Kemjalas Plan

5.

Tarlant wendete sich erneut jenem Mann zu und betrachtete sein Gesicht genauer. Kemjasheri'i, von ihnen hörte man doch sonst nur in Geschichten von angeberischen Piloten, die von den wunderschönen Planeten berichteten, auf denen sehr streng zum einen, zum anderen, was den Körper betraf, jedoch so freizügig gelebt wurde.

Diese beiden schienen von der eher freizügigen Sorte, die Hosen waren jedenfalls nicht viel mehr als eine zweite Haut und das gewiss nicht zu ihrem Nachteil.

Tarlant lächelte ertappt und erklärte sich ein wenig aufsetzend und eine Hand aus den Decken in Richtung ihres schönen Retters reichend "Wie unhöflich von mir. Ich bin Tarlant, aber das wissen Sie ja bereits. Wie kann ich mich für die Freundlichkeit bedanken?"

Dai'thi spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht schoss, als er feststellte, dass er vollkommen vergessen hatte, sich vorzustellen. Um seine Verlegenheit zu verbergen, griff er nach ihrer Hand und beugte sich darüber, um sie zu küssen. Ihm fiel auf, wie hell ihre Haut im Gegensatz zu seiner leicht bronzefarbenen war, roch den zarten Duft, der von ihr ausging, spürte die Weichheit unter seinen Lippen. Dann drückte er sie den Regeln der Höflichkeit folgend kurz gegen seine Stirn, ehe er sie wieder losließ. "Es ist mir eine ausgesprochene Ehre, Sie kennen zu lernen, Sha'aina Tarlant. Es bedarf keines Dankes. Es freut mich, dass ich Ihnen zu Diensten sein konnte. Mein Name ist Dai’thi aus der Familie der Jalach'tai."

Fast bedauernd trat er einen Schritt beiseite, um seinem Bruder Platz zu machen. "Mein Bruder Ninári, Priester des dritten Grades Ihres Tempels zu Monkíwar."

"Es ist mir eine Ehre", entgegnete Ninári und wiederholte das gleiche Ritual, ehe er wieder einen Schritt vom Bett zurücktrat.

Tarlant war zwar von der Höflichkeit überrumpelt, aber fand dennoch die Stimme, um vorsichtig zu fragen "Ist die Karte zu meinem Zimmer noch in der Tasche des Blazers gewesen? Ich... hatte meine Koffer dort deponiert."

"Ich sehe nach. Moment." Während Ninári das Zimmer verließ, um nach dem nassen Kostüm zu sehen, lehnte Dai'thi sich an die Wand neben dem Bett. Er sah zur Decke empor und lächelte aus keinem anderen Grund, als dass er sich danach fühlte. Zwar hätte er Tarlant gerne weiter angeschaut, sie war so unglaublich hübsch, doch er vermutete, dass es ihr in ihrer jetzigen Lage eher unangenehm war. In der Hotelhalle hatte sie so perfekt gewirkt.

"Ich denke nicht, dass sie abhanden gekommen ist, Sha'aina. Aber ich glaube, es wäre günstiger, wenn wir Ihre Kleidung in die Reinigung dieses Hotels bringen. Dann haben Sie schneller etwas Trockenes, als wenn wir jetzt einen Ihrer Koffer bringen würden."

Tarlant überdachte diesen Vorschlag, dann nickte sie seufzend. "Ja, Sie haben Recht. Es wäre besser, wenn ich dann selber gehe und mein Gepäck hole. Vermutlich würden die Drachenechsen ohnehin jeden anderen zerfetzen."

Laites schmiegte sich an der Seite von Ninári vorbei, um sie mit glänzenden Augen anzusehen. "Nun sind Sie hier, Tarlant. Werden Sie mich verkaufen? Ist Jarales hier?"

Tarlant stockte in der Bewegung, mit der sie die Decken beschützend um ihren Oberkörper gerafft hatte. "Hifna Jarales lag bewusstlos in deinem Badezimmer. Sein Glück war es, dass die Badewanne auf ihn gestürzt ist und ihn vor der Explosion gerettet hat, die unser Labor, den Garten, die Gehege und das Hotel hat zerbröseln lassen. Von der Laune der Investoren einmal ganz abgesehen."

Unwillig sah sie der Fehlzüchtung in das hoffnungsvolle Gesicht. Es bereitete ihr mit einem Mal Übelkeit, dass es Laites ebenso wie allen anderen eingezüchtet zu sein schien, sich auf einen Besitzer zu freuen.

/Er will verkauft werden? Wie meint er das?/ Dai'thi zog überrascht die Brauen hoch, doch ehe er etwas sagen konnte, trat Ninári ans Bett und reichte Tarlant eine schmale Mappe aus von Wasser dunkel gefärbtem Leder. "Ich nehme an, das ist es, was Sie suchten." Er lächelte, ohne die Frau jedoch anzusehen, aber als Dai'thi ihn von der Seite betrachtete, sah er die Augen seines Bruders flackern, so schnell wechselten die Grautöne einander ab, die Wut, Fassungslosigkeit und Entschlossenheit wiederspiegelten.

Ninári griff nach Laites' Hand und zog ihn in Richtung des kleinen Bades. "Komm, du ziehst dir jetzt deine Hose wieder an, dann gehen wir gemeinsam zur Reinigung."

Laites warf einen zögerlichen Blick auf Tarlant, die das Ledermäppchen und ihre Brille ein wenig unsicher in den Händen hielt, aber nickte Ninári erfreut zu und holte seine mittlerweile getrocknete, dunkle Shorts, um sie überzustreifen. Sorgfältig zog er seinen Schwanz durch die vorgesehene Aussparung und lief dann aufgeregt zu seinem Bett, unter dem er seine leichten Sandalen hatte verschwinden lassen. "Ich bin soweit! Ich hole die Sachen von Tarlant, ja?"

"Ich habe sie schon." Ninári trug Tarlants nasses Kostüm, das in dem Zustand gar nicht mehr so elegant aussah, über dem linken Arm, während er die rechte Hand leicht auf die Schulter des Katzenjungen legte und ihn sanft, aber bestimmt zur Tür heraus schob. "Komm, Laites."

Als die Tür leise hinter ihnen zuglitt, atmete er einmal tief durch. Das Zimmer war winzig, aber mit einem Mal war es ihm regelrecht erstickend vorgekommen. Während sie den hellen Flur hinab und zu den Aufzügen liefen, fiel Ninári auf, dass Laites ein Stückchen größer war als er. Es überraschte ihn ein wenig, der Katzenjunge wirkte immer so klein. Doch schnell hatte er die Feststellung wieder vergessen, als seine Gedanken zu dem Gespräch zurückkehrten - und zu Laites' Reaktion auf Tarlant. Sie bereitete ihm regelrechte Magenschmerzen, und es kostete ihn Mühe, seine Erregung niederzukämpfen.

"Laites..." Er wusste nicht recht, wie er anfangen, seine aufgewühlten Gedanken in Worte kleiden sollte. Doch dann straffte er sich und presste kurz die Lippen aufeinander. "Warum willst du, dass sie dich verkauft?!"

Laites blinzelte von der Frage überrascht zu seinem hübschen Begleiter hinüber. "Ich... Ist es nicht das Schönste, wenn man gewollt ist, wenn man weiß, dass jemand einen braucht?" Er sah unsicher auf seine krallenbesetzten Füße hinab und wollte etwas anfügen, um das näher zu erklären, aber konnte es nicht. Es fühlte sich einfach toll an, wenn er daran dachte, dass jemand ihn wirklich kaufen wollte. Alle im Labor gezüchteten Wesen wollte doch nur das. Einen Besitzer, zu dem sie gehörten, der sie wollte. Aber das merkwürdige Gefühl war in dem Augenblick schwächer als sonst.

"Aber dafür muss man doch nicht seine Freiheit aufgeben. Und erst recht nicht, wenn man sie erst wiedergewonnen hat. Habe ich das richtig verstanden? So lange bist du noch nicht frei, oder?" Ninári blieb stehen und drehte sich zu Laites um. /Das ist es, was er will? Deswegen will er gekauft werden?/ Er musste lächeln und fuhr ihm spielerisch durch die Haare. "Dai'thi braucht mich doch auch, ohne dass er mich gekauft hätte." Es war kein besonders gutes Beispiel, wie ihm im gleichem Moment aufging. "Warst du schon mal verliebt?"

Laites strahlte Ninári an, dann erklärte er stolz "Ja, erst vor kurzem. In Jarales. Er wollte mich kaufen, er fand mich schön." Er drehte sich einmal um sich selber. "Das war wundervoll!" Doch dann ließ er die Arme hängen. "Doch dann kam Finn, hat ihn niedergeschlagen, das Labor gesprengt und... ich hab ihn nie wieder gesehen, werde ich auch nicht. So, wie er behandelt wurde, will er mich gewiss nicht mehr."

Nináris erste Reaktion auf diese Eröffnung war das vertraute Gefühl von Abscheu. Seine Augen verdunkelten sich, und für einen Augenblick hätte er fast der Eingebung nachgegeben, vor Laites zurückzuweichen. Er wusste, bei ihm war es längst nicht so ausgeprägt wie bei anderen seines Volkes, die auf der Stelle umgekehrt wären und sich niemals wieder mit dem Katzenjungen abgegeben hätten. /Nin, er kennt es nicht anders! Er musste nehmen, was... man ihm bestimmt hatte./

Zudem gab es immer mehrere Seiten dieses Aspektes. Begehren, Lieben oder einfach nur kurzfristig genießen. Er riss sich zusammen. "Nun, das ist vielleicht nicht ganz das gleiche, aber doch nahe dran. Er wollte dich kaufen. Aber jetzt stell dir mal vor, dass jemand dich einfach nur um deiner selbst Willen mag." Er lächelte aufmunternd, als er in das traurige Gesichtchen sah, dessen Niedergeschlagenheit durch die hängenden Ohren noch unterstrichen wurde. "Nicht, um dich zu besitzen, um mit dir anzugeben, um dich herumzuzeigen. Sondern, weil du einfach so, wie du bist, geliebt wirst."

Laites verstand nicht, worum es in Nináris Rede ging, auch wenn er den sanften Ausdruck in dessen Gesicht gern hatte. "Ich weiß nicht, worauf du hinaus willst. Wenn jemand einen kaufen will, dann ist das doch... ist das nicht, weil er einen besitzen möchte?"

Er überlegte einen Moment lang noch, sein Schwanz peitschte ungeduldig hin und her, weil ihm die Worte fehlten, dann fügte er langsam an "Bei mir ist es doch so, dass ich nichts kann und nichts bin. Mich muss man um meiner selbst Willen gern haben, alles andere geht gar nicht."

"Laites, aber gern haben und dich kaufen sind zweierlei! Es kann dich doch auch jemand kaufen, der dich nur hübsch findet, weil er dich wie..." /Wie ein Möbelstück zur Dekoration verwenden will./ Ninári brachte es nicht fertig, ihm das zu sagen. Der Katzenjunge war zu unschuldig, zu naiv, und der Ausdruck von Niedergeschlagenheit in dem niedlichen Gesicht noch zu frisch, als dass er weitersprechen konnte. Ninári merkte, dass er sich schon wieder viel zu sehr zu kümmern begann. /Ich kenne ihn doch kaum./

Aber es war typisch für ihn. Er hatte schon als Kind seine Eltern immer wieder zur Verzweiflung getrieben, wenn er jedes verletzte Tier, das er gefunden hatte, nach Hause getragen hatte, egal was es gewesen war. Letztendlich war das mit einer der Gründe gewesen, warum sie gedacht hatten, er würde einen guten Priester abgeben. Mit einem lautlosen Seufzen ertappte er sich dabei, dass er Laites wieder den Arm um die Schultern legte. "Sag, möchtest du vielleicht etwas lernen, damit du auch allein für dich sorgen kannst?"

Entsetzt starrte Laites ihm ins Gesicht "Ich... muss ich allein sein? Aber... aber, kann ich nicht...? Ich werde Tarlant fragen, sie wird mich verkaufen. Ich will nicht allein sein!"

"Das habe ich... Laites!" Ninári war zum Lachen zumute, während sich gleichzeitig der Zorn in ihm noch vertiefte. Was hatten sie mit diesem armen Wesen nur angestellt?! "Das habe ich doch gar nicht gesagt, dass du allein sein sollst." Er suchte seinen Blick und hielt ihn fest, kämpfte die Emotionen, die ihn zu überschwemmen drohten, erfolgreich nieder. "Aber willst du dir nicht aussuchen dürfen, mit wem du zusammen bist? Was machst du, wenn dich jemand kauft, der dich nur für ein paar Wochen interessant findet und dich dann vergisst? Oder jemand, dem es Spaß macht... Spaß macht, dich zum Weinen zu bringen?"

Laites schnüffelte beleidigt. "Das hat Finn auch gesagt. Bin ich denn so schrecklich, dass mein Besitzer mich zum Weinen bringen würde? Ich weiß ja, dass ich allergisch bin gegen viel zu viele Sachen, dass ich ängstlich bin und schwach, und ich weiß, dass ich zu dumm bin, um vieles zu verstehen. Aber bin ich so schrecklich, dass ich mir den Besitzer wirklich selber suchen muss? Will mich denn niemand freiwillig?"

"Laites..." In dem Moment konnte Ninári nicht anders, als den Katzenjungen zu umarmen. /Er versteht es nicht. Nicht so. Er ist einfach zu unschuldig dafür./ Mit einem Seufzen fuhr er ihm durch das kaffeebraune Haar, ehe er ihn wieder losließ. "Du bist nicht schrecklich." /Außer vielleicht schrecklich naiv./ "Ich bin sicher, es gibt viele Leute, die dich wollen. Aber irgendwann wird es jemanden geben, bei dem du sein willst. Mehr als alles andere."

Laites blinzelte erneut, war verwirrt. Er konnte es sich nicht vorstellen, dass diese Person jemand anderes sein sollte als sein Besitzer oder seine Besitzerin. Stur verschränkte er die Arme und wendete sich ab. "Aber... dann müsste ich meinem Besitzer davon laufen. Dann wäre ich wie Finn. Sieht Finn etwa glücklich aus? Das will ich nicht."

"Du hast keinen Besitzer, also musst du keinem davon laufen!" Ninári wollte noch mehr sagen, doch das Geräusch von sich nähernden Schritten hielt ihn davon ab. /Es hat keinen Zweck. Nicht so und nicht jetzt./

Er sah Laites an, das Profil seines störrischen Gesichtes, das stur nach vorne gereckte Kinn, die schmollend vorgeschobene Unterlippe. In dem Moment begann sich ein Gedanke in ihm zu formen, der ihn leise aufseufzen ließ, weil er wieder jede Menge Ärger mit sich bringen würde. /Ehe ich zulasse, dass du einen Besitzer bekommst und blind irgendwo hineinschlitterst, von dem du keine Ahnung hast, sorge ich für dich, bis du jemanden gefunden hast./

"Komm, Laites", sagte er sanft und hielt ihm die Hand hin, wie er sie einem Kind gereicht hätte.

Laites blickte erstaunt auf die Hand, dann lächelte er leicht. /Ob er mich kaufen könnte?/ Dummerweise fiel ihm gleich darauf jedoch das Zimmer ein, in dem sie wohnten. /Nicht genug Besitz, er kann sich mich doch niemals leisten. Schade. Aber dennoch.../ Er nahm Nináris Hand nach einem kleinen Zögern und ließ sich in Richtung der Rezeption ziehen.

Recht unfreundlich wurden sie von dem Portier in der Empfangshalle darauf hingewiesen, dass die Icesior demnächst ablegen würde; als nächstes schickte der unförmige Mann sie zur hoteleigenen Reinigung. Fasziniert beobachtete Laites, wie die acht Arme der beiden Reinigungsleute zwischen den Wäscheteilen hin und her flogen. Es wurde gereinigt, getrocknet, geplättet, gestärkt, mit einem frischen Duft besprüht, gelegt, alles verwirrend gleichzeitig. Grinsend nahm er Tarlants zierliche Unterwäsche entgegen und ließ diese geschickt vor Nináris Augen verschwinden.

Ninári lächelte amüsiert. Ob Laites dachte, dass ihm der Anblick von Dessous unangenehm wäre, weil er Priester war? In vielen Religionen waren Geistlichen intimere Blicke auf den Körper des anderen Geschlecht versagt, was Ninári vollkommen unverständlich fand. Sein Lächeln vertiefte sich noch, und er nahm den Rest der Kleidung entgegen, während er gleichzeitig seine Kreditkarte über den Tresen reichte. Wie niedlich dieser Katzenmensch doch war.

 

Als Ninári und Laites das Zimmer verlassen hatten, holte Dai'thi seinen Morgenmantel aus dem Schrank und hielt ihn Tarlant ein wenig verlegen hin. Sie konnte doch nicht die ganze Zeit, bis die beiden zurückkehrten, so verkrampft in seinem Bett sitzen. "Er ist Ihnen zwar zu groß, aber vielleicht wollen Sie ihn trotzdem haben, bis Ihre Kleidung aus der Reinigung kommt?"

Tarlant zog aus Reflex zuerst die Decke noch eine Spur höher, dann nickte sie jedoch leicht und bedankte sich leise, bevor sie den dargebotenen, dicken Morgenmantel entgegennahm. Umständlich legte sie das Mäppchen neben sich, bevor sie den Körper aus den Laken wickelte, während Dai'thi sich respektvoll abwandte. Ein kleiner angewiderter Blick an sich entlang, dann schlang Tarlant den schützenden Stoff um ihren schmalen Körper zusammen und schlug den Kragen hoch.

Während sie die weiten, viel zu langen Ärmel aufkrempelte, ließ sie sich erneut auf dem Lager nieder. Aufmerksam betrachtete sie ihren Gegenüber, zog ihre Schlüsse, bevor sie ihn ansprach, damit er sich ihr wieder zuwendete.

Er war größer und kräftiger, als sie es von der Rasse gelernt hatte. Sein Haar wirkte merkwürdig ungepflegt, wenn man bedachte, dass die Haare bei den Kemjasheri'i kein unwichtiges Symbol ihres Befindens und Standes waren. Sein Gesicht war jedoch offen und freundlich. Die Augen gefielen ihr, ihre Farbe, frühlingshaftes, helles Grün, die Form ebenfalls. Sie waren groß, von dichten Wimpern umgeben, ein Effekt, an dem sie länger schminken musste.

/Schminken! Verdammt!/ Hastig lief Tarlant nach einer gemurmelten Entschuldigung ins Badekämmerchen und starrte sich, nachdem sie die Tür zugeworfen hatte, in das blasse Gesicht. Erleichtert stellte sie fest, dass Laites sehr rücksichtsvoll gewesen war und die Schminke abgewischt hatte, so dass ihr Gesicht nun eher fade wirkte und spitz. Mit schnellen Bewegungen der Finger begann sie, ihren strengen Bob wieder in eine gewissen Form zu kämmen. Im Geiste verfluchte sie ihre Lage, die sie so angreifbar machte.

/Und ich verliere mich hier in Träumereien über einen Kemjasheri'i! Du bist so ein Idiot, Tarlant!/ Zu dem Thema fiel ihr wieder ein, wie LeRoux ihr nebenbei gesagt hatte, dass er all die geleistete Arbeit, die entgegengebrachte Treue nicht schätzte, es also egal war. /Ich hab doch alles richtig gemacht. Ich war immer so selbstlos, habe immer nur an seine Ziele gedacht. Verdammter Mistkerl!/

Erschrocken bemerkte sie, wie die depressiven Gedanken sie erneut erfassten. /Ich muss von diesem Schiff runter, bevor es ablegt... aber wohin? Meine Heimat ist dank Finn explodiert, meine Arbeit... ich bin gekündigt. Ich hab doch nichts und niemanden mehr. Das war alles, was ich konnte. LeRoux nachlaufen. Idiot, ich!/

Tarlant entdeckte Tränen auf den Wangen und biss sich auf die Lippen. Wütend klatschte sie sich Wasser ins Gesicht. /Idiot! Was bin ich denn jetzt? Eine Einmannfreakshow? Wovon soll ich leben? Die Konten sind doch mit Sicherheit leer. Wo soll ich leben? Hier auf dem Schiff? Hier sind doch nur Verrückte, flüchtige Verbrecher, süchtige Spieler, totale... Spieler!/

Tarlant hob den Kopf und blinzelte einige Male, ein leichtes Lächeln spielte um ihre Lippen. "Spieler..." Entschlossen öffnete sie die Tür zu dem Zimmer, um ihren Retter nicht zu lange warten zu lassen, auch wenn es unangenehm war, mit einem so attraktiven und sicheren Wesen in einem Zimmer zu sein, wenn man selber sich hässlich und unsicher fühlte.

Das Erschrecken auf ihrem hübschen, zarten Gesicht hatte Dai'thi Sorge bereitet, als sie so abrupt ins Bad verschwunden war. Ob ihr schlecht geworden war? Ob sie an das hatte denken müssen, weswegen sie auf das Geländer der Galerie gestiegen war?

Nachdenklich ging er die Dinge durch, die er von dieser geheimnisvollen Frau wusste. Sie war Tarlant, Assistentin eines bekannten Arztes und Genforschers. Doch LeRoux war offensichtlich mehr als nur das, was er zu sein schien, wenn man Finns Verhalten in Betracht zog und die wenigen Sätze, die sie und Laites gewechselt hatten. Verkaufen sollte sie den kleinen Katzenmenschen. Finn hatte sie töten wollen.

LeRoux hatte Laites gemacht, vielleicht auch Finn. Konnte es wirklich sein, dass er sich mit diesen dunklen Seiten der Genforschung beschäftigte? War das der Grund, warum sie sich hatte umbringen wollen? Weil sie nichts davon gewusst und jetzt erst bemerkt hatte, was sie da unterstützte? Nein, er redete sich selber etwas ein. Laites kannte sie, hatte sie darum gebeten, ihn zu verkaufen. Warum wollte er verkauft werden?

Tarlant hatte von Investoren gesprochen, von einem Labor, in dem Laites sich befunden hatte. Ob es ein illegales war? /Du weißt es nicht. Du stellst wirre Vermutungen an, Dai'thi./ Gerne hätte er sie gefragt, doch er wollte nicht unhöflich sein. Aber es war wichtig für ihn! Mit einem Mal spürte er, wie sich sein Magen zusammenkrampfte. /LeRoux ist meine einzige Hoffnung auf Heilung. Was, wenn er nicht der ist, für den ich ihn gehalten habe?/

Ein Zittern lief durch seinen Körper und verstärkte sich unkontrolliert. Dai'thi presste die Lippen zusammen und ballte die Hände zu Fäusten; Schweiß bildete sich auf seiner Stirn, als er mit aller Macht gegen den Anfall ankämpfte, der ihn als ein erbärmliches, schwaches Wesen zurückließ.

/Nicht jetzt, Göttin, bitte nicht jetzt. Nicht, wo sie jeden Moment wieder herauskommen kann/, flehte er, während er sich haltsuchend an die Wand lehnte. /Ich will nicht, dass sie mich so sieht!/ Es war, als hätte die Göttin seine verzweifelte Bitte erhört, als sich sein flatterndes Herz langsam wieder beruhigte und seine Kraft zu ihm zurückkehrte. Erleichtert und unendlich dankbar richtete er sich wieder auf und strich sich das Haar hinter die Ohren zurück. Was würde Tarlant von ihm denken?

Ein wenig verwundert stellte er fest, dass es ihm wichtig war. Wichtig, dass sie ihn nicht für einen Schwächling hielt. Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht, das jedoch schnell wieder verschwand.

/Dieses Mal ist es gut gegangen. Aber was, wenn es das nächste Mal direkt vor ihr passiert? Ich weiß doch nie, wann es kommt./ Mit einem lautlosen Seufzen schob er den unangenehmen Gedanken beiseite. Ändern konnte er ohnehin nichts daran. Er warf der geschlossenen Tür einen kurzen Blick zu, ehe ihm das erste Mal bewusst wurde, wie wirklich winzig das Zimmer war, in dem sie sich eingemietet hatten und wie wenig präsentabel es ausgestattet war.

/Nicht ein Diener, der für Getränke sorgt./ Ihm fiel der Automat auf dem Gang ein. Dann musste er sich eben selber darum kümmern. Entschlossen stieß er sich von der Wand ab und lief nach draußen, während er überlegte, was sie wohl trinken mochte. Mit Tee konnte man wenig falsch machen, entschied er.

Nur wenige Augenblicke später kehrte er mit zwei dampfenden Bechern zurück, genau in dem Moment, in dem sie aus der Badezimmertür trat. Sein Herz machte einen unerwarteten kleinen Satz, als er den Blick ihrer grauen Augen traf.

Rasch sah er weg, doch ein Lächeln zog über sein Gesicht. "Sie müssen den Duft des Tees gerochen haben, Sha'aina, anders kann ich mir das nicht erklären", neckte er sie.

Tarlant zuckte ein wenig erschrocken zusammen, dann lächelte sie jedoch ebenfalls und nahm vor dem Becher Platz, den er vorsichtig auf dem Tischchen abstellte. "Vielen Dank. Sie sind so freundlich, Dai'thi." Insgeheim hoffte sie, seinen Namen richtig auszusprechen.

Schüchtern an den weiten Ärmeln des Morgenmantels zupfend blickte sie auf den Dampf, der sich kräuselnd zur niedrigen Zimmerdecke aufstieg. In ihrem Kopf geisterten so viele Fragen herum, dass es schwer war, sich auf eine zu konzentrieren. Abwesend nahm Tarlant einen Schluck von dem Tee, rührte mit dem kleinen Wegwerflöffelchen darin und trank noch einmal. /Was... wie soll ich weitermachen? Wie nur? Ein Plan, ich brauche einen Plan. LeRoux, du Mistkerl!/

"Das fällt nicht schwer bei einer Frau wie Ihnen." Das Kompliment kam ihm leicht über die Lippen. Es war schneller ausgesprochen, als er darüber nachdenken konnte, doch er meinte es vollkommen ernst. Sein Lächeln vertiefte sich, als er kurz zu ihr hinsah, den Blick dann auf ihre schlanken Finger richtete.

Einen Moment herrschte Schweigen, aber er empfand es nicht als unangenehm. Unangenehm waren nur seine Gedanken, die sich dazwischen schlichen. /Ich muss einfach wissen, woran ich mit LeRoux bin. Sie kennt ihn, sie arbeitet mit ihm zusammen. Ich hoffe nur.../ Er zögerte, doch es war ihm zu wichtig, als dass er hätte darauf verzichten können. "Sha'aina, darf ich Sie etwas fragen?"

Tarlants Lippen hatten sich zu einem kleinen, bitteren Lächeln verzogen. /Eine Frau wie mir, natürlich. Was für ein naiver Märchenprinz./ Aber sie konnte nicht anders als sich freuen, über seine aufrichtige Art, über seine altmodische, ritterliche Ausstrahlung. Er ließ sie tatsächlich dazu werden, zu solch einer Frau. Verspätet hatte sie die Frage wahrgenommen. "Natürlich, Dai'thi, Sie dürfen mich alles fragen. Ich stehe in Ihrer Schuld."

"Ich danke Ihnen." Ihm gefiel die Art, wie sie seinen Namen aussprach. Es war nicht falsch, aber sie hatte einen leichten Akzent, einen kleinen Unterschied in der Betonung, die ihm einen ganz besonderen Klang verlieh. Er ertappte sich bei dem Wunsch, dass Ninári, Laites und Finn hoffentlich noch einige Zeit brauchten, ehe sie zurückkamen.


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig