Kemjalas Plan

7.

Mit unbewegtem Gesicht sah Ninári ihnen hinterher, bis sich die Tür leise hinter ihnen schloss. Seine Gefühle Tarlant gegenüber waren trotz der kurzen Zeit, die sie sich kannten, mehr als gemischter Natur. Einerseits legte er viel zu viel Hoffnung in sie, dass sie Dai'thi vielleicht helfen konnte; außerdem begann sein Bruder ganz offensichtlich, mehr für sie zu empfinden. Zum anderen aber war sie diejenige, die Laites verkaufen wollte.

Zwar bestand der Katzenjunge darauf und schien sich auch ehrlich darüber zu freuen, aber vielleicht war es auch nur die Unsicherheit einer Zukunft gegenüber, die er nicht allein bestreiten konnte, mit dem, was er beherrschte. Mit einem Mal wünschte er dringend, dass Finn aufwachen würde. So grummelig und abweisend wie der große Katzenmensch war, schien er doch noch eine Menge mehr über Tarlant und LeRoux zu wissen.

"Laites?" Ninári wandte sich von der Tür ab und ging zu dem schlanken, jungen Mann. "Freust du dich wirklich auf einen Besitzer? Jemanden, der dir vorschreiben kann, was du zu tun und zu lassen hast?"

Laites legte die Ohren an und knurrte unwillig, dann setzte er sich wieder zu Finn, um seine Stirn erneut zu kühlen. "Fängst du schon wieder an, Ninári? Ich verstehe nicht, wieso das ein Problem..."

Eine heisere Stimme unterbrach ihn. "Es ist ihm eingebaut, dagegen kommt man nicht an, Fächerohr." Finn stützte sich auf einen Ellbogen auf und zerrte Laites zu sich heran, um Ninári die zarte Narbe hinter dem Ohr zu zeigen. "Der Chip bestimmt seinen Charakter. Naiv und fürsorglich und natürlich... au!"

Laites flüchtete sich, nachdem er Finn gebissen hatte, auf sein Bett hinauf, aber Finn führte seinen Satz unbeeindruckt zuende. "... natürlich dumm. Wer will schon ein Tier, das vielleicht intelligenter ist als er selber."

Ein Schauer rann Nináris Rücken hinab, als er zu Finn sah, der den Blick mit seinen leuchtenden, hellblauen Augen erwiderte. "Wirken sich diese Chips immer auf den Charakter der Person aus, die ihn erhält? Und was würde passieren, wenn man ihn Laites wieder ausbaut? Oder dir, du trägst auch einen, nicht wahr?" Er nahm einen der Teebecher, die Dai'thi geholt hatte und brachte ihn zum Bett. "Möchtest du etwas trinken?"

Finn nickte ein wenig überrascht und nahm den Becher mit leicht zitternden Fingern entgegen. "Ohne den Chip kann er nicht leben; das ist die Basis der Verbindung zwischen Katze und Mensch in uns."

Ninári setzte sich am Fußende von Finns Bett auf die Kante und zog ein Bein an. "Wirken sie sich immer auf den Charakter aus?", fragte er erneut. Es war das Wichtigste für ihn, denn dann käme eine Heilung für Dai'thi auf diesem Weg auf gar keinen Fall in Frage.

Finn schüttelte den Kopf. "Nein, das ist nur bei uns... Kreationen so. Die Menschen und anderen Wesen, die LeRoux damit geheilt hat, tragen nur die einfache Version. Unsere mit der Charakteranpassung sind wesentlich teurer. Tarlant hat auch einen einfachen Chip."

Mit einem Mal fühlte Ninári sich besser. Das war immerhin ein kleiner Lichtblick in dieser vertrackten Situation, die sich als wesentlich komplizierter herausgestellt hatte, als sie sich jemals hätten träumen lassen. Seine Gedanken kehrten zu Laites zurück, der sich fast verzweifelt darauf freute, endlich einen Besitzer zu bekommen. "Kann man die Chips von euch austauschen gegen welche, die keine Charaktereinpassung haben? Wie hast du es geschafft, dass du nicht versuchst, an einen Besitzer zu kommen? Oder versteckst du das nur besonders gut?"

Finn verdrehte die Augen. "Nein, man kann sie nicht abändern, weil die Gefahr, dass der eine oder der andere Anteil in uns zu überwiegen beginnt, zu groß ist. Ich habe mich von meinem Besitzer keinesfalls getrennt, ich arbeite in seinem Auftrag."

Kühl betrachtete er Nináris nachdenkliche Miene. "Mit dem Unterschied, dass er mir klargemacht hat, dass ich nur für etwas arbeiten kann, an das ich selber auch glaube. Mit dem Flohsack ist das natürlich etwas anderes, was soll er denn arbeiten? Mehr als hübsch aussehen und spielen kann er eh nicht."

Laites ließ seinen Kopf von der oberen Ebene runterhängen und streckte Finn die Zunge heraus. "Es ist mir egal, was du von mir denkst, du Trampelkater!"

"Besser als eine Fehlkreuzung mit einer Katze, Flohsack!"

"Du bist gemein!" Laites schnüffelte und verschwand hastig in seiner Koje, mit lautem Rasseln zerrte er den Vorhang vor, dann schrie er "Ich rede nie wieder mit dir!"

/Fehlkreuzung./ Ärgerlich presste Ninári die Lippen zusammen und sah Finn an. Gerade hatte er noch überlegt, dass er wirklich begann, diesen großen Kater zu mögen. "Dir ist klar, dass du ihn damit verletzt?" Energisch stand er auf und schob den Vorhang von Laites Kabine ein winziges Stück beiseite, nur genug, um klar zu machen, dass er davor stand und gerne mit ihm reden wollte, nicht aber weit genug, um wirklich hineinschauen zu können. "Laites?"

Laites schnüffelte ein wenig, aber drehte sich nicht zu Ninári um. "Er hat ja Recht."

Ninári zögerte nur kurz, dann nahm er die Antwort als Erlaubnis, ihn zu stören. Er schob den Vorhang weit genug beiseite, dass er Platz finden konnte und zog sich mit einem kleinen Sprung auf das obere Bett hoch. Der Katzenjunge lag zusammengekugelt in ein Nest aus Decken geschmiegt und hatte das Gesicht von ihm abgewandt. Ninári lehnte sich zu ihm und fuhr ihm sacht durch das weiche Haar.

"Hat er nicht. Ich finde nicht, dass du eine Fehlkreuzung bist. Du bist ein wirklich hübscher Kater mit einem seidigen Fell, auf das doch jeder nur neidisch sein kann." Und allein das war eigentlich schon ein Beweis, dass die Augen der Göttin mit Wohlwollen auf dem kleinen Katzenjungen ruhten. Wie zum Beweis streichelte er seinen Rücken hinab und auch wieder hinauf, bis seine Hand auf Laites’ Schulter zu liegen kam. "Könntest du dich mit mir als Besitzer anfreunden?", fragte er leise.

Laites maulte trotz des angenehmen Streichelns "Doch, bin ich, das hat mit meinem Fell nichts...", als die weiteren Worte sein Gehirn erreichten. Abrupt hob er den Kopf und sah sich um "Mein... mein..." Seine Augen leuchteten. "Du würdest mein Besitzer sein wollen?"

Von unten drang Finns flache, etwas heisere Stimme zu ihnen hoch. "Na wunderbar! Jetzt wirst du ihn nie wieder los, Fächerohr!"

Laites legte die Ohren an. "Sei bloß still, Finn! Du bist nur neidisch!"

"Ja, ja, das wird's sein, genau." Finn lachte noch einmal; es ging in ein Gähnen über. Decken raschelten, gleich darauf wurde unten der Vorhang vorgezogen.

Laites wendete seinen Blick erneut auf Ninári. "Jetzt ist Tarlant schon fort. Wenn wir sie wiedersehen, dann müssen wir sie unbedingt fragen, ob du mich kaufen kannst."

Wider Willen musste Ninári über die Begeisterung lächeln. /Ja, ich kaufe dich, damit du wenigstens ein sicheres Zuhause hast, bis du jemanden findest, bei dem du wirklich bleiben willst./

Er wusste, dass seine Mutter nicht erfreut sein würde, aber im Tempel würde Laites auch ein Heim finden, bei ihm, bis er wusste, was er wollte. Dort würde er auch lernen können, und mit der Zeit würde er bestimmt erkennen, dass es durchaus seinen Reiz hatte, für sich allein sorgen zu können.

"Wir fragen nicht", erklärte er bestimmt und kämmte ihm durch das feine Haar. "Wir werden es ihr sagen. Wenn du nichts dagegen hast, ist es hiermit beschlossen."

Laites warf sich juchzend gegen Ninári, umarmte ihn schnurrend und dankte seinem Glück, dass er nun einen so herrlichen und schönen Besitzer hatte. "Ich freu mich so! Was soll ich denn für dich tun, Ninári? Kann ich dir helfen? Irgendwie?"

Lachend erwiderte Ninári die Umarmung und drückte ihn an sich. "Nun, lass mal überlegen. Jetzt, wo wir die Formalitäten geklärt haben... Ich würde gerne mehr über dich erfahren. Was magst du denn außer spielen und schmusen, von dem Finn immer behauptet, es sei das einzige, was du kannst."

Laites sah zur Decke hoch und schmiegte sich in Überlegungen vertieft an seinen neuen Besitzer. "Ich mag lesen, ich mag Gartenarbeit, ich kann Pflanzen züchten, aber nur Gemüse, gegen die meisten Blüten bin ich allergisch; ich kann Glasmalerei, ich kann sticken, ich kann Klavier spielen und..." Da waren so viele Kleinigkeiten, die er gern machte, aber keine sah nützlich aus in seinen Augen.

Doch in dem Moment war es ihm ohnehin nicht so wichtig wie sonst. Unter leisem Gurren schmiegte er sich eine Spur dichter an Ninári an und hoffte, dass dieser es gern hatte, von einem Fellhaufen bedrängt zu werden.

Nináris Lächeln vertiefte sich, als er sich mit dem Katzenjungen ganz in die Decken sinken ließ und selbstvergessen das weiche Fell streichelte. Es fühlte sich einfach nur schön an unter seinen Händen, und er wusste, dass er stundenlang damit weitermachen konnte.

"Nein", sagte er leise, "du bist weder nutzlos, noch eine Fehlkreuzung. Du bist etwas ganz Besonderes, und ich bin froh, dass Finn dich hierher gebracht hat."

 

Die Fahrt war schön, und Dai'thi wünschte, sie könnte länger andauern. Irgendwie hatte Tarlant ihn dazu gebracht, von seiner Heimat zu erzählen, und obwohl er eigentlich mehr von ihr wissen wollte, hatte er sich dabei wiedergefunden, ihr von den drei Planeten zu berichten, Anekdoten aus dem Tempelalltag zum Besten zu geben und von seinen Lieblingsorten zu schwärmen.

Dabei blieb ihr Blick immer interessiert; sie machte nicht den Eindruck, als würde sie sich langweilen, was er immer wieder befürchtete; doch wenn er aufhören wollte, stellte sie eine neue Frage. Als sie vor dem Hotel hielten, stieg er vor ihr aus und lief um den Gleiter, um ihr die Tür zu öffnen und ihr herauszuhelfen. Er bezahlte und bot ihr dann erneut den Arm, um sie zumindest noch zu ihrem Zimmer zu bringen.

Tarlant hatte ihre nassen Füße vergessen. Dai'thi war derart freundlich und erzählte so geschickt und interessant von seiner Heimat, dass die Fahrt ihr viel zu kurz erschien. Es fühlte sich natürlich an, dass er die Tür öffnete, ihr heraus half. Es war nur natürlich, dass er sie noch bis vor die prunkvolle Zimmertür brachte.

Mit einer entschuldigenden Floskel wendete Tarlant sich halb von ihm ab und zog die Karte durch das Lesegerät. Sie wollte gerade die Tür öffnen und sich endgültig von ihm verabschieden, als ein leiser Quäkton sie aufschrecken ließ.

Das Türschloss war nicht auf grün umgesprungen, sondern zeigte rot. "Oh, die Karte wird bei meinem kleinen Sturz etwas abbekommen haben. Ich gehe noch einmal zur Rezeption hinunter und kläre das Problem." Sie lächelte ihn kurz an und fügte scherzhaft hinzu "Dann bringe ich Sie doch noch zur Tür hinunter."

Er lachte und zwinkerte ihr zu. "Wie es sich für eine höfliche Hausherrin gehört. Etwas anderes hätte ich auch nicht von Ihnen erwartet, Sha'aina."

Gemeinsam schlenderten sie nach unten, zurück in die Empfangshalle, durch die sie eben erst gekommen waren, und Dai'thi genoss die zusätzlichen Momente mit der bezaubernden Frau. Er konnte nur hoffen, dass sie es ihm gestatten würde, ihn wiederzusehen.

Tarlant reichte ihre funktionsunfähige Karte über den Tresen zu dem Concierge in der adretten Uniform hinüber und erklärte, dass ihre Tür nicht reagieren würde. Sie wollte Dai'thi gerade mit einer netten Floskel fortschicken, als das Gesicht des Concierge von Bedauern erfasst wurde. "Ihre Konten sind nicht gedeckt. Die angegebenen jedenfalls nicht."

Tarlant wurde kalt. /Er hat auch meine privaten Konten... Mistkerl!/ Sie ballte eine Hand zur Faust und murmelte ein tonloses "Oh."

Ein weiterer Angestellter des Hotels kam, und Tarlant erhielt in einem prunkvollen Büro die Gelegenheit, sämtliche ihre Konten persönlich zu prüfen. Sie waren bis zum Limit erschöpft, ausgeräumt. Auf zweien war das Limit überzogen.

Übelkeit zog ihren Körper zusammen. /Was kann ich nur tun? Wie soll ich denn nur... Ich kann hier nicht bleiben, muss sofort los! Aber wohin? Allein, ohne Geld, ich kann nicht einmal mehr den Raumgleiter auftanken. Mistkerl! Wie konnte er nur.../

Kraftlos signierte sie die Papiere, mit denen sie ausgecheckt wurde und nahm ihre zwei Taschen entgegen, die bereits aus dem Zimmer entfernt worden waren. /Was soll ich denn nur tun?/ Sie fühlte sich den Tränen nahe.

Als sie aus dem Aufzug trat, erschütterte ein leichtes Vibrieren den Boden, ein unterschwelliges Brummen erscholl, nur um wieder abzuklingen.

"Wir entschuldigen uns für die kurzen Unannehmlichkeiten", erscholl die androgyne, freundliche Stimme der Lautsprecherdurchsage durch die Empfangshalle. "Die Icesior hat soeben ihren Standort verlassen und nimmt nun Kurs auf das nächste Ziel. Wir freuen uns, Sie auch weiterhin an Bord zu Gast zu haben und wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt."

Tarlant hob nur kurz den Kopf. Es passte zu ihrem Pech, dass sie nun auf dem verschwindenden Schiff festsaß. Zögerlich ging sie mit ihren Taschen durch die Halle, auf den Ausgang zu. /Wohin denn nur? Ohne Geld, ohne Ziel... Spieler, ich muss es darauf ankommen lassen./

Dass sie mit ihrem Gepäck aus dem Büro zurückkam, empfand Dai'thi als ungünstiges Zeichen. Ein zweiter Blick in ihr blasses, vollkommen erschöpftes Gesicht sagte ihm, dass etwas nicht so war, wie es sein sollte. Offensichtlich gab es ernsthafte Probleme mit ihren Konten. Während er zu ihr eilte, war er mehr als nur froh, dass er auf sie gewartet hatte. "Sha'aina? Was ist passiert?"

Tarlant seufzte und rieb sich die Nasenwurzel. Wenigstens ihre Brille hatte sie nun zurück und konnte die Augen dahinter verstecken. "Meine Konten sind gesperrt worden. LeRoux, vermute ich, brauchte Geld. Ich wusste nicht, dass er auch auf meine privaten Konten Zugriff hatte. Jetzt bin ich..."

Sie stockte und seufzte. /Abgebrannt, in allen Beziehungen. Kein Geld, kein Job, keine Heimat. Ich habe gar nichts mehr./ Die Depression kehrte zurück. "Es tut mir leid, dass ich Ihre Zeit so sehr in Anspruch genommen habe, Dai'thi." Sie reichte ihm erneut die Hand. "Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen. Ich werde mir eine andere Bleibe suche. Ich weiß ja, wo Sie wohnen und werde mich um den Arzt kümmern, das verspreche ich."

Dai'this Augen weiteten sich, dann wurden sie hell vor Empörung. /Wie kann er nur!/ Er ließ ihre Hand nicht los und sah Tarlant entschlossen an. "Sha'aina, Sie erwarten doch nicht allen Ernstes von mir, dass ich Sie in solch einer Situation einfach gehen lasse? Das wäre unverantwortlich von mir. Ich möchte Sie bitten, dass Sie mit mir zurückkehren, bis Sie etwas Passendes gefunden haben."

Tarlant sah ihm verwirrt in die Augen. Diese Energie, mit der er gesprochen hatte. Nun sah sein Gesicht auch nicht mehr so müde aus, und seine Augen sprühten förmlich. Es schüchterte Feinde gewiss ein, ihn so zu sehen. Aus einem ihr nicht erdenklichen Grund machte es sie froh, dieses Blitzen in seinen Augen, die Entschlossenheit in seiner Miene zu erblicken.

Unsicher wägte sie dennoch ab, ob es nicht eine unglaubliche Belastung für sie alle sein würde. Schließlich fällten ihre eigenen Gefühle die Entscheidung. "Ich bedanke mich für das Angebot, aber das geht nicht, Dai'thi. Es ist schon zu viert viel zu eng in ihrem Hotelzimmer. Ich... habe Bekannte hier auf der Icesior und werde dorthin gehen."

Sie drückte seine Hand noch einmal kurz, aber schaffte es nicht, loszulassen. Nervös schob sie mit der freien Hand die Brille hoch. "Bitte, machen Sie sich keine Sorgen. Ich werde schon zurecht kommen."

In Dai'thi stritten mehrere Empfindungen um die Vorherrschaft. Besorgnis, dass sie es nur sagte, um nicht zur Last zu fallen. Hoffnung, dass sie wirklich Hilfe von Freunden erhalten konnte. Bedauern, dass sie gehen würde und auch ein wenig Angst, dass sie sich vielleicht nicht mehr begegnen würden. Und darüber, darunter und dazwischen lag die Wut auf LeRoux, der ihr das angetan hatte.

Ihre Hand war kühl und so schmal, obwohl sie als Mensch mehr Finger hatte. Sie ruhte vertrauensvoll in seiner, hilfesuchend fast und verletzlich. Er wollte Tarlant nicht gehen lassen, ohne zu wissen, dass sie gut untergebracht war. Er konnte es nicht. Ernst suchte er ihren Blick. "Können Sie mir versprechen, dass Sie sich die Bekannten nicht nur ausgedacht haben, um mir die Sorge zu nehmen? Um nur aus Höflichkeit keine Umstände zu bereiten? Und sind Sie sicher, dass sie Ihnen helfen werden?"

Tarlant lächelte und entzog ihm ihre Finger. "Ich bin ein großes Mädchen und kann gut für mich selber sorgen. Aber wenn es Sie brennend interessiert, dann kann ich Ihnen ja verraten, wohin ich mich wende."

Sie bückte sich nach ihrer kleineren Tasche und zog eine silbrige Karte hervor. "Die Arche. Hier werde ich zu erreichen sein. Glauben Sie mir nun?"

Ein wenig beschämt senkte er den Blick, musste dann aber lächeln und sah wieder auf. "Ich danke Ihnen. Verzeihen Sie meine übermäßige Sorge." Er stockte, überspielte die kurze Pause, indem er ihrer Karte einen Blick zuwarf, ehe er sie wegsteckte. /Ein Casino... Ob sie da so gut untergebracht ist?/ "Ich würde Sie gerne wiedersehen, Tarlant. Kann ich mir trotz der Umstände noch Hoffnung darauf machen?"

Tarlant fühlte, wie ihre Wangen sich erwärmten. /Hoffnung... auf ein Wiedersehen? Ich kann doch unmöglich einfach so... das wäre nicht richtig. Ich sollte ihm keine Hoffnungen machen. Ich sollte gleich sagen, dass es nicht sein darf, dass es falsch ist. Herrje, er ist Kemjasheri'i!/

Im nächsten Moment fiel ihr die beste Lösung für dieses Problem ein. "Dai'thi. Es ist mir sehr unangenehm, aber könnten Sie mir vielleicht das Geld für den Wagen leihen? Ich verspreche Ihnen, dass ich mich melde, damit ich es Ihnen zurückerstatten kann."

"Selbstverständlich, Sha'aina." Dai'thi nickte und lächelte, auch wenn es für sie kein angenehmer Grund war, warum sie sich melden wollte. Aber es war ein guter, und er vertraute ihr. Nur hoffte er, dass sie sich bald melden würde, aber er würde warten, nahm er sich vor, nicht sicher, wie lange der Vorsatz halten würde. Er holte seine Geldkarte hervor und eine Blankokarte und übertrug eine großzügige Summe, mit der sie mehr als nur einen Wagen bezahlen konnte, wenn es sich als nötig erweisen sollte. Während er seine Karte wieder wegsteckte, reichte er ihr die andere. "Bitte, ich hoffe, es ist ausreichend. Sollten sich irgendwelche Probleme ergeben, mit denen Sie nicht gerechnet haben, bitte denken Sie daran, dass sie jederzeit bei mir willkommen sind."

Tarlant sah noch einen Augenblick lang stumm auf die Karte in ihren Fingern, dann nickte sie und murmelte eher an ihr Gepäck gewandt "Ich stehe in Ihrer Schuld." Rasch hob sie die Taschen auf und ging nach einem letzten "Auf Wiedersehen" mit schnellen Schritten zu einem der wartenden Wagen. Während sie davon rauschte, wagte sie es nicht zurückzusehen. /Ich bin genau der Idiot, für den LeRoux mich gehalten hat./

Dai'thi sah ihr nach, wollte ihr noch anbieten, ihre Koffer zumindest bis zum Wagen zu tragen, doch ihr Abschied glich fast einer Flucht. /Ist es ihr derart unangenehm, in meiner Schuld zu stehen? Oder ist es etwas anderes?/

Er wollte sich lieber der Hoffnung hingeben, dass sie nur auf angenehme Art verlegen war und es überspielen wollte. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er sich straffte und sich ebenfalls auf die Suche nach einem Wagen machte, der ihn zurück zu seinem Hotel bringen würde.


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig