Kemjalas Plan

2.

Tarlant starrte auf den Bildschirm und spürte Angst und Wut zugleich durch sich fluten. Dort war LeRoux zu sehen. Treue und tiefe Zuneigung, Glauben an das Ziel, die Forschung für das Leben, für das Gute, mit dem Verkauf dieser Fehlkreuzungen zu finanzieren, hatten jeden von Tarlants Gedanken begleitet.

Doch LeRoux sagte dort, in dieser Sendung, die von der berühmten und berüchtigten Icesior ausgestrahlt wurde, gerade aus, dass Tarlant ihn hintergangen, die Verkäufe hinter seinem Rücken getätigt habe, dass die Enttäuschung groß gewesen sei und er deswegen das Labor habe vernichten lassen.

"Mistkerl." Es war nur geflüstert, die Stimme hatte Tarlant vor Schreck und Wut verlassen. Gleich darauf folgten schnelle Schritte auf dem Flur, Tarlants persönlicher Schutz näherte sich. "Offiziere der Regierung wünschen sofortigen Zutritt!"

Wie merkwürdig illoyal sie werden konnten. /Ich hätte keine Reptilien, sondern Kreuzungen mit Hunden oder besser noch Wölfen nehmen sollen./

Tarlant erschrak nicht genug, um nicht die Codes für die geheimen Konten aus dem Safe zu bergen, zu mehr reichte die Zeit nicht, bevor sie sich mit dem verbliebenen und nicht besonders leistungsstarken Schiff in Richtung der Icesior aufmachte.

/Mistkerl./ Tarlant warf keinen Blick zurück, während die kleine Insel, der unbedeutende Planet immer weiter hinter dem Schiff zurückblieben, bevor der Mode geändert wurde und die Umgebung verschwamm.

 

"Geht es wieder?" Ninári legte eine schlanke, dreifingrige Hand auf den Unterarm seines Bruders und sah ihm besorgt in das blasse Gesicht. Verborgen vor neugierigen und abfällig blickenden Augen hatten sie sich in einen kleinen, grünen Hain zurückgezogen, einer der zahlreichen Ruhepole am Raumhafen.

Für einen Moment wurden Dai'this Augen dunkel, doch sie wechselten schnell zu einem helleren Gelbgrün. Er lächelte und zuckte mit den Schultern. "Muss gehen. Tut mir leid, dass ich dir schon wieder Sorgen gemacht habe." Mit beiden Händen strich er sich das kaum schulterlange Haar aus dem Gesicht und stand auf.

Auch Ninári erhob sich geschmeidig. Es wurde allerhöchste Zeit. Der Gleiter, der sie zur Icesior bringen würde, startete in der nächsten Viertelstunde; der Hauptteil ihres Gepäcks war bereits an Bord gebracht worden. Doch er würde es Dai'thi nicht vorwerfen. Wieder einmal fiel ihm auf, wie farblos das Haar seines Bruders geworden war, das sonst in den verschiedensten Goldtönen geschimmert hatte, eine Farbvielfalt, um die ihn jeder beneidet hatte. Jetzt erzählte es denen, die ihn kannten, nur noch davon, wie schlecht es ihm gehen musste.

Ninári seufzte unhörbar, als er sich, bewusst Dai'this Blick vermeidend, nach der Tasche bückte. Er wünschte wirklich, ihm helfen zu können, doch die besten Heiler hatten versagt. Die Anfälle kamen unregelmäßig und mit unterschiedlicher Stärke. Es war, als würde seinem Bruder jede Kraft aus den Gliedern gesaugt werden. Manchmal zitterte er so stark, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, an anderen Tagen brach er einfach zusammen.

"Gehen wir." Dai'thi nahm ihm die Tasche ab, noch bevor er sie sich über die Schulter hatte werfen können, und unterbrach so seine Gedanken.

Ninári lächelte leicht. Seinem Bruder fiel es schwer, anzuerkennen, dass er Hilfe brauchte. Immer war er der Stärkere von beiden gewesen. Und ab und an kam es Ninári so vor, als versuchte er, mit aller Kraft zu beweisen, dass es noch immer so war, um die Anfälle ungeschehen zu machen, sie in Vergessenheit geraten zu lassen.

Er nickte und warf einen kurzen Blick zum Himmel empor, an dem groß und blau Koranai, der dritte Planet zu sehen war. Bald würde er untergehen und Inai'nachna, der zweite, würde sich über den Horizont erheben. Dort stand einer der größten Tempel seines Volkes, der sich ganz der Heilung gewidmet hatte, und Ninári richtete seine Konzentration darauf, als er eine Bitte an die Göttin schickte. /Lass unsere Reise von Erfolg gekrönt sein, Kemjala, Herrin des Lebens./

Energisch strich er sein in Honig- und Bernsteintönen schimmerndes Haar hinter die Schultern, fühlte es schwer seinen Rücken bis zu seiner Hüfte hinabfallen, das Zeichen der Priester. Er klemmte eine besonders widerspenstige Strähne hinter sein rechtes Ohr, dessen sieben Spitzen ihn als Mitglied der obersten Kaste auswiesen, und folgte leichtfüßig seinem Bruder. Inständig hoffte er, dass sie LeRoux, dessen Ruf als ausgezeichneter Genforscher und Arzt selbst in diesen Planetenverbund vorgedrungen war, noch auf der Icesior antreffen würden. Und dass er Zeit für Dai'thi haben würde.

 

Der Flug zur Icesior war kurz, da das große Raumschiff auf seiner unberechenbaren, willkürlichen Bahn durchs All glücklicherweise in der Nähe der drei Planeten Station gemacht hatte. Von der Andockhalle aus brachte sie ein kleiner Gleiter direkt zu dem Hotel, in dem sie sich eingemietet hatten. Das Zimmer mussten sie anhand der Nummer selber suchen; leicht befremdet stellte Ninári fest, dass niemand sie führte und sie ihr Gepäck selber tragen mussten.

Der Raum war sauber. Und damit endete die Liste der positiven Dinge bereits, die er darüber sagen konnte, als sie ihn endlich gefunden hatten. Die Liste der negativen war bedeutend länger, begann mit der Größe, die ihm winzig erschien, und endete damit, dass es keine Fenster gab.

Er warf seinem Bruder einen Blick zu; dieser verzog das Gesicht, zuckte dann mit den Schultern und lachte, ehe er zielstrebig zu den beiden Bettnischen auf der rechten Seite ging und ihre beiden Koffer davor abstellte. Mit einem lautlosen Seufzen trat Ninári vor und ermöglichte es damit der Tür, mit einem leisen, schabenden Geräusch zuzugleiten. vEs war klar, dass sie LeRoux nicht binnen der nächsten zwölf Stunden treffen würden; und länger würde die Raumstation nicht mehr in der Nähe ihrer Heimatplaneten verweilen. Doch auch wenn sie die Größe eines Mondes hatte, war sie viel zu gut besucht. Alle Räumlichkeiten für ein oder zwei Personen, die in einer erträglichen Preisklasse lagen, waren bereits belegt. Sie hatten also zwangsläufig beschlossen, es mit einem kleinen Gruppenzimmer zu versuchen.

Zwei Bettnischen befanden sich auf der linken, zwei auf der rechten Seite. Grüne Vorhänge davor, die im gleichen Farbton wie der robuste Teppich gehalten waren, erlaubten immerhin ein Mindestmaß an Intimsphäre. Neben den Betten waren je zwei schmale Schränke in die Wand eingelassen worden, die mit der Karte, die als Schlüssel diente, auch abgeschlossen werden konnten.

Durch eine Tür auf der dem Eingang gegenüber liegenden Seite gelangte man in ein ebenfalls winziges Bad, in dem eine Dusche, eine Toilette und ein Waschbecken Platz gefunden hatten. In der Mitte des Raumes gruppierten sich um einen leidlich großen, wenn auch nicht sehr hübschen Metalltisch vier Stühle. Und damit erschöpfte sich die Einrichtung bereits.

Ninári warf den kleinen Spotlights an der Decke einen missmutigen Blick zu. Sie bemühten sich nicht einmal, Tageslicht zu imitieren. "Ich hätte nicht gedacht, dass das Leben hier so teuer ist."

Dai'thi lachte. "Nun, vielleicht haben wir Glück. Vielleicht bekomme ich in absehbarer Zeit einen Termin bei LeRoux. Und vielleicht haben wir diese luxuriösen Räumlichkeiten wenigstens die nächsten Tage noch allein."

 

Laites ließ sich mit mürrischem Gesichtsausdruck durch die ausladende Hotelhalle schleifen. In seinen Händen hielt er krampfhaft die weiche Bürste umfasst, die ihm Finn besorgt hatte. Das war der Vertrag zwischen ihnen gewesen. Er würde klaglos mitkommen, Finn würde ihm einen neuen Striegel für sein verklebtes, stumpfes Fell kaufen.

Als der monoton lächelnde Portier ihnen die Schlüssel zu ihrer Gruppenunterkunft ausgehändigt hatte und dazu noch erwähnt hatte, dass sie nicht allein leben würden, aber die Wesen, mit denen sie das Zimmer zu teilen hatten, keinen Bedarf an Menschen- oder Katzenfleisch zu Mahlzeiten hatten, kommandierte Finn den scheu um sich herblickenden Laites brüsk, ihm zu dem Raum zu folgen.

/Warum tut er mir das an? Kann er mich nicht einfach nach Hause lassen? Zu Tora zurück, zu Jarales? Der hat mich gekauft. Er hätte mich nicht niedergeschlagen, verschleppt und zugelassen, dass mein Fell verklebt./

"Komm schon!" Ein harter Blick aus stahlblauen Augen riss Laites aus seinem Traumzustand. Er fauchte leise, aber folgte Finn in den Fahrstuhl.

Die Fahrt führte nicht nach oben, sondern nach unten. Die preiswerteren Zimmer des Hotels für Auswärtige auf der Icesior lagen in deren Rumpf, mit Fensterattrappen und dem leisen Rauschen der Klimaanlagen anstelle des Windes, den Laites auf der Insel genießen konnte.

"Eines Tages wirst du mir dafür danken, Flohsack."

"Ich bin Laites! Und ich werde dich immer hassen!" Laites versuchte seine Augen genauso bedrohlich zusammenzuziehen, wie Finn es in dem Moment tat, aber versagte natürlich darin. Sie gingen mit ausgreifenden, federnden Schritten den Gang entlang, einige andere Gäste wichen ihnen erschrocken aus, Katzenwesen waren den Meisten unheimlich, weil ihre Augen im Halbdunkel leuchteten.

Finn grollte dumpf, mit angelegten Ohren. "Du wirst es mehr als nur bereuen, wenn du mir versuchst davonzulaufen!"

Damit öffnete er die Tür zum Zimmer und glitt durch den schmalen Spalt hinein. Finns misstrauisch spielende Ohren sagten Laites sogleich, dass sie nicht allein waren. Auch er nahm einen leichten, fremden Geruch anderer Wesen wahr.

Ninári zuckte zusammen, als er das leise Klacken hörte, mit der sich die Verriegelung der Tür löste. Er ließ das Gebetsbuch auf seine angezogenen Knie sinken und sah auf. Dai'thi konnte es nicht sein, der schlief im Bett unter ihm und hatte den Vorhang zugezogen. Also hieß es, dass sie ihre kleine Bleibe leider nicht mehr für sich allein hatten. Es wäre ja auch zu schön gewesen.

Hoffentlich waren es wenigstens halbwegs zivilisierte Wesen. Er hatte keine Lust, sich den Raum mit Leuten zu teilen, die lediglich ein paar Stunden brauchten, um ihn mit Müll zu übersäen, die es für Dekadenz hielten, sich einmal am Tag zu waschen und...

Der katzenhafte Mann mit dem silbergrauen Fell, der durch die sich öffnende Tür trat, war groß. Das war das erste, was Ninári auffiel. Im Gegensatz zu den Kemjasheri'i waren viele Völker groß, doch er hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt. Dieser hier reichte an Dai'thi heran, war aber noch breitschultriger. Dass er zu der längeren, schwarzen Shorts und den festen Stiefeln lediglich eine ebenfalls schwarze Weste trug, die seinen Oberkörper bedeckte, verstärkte den Eindruck von eleganter Kraft nur noch.

Hinter ihm schob sich eine zweite Gestalt ins Zimmer, wesentlich kleiner und schlanker, aber genauso katzenartig. Verkrampft hielt der kleine Kater eine Bürste an sich gedrückt, als wolle er sich an ihr festhalten, während er sich unsicher umsah. Die leichten Sandalen und das vanillefarbene, wenn auch stumpfes Fell, das um Kopf und Schwanz die Farbe von Kaffee annahm, verliehen ihm etwas Verspieltes, wenn auch das hübsche, von Fell unbedeckte Gesicht wirkte, als würde er gleich anfangen zu weinen.

/Katzenwesen./ Ein Lächeln huschte über Nináris Gesicht, als er die beiden Schwänze bemerkte. /Nun, Katzen sind immerhin saubere Tiere. Hoffentlich ist das bei ihnen genauso./

"Hallo. Willkommen in diesem Domizil. Ich nehme an, Sie werden hier ebenfalls wohnen?" Er klappte das Buch zusammen und richtete sich auf, um vom Bett herunterzuspringen und leicht nachfedernd auf dem Boden zu landen.

Finn fuhr zusammen, aber nickte dem anderen Wesen knapp zu. Er blieb vor den beiden freien Bettnischen stehen, und Laites tappte hinter ihm her. Während Finn den Schrank inspizierte, die Matratzen prüfte, unter den Lampenschirm, hinter die Vorhänge, in den Schrank sah, spürte Laites, dass der andere eine Antwort erwartete.

Er schnüffelte in seine Richtung und versuchte ein Lächeln, das ihm schwer fiel. Der andere stand mitten im Raum, wirkte selbstbewusst, wie jemand, der es gewohnt war zu bestimmen. Die orangefarbenen Kleider hoben den weichen Teint hervor, das sah man sogar in dem trüben und unfreundlichen Licht in diesem Raum. Obwohl er sicherlich einen Kopf kleiner war als Finn, schien er nicht zu ihm aufsehen zu müssen. Laites begann ihn zu bewundern.

Seine Miene war zudem freundlich, auf eine unverbindliche Art. Die enge, den Körper betonende Kleidung unterstrich sein Selbstbewusstsein nur noch mehr. Laites fühlte sich mit einem Mal noch dreckiger und ungepflegter als in der gesamten Zeit zuvor.

"Welches willst du, Flohsack?"

Laites fuhr verärgert zu Finn herum und fauchte ihn mit zurückgelegten Ohren an "Keins von beiden!" Er streifte den anderen mit einem verhuschten Blick, dann entdeckte er eine Tür zum Badezimmer, wie er vermutete, und sauste, so schnell er konnte, hindurch und in den engen, schrankähnlichen Raum.

Sein Blick zurück fiel auf das Gesicht des anderen, in dem der Ausdruck eine Mischung aus Überraschung und Mitleid war, wie Laites es interpretierte. Er zog seinen Schwanz ein und schloss die dünne Tür mit hängenden Ohren.

/Ich sehe bestimmt schrecklich aus. Wer wird mich so noch kaufen wollen? Jarales.../ Während er den Blick in den Spiegel warf, begannen die ersten Tränen schon, sich aus seinen Augen zu lösen.

Sein Fell war verschmiert, verrußt und an einigen Stellen filzig geworden. Am linken Ohr entdeckte er verschorftes Blut, und seine Fingernägel waren alle abgebrochen und dreckig. Laites konnte sich nicht mehr beherrschen und schluchzte laut los.

Er brauchte eine ganze Weile, um sich wieder zu fangen, endlich hatte er den Gebrauchsmechanismus der Dusche herausfinden können und krabbelte noch immer schniefend und nach Atem japsend in die Zelle. Das heiße Wasser umspülte ihn, löste seine Verspannungen und beruhigte Laites wieder ein wenig, schließlich konnte er aufatmen.

 

Trotz der geschlossenen Tür hatte Ninári ihn weinen hören, jetzt drang jedoch nur noch das Rauschen des Wassers aus dem Bad. /Was ihn wohl so unglücklich macht? Ob er Streit mit dem unfreundlichen Großen hat?/

Eigentlich hatte er sich vorstellen wollen, immerhin würden sie über unbestimmte Zeit ein Zimmer teilen. Doch die harsche, wortkarge Art des silbergrauen Katers ließ ihn die Lust darauf verlieren. Später würde sich vielleicht eine bessere Gelegenheit dazu ergeben. Stattdessen schob er den Vorhang ein wenig beiseite und setzte sich zu seinem Bruder an den Bettrand, um sicher zu gehen, dass er mitbekommen hatte, dass sie nicht mehr allein waren.

Dai'thi war durch die Stimmen und die Laute außerhalb seiner Nische schon wieder fast wach geworden; mit einem Gähnen streckte er sich und sah verschlafen grinsend zu Ninári hin.

"Das war wohl nichts, mit der Hoffnung, dass wir noch eine Weile Ruhe haben", schmunzelte er und bediente sich dabei des Dialektes ihrer Kaste.

Ninári verzog das Gesicht. "Es könnte schlimmer sein, vermute ich. Zwei Katzenwesen, von denen der eine wirkt, als erwarte er selbst hinter dem Lampenschirm potentielle Gegner. Der Kleine ist erst mal im Bad verschwunden, bevor wir auch nur ein Wort wechseln konnten. Sehr unfreundlich."

Dai'thi lachte leise auf und fuhr ihm durch das Haar. "Sie wissen nicht, dass du ein respektabler Priester bist, Brüderchen."

Mit einem Achselzucken erhob sich Ninári wieder, dann erwiderte er das Lächeln. "Nun, aber ich hatte auf jemanden gehofft, der wenigstens die Grundzüge der Höflichkeit beherrscht." Er strich sich die Haare hinter die Schultern zurück und zog das hautenge Oberteil zurecht. "Wir sollten uns ohnehin bald aufmachen, um diesen LeRoux zu suchen."

Dai'thi setzte sich auf und schob den Vorhang gänzlich beiseite, um selber einen Blick auf die Neuankömmlinge werfen zu können und sich ein Bild von ihnen zu machen. "Sicher. Aber lass erst mal das Bad frei werden, da will ich vorher noch rein."

Finn fühlte sich beobachtet, und das fremde Getuschel gab ihm das Gefühl, dass die beiden anderen über ihn redeten. Er unterdrückte ein Seufzen. Über Laites vermutlich eher. Der hockte schmollend und schluchzend im Bad.

Finn streckte seinen Körper einmal durch. Das Zimmer wies keinerlei Verstecke für jemanden auf, der sie überfallen wollte, und diese beiden wirkten auch eher ungefährlich. Die mehreren Spitzen an den Ohren kamen ihm bekannt vor.

"Wir werden nicht sehr lange hier bleiben, nehme ich an", sagte er laut und warf einen Blick auf die noch immer geschlossene Tür. "Laites wird das Bad nicht täglich so lange blockieren, das bringe ich ihm schon noch bei", fuhr er unfreundlich gestimmt fort.

Die zwei sahen sich sehr ähnlich, der Gesichtsschnitt. Finn überlegte gerade, ob es daran lag, dass sie fremd wirkten oder sie tatsächlich Brüder waren, als Laites hinter der Badezimmertür hervorlugte. Sein Fell stand wie bei einer Klobürste um seinen dünnen Körper ab, Finn konnte ein Grinsen nicht verbergen.

Dann sprang der Kleine behände an ihm vorbei und in die obere Schlafnische, unbekleidet.

"Du verdammtes... Laites! Wo sind deine Kleider?!"

Laites hatte die Bürste schon in der Hand, um sein Fell zu glätten und zu trocknen, als Finns Krallen nach ihm haschten, ein Griff nach seinem Handgelenk. Er schrie spitz auf und schlug den anderen kräftig mit der Bürste.

"Fass mich nicht an!"

Finn jaulte auf und zog die Finger zurück, aber einen Augenblick drauf brüllte er wütend "Das war's! Du bleibst hier, bis ich diesen gottverdammten LeRoux gefunden habe, du Miststück!"

Er fuhr zu den anderen zwei herum und knurrte "Wir werden sehr bald weg sein." Er nickte noch einmal kurz und verschwand hinter einer mit dumpfem Geräusch zugleitenden Tür.

"Du blöder..." Laites fehlten die Worte, das hatte er nicht gelernt. Er maunzte leise und rieb sich das Handgelenk, an dem Finn ihn so grob gepackt hatte. Unsicher sah er zu den anderen beiden rüber.

Für einen kurzen Moment erwiderte Ninári den Blick der kaffeebraunen, warmen und so scheuen Augen, dann sah er erneut zu seinem Bruder hin, der ebenfalls interessiert aufgemerkt hatte, als der große Katzenmensch so zornig nach draußen gestürmt war. /LeRoux, sie suchen ihn auch./

Dann wandte er sich wieder zu dem auf dem Bett in sich zusammen gesunkenen, kleinen Wesen hin, ohne ihm jedoch wieder in die Augen zu sehen, ganz den Regeln der Höflichkeit seines Volkes folgend.

"Du heißt Laites?", fragte er und lächelte leicht. Erst dann fiel ihm auf, dass er ihn unversehens geduzt hatte, doch es fiel ihm schwer, ihm gegenüber beim formellen Umgangston zu bleiben. Laites machte auf ihn eher den Eindruck eines Kindes. "Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Ninári, dies ist mein Bruder Dai'thi."

Laites nickte und begann, seine Arme mit dem Striegel zu bürsten.

"Es freut mich sehr. Wir sind auf der Suche nach dem Doktor LeRoux, der mich gemacht hat," verriet er dann mit Blick in die beiden freundlichen Gesichter.

"Er hat... dich gemacht?" Dai'thi hob ein wenig überrascht die Brauen hoch, während er aufstand und zu seinem Schrank ging, um nach einem frischen Handtuch zu suchen.

Für einen Fremden wirkte er fast unbeteiligt, doch Ninári sah die leichte Anspannung in Dai'this Schultern, die durch die Hoffnung hervorgerufen wurde, etwas mehr über den genauen Aufenthaltsort des Arztes und wie man einen Termin bei ihm bekommen konnte, herauszufinden.

"Was wollt ihr von ihm?", fragte er deswegen. "Vielleicht können wir ihn gemeinsam suchen. Wir möchten auch zu ihm, aber das einzige, was wir von ihm wissen, ist, dass er sich im Moment an Bord der Icesior aufhalten soll."


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig