Kemjalas Plan

6.

"Sie arbeiten mit LeRoux zusammen, nicht wahr? Laites meinte, Sie seien seine Assistentin." Dai'thi zögerte, fuhr dann aber doch entschlossen fort "Ich habe LeRoux für einen extrem begnadeten Arzt und Genforscher gehalten, der sich rückhaltlos für das Leben einsetzt. Aber ohne Sie angreifen zu wollen, Sha'aina, dieses Bild beginnt zu wanken. Laites erwähnte, dass er von LeRoux 'gemacht' worden sei. Und dass er vorhin von Ihnen erbat, verkauft zu werden, wirft ein ganz eigenes Licht auf diese Angelegenheit."

Rasch sah er auf, sich durchaus der Unhöflichkeit bewusst, als er ihr direkt in die grauen Augen blickte. Doch er wollte, dass sie wusste, wie wichtig es ihm war, genauso, wie er wollte, dass sie erkennen konnte, dass er ihr keinen Vorwurf machte, gleichgültig, wie ihre Antwort lauten mochte. Zumindest nicht, bis sie ihm einen Grund dafür gab. "Ist LeRoux wirklich in illegale Genprojekte verwickelt?"

Normalerweise hätte Tarlant nun eine umfangreiche und wirkungsvoll inszenierte Rede zur Lobpreisung von LeRoux' wunderbaren Taten begonnen. Immerhin verdankte sie ihm so viel, aber in dem Moment konnte sie nicht, konnte ihrem Gegenüber nicht einmal in die Augen sehen.

Sie seufzte leise und überdachte, was seine Frage über ihn verriet. "Nein. Er selber ist nicht in illegale Genprojekte verwickelt. Er hat eine große Anzahl ihm unterstellte Forscher und Ärzte, so dass man ihn mit dererlei Dinge nicht einmal in Verbindung bringen könnte."

Sie sah Dai'thi nun doch kurz in das Gesicht. "Es basiert auf seiner Erfindung, einem Chip, der es ermöglicht, Gene zu... vermischen. Es geht nicht immer gut, man kann nicht immer ausgleichen, was alles zwischen zwei Personen oder gar Spezies inkompatibel ist, aber es hat die Möglichkeiten, Organe zu transplantieren, Krankheiten zu überwinden, so vereinfacht und erweitert, dass all die Preise, die er gewonnen hat, gerechtfertigt sind."

Sie senkte den Kopf wieder und malte Muster auf die kahle Tischplatte vor sich. "Ich selber trage auch einen solchen Chip, sonst wäre ich schon lange tot. Nicht nur das... ich..."

Tarlant brach ab und schüttelte den Kopf. /Ich trage einen Teil von ihm in mir... Er hat mich gerettet, in gewisser Hinsicht hat er mich gemacht, wie konnte er mich nur fallen lassen? Wie konnte er nur?!/ Ihre Finger verkrampften sich.

/Aber er weiß es./ Dai'thi fand ihre Reaktion mehr als bezeichnend. /Er weiß es, und er billigt es. Vielleicht nutzt er sogar die daraus entstehenden Möglichkeiten. So also ist Laites entstanden. Er hat eine wundervolle Möglichkeit der Heilung gefunden, doch er ist nicht der Mensch, für den ich ihn gehalten habe. Nur eine Entdeckung macht keinen guten Charakter aus./

Es war enttäuschend und schmerzhaft, die Wirklichkeit so vorgehalten zu bekommen. Doch es gab keinen Grund, warum er diese Möglichkeit der Heilung nicht in Betracht ziehen sollte, wenn sie bei ihm überhaupt helfen würde. Sein Blick glitt über Tarlants trauriges Gesicht, über ihre verkrampften Hände, und er fragte sich, was es für sie bedeutete. /Sie wäre tot ohne diesen Chip. Und jetzt sieht sie so erschöpft aus, so enttäuscht und verlassen, so einsam. Hat es mit dem Doktor, mit seinen Machenschaften zu tun? Oder hat er sie verletzt? Zumindest scheint er ihr Kummer zu bereiten. Wollte sie wegen ihm ihrem Leben ein Ende setzen?/

Ohne weiter darüber nachzudenken, streckte er die Hand nach ihr aus und legte sie über ihre angespannten Finger, um ihr ein wenig Trost zu geben. Wie kalt sie sich anfühlten. "Sha'aina, wenn ich Ihnen helfen kann, zögern Sie nicht, mir zu sagen wie."

Die Wärme der fremden Finger sank angenehm und beruhigend in Tarlants Bewusstsein ein. Sie lächelte, bevor ihr klar wurde, was gerade passierte. Hastig zog sie ihre Hand fort und entgegnete freundlich, aber zurückhaltend "Sie haben mir schon geholfen. Das ist mehr, als ich verlangen darf."

Rasch erhob sie sich und ging in Ermangelung anderer Möglichkeiten zu der Fensterattrappe. /Verdammt, ich muss wirklich sobald als möglich hier fort. Von ihm fort, bevor er es merkt, bevor er sieht, was ich bin./ Erschöpft schloss sie die Augen. Immer fortlaufen, immer verstecken. Es war zu sehr zur Gewohnheit geworden.

/Sie können noch weitaus mehr verlangen, Tarlant, und ich würde mit Freuden geben/, dachte Dai'thi, doch er sagte nichts, trank stattdessen einen Schluck seines auf eine angenehme Temperatur abgekühlten Tees. Ihr Lächeln war ihm nicht entgangen, das ihm zeigte, dass sie seine Berührung als angenehm, vielleicht sogar für einen Moment als tröstend empfunden hatte. Er spürte die Wärme in sich, die es bei ihm hervorgerufen hatte. /Ich will sie öfter lächeln sehen. Sehen, wie ihre Augen heller zu werden scheinen, ganz ohne dass sie die Farbe ändern. Wie ihr Mund so weich und sanft wird./

Doch gleichzeitig bemerkte er, wie müde sie wirkte, wie traurig sie noch immer war. Er stand auf und wies auf sein Bett, in dem sie aufgewacht war. "Ich weiß nicht, wie lange es dauert, bis Ninári und Laites mit Ihrer Kleidung wiederkommen. Wollen Sie sich ein wenig hinlegen, Sha'aina? Sie sehen erschöpft aus. Ich werde dafür Sorge tragen, dass Ihnen nichts passiert." Und dass Finn sie nicht anrührte.

Tarlant musste erneut schmunzeln, wider Willen, er brachte sie mit seiner altmodischen, ritterlichen Art einfach permanent dazu. Es ärgerte sie fast, dass sie so wenig Selbstbeherrschung zu haben schien. /Ich bin vermutlich wirklich müde./

"Danke, Dai'thi. Vielleicht ist es wirklich besser." Sie nickte ihm noch einmal zu und nahm auf dem Bett, auf dem Laites sie geweckt hatte, Platz. Scheu warf sie einen weiteren Blick auf den geduldig wartenden Mann und ertappte sich schon wieder bei einem dieser sinnlosen, kleinen Lächeln. Ärgerlich über sich selber zog sie den Vorhang zu und legte sich unter die Wolldecke. Dieses zuvorkommende Verhalten, wie einer richtigen Dame gegenüber. Sie hatte schon vollkommen vergessen, wie es sich anfühlte. /Verdammt, gewöhne dich nicht daran! Du weißt, was passieren wird!/ Mit einem Mal wirklich müde schloss sie die Augen.

Dai'thi wünschte sich wirklich zu wissen, was sie so traurig machte, um den Grund dafür beseitigen zu können. Doch vermutlich war das nicht so einfach, und so indiskret, einfach danach zu fragen, war er nicht. Er kannte sie schließlich kaum. /Aber wenn es in meiner Macht steht, werde ich das ändern./ Sie hatte wieder gelächelt, und es hatte das gleiche in ihm bewirkt wie das Mal zuvor. Er konnte nicht anders, er musste ebenfalls lächeln.

"Schlafen Sie gut, Sha'aina", wünschte er und warf dem zugezogenen Vorhang einen beinahe liebevollen Blick zu. /Ich werde Ihren Schlaf behüten./

Als er sich mit beiden Händen das fast kinnlange Haar aus dem Gesicht strich, fiel ihm auf, wie wenig er in letzter Zeit auf sein Aussehen geachtet hatte. Er hatte sein Training vernachlässigt, wenn auch nicht sehr, hatte schon seit mindestens vier Wochen sein Haar nicht mehr schneiden lassen. Das musste sich dringend ändern! Wie sollte er um eine Frau werben, wenn er unansehnlich und ungepflegt war?

/Werben...?/ Fast erschrocken wandte er sich zu dem Bett um, hinter dessen Vorhang er Tarlant wusste, eingehüllt in seinen Bademantel, der ihr viel zu groß war und der sie so rührend hilflos und beschützenswert wirken ließ. /Ich kenne sie so gut wie gar nicht./ Aber sie hatte etwas in ihm berührt, das ihn mehr und mehr zu ihr hinzog. Vielleicht hatte Ninári recht gehabt, als er überlegt hatte, dass seine Anfälle möglicherweise lediglich ein Mittel der Herrin des Lebens, der allmächtigen Göttin Kemjala, waren, um ihn aus seiner Heimat hierher zu lenken. Wäre er sonst jemals auf die Icesior gekommen? Vielleicht hätte er Tarlant anders nie kennen gelernt.

/Rede dir nichts ein, das eine mag mit dem anderen gar nichts zu tun haben/, befahl er sich stumm, doch er konnte nicht verhindern, dass ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit in ihm emporstieg. Er schüttete die Reste ihres alten Tees in die Toilette und warf den Becher weg, ehe er frischen holte und sich damit an den Tisch setzte, um auf Nináris und Laites' Rückkehr zu warten. Und die ganze Zeit über lächelte er still vor sich hin.

Finn kam in den kleinen Raum gestürmt und nahm die in Gedanken versunkene Person am Tisch kaum wahr, sondern lief weiter in das Bad. Mit einem Knall schlug er die Tür zu. Er hatte eine sehr unangenehme Hatz mit den Drachenechsen und dem Sicherheitsdienst vom Hotel hinter sich. Ein Streifschuss an der rechten Schulter sandte stechende, brennende Schmerzen durch ihn hindurch, vor allem, als er Wasser darüber laufen ließ, um die Wunde zu reinigen.

Er wusste, dass die Blutung bald stoppen, sich Hitze bilden und die Reparaturmechanismen beginnen würden. Müde und abgeschlagen trocknete er sich mit einem Handtuch ab, das er auch gleich dazu verwendete, um die Wunde nachlässig abzudecken.

Dai'thi war aus seinen angenehmen Träumen empor geschreckt, als sich die Tür geöffnet hatte. Doch anstelle von Ninári und Laites war Finn in den Raum gestürmt und ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, direkt an ihm vorbei ins Bad. Die Wunde an seinem Arm hatte Dai'thi trotzdem bemerkt. Sie würde seine Laune mit Sicherheit nicht verbessern. Dai'thi streifte die letzten Reste seiner Verträumtheit ab. Wenn er Tarlant vor dem Katzenmann beschützen wollte, würde er das nicht können, wenn seine Aufmerksamkeit zu anderen Dingen schweifte.

Finn ging mit betont düsterem Gesichtsausdruck in den anderen Raum zurück und nahm erst dann den Geruch von Tarlant auf. "Wo ist sie?!"

Dai'thi spürte, wie er sich anspannte, bereit, um sofort aufzuspringen und den anderen von allem abzuhalten, was nach einer Gefahr für Tarlant aussehen konnte. "Sie ist in meinem Bett und ruht sich aus."

Tarlant war von einem Türenknallen aufgeschreckt und hatte sich verwirrt aufgesetzt. Vorsichtig schob sie den Vorhang zur Seite, gleich darauf sah sie sich zu Schlitzen verengten, eisblauen Augen gegenüber und schrie hell auf.

/Finn! Und er ist wütend./ Eine verschwommene Erinnerung sagte ihr, dass es auch Finn gewesen war, der sie auf der Galerie im Hotel verfolgt hatte. "Dann warst es doch du, Finn." Nachdenklich blickte sie in das attraktive Gesicht des Katzenmannes zurück, Angst hatte sie vor den Kreationen noch nie haben müssen und hatte sie auch jetzt nicht, egal wie sehr er fauchte.

Dai'thi zuckte zusammen und war im gleichen Moment auch schon geschmeidig aufgestanden und zwischen die Frau und den Katzenmann getreten. "Haben Sie keine Sorge, Sha'aina. Ich werde dafür sorgen, dass er Ihnen nicht zu nahe tritt."

Nachdenklich musterte Dai'thi den anderen Mann. Wenn es auch nur im entferntesten stimmte, was er sich über Tarlant und Finn zusammen reimte, konnte er dessen Zorn durchaus verstehen, doch er würde nicht zulassen, dass er ihr etwas antat. "Ich möchte dich freundlich darauf aufmerksam machen, dass diese Dame unter meinem Schutz steht, Finn."

Finn blinzelte den anderen verblüfft an, dann tat er das einzige, was ihm in dem Moment einfiel; er brach in heiseres, unfreundliches Lachen aus und warf sich auf sein Bett, um sich demonstrativ den Bauch zu halten. "Dame?" Er sah Tarlant an, die mit verdächtig roten Wangen auf dem Bett saß und versuchte, den anderen Mann mit Blicken zu meiden.

Dai'thi gefiel nicht, wie er das Wort betonte. Seine Augen verdunkelten sich. "Und gleichgültig, wie du zu Sha'aina Tarlant stehst, werde ich nicht dulden, dass du sie beleidigst!"

Finn holte gerade Luft, um etwas zu sagen, als Laites das Zimmer betrat, gefolgt von dem anderen merkwürdigen Mitbewohner von ihnen. "Dame? Ich will dir gern erklären, was dies ist. Tarlant ist..."

Er kam nicht weiter, mit einem kleinen Aufschrei, mit wütend angelegten Ohren und zuckendem Schwanz stürzte sich Laites auf Finn und zischte, die Reißzähne mutig gebleckt "Halt deine Klappe! Sei still! Du hast schon genug kaputt gemacht!"

Überrascht sah Dai'thi auf diesen kleinen, felligen Wirbelwind, der trotz seiner Drohgebärden alles andere als bedrohlich wirkte. Er hatte nicht gemerkt, dass die beiden zurückgekommen waren, so sehr war er auf Tarlant und den Katzenmann konzentriert gewesen. Doch wie der Kleine trotz seiner offensichtlichen Chancenlosigkeit die Frau verteidigte, brachte Laites Anerkennung von ihm ein.

Finn stieß ihn irritiert von sich auf den Fußboden und verstand gar nichts mehr, aber die Attacke hatte seiner Schulter geschadet, ein heißer Schmerz durchflutete ihn.

Laites schien dies auch zu bemerken. Er sah Finn erstaunt an, dann rappelte er sich auf und murmelte "Leg dich besser hin, bevor es beginnt, du dummer Kater!"

"Sei bloß still, du blöde Katze!" Finn fühlte sich jedoch in der Tat kraftlos, und der Raum begann, vor seinen Augen zu flimmern. Stöhnend ließ er sich auf das Bett zurückfallen.

Tarlant war noch immer damit beschäftigt, ihren nun noch ritterlicheren Ritter mit Blicken zu meiden, während die beiden Katzen sich prügelten. Laites' Art, sie zu schützen, war wirklich rührend. Dann entdeckte sie ihre Kleider und stand rasch auf.

"Wenn es erlaubt ist, würde ich mich gern ankleiden." Ihre Stimme war leise und die Geste, mit der sie ihre Hand nach dem Paket in Nináris Arm ausstreckte, eher schüchtern. Finns Ausruf hatte sie zu sehr erschreckt.

"Selbstverständlich, Sha'aina." Ninári verneigte sich leicht und reichte ihr das Päckchen. Er registrierte Dai'this für sie viel zu großen Bademantel im selben Augenblick, als er die besorgten Blicke bemerkte, mit denen sein Bruder über sie wachte. /Besorgt, aufmerksam, beschützend./

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, das sehr schnell jedoch einem leichten Stirnrunzeln wich. Dass Dai'thi begonnen hatte, Tarlant zu bewundern, war für ihn nicht zu übersehen. /Und wenn es mehr wird? Wenn er sich ernsthaft in sie verliebt? Sie ist eine Menschenfrau. Menschen altern und sterben so schnell. Zudem, was wird er sagen, wenn er herausfindet, in was sie alles verwickelt ist? Oder er weiß es schon... und es ist ihm gleichgültig?/

Ninári fühlte sich, als müsste er seinen Bruder beschützen, doch gleichzeitig wusste er, dass er sich nicht wirklich einmischen wollte. Wenn sie Ruhe hatten, würden sie aber sprechen müssen. Es gab so viel, was er mit ihm teilen wollte. Auch über den kleinen Katzenjungen. An ihn zu denken und sich nach ihm umzudrehen war eines. Ninári lächelte, als er ihn an Finns Bett entdeckte.

Der große Katzenmensch hatte wesentlich mehr Sympathie von ihm bekommen, nachdem Laites ihm davon erzählt hatte, dass er ihm das gleiche über das Verkaufen versucht hatte zu erzählen wie er. /Und er hat ihn aus dem Labor geholt. Da kann er ruhig etwas ruppiger sein./ Auch den Angriff auf Tarlant verstand er.

Dann entdeckte er die Binde an Finns Arm. Rasch trat er zu ihm. "Bist du verletzt? Soll ich danach sehen? Ich verstehe ein wenig von der Heilkunst. Wenn auch leider nichts von der mit Magie."

Tarlant erschrak selber ein wenig über die Festigkeit in ihrer Stimme, mit der sie Ninári ernsthaft erklärte "Fassen Sie ihn nicht an. Er heilt sich selber." Sie sah Laites mit einem kleinen Lächeln an und befahl "Hol ihm Eis, Laites." Dann zog sie die Badezimmertür hinter sich zu und begann sich umzuziehen.

Laites nickte und rappelte sich vom Fußboden auf. "Dummer Kater!", rief er noch einmal und lief dann mit behänden Sprüngen über den Flur zum Raum mit den Eis- und Getränkemaschinen davon.

Dai'thi trat hinter seinen Bruder und sah auf Finn hinab. "Tarlant hat mir von einem Chip erzählt, der Organtransplantation einfacher macht und Krankheiten heilt – und der es ermöglicht, verschiedene Spezies zu kreuzen. Ich nehme an, Finn trägt auch einen in sich. Vermutlich kann er sich deswegen heilen."

"Und LeRoux hat diesen Chip entwickelt?" Ninári wich ein wenig zurück und lehnte sich an Dai'thi an, während er wieder in ihre Heimatsprache fiel. "Dai, ich glaube, was wir über ihn gehört haben, ist nur ein kleiner Teil der Wahrheit."

Dai'thi legte ihm die Hände auf die Schultern und drückte ihn kurz. "Ich weiß." Dann lächelte er und warf der geschlossenen Badezimmertür einen kleinen Blick zu. "Aber ich bin froh, dass wir hier sind."

Zu ihm hochschauend stellte Ninári fest, dass es bereits für jeden Einwand zu spät war. Trotzdem musste auch er lächeln. So geleuchtet hatten Dai’this Augen schon lange nicht mehr. "Man kann es sehen", bemerkte er nur trocken und handelte sich dafür einen lachenden Knuff von seinem Bruder ein.

Tarlant betrachtete sich rasch noch einmal im Spiegel und richtete den Kragen der roten Bluse, so dass man nur noch die Spitzen unter dem anthrazitfarbenen Blazer sehen konnte. Es erleichterte sie, dass nun der Schutz wieder hergestellt war.

/Ein Glück, dass diese beiden Reisenden so zuvorkommend und wohlerzogen sind. Und ein Glück, dass Laites Finn zurückhält./ Nachdenklich sah sie sich in die grauen Augen. /Laites... Fehlkreuzung, hab ich einmal zu ihm gesagt. Er hat aber auch ein Pech. Zugleich so niedlich und so nutzlos zu sein. Wie er damals auf die Käuferin gebrochen hatte, weil er allergisch gegen ihr Haarspray war. Guter Gott, was soll denn nun aus ihm werden?/

Sie ließ sich auf dem Toilettendeckel nieder und seufzte tonlos. "Und was wird aus mir?" /Spieler. Vielleicht hab ich noch nicht alles verlernt, aber es ist so lang her, zu lang./ Sie holte Atem und erhob sich, um den Raum wieder zu betreten.

Laites legte Eis auf Finns Stirn, während dieser im Fieber von seiner Rache vor sich hinmurmelte. Die beiden anderen standen ein wenig entfernt und sahen taktvoll fort. Ihr Herz schlug ein wenig schneller, als sie dem Blick von Dai'thi begegnete.

Tarlants Finger verkrampften sich, und sie senkte den Kopf rasch wieder. "Meine Schuhe sind noch feucht. Ich fürchte, ich werde mit nassen Füssen zu meinem Hotel zurückkehren müssen." Bedauernd hob sie die zierlichen Stiefeletten hoch.

Erneut stellte sie sich dem Blick von Dai'thi und fragte "Mit welchem Anliegen wollten Sie eigentlich zu Doktor LeRoux? Sind Sie oder Familienmitglieder erkrankt?" Ein kleiner Blick umher ließ Tarlant zu der Vermutung gelangen, dass diese beiden sich eine Behandlung von LeRoux persönlich ohnehin nie würden leisten können. Ein Blick auf Dai'this Gesicht zeigte ihr noch etwas anderes. Sie schlug die Augen nieder und flüsterte bedauernd "Oh, das tut mir leid." Zugleich dachte sie bitter /Wenn ich schon einmal einen Ritter treffe.../

Ihre Worte versetzten Dai'thi einen Stich. /Sie weiß es. Sie weiß, dass ich ihn suche./ Unwillkürlich wurde sein Griff um Nináris Schultern fester, als er den Blick von ihr abwandte. Mit einem Mal krampfte sich sein Magen zusammen. /Was nützt es mir, hierher gekommen zu sein und sie getroffen zu haben, wenn sie aus dem Grund, aus dem ich hier bin, nichts mit mir zu tun haben will?/

Denn wer wollte sich schon mit jemandem abgeben, der bei der Göttin in Ungnade gefallen war. Seine Augen wurden dunkel, fast schwarz, als er gegen die Verzweiflung ankämpfte, die ihn überfiel. Und erst die schlanken, kühlen Finger, die sich über seine Hände legten, machten es leichter. Dai'thi konnte nicht mit Worten ausdrücken, wie dankbar er seinem Bruder war, dass er noch immer zu ihm hielt. Er drückte ihn kurz, dann ließ er ihn los, um ein wenig gezwungen zu lächeln.

"Es ist nichts lebensbedrohliches, Sha'aina", erklärte er leichter hin, als er sich fühlte. "Jedoch gelten in unserer Kultur Krankheiten als ein Zeichen der Göttin, dass man sich gegen sie gestellt oder ihre Gebote gravierend verletzt hat."

"Sie müssen nicht lügen, um mich zu schonen." Tarlant nahm langsam Platz und blickte einladend auf die anderen Stühle. "Krank zu sein, unheilbar vielleicht, versetzt einen immer in eine hilflose Lage. Ich kann das sehr gut nachempfinden." Einen Moment lang legte sie eine Hand auf ihren Bauch, dann hob sie den Kopf erneut. "Und? Haben Sie die Gesetze verletzt? Wenn ich Sie so vor mir sehe, dann kann ich das nicht glauben."

"Natürlich hat er das nicht." Ninári zog sich einen Stuhl heran und setzte sich ihr schräg gegenüber in Laites' Nähe, der noch immer mit Finn beschäftigt war. "Im Übrigen muss nicht jede Krankheit eine Strafe sein. Manche mögen als Prüfung geschickt werden, manche als Hinweis. Die Wege der Herrin Kemjala sind unergründlich."

Dai'thi sah weder ihn noch Tarlant an, als er sich zur Tür abwandte. "Ich hole noch Tee." Nináris Vertrauen in ihn war unerschütterlich, und es schmerzte, dass er es nicht verdiente. Ja, er hatte gegen die Gebote der Göttin verstoßen. Es war kein schwerer Verstoß gewesen, doch er hatte dazu geführt, dass ein Mann sein Leben verloren hatte. Als sich die Tür hinter ihm schloss, lehnte er sich zitternd an die Wand und verfluchte seine Schwäche.

Tarlant hatte ihm nachgesehen und seufzte, dann wendete sie sich Ninári zu. "Prüfung, hm? Aber dennoch soll er geheilt werden? Wie sind denn die Symptome?"

"Es dauert schon über ein Jahr..." Ninári sah auf und ihr kurz in die Augen, grau wie seine eigenen. "Vielleicht ist es auch keine Prüfung, sondern ein Weg, ihm zu zeigen, dass er etwas tun muss, reisen,... jemanden treffen, anderes kennen lernen." Er machte eine geschmeidige Geste, die den ganzen Raum und auch das Schiff mit einschloss. "Ich bin Priester, aber ich maße mir nicht an, die Gedanken der Herrin des Lebens zu kennen. Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass er etwas getan haben könnte, dass sie derart maßlos erzürnt."

Mit einem leisen Seufzen strich er sich die Haare hinter die Ohren zurück, griff nach einer besonders frechen Strähne, um sie rasch mit zwei weiteren zu einem losen Zopf zu flechten, während er entschied, ihr die Wahrheit zu sagen. Immerhin war sie die Assistentin des Doktors, vielleicht konnte sie ja schon helfen. "Er hat diese Anfälle, Sha'aina. Sie kommen sehr unregelmäßig und rauben ihm alle Kraft. Manchmal beginnt er nur zu zittern, doch ab und an sind sie so schlimm, dass er sich nicht mehr auf den Beinen halten kann."

"Kaum auf den Beinen halten..." Tarlant blinzelte erstaunt, dann erhob sie sich und ging Dai'thi hinterher. Sie ließ die Zimmertür aufgleiten und rief, schon bevor sie in den Flur getreten war "Dai'thi? Ist alles in Ordnung?" Sorge, ein ungewohntes Gefühl.

Überrascht wandte Dai'thi sich zu ihr um, als er so unvermittelt ihre Stimme hinter sich hörte, erleichtert darüber, dass sie nicht früher gekommen war. Zwar war es ihm unangenehm, dass sie es jetzt wusste, ganz offensichtlich sogar genau wusste, was es war, doch die Sorge in ihrem Blick, hinter der kein Abscheu und keine Verachtung lagen, ließ ihm warm werden. Das Lächeln fiel ihm leicht. "Ja, Sha'aina. Ich danke Ihnen."

"Verzeihung. Ich wollte nicht... habe gedacht..." /Verdammt!/ Tarlant fühlte sich wie ein Vorschulmädchen und errötete, um dieses Klischee noch ein wenig mehr zu bedienen. Sie senkte den Kopf und kehrte in das Zimmer zurück, um die feuchten Schuhe anzuziehen, hörte, dass er ihr in den Raum folgte. "Ich werde zu meinem Hotel zurückkehren, mir den Schaden besehen und mich umziehen. Wenn ich einen der Ärzte von LeRoux hier erreichen kann, dann werde ich ihn zu Ihnen schicken, Dai'thi."

"Ich danke Ihnen erneut." Dai’thi stellte die vier Becher mit dem dampfenden Tee auf dem Tisch ab, ehe er sich wieder zu Tarlant umwandte. Die leichte Röte auf ihren Wangen verlieh ihr mehr Lebendigkeit, ließ sie energischer und gleichzeitig schüchtern wirken, was ein reizvoller Widerspruch war, der nur mehr dazu beitrug, dass Dai'thi sich ihrem Charme immer weniger entziehen konnte.

Als sie mit ihren Schuhe fertig war und auch ihr Mäppchen vom Bett gesammelt hatte, trat er zu ihr und griff nach ihrer Hand, um diese erneut mit einer Verneigung zu küssen. "Es ist mir eine Ehre, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, Sha'aina." Nur widerstrebend ließ er ihre kühlen Finger aus seinen gleiten, genauso widerstrebend, wie er sie gehen lassen würde. "Darf ich Sie zu Ihrem Hotel begleiten?"

Tarlant nickte leicht, auch wenn sie innerlich dachte, dass sie eine Idiotie nach der nächsten zu begehen schien mit diesem Mann. "Es ist nicht nötig, Dai'thi, aber abschlagen kann ich es ebenso wenig." Zudem gab es ihr vielleicht die Chance, ihn noch einmal genauer danach zu fragen, was mit ihm nicht stimmte. Sehr wahrscheinlich konnte ihm geholfen werden, auch wenn die Kemjasheri'i ein sehr kompliziertes Volk waren.

Die Freude, die er bei ihren Worten empfand, ließ seine Augen strahlen und das Grün leuchtender werden. "Ich danke Ihnen. Es ist mir Ehre und Vergnügen zugleich." Höflich bot er ihr seinen Arm.

Tarlant wendete sich zu Laites um und lächelte dem Kleinen einmal schnell zu. "Wir werden ein Zuhause für dich finden, Laites. Ich habe es bislang noch immer geschafft."

Laites sprang jubelnd auf und umarmte sie einmal, was Tarlant dazu brachte, ihn abweisend von sich zu schieben, bevor sie sein Fell von ihrem Anzug klopfte. "Du verlierst noch immer dein Winterfell, Laites." Tadelnd sah sie ihn an. "Sei vorsichtiger." Dann legte sie ihre Hand leicht auf den dargebotenen Arm und überließ sich Dai'this Führung.


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig