Kemjalas Plan

10.

Dai'thi lehnte sich ein wenig zurück und sah sie einfach nur an, hörte ihr zu. Blind tastete er nach seinem Glas, fand es, trank jedoch nicht. /Sie kommt wirklich von hier, von dieser eigenartigen, bizarren Stadt und mitten aus dem Casino. Kein Wunder, dass sie hier Hilfe gefunden hat./ Doch bei einem erneuten Blick in ihr unglückliches Gesicht wusste er nicht, ob er froh oder traurig darüber sein sollte. /Sie bereut es./

Tarlant trank noch einen kleinen Schluck und gestand leise "Eines Tages hatte ich ein privates Spiel zu leiten. Ein Doktor, ein unscheinbarer, kleiner Mann, hatte sich darauf eingelassen, mit einem Investor um die Summe zu spielen, die seiner Forschung zukommen sollte. Das Spiel währte über einen Tag; der kleine Mann hatte den stärksten Willen, den ich je gesehen habe. Er hatte zudem Kampfgeist und die Intelligenz, um am Abend den richtigen Einsatz, das korrekte Feld berechnet zu haben. Ich war tief beeindruckt, dass es jemanden gab, der das Spiel, das so viele besiegt hatte, selber besiegen konnte. Dieser kleine Mann war Doktor LeRoux."

Forschend sah Tarlant in Dai'this aufmerksames Gesicht. "Zu der Zeit hat er sich mit der Frage beschäftigt, wie man verschiedene Krebssorten stoppen kann, Gentechnik hat ihn noch nicht interessiert." Sie schenkte sich schon wieder nach, unsicher warf sie einen Blick auf die Karaffe und fragte "War sie nicht vorhin noch halbvoll? War ich das allein? Möchten Sie nicht auch etwas anderes als Wasser trinken?"

Dai'thi zögerte, dann trank er schnell den Rest seines Wassers aus, um ihr das Glas zu reichen und es sich ebenfalls mit Likör füllen zu lassen, aus keinem anderen Grund als dem, dass sie so hilflos gewirkt hatte bei dieser Frage.

"Danke", sagte er leise. Ihr zuzuhören kam ihm fast ein wenig wie ein Sakrileg vor, als hätte er sie dazu gebracht, etwas zu erzählen, was sie lieber für sich behalten wollte. Wie ein Eindringen in etwas, das ihn nichts anging – und gleichzeitig doch so, als hätte er ein Anrecht darauf, es zu erfahren. Er schauderte unmerklich und nippte an dem weichen Getränk. Es schmeckte ihm nicht, doch er ignorierte es.

Tarlant nahm die Erzählung wieder auf. "Von dem Tag an kam er häufiger an meinen Spieltisch, er gewann nicht immer, aber verlor nie wirklich. Weil ich mich mit LeRoux über seine Arbeit unterhalten habe, während er auf den Einsatz der anderen wartete, wusste ich genügend über die gefährlichen Erkrankungen, die er stets beschrieb, um nach nur wenigen Symptomen zu spüren, dass ich ein Opfer einer dieser Krankheiten war."

Sie seufzte und lehnte den Kopf auf die Lehne zurück, streifte die Zimmerdecke mit rastlosen Blicken entlang. Die Erinnerung an das Leiden war verblasst, aber sie konnte noch immer das Blut sehen, das sich nach den schlimmer werdenden Hustenattacken im Taschentuch befand, die Schwäche, die sie überfiel, die Hitzeattacken bei Nacht und die panische Angst vor dem Sterben.

Dai'thi saß vollkommen reglos, während er Tarlant ansah, ihr Mienenspiel beobachte, das Grauen der Erinnerung in ihren tiefen Augen erkennen konnte. Mit einem Mal wusste er, warum sie ihn so gut hatte verstehen können, was die Gefühle in ihrem Blick ausgedrückt hatten, als sie von seiner Erkrankung erfahren hatte.

Ein neuer Schauer durchlief ihn, und mit ihm kam eine Empfindung von Nähe, von Verständnis, die ihn fast dazu bewogen hätte, sie in den Arm zu nehmen. Er wollte die Erinnerungen vertreiben, wollte, dass sie wusste, dass sie nicht allein war. Denn alles an ihr, in ihr, schien diese Einsamkeit hinauszuschreien. Sie erwähnte niemanden, der sie getröstet hätte, niemanden, der für sie da gewesen war, wenn sie jemanden gebraucht hatte. Es schnürte ihm das Herz zusammen.

"Ich wusste sehr bald, dass ich sterben würde. Keinen schönen Tod, kein sanftes Einschlafen. Es war von Anbeginn an für mich klar, dass mein Leben, so wie ich es auf der Icesior gelebt hatte, so rücksichtslos gegen die Gefühle der Wesen, die an meinem Tisch gespielt und so oft ihre gesamte Habe verloren hatten, durch einen besonders grausamen Tod gerächt werden würde."

Tarlant erschauderte und wünschte sich mit einem Mal eine Decke zum darin Verkriechen. Von den Erinnerungen fröstelnd rieb sie sich einmal über die Arme, dann fuhr sie leiser fort "Deswegen hat es mich keine Sekunde des Zögerns gekostet, als es damals passiert ist. Ich war in meinen Augen ohnehin tot, es war eines der letzten Spiele, die ich leiten sollte. Ein besonders verzweifelter Mann, der soeben gegen LeRoux verloren hatte, zog eine Waffe und stürzte sich auf den Doktor. Von meinem Arbeitsplatz aus hatte ich keinerlei Chance einzugreifen, also sprang ich von dem Plateau aus hinunter und warf mich dazwischen.

Es hat weh getan, unendlich Schmerzen bereitet, war schier unerträglich, so dass ich gehofft habe, dass ich schnell ohnmächtig werde und sterbe, aber das geschah nicht so rasch. Ich habe alles, was passiert ist, noch immer in meiner Erinnerung. Vielleicht sollte mir wirklich kein freundlicher Tod gewährt werden. Ich bin auf ein Geländer aufgeprallt, dann auf den Boden, die Waffe des Angreifers ist in meinen Körper gefahren... ungefähr hier..." Sie legte die Hände auf den Bauch und streifte Dai'thi mit einem kleinen Blick.

Ihre Stimme quälte ihn, es war beinahe unerträglich, neben ihr sitzen zu müssen und nichts tun zu können. Es war eine Vergangenheit, die nicht zu ändern war, und doch wünschte er, dort gewesen zu sein, um ihr helfen zu können. Er schalt sich einen Narren, doch es änderte nichts an den Empfindungen, die durch ihn hindurch fluteten und die sich in seinen Augen wiederspiegelten.

/Aber jetzt bin ich da. Vielleicht hilft es ihr ein wenig, es teilen zu können. Warum nur glaubt sie, dass es mich dazu bringen könnte, mich von ihr abzuwenden?/ Wieder hatte er das Gefühl, nach ihr greifen zu müssen, die Hand auf die Stelle zu legen, die sie ihm gezeigt hatte, um sich zu überzeugen, dass sie nicht mehr verletzt war. Doch alles, was er tat, war sein Glas zurück auf den Tisch zu stellen.

"Nach einer Ewigkeit, in der ich LeRoux' Gesicht über mir schweben sah, in der ich seine weiche, hektische Stimme gehört habe, wurde alles schwarz. Als ich wieder aufgewacht bin, dachte ich erst, dass alles nur ein Traum war. Einer der vielen Alpträume, unter denen ich der Krankheit und meines schlechten Gewissens wegen gelitten habe. Aber ich bin in seiner Privatklinik aufgewacht. Er hatte mich noch auf der Icesior operiert, hatte mir den Prototypen seines Chips eingebaut, und weil es sich nicht anders einrichten ließ, hatte er mir von seinen Nieren eine einpflanzen lassen, da meine beide durch den Sturz zerfetzt worden waren."

Sie sah Dai'thi unsicher an, dann seufzte sie tief und endete sich mühsam erhebend "Seitdem bin ich die Frau, die Sie vor sich sehen. Tarlant. Die Person, die ich vorher war, ist ausgelöscht worden, sie war ohnehin so gut wie tot.

Meine Dankbarkeit für das neue Leben, für die Chance, die er mir gegeben hat, habe ich durch Treue zurückgezahlt. Bis zu dem Tag, an dem wir uns begegnet sind. Aus einem mir nicht erklärbaren Grund hat er mich fallen lassen, verstoßen. Und ich? Ich weiß nichts besseres, als zu dem Leben zurückzukehren, in dem ich mich zuvor schon schlecht gefühlt habe. Aber das ist alles, was ich kann und weiß. Ich kann nur zwei Dinge. Wie ein treuer, dummer Dackel hinter LeRoux herlaufen oder Spieler betrügen."

Tarlant ging an dem Bett vorbei und sah aus dem Bullauge. Ein kleiner Wal glitt von Putzerfischen begleitet an ihr vorbei, und mit Tränen in den Augen stellte sie sich vor, dass sie vermutlich nur das war, ein Putzerfisch, der den Müll beseitigte, der aus den Augen des Wals nur von dessen Abfall lebte.

Auch Dai'thi erhob sich. Seine Kehle war eng. Wie nur konnte sie erwarten, dass er sich jetzt von ihr abwenden würde? Dieses Casino schien keine wirkliche Spielhalle zu sein, eher ein Ort für Betrug im großen Stil, und sie hatte Teil daran. Aber sie tat es nicht gerne, sie tat es, um zu überleben.

Fast lautlos trat er hinter sie, dicht genug, dass sie seine Wärme spüren konnte, jedoch nicht nah genug, um sie zu berühren. Sacht legte er ihr die Hände auf die Oberarme, in dem Verlangen, ihr Nähe und Trost zu geben, streichelte sie sanft mit den Daumen.

"Sie können so viel mehr, Tarlant", sagte er leise. "Sie sind so viel mehr. Sie können durchhalten, haben trotz allem nie aufgegeben, selbst nach dieser Enttäuschung nicht. Sie sind treu, Sie sind mutig, dankbar. Wieso, Tarlant, können Sie nur daran denken, dass ich Sie niemals wiedersehen will nach dem, was Sie mir erzählt haben? Ich bewundere Sie. Und alles, was Sie mir erzählt haben, erweckt in mir nur immer stärker den Wunsch, für Sie da zu sein, Ihre Einsamkeit zu vertreiben, Sie vor allem behüten zu wollen, das Ihnen wieder so viel Schmerz zufügen könnte, auch wenn Sie es nicht wirklich brauchen. Sie sind so stark."

Die vorsichtige Berührung schuf das Bedürfnis sich anzulehnen. Tarlant kämpfte eine Weile dagegen an, dann lenkte sie sich ab, indem sie leise fragte "Bewundern?" Es fühlte sich merkwürdig an, dass jemand, den sie selber bewunderte, dies zu ihr sagte. Sie drehte sich um, aus seiner Berührung heraus, und lehnte sich an die Wand neben das Bullauge. "Das geht nicht. Ich bewundere bereits Sie, das kann man nicht im Austausch."

Ernst sah er sie an. "Es geht sehr gut, und ich danke Ihnen für diese Worte. Ich bewundere Sie wirklich. Nach all dem, was Sie erlebt haben, nach dieser tiefen Enttäuschung haben Sie noch immer die Kraft weiterzumachen, und das, wo niemand da ist, Sie zu halten und zu stützen. Ich hatte immer jemanden, der hinter mir stand und mir die Kraft und den Mut gab, weiterzugehen. Doch Sie, Sie schöpfen all das nur aus sich. Das ist bewundernswert, Tarlant."

Sie lachte leise. "Hören Sie auf, mir Komplimente zu machen, Dai'thi. Ich werde noch ganz eingebildet davon. Ich bin einfach nur zäh, wie alle Zigeuner hier auf dem Schiff." Dann hob sie den Kopf und sah ihn direkt an. "Aber Sie haben eine Verantwortung, und Sie glauben, sehr fest sogar. Sie sorgen sich um Ihren Bruder, obgleich Sie es sind, der krank ist." Nachdenklich betrachtete sie seine Haltung und stellte ein wenig überrascht fest "Irre ich mich oder geht es Ihnen deutlich besser?"

Es erleichterte ihn, dass sie nicht mehr so traurig wirkte. Ein wenig belustigt lächelte er. "Sie sind die erste Frau, der ich begegne, die keine Komplimente hören will. Aber alles, was ich Ihnen sage, entspricht der Wahrheit, Tarlant. Ich werde mich hüten, einer Frau Dinge zu erzählen, die nicht stimmen. Doch wenn Sie mir jetzt sagen, Sie wollen nichts mehr davon hören, wie soll ich Ihnen dann begreiflich machen, dass es allein Ihr Verdienst ist, dass ich mich besser fühle? Seit dem Tag, an dem wir uns getroffen haben, habe ich nicht einen Anfall mehr gehabt." Er schmunzelte. "Und dass selbst meine Haarfarbe davon spricht, die langsam wieder zu der wird, wie ich sie eigentlich habe, wollen Sie nun mit Sicherheit auch nicht hören."

Tarlant runzelte die Stirn, dann sickerte die Bedeutung zu ihr durch. /Er denkt, dass die Begegnung mit mir ihn geheilt haben könnte? Verdammt! Ich kann ihm doch unmöglich nun noch erklären, wie viel Ärger er sich auf seinem Planeten mit mir einhandeln würde!/

Energisch sah sie ihn an. "Doch, natürlich will ich davon hören! Ich kenne mich mit vielen Rassen aus, aber die Kemjasheri'i sind sehr zurückgezogen; man begegnet ihnen selten, schon gerade auf einem Schiff wie der Icesior. Wenn man das Vergnügen mit ihnen hat, dann sind sie formal in ihrer Art und dennoch sehr auffällig angezogen. Und diese vielen Erklärungen zu Frauen, ihrer Religion, es ist alles so komplex, und ich möchte es gern verstehen, Dai'thi." /Ich möchte dich gern verstehen, damit ich einen Weg finde, dich nicht zu verletzen./

Sein Lächeln vertiefte sich, als er auf die Couch wies. "Dann sollten wir uns wieder setzen. Ich werde Ihnen gerne davon erzählen und all Ihre Fragen beantworten, wenn ich kann. Ich bin kein Priester, aber ich war Oberster der Tempelwache, das sollte reichen."

Es gefiel ihm, dass sie neugierig war auf seine Kultur, auf die Religion, und er merkte, dass er immer mehr zu hoffen begann, dass ihr gefallen würde, was er zu sagen hatte. Er wollte gerne wieder zurück, aber nicht ohne sie. Während sie sich zögernd setzte, schenkte er ihr von dem Likör nach, ehe er wieder neben ihr Platz nahm. "Wo soll ich anfangen, Tarlant? Was wollen Sie wissen?"

Tarlant trank einen kleinen Schluck, dann gestand sie "Ich weiß es nicht. Ihre Rasse und Heimat ist für mich wie ein Geflecht aus Fragen, von denen eine in die nächste zu führen scheint. Erzählen Sie mir von sich, Dai'thi. Wenn es nicht zu schmerzlich ist, erzählen Sie mir, weshalb Sie sich durch mich von einer Krankheit geheilt sehen, die Ihre Heiler nicht zu kennen schienen, die ich selber nicht kenne. Wenn es zu... unangenehm ist, dann erzählen Sie mir lieber von Ihrer Arbeit." Sie zwinkerte ein wenig und nippte noch einmal an dem leicht bitteren Likör. "Immerhin hab ich Ihnen auch von meiner Arbeit erzählt."

"Wie Sie wissen, war ich der Oberste Hüter des Tempels, in dem mein Bruder auch Priester ist", begann er. "Die Priester, die Ränge der Tempelwache, auch die Ränge der Klassen sind immer sieben an der Zahl."

Während er erzählte, betrachtete er sie erneut, beobachtete ihre Reaktionen, freute sich, wenn sie lachte, wenn ihr etwas zu gefallen schien und wunderte sich gleichzeitig darüber, dass sie ihm so gern zuhörte. Und gleichzeitig war er dankbar, so unendlich dankbar, sie kennen gelernt zu haben, dass er es nicht in Worten ausdrücken konnte. Sein einziger Gedanke war nur wieder und wieder /Ich danke dir, Herrin des Lebens./

Tarlant war fasziniert. Seine Stimme zu hören gefiel ihr, von diesen anscheinend herrlichen Planeten zu hören gefiel ihr ebenfalls, sehr sogar. Es war alles voller Stolz auf die Heimat erzählt, und die kleinen Geschichten zu Ninári ließen diesen immer deutlicher zu einem wirklich guten Besitzer für Laites werden. Tarlant fühlte Erleichterung.

Leider machte Dai'this Art es immer schwerer, ihm zu erzählen, warum genau sie sich fernhalten wollte. Nun war es anscheinend zu spät. Tarlant konnte es einfach nicht. Ihn abweisend behandeln, ihn verletzen, das wäre das Allerletzte gewesen, das sie sich wünschte. /Eher verletze ich mich selber. Er hat so etwas nicht verdient!/

Tarlant merkte erst, dass sie müde wurde, als ihr Kopf auf der Sofalehne aufkam. Erschöpft versuchte sie, das Gefühl wegzublinzeln und lächelte Dai'thi entschuldigend an. "Ich muss morgen leider wieder arbeiten. Vielleicht sollten wir diesen Abend nun beenden." Sie erhob sich schwankend. /Nicht nur müde, sondern auch übel angetrunken. Tarlant, das hast du schon seit Ewigkeiten nicht mehr getan! Und dann auch noch Likör, morgen hast du sicherlich Kopfschmerzen./

Auch Dai'thi stand auf, ein Lächeln umspielte seine Lippen. Mit den vom Alkohol geröteten Wangen sah Tarlant vielleicht sogar noch hinreißender aus als gewöhnlich. Er verneigte sich vor ihr. "Ich danke Ihnen für diesen wundervollen Tag, Sha'aina, und hoffe, wir können ihn beizeiten wiederholen."

Tarlant nickte und erwiderte leise und ein Gähnen unterdrückend "In zehn Tagen habe ich zwei Tage frei, vielleicht bin ich dann auch nicht so ermüdet. Wenn es Fragen zu Laites geben sollte, ich bin hier zu finden." Sie brachte ihn zur Tür und sah ihm sogar einen Augenblick lang noch hinterher; seine große Gestalt wurde von dem blassen Licht zwar nur wenig erhellt, aber dennoch rief die Silhouette allein eine seltsame Ruhe und Zufriedenheit in ihr hervor. Zutiefst besorgt schlief Tarlant in dieser Nacht ein und verschlief am nächsten Morgen beinahe ihren Arbeitsbeginn.


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig