Kemjalas Plan

9.

Auch wenn es Dai'thi schwer fiel, wandte er den Blick wieder ab, nachdem sie einen kleinen Schluck getrunken hatten. Er wollte nicht unhöflich sein. Stattdessen schob er ihr das kleine Päckchen zu, das er mitgebracht hatte, nachdem er hastig die Schleife noch einmal zurecht gerückt hatte. "Für Sie, Sha'aina Tarlant."

Tarlant zögerte, den Blick auf das dezente Päckchen gerichtet. "Ein Geschenk? Aber... wofür? Ich verdiene das nicht, wirklich."

Dai'thi lächelte und schob es näher zu ihr hin, während er dachte, dass sie noch viel mehr verdiente. "Es ist nur eine Kleinigkeit, von der ich nicht einmal weiß, ob sie Ihnen etwas sagt oder bedeutet. Ich bitte Sie, nehmen Sie es an. Es würde mir viel bedeuten."

Tarlant nickte schließlich und zog es näher zu sich heran. Sie wurden von der Kellnerin unterbrochen, die mit einem Hilfskellnern die Vorspeisen vor ihnen abstellte. Wenig Gemüse auf einem großen Teller.

Erst als die beiden sich abgewendet hatten, blickte Tarlant erneut auf das Päckchen und sagte noch einmal leise "Vielen Dank, dann nehme ich es natürlich an." Vorsichtig löste sie die Schleife und enthüllte ein Kästchen. Wie lange war es her, dass jemand ihr etwas Eingepacktes geschenkt hatte? Viel zu lange. Eine gewisse Aufregung erfasste sie, auch wenn sie äußerlich versuchte, gelassen zu bleiben.

In einem kleinen, grünen Etui, das mit Samt ausgelegt war, befand sich eine schneeweiße Feder, deren Schaftende wie ein Schmuckstück in Silber gefasst war. Ein kleiner Mondstein schmückte die Mitte des Ornaments, von dem sich filigrane Ausläufer ein Stück den Schaft empor zogen. Tarlant konnte nicht anders, als den Mund leicht zu einem kleinen 'Oh' öffnen, während sie die zierliche Arbeit bewunderte.

"Bei meinem Volk gibt es viele Legenden über die Boten der Göttin, Sha'aina", erklärte Dai'thi leise und betrachtete dabei ihr zartes Gesicht, das so viele Emotionen wiederspiegeln konnte und das er am liebsten immer lächelnd sehen würde. "Die Herrin des Lebens, Kemjala, schickt manchmal ihre liebsten Kinder auf die Planeten, um ihrem Volk Nachrichten zu überbringen. Wenn diese Boten sich zeigen, haben sie immer die Gestalt von geflügelten Frauen, die so atemberaubend schön und so rein sind, dass es schwer fällt, ihnen ins Gesicht zu sehen. Ihre Schwingen sind schneeweiß und leuchtend."

Er zögerte einen Moment, es fiel ihm schwer, auszusprechen, was eigentlich so selbstverständlich war, doch wie sollte Tarlant es kennen? "Einst verliebte sich ein Mann in eine solche Botin. Als sie wieder zur Göttin emporstieg, verlor sie eine Feder. Der Mann hob sie auf, und als die Botin wiederkam, gab er sie ihr zurück. Wenn ein Mann einer Frau sagen will, wie schön er sie findet, schenkt er ihr eine weiße Feder. Es bedeutet, dass sie für ihn eine Botin ist, die schönste und wundervollste unter allen Frauen."

Er spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. "Wären Sie eine Kemjasheri'i, Tarlant, ich bin mir sicher, Sie hätten Ihre ganze Wohnung voller Federn."

Tarlant wurde gewahr, dass sie ihren Gegenüber mit noch immer leicht geöffnetem Mund anstarrte. /Oh. Mein. Gott. Ich bin verloren, wie kann ich nur, wie nur kann ich ihm... erklären, dass ich gar nicht bin, was er denkt?/

Panik erfasste Tarlant, während sie mit sich kämpfte, ihre Emotionen niederkämpfte. Lediglich ein tonloses und leicht zynisches "Gewiss nicht" verließ ihre Lippen, bevor sie den Blick abrupt senkte und ihre Finger um die Serviette krampfte. Obwohl sie keinen Hunger mehr hatte, begann sie langsam zu essen, nahm den Geschmack der Speisen gar nicht mehr wahr.

Ihre Reaktion war nicht so, wie er es sich erhofft hatte. Nicht einmal so, wie er es befürchtet hatte. Sie war schlimmer. Er wusste nicht, was er falsch gemacht hatte, vielleicht fand sie sein Verhalten taktlos. Aber mit einem Mal war sie so abweisend, distanziert. Nicht einmal im Traum wäre ihm eingefallen, dass ein Geschenk mit einem aufrichtigen Kompliment etwas Derartiges bei ihr hätte hervorrufen können. Menschenfrauen mochten kleine Geschenke genauso wie alle anderen Frauen auch, hatte man ihm gesagt. Was war jetzt so falsch gewesen? Glaubte sie ihm nicht? Sein Magen krampfte sich zusammen und verdarb ihm den Appetit. "Sha'aina, habe ich etwas falsch gemacht? Habe ich Sie unwissentlich beleidigt?"

Tarlant zuckte zusammen und ließ ihr Besteck sinken, dann nahm sie langsam die Brille ab, um ihre Augen zu reiben, bis ihr die Wimperntusche einfiel und sie hastig aufhörte. "Ich bin nicht... so, Dai'thi. Ich verdiene Ihre... Geschenke und Worte nicht." Sie senkte den Kopf. "Vermutlich nicht einmal die Gesellschaft. Es tut mir so leid, wenn ich mich undankbar verhalte. Ich fühle mich ganz gegenteilig dazu, aber..." Verzweifelt brach sie ab und verbarg ihr Gesicht hinter den Fingern.

/Ich kann es nicht, verdammt. Ich kann es nicht sagen. Sonst ist es so leicht. Ein kühles Schulterzucken, einige Fachworte, eine Erklärung vielleicht. Warum kann ich es nicht jetzt genauso machen?! Verdammt noch mal! Verdammtverdammtverdammt.../

Es erleichterte Dai'thi, dass er keinen Fehler mit seinem Geschenk gemacht hatte, und gleichzeitig schämte er sich dafür, dass er sie mit seiner Frage ganz offensichtlich in eine mehr als unangenehme Situation gebracht hatte.

"Sha'aina." Er fühlte sich hilflos, wollte ihr so gerne etwas sagen, was half, und wusste doch nicht, was das Richtige sein würde. "Ich weiß nicht, was Sie zu dieser Annahme bringt, ich bin im Gegenteil der Meinung, dass Sie noch viel mehr verdienen. Und wenn ich Sie nicht beleidigt habe, dann bin ich beruhigt, denn glauben Sie mir, das ist das letzte, was ich wollte."

Er wollte ihr noch mehr sagen, wollte ihr sagen, dass sie die erste Frau überhaupt war, der er eine Feder geschenkt hatte, doch er schwieg, versuchte, etwas zu finden, das sie ablenken würde. In dem Moment fiel ihm Ninári ein und dessen Sorgenkind. "Ich... ich habe Ihnen noch gar nicht das Neuste erzählt. Mein Bruder hat beschlossen, dass er sich um Laites kümmern möchte. Der kleine Katzenjunge schien ganz begeistert von der Idee, er hat einen regelrechten Narren an Nin gefressen."

Tarlant blinzelte Dai'thi von dem Themawechsel überrascht an, dann lächelte sie und nahm die silberne Gabel wieder auf. "Wirklich? Hat der kleine Kater es etwa geschafft, ein Herz zu erweichen? Erzählen Sie mir doch mehr davon, bitte."

Seine Reaktion hatte ihr gezeigt, dass sie vorsichtig sein musste. Sie wollte nicht, dass er sich schlecht fühlen musste. /Nach dem Essen. Dann werde ich es schaffen. An einem Ort, der weniger exponiert ist, damit er so reagieren kann, wie er mag, nicht wie er es sich in der Öffentlichkeit erlaubt./

Es machte Spaß, Dai'this Erzählungen von Laites und Ninári zu lauschen. Die beiden schienen eine Menge zusammen zu unternehmen, schienen sich ausgezeichnet zu verstehen. Doch Tarlant merkte nach einer kleinen Weile, dass die beiden Kemjasheri'i es mit Freundschaft verwechselten. Sie wussten also nicht, dass Laites sich mit Sicherheit entsprechend seines Chips bereits Hals über Kopf in denjenigen verliebt hatte, den er als seinen Besitzer ansah.

Als sie bei karamellisierten Blüten und starkem Kaffee anlangten, überlegte Tarlant, wie sie Dai'thi schonend beibringen konnte, dass sein Bruder dabei war, in eine sehr komplexe Beziehung hineinzuschlingern. "Nimmt Ninári Laites ernst? Will er wirklich für ihn sorgen?"

Dai'thi lachte. "Ninári? Auf jeden Fall. Wenn er erst einmal anfängt, sich um jemanden zu kümmern, dann richtig. Was glauben Sie, warum er mit mir hier ist." Ein warmes Lächeln huschte über sein Gesicht. "Er lässt einen nicht im Stich, egal was kommen mag. Wenn wir wieder zurückkehren, wird er Laites mit in den Tempel nehmen. Der Kleine wird bei ihm wohnen, wird unterrichtet werden und eine Ausbildung bekommen, je nachdem für was er sich interessiert. Nin hofft, dass er so auch lernt, dass er die Wahl hat, eigene Entscheidungen zu treffen, auf eigenen Füssen zu stehen."

Tarlant seufzte leise, dann entgegnete sie "Das ist mit einer Kreation wie Laites nicht so leicht. Wenn er sich einmal entschieden hat, ist er dem Besitzer für immer treu. In Ihrem Fall für eine lange Zeit, denn er lebt genauso lang wie ein Kemjasheri'i."

"Aber er hat sich nicht entschieden. Nin hat ihm lediglich angeboten, dass er sich um ihn kümmert. Sozusagen als Besitzer auf Zeit, weil Laites so auf den Besitzer bestand." Dai'thi fühlte sich leicht unwohl, er begann zu ahnen, dass die Situation auf etwas hinauslief, das seinem Bruder nicht gefallen würde. "Er wird sich mit Sicherheit irgendwann verlieben, wenn er nicht mehr in das Labor eingesperrt ist und er der richtigen Frau begegnet. Dann will er mit ihr zusammen sein."

Tarlant hätte beinahe gelacht. "Frau." Sie seufzte, aber erklärte dann mit einem Blick zu den Nachbartischen "Ich kann es Ihnen gern erläutern, aber das würde ich lieber an einem Ort tun, wo man mich nicht belauscht. Wäre es Ihnen sehr unangenehm, wenn wir für diese Unterhaltung zu meinem Zimmer gehen würden?"

"Ganz im Gegenteil." Eigentlich hätte sich Dai'thi darüber mehr gefreut, doch es klang nicht nach etwas, das angenehm werden würde. Langsam begann er zu ahnen, in welche Richtung sich dieses Gespräch entwickeln würde. "Gestatten Sie mir zu zahlen?"

Tarlant erlaubte es ihm nach einigem Zögern. Langsam begann sie zu verstehen, wie er fühlte, wieso er sich so verhielt. Immerhin war ihre Kultur wirklich außerordentlich stark auf Frauen ausgerichtet. Schweigend in ihre Gedanken vertieft ging sie mit ihrem Gast durch die verwirrenden Gänge bis zu ihrem kleinen Zimmer hin und ließ ihm sogar den Vortritt.

Ein schneller Blick in der Runde, alles war wie zuvor verlassen. Sanftes, bläuliches Licht, von flimmernden Lichtreflexen durchbrochen, fiel auf ihr Bett auf dem Podest. Im unteren Teil des Zimmers stand die Couch vor dem Glastisch, auf dem als einziger Schmuck der Blumenstrauß von ihm zu bewundern war.

Einladend deutete sie auf die Couch und fragte, während sie die Tür hinter ihm schloss "Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten, Dai... thi?"

In dem Moment passierte es. Es wurde ihr klar. Der Fehler, den sie begangen hatte. /Wir sind hier ganz allein. Ich wollte zwar ein wenig Ruhe, aber hier... in dieser Atmosphäre... oh nein. Wenn er jetzt denkt, dass ich mit ihm allein sein wollte? Oh je... Das Schlimmste ist, eigentlich wollte ich das wirklich./ Verwirrt senkte Tarlant den Kopf, den Blick noch immer auf die Tür gerichtet. /Das wird so schrecklich schwer werden./

"Gerne." Es erfüllte Dai'thi mit einem törichten Stolz, dass sie seine Blumen als einzige hier stehen hatte. Für den Moment hatte er den eigentlichen Grund für ihr Gespräch vergessen, als er ihrer Geste folgte und sich setzte, neugierig zu dem Fenster hinsah. "Ein angenehmes Zimmer haben Sie, Sha'aina. Es freut mich, dass Sie so gut untergekommen sind."

Tarlant lächelte leicht und nickte nach einem kleinen Blick in die Runde. "Dieses Casino ist meine frühere Heimat gewesen. Ich nehme an, dass Sie nicht wussten, dass ich von der Icesior stamme?" Mit vorsichtigen Bewegungen entnahm sie dem in der Wand eingelassenen Schrank zwei Gläser und wandte sich dann erneut zu ihm um. "Was darf ich Ihnen einschenken? Es gibt hier schlichtes Wasser, Saft, Likör, oder etwas anderes?"

"Wasser, bitte." Es überraschte ihn, dass sie von hier kommen sollte. Er hätte es beim besten Willen nicht erwartet. Tarlant sollte aus einem Casino kommen? Es schien so gar nicht zu ihr zu passen. Aber was wusste er schon von ihr? Im Grunde genommen gar nichts.

Er wartete, bis sie eingeschenkt hatte und sich dann neben ihn setzte, mit einem höflichen, aber nicht unpersönlichen Abstand zwischen ihnen. Für einen Moment meinte er, ihren feinen Duft riechen zu können, und das brachte sein Herz erneut dazu, schneller zu schlagen, was sich noch ein wenig steigerte, als ihm bewusst wurde, dass sie allein waren. Er wollte nach ihrer Hand greifen, ihre weiche Haut spüren. Oder ihre weichen Lippen...

Stattdessen griff er nach seinem Glas, lächelte ihr zu und trank einen Schluck. Für so etwas war es zu früh; davon zu träumen war erlaubt, mehr jedoch nicht. "Danke, Sha'aina."

Tarlant zögerte einen Augenblick lang und nippte an ihrem Likörglas. "Aber es soll ja gar nicht um mich gehen, mit meiner Geschichte will ich Sie wirklich nicht langweilen." Sie machte eine kleine Pause und fragte dann ernst "Hat Ninári zu Laites gesagt, dass er sein Besitzer sein will? Hat er es so formuliert?"

Dai'thi überlegte, dann zuckte er ein wenig hilflos mit den Schultern. "Ich weiß es nicht, ich war nicht dabei. Mir hat er erzählt, er hätte ihn aufgenommen. Es kann durchaus sein, dass er ihn gefragt hat, ob er sein Besitzer sein soll. Es schien Laites enorm wichtig zu sein."

Tarlant seufzte leicht, dann erklärte sie langsam "Die absolute Treue und Liebe, die eine von LeRoux gezüchtete Kreation für den Besitzer spürt, lässt sich nur durch eine Enttäuschung auslöschen, die so tief ist, dass sie das Wesen in den Tod treibt. Laites wird nicht mehr von Nináris Seite weichen, wird niemanden sonst mehr ansehen, schon gerade keine Frau." Sie trank noch einen kleinen Schluck und fügte nachdenklich an "Es war eine Kleinigkeit für LeRoux. Er hat mir eines Tages berichtet, dass es ihm gelungen ist, die Tiere glücklich zu machen, ihnen das Glück einzupflanzen. Dass es ein Fluch ist, wie bei Finn zum Beispiel, das hat er nie bedacht, vermutlich war es ihm egal."

Düster starrte sie auf das Bullauge und senkte den Kopf. /Und mir doch auch, ich habe diese Wesen verkauft. Es war mir doch genauso egal, was sie wirklich wollen, was sie wirklich verdienen. Laites, hätte Hifnas Sohn ihn wirklich gut behandelt? So gut, wie Ninári sich nun sorgt? Wie konnte ich nur so sein?!/

Dai'this Augen weiteten sich entsetzt, sie wurden hell vor Schreck. "Herrin des Lebens", flüsterte er fassungslos. Sein Magen krampfte sich zusammen. Langsam stellte er das Glas auf den Tisch, um das Wasser nicht durch eine unbedachte Geste zu verschütten. "Tarlant... das ist... das ist ungeheuerlich!"

Er betrachtete ihr dunkel gewordenes Gesicht und fragte sich, was an diesen Sätzen das Schlimmste war. Dass diese armen Kreaturen Liebe durch einen Chip empfinden mussten, dass Ninári unbewusst und ungewollt eine von ihnen dazu gebracht hatte, ihn zu lieben oder dass Tarlant sie verkauft hatte und sich dabei durchaus bewusst gewesen war, was sie tat.

Abrupt stand Dai'thi auf und trat an das runde Fenster, er konnte nicht mehr ruhig sitzen bleiben. Er starrte ins Wasser hinaus, seine Augen folgten für eine Weile einem kleinen, chaotischen Schwarm bunter Fische, ohne sie wirklich zu sehen.

Der Reihe nach. Er musste der Reihe nach versuchen, Ordnung in seine mit einem Mal genauso wirren Gedanken zu bringen. "Und... und wenn Nin ihn an jemand anderen verschenkt? Eine Frau? Dann wäre diese seine Besitzerin. Müsste er dann nicht sie lieben?"

Tarlant wagte es nicht, ihn anzusehen. Mit einem Mal empfand sie Abscheu, für sich selber, für das Leben, das sie bislang geführt hatte. Sie nickte schließlich leicht und sagte dann "Das schon, aber er fühlte sich schon immer mehr zu Männern hingezogen. Finn sagt immer Fehlkreuzung zu ihm. Das ist er in gewisser Hinsicht. Zum einen weil er zu empfindlich ist, unter vielen Allergien leidet. Zum anderen, weil er eine Kreuzung aus Menschenjungen und einer Katze ist. Nicht Kater, Katze. Sie kontrolliert seine Gefühle mehr als der Mensch in ihm. Meistens kontrollieren die Tierseiten die Gefühle und Instinkte der Wesen, und die Menschenform übernimmt das rationale Handeln."

Kurzentschlossen erhob sie sich und ging auf ihn zu. Zögerlich legte sie eine Hand auf seine Schulter und fragte, ihn von der Seite her ansehend, leise "Ist es so schlimm, dass Laites Liebe fühlt? Ich hatte den Eindruck, dass auch Ninári ihn sehr gern hat. Ich habe Laites noch nie so glücklich gesehen."

Ein kleiner Schauer durchlief Dai'thi, er spürte ihre Hand sehr deutlich und fragte sich, warum er nach all dem, was sie ihm gesagt hatte, keinen Widerwillen gegen sie empfand. "Ob Laites mit einer Katze gekreuzt wurde oder nicht, macht keinen Unterschied. Er ist eindeutig ein Er. Ebenso wie auch mein Bruder." Müde sah er sie kurz von der Seite an, ehe er wieder aus dem Fenster hinaus blickte, und empfand Tarlants Berührung mit einem Mal sogar als tröstlich.

"Es ist gegen den Willen der Göttin. Es entehrt sie. Es... ist eine Herabsetzung ihrer Weiblichkeit", versuchte er zu erklären und fühlte sich wirklich elend dabei. Göttin, Nin würde den Jungen deswegen nicht aufgeben. Deswegen würde er ihn nicht an jemanden geben. "Nin mag ihn, ja. Sehr gerne sogar, sonst würde er sich nicht so um ihn kümmern. Aber das ist etwas anderes."

Tarlant nickte leicht und nahm ihre Hand langsam fort. Dennoch blieb sie neben ihm stehen. "Dann ist es ja gut. Die Art der Liebe, die in ihrer Kultur erlaubt ist, ist auch die Art der Liebe, die Laites erwarten wird. Wenn er Ninári so verehren wird, wie er einen großen Bruder verehrt, dann ist es vermutlich nicht gegen die Gesetze ihrer Religion, nicht wahr?"

Abrupt wendete sie sich ab. /Ich hingegen.../ Kraftlos ließ Tarlant sich auf das Sofa sinken und spielte mit ihrem Glas. "Ihre Ansichten sind so streng, Dai'thi." Es war nur geflüstert, zu sich selber gesprochen, während sie versuchte, das Wissen um ihre Gefühle dabei zu verdrängen.

Dai'this Hände ballten sich zu Fäusten, er presste die Lippen zusammen und atmete tief durch, ehe er sich entschlossen von dem Fenster abwandte und zu Tarlant zurückkehrte. Erschrocken stellte er fest, wie blass sie war. /Hat sie Sorge, dass ich mich von ihr abwende, weil sie bei LeRoux gearbeitet hat?/

"Ich versuche nur, mich an das zu halten, was meine Göttin gebietet", sagte er leise. "Aber die Herrin ist nicht unbarmherzig. Wenn man einen Fehler gemacht hat und ihn bereut, verzeiht sie." Er setzte sich wieder zu ihr, beobachtete aus den Augenwinkeln ihr so erschöpftes, aber wunderschönes Gesicht. /Ja, sie verzeiht. Sonst wäre ich dir nie begegnet./

Tarlant lächelte ihr Glas müde an, dann fragte sie "Wie viel kann eine Göttin verzeihen? Was ich alles getan habe. Was mir nun alles leid tut, doch sich niemals wieder richten lässt. Was ich alles verbrochen habe, aus Treue zu diesem... Doktor. Ich mag mir selber ja nicht einmal verzeihen! Wie kann Ihre strenge Göttin, eine Göttin, die nicht einmal jede Liebe erlaubt, mir da jemals verzeihen?"

Sie hob den Kopf und sah ihn, so mutig sie konnte, direkt an. "Deswegen sage ich ja, Dai'thi. Sie sollten nicht so zu mir sein. Nicht so gut. Ihre Göttin wird mir niemals verzeihen, darum wäre es besser für Sie, wenn Sie mich nie wieder sehen würden. Solange Ihr Bruder gut für Laites sorgen wird, bin ich froh, das ist mir ein kleiner Trost."

"Wenn Sie bereuen, wird die Herrin Ihnen wohl alles verzeihen." Dai'thi lächelte und vergaß die Regeln der Höflichkeit, als er ihren Blick direkt und viel zu lange erwiderte. Wie konnten ihre graue Augen nur so schön sein? Und so mutlos. Er wollte ihr neue Kraft geben, sie hatte gesagt, dass es ihm schon einmal gelungen war. Und zudem hatte er schon lange keine Wahl mehr.

"Tarlant, ich kann nicht sagen, dass ich Sie niemals wiedersehen will. Das haben Sie unmöglich gemacht. Mein Bruder und Laites sind eine Sache, aber sie haben nichts damit zu tun, was ich..." Er unterbrach sich gerade noch rechtzeitig. /Was ich für Sie empfinde./ "Gleichgültig, was in Ihrer Vergangenheit geschehen ist, die Gegenwart ist das, was zählt. Mein Leben war auch nicht fehlerfrei, beileibe nicht. Und doch bin ich hier. Und es bedeutet mir sehr viel, dass ich Sie kennen gelernt habe."

/Hoffnungslos... Er ist einfach.../ Tarlant sah Dai'thi weiterhin an und wunderte sich darüber, wie jemand nur so überzeugt sein konnte. So dermaßen sicher, dass der eingeschlagene Pfad richtig und gut war, wie der attraktive Mann ihr gegenüber. Fasziniert versank sie trotz der schwarzen Gedanken in seinen Augen. Hell, freundlich, nein freudig waren sie. Eigentlich waren sie wie die Hoffnung. Kein Wunder, dass man ihr die Farbe grün zusprach.

"Ihre Augen... Kennen Sie den Spruch, dass Grün die Farbe der Hoffnung ist, Dai'thi?" Ohne den Blick von seinem Gesicht zu lassen, trank sie einen Schluck.

Das Glas war fast leer, und Tarlant erhob sich, um aus der Karaffe nachzuschenken. Dieser Likör tat ihr gut. Die Bitterkeit, die Schwere im Geschmack. Es war genau das passende Getränk für ihre Gefühle.

"Nein, das ist mir neu. Aber er gefällt mir." Sein Lächeln vertiefte sich für einen Moment, doch dann verblasste es wieder. Die Stimmung hatte sich geändert, irgendwie war Tarlant kühler geworden, abweisender, gleichzeitig jedoch so verzweifelt. Als wollte sie ihn mit allen Mitteln von sich weisen, obwohl sie seine Nähe zu genießen schien. Er verstand es nicht.

"Vielleicht fühle ich mich deswegen in Ihrer Gesellschaft optimistischer, weil Sie diese hellgrünen Augen haben." /Was rede ich da eigentlich für einen Unsinn?! Ich wollte ihm etwas ganz anderes sagen, verdammt! Tarlant. Reiß dich zusammen!/ Tarlant nahm wieder neben ihm Platz und sagte deutlich nüchterner "Aber Sie wissen nichts über mich. Sie fällen Ihr Urteil, so angenehm es sein mag, ohne die kleinste Information über mich zu haben."

Dai'thi lachte auf, leise und warm, fast liebevoll. "Ich fälle kein Urteil über Sie, Tarlant. Alles, was ich Ihnen sage, entspricht dem, was ich weiß. Ich weiß, dass Sie bei LeRoux gearbeitet haben, und ich gestehe, dass es mich sehr interessieren würde, wie Sie dazu gekommen sind, etwas... Derartiges zu tun und gut zu heißen, wenn Sie es jetzt doch bereuen. Aber ich bin mir sicher, dass die Göttin Ihnen verzeihen wird. Daran glaube ich. Sie sind eine wunderschöne Frau, das sehe ich mit meinen Augen. Ich fühle mich sehr zu Ihnen hingezogen, das entspricht keinem Urteil, sondern einem Gefühl tief in mir. Und ich bin mir sicher, dass nichts daran etwas ändern kann, was Sie in Ihrer Vergangenheit getan haben. Diese Dinge haben nichts mit Urteilen und Wissen, mit Vernunft und Denken, mit Logik und Verstand zu tun. Sie geschehen. Wenn es anders wäre, wenn man die Wahl hätte, würde wohl so manches anders sein. Aber wäre es wirklich besser?"

Er verstummte, wandte aber nicht den Blick von ihr. /Hätte ich dich dann kennen gelernt? Ich glaube, es war eine Fügung der Göttin. Dass ich dich kennen lernen sollte. Wie Nin es schon immer vermutet hat. Mein kleiner Priesterbruder./

"Aber wenn Sie meinen, dass es etwas ändern würde, dann erzählen Sie mir doch. Und fragen mich hinterher noch einmal, ob es irgend etwas ändert." Er wollte die Bitterkeit aus ihr vertreiben, die Schwermut, die Traurigkeit, wollte sie halten und schützen, dass niemals wieder etwas ihr Schmerz zufügen konnte. Doch alles, was er sich gestattete, war die Hand nach ihr auszustrecken und ihr eine weiche Strähne aus der Stirn zu streichen. Zart berührte er dabei ihre Wange, ihr Ohr, ehe er sich wieder zurückzog. "Erzählen Sie mir, wie Sie dazu gekommen sind, bei einem Menschen wie LeRoux zu arbeiten."

Tarlant zuckte leicht zusammen, konnte den Blick jedoch nicht von ihm abwenden. Wie schaffte er es nur, so fröhlich, so voller Optimismus und zugleich Naivität zu sein? Und seine Finger an ihrer Wange entlang streichen zu spüren, setzte eine Kaskade von Gefühlen in Gang; kein einziges von ihnen fühlte sich bekannt an, es war alles viel zu lange her.

"Sie wollen es hören? Na gut. Ich bin auf der Icesior geboren, es ist bereits so lange her, dass ich nicht mehr weiß, wann genau mein Geburtstag war. Meine Eltern, meine Geschwister und auch ich haben alle hier gearbeitet, in der Arche. Seit ich alt genug war, um an einem Spieltisch zu stehen, habe ich mich an diesem grandiosen Betrug beteiligt. Einmal habe ich sogar einen Preis für den besten Croupier gewonnen; damals war es eine Feier wert, heute beschämt es mich nur."


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig