Kemjalas Plan

8.

Der Vorhang vor Finns Nische war zugezogen, und seinen Bruder entdeckte Dai'thi nicht im eigenen Bett, sondern in dem von Laites. Ninári hatte sich halb aufgesetzt und mit dem Rücken an die Wand gelehnt; er hielt das helle Fellbündel im Arm, das sich an ihn kuschelte und mit leiser Stimme irgendetwas erzählte.

Als die Tür hinter Dai'thi wieder zuglitt, sah Ninári auf und lächelte. "Schön, dass du wieder hier bist! Ist alles glatt gegangen?"

"Sicher", antwortete Dai'thi auf die Frage, die sich auf die Anfälle bezogen hatte, wie er wusste. Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass sein Bruder leicht schuldbewusst wirkte, doch er konnte nicht benennen, woran das lag. "Es gab andere Probleme." Sicherheitshalber wechselte er wieder in den Dialekt ihrer Kaste über. Er wollte Tarlant nicht vor den beiden Katzenmenschen beschämen. "LeRoux hat sie betrogen, ausgenommen. Er hat sie ohne das geringste Geld hier sitzen lassen, hat ihre Konten gesperrt." Unversehens kam der Zorn wieder in ihm empor. "Wie konnte er das nur?"

Sanft schob Ninári den Katzenjungen von sich, zauste ihm noch einmal durchs Haar und lächelte ihn flüchtig an. "Lass mich mal zu meinem Bruder, hm?"

Laites war so glücklich, dass er alles tun würde. Für seinen Besitzer mit dem schönen Haar, mit den geschickten Händen, die ihn bereits den halben Tag über gestreichelt und gekrault hatten. Außerdem wusste er, dass Ninári auch über ihn reden würde mit seinem Bruder.

Mit einem kleinen Satz sprang Ninári vom Bett. "Ich habe auch einiges gehört, dass ihn in keinem guten Licht erscheinen lässt. Wie geht es Tarlant?"

"Sie hat Bekannte hier, ich hoffe, sie helfen ihr." Dai'thi lächelte ein wenig verlegen und strich sich die Haare aus dem Gesicht, wobei er wieder registrierte, dass er sie schneiden lassen musste. "Ich hatte ihr angeboten, dass sie hierher kommen könnte, bis sie etwas gefunden hat, aber sie hat abgelehnt. Ich glaube, ich bin etwas zu besorgt bei ihr."

Ninári betrachtete seinen Bruder für einen Moment, während seine Augen heller wurden. "Das macht nichts. Zwar bin ich mir nicht sicher, was ich von Tarlant halten soll, aber eines ist mehr als deutlich." Er lächelte. "Sie hat das Leben zu dir zurückgebracht."

Überrascht erwiderte Dai'thi seinen Blick, dann musste er lachen. "Ich fühle mich gut, besser als seit Monaten." Er streckte sich, dann umarmte er seinen Bruder kurz. "Und das verdanke ich dir. Ohne dich wäre ich doch gar nicht hier." Grinsend fuhr er ihm durchs Haar. "Aber was sagt uns das? Höre immer auf die allwissenden Priester."

Ninári schnaubte. "Auch Priester können sich irren."

Doch seinen leuchtenden Augen konnte Dai'thi ansehen, wie sehr er sich mit ihm freute. Er wandte sich ab und ging zu seinem Schrank, um seine Zweililien, die traditionelle Waffe der Tempelwachen, herauszuholen. Im Moment wirkte sie wie ein etwas über einen Meter langer Stab und durch die heiligen Zeichen, die sie bedeckten, eher wie ein Ritualszepter als wie eine Waffe. Dass man sie auf die doppelte Länge ausfahren konnte und dass sie dann an beiden Enden schmale Klingen aufwies, sah man ihr nicht an.

"Ich werde mich auf die Suche nach einer Trainingshalle machen." Der verhältnismäßig schwere Stab fühlte sich gut an in seinen Händen, und Dai'thi merkte, dass er das Training die letzten Tage vermisst hatte.

"Dai?" Nináris weiche Stimme holte ihn aus seinen Gedanken und ließ ihn aufsehen. Verwundert stellte er fest, dass Nin ein wenig unsicher wirkte, gleichzeitig hatte er jedoch das Kinn entschlossen vorgereckt. Erinnerungen an Kindertage kamen auf und ließen Dai'thi schmunzeln. Das war genau die Haltung, die sein kleiner Bruder immer dann gehabt hatte, wenn er etwas ausgefressen hatte und seine Unterstützung bei den Eltern wollte. Nur wirkte Ninári längst nicht mehr so, als sei er auf ihn angewiesen. "Hm, Nin?"

Ninári stockte für einen Moment, dann erwiderte er das Lächeln, als die Koseform seines Namens ihn sich wirklich wieder kurz wie ein Kind fühlen ließ. Eine Welle an Zuneigung durchströmte ihn. "Ja, der Kleine hat mal wieder was ausgefressen", gab er mit einem Grinsen zu und wies dann mit einer kleinen Kopfbewegung auf das obere Bett, von dem Laites neugierig herabsah und den Blick nicht von ihm zu wenden schien, auch wenn er kein Wort verstand. "Ich habe ihn aufgenommen."

Dai'thi lachte auf, als er den Schrank wieder verschloss, um dann seinen Bruder in den Arm zu nehmen und ihn rasch an sich zu drücken. "Ich hätte wetten können, dass du das tun würdest! Ich hatte nur nicht damit gerechnet, dass es so schnell gehen würde." Flüchtig küsste er seine Stirn und ließ ihn wieder los. "Es ist in Ordnung, wenn du wirklich mein Einverständnis brauchst." Ein breites Grinsen zog über sein Gesicht. "Aber eigentlich benötigst du es nicht, denn schließlich bist du ein großer Junge."

Lachend verließ er das Zimmer und ließ einen verdutzten Ninári zurück. Als dieser sich zu Laites umwandte, schlich sich jedoch ein stilles Lächeln auf seine Lippen. Vielleicht hatte die Göttin sie wirklich nur auf einem wenn auch steinigen und unangenehmen Weg zur Icesior führen wollen.

"Was hältst du davon, wenn wir uns ein wenig umsehen und versuchen, die Gärten hier zu finden, Laites?" Er war zu glücklich, um weiter in der Enge dieses kleinen Zimmers zu bleiben. Er wollte nach draußen an die Sonne, selbst wenn es nur eine künstliche sein würde. "Ich habe gehört, sie sollen wunderschön sein."

Laites nickte lebhaft und ergriff die Hand seines Besitzers. Ein weiteres Mal war er glücklich, dass seine Kreuzung so gelungen war, dass er richtige Hände hatte. Auch wenn seine Fingernägel noch immer abgebrochen und dreckig waren, wurden sie wenigstens nicht zu Krallen, wenn er wütend war. Nach einem letzten Blick auf den schlafenden Finn zog er Ninári aufgeregt zum Hotelausgang, von wo man sich zu den Gärten fahren lassen konnte.

 

Tarlants Fahrt dauerte nicht lange, führte an den prunkvolleren Hotels und Geschäftzentren der Icesior vorbei. Die Arche lag gleich im Nachbarviertel. Doch zu Fuß konnte man sich in den Straßen der Icesior nicht besonders gut bewegen, und es wurde in diesem Viertel nicht gern gesehen, wenn man auf die Dienste der Limousinen verzichtete.

Tarlant holte tief Luft und betrat durch das von dem größten, neben einem wirklichen Meer bestehenden Aquarium bogenförmig umgebene Haupttor die Haupthalle der Arche. Ein riesenhaftes Casino, eine Spielerstadt schon viel eher. Auf Plänen von der Icesior wurde die Arche als eigener Stadtteil geführt.

Auf mehreren Ebenen konnte man hier alles spielen, was mit Glück und Geschick zu meistern war, auf alles Wetten abschließen, was sich bewegte und um jeden Einsatz, das eigene Leben inbegriffen. Tarlant hatte noch gute Erinnerungen an die Zeiten in der Arche, an ihre Jugend und an die Tage, an denen sie davon gelebt hatte, die Spielsucht der Gäste zu nutzen und deren Gier.

Das Aquarium, das die eigentlichen Gebäudekomplexe bis zum dritten Stock umgab, so dass man aus den Fenstern die Fische beobachten konnte, beeindruckte sie nicht mehr. Die goldenen Hallen, die glänzenden Leuchter, die Livebands in jedem Winkel, die Bars und pompösen Restaurants riefen nur ein leichtes Zucken ihrer Mundwinkel hervor.

Tarlant begab sich zuerst in eines der riesenhaften Badezimmer und zog sich um. Ein schwarzer, besonders teurer Anzug aus Seide, ein dunkelblaues Hemd mit Silberschimmer und neues Make-up. Schein und Sein waren hier eins. Endlich gab sie sich zufrieden und packte ihre Taschen zusammen, bevor sie den Großteil in einer Gepäckaufbewahrung unterbrachte.

Sie machte sich auf den bekannten Weg durch die dick mit Teppichen ausgelegten Flure und Hallen. Nach einer halben Stunde erst erreichte sie ihr Ziel. In die Etage, in der das Management zu finden war, gelangte man nur über einen einzigen Lift. Dieser wurde von vier besonders misstrauischen Dobermannkreuzungen bewacht.

Tarlant lächelte die vier an und nannte sie einzeln beim Namen. Die Dobermänner nickten von Freude erfüllt und traten zurück. Sie ließen Tarlant ohne weitere Fragen passieren. Es zahlte sich eben aus, wenn man sich noch mit allen Kreationen auskannte, die man einmal verkauft hatte.

Doch in der Etage, in der sie die Chefs des Casinos anzutreffen hoffte, traten ihr natürlich angestellte, nicht gekaufte Wesen gegenüber und fragten nach ihrem Wunsch, durchsuchten sie nach Waffen und bedachten sie mit misstrauischen Blicken.

Einige Minuten der Nervosität, doch dann wurde Tarlant vorgelassen, und tatsächlich erkannte der Chef sie wieder. Ein geheimnisvolles Wesen, zehnarmig, die Farbe ändernd; und trotz der kühlen Ausstrahlung eines Reptils schaffte er es, freundlich zu tun.

"Tarlant, Liebling!" Eine unehrliche, vielarmige Begrüßung, dann der hinterhältige Blick und endlich nach dem üblichen 'Wie-geht-es-dir?' die erste ehrliche Frage. "Na, wie viel?"

"Wie viel was?"

Er lachte in tiefem, zufriedenem Bass. "Wie viel steckst du in der Kreide, Schatz?"

Tarlant seufzte und verdrehte die Augen. "Ich habe nichts mehr, aber auch keine Schulden. Hast du eine Stelle für mich? Sofort?"

Ihr ehemaliger Chef glitt auf seinen Tentakel zu dem wuchtigen Schreibtisch zurück und nickte, jedenfalls einer seiner zwei Köpfe nickte, der andere schlief. "Tarlant, dir gebe ich jederzeit deine alte Stelle wieder."

Tarlant zögerte. /Ich habe das so lange schon nicht mehr gemacht, kann ich es denn überhaupt noch? Was, wenn nicht?/ Doch dann lächelte sie und fragte anstelle einer Antwort, wo sie wohnen könne.

Drei Stunden, nachdem LeRoux Tarlant endgültig enttäuscht hatte, stand sie in einem weinroten Anzug an dem Spieltisch, auf dem dreidimensionales Roulett gespielt wurde, und bekam eine Einweisung in die neuen Gesetze und Limits des Casinos.

Tarlant war nach einigen Stunden am Spieltisch inmitten der flirrenden Lichter wirklich froh, dass sie vor ihrer ersten richtigen Arbeitsnacht dort noch eine Nacht schlafen konnte, denn ihr Kopf schmerzte und die Füße und ihr Rücken taten von dem Aufprall in dem Brunnen noch immer weh, auch wenn ihr Chip alle Schäden repariert hatte.

Müde und zu keinem geordneten Gedanken mehr fähig sank sie in das breite, weiche Schlaflager. Ihr Zimmer war klein, aber sauber und ruhig gelegen. Das französische Bett stand auf einem kleinen Podest direkt vor dem Bullauge, dem einzigen Fenster, durch das blaugrünes Licht fiel. Ansonsten waren nur noch ein kleines Sofa und ein gläserner Couchtisch als Möbel dort. Der Schrank war in die Wand eingelassen, das Badezimmer musste sie sich mit dem Croupier im Nachbarzimmer teilen, der ohnehin stets dann Schicht hatte, wenn sie schlief.

Es lag auf der untersten Ebene des Casinos, tief im Schiffsbauch. Der Blick hinaus zeigte Tarlant den Boden des riesenhaften Aquariums, wo die Rochen und Haie zwischen interessanten Pflanzen und Felsformationen entlang schossen.

Seufzend schloss sie die Augen. Während sie in den Schlaf driftete, fragte sie sich träge, ob alles wirklich Pech sein mochte oder vielleicht ihr Schicksal war. /Wie war das mit den Vorhersehungen der Göttin der Kemjasheri'i? Kemjala zwingt einen, sich selber zu helfen./ Frühlingshaft helle Augen blickten sie mit einem Mal wieder an, und eine warme Stimme kam ihr in Erinnerung. /Hoffnung... auf ein Wiedersehen./

Tarlant drehte sich auf die Seite und schmiegte ihr Gesicht in das kühle Kissen. /Ich schulde dir mehr als nur eine Fahrt mit dem Wagen, so viel mehr. Wie kann ich dich da enttäuschen?/ Und doch wusste sie, dass es nicht anders gehen würde. /Ich darf ihn nicht... nie wiedersehen! Niemals. Das hat er nicht verdient. Dazu ist er zu gut. Zu gut.../

 

Dai'thi hielt es drei Tage aus. Zwar hatte er schnell eine Trainingsmöglichkeit gefunden und verwendete viel Energie und Zeit darauf, wieder vollkommen in Form zu kommen, selbst ein Partner war vorhanden, mit dem er üben konnte; doch selbst mitten in den hitzigsten Gefechten glitten seine Gedanken immer wieder zu den grauen Augen und dem kleinen Lächeln zurück, das Tarlant ihm geschenkt hatte. Am Morgen des vierten Tages befand er, dass er lange genug gewartet hatte. Zwar würde er sie nicht nach einem Wiedersehen fragen, es wäre mehr als nur unhöflich, sie so zu bedrängen, aber sie sollte wissen, dass er sie weder vergessen hatte noch vergessen würde.

Mit dem Kärtchen, das sie ihm gegeben hatte, suchte er einen Blumenladen auf, um ihr einen großen Strauß weißer Lilien binden zu lassen, die in ihrer schlanken Schönheit den heiligen Blüten der Göttin noch am nächsten kamen. Doch diese gab es nur auf seinen Heimatplaneten. Während die Floristin, eine blauhäutige Frau einer Rasse, die Dai'thi nicht einmal dem Namen nach kannte, den Strauß richtete, zog er sich in eine ruhige Ecke des Geschäfts zurück und schrieb auf eine schlichte Karte, die nicht die Aufmerksamkeit von den Blüten ablenken würde, eine kurze Nachricht, während er bedauerte, in der Kunst der Poesie so unbeholfen zu sein. Es war nur die leicht abgewandelte Form eines alten Spruchs, den schon seit Jahrhunderten Männer zu Frauen sagen mochten, aber jedes Wort war unendlich wahr für ihn.

'Die Schönheit dieser Lilien verblasst hinter der Schönheit Ihres Lächelns. Ergebenst, Dai'thi'

Doch als der Bote losgeschickt war, fragte er sich, ob sie das nicht auch schon als zu aufdringlich empfinden würde. Die Frauen seiner Heimat mochten so etwas erwarten, ja regelrecht fordern, aber mit Menschenfrauen kannte er sich nicht aus.

Tarlant war in den vergangenen Tagen mehr in ihr Zimmer gekrochen denn gegangen. Sie musste zehn Stunden am Stück arbeiten, um für ihren Unterhalt aufkommen zu können. Ihr neues Konto würde sich nur zögerlich füllen, auch wenn sie keinerlei Nebenkosten auf der Arche hatte.

Am vierten Tag, nachdem sie sich von Dai'thi verabschiedet hatte, erfuhr sie, dass ihr freier Tag anstand. Voller Erleichterung wollte sie sich mit dem Kemjasheri'i verabreden, um ihm die geliehene Summe zurückzuzahlen und vielleicht ein Essen auszugeben, ein Dankeschön.

Er kam ihr zuvor. Als sie an diesem Abend in ihr Zimmer wankte, wartete auf dem niedrigen Couchtisch bereits ein umfangreicher Strauß weißer Blumen. Die Karte las sich genauso altmodisch und ritterlich, wie er ihr in Erinnerung geblieben war.

Tarlant sank errötend und zugleich lächelnd auf ihre Couch nieder, den Blick fasziniert auf die Worte gerichtet. Am nächsten Morgen schickte sie sogleich eine wesentlich nüchternere Antwort mit einer Einladung an ihn zurück.

Als Dai'thi am Tag darauf die Eingangshalle seines Hotels durchquerte, um wieder wie mittlerweile jeden Morgen zum Trainieren zu gehen, wurde er von dem Concierge aufgehalten, der ihm einen kleinen Brief überreichte. Nachdem er die Empfangsbestätigung unterschrieben hatte, musterte er die zierliche Schrift, in der sein Name, der des Hotels und seine Zimmernummer geschrieben waren. Unvermittelt begann sein Herz schneller zu schlagen, während er ihn vorsichtig öffnete.

Ein Lächeln überzog sein Gesicht, als er die wenigen Zeilen überflog. Das Glücksgefühl, das ihn durchflutete, als er Tarlants Namen unter der Nachricht las, ließ seine Augen strahlender werden. 'Morgen ist mein freier Tag, wie wäre es mit einem Treffen um die Mittagszeit herum? Aufrichtige Grüße, Tarlant'

Fast hätte er wie ein verliebter Junge aufgejuchzt, anstatt die vornehme Zurückhaltung des ehemaligen Obersten Hüters der Tempelwache an den Tag zu legen. Doch anstelle zum Training zu gehen, machte er auf dem Absatz kehrt, um im Hotelzimmer eine Antwort zu verfassen und ihr zuzusagen, ohne sich um die amüsierten Blicke seines Bruders zu kümmern.

 

Tarlant begann den freien Tag zunächst mit Schönheitspflege und einem langen Bad. Sie ging dazu über, sich ihre Kleidung für das Treffen herauszulegen und entschied sich letztendlich für einen hellgrauen Anzug und ein weißes Hemd. Die übliche rahmenlose Brille versteckte ihre Augen gerade genug und bot ihr Schutz gegen seine Blicke.

Viel zu früh erwartete Tarlant ihn in der Hotelbar, gleich in der Eingangshalle. Sie kannte die Angestellten hier nicht mehr, aber bekam dennoch ein süßes Wasser mit Zitrone kostenfrei hingestellt. Nervös beobachtete sie die vorbeilaufenden Menschen und anderen Wesen, versuchte ihn zuerst zu sehen, damit er sie nicht überraschen konnte.

Pünktlich zur angegebenen Uhrzeit stand Dai'thi vor dem Eingang zur Arche; das gigantische Aquarium, durch welches das Tor ins Innere des Casinos führte, löste für einen Moment Staunen aus, doch seine Nervosität ließ es in den Hintergrund treten. Noch einmal ging er in Gedanken durch, ob er auch nichts vergessen hatte.

Die hautenge, grüne Hose, die er trug, war neu; ihr goldener Schimmer betonte das Muskelspiel, wenn er sich bewegte. Das Oberteil war passend im Farbton, jedoch aus einem matten Stoff. Über die Ärmel zog sich an der Oberseite ein kompliziertes Lochmuster bis zu den Schultern empor. Er hatte eine Ewigkeit vor dem Spiegel verbracht und seine Haare trotzdem nicht dazu bekommen, so glatt zu liegen, wie es im Moment dem gängigen Ideal auf Vash'esi entsprach. Zwar waren sie jetzt dank einem neuen Schnitt wieder kurz, doch immer noch voller Wirbel. Aber seine Sorge, nicht passend zu erscheinen, war verblasst, als er direkt am Haaransatz den ersten Schimmer seiner ursprünglichen goldenen Farbpracht entdeckt hatte. Die Göttin schien ihm wirklich vergeben zu haben.

Der Gedanke ließ ihn lächeln und wieder an die Frau denken, die im Inneren des Casinos auf ihn wartete. Auch das kleine Päckchen hatte er nicht vergessen, das passend zum Grau ihrer Augen in mattes, edles Silberpapier verpackt war. Er straffte sich und betrat das Casino.

Tarlant war dankbar dafür, dass sie sich frühzeitig an die Bar begeben hatte, denn so hatte sie ausreichend Zeit, um Dai'thi durch die dicke Glasmauer hindurch ein wenig anzusehen und zu beobachten, während sie das Wasser austrank und die richtige Zeitspanne für wichtiges Zuspätkommen abwartete.

Verdammt, der Mann war mehr als attraktiv. Zudem machte es die verwirrende Eigenart der Kemjasheri'i, ihren Körper auszustellen, nichts zu verstecken, doppelt schwierig, nicht stumpf zu starren, vor allem bei ihm.

Nachdem Tarlant sich an den Gedanken gewöhnt hatte, dass sie diesen Mann nun noch wenigstens eine Stunde vor sich sehen würde, erhob sie sich und ging über die geschwungene Treppe zu ihm in die Halle.

Zu spät zu kommen und einen Mann warten zu lassen, schien zum Repertoire der Frauen jeder Rasse zu gehören. Dai'thi wartete geduldig, wobei er die Türen und die Treppe nicht aus den Augen ließ. Er konnte nur hoffen, dass sie nicht das tat, was bei den Kemjasheri'i-Frauen ein beliebtes Mittel war, um das Interesse eines Mannes auszuloten, nämlich gar nicht zu erscheinen, nur eine kurze Nachricht mit einer Entschuldigung senden zu lassen und dann darauf zu warten, dass er... Seine Befürchtungen lösten sich in Luft auf, als er sie die Treppe herunterkommen sah.

Er hatte nicht mit dem Sprung gerechnet, den sein Herz bei ihrem Anblick machte, und spürte es dann schneller als gewöhnlich weiterschlagen. Sie war noch schöner, als er sie in Erinnerung hatte. Mit einem strahlenden Lächeln eilte er auf sie zu.

"Tarlant, welch eine Freude, Sie wiederzusehen!" Als sie ihm die Hand reichte, beugte er sich darüber und küsste sie zur Begrüßung, während er gleichzeitig Dankbarkeit darüber empfand, dass sein Volk diesen ehrerbietigen Gruß nicht durch ein schlichtes Händeschütteln ersetzt hatte.

Tarlant erwiderte sein Lächeln zurückhaltend, aber entgegnete "Ich freue mich auch", während sie zuließ, dass er ihre Hand leicht küsste. Prüfend glitt ihr Blick über sein Haar und die Art, mit der er vor ihr stand. "Sie sehen... erholt aus, Dai'thi."

"Das macht allein Ihre Gegenwart, Sha'aina." Verlegen strich er sich durch die kurzen Haare und kam sich vor wie ein Schuljunge. Er konnte nur hoffen, dass sie ihm nicht anmerkte, wie aufgeregt er war. Galant bot er ihr den Arm, um darüber hinwegzuspielen. "Haben Sie an ein bestimmtes Restaurant gedacht?"

Für den Fall, dass sie spezielle Wünsche hatte, hatte er sich bereits erkundigt, wo welches Restaurant zu finden war, welche Spezialitäten ein jedes hatte. Er hatte auch schon eines herausgesucht, sollte sie ihm die Wahl überlassen. Doch genauso war er bereit, einfach dorthin zu gehen, wohin sie wollte.

Tarlant nickte leicht, bevor sie ihm den Namen des Restaurants nannte, von dem aus man das Leben im Aquarium nahe an der Simulation des Riffs besonders gut beobachten konnte. Sie brauchte ihn nicht zu führen, er kannte den Weg. Augenscheinlich hatte er sich auf das Treffen vorbereitet. Tarlant begann sich zu fühlen, als sei sie etwas Besonderes.

Nachdem der arrogante Weinkellner ihre Getränkewünsche und eine Oberin ihre Speisewünsche aufgenommen hatte, wollte Tarlant trotz der angenehmen Atmosphäre zwischen ihnen gleich zum Punkt kommen. "Ich schulde Ihnen, Dai'thi. Nicht nur Geld, auch... mein Leben."

Sie senkte die Lider über die Augen. Es stimmte nicht ganz, aber in gewisser Weise schon. Im Moment der Verzweiflung hatte er ihr Mut und das Gefühl gegeben, dass das Leben, ihr Leben, doch noch wert war, gelebt zu werden.

Sie hob den Kopf entschlossen an, um ihm in die Augen sehen zu können, an die sie in den letzten Tagen so oft hatte denken müssen, dann sagte sie fest "Deswegen trinke ich auf Sie. Auf Ihren Mut und darauf, dass Sie mir etwas davon geschenkt haben."

Dai'thi spürte Wärme in sich aufsteigen; fast hätte er abgestritten, denn er war weitaus weniger mutig als sie dachte, doch dass er es in ihren Augen war, ließ ihn lächeln. Zudem wollte er ihre wohlmeinenden Worte nicht schmälern, nicht das verunglimpfen, was es für sie bedeutet zu haben schien.

"Ich danke Ihnen. Das ehrt mich, und es macht mich glücklich, dass ich Ihnen helfen konnte." Er wollte ihr sagen, was es für ihn bedeutete, sie kennen gelernt zu haben, doch er wusste nicht, wie er es ausdrücken sollte, also hob er nur sein Glas, um behutsam mit ihr anzustoßen.


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig