Kemjalas Plan

1.

Laites streckte seinen zierlichen Körper gähnend aus. Das feine, vanillefarbene Fell schimmerte im Morgenlicht, das nun in seinen Raum flutete, wie ein Seidentuch. "Toraaha," nölte der Katzenjunge gespielt übellaunig. "Ich bin noch so müde, lass mich schlafen."

Ein kräftiger, dunkelhäutiger Mann mit gelben Reptilienaugen trat lächelnd an das riesenhafte und von Spielsachen überladene Lager seines Pfleglings.

"Das würde ich jeder Zeit gern, aber heute wird Tarlant eine Gruppe führen, in der wenigstens zwei Leute einen Katzenjungen wünschen. Es ist deine Chance, Kitty. Darauf warten wir zwei doch schon so lange."

Sofort richtete Laites seine Ohren auf und öffnete die Augen. Es war sein größter Wunsch, dass endlich einer der reichen Leute an ihm Gefallen finden würde. Aufgeregt wühlte er seinen zierlichen Körper unter den Laken hervor und tollte lachend und Tora neckend in sein Bad.

Tora badete ihn sorgfältig und feilte die Krallen an seinen Zehen, die im Gegensatz zu seinen menschlichen Händen wirklich noch nach der Katze in ihm aussahen, so dass er nichts zerkratzte, vor allem die leichten Sandalen nicht, die er immer trug. Laites entkam Tora und sprang noch immer mit nassem Fell über die Lager, die Kissen und die Kommoden mit seinen vielen Sachen hinweg zu seinem großen Kleiderschrank.

Er blickte kurz in die Spiegeltür, dann schüttelte er sich, so dass die Tropfen flogen. Fell zu haben, wenn auch so feines, kurzes, das wie ein Tuch wirkte, hatte unheimlich viele Nachteile. Vor allem den einen, dass wenn Laites einmal nass war, er nur sehr langsam trocknete. Ein Handtuch war da lange nicht genug.

Aber es hatte auch den Vorteil, dass er nicht fror und ihm für gewöhnlich eine kurze Shorts ausreichend Bekleidung war. An diesem Tag schlüpfte Laites besonders eifrig in die dunkle Hose, die ihm Tora bereits ausgelegt hatte, und warf sich dann quer über Toras Schoss, um sich das restliche Fell von ihm trocken bürsten zu lassen.

Toras großen Hände strichen das feine Fell mit dem breiten Striegel zu einer glänzenden Fläche, und Laites wurde zu einem schnurrenden Bündel reduziert, während er die Zuwendung seines Pflegers und die Wärme der künstlichen, im Labor immerzu scheinenden Sonne genoss.

 

Tarlant rückte die kleine, runde Brille zurecht und strich sich mit den Fingern durch ihre ordentliche Pagenfrisur, die durch den vom soeben gelandeten Helikopter erzeugten Wind verweht worden war. Sie zog die lange, taillierte Jacke gerade, bevor sie sich einige wichtig aussehenden Akten unter den linken Arm klemmte, um jeden einzelnen aus der Gruppe neuer Gäste mit einem Händeschütteln begrüßen zu können.

Der Helikopter hob rasch wieder ab und entfernte sich über die an diesem Tag ruhige See. Die Gäste würden auf der Insel mit dem Labor in einem laboreigenen Hotel übernachten. Es handelte sich um eine wichtige Gruppe, da nicht nur die neusten Kreationen zum Kauf begutachtet, sondern auch eine Finanzierung des nächsten Projektes diskutiert werden sollte.

Neben dem sehr wichtigen Investor, der mit seinem Assistenten, einem nervösen jungen Mann, gekommen war, begrüßte Tarlant noch ein Ehepaar aus der Hochfinanz, einige hochgestellte Politiker einer Militärregierung und Agenten von Leuten, die lieber anonym bleiben wollten. Sie alle interessierten sich für die Ware, die das Labor von Doktor LeRoux anzubieten hatte.

Der Forscher hatte es geschafft, gentechnisch Wesen zu kreieren, die man zur Dekoration, zum Schutz der Person oder eines Gebäudes, zum Vergnügen oder als Krieger erwerben konnte. Man konnte sie erwerben, weil das Labor sie nach den neuen Richtlinien der Gesellschaft aus totem Material herstellte, was diese Wesen zu Gegenständen machte.

Es wurde ihnen keine Lebensberechtigung zugestanden. Sie wurden nicht als Personen oder Lebewesen, sondern als Sachwerte geführt. Der Assistentin des Doktors, Tarlant oblag beinahe immer die Aufgabe, den Gruppen ihre neusten Kreationen vorzustellen. Einige der Kunden kamen schon seit Jahren, um sich nach der Mode oder ihren Ansprüchen mit exotischen Teilen aus der neuen Kollektion einzudecken.

Tarlant leierte die Daten, Fakten und kleinen Schmeichellügen mit unauslöschbarem Lächeln herunter, während sie die Gäste zunächst zum Luxushotel begleitete und die Gruppe nach einer kleinen Pause zum Hochsicherheitstrakt des Labor führte.

Der wichtigste Kunde an diesem Tag war ein Politiker. Ein dickbäuchiger, knurriger Senator eines sehr reichen Energieförderstaates, der mit seiner ersten Ehefrau und dem Stammhalter angereist war. Jener Sohn sollte einen exklusiven Leibwächter erhalten.

Der Senator hieß Hifna, der Sohn war nach ihm benannt und trug den Beinamen Jarales, der Erbe. Der Name Hifna tauchte in letzter Zeit verdächtig oft in dunklen Kreisen auf, in denen Waffenhandel noch eines der kleinsten Geschäfte darstellte. Tarlant hatte den Auftrag, die reichlichen Geldsegen aus eben diesen dunklen Kreisen in Richtung des Labors zu lenken.

Der beste Weg, um dies zu schaffen, schien den verwöhnten Stammhalter des Senators zu umgarnen. Der Sohn zählte vielleicht eben sechzehn Jahre. Er trug eine enge Wildlederhose und ein lehmfarbenes, offenes Hemd, das seinen schönen gleichmäßigen Teint und wohldefinierte Brustmuskulatur zeigte. Er war, nach Tarlants sehr privater Meinung, selber eine besonders angenehme Kreation.

Leider zeigte er keine besondere Regung, während er ihren Ausführungen über Sicherheit und Klimakontrolle mit mangelnder Aufmerksamkeit folgte. Die Schaukästen mit den neuen Reptilkreuzungen, mit Krokodilen, mit Lizarden und, sehr gelungen, mit Drachenechsen kitzelten kein Lächeln aus ihm heraus. Er begann vielmehr zu gähnen.

Angestrengt versuchte Tarlant aus Augenbewegungen zu erraten, was dem jungen Prinzchen gefallen könnte. Von dem Wohlgefallen dieses Jungchens hing eine saftige Unterstützung der Forschungsarbeit durch den Staat seines Vaters ab.

Leider ließ der Junge die Mundwinkel hängen, spielte gelangweilt mit seinen zierlichen Armbändchen. Ab und zu lehnte er sich dichter an einen Schaukasten und zeigte noch mehr von seinem herrlichen Körper. Er schien von seiner Wirkung nicht im Mindesten zu ahnen, aber Tarlant wusste, dass LeRoux mit Sicherheit eine Probe von den Genen dieses Jungen würde haben wollen.

Die herrlichen, großen Augen, die von dichten Wimpern umrahmt den rebellischen, mürrischen Blick nur ungenügend übten. Was kühl und verächtlich wirken sollte, gelang ihm zu Tarlants Amüsement nur zu laszivem Niederschlagen der Wimpern. Es war eigentlich zum Lachen, dass der energische, fette Senator der Vater dieses Prachtexemplars eines Lustobjekts sein sollte.

Tarlant erklärte den anderen Mitgliedern gerade, dass sie nach einem Mittagessen zu den Säugetierkreationen weitergehen sollten, als sie ein Zucken um die ewig hängenden Mundwinkel des Freizeitrebellen wahrnahm.

Zwei rasche Schritte und Tarlant konnte dem Blick des Jungen in die nächsten Gehege folgen. Es war in der Übersicht von einer Brücke in die Säugetierkollektion hinunter, und der Sohn des Senators fand nicht etwa Gefallen an der aufregenden Kreuzung mit einem der weißen Tiger oder gar Panter, sondern lächelte über den Anblick von ausgerechnet der grausamen Fehlkreuzung Laites.

Tarlant senkte den Kopf und seufzte tonlos. Ausgerechnet Laites. Der hoffnungslose Fall. Er war ein Überbleibsel aus der vorletzten Kollektion. Niemand würde ernsthaft noch einmal diese Farbkombination angenehm finden.

Dennoch, ein Geschäft war ein Geschäft, und Laites war ein derart putziges Kerlchen, dass die Pfleger Tora und Kelm sich gegen ein Einschläfern ausgesprochen hatten und ihn in ihrer Freizeit pflegten. "Das ist eine Kreation aus der letzten Saison. Wunderhübsch, nicht? Eine Kreuzung in den Farben französische Vanille und spanischer Kaffee. Laites heißt er."

Der Junge war zusammengefahren und nickte abweisend, doch sein Vater trat ebenfalls an die Brüstung. "Aha. Aber das magere Vieh gibt keinen guten Leibwächter ab, oder soll er Angreifer totschmusen?"

Hifna Jarales fuhr zu seinem lachenden Vater herum, und sein Blick wurde hitzig und erschreckend emotional, während er aufgebracht schrie "Ich will aber ihn! Keinen anderen!"

Der Junge verschränkte die Arme und drehte sich wieder ab, seine Wangen hatten sich leicht gerötet. Tarlant witterte ein gutes Geschäft und hakte sich bei der Ehefrau des Senators ein, während der gewichtige Politiker, mit einem Mal zu einem bettelnden, besorgten Häuflein reduziert, seinen Sohn anflehte, einen Drachenechsenmann zu wählen.

"Wissen Sie, Senatorin. Wenn Ihr Mann Laites wählen würde, dann könnte Tora als sein Pfleger mitverkauft werden. Tora selber ist ein ausgezeichneter Personenschutz. Eine sehr aggressive Kreuzung mit einem Flusskrokodil."

Tarlant lächelte siegesgewiss und zupfte an dem Arm der verunsicherten Frau. "Kommen sie, wir sehen uns die beiden einmal aus der Nähe an."

Gut, Laites war eine Fehlkreuzung gewesen. Aber er hatte Fell aus schierer Seide, leider in heller Vanille gehalten, die zu den grellen Modefarben der Saison nicht mehr gut aussehen konnte, so dass die Bordellbesitzer ihn nicht wollten. Zudem hatte Tarlant ihn gern und hatte ihn nicht an ein Bordell verkaufen wollen.

Laites war ohnehin viel zu empfindlich. Er hatte eine Vielzahl Allergien. Tarlant hoffte inbrünstig, dass das Vieh wenigstens dieses eine Mal keinen Niesanfall bekommen würde. Vielleicht war er als Kuscheltier für einen sehr offensichtlich schwulen Stammhalter aus einer Militärdiktatur gerade richtig. Wenn der Vater es dann endlich einsehen würde, würden die beiden, der hübsche Junge und das Kätzchen, eben in aller Stille abgeschoben werden.

Während Tarlant die Familie des Senators in das Gehege führte, in dem Laites mit einem Ball spielte, dachte sie daran zurück, wie energisch Kelm und Tora sein Leben verteidigt hatten. /So eine magere, nutzlose Katze. Meine Güte. Es war das erste und letzte Mal, dass wir die Gene einer Katze mit denen eines Jungen gekreuzt haben. Kater machen deutlich bessere Kreationen./

 

Laites schnurrte noch, während Tora ihn schon längst ignorierte und stattdessen das Schlaflager glatt zog und die Kissen ordentlich ausrichtete. Hinter den Glasscheiben, die auf seiner Seite des Raumes Spiegel waren, standen sie vielleicht schon. Beobachteten ihn, betrachteten ihn.

Laites ließ seinen Kopf sinken, und seine Ohren fielen leicht nach vorn, während er im Geiste bereits weiterführte /Sie beobachten mich, bewerten mich, werten mich aus, werfen mich aus der Wahl heraus. Zu klein für einen Leibwächter, zu pelzig für einen Liebhaber, zu quirlig für eine Zierde, zu allergisch auf Parfüm für das Schosstier einer alternden Dame, zu.../

Die gläserne Tür zum Garten glitt lautlos auf. Das Zeichen, dass die Beschau für den Vormittag beendet war. Laites seufzte, streckte sich und stürmte dann energiegeladen in den Garten hinaus, wollte seinen Frust bei einer wilden Hatz über den Rasen, durch die Büsche und Bäume abbauen.

Seine Jagd auf den silbrigen, schwebenden Ball, mit dem er so gern spielte, wurde nach einigen Haken um die Zierrabatten jäh unterbrochen. Er prallte hart mit jemandem zusammen und überschlug sich einige Male, bevor er fauchend auf allen Vieren landete und sich duckte.

Es handelte sich jedoch nicht um einen Angreifer, der ihn hinterrücks mit einem Messer oder ähnlichem attackieren wollte, sondern einen dunkelhäutigen, schwarzhaarigen Jungen, der überrascht mit offenem Mund auf dem Rasen lag und den künstlichen Himmel anglotzte, während er versuchte, Luft in seine Lungen zu bekommen.

Erschrocken maunzte Laites, sein dunkelbrauner Katzenschwanz zuckte und wurde sofort eingezogen, die Ohren zitterten leicht, während er auf den Jungen zukrabbelte, um ihm vorsichtig eine Hand zu reichen.

"Ich bitte vielmals um Verzeihung, Hifna Jarales. Es ist unentschuldbar, dass diese ungeschickte Katze..."

Eine weiche, angenehme Stimme mit arrogantem Unterton unterbrach Tarlants gestochenen Akzent. "Es ist schon in Ordnung, mir ist nichts passiert."

Laites Traum ging in Erfüllung. Es schien tatsächlich jemanden zu geben, der einen tollpatschigen, kleinen Katzenjungen mit viel zu kurzem Fell gern haben konnte.

Es handelte sich um einen Jungen. Es war kein alter Mann, keine nach Parfüm stinkende Frau, von denen er immer einen Niesanfall und juckende Augen bekam. Es war ein Junge. Ein sehr hübscher dazu noch. Laites verliebte sich, heftig. Sein Herz schlug, während der Junge ihm forschend über das Fell strich, seinen Körper betrachtete. Er begann in Träume zu driften.

"Ich bin Jarales, das heißt ‚der Erbe'." Diese Stimme war wie Samt, die Blicke wie eine Einladung, sich zu verlieren. Laites nahm die Umgebung, Tarlants geschäftsmäßige Ausführungen zu seinen Daten eingeschlossen, nicht mehr wahr.

Weggetreten starrte er diesem Jarales einige Stunden in die mandelförmigen Augen. Der Junge erzählte ihm den Nachmittag über, während sein Vater mit dem Doktor über eine Unterstützung verhandelte, von seinem Heimatland, von dem Leben dort, von Laites' zukünftigem Zuhause.

Das Allerbeste daran war, dass sie Tora als Leibwächter und Pfleger für Laites dazukaufen wollten. Die Frau des Diktators murrte zwar, dass weder der eine noch der andere der Mode entsprach und die Damen auf dem nächsten Tee sich lustig machen würden, aber keiner der beiden Eltern wagte es, dem Jungen zu widersprechen.

Als Jarales sich von Laites verabschiedete, weil die Sonne unterging und die Gäste das Laborgelände verlassen sollten, hatte Laites sich geschworen, dass er diesen jungen Mann so glücklich machen würde, wie es nur irgend ging.

Als Tora ihn zudeckte, schnurrte Laites verträumt und strich über das feine Halsband aus Gold mit dunkelbraunen Edelsteinen, das der Junge für ihn ausgesucht hatte. Laites schlief in der Nacht glücklich auf seinen Kissen eingerollt ein.

 

Finn ließ den Blick aus schmalen Augen, deren hellblaue Färbung man im Halbdunkel des U-Bootes nicht erkennen konnte, einmal fragend über die vor ihm aufgereihten Gegenstände gleiten. Er verzog den Mund einmal verächtlich, dann nahm er eine Laserwaffe und den Kompass an sich.

Der Offizier der Gruppe, in deren Dienst er sich befand, weil es seinen Zielen entsprach, trat einen Schritt näher. "Finn, das ist die Ausstattung eines Einzelkämpfers! Es ist deine Pflicht, diese Dinge mitzunehmen, um eine sichere Heimkehr zu gewährleisten. Du musst..."

Finns Blick brachte ihn zum Schweigen, dann lachte er heiser auf. "Ach, was haben wir denn alles hier? Einmal das Nachtsichtgerät, wie ungemein praktisch." Seine Augen blitzen im schummrigen Rotlicht kurz auf, als er den Offizier mit einem Blick streifte. "Meine Augen haben eingebaute Nachtsicht. Und Seile mit Heringen?"

Finn streckte seine Hand und ließ seine Krallen ausfahren. "Ich habe meine eingebauten Sicherheitshaken gleich hier. Und eine Karte von der Insel? Die hab ich hier gespeichert." Er tippte zwischen den Katzenohren auf seinen Schädel und lachte noch einmal. "Ich bin hier geboren und kenne jeden Stein auf dieser verdammten Insel. Lass mich also in Ruhe, geh mir aus dem Weg. Ich muss gar nichts!"

Der Offizier taumelte zurück, als ein zahnreiches Grinsen von Finn ihn schließlich davon überzeugte, dass der Agent, den sie für diese Aufgabe gewählt hatten, auch über ausreichend Nahkampfwaffen verfügte.

Finn streckte seinen großen Körper und streifte sich den schwarzen Kapuzenpullover über den Kopf, dann schob er die Waffe in eine der Taschen seiner Hose und streckte sich ein letztes Mal.

"Wir tauchen auf, Finn! Du musst zum Schott!" Die Gruppe wollte ihn vor der Insel des Genforschers LeRoux aussetzen, damit er das Labor in die Luft sprengen konnte, um zu verhindern, dass der verrückte Mann sein Werk weiter führte.

/Ich werde ihn und seine Freakshow ein für alle Male beenden!/ Grimmig schloss Finn die Augen, während er sich die Gesichter seiner Feinde in Erinnerung rief. Doktor LeRoux. Ein weiches Antlitz, schwarzes Haar und eine Brille, die er nicht der schlechten Augen wegen, sondern für den gelehrten Effekt trug. Der magere Körper, die nervöse Art, mit den Fingern an Dingen herumzuspielen. LeRoux war sein Feind Nummer eins.

Dann war da die treue Assistentin Tarlant. Französin mit Ausbildung in England behauptete sie, ebenso wie LeRoux zu deutlich verlängertem Leben genmanipuliert und ihm deswegen auf ewig ergebene Sklavin. War es nicht so? Diese Art, mit der Tarlant die Produkte des Labors verkaufte, erregte Übelkeit in Finn. Vor allen Dinge, weil er mehr über sie wusste, weil er sie kannte und dennoch nicht von ihrer Arbeit hatte abbringen können.

Das Schottlicht schaltete auf Grün, und Finn stieg seinen Körper gelenkig verbiegend in den engen Schacht ein. Der Offizier sah ihn ein letztes Mal an, und Finn gönnte ihm ein letztes gefährliches Katzengrinsen. Bevor die Tür sich vollends schließen konnte, beugte Finn sich noch vor und murmelte dem anderen zu "Wer hat denn behauptet, dass ich heil zurückkehren will? Sayonara."

Er konnte noch erkennen, wie der andere die Augen aufriss, dann schloss sich die Tür, und gleich darauf spritzte Wasser auf ihn ein; er stieß sich ab und schwamm mit wenigen Zügen auf die Mauern des Laborhafens zu. Hastig brachte er sich und seine in Gummifolie verschweißte Kleidung ins Trockene. Wie er Wasser hasste!

Am Hafen gleich erwies sich sein Gedächtnis für diesen Ort als ausreichend. Nach einigen Handgriffen hatte Finn den Zugang zum Belüftungsschacht geöffnet und verschwand in den Rohren. Einige Stunden und eine Menge Schächte, Rohre und Abbiegungen später erreichte er die Abzweigung, die zum Labor führen musste. Er setzte den kleinen Schraubenzieher an und löste das Gitter soweit, dass er in den Raum darunter hinabsehen konnte.

/Perfekt!/ Vorsichtig brachte Finn die Sprengsätze überall in dem Labor an den Rechnern und an den Safes mit den geheimen Ergebnissen der Forschung an und stellte die Zeituhr auf wenige Minuten ein. Dann stellte er jedoch fest, dass LeRoux sich natürlich wieder einen Schritt vor ihm, nämlich bereits auf einer Dienstreise in weiter Entfernung befand.

/Mistkerl! Ich finde dich und wenn ich bis ans Ende meiner Tage suchen muss. Dann aber werde ich dir die Haut abziehen, du verdammter.../ Die Alarmanlage begann den Countdown. Noch stumm begannen sich die Lichter zu drehen. Eine Frauenstimme verkündete, dass der Raum von Wachen umgeben sei und der Eindringling sich freundlicherweise ergeben sollte. Finn fluchte und hechtete durch die nächste der Türen.

Sein Blick fiel zu seiner Überraschung auf eine Schlafstelle, auf der ein Katzenjunge lag. Leise zischend wollte Finn sich gerade zurückziehen, als ein Quäken begann, durch die Schächte zu hallen. Finn schloss gepeinigt die Augen, der Alarm weckte Tote und schmerzte seine Ohren. Vor allem fragte Finn sich, wer die Sirenen in Gang gesetzt haben könnte, er selber war es nicht, da war er sich sicher.

Blitzschnell ließ Finn sich auf den Boden gleiten, um geduckt in das Bad zu verschwinden und von dort weiter nach einem geeigneten Ausweg zu suchen. /Der nächste Luftschacht, er muss im Bad sein!/

Finn huschte ins Bad und sah gerade zur Decke, wo sich sein rettender Ausgang befand, als er mit einer Person zusammenprallte, die sich ungeschickt und verzweifelt kämpfend auf ihn warf.

Es schepperte laut, Finn fauchte, die Person schrie auf und sackte nach einer Kollision mit der Badewanne bewusstlos zusammen. Wer auch immer der andere war, er war schuld, dass die Alarmanlage überhaupt losgegangen war, das war sicher.

Einen Augenblick später flutete grelles Licht den Raum, und eine nörgelige Stimme verkündete "Toooohrah! Ich bin noch..."

Ein Katzenjunge stand nackt und verwirrt vor Finn, der mit gefletschten Zähnen und ausgefahrenen Krallen über einem peinlicherweise gleichfalls sehr ungefährlich aussehenden Junge stand.

Der Katzenjunge schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund und rannte – nicht von Finn fort, sondern auf ihn zu und kniete neben dem Jungen nieder. "Du hast ihn verletzt!"

"Scht! Sei ruhig, verdammt!"

Der Katzenjung riss die dunklen Augen auf, dann schluchzte er, den anderen an sich ziehend "Jarales, bitte, bitte... Jarales, wach auf. Bitte, bitte, bitte..."

Finn reichte es. "Gib Ruhe, du dummes Aas!"

Ursprünglich wollte er verschwinden, doch der andere hatte ihn gesehen. Er konnte es nicht riskieren, die Katze hier zu lassen, aber wollte den Kleinen nicht töten. Außerdem war der Kater unschuldig, immerhin fand alles in seinem Bad statt, das auch noch an die Labors angrenzte.

Finn stutzte. Jemand musste ihn besonders interessant gefunden haben. War er eine sehr teure oder eine sehr fehlgeschlagene Kreuzung? Egal wie, der Kleine würde sterben, wenn er ihm nicht half. Gegen dessen Willen half. Mit einem schnellen Griff zerrte Finn das Kätzchen mit sich zum Badewannenrand. „Komm mit!“

"Waaaas?! Lass mich in Ruhe! Ich will bei meinem Besitzer bleiben!" Fauchend verteidigte der kleine Idiot den anderen. Ein Anblick, der Finn Übelkeit bescherte, weil er sich an sich selber erinnerte. Den Besitzer zu lieben war ihnen eingebaut, ein Charakterzug, der es den Besitzern möglich machte, auch die gefährlichsten Kreuzungen zu erstehen und um sich haben. Absolute und hingebungsvolle Liebe.

Der menschliche Junge begann stöhnend die Augen aufzuschlagen, und Finn konnte und wollte es nicht riskieren, von einer weiteren Person gesehen zu werden. Er zog eine Waffe und hielt sie der kleinen Katze an den Kopf. "Komm mit oder stirb!"

Der andere klammerte sich an den erwachenden Jungen fest, aber Finns Geduld war ohnehin am Ende. Er schlug den Katzenjungen mit einer gezielten Bewegung des Ellenbogens nieder, nahm ihn auf und zerschoss die Tür zum Gang. Dahinter befand sich das Labor, aber die Alarmanlagen dort heulten ebenfalls bereits los. Nach seiner Berechnung hatten sie nur noch wenige Minuten Zeit, um den Trakt zu verlassen, der nun mit Sicherheit von besonders kaltblütigen Kreuzungen umstellt worden war.

Aber einen Ausweg gab es noch, und den wählte Finn nun, hoffend, dass er und das bewusstlose kleine Miststück mehr Glück als Verstand haben sollten. Er sprang in den Papierverbrennungsschacht und ließ sich in den Brennofen einige Etagen tiefer rutschen.

Der Ofen war aus und voller Papierschnitze, was ihren Sturz dämpfte. Finn konnte sein Glück kaum begreifen. Gleich drauf erschütterte ein dumpfer Schlag das gesamte Gebäude, Finn hatte seine Mission erfüllt und die Anlage, das Labor und sämtliche Informationen darin in die Luft gesprengt.

Finn schaffte es von dort, sich in einem Lüftungsschacht zu verstecken, während schwarze Dobermänner schnüffelnd das Gelände umstrichen, Haie losgelassen wurden und bedrohliche Schatten über den Himmel glitten. Schnell betäubte Finn den Katzenjungen, den er gegen dessen Willen befreit hatte, mit einem leichten Mittel und legte sich auf die Lauer. Wenn es nötig war, würde er hier einige Tage aushalten. Er hatte Zeit, das war eines der wenigen Dinge, über die er dank seines Feindes LeRoux wirklich verfügte.

Nach über einem Tag, den Finn mit der bewusstlosen Katze gelauert hatte, bekam er seine Chance. Ein Helikopter kam über die See geflogen, um die Gäste abzuholen. Im Schutz der von Entschuldigungen und Beteuerungen begleiteten Verabschiedungen stahl er ein Sicherheitsboot und flüchtete auf die offene See.

Als das Boot entdeckt und von Wächtern zerfetzt wurde, waren er und der von ihm mitgeschleifte Katzenjunge längst in dem U-Boot und auf dem Weg zum Festland. Der Katzenjunge erwachte erst, als sie viel, sehr viel weiter fort waren und Finn erfahren hatte, dass LeRoux sich zu einem Treffen mit Investoren zu einem besonders exklusiven Ort begeben hatte.

 

Laites erwachte und sah als erstes in stahlblaue Augen, deren Blick sich in seinen Schädel brannte. Er kniff seine Augen erneut zusammen und stöhnte. In seinem Körper revoltierten einige Teile gegen die Behandlung, die ihm widerfahren war.

Das erste, was er tun musste, war, sich einige Male in eine bereitstehende Schale zu übergeben. Alles tat ihm weh. Er fühlte sich wie nach einem besonders heftigen, allergischen Anfall. So einen hatte er erst einmal gehabt in seinem Leben und war seitdem eigentlich stets vorsichtig gewesen. Eine raue Stimme unterbrach sein Leiden, nachdem er keine Kraft hatte, noch mehr zu würgen.

"Schluck das, dann geht es dir gleich wieder besser." Eine Schachtel wurde auf ihn geworfen.

"Wenn... wenn es Nüsse oder Zitronen enthält, dann wird es schlimmer... ich bin allergisch." Seine Stimme klang heiser, und Laites hustete, was zu neuem Würgen führte.

"Ich weiß. Du bist auch gegen das Betäubungsmittel allergisch gewesen."

Laites stützte sich mühsam hoch. Er lag auf einer wenig gepolsterten Metallpritsche, über sich sah er eine weitere, von dort war die Stimme zu ihm vorgedrungen. "Wo bin ich?"

"Auf einem Schiff."

"Ich hasse Wasser!"

"Auf einem Raumschiff."

Laites Herz machte einen Satz. "Was? Wohin fahren wir? Kann ich nicht einfach wieder nach Hause? Ich bin gerade gekauft worden. Bitte... Herr, bitte lass mich zu..."

"Nein."

Die dunkle, heisere Stimme begann Laites Angst zu machen. Mühsam setzte er sich auf der Pritsche auf, stellte die Schale hilflos fort und fragte noch einmal, dieses Mal still und schüchtern "Wohin fahren wir?" /Wir? Wer ist er eigentlich? Wieso hat er mich gekidnappt?/

"Zum Spielerschiff."

"Spieler...schiff?"

"Die Icesior. Dort ist LeRoux, dort fahren wir auch hin, um ihn umzubringen."

"U-um-bringen?! Warum musste ich mitkommen?"

"Ich hab dich gerettet."

"Gerettet?! Spinnst du? Ich wollte nicht ‚gerettet' werden! Ich wollte mit meinem Besitzer in Frieden leben!" Laites brach in Tränen aus und feuerte die Schachtel mit der Medizin an die gegenüberliegende Wand.

Ein Schnauben, dann schnarrte die andere Stimme unbeeindruckt "Bis dein Besitzer alt geworden und gestorben wäre. Er hätte dich vererbt, die Erben hätten dich weiterverkauft oder einschläfern lassen, oder dein Besitzer hätte keine Lust mehr auf eine kotzende Katze gehabt, wenn du deine Allergie bekommen hättest, oder..."

Wer auch immer der andere war, er brachte die Schale fort und gab Laites ein Handtuch, warf es eigentlich mehr auf ihn, während er redete. Laites hielt sich weinend die Ohren zu, das alles war mehr als er ertragen konnte. Unglücklicher Weise begann er wieder zu würgen.

Ein dumpfer Laut, im nächsten Moment lauerte der andere erneut direkt über ihm. "Nimm. Die. Verdammte. Medizin!"

Laites schniefte und schluckte gehorsam zwei von den Pillen, erst dann bemerkte er, welche Hand ihm diese gereicht hatte. /Krallen./

Die spitzen Waffen wurden sogleich wieder eingezogen, und hinterließen nur noch menschenähnliche Hände; nicht einmal Fell war dort zu sehen. Schüchtern und verängstigt ließ Laites den Blick über den bloßen Oberkörper des anderen gleiten.

Kräftig, das Gesicht war eckig, und der Ausdruck darin zeigte mindestens Unwillen. Blinzelnd wich Laites ein wenig zurück, dann erst fielen ihm die äußeren Attribute des anderen richtig auf. Seine Augen begannen ein wenig zu glänzen, während er erneut einen Blick in die stahlblauen, schmalen Schlitze wagte, aus denen der andere ihn anstarrte.

Fell, der andere hatte Fell. Wunderschönes Fell dazu. Fein wie Laites', aber in hellem Grau, das sogar noch im gelblichen Licht der Kabine schimmerte. Es bedeckte seinen Körper nicht über und über, sondern zog sich leicht über seine Brust und den Rücken, auf dem Kopf wurde es zu einer kleinen Mähne, die nun wütend angelegte Ohren umgab.

Laites zog den Schwanz ein, unterwarf sich, zeigte seine Kehle, aber wagte es den anderen zu fragen "Du bist auch eine Katze?"

"Ich bin ein Kater und keine solche Fehlkreuzung wie du!"

"Ich bin keine Fehlkreuzung! Jarales hatte mich gern! Er hat mich gekauft!" Laites hustete erschrocken und unterdrückte den neuen Würgereiz.

Ein dumpfes Rumpeln unterbrach den anderen in einer Antwort. Er hob den Kopf, lauschte und nickte schließlich. "Wir sind da. Wie heißt du?"

"Laites, meine Modelnummer lautet 234 Strich 56..."

"Laites reicht. Ich bin Finn, bleib dicht bei mir, die Icesior ist nichts für dumme, kleine Katzen."

"Ich bin nicht..."

Laites wurde am Arm grob von der Pritsche gerissen und von Finn zur Gateway geschleift, ohne dass dieser auf seine Proteste achtete.


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig