In der Mitte der Nacht

Als Jesse erwachte, wusste er einen Moment lang nicht, wo er war. Es war so dunkel, dass er nicht einmal Konturen ausmachen konnte. Neben ihm murmelte Ben etwas, einen Hauch von Panik in der Stimme. Sein Freund bewegte sich unruhig, dann wurden die unverständlichen Worte lauter, dringlicher.

Jesse reckte sich nach dem Nachtlicht, als ihm müde klar wurde, dass er sich im Schlafzimmer befand. Seit ihrer Rückkehr schliefen sie wieder mit geschlossener Tür sie beide fühlten sich sicherer mit zwei Schutzsystemen um sie herum, einmal das Haus, dann die Notzelle ihres Schlafzimmers. Gedämpftes Licht flutete den Raum und ließ ihn blinzeln.

Wieder murmelte Ben. Sein Gesicht war mit einem feinen Schweißfilm bedeckt, und selbst im Schlaf wirkte er angespannt. Es tat Jesse weh, ihn so zu sehen. Seit Tagen fand Ben keinen ruhigen Schlaf mehr, und es gab nichts, was Jesse tun konnte, außer ihn zu wecken. Sacht berührte er ihn an der Schulter.

"Schatz, du träumst wieder", sagte er leise. "Es ist nur ein Traum."

"Nein!" Das Wort war laut, klar und deutlich und ließ Jesse zusammenzucken. Ben setzte sich mit einem Ruck auf und starrte wild um sich. Einen Moment verharrte er regungslos, dann blinzelte er, sein Blick klärte sich, und mit einem unterdrückten Laut sank er zurück ins Bett.

Jesse rutschte ein Stück näher und streichelte ihm über die Wange, ehe er einen Arm um seinen Freund legte. Ben stöhnte, rollte halb herum und zog Jesse fest an sich. Er drückte das Gesicht gegen Jesses Brust und atmete ein paar Mal tief durch.

"Dir geht es gut?", brummelte er dann, kaum zu verstehen.

"Natürlich geht es mir gut, Schatz." Jesse hielt ihn, streichelte ihm tröstend über den Rücken und fragte sich, was er tun konnte, um die Alpträume zu vertreiben. Er wusste nicht genau, was Ben träumte, aber konnte es sich lebhaft vorstellen.

Eine ganze Weile lagen sie einfach ruhig da, bis sich der Griff der starken Arme um ihn herum zu lockern begann. Jesse küsste seinen Freund auf die Schläfe und fuhr ihm einmal durch die ohnehin schon zerzausten Haare. "Ich geh noch mal eben schnell für kleine Traumvertreiber, und dann halte ich dich, bis du eingeschlafen bist, ja?"

Umgehend schlossen sich Bens Arme wieder fester um ihn. "Geh nicht raus. Bleib hier drinnen. Ich leere das Klo auch morgen."

Bens Angst machte Jesse nervös. "Gibt es Grund zur Sorge? Hat das Sicherheitssystem eine Meldung von sich gegeben, die du mir verschwiegen hast, um mir keine Angst zu machen?"

Ben hob den Kopf und sah ihn an. "Baby, das mache ich nicht, das weißt du." Seine Augen waren so weit und dunkel, dass sie schwarz wirkten. "Es ist nur... bleib einfach hier drin. Ich will dich sicher wissen."

Aufmerksam erwiderte Jesse den Blick, bis er sich sicher sein konnte, dass Ben ihm wirklich nichts verheimlichte, dann beugte er sich vor und küsste ihn weich auf den Mund. "In Ordnung. Ist mir eh lieber."

Und das war die Wahrheit. Er mochte es nicht mehr, nachts ihre kleine Schutzzelle zu verlassen, auch wenn der Rest des Hauses gut gesichert war. Dafür hatte Ben gesorgt, und er hatte nach ihrer Rückkehr alles auf Herz und Nieren überprüft jede Schraube, jede Naht, jede Ritze, jede Fuge.

Bens Blick folgte ihm, bis er hinter dem Paravent verschwunden war und empfing ihn, als er wieder dahinter hervortrat. Jesse blieb stehen und erwiderte den dunklen Blick, der noch immer von dem Grauen des Alptraums gezeichnet war, dann fasste er einen Entschluss. Er schlüpfte zu Ben unter die Decke, aber löschte nicht das Licht. Stattdessen legte er ihm eine Hand an die Wange und betrachtete das energische, geliebte Gesicht.

"Erzähl mir von deinem Traum."

Ben schauderte und schüttelte den Kopf. "Ist nur ein Traum. Lohnt sich nicht, noch mehr Gedanken daran zu verschwenden."

"Aber er kommt jede Nacht zurück", sagte Jesse sanft. "Vielleicht hilft es, wenn du es mal aussprichst."

Ben tastete unter der Decke nach ihm und streichelte ihm über die Seite, ohne den Blick von ihm zu lassen, ehe er ihn näher an sich zog. Jesse mochte es, wenn sie so dicht beieinander lagen, einander zugewandt. So konnten sie leise reden, vertraut und vertraulich. Er ließ die Hand in Bens Nacken wandern und streichelte dort die kurzen, weichen Härchen, während er wartete. Ben machte nicht viele Worte, wenn es sich vermeiden ließ, und es hatte ihn erst verwundert und dann gefreut, als er entdeckt hatte, dass sein Schatz durchaus reden konnte, wenn er erst einmal genug vertraute. Man musste nur warten.

Dieses Mal dauerte es eine sehr lange Zeit, ehe Ben murmelte: "Ich verliere dich." Wieder verstummte er, doch Jesse konnte sehen, dass er nach weiteren Worten suchte oder vielleicht eher damit kämpfte, sie auszusprechen. Die Stimme seines Freundes wurde noch leiser, als er endlich sagte: "Und ich kann nichts dagegen tun. Die Pest. Der Boden, der unter dir wegbricht. Ein Pfeiler, der dich erschlägt. Ein Gebäude, das dich unter sich begräbt. Ich will dich nicht verlieren, Baby. Ich habe Angst davor."

Jesse lehnte sich ihm entgegen, um ihn weich auf den Mund zu küssen. Bens Worte machten ihn glücklich und traurig zugleich. "Du warst immer da, Schatz. Seit wir uns kennen, warst du da. Wenn etwas passieren sollte, dann nicht, weil du dir etwas zu Schulden hast kommen lassen."

Im Gegenteil. Ben war schon immer fast ein wenig zu beschützend gewesen kleine Eigenheiten wie die, dass er immer auf der Straßenseite lief. Dass er ihn vor der Dunklen Pest nachts grundsätzlich abgeholt hatte, statt ihn mit Bus und Bahn fahren zu lassen. Dass er das Schweißgerät ausschaltete, statt es einfach nur wegzuhalten, wenn Jesse zu ihm kam, während er an ihrem Wagen bastelte. Jesse liebte das an ihm, weil es ihm zeigte, wie viel er seinem Freund bedeutete.

Ben drückte ihn fester an sich und sah ihn einfach nur an. Jesse konnte die Furcht in seinem Blick sehen, die nicht zu dem passen wollte, wie Ben sonst immer war stark, sicher, ruhig, bedacht.

"Was ist es, das dich so denken lässt?", flüsterte er. "Du hast uns selbst vor der Dunklen Pest gerettet, während um uns die Welt unterging."

Wieder schwieg Ben. Das gedämpfte Nachtlicht ließ seine Züge weicher erscheinen, jungenhaft und verletzlich. Dass Ben sich ihm gegenüber so offen zeigen konnte, machte Jesse glücklich. Sein Schatz war das nur für ihn.

"Mein großer Bruder ist gestorben, als ich sechzehn war", sagte er schließlich. "Er ist im Garten gestürzt, hat sich den Kopf angeschlagen und ist in den Pool gefallen. Dort ist er ertrunken. Ich habe ihn gefunden, als ich von der Schule nach Hause kam. Ich war spät dran, weil ich noch mit Freunden rumgehangen hab. Am Vorabend haben meine Eltern und ich gestritten. Heftig. Wegen dummer pubertärer Flausen. Ich habe Hausarrest bekommen und mir darum erst recht Zeit gelassen. Ich habe Todd rausgezogen und irgendwie versucht, ihn wiederzubeleben. Ein Nachbar, der mich hat rufen hören, hat den Notarzt geholt. Der hat nur noch den Tod feststellen können."

"Ben, das tut mir so leid..." Jesse fühlte sein Herz schmerzhaft schlagen. Das hatte er nicht gewusst. Ben erzählte fast nie von seiner Familie. "Aber du bist nicht schuld. Wie hättest du das wissen können?"

Ben legte ihm die Fingerspitzen auf die Lippen. "Ich weiß, Baby. Mein Kopf weiß das. Der Arzt meinte, dass Todd schon eine ganze Weile dort gelegen haben muss. Ich hätte sehr wahrscheinlich auch nichts machen können, wenn ich direkt nach Hause gekommen wäre."

Wahrscheinlich. Die Art, wie Ben das Wort regelrecht verschluckte, zeigte Jesse nur zu deutlich, dass genau das an ihm nagte. Wahrscheinlich nicht, vielleicht aber doch. Und noch etwas wurde ihm in diesem Moment klar. Sein Freund hatte kaum noch Kontakt mit seinen Eltern, und die wenigen Male, die er ihn mit seinem Dad hatte telefonieren hören, war das Gespräch steif und förmlich gewesen. Seine Augen weiteten sich mit dem Verstehen, dann verengten sie sich, als er heftig hervorstieß: "Du bist nicht schuld! Egal, was deine Eltern sagen!"

"Das haben sie nie gesagt."

"Aber sie haben es gedacht, und sie haben dich das spüren lassen." Jesse war sich sicher, und Bens Gesicht zeigte ihm, dass er Recht hatte. "Ach Benni", murmelte er und zog ihn hilflos an sich.

Eine Weile lang hielten sie einander schweigend im Arm, ehe Jesse versprach: "Ich halte mich von aller Gefahr so gut wie möglich fern, okay? Du musst dir keine Sorgen machen. Risiko liegt mir eh nicht."

Das brachte Ben zum Grinsen, rau zauste er ihm durch die Haare. "Als ob ich das nicht wüsste. Und ich finde das gut. Aber manchmal steckt man einfach nicht drin."

"Eben. Manchmal steckt man einfach nicht drin." Jesse stupste die Nase seines Freundes mit seiner an. "Und dann ist niemand dafür verantwortlich, wenn etwas passiert. Auch kein Ben."

"Ich weiß." Bens Grinsen wurde zu einem Lächeln. "Mein Kopf weiß das, und manchmal auch mein Bauch. Es ist lange her, ich habe Frieden damit geschlossen. Nur manchmal... wie jetzt... kommt es wieder hoch. Dann tut es weh, und ich hab Angst. Vor allem, wenn ich mir vorstelle, dass du es bist." Er atmete tief durch. "Ich liebe dich so sehr, Baby. Ich könnte es nicht ertragen, wenn dir etwas passiert. Ich hatte eine solche Scheißangst um dich, als wir die Nacht..."

Ungläubig schüttelte Jesse den Kopf, dann lächelte er ebenfalls. "Du bist mir einer. Ich hatte auch Angst, aber ich hatte Angst um uns beide. Und jetzt hörst du auf, dir Sorgen zu machen", befahl er streng. "Die Nacht ist noch", er sah zur Uhr und korrigierte sich, "ist nicht mehr lang, wir brauchen noch ein wenig Schlaf, denke ich."

"So? Aufhören soll ich damit? Ich weiß nicht, ob da so einfach klappt."

Jesse musste grinsen, als die Hand, die eben noch warm auf seinem Rücken gelegen hatte, zu seinem Hintern hinab wanderte. "Heißt das, du brauchst Hilfe beim Entspannen?", neckte er.

"Nein." Ben rollte über ihn und küsste ihn, weich und liebevoll, doch irgendwie änderte sich die sanfte Zärtlichkeit innerhalb weniger Augenblicke zu einem leidenschaftlichen Zungenkuss, aus dem sie beide atemlos hervorgingen.

"Nein", wiederholte Ben und grinste ebenfalls. "Nach Entspannung steht mir der Sinn gerade ganz und gar nicht."


Pandorah
Ende