sich nach draußen zu schleichen und das Geburtstagsfrühstück zu richten, in sich zusammenfallen; trotzdem musste er ebenfalls lächeln. Die Tür zum Schlafzimmer stand offen, Sonnenlicht fiel in den Raum. Offensichtlich war Ben sogar schon auf gewesen.

"Guten Morgen, Geburtstagskind", murmelte Jesse und lehnte sich vor, um seinen Freund zu küssen ein weicher Kuss auf die Lippen; wenn er die Wahl hatte, zog er es vor, sich erst die Zähne zu putzen, ehe sie knutschten. Manchmal hatte er sie nicht und es passierte einfach. Ben war offensichtlich sogar schon im Bad gewesen, er roch nach Zahnpaste und Duschgel.

"Ich mag es, dich aufwachen zu sehen. Du schaust immer so niedlich zerknautscht aus." Ben streckte die Hand nach ihm aus und zauste durch sein blondes Haar, was Jesses Lächeln noch ein wenig breiter werden ließ.

"Ich freue mich, dass dir mein erstes Geburtstagsgeschenk schon gefällt", neckte er und streichelte mit den Fingerspitzen über Bens glattrasierte Wange. "Ich musste mich sehr anstrengen, nicht vor dir wach zu werden."

Mit einem Schnauben lachte Ben. "Sicher, Baby. Ich danke dir für deine hingebungsvolle Opferbereitschaft."

"Ich hoffe, du hast nicht schon Frühstück gemacht?"

"Nein. Ich weiß, dass du mir das nicht verziehen hättest." Ben grinste. "Ich war nur draußen, habe die Hühner gefüttert und ein paar Eier eingesammelt."

Seit das Erdbeben sie von der Außenwelt abgeschnitten hatte, hielt fast jeder Hühner im Garten, und gemeinsam kümmerten sich alle Bewohner ihrer Siedlung um eine kleine Rinderherde, die sie von einer nahen Farm geholt hatten. Die Farmer hatten das Erdbeben nicht überlebt, wie so viele aufgrund eines Ausfalls ihres Sicherheitssystems und nicht wegen der Erdstöße.

Ebenso waren alle Überlebenden dabei, sich mit Feldarbeit vertraut zu machen. Unglücklicherweise hatte niemand wirklich Ahnung davon, und Jesse hoffte inständig, dass sie es schafften, erfolgreich zu werden, ehe die Vorräte ausgingen. Der Anbau von Getreide, Obst und Gemüse war längst nicht so einfach, wie er sich das immer vorgestellt hatte. Ein weiteres Problem war der Strom. Niemand wusste, wie lange sie noch am Netz hängen würden.

Sie schmusten eine ganze Weile, ehe sie sich aufraffen konnten. Ben ging in die Garage, um ein wenig an seinem neusten Projekt Energiezellen herumzubasteln, während Jesse rasch duschte, sich rasierte und anzog, dann das Frühstück richtete und die Geschenke auf dem kleinen Tisch neben dem Esstisch drapierte. Es waren einige, immerhin Geschenkpapier war kein Luxusgut. Niemand brauchte es wirklich, so dass Jesse sich in der ausgestorbenen Mall einfach hatte bedienen können.

Sobald sein Schatz die ersten zwei Päckchen geöffnet hatte, würde er vermutlich sehr misstrauisch sein. Jesse grinste. Ein Kauknochen, eine Leine samt Halsband und ein Korb mit Kissen waren nicht gerade subtil. Dazu kam ein Sack mit Trocken- sowie eine Kiste mit Dosenfutter.

Mit einem Blick auf die Uhr lächelte er zufrieden. Perfektes Zeitmanagement. In einer halben Stunde würde Mandy mit dem Welpen vorbeikommen, bis dahin hatten sie gegessen und Ben konnte sich an das Auspacken der Geschenke machen.

Dieses Mal lief alles perfekt nach Plan. Auf Jesses Anweisung hin packte Ben nach dem Frühstück zuerst das einzige Geschenk aus, das nicht mit dem Hund zusammen hing ein Buch über die Entwicklung des Motors, das Jesse noch vor dem Erdbeben besorgt hatte, und über das sich sein Schatz außerordentlich freute. Als nächstes kam der Kauknochen an die Reihe.

Ben lachte auf, als er ihn ausgepackt hatte, dann umarmte er Jesse und gab ihm einen Kuss. "Du bist süß. Echt süß. Wo hast du den denn noch in der Kürze der Zeit aufgetrieben?"

Jesse brauchte einen Moment, ehe er verstand, was Ben meinte ganz offensichtlich fasste sein Freund es als eine Bekräftigung des Versprechens vom Vorabend auf. Jesse musste grinsen. "Och, man hat so seine Beziehungen..."

"So, hat man die." Ben grinste ebenfalls und widmete sich dem nächsten Päckchen. Jesse beobachtete lächelnd, wie sein Schatz erst das Schleifenband entfernte und behutsam die Klebstreifen abzog, ehe er das grüne Papier beiseite schlug. Es gab ihm das sichere Gefühl, dass Ben seine Mühe um eine schöne Verpackung zu schätzen wusste.

Einen Moment sah Ben das schwarze, schlichte Hundehalsband an, ehe er es hochnahm, langsam in den Fingern drehte und schließlich zu Jesse aufsah, die braunen Augen voll verwirrter, ungläubiger Hoffnung.

Noch bevor er fragen konnte, klingelte es, und Jesse beugte sich vor, um Ben erst einmal, dann noch einmal zu küssen. Sein Freund war viel zu niedlich, wenn er so guckte. "Bin gleich wieder bei dir, Schatz. Lauf mir nicht weg."

Rasch ging er nach vorne und öffnete die Haustür, froh darüber, dass man sie von der Küche aus nicht einsehen konnte.

"Na, weiß er schon, was ihn erwartet?", flüsterte Mandy verschwörerisch. Ihr dunkles Gesicht strahlte vor guter Laune und ließ sie noch einmal so hübsch sein, wie sie es ohnehin war. Mit einem breiten Lächeln hielt sie ihm die Tragebox entgegen, durch deren Gitter man den Welpen sehen konnte, ein flauschiges Fellbündel in Cremeweiß, Silbergrau und ein wenig Goldbraun, mit hängenden Ohrenspitzen und einem gleichermaßen treuen, wie frechen Ausdruck im Hundegesicht. Wenn er nach Trixie kam, würde er einmal Kniehöhe erreichen. Eine gute Größe, wie Jesse fand. Weder ein Kalb, das durch seine bloße Anwesenheit das Haus um die Hälfte kleiner werden ließ, noch etwas Rattenartiges, auf das man treten konnte, wenn man nicht aufpasste.

"Er ahnt es." Er gluckse leise und nahm die Box entgegen. "Danke, dass du die Kleine gebracht hast. Ist es okay, wenn wir das Mittagessen etwas nach hinten verschieben?" Er hatte sie und ihren Mann eingeladen, als Dankeschön und um sich und Ben in die Handhabung des Welpen einweisen zu lassen. "Unser Frühstück wird gerade erst beendet."

Sie lachte. "Komm einfach kurz rüber und sag Bescheid. Jetzt lass deinen Mann nicht warten, der arme Kerl dürfte eh schon ganz verwirrt sein."

Sie umarmten sich um die Box herum, dann zwinkerte sie ihm zu und wandte sich um, ehe Jesse die Tür schloss.

"Wer war das?", rief Ben.

"Mandy. Ich habe sie zum Essen eingeladen heute, Bestechung kann nie schaden", flunkerte Jesse gut gelaunt, was Ben zum Lachen brachte.

Jesse machte es kurz, als er zurück in die Küche kam. Er stellte die Transportbox auf den Tisch vor seinen Freund. "Noch mal alles Liebe zum Geburtstag, mein Schatz. Sie heißt Lucy."

Ben starrte ihn an. Dann die Box. Dann wieder Jesse. Dann sah er durch das Gitter ins Innere, wo sich Lucy gerade auf ihren tapsigen Pfoten aufrichtete und die Schnauze gegen die Streben presste, um zu schnüffeln. Einen langen Moment starrte Ben einfach nur weiter.

"Oh mein Gott", sagte er schließlich leise, ehe das breiteste Grinsen der Weltgeschichte über sein Gesicht zog.

Rasch öffnete er das Gitter und hielt dem Welpen die Hand hin. Lucy schnüffelte erneut, und mit dem beginnenden Schwanzwedeln begann der ganze kleine Hund zu wackeln. Ben lachte und hob sie heraus. Eingehend betrachtete er die Kleine; sie versuchte, seine Hand zu lecken. Ben lachte erneut. "Du bist ja eine Süße."

Jesse fand es unendlich niedlich anzusehen, wie behutsam sein Freund das flauschige Fell streichelte, sich von kleinen Zähnen in die Finger beißen ließ und Lucy davor bewahrte, von seinem Schoß zu fallen, als sie sich mit den Vorderpfoten an seinem Bauch aufrichtete und durch den unebenen Untergrund das Gleichgewicht verlor. Schließlich setzte er sie auf den Boden, um sie ihr neues Revier auskundschaften zu lassen.

"Wenn sie Pfützen macht, wischst du sie weg", verkündete Jesse mit einem Grinsen, während das Fellknäuel eifrig schnüffelnd und schwanzwedelnd den Raum zu erkunden begann.

Ben lachte wieder, dann stand er auf, trat zu Jesse und zog ihn in eine derart feste Umarmung, dass diesem der Atem wegblieb. "Baby, du bist ein Engel! Und ein Gauner, weil du mich gestern an der Nase herumgeführt hast. Auch wenn das natürlich sein musste." Er küsste ihn mehrfach, dann lehnte er die Stirn gegen Jesses und sah ihn mit leuchtenden Augen an. "Ich liebe dich, du wunderbarer Mann. Danke!"

Der Blick konnte noch immer machen, dass Jesse sich ganz schwach fühlte. Es war erstaunlich, wie wenig man sich in gewissen Dingen an einen Mann gewöhnen konnte; aber egal, wie lange sie zusammen waren, gegen diesen Blick wurde er einfach nicht immun.

"Ich liebe dich auch", erwiderte er leise und fühlte vor Freude Hitze in seinen Wangen. "Und ich habe das dumpfe Gefühl, das dies das beste Geschenk ist, was ich dir seit Jahren gemacht habe, hm?"

Ben nickte, ehe er ihn erneut küsste, länger dieses Mal. Mit geschlossenen Augen erwiderte Jesse den Kuss, während er ihm die Arme um den Hals schob und sich eng an ihn schmiegte. Ben zu küssen würde er wohl auch niemals müde werden.

Ein leises Plätschern ließ sie aufschrecken und zu dem Hund hinsehen. Lucy hockte in eindeutiger Pose in der Mitte des Raumes, während sich unter ihr eine Pfütze auszubreiten begann.

Jesse schnitt eine Grimasse. Immerhin nicht auf dem Teppich, sondern auf den Fliesen. Hatte Mandy nicht gesagt, die Kleine war stubenrein? Vermutlich war es zu viel Aufregung in der neuen Umgebung mit zwei neuen Menschen und all den spannenden Gerüchen. "Viel Spaß mit deinem Hund, Schatz."

"Verdammt", sagte Ben, aber er grinste.

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Wünsche von:
- Split: "Ben schenkt Jesse nen süßen kleinen Hund (Geburtstag, Weihnachten, Jahrestag...)". Da es allerdings Ben war, der sich den Hund wünscht, wäre das ein ziemlich selbstsüchtiges Geschenk gewesen, das mit Sicherheit zu einem Ehekrach geführt hätte. ^_~ Also habe ich den Wunsch ein wenig umgedreht.
- Lasombra wünschte sich unter anderem: "Es könnte doch sein das die beiden überlebende Freunde treffen und so eine Gruppe aufbauen, [...]" - Dem klitzekleinen Vorort, in dem die beiden wohnen, ist recht wenig passiert. Aber ein klitzekleines bisschen Gruppendynamik in Sachen Überleben habe ich mit aufgenommen und eine von ihren Freunden.

Pandorah
Ende