Kemjalas Plan

4.

Tarlant stockte abrupt in ihrer Bewegung zu den Fahrstühlen. Verärgert blickte sie in Richtung der Lautsprecher, aus denen die freundliche Stimme soeben verkündet hatte, wofür die Icesior bekannt war, das plötzliche und gnadenlose Ablegen des Schiffes in unbestimmte Richtung, mit einer Geschwindigkeit, die ein Aussteigen während der Fahrt absolut unmöglich machte.

/LeRoux! Das hast du doch mit Sicherheit gewusst!/ Tarlant lehnte sich zu dem Concierge, bei dem sie gebucht hatte hinüber und fragte gereizt "Wie viel Zeit bleibt mir noch?"

Der Angesprochene rückte seine Uniform gerade und hob die Schultern. "Das ist schwer abzuschätzen, vermutlich legt das Schiff in den nächsten zwei Stunden ab."

"Gut, mir reicht auch eine Stunde." Energisch wendete sie sich erneut ab und den Fahrstühlen zu, wobei sie beinahe in eines der Wesen stolperte, die durch die Warnmeldung überrascht in der Nähe des Tresens stehen geblieben war.

Tarlant trat einen kleinen Schritt zurück, entschuldigte sich fahrig und nahm eher am Rande wahr, dass der andere gefächerte Ohren hatte und wunderschönes Haar. Unbewusst fuhr sie sich durch die strenge Frisur, bevor sie dem Botenjungen mit den Taschen erneut mit schnellen Schritten folgte.

"Offensichtlich will sie nicht mit der Icesior weiter fahren." Ninári lächelte über die Eile der Frau, die ihn kaum bemerkt hatte, ehe er wieder zu seinem Bruder sah, der ihr ebenfalls hinterher blickte. Länger, als es notwendig war. "Dai'thi?"

Fast wie ertappt wandte Dai’thi sich ab, dann grinste er fast verlegen. "Sie ist hübsch. Und irgendwie... kommt sie mir bekannt vor." Hübsch, ja, das war sie. Und sie hatte etwas an sich, das ihn verwirrte.

Wieder sah er in ihre Richtung, doch gerade schlossen sich die Schiebetüren hinter ihr und verbargen den Blick auf ihre schlanke Gestalt.

Tarlant drehte sich rechtzeitig zu der Fahrstuhltür, um zu sehen, dass der hochgewachsene Mann mit den gefächerten Ohren in ihre Richtung gestarrt hatte. Unwillkürlich hob ein kleines, bedauerndes Lächeln die Mundwinkel ein wenig an. Er war erstaunlich gutaussehend. Und er hatte sich angezogen, als wüsste er es nur zu gut, wie um sich für seine Attraktivität zu bedanken. Tarlant rückte den taillierten Blazer zurecht, der mehr verbarg als zeigte, und im Grunde das Gegenteil von seiner Kleidung war.

Nachdem sie sich des Botenjungen entledigt hatte, wandte sie ihren Schritt sogleich in Richtung der Suiten, in denen sie LeRoux vermutete. Vor den meisten Türen standen Leibwachen. Menschen, Tiere, fremde Wesen. Vor einer Tür entdeckte Tarlant dann die schweren Drachenkreuzungen.

"Guten Abend." Die Echsengesichter wendeten sich zu ihr hinunter, breite, gepanzerte Körper zögerten einen Augenblick zwischen zerreißen und passieren lassen hin und her, dann nickte einer der zwei und zischte rau "Tarlant..." Seine gespaltene Zunge schnellte einige Male hervor, ekelte Tarlant, dann nickte auch der andere, und sie öffneten die beiden Türen, um Tarlant einzulassen.

Die Suite bestand aus mehreren Zimmern. Zunächst rief Tarlant vorsichtig nach LeRoux, erwartete ihn jederzeit hektisch um die Ecken biegen zu sehen, die Brille auf der Nase, die er nur des gelehrten Eindrucks wegen trug. Er würde sich entschuldigen bei ihr, würde ihr Geld bieten, Urlaub, neue Haustiere, würde in einem Atemzug von den neuen Projekten reden, würde Tarlants Treue loben.

Doch er kam nicht. Stattdessen entdeckte sie einen Kommunikator, auf dessen Bildschirm sie ihn sehen konnte. Das schlanke, anthrazitfarbene Gerät passte zu dem minimalistischen Eindruck, den er stets so gern verbreitet hatte.

Mit zitternden Fingern hob Tarlant das Gerät auf und blickte auf die Botschaft. "Für Tarlant." Tarlant sah sich verwirrt um, es war jedoch niemand zu sehen, sie war allein in der Suite. Zögernd tippte sie auf die Abspieltaste.

LeRoux erschien auf dem Bildschirm. Er sah noch schmaler, blasser und hektischer aus als sonst. "Tarlant. Ich weiß, dass es nicht optimal gelaufen ist auf der Insel. Ich hatte schon länger geplant, die lächerlichen Spielereien zu verlassen. Wenn Sie dies lesen, sind Sie mir zur Icesior gefolgt, das war dumm. Dumm und unnötig, denn ich werde mich nicht an Bord befinden, wenn das Schiff ablegt." Ein zufriedenes Lächeln. "Wenn meine Kalkulation richtig ist, dann werden aber Sie dort sein. Ich wünsche eine gute Reise. Bitte bedenken Sie, dass die Konten alle nicht mehr gedeckt sind. Meine neuen Projekte sind leider umfangreich."

Tarlant schnaubte verächtlich, doch dann lehnte sich der Doktor ein wenig näher an den Bildschirm heran. "Und ich weiß, dass Sie die Arbeit aus Dankbarkeit für den albernen Chip von damals noch immer weitermachen würden. Ich kann aber niemanden wie Sie mehr brauchen, Tarlant. Ihre Art gefällt meinen Investoren nicht, Sie sind... zu altmodisch, nicht mehr zeitgemäß."

Er lehnte sich zufrieden wirkend wieder zurück. "Ich konnte diese arrogante Art nie leiden, es gab nur niemanden sonst, der dumm genug war, diese albernen Tiere wie in einem Zoo vorzuführen und an all die Idioten da draußen zu verkaufen. Niemand sonst wäre dazu bereit gewesen, Tarlant."

Ein selbstgerechtes Lachen. "Aber für die Hilfe beim Zusammenbringen meiner Gelder bin ich Ihnen dennoch dankbar. Deswegen hab ich Sie zur Icesior geführt. Dort gibt es keine Polizei, niemand wird Sie dort verfolgen, für all die bösen Taten, zu denen Sie mich gezwungen habe. Tststs, aus Geldgier, Tarlant. Und Sie und ich kennen Ihr Geheimnis, wir wissen, weswegen Sie all das Geld haben wollten, nicht wahr?"

Das graue Gerät fiel mit einem leisen Geräusch auf den dicken Teppich, als Tarlant es aus den Fingern gleiten ließ. "Mistkerl! Verdammter..." Vor der Tür entstand ein gedämpfter Tumult, aber das interessierte Tarlant nicht; sie schlug die Hände vor das Gesicht und begann zu schluchzen.

Enttäuscht und gedemütigt brauchte es mit einem Mal all ihre Kraft, allein um zu atmen. Mühsam schleppte sie sich zur Tür, um zu gehen, die Icesior verlassen, irgendwohin fliegen, ein anderes Leben anfangen? /Ich kann nichts anderes. Alles, was ich kann, ist seine Kreationen verkaufen. Ich bin... ohne ihn... bin ich.../ Ihr Kopf schmerzte, und die Gedanken drehten sich mit einem Mal nur noch im Kreis. Tarlant öffnete die erste der zwei Zimmertüren und vernahm nun deutlich die Laute eines Kampfes. Die aggressiven Wächter waren vermutlich grundlos auf einen armen Boten losgegangen.

Als Tarlant die zweite Tür zum Gang öffnete, fielen ihr einer der Wächter und ein ihn fauchend und um sich schlagend bekämpfender Katzenmann entgegen. Mit einem leisen Aufschrei sprang Tarlant an ihnen vorbei und flüchtete den Flur hinunter zur Galerie, wo auch die Fahrstühle warteten. /Ich muss weg hier... fort... wohin nur? Wohin?/

Hinter ihr gewann zu ihrer Verwirrung die Katze gegen die beiden Drachen. Gleich darauf brüllte der Katzenmann "Tarlant!"

Sie fuhr überrascht herum, doch er hatte sie nicht retten wollen, wie ihr eine törichte Hoffnung zunächst glauben machte; der Blick seiner stahlblauen Augen war hart, und als nächstes fauchte er eben für sie hörbar "Ich bring dich um, du Miststück!"

Tarlant seufzte und drehte sich zum Geländer um. Die Kreationen hassten sie, LeRoux fand sie altmodisch und überflüssig, niemand brauchte sie. Niemand würde sie vermissen.

Ausladende Brunnen verzierten die Wandelhalle unter der Galerie, auf der sie stand und dem Katzenwesen beim Kampf gegen die Echsen zusah. Aus dem Wasser stakte eine Vielzahl von Kristallen hervor.

/Wenn ich günstig falle, dann werden sie mich aufspießen./ Tarlant sah sich nach dem Kater um, der mit großen Sätzen auf sie zukam. /Aber vermutlich würde ich sogar so einen Sturz überleben. Solange ich den Chip trage, kann es mir doch egal sein, was er mit mir macht./

Sie lächelte, streifte die Schuhe ab, verstaute ihre Brille in dem Etui und kletterte auf das Geländer hinaus. "Ich werde mich selber umbringen... lass mich in Ruhe..." Voller Erstaunen erkannte sie ihn wieder. Er hatte genug Ärger gemacht, aber es war dennoch lange her gewesen. "... Finn. Du bist Finn. Lass mich in Ruhe, dann bringe ich mich selber um."

Finn kam geduckt zum Stehen und schlich sich dann näher. "Wieso sollte ich das glauben, Tarlant?"

"Es ist mir egal, was du glaubst. Mein Leben ist zuende. Der Doktor hat mich gefeuert, er und seine Arbeit und die Arbeit für ihn war alles, was ich hatte. Nun habe ich erfahren, dass er mich nicht mochte, meine Arbeit schlecht fand, und jetzt würde ich gern sterben. Verschwinde also." Langsam löste sie eine Hand von der Reling und blickte in das sprudelnde Wasser des Brunnens.

Der Tumult in den oberen Stockwerken war nicht unbemerkt geblieben. Eigentlich hatten Dai'thi und Ninári die Empfangshalle gerade verlassen wollen, als die junge Frau hinter der dunklen Theke nach dem Sicherheitsdienst rief. Im gleichen Moment erkannte Ninári die raue Stimme, die laut einen Namen brüllte, den er an diesem Tag schon einmal gehört hatte. Tarlant, die Assistentin des Doktors, von der Laites erzählt hatte. Und die Stimme war die des großen Katzenmannes, der mit ihnen das Zimmer teilte.

Zeitgleich mit ihm drehte Dai'thi sich um. Sein Blick flog durch die Halle und zur Galerie empor, von welcher der Lärm kam. Erschreckt weiteten sich seine gelbgrünen Augen, als er die Situation erfasste. Auf dem Geländer stand die hübsche Frau, die eben noch in Ninári gelaufen war und hinter ihr geduckt und zum Angriff bereit ein Raubkatzenwesen mit gebleckten Zähnen und ausgefahrenen Krallen.

Dai'thi dachte kaum nach, als er auch schon lossprintete. Für einen winzigen Moment bedauerte er, keine Waffe dabei zu haben, doch er schob den Gedanken beiseite, als er die Treppe empor hetzte. Er selber konnte Waffe genug sein.

"Rühr sie nicht an!", brüllte er, noch ehe er oben angelangt war.

Tarlants Blick wurde von Finn zu dem hochgewachsenen Mann gelenkt, dadurch verlor sie jedoch den Halt am Geländer, und mit einem Aufschrei rutschte sie ab und stürzte mit einem uneleganten Plantschen in den Brunnen.

Sie wusste, dass sie die verdammten Kristalle verfehlt hatte, das hätte mehr weh getan. Zugleich wusste sie, dass sie noch immer lebte, denn tot zu sein, tat mit Sicherheit weniger weh. Gleich drauf wurde die Welt um sie herum schwarz, und sie sank langsam unter die Wasseroberfläche.

Mit einem entsetzten Aufkeuchen stoppte Dai'thi abrupt und beugte sich über das Geländer. Erleichterung durchströmte ihn, als er sah, dass sie in einen der Brunnen gefallen war, die Kristalle jedoch verfehlt hatte. Doch sie musste das Bewusstsein verloren haben, denn sie machte keine Anstalten, sich wieder zu erheben.

Mit einem kurzen Blick stellte er fest, dass der Katzenmann keine Anstalten machte, ihn anzugreifen, sondern regelrecht verwirrt auf die Stelle starrte, an der sie eben noch gestanden hatte. Kurz wog er die Möglichkeiten gegeneinander ab, sofort wieder umzukehren oder zu versuchen, ihren Angreifer gefangen zu nehmen.

Es war schnell entschieden, als er seinen Bruder bereits mit wehendem Haar auf den Brunnen zueilen sah, ebenso wie einige Leute des Dienstpersonals. Mit weiten Sprüngen hetzte er die Treppe weiter empor.

Finn hatte Mühe, die Geschehnisse zu sortieren. Er blinzelte einige Male, dann duckte er sich und sah in die Halle hinab. Tarlant war nichts passiert, nicht viel jedenfalls. Es sah so aus, als sei sie bewusstlos. Verärgert umfasste er das Geländer mit den noch immer zu Klauen ausgefahrenen Händen.

"Tarlant! Was soll das heißen, verdammt?! Wo steckt LeRoux?!"

Dai'thi hatte den Treppenabsatz erreicht und kam durch den glatten Boden schlitternd zum Stehen. Erst jetzt, wo der Katzenmann nicht mehr ganz so nach Angriff aussah, erkannte er ihn, wenn auch mehr an seiner Kleidung und an der charakteristischen Färbung seines Felles. "Finn!"

Dann registrierte er, was er gesagt hatte. Der Katzenjunge hatte Tarlant erwähnt als die Frau, über die man einen Termin bei LeRoux bekommen konnte. /Was für ein Glücksfall! Kemjala, Herrin des Lebens, ich danke dir./ Aber was immer Finn von ihr und dem Arzt wollte, schien nicht wirklich freundschaftlicher oder hilfesuchender Natur zu sein. Entschlossener noch als zuvor stellte er sich dem anderen in den Weg. "Wage es nicht, ihr auch nur ein Haar zu krümmen!"

Finn sah sich irritiert nach ihm um. Erst in dem Moment, in dem der andere seinen Namen rief, erkannte Finn ihn wieder. "Wenn du sie davon abhalten kannst, nur zu. Als ich hier ankam, war sie dabei zu springen." Verwirrt starrte er in die Halle hinunter, in der nun einige Hotelangestellte und der andere der Mitbewohner sich um Tarlant kümmerten, die bewusstlos zu bleiben gedachte, wie es aussah.

/Vielleicht hat ihr Chip was abbekommen. Vielleicht stirbt sie ja doch noch. Was will der Idiot von mir?/ Da Finn sich bewusst wurde, dass er zum einen nichts weiter würde ausrichten können und dass die Drachenechsen sich zum anderen von dem Kampf zu erholen schienen, beschloss er, vorerst zu Laites zurückzukehren.

Leider waren all die Vorkommnisse umher von der Sicherheitsabteilung des Hotels nicht unentdeckt geblieben. Schwarzgekleidete Männer kamen in die Halle gelaufen, mit bedenklich großen Waffen in den Händen.

"Sie wollte..." Dai'thi beendete den Satz nicht. Der Sinn von Finns Worten war deutlich gewesen. Unvermittelt stand ihm wieder das ovale, hübsche Gesicht der Frau vor Augen, wie sie sich mit einer unbewusst wirkenden Geste durch das haselnussfarbene Haar gefahren war. Sie hatte nicht wie jemand gewirkt, der seinem Leben ein Ende setzen wollte.

Nachdenklich betrachtete er den knurrigen Katzenmann vor sich, während er ein wenig entspannte und sich nicht mehr unmittelbar auf einen Kampf gefasst machte. Offensichtlich kannte Finn sowohl sie als auch LeRoux, was ihn wesentlich interessanter werden ließ als noch vor einem Moment. Er brauchte nur wenige Augenblicke, um zu einem Entschluss zu kommen, auch wenn es vielleicht Dummheit war. Doch wenn es um den Doktor ging, schien es weit mehr als nur eine Sicht der Dinge zu geben.

"Wenn du mir nachher von LeRoux erzählst, halte ich dich jetzt nicht so lange auf, bis diese hier oben sind." Mit einer Kopfbewegung wies er auf die schwarzgekleideten Gestalten in der Empfangshalle.

Finn nickte einmal schnell und wägte ab, wer schwerer zu überwinden sein würde. "Okay. Kümmert ihr euch um Tarlant, wir treffen uns im Zimmer."

Er duckte sich und lief mit kräftigen Sätzen über den Flur in Richtung der Feuerleitern am anderen Ende des Ganges davon. Die Echsenmänner folgten ihm fluchend.

Mittlerweile hatten die Sicherheitsleute Dai'thi erreicht; sie stürmten an ihm vorbei, nur einer blieb bei ihm stehen. Seine Augen waren hinter der Schutzbrille nicht zu erkennen. "Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Gehen Sie lieber runter. Wir wissen nicht, wie viele es sind und ob sie Waffen tragen."

Dai'thi nickte nur und wandte sich ab, um dem Befehl zu folgen, weil er ohnehin zu seinem Bruder und Tarlant wollte.

Ninári hatte sie mit Hilfe der Frau, bei der sie die Nachricht an LeRoux aufgegeben hatten, auf einer Bank gebettet, wo sie vermutlich liegen sollte, bis sie aufwachte oder ein Sanitäter kam. Dai'thi kniete bei ihr nieder und fühlte nach ihrem Puls. Er war ruhig und gleichmäßig, was ihn erleichtert aufatmen ließ.

Sein Blick glitt zu ihrem Gesicht, in dem die jetzt vom Wasser dunklen Haare klebten. Sie hatte die Augen geschlossen, er konnte sich auch von dem kurzen Moment vorher nicht mehr an ihre Farbe erinnern. Doch ihre langen, dichten Wimpern wirkten ein wenig wie Vogelschwingen. Ihre Lippen waren weich, aber trotz ihrer Bewusstlosigkeit ein wenig angespannt und erschöpft.

Fast hätte er seiner plötzlichen Regung nachgegeben, sie mit einer Fingerspitze nachzufahren, doch er beherrschte sich. "Wie geht es ihr?"

Ninári legte den Kopf ein wenig zur Seite. "Sie ist bewusstlos; aber ansonsten scheint alles in Ordnung zu sein, soweit ich das beurteilen kann."

"Gut." Dai'thi lächelte kurz, dann wandte er sich der Empfangsdame zu, die neugierig zur Galerie empor sah, wo die schwarzgekleideten Männer schon längst aus der Sicht verschwunden waren. "Ich bin Dai'thi aus der Familie der Jalach'tai, Siebenter Rang der Hohen Mütter, Oberster Hüter Ihres Tempels zu Monkíwar. Ich stelle diese Frau, Tarlant, unter meinen Schutz. Ich hafte mit meinem Leben und meiner Ehre dafür, dass ihr nichts geschieht, solange sie sich unter meiner Obhut befindet."

"Einen Moment, ich..." Verwirrt drehte die junge Frau sich zu ihm um, doch er wandte sich schon ab und hob Tarlant auf seine Arme, wünschend, er hätte seinen Umhang dabei, um sie zudecken zu können. Die nasse Kleidung klebte an ihrem schlanken Körper, und bestimmt würde sie unterkühlen, wenn sie nicht bald in etwas Trockenes kam.

Ninári warf seinem Bruder nur einen kleinen Blick zu, dann lächelte er der Empfangsdame gewinnend zu. "Es wäre ausgesprochen hilfreich, wenn Sie einen Wagen rufen könnten."

Sie schien ein wenig überrumpelt zu sein, als sie seiner Bitte nachkam, anstatt einen Arzt oder noch mehr Sicherheitsleute zu rufen.

Nur wenig später waren sie wieder in ihrem Hotel, und Ninári konnte nur den Kopf über die unmöglich hohen Preise schütteln, die auch Verkehrsmittel forderten. Er öffnete die Tür zu ihrem Zimmer, um seinen Bruder hereinzulassen, der Tarlant gleich zu seinem Bett brachte.

Für einen Moment überlegte Dai'thi, ob er ihr die nasse Kleidung ausziehen sollte, doch dann erinnerte er sich daran, dass Menschenfrauen manchmal recht eigen reagierten, wenn man sie nackt sah, auch wenn sie keinen Grund hatten, ihre Körper zu verstecken. Und gerade bei Tarlant war er sich sicher, dass sie ausgesprochen hübsch sein musste. Trotzdem deckte er sie nur zu, hoffend, dass sie bald aufwachte.

Laites war eingeschlafen, von den Strapazen der vergangenen Tage vollkommen erschöpft. Lautes Rascheln und Stimmen weckten ihn erneut auf, und als er den Vorhang von seiner Schlafnische fortschob, sah er die beiden anderen Bewohner des Raumes. Freudig winkte er und lächelte. "Ninári!"

Doch dann bemerkte er die dritte, offensichtlich bewusstlose Person, die von den beiden vorsichtig auf das Lager gelegt wurde. Neugierig krabbelte Laites aus dem Bett hervor und ging zu den beiden anderen, die ihn noch nicht so richtig beachtet hatten. "Oh... Tarlant." Erschrocken berührte Laites die feuchten, leicht gewellten Haare der Assistentin des Doktors. "Sie ist ganz nass."

"Hallo Laites." Ninári lächelte ihm kurz zu. "Ja, wie du siehst, haben wir Tarlant gefunden, wenn auch nicht unbedingt in der besten Verfassung." Er erwähnte lieber nicht, dass Finn nicht ganz unschuldig zu sein schien. Zudem wusste er nicht wirklich, was sich abgespielt hatte. "Sie ist... von einer Galerie gefallen und glücklicherweise in einem Brunnen und nicht auf dem Boden gelandet."

Laites blinzelte verwirrt, dann nickte er leicht und fragte "Hat Finn versucht, sie umzubringen?" Zaghaft trat er näher und strich der bewusstlosen Tarlant die feuchten Haare aus der Stirn. Vorsichtig wischte er verlaufene Schminke von den Augen fort, wagte sich immer näher an sie heran.

"Ich weiß es nicht", antwortete Dai'thi wahrheitsgemäß. "Er wirkte so, aber... Nun, jetzt wird er ihr kein Haar mehr krümmen. Nicht, so lange sie unter meinem Schutz steht." Entschlossen sah er auf die reglose Frau hinab, dann legte er dem jungen Katzenmenschen eine Hand auf die Schulter. "Lass sie in Frieden. Ich hoffe, sie wacht bald auf."

Laites hob die Schultern, doch dann murmelte er unsicher "Wird ihr nicht unwohl sein... mit den nassen Sachen? Ich kenne Tarlant schon sehr lange, ich kann sie ausziehen und in warme, trockene Decken wickeln, keiner wird sie mit Blicken beschämen, ja?"

Dai'thi zögerte. "Ich wollte nicht, dass..." /Eben das. Sie beschämen./ Schließlich nickte er widerwillig, wünschend, sie würde aufwachen, wünschte, dass sie wenigstens eine andere Frau hier hätten, die das übernehmen könnte. Aber da es keine gab, war der kleine Katzenjunge wahrscheinlich die beste Wahl.

"Danke, Laites", antwortete er ehrlich und lächelte dann, um sich mit dem Rücken zu der Bettnische an den Tisch zu setzen, um zu demonstrieren, dass er auf keinen Fall hinsehen würde.

Laites entkleidete Tarlant vorsichtig und warf die Kleidung auch nicht achtlos auf den Fußboden, sondern legte alles über den einen Stuhl, den er neben das Bett gezogen hatte. Der blasse Körper der Assistentin des Doktors lag schlaff in seinem Arm, als er sie anhob, und ließ sich einfach hin und her rollen.

Nach einigem Bemühen hatte er sie komplett entkleidet und zerrte die nassen Laken ebenfalls unter dem schmalen Körper hervor. Er holte sich frische Laken aus dem Schrank neben dem Bett und schlug Tarlant vorsichtig darin ein, schließlich warf er noch eine der rauen Wolldecken über das Laken und legte eine zweite über die Füße.

Er wollte eigentlich nur zum Schluss noch einmal das Kissen gerade rücken und das Gesicht ein letztes Mal abwischen, als eine schlanke, helle Hand hart nach seinem Handgelenk griff. "Laites!"

Laites zuckte zusammen und legte die Ohren an, doch dann lächelte er und flüsterte "Ist alles in Ordnung, sie haben nichts gesehen."

Tarlant raffte die Decke enger um sich und sah sich ängstlich um. "Oh, mein Kopf... Laites! Du bist nicht tot? Wo bin ich?"

"In dem Hotelzimmer, das Finn und ich uns mit diesen..."

Tarlant seufzte und soufflierte nach einem Seitenblick auf die abgewendet wartenden Anderen "Kemjasheri'i, so wie sie im Gegenlicht aussehen."

"Genau, mit denen teilen wir es uns. Natürlich auch mit Ihnen." Laites machte sich los und zwinkerte. "Ich werde nichts verraten, aber wenn Sie hier sind, dann werde ich doch verkauft? Ja?"

Tarlant schloss die Augen, aber nickte leicht. Laites lief mit den nassen Kleidern davon, das hörte Tarlant, obwohl er schlich. Die Gedanken an die Situation waren zu bizarr. LeRoux hatte sie betrogen, hatte ihre Hilfe ausgenutzt, hatte vermutlich schon immer gewusst, dass es so kommen würde, dass er einfach wegwerfen würde, was ihn störte.

/Wie bei den Tieren, wie bei den Züchtungen. Er hat sie doch genau so gezüchtet, wie die Mode es wollte. Habe ich mich jemals gefragt, was ich da eigentlich mache? Sie verkaufen, all das unterstützen?/

Geräusche und Stimmen im Raum rissen Tarlant aus ihren Träumen heraus. /Ich bin nackt! So kann ich unmöglich herumlaufen! Dieses verschlagene Aas, Laites, hat meine Kleider mitgenommen. Und überhaupt, wieso haben die beiden anderen mich mitgenommen? Was wird hier eigentlich gespielt?/

Laites sprang zu den beiden anderen hin und verkündete "Sie ist wach."

Im gleichen Moment, in dem Dai'thi das hörte, war er auch schon aufgestanden und hatte sich umgedreht. Sein besorgter Blick glitt über die Frau, die ganz offensichtlich nicht mehr bewusstlos war und ihm aus großen, grauen Augen entgegensah. Schnell schaute er ein wenig tiefer, auf ihren vollen, jetzt jedoch leicht angespannten Mund. Dann bemerkte er, dass sie die Decke fast ängstlich hochgerafft und bis zum Hals emporgezogen hatte und senkte den Kopf noch tiefer, um sie nicht in Verlegenheit zu bringen. Doch das Gefühl, sie schützen zu wollen, das ihre hilflos wirkende Geste in ihm auslöste, überraschte ihn.

"Willkommen, Sha'aina Tarlant", sagte er und benutzte dabei die Höflichkeitsform seiner Sprache fremden Frauen gegenüber. "Ich weiß nicht, ob es recht war, Sie mit hierher zu nehmen, und ich hoffe, Sie können mir mein Verhalten verzeihen, aber ich dachte, es wäre das Beste. Einerseits kann ich Sie hier besser beschützen, zum anderen..." Er verstummte, wollte sie ungern darauf hinweisen, dass er sie gerade auch vor sich bewahren wollte.

Tarlant war erstaunt und überrumpelt. Einmal von der ausgesprochenen Höflichkeit, die jener Rasse doch sonst nie nachgesagt wurde, außerdem davon, was der große Mann zu ihr sagte. /Beschützen.../

Doch dann lächelte sie leicht und erwiderte leise "Danke. Ich werde so etwas nicht noch einmal versuchen."

Erleichtert erwiderte Dai’thi das Lächeln. "Es freut mich, das zu hören."

Laites blickte von einem zum anderen. "Was haben Sie versucht, Tarlant?"

Verärgert warf sie ihm einen kleinen Blick zu, aber erwiderte gelassen "In einem Brunnen das Schwimmen zu lernen, Laites."


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig