Kemjalas Plan

11.

Laites schlich sich in aller Frühe aus dem Zimmer. Finn war noch am Schlafen, aber der trieb sich, seit er wieder gesund war, jede Nacht in den dunklen Vierteln der Icesior herum. Dai'thi war in dieser Nacht sogar noch später als Finn zurückgekehrt. Laites hatte von seinem Schlaflager aus gehört, wie Ninári kurz etwas geflüsterte hatte.

/Ninári.../ Laites wiederstand der Versuchung, zu seinem Besitzer zu schleichen, sondern huschte in den Flur und rannte von dort aus dem Hotel. Sein Ziel war der nahegelegene kleine Park, in dem auf üppigen Wiesen Blumen, zwischen Gräsern natürlich, wuchsen.

Am Morgen unternahmen hier einige Gruppen Frühsport, auf schmalen Sandwegen ritten einige Leute entlang, führten ihre Hunde oder ähnliche Haustiere spazieren. Laites' Ziel war eine kleine, etwas abgelegenen Wiese. Er unterdrückte seinen Niesreiz und pflückte hastig einige hellblaue Blumen, die Ninári besonders gut gefallen hatten.

Mit tränenden Augen, aber dennoch stolz auf sich lief er zum Hotel zurück, um den Platz, an dem Ninári seinen Tee trinken würde, mit den Blüten zu dekorieren. Mit schiefgelegtem Kopf richtete er die Blumen um den kleinen Teller mit Keksen aus und stellte dann den Becher dazu. Anschließend ging er sich seufzend duschen, um die Blütenpollen aus seinem Fell zu waschen.

Ninári erwachte von dem Plätschern in der Dusche, drehte sich jedoch wieder auf die Seite und zog die Decke über den Kopf. So lange das Bad besetzt war, lohnte es sich ohnehin nicht aufzustehen. Doch wirklich müde war er auch nicht mehr. Eine Weile blieb er noch liegen, dachte an das glückliche Gesicht seines Bruders, als der mitten in der Nacht nach Hause gekommen war, und lachte in sich hinein. So hatte er Dai'thi noch nie erlebt, so verliebt und trunken vor Glück.

Er streckte sich, und als das Wasserplätschern verstummte, zog er den Vorhang beiseite und stand auf. Ein Blick auf die Bettnischen gegenüber sagte ihm, dass Finn noch schlafen musste, Laites jedoch schon wach war. Ein zweiter machte ihn auf die Blumen aufmerksam, die auf dem Tisch lagen. Er streckte sich erneut, ehe ihm auffiel, dass sie nicht einfach nur lagen, sondern dekorativ seinen Platz verzierten. Unwillkürlich musste er schmunzeln. /Laites, du lieber, dummer Kerl. Dafür hast du bestimmt leiden müssen./

Als sich die Tür öffnete, schenkte er dem nassen Katzenjungen ein Lächeln. "Das ist von dir, nicht? Auf was für Ideen du nur kommst!" Er trat zu ihm und fuhr ihm durch die Haare. "Danke."

Laites Wangen färbten sich ein wenig, während er sich mit dem Handtuch abschrubbelte. "Gefällt es dir, Ninári? Ja?" Begeistert sah er seinem Besitzer ins schöne, wenn auch verschlafene Gesicht. Er schlang sich das Handtuch um die Hüften und erklärte energiegeladen "Ich hole dir Tee und Croissants, ja?"

"Danke, das ist eine gute Idee." Zufrieden streckte Ninári sich ein drittes Mal und flocht sein langes Haar flink zu einem losen Zopf, den er im Bad hochstecken würde. "Ich gehe derweil duschen, dann können wir gemeinsam frühstücken. Möchtest du nachher in den Tempel mitkommen? Heute ist der Tag der Tash'akana, das heißt, die Drei stehen in einem besonderen Verhältnis zu den sie umgebenden Planeten. Leider kann man es von hier aus nicht wirklich sehen, doch im Planetarium des Tempels kann man es sicher gut beobachten."

Laites hüpfte einmal kurz, dann nickte er lebhaft. "Das hört sich toll an! Ich darf wirklich mitkommen? Werde ich dann sehen können, wie deine Heimat ist?" Er winkte ab und sprang schon durch die Tür nach draußen. "Lass uns beim Frühstück weiterreden, Ninári, ich bin gleich wieder da."

Er besorgte das Gebäck, das Ninári besonders schmeckte, Obst und natürlich Tee und beeilte sich, um vor seinem Besitzer wieder da sein zu können. Laites' war dermaßen glücklich, dass er sich sogar bei Finn bedankt hatte, obgleich dieser ihn immer noch Flohsack nannte.

Verträumt saß er neben Ninári und nippte von seinem Tee, während er die Finger durch die langen, seidigen Haarsträhnen gleiten ließ. Alle Farben eines Herbstmorgens, von goldenem Sonnenschein bis Weinlaub waren vertreten.

"Du wirst zumindest meinen Heimatplaneten sehen können", erklärte Ninári, während er das Gefühl von liebkosenden Händen genoss und gleichzeitig von den Beeren naschte. Laites schien sich gemerkt zu haben, dass er sie beim letzten Frühstück ausgesprochen lecker gefunden hatte. "Wirklich viel wird das nicht sein, aber es geht ja auch um die Konstellation der verschiedenen Gestirne. Die Drei werden in einem besonderen Winkel zu Kejalashca, dem Stern der großen Mutter stehen, umgeben von noch weiteren Planeten. Doch wie genau es aussieht, wirst du im Planetarium besser erkennen können."

Er lachte, als er sich zu Laites umwandte und dessen verträumter Miene ansichtig wurde. "Wenn dir meine Haare gefallen, kannst du mir gerne morgens beim Bürsten helfen. Manchmal ist es wirklich lästig."

Laites nickte erneut und lächelte selig. Sein Besitzer war alles, was man ihm im Labor versprochen hatte. Scheu sah er sich zu der Koje von Dai'thi um, der noch immer schlief und fragte, während er sich Nináris Bürste holte, leise "Ob er mit Tarlant auch über mich geredet hat? Ich weiß, dass sie nicht mehr im Labor arbeitet, aber es fühlt sich einfach merkwürdig an, wenn sie mich nicht offiziell verkauft."

Er löste die letzten noch zum Zopf gefassten Haarsträhnen auf und verkündete "Zu eurem Feiertag sollst du auch besonders schön sein, Ninári." Dann fing er eifrig an, die Haarflut zu kämmen und in eine Vielzahl von Zöpfen zu flechten, die er mit kleinen, goldenen Ringen fasste. Diese hatten Ninári und er auf dem Basar erstanden, auf dem sie ihm auf Kleidung gekauft hatten. Neue Hosen und festere Schuhe.

Ninári ließ es sich lächelnd gefallen, trank mit geschlossenen Augen von seinem Tee. Es war angenehm, jemand anderen seine Haare machen zu lassen, er hatte es vermisst. An Feiertagen, wenn die Frisuren aufwendiger wurden, gab es immer jemanden, der den Priestern half. Hier war er zwar nicht als Priester, sondern als Privatperson, doch es war schön, dass er seinem Rang entsprechend im Tempel erscheinen konnte.

"Sie werden über dich geredet haben. Aber ich glaube nicht, dass sie über einen Preis verhandelt haben." Wohlig seufzte er unter Laites' geschickten Fingern auf. "Fühlst es sich für dich nur richtig an, wenn ich auch etwas für dich bezahle? Reicht es nicht, wenn du einfach so bei mir sein kannst?" Er hob die Hand, um sofort einen von Laites' mit Sicherheit zu erwartenden Protesten zu unterbinden. "Was nicht heißt, dass ich dich nicht bei mir haben will, wenn ich etwas bezahlen muss. Und du bist mir auf jeden Fall mehr wert als irgendein Preis, den mir wer auch immer nennen könnte."

Laites senkte den Kopf und schloss betont langsam den letzten goldenen Ring, bevor er sich der anderen Seite zuwenden wollte. "Das ist so lieb, Ninári. Aber das meinte ich gar nicht damit. Es ist nichts gegen dich, aber dieser Vertrag ist mehr als nur ein Kaufen, ein Bezahlen. Er steht für das Versprechen, dass mein Besitzer sich immer um mich kümmern wird, für mich da sein will. Der Vertrag ist für den Käufer die Sicherheit, dass ich mich immer um ihn kümmern werde und auch immer da sein. Es ist nicht der Vertrag, sondern... sondern..." Laites blinzelte und suchte angestrengt nach den richtigen Worten, endlich schloss er "... sondern was er bedeutet."

Rasch stand Ninári auf und drehte sich zu Laites um. Er legte ihm sacht eine Hand auf die Wange, brachte ihn dazu, ihn anzusehen und erwiderte den Blick der warmen, kaffeebraunen Augen. "Ich verstehe, was du meinst. Aber ich brauche dafür keinen Vertrag. Der Vertrag ist nur dazu da, um festzulegen, wie viel Geld den Besitzer wechselt. Brauchst du ihn immer noch, wenn ich dir verspreche, aus tiefstem Herzen verspreche, dass ich mich um dich kümmern, immer für dich da sein werde, wenn du mich brauchst?"

Laites starrte Ninári in die Augen und merkte nicht einmal, wie er den Mund leicht offen stehen ließ. Benommen nickte er und flüsterte beschämt "Ich vertrau dir. Entschuldige, Ninári." Dann schloss er seinen Mund schnell und drückte seinen Besitzer erneut auf den Klappstuhl nieder. "Du bist noch nicht fertig. Hier sind noch ganz viele lose Strähnen." Er kämmte noch einige Male hindurch, teilte sich neue Strähnen zum Flechten ab, um dann leise zu fragen "Und bei dir Zuhause? Wird es in Ordnung sein, wenn ich bei dir bin?"

Ninári bemerkte das erleichterte Lächeln kaum, das seine Lippen umspielte. Doch jetzt, wo das geklärt war, fühlte er sich wesentlich besser. Etwas, das auf Vertrauen und Zuneigung beruhen sollte, über Geld zu regeln, hatte ihn wirklich gestört. Es machte das ganze so profan, so kalt und sachlich, es kam ihm so vor, als würde es etwas zerstören. "Natürlich wird es das. Es ist meine Sache, um wen ich mich kümmere, nicht wahr?"

Laites nickte heftig und entgegnete "Und ich werde mich um dich kümmern, Ninári. Das verspreche ich."

Als Laites mit seinem Haar fertig war, erhob Ninári sich erneut und fuhr dem Katzenjungen noch einmal liebkosend über den Kopf, streichelte kurz seine Ohren. "So, dann will ich mich mal fertig machen. Danke."

Dem Feiertag entsprechend und passend zu der Frisur, die Ninári wirklich gefiel, nachdem er sich im Spiegel damit gesehen hatte, kleidete er sich dann auch. Er war ein Priester der dritten Stufe und durchaus Stolz darauf, auch wenn er leider davon ausgehen konnte, dass er den Rang nicht durch seine Fähigkeiten, sondern auch durch die Beziehungen seiner Mutter und ihr Geld erreicht hatte.

Die Hose erforderte jedes Mal aufs Neue Konzentration, wenn er sie anzog, denn seine Zehen neigten dazu, sich in dem Lochmuster, das sich über die gesamte Länge der Beine zog, zu verfangen, was bei dem dünnen Stoff leicht zu Rissen führen konnte. Doch die Wirkung seiner gebräunten Haut, die durch das helle Orange hindurchsah, ließ es die Anstrengung wert sein.

Das Oberteil war weiter, doch es bestand aus einem durchscheinenden, ebenfalls orangefarbenen Stoff, der wirkte, als ob er an ihm hinab floss, und der seinen schlanken Oberkörper gut zur Geltung brachte. In Verbindung mit den zahllosen Zöpfchen war Ninári mit seinem Erscheinungsbild durchaus zufrieden, als er aus dem Bad kam. Er schenkte Laites ein fröhliches Lächeln und drehte sich einmal um sich selbst. "Und? Meinst du, so kann ich im Tempel erscheinen?"

Laites begutachtete seinen Besitzer voller Stolz und nickte erneut. Begeistert rief er aus "So kannst du bestimmt sogar im Höchsten eurer Tempel sein und der Göttin gefallen! Du bist wirklich wunderschön!" Hastig zog er sich seine neue Shorts und seine dazu passenden Schuhe über.

"Wird Dai'thi mit uns kommen?" Zögernd betrachtete Laites den zugezogenen Vorhang und grinste ein wenig. "Er war lange aus gestern Nacht, nicht wahr?"

Ninári lachte leise. "Sehr lange. Aber ich bin froh darüber. Ich denke, er kommt nach. Immerhin wird er sich nicht bei den hohen Schwestern vorstellen und auch nicht aktiv an der Zeremonie an sich teilnehmen. Lassen wir ihn schlafen." Unwillkürlich musste er erneut lachen, während er einen Arm um Laites legte und ihn mit aus dem Zimmer zog. "Er kann sich allein darum kümmern. Immerhin ist er schon ein großer Junge."

Ninári freute sich bereits auf die Zeremonie, die gehalten werden würde, nachdem man im Planetarium die Tash'akana angesehen hatte. Auch wenn er sich manchmal nicht wirklich dazu berufen fühlte, als Priester der Göttin zu dienen, so machten ihm die Rituale doch jedes Mal aufs Neue Spaß. Er mochte es, für die Göttin zu tanzen, mit den anderen für sie zu singen.

Der Wagen hielt vor den Pforten des Tempelgartens, der traditionell jedes der Gebetshäuser umgab. Hier war er nur klein, doch Ninári verwunderte es, dass sie es geschafft hatten, überhaupt einen zu erhalten, wenn er allein an die Zimmerpreise dachte. Flüchtig überlegte er, dass es auch eine Möglichkeit gewesen wäre, hier mit Dai'thi unterzukommen, immerhin hatte er das Recht, sich auf die Gastfreundschaft der Herrin zu berufen, doch er verwarf den Gedanken genauso schnell wie das erste Mal, als er ihn gehabt hatte.

Sie waren hier, um Hilfe zu finden, die jenseits dem lag, was Tempel geben konnten. Und ohne darüber zu sprechen, hatten sie beschlossen gehabt, die abfälligen, regelrecht verachtenden Blicke zu vermeiden, die Dai'this Anfälle jedes Mal auslösten.

Ninári bezahlte, während Laites ausstieg und folgte dann dem Katzenjungen. Es war ein Gefühl, als würde er nach Hause kommen, als sie das große, geschwungene Portal aus hellem Stein durchquerten, an dessen höchstem Punkt die anmutige Statue einer wunderschönen Frau mit ausgebreiteten Flügeln und geöffneten Armen stand.

Der künstliche Himmel war strahlend blau und stimmte mit der warmen Empfindung in ihm überein, die ihn überfiel, als er seinen Blick über die gepflegte Rasenfläche mit den weiten Rabatten weißer Blumen gleiten ließ, über kleine Pavillons und kunstvoll angelegte Hecken und Haine.

Der weiße Sandweg, der vom Tor zu dem eigentlichen Tempel führte, war vergleichsweise kurz, doch das Gebäude an seinem Ende war um so eindrucksvoller. Schneeweiße Türme erhoben sich in weichen Formen der Sonne entgegen, zierliche Brücken schwangen sich von einem zum anderen, während das Hauptgebäude mit seinen großzügigen Fenstern wirkte wie vom Wind glattgeschmirgelt, obwohl das hier kaum der Fall sein konnte. Gemächlich schlenderten sie den Weg hinab.

Laites hopste neben Ninári her und war einfach nur glücklich, vermutlich schon euphorisch. Es war wunderschön hier, und Ninári hatte ihm kurz den Arm um die Schultern gelegt. Er erkundigte sich nach Laites' Allergie, und sie waren gemeinsam froh, dass die weißen Lilien nicht zu den auslösenden Blumen gehörten, obgleich sie betörend dufteten. Mit fröhlich spielenden Ohren und zuckendem Schwanz sprang Laites einigen Schmetterlingen nach, entfernte sich aber nie zu weit von seinem Besitzer.

Als sie durch das Haupttor traten, das links und rechts von einem Mann in enganliegender, weißer Uniform mit den traditionellen Zweililien flankiert wurde, tat sich eine weite Halle vor ihnen auf. Kleine, verschlungene Treppen wanden sich zu Galerien empor, welche um den großen Raum führten.

Durch schlanke, zahlreiche Fenster in den Wänden und der Decke fiel reichlich Licht herein, das sich in unzähligen Kristallen fing, gebrochen wurde und so den weißen, matt erscheinenden Boden mit einem atemberaubenden Farbenspiel überzog. Klangspiele fingen den vermutlich künstlich erzeugten Wind ein und ließen ihre sanfte, beruhigende Melodie ertönen, die von überall und nirgendwo zu kommen schien.

Es waren kaum Leute anwesend, lediglich einige Priesterinnen des vierten und fünften Ranges, gekleidet in Gelb oder Grün, waren damit beschäftig, den Altar an der gegenüber liegenden Wand zu schmücken. Später würden Kissen für die Gläubigen geholt werden, die auf dem Boden verteilt als Sitzgelegenheiten dienen würden.

Als sie zu den Priesterinnen kamen, hielt Laites sich schüchterner in Nináris Nähe, auch wenn es keinen Grund zur Sorge zu geben schien. Dass er eine Katze war, störte soweit noch niemanden. "Es ist so wunderschön hier! Dein Planet muss herrlich sein, Ninári. Was machen wir denn als erstes? Was muss ich tun?"

"Als erstes werden wir die Hohe Mutter oder die Hohe Schwester aufsuchen, damit ich mich ihr vorstellen kann. Ich möchte sehr gerne an der Zeremonie teilnehmen", erklärte Ninári. "Du kommst einfach mit. Wenn die Tash'akana beginnt, werden wir in den hinteren Teil des Tempels gehen, dort müsste sich das Planetarium befinden. Anschließend kehren wir hierher zurück, und du setzt dich einfach mit dazu und kannst dem Ritual beiwohnen. Wenn du das allerdings nicht möchtest, kannst du auch draußen warten."

"Auf gar keinen Fall! Ich bin doch gerade dabei, etwas über die Welt zu lernen, in der ich leben werde, oder? Die Feiern sind ein wichtiger Teil davon."

Von einer der Treppen kam eine schlanke, zierliche Frau herabgestiegen, die selbst für eine Kemjasheri'i sehr klein war. Ihr dunkelblaues, eng anliegendes Kleid, das durch den durchscheinenden Stoff mehr enthüllte als verbarg, kennzeichnete sie als die Hohe Schwester und damit nach der Hohen Mutter die ranghöchste Priesterin des hiesigen Tempels.

Ihr blaugrünes Haar war zu einem Teil hochgesteckt und fiel in weichen Wellen ihren Rücken hinab, weiße Perlen waren unregelmäßig hineingeflochten. Im Zusammenspiel mit ihrer hellen, fast weißen Haut wirkte sie wie ein Geschöpf des Meeres, als sie anmutig auf sie zukam. Ihre beeindruckenden, blaugrünen Augen leuchteten fröhlich auf, und Ninári wandte hastig den Blick ab zu ihrem hübschen Mund, der von einem Lächeln umspielt wurde, als die Frau sie begrüßte.

"Ich heiße dich und deine Begleitung im Tempel der Herrin willkommen, Bruder. Du kannst noch nicht allzu lange hier sein, nicht wahr? Ich bin Shasiya."

Ninári griff nach ihren Händen, um sie zu dem traditionellen Gruß an die Lippen zu ziehen und dann kurz gegen die Stirn zu drücken. "Ich danke dir für den Empfang, Hohe Schwester. Mein Begleiter ist Laites, er ist mir anvertraut. Ich bin Ninári aus der Familie der Jalach'tai, Priester des dritten Ranges Ihres Tempels zu Monkíwar."

"Ich freue mich, euch kennen zu lernen. Ninári, möchtest du hier Gast sein oder der Zeremonie beiwohnen?"

"Ich will der Mutter dienen."

"Gut, dann sollst du die Möglichkeit dazu bekommen. Ich muss noch einige Dinge vorbereiten, du weißt, wie das ist. Aber im Anschluss würde ich mich gerne ein wenig mit euch unterhalten, wenn ihr Zeit dafür habt. Es ist immer wieder schön, mit jemand zu sprechen, der direkt von den Dreien kommt." Sie umarmte erst ihn, dann Laites kurz. "Wir sehen uns nachher." Damit lief sie schon wieder davon.

"Selbst, wenn man sie bereits hundert Mal ausgeführt hat, benötigen Rituale immer wieder viel Vorbereitung", erklärte Ninári fast entschuldigend und wandte sich zu Laites um. "Bis zur Tash'akana ist noch ein wenig Zeit; wollen wir nach draußen gehen? Oder willst du dich hier drinnen hinsetzen und das Lichtspiel genießen?"

Laites strich sich sein Fell zurecht und murrte ein wenig, aber sagte nicht, dass er die Hohe Schwester nicht besonders mochte. Ihre Art, ihn einfach zu drücken, diese merkwürdige Ausstrahlung hatten ihn irritiert. Zudem hatte sie Ninári umarmt und permanent angelacht. Er war eifersüchtig geworden davon. Fast war er versucht, Nináris Hand zu ergreifen, um ihn dichter bei sich zu spüren. Doch das wagte er nicht. Stattdessen lehnte er sich zu ihm heran. "Ich komme mit dir mit, Ninári."

Ninári lächelte und legte eine Hand auf seinen Rücken, etwas über den Hosenbund, um ihn sacht mit sich zu schieben. "Gut, dann gehen wir erst noch einmal nach draußen. Die Vorbereitungen gelten für die Priesterinnen hier. Ich werde nachher nur gesagt bekommen, was ich zu tun habe und es machen. Deswegen haben wir noch Zeit."

Sie saßen eine Weile in der Sonne, der man den Unterschied zu einer echten nicht anmerkte, ehe es Zeit wurde, ins Planetarium zu gehen. Ninári wählte einen der Doppelsitze, die eigentlich für Paare oder Eltern mit Kindern gedacht waren, doch er musste nah bei Laites sein, um ihm leise übersetzen zu können, was eine weiche Frauenstimme erzählte.

Laites genoss den Tag mehr und mehr, vor allem liebte er die Nähe zu Ninári. Im Planetarium wagte er es endlich und schlang seinen schlanken Schwanz mit einer recht besitzergreifenden Geste, die hier im Dunkeln leider niemand sehen konnte, um seinen Eigentümer, während sie zu den Lichtern hinaufsahen, die sich in Zeitlupentempo näherten, zu Planeten wurden, sich in unterschiedlichem Winkel zueinander zeigten.

Die Erklärungen bestanden aus einer Mischung zwischen Religion und Wissenschaft, aus Wunsch der Göttin und physikalischen Gesetzen. Es war ein wenig so wie Tarlants Rede, wenn ein Besuch sich einmal für das Labor interessierte. Da Laites so lange dort gewohnt hatte, waren sie immer zu ihm als Beispiel gekommen.

Ninári zuckte ein wenig bei der unerwarteten und ungewohnten Berührung zusammen. Doch dann fiel ihm ein, dass Laites mehr als nur Arme und Beine hatte und dass die schlanke, fellige Wärme, die sich um seine Taille geschlungen hatte, sehr wahrscheinlich sein Katzenschwanz war. Das kleine Zeichen der Zuneigung freute ihn; es ließ ein angenehmes Gefühl in ihm entstehen. Unwillkürlich musste er lächeln und lehnte sich ein wenig dichter zu Laites.

Während er ihm weiter übersetzte, fielen ihm all die Kleinigkeiten ein, mit denen der Katzenjunge ihn die letzte Zeit bedacht hatte, wie aufmerksam er gewesen war. Diese Geste jetzt und die Blumen zum Frühstück waren nur zwei von so vielen. Nachdenklich sah er zu den Sternenbildern empor und runzelte die Stirn, als er sich fragte, ob Laites das lediglich tat, weil er sich als Besitz fühlte. /Das will ich nicht. Ich möchte, dass er sich als Freund betrachtet, als mein Schützling, mein Schüler vielleicht, aber nicht als ein Ding, das nur dazu da zu sein hat, mir zu gefallen./

Mit einem Mal ging ihm auf, dass die Beziehung zu Laites durch diesen kleinen Umstand sehr kompliziert wurde. /Ich muss ihn danach fragen. Wir werden reden müssen./ Fast lautlos seufzte er. /Wenn er es nur nicht falsch auffasst.../


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig