Kemjalas Plan

3.

Laites schüttelte den Kopf und entgegnete "Mit Finn kann man nichts zusammen machen! Außerdem... was wollt ihr denn von dem Doktor?" Nachdenklich begann er mit dem besonders weichen Fell auf seinem Bauch.

"Er ist ein ausgezeichneter Arzt und exzellenter Genforscher, wenn man seinem Ruf glauben darf", erklärte Ninári, als Dai'thi nur schweigend weiter in seinem Schrank kramte. "Wir wollen versuchen, einen Termin bei ihm zu bekommen, um ihn wegen einer besonders schwierigen Krankheit zu Rate zu ziehen, die niemand auf unseren Heimatplaneten auch nur diagnostizieren konnte. Kennst du ihn gut?"

Laites hob die Schultern. "Ich bin eine Fehlkreuzung, die interessieren den Doktor nicht so sehr, deswegen habe ich ihn schon länger nicht mehr gesehen. Wenn ihr wissen wollt, wo er ist, müsst ihr seine Assistentin Tarlant anrufen. Alle seine Termine laufen über Tarlant."

Laites bürstete weiter über seinen Bauch. Es war anstrengend, dies selber zu tun und er wusste nicht so genau, ob er es schaffen würde, seinen Rücken irgendwie zu erreichen.

Einen Augenblick beobachtete Ninári, wie er sich mühte, dann ging er zu ihm herüber. "Soll ich dir helfen, Laites?", fragte er und sah zu ihm hoch, wieder nur kurz in seine Augen, ehe er die Bahnen der haarlosen Hände über den Bauch verfolgte.

/Fehlkreuzung. Das klingt grauenhaft. Hat LeRoux das wirklich getan? Beschäftigt er sich ernsthaft mit diesen Seiten der Genforschung?/ Ninári beschloss, dass es an der Zeit war, mehr über den geheimnisvollen Arzt herauszufinden, da sich ihnen diese Möglichkeit so unvermittelt eröffnet hatte.

Laites strahlte den anderen an und hüpfte sofort von seinem Lager herunter, um dem freundlichen Wesen den Rücken zu kehren. "Das ist so nett... Zuhause hab ich das nie allein machen müssen. Ich hatte immer einen Wärter, der sich um mich gekümmert hat... deswegen bin ich auch so ungeschickt."

Ninári griff nach der Bürste, hörte gleichzeitig, wie sich die Tür zum Bad leise schloss. Er zog Laites zu Dai'this Bett und brachte ihn dazu, sich dort hinzusetzen, ehe er sich hinter ihm niederließ. Mit gleichmäßigen Zügen begann er, das seidige Fell zu bearbeiten, das sehr viel ansehnlicher war als vor der Dusche.

"Dein Fell ist richtig hübsch", bemerkte er und lächelte, striegelte über die Schultern und hob das Haar im Nacken an, um auch diesen zu erreichen. "Du hattest einen Wärter? Darf ich dich weiter fragen?"

Laites brauchte nicht lang, nach einigen Strichen des weichen Striegels streckte er sich lang aus und begann zu schnurren. Er fühlte sich gleich ein wenig mehr geborgen. "Danke, ähm... Ninári. Was möchtest du wissen?"

Nináris Lächeln vertiefte sich, als er den gleichmäßigen, wohligen Laut vernahm, den der schlanke, junge Mann von sich gab, als sei er wirklich ein Kater. "Ich würde gerne mehr über LeRoux erfahren. Was für ein Mensch er ist. Ob er uns wirklich helfen kann." Für einen Moment wurden seine Bewegungen auf dem felligen Rücken langsamer. "Du hast gesagt, du bist eine Fehlkreuzung." Er stockte, fürchtete Laites zu beleidigen oder ihn zu verletzen, wenn er weitersprach und genau danach fragte. "Was bedeutet das? Was an dir ist... falsch? Du siehst nicht missgestaltet aus."

Er strich sich eine honigfarbene Haarsträhne hinter das Ohr, um sie aus dem Gesicht zu haben, da sie schon wieder nach vorne glitt. "Wenn ich zu weit gehe, dann sag mir das nur."

Laites schüttelte den Kopf. "Ich weiß ja, dass ich eine Fehlkreuzung bin. Ich bin zu langsam und tollpatschig für einen Personenschutz, zu empfindlich für ein Bordell, und für die meisten Privatleute war ich zu altmodisch gefärbt. Die ziehen einen schönen, starken Kater wie Finn vor. Deswegen war ich so lange im Labor von dem Doktor. Ich hab ihn sogar einige Male gesehen."

Er drehte sich zur Seite, damit Ninári seine Lieblingsstellen an den Flanken bürsten konnte und genoss mit halbgeschlossenen Augen. "Der Doktor ist klein und schwarzhaarig, hektisch. Er schaut einem nicht in die Augen, aber weiß trotzdem alles. Ihr müsst Tarlant fragen, LeRoux hat sie von einer tödlichen Krankheit geheilt. Das hat mir mein Pfleger mal erzählt."

"Zu altmodisch... zu empfindlich... zu..." Nináris Augen verdunkelten sich rapide, er zog die Brauen mit den helleren Strähnchen leicht zusammen. Die Bewegungen der Bürste auf Laites’ Fell wurden leichter, blieben aber gleichmäßig und ruhig. "Du meinst... ich verstehe nicht ganz. Du meinst, er wollte dich verkaufen? Wie... wie einen Gegenstand?"

Laites nickte leicht und erklärte "Das sind wir auch. Finn und ich. Es gibt die Möglichkeit, dass wir von einem Gericht zu Lebewesen gesprochen werden. Technisch bin ich ein Gegenstand."

Als Laites sich weiter drehte und räkelte, striegelte Ninári auch den Bauch, die Brust, die Oberarme. Seine Augen waren halb geschlossen, was er unbewusst immer tat, wenn er seinen Blick verschleiern wollte. Ungläubigkeit, Verwirrung und Wut ließen das Grau seiner Augen flackern.

"Und was genau heißt bei dir... Kreuzung?" Er konnte sich nicht davon abhalten, genauer nachzufragen. Der Gedanke war abartig. "Züchtet er... züchtet er lebende, denkende, fühlende Wesen wie... Blumen?"

Laites gähnte verhalten, sein Schnurren mischte sich in seine Stimme mit ein, während er spürte, dass sein Fell nun wieder so seidig glänzte wie zuvor. "LeRoux züchtet solche Gegenständen, um seine Forschung zu finanzieren. In seinem Labor kann man alles bekommen, was man mag. Die meisten sind nicht so lebend, denkend, fühlend. Ich bin eben eine Fehlzüchtung, zu empfindlich."

"Das ist... ungeheuerlich." Ninári hatte Mühe, die Abscheu aus seiner Stimme zu halten. Er wusste nicht, ob das, was dieser Katzenjunge ihm erzählte, der Wirklichkeit entsprach, aber der Gedanke, dass es so sein könnte, bescherte ihm fast körperliche Übelkeit. "Wie kannst du so unberührt davon erzählen, dass du ein Fehler sein sollst? Du bist so hübsch, dass du der Göttin nur zur Ehre gereichen kannst. Und dann erzählst du, es seien die falschen Farben."

/Wie kann ich zulassen, dass Dai'thi zu diesem Mann geht, wenn es wirklich wahr ist, was Laites erzählt? Er entweiht das Leben! Er entweiht die Gaben der Göttin! Er entweiht alles, was heilig ist!/ Es kostete ihn Kraft, um seine Hände am Zittern zu hindern, und er striegelte allein weiter, weil die gleichförmige Bewegung beruhigend wirkte. "Bist du sicher? Sicher, dass es LeRoux ist, von dem du sprichst?"

Vielleicht gab es eine andere Erklärung. Oder überhaupt eine. Eine, die diese wirren Aussagen sinniger machte. Immerhin hatten sie von dem Arzt gehört als von einem Mann, dessen Forschungen im Auftrag des Lebens standen.

Laites öffnete ein Auge, dann nickte er leicht. "Ich bin mir sicher... was mich angeht. Ich weiß nicht, was der Doktor sonst tut, wir im Labor haben ihn nicht oft gesehen." Laites drehte sich weiter herum und streckte sich über den Schoss des anderen aus. "Warum willst du so viel über LeRoux wissen? Wollt ihr zu ihm? Ihr seht beide so gesund aus... und schön." Er schlug die Augen nieder. /Und richtig, nicht Fehlkreuzungen wie ich./

"Danke." Mit einem kurzen, flüchtigen Lächeln sah Ninári zu der noch immer geschlossenen Badezimmertür hin und fragte sich, ob es Dai'thi gut ging. Meistens war seine Sorge überflüssig, doch er konnte nicht anders. Eine Zeitlang hatten die Anfälle nachgelassen, dann waren sie plötzlich und ohne ersichtlichen Grund wieder mit erschreckender Häufigkeit aufgetreten. Er sagte es zwar nicht, um seinem Bruder nicht das Gefühl zu geben, dass er ihn deswegen von sich weisen könnte, doch seitdem fürchtete er immer, dass Dai'thi etwas geschehen könnte, wenn er länger fortblieb.

Ohne es richtig zu merken, begann er das Haar des Katzenjungen auf seinem Schoss zu zausen und ihn hinter den Ohren zu kraulen, wie er es so oft mit der großen, schneeweißen Kemjash'ca-Katze getan hatte, die sie im Heiligtum hielten.

Selbst ihre Freunde begannen langsam, Abstand von Dai'thi zu nehmen. Seine Krankheit zog sich einfach schon zu lange hin und war ein Zeichen dafür, dass er etwas in den Augen der Göttin falsch gemacht hatte. Nur konnte Ninári sich nicht vorstellen, dass sein Bruder einen derartigen Fehler begangen hatte, dass sie ihn so strafte.

Seine Augen verdunkelten sich. Auf der Straße waren Passanten schon von ihm zurückgewichen, wenn er zusammen gebrochen war oder sich vor Zittern kaum noch auf den Beinen hatte halten können. /Und wenn LeRoux ihm helfen kann, wie kann ich dann dagegen sprechen, selbst wenn er wirklich zu solchen Methoden greift, wie Laites es gerade erzählt hat. Vielleicht stimmt es ja auch gar nicht./

Seine kraulenden Finger wanderten in den Nacken des Katzenjungen und von dort aus zu dessen Kehle, wo er das Vibrieren, das durch das Schnurren hervorgerufen wurde, deutlich spüren konnte. Für einen Moment überlegte er, ob er einfach nicht antworten sollte, weil er wusste, wie unangenehm es Dai'thi war, aber früher oder später würden sie es ohnehin mitbekommen, wenn sie ein paar Tage mit ihnen das Zimmer teilten.

"Nein", antwortete er leise. "Mein Bruder ist nicht gesund."

Laites lächelte ein wenig, die Augen geschlossen haltend. Niemals hätte er gedacht, dass hier in diesem seltsamen Schiff jemand sein würde, der so ausgezeichnet kraulen konnte. Unter leisem Schnurren erwiderte er endlich "Das tut mir leid. Ich finde es schön, dass du dich um ihn kümmerst, Ninári. Wo kommt ihr her?"

"Von Vash'esi, dem ersten Planeten in unserem Verbund. Wir sind Kemjasheri'i." Mit einem Finger seiner freien Hand fuhr Ninári den geraden Nasenrücken nach, ehe er sich mit beiden Händen der weichen, seidigen Mähne widmete. "Hast du schon davon gehört?"

Laites seufzte verhalten, dann schüttelte er den Kopf leicht. "Nein. Kemjasheri'i scheinen nicht zu den Kunden des Labors zu gehören. Über Völker, bei denen wir vielleicht leben werden, haben wir alles lernen müssen, die Umgangsformen, die Geschichte, ihre Sprache. Leider kann ich mich nun gar nicht passend benehmen, tut mir leid."

"Das macht nichts." Ninári lächelte, erleichtert darüber, dass keiner seines Volk so etwas zu unterstützen schien. "Niemand ist perfekt. Und ohnehin hat Perfektion viele Gesichter. Soll ich dir erzählen, bis Dai'thi fertig ist? Dann müssen wir erst mal weg."

Laites nickte lebhaft und drehte sich noch eine Idee weiter. Solange er gestreichelt wurde und auch noch erzählt bekam, war er wirklich im Himmel.

"Wenn es dir gefällt." Ninári lachte leise auf, als das Schnurren noch eine Spur lauter wurde, während er überlegte, was den Katzenjungen interessieren konnte. "Mein Volk lebt auf drei Planeten, die sich um sich selbst drehen, umeinander und um die Sonne kreisen. Vash'esi, wo ich herkomme, ist der erste, Inai'nachna der zweite und Koranai der dritte. Von den klimatischen Gegebenheiten unterscheiden sie sich kaum voneinander, auch wenn jeder seine einzigartigen Landstriche und zum Teil auch ganz eigene Vegetation hat.

Was sie auch ein wenig trennt, ist die in manchen Dingen variierende Auslegung der Gebote der Göttin. Kemjala ist die Herrin des Lebens und des Todes in allen Aspekten. Ihr am nächsten stehen natürlich die Frauen, sie tragen einen Funken Ihrer Göttlichkeit in sich. Es gibt nichts Perfekteres und Schöneres als eine makellose Frau. Deswegen stehen auch nur ihnen die höchsten Ränge in den Reihen der Priester offen."

Er wollte weiter reden, doch in dem Moment kam Dai'thi mit noch feuchtem Haar, aber fertig umgezogen aus dem Bad. Ninári registrierte, dass er sich bereits auf ein mögliches Treffen vorbereitet hatte, ohne jedoch wirklich damit zu rechnen. Die weichen, kniehohen Stiefel und die grüne, hautenge Hose zählten zu seiner Lieblingskleidung, während das ebenso enge, langärmlige Oberteil in der gleichen Farbe, jedoch aus leicht schimmerndem Stoff, eindeutig eher seiner offiziellen Garderobe zuzurechnen war.

Ninári fuhr Laites einmal durch die Haare und schob ihn dann sanft, aber bestimmt von seinem Schoss. "So, das war's fürs erste! Wir müssen los."

Laites gähnte. "Danke. Ich wünsche viel Erfolg bei der Suche."

Geschmeidig erhob sich Ninári. "Ich danke dir. Wenn du magst, können wir nachher weiterreden." Er erzählte gerne von der Göttin, auch wenn er nicht mit allem übereinstimmte, was in den Tempeln gelehrt wurde. Von manchem hatte er eine ganz eigene Auffassung.

Als er seinem Bruder nach draußen folgte, hielt er nachdenklich den Blick auf dessen Rücken geheftet. Das war ein weiterer Grund, warum er hier war. Sicher, er wollte Dai'thi helfen. Doch zugleich wollte er Abstand gewinnen, Ruhe, um nachzudenken. Darüber, ob die Stellung eines Priesters wirklich das war, was er wollte. Er fühlte sich nicht wirklich dazu berufen.

Vielleicht war das ein Grund, warum sie ihn so ungern hatten gehen lassen. Dass sie seine Unsicherheit gespürt hatten und ihm keine Gelegenheit geben wollten, noch weiter darüber zu grübeln. Die Hohe Mutter hatte ihm nahe gelegt, auf die Reise zu verzichten. Seine Augen verdunkelten sich, als er sich an ein anderes Gespräch erinnerte. Seine Eltern hatten schlicht versucht, es ihm zu verbieten.

 

Tarlant fluchte verhalten, dann bezahlte sie die unglaublich hohe Summe, die einem in der Icesior für das Unterstellen eines Raumschiffes abverlangt wurde. Müde und wütend zugleich stieg sie mit ihren zwei Reisetaschen aus und betrat nach einigen Fahrten mit dem Zubringerfahrstuhl die Hotelhalle des größten und prächtigsten Hotels auf dem fahrenden Planeten.

Es war einem Schloss nachempfunden und hatte hohe, von angenehmem, künstlichem Licht durchflutete Räume. Tarlant checkte mit der Kreditkarte ihres Privatkontos in eines der üblichen Zimmer und fragte sogleich nach Doktor LeRoux.

Der Concierge lächelte nichts sagend, dann erklärte er mit der üblichen Floskel "Der Doktor wünscht keine Störungen, aber wir werden ihm natürlich eine Nachricht zukommen lassen, wenn Sie es möchten."

Tarlant verneinte und machte sich auf, ihr Zimmer zu beziehen, ein Bad zu nehmen, Rachpläne zu schmieden. Die Suiten auf der Icesior waren so unverschämt teuer, dass sie nun den Gerüchten Glauben schenkte, dass selbst hohe Tiere aus der Finanz oder Politik kleinerer Planeten hier in eher schäbig zu nennenden Unterkünften hausen mussten.

/LeRoux. Du hast natürlich nur das Beste für dich. Hast du eine von deinen Maschinchen in jemanden aus der Mafia hier auf dem Schiff eingebaut? Ja?/ Tarlants Finger glitten unweigerlich an den Hals, zum rechten Ohr hinauf, unter dem sich die längliche Narbe noch immer fein ertasten ließ.

/Nur deswegen habe ich bislang alles mit mir machen lassen. Das hat jetzt ein Ende. Einfach weglaufen und mir die Aufräumarbeiten überlassen, einfach aufgeben, was so mühevoll aufgebaut worden ist, nur weil es ein Problem gibt. Und dann... mir die Schuld in die Schuhe schieben?! Mich ankreiden! Ich bin zu lange zu dumm gewesen!/

 

Nináris Füße schmerzten, doch er ließ es sich nicht anmerken. Seine dünnsohligen Sandalen waren dafür gemacht, über weiche Teppiche und Wiesenboden zu laufen, nicht stundenlang über hartes Metall und ebenso harten Stein. Immerhin hatten sie jetzt den ersten konkreten Hinweis auf den Aufenthaltsort des Doktors bekommen, was zumindest Dai'thi einen enormen Aufschwung gegeben hatte.

Das zunehmend verschlossener gewordene Gesicht seines Bruders war wieder offen und fröhlich, und seine Augen leuchteten mit neuer Unternehmungslust. Ihm sah man nicht an, dass sie jetzt schon seit Stunden durch die verwirrenden Gänge, Gassen und Winkel der Icesior irrten.

Ninári fand es ziemlich absonderlich, dass eine Person wie LeRoux nicht einfach über die Informationsstellen zu finden war, immerhin war er Arzt. Andererseits hatte er hier keine offizielle Niederlassung, und vielleicht zog er sich auf diese Station zurück, um sich zu erholen und wollte nicht weiter von Patienten umlagert werden.

Seine Gedanken glitten zurück zu dem Gespräch mit dem Katzenjungen, was seine Miene dazu brachte, sich wieder zu umwölken. Er hatte es einfach nicht geschafft, Dai'thi davon zu erzählen, so voller Hoffnung wie er war. Vielleicht hatte Laites ja etwas vollkommen missverstanden, oder jemand wollte den Arzt in Verruf bringen. Alles war möglich, und so lange er nicht mehr wusste, würde er seinen Bruder nicht beunruhigen.

Doch langsam begann er sich zu fragen, warum LeRoux sich ausgerechnet hier aufhalten mochte. Das, was er mittlerweile von dem Schiff zu Gesicht bekommen hatte, trug nicht gerade dazu bei, dass er es für einen angemessenen Aufenthaltsort für einen so bekannten Arzt hielt. Einige der Viertel, durch die sie gekommen waren, hatten ihn regelrecht erschreckt, und er war froh über die Begleitung von Dai'thi gewesen, der wesentlich kräftiger war als er und Kampferfahrung hatte.

Als sie jedoch in die Empfangshalle des Hotels traten, in dem der Doktor untergekommen sein sollte, änderte er seine Meinung schlagartig. Wahrscheinlich kannte dieser die entsprechenden Viertel, durch die sie auf ihrer Suche zufällig gekommen waren, nicht einmal.

Dai'thi lachte, als er den wohlwollenden Ausdruck auf Nináris Gesicht bemerkte und dessen Zufriedenheit, als er sich in der großen Halle umsah. Der Boden aus glattem, zart marmoriertem Stein verlieh ihr eine freundliche Helligkeit, die durch zahlreiche Pflanzen belebt wurde. Rechter Hand zog sich der Empfangstisch aus dunklem, glänzendem Holz entlang, der durch das Fehlen jeglicher Verzierungen nur um so edler wirkte. Pagen in bordeauxroten Uniformen warteten diensteifrig darauf, ankommenden Gästen das Gepäck abzunehmen und sie auf ihre Zimmer zu bringen.

Doch obwohl sie in ihrer Gesellschaft zur obersten Kaste gehörten und dementsprechend viel Geld und Land ihr eigen nannten, kostete es auch für sie ein nicht erschwingliches Vermögen, auf der Icesior ein angemessenes Quartier zu finden, wie sie hatten feststellen müssen.

Entschlossen ging er an die Theke, wo er sich sofort einer lächelnden, jungen Frau in elegantem, ebenfalls dunkelrotem Kostüm gegenübersah. "Was kann ich für Sie tun?", fragte sie in dem nahezu perfekten Dialekt seiner Kaste.

Überrascht sah er sie kurz an, vermied dabei jedoch den Blick in die Augen. /Das wäre angemessen. Schade, dass ich dir das nicht bieten kann, Ninári, wo du mich schon hierher begleitet hast. Aber es ist zu teuer./

Respektvoll neigte er den Kopf, ehe er sie anlächelte. "Wir möchten mit Dr. LeRoux sprechen. Wäre es möglich, ihn hier zu treffen oder ihm eine Nachricht zukommen zu lassen?"

"Leider ist der Doktor im Moment abwesend. Aber eine Nachricht werde ich selbstverständlich ausrichten." Ihre perfekt manikürten Finger flogen über die flache Tastatur, als Dai'thi eine kurze Botschaft an LeRoux verfasste, ihm mitteilte, warum er ihn zu sprechen wünschte und wie er ihn kontaktieren konnte.

Als er sich zum Abschied erneut vor ihr verneigte, hallte ein dreistufiger Warnton durch die Eingangshalle.

"Hochverehrte Anwesenden, in zwei Stunden wird die Icesior ihre jetzige Position aufgeben", verkündete eine androgyne, freundliche Stimme. "Wir bitten die Gäste, die nicht weiter mit uns reisen möchten, sich an ihre Docks zu begeben. Die letzten Schiffe stehen dort bereit. Wir danken Ihnen für den Aufenthalt und würden uns freuen, Sie bald wieder hier begrüßen zu können."

Während die Nachricht noch in den gängigsten Sprachen wiederholt wurde, sah Dai'thi mit ein wenig schlechtem Gewissen zu Ninári hin, doch das Lächeln, das dieser ihm schenkte, vertrieb das ungute Gefühl.

"Du weißt, dass ich freiwillig mitgekommen bin. Außerdem ist das eine wirklich interessante, neue Erfahrung." Ninári strich sich das Haar wieder hinter die Schultern und ließ es einem Wasserfall aus Honig und Bernstein gleich durch seine Hände gleiten. Er lächelte, und Dai'thi war ihm dankbar dafür, dass er hier war.

"Lass uns essen gehen", schlug er vor. "Hier können wir im Moment ohnehin nichts mehr tun."


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig