Kemjalas Plan

12.

Bei dem anschließenden Ritual gesellte sich Dai'thi, der noch ein wenig müde, aber sehr glücklich aussah, zu Laites, während Ninári mit den Priesterinnen und Priestern die Zeremonie vollführte, mit ihnen tanzte und sang. Während des Festmahls war Ninári dann wieder bei dem Katzenjungen, erklärte ihm, welches Gericht aus welchen Zutaten bestand und was er vermutlich bedenkenlos essen konnte.

Ninári mochte es nicht so wissen, ahnte vielleicht nichts von der Art, in der eine Kreuzung aus dem Labor aus wirtschaftlichen Überlegungen von LeRoux heraus fühlte, aber Laites liebte seinen Besitzer. Es wurde für ihn immer schlimmer, den schlanken, wunderschönen Mann nicht einfach zu berühren, ihm die Liebe zu zeigen. In Worte zu kleiden wagte Laites seine Gefühle nicht, weil Ninári so gewandt reden konnte und er sich davor fürchtete, falsches zu sagen oder sich nicht angemessen auszudrücken.

Ninári hatte seine Befürchtungen bezüglich ihres Verhältnisses vergessen, als er neben Laites auf einem großen, weichen Kissen sitzend von den verschiedenen Gerichten naschte, die um so vieles besser waren als das Essen im Hotel. Er winkte einer in Gelb gekleideten Priesterin mit feuerrotem Haar zu, mit der er sich vor dem Ritual unterhalten hatte, flirtete mit einer anderen seines Ranges und stellte fest, dass es eine Ewigkeit her zu sein schien, dass er das Geschenk der Göttin mit einer Frau geteilt hatte.

"Gefällt es dir hier?" Mit einem fröhlichen Grinsen wandte er sich zu Laites um und reichte ihm ein kleines, süßes Teigbällchen. "Probier mal die, die sind wirklich etwas ganz besonderes. Hier ist es ein wenig wie bei mir zu Hause in dem Tempel, wo ich wohne und diene."

Laites war damit beschäftigt gewesen ein dunkles Knurren zu unterdrücken, als er eine der Frauen näher treten sah, die Ninári leider zu gefallen schienen. Er ließ seine Ohren hängen, als er die Blicke bemerkte, mit denen sein Besitzer den so vorteilhaft ausgestellten Körper entlang strich. Der Frau schien es zu gefallen, sie lächelte ihnen zu. Laites Ohren legten sich eng an seinen Kopf an, aber er biss sich auf die Lippen, ließ von seiner Laune sonst nichts nach Außen dringen, das stand ihm nicht zu. Statt eines bösen Fauchens murmelte er als Antwort nur "Es ist ein schöner Garten, ich bin nicht allergisch, das ist schön."

Ninári registrierte die angelegten Ohren und die nach vorne gesunkenen Schultern gleichzeitig mit dem eigenartigen Tonfall. Er legte das Teigbällchen auf seinen eigenen Teller zurück und sah Laites besorgt und mit einem unguten Gefühl in der Magengegend an. Wenn es ihm hier nicht gefiel, wie sollte es ihm dann erst in dem größeren Tempel gefallen, in den er ihn mitnehmen würde.

"Und was ist nicht schön?", fragte er leise.

Laites zuckte zusammen und brachte seine Ohren mit ein wenig Mühe dazu sich aufzurichten. "Es gefällt mir sehr gut hier, Ninári." Es erschreckte ihn, dass seine Laune sofort bemerkt worden war. Dies war immerhin ein Feiertag für Ninári, und alles war perfekt gewesen. Laites hatte doch nun wirklich nicht das Recht, sich in Nináris Wünsche nach Freundschaft und mehr mit anderen seiner Rasse einzumischen. /Mit Wesen ohne Fell/, dachte er betrübt, sein Schwanz zuckte leicht, während er sich rasch noch ein gebackenes Gemüseteil nahm.

Ninári verabschiedete sich in Gedanken für den heutigen Tag von allem, was nach Schäferstündchen aussehen könnte. Irgendetwas bedrückte den schlanken Katzenmenschen und machte ihn wütend. Er legte einen Arm um ihn, während er sich dachte, dass das alles noch viel komplizierter werden würde, als er je vermutet hatte.

"Dann sagst du's mir aber, wenn wir allein sind, hm?", schlug er vor und fuhr ihm mit der freien Hand durch die Haare. "Ich will nicht, dass du dich schlecht fühlst."

Entsetzt starrte Laites ihn an und wedelte mit den Händen vor seinem Körper. "Es ist nichts, Ninári! Wirklich!" Er spürte, wie seine Wangen sich röteten, während er sich unbewusst dichter an den warmen Körper lehnte. Bei seinem schönen Eigentümer zu sein, erfüllte ihn mit Stolz, und dass dieser ihn wichtiger fand als die Priesterinnen erst recht.

Ninári seufzte innerlich, als ihm ein Gedanke kam. /Vielleicht hat er das Gefühl, ich kümmere mich zu wenig um ihn? Wir waren schließlich bis heute fast immer nur zu zweit. Oh Herrin, wenn es das ist... was soll ich dann tun?/ Doch als er die leichte Röte im Gesicht des anderen bemerkte, schlich sich ein Lächeln auf seine Lippen, das sich noch vertiefte, als sich Laites ein wenig enger an ihn schmiegte.

/Vielleicht ist es auch nur noch immer die Unsicherheit, dass ich ihn allein lassen könnte, weil ich keinen Vertrag unterschrieben haben. Ich brauche einfach Geduld. Vertrauen wächst nicht von heute auf morgen./ Er ließ seine Hand sacht auf Laites' Hüfte ruhen und hielt ihm das vorhin verschmähte Teigbällchen direkt vor den Mund. "Hm, möchtest du es jetzt probieren?"

Begeistert nahm Laites es Ninári mit dem Mund aus den Fingern ab, hakte geschickt mit seinen Eckzähnchen hinein, während er noch das Gefühl der Fingerkuppen auf seiner Unterlippe genoss. Als er ausgekaut hatte, erwiderte auf Nináris Fragen und Näherrücken "Ich hatte nur eben den Eindruck, dass ich dir im Weg bin, dass ich störe. Wenn das so ist, dann musst du mich zum Hotel schicken, Ninári. Ich will dich nicht stören." Andererseits... aus den Augen lassen wollte er ihn mit all den Frauen umher, die seinen Besitzer ja leider zu interessieren schienen, erst recht nicht.

"Du störst nicht, garantiert." Ninári zauste ihm einmal sacht knapp über dem Hosenbund durchs Fell, genoss die Wärme, die von Laites ausging. In dem Moment fing er einen Blick von seinem Bruder auf, der mehr als nur leicht besorgt war. Fragend zog Ninári die Brauen hoch, doch Dai'thi lächelte nur kurz und machte eine Geste, mit der er, was auch immer ihn zu beschäftigen schien, auf später verschob. Kurz überlegte Ninári, ob es damit zu tun hatte, dass Laites an ihn gelehnt war, aber er verdrängte den Gedanken. Schließlich war es nichts Ungewöhnliches, dass er jemanden im Arm hielt. Auch nicht, dass es ein Mann war.

Im nächsten Augenblick wurde Dai'thi aber ohnehin abgelenkt, denn eine Priesterin des fünften Ranges kam zu ihm, schlang ihm von hinten die Arme um den Hals und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Sie wirkte ein wenig überrascht, als Dai, wenn auch leicht verlegen, den Kopf schüttelte und ebenso leise etwas erwiderte. Ninári grinste leise in sich hinein. "Laites, er ist bis über beide Ohren verliebt. Er hat gerade eben ein eindeutiges Angebot ausgeschlagen."

Laites warf einen Blick auf Nináris hochgewachsenen Bruder, der allein seiner Größe wegen schon aus der Menge hervorstach. Interessiert fragte er "Ist es denn üblich, dass man sonst auf solch ein Angebot einfach so eingeht?"

Noch immer lächelnd wandte sich Ninári ihm zu. "Ja, wenn man möchte und den, der das Angebot macht, attraktiv findet, natürlich. Die Lust ist ein Geschenk der Göttin, und man ehrt sie, indem man sie mit jemanden teilt. Es verpflichtet zu nichts. Aber manche Paare wollen nur noch miteinander die Göttin auf diese Art ehren. Meine Eltern zum Beispiel haben kein Angebot von anderen mehr angenommen, seit sie sich kennen gelernt haben. Bei anderen gehört es dazu, es ändert nichts an der Beziehung. Lust ist ja nicht Liebe."

"Oh." Laites überlegte sich dies für eine Weile, während er sich die Paare am Tisch betrachtete. Er trank von dem süßen Saft, gegen den er auch nicht allergisch zu sein schien und fragte dann nach "Das gilt nur für Frauen, nicht? Es gilt nur, solange Frauen das Angebot machen, denn es ist eine Göttin, und diese würde sonst traurig werden, oder?"

"Du kannst auch als Mann einer Frau ein Angebot machen. So lange du höflich bist und Anstand wahrst. Kompliziert wird es erst, wenn du nicht einfach mit einer Frau das Geschenk der Göttin teilen willst, sondern mehr von ihr möchtest. Wenn du dich in sie verliebst, wenn du um sie werben willst. Da gibt es tausend kleine Dinge, die beachtet werden wollen. Und natürlich kommt es darauf an, welcher Kaste du und welcher die Frau angehört. Aber nicht jeder richtet sich nach den gleichen Regeln. Zudem kommt es ganz stark darauf an, was die Frau will."

Ninári lachte leise und schenkte Laites Saft nach, als dieser sein Glas wieder abgestellt hatte. "Manche wollen lange, sehr lange umworben werden, und manchen kann es nicht schnell genug gehen. Aber sie verstehen schon, dir klar zu machen, was sie bevorzugen." Sein Blick glitt kurz über die versammelten Frauen, unter denen auch einige waren, die nicht zu seinem Volk gehörten. "Gefällt dir denn eine hier?", fragte er und spürte überrascht das kleine Unwohlsein in seinem Magen dabei.

Laites schüttelte den Kopf. Er hatte sich noch gar nicht umgesehen, denn für ihn gab es nur eine einzige Person auf dem Platz, in der Icesior, das wusste er, mit dem Herzen, mit dem Bauch, mit dem Kopf. Er wusste es so sicher, dass er nun, bei all dem Gerede um Frauen ein wenig Angst bekam.

"Aber was wäre denn, wenn ein Mann ein Angebot macht, an einen anderen Mann? Wird denn dabei eure Göttin traurig werden? Würde sie sich ausgeschlossen fühlen aus ihrem Lustgeschenk?"

Ninári öffnete den Mund und wollte antworten, wie es sich gehörte, doch in dem Moment spürte er den auf ihm ruhenden Blick. Er sah hoch und in die blaugrünen Augen der Hohen Schwester, die seinen Blick mit einem unergründlichen Ausdruck erwiderte. Hastig schaute er weg, ein kleiner Schauer rann ihm den Rücken hinab.

"Das erkläre ich dir nachher", murmelte er stattdessen so leise, dass nur Laites ihn hören konnte. Mit einem Mal hatte er das Bedürfnis, von ihm wegzurücken und gleichzeitig, ihn enger an sich zu ziehen, als müsste er ihn beschützen. "Oder wollen wir ein wenig raus gehen und frische Luft schnappen?"

Laites nickte leicht und ließ ihn los, um aufzuspringen. Er wollte sich sowieso viel lieber noch ein wenig austoben. Nachdenklich sah er der blaugekleideten Frau hinterher, die den Tisch entlang zu einer Gruppe anderer Frauen ging. Ninári hatte ihm seine Frage nicht beantworten wollen, aber das konnte daran liegen, dass es eine lange Antwort werden würde, mit vielen Erklärungen. Er zuckte deswegen mit den Achseln und folgte seinem Eigentümer.

Ninári beugte sich kurz zu Dai'thi, um sich für einige Zeit zu entschuldigen, dann verließen sie das Gebäude. Als sie in die helle Sonne traten, die mittlerweile wie eine wirkliche am Himmel weiter vorgerückt war, fühlte er sich schon wieder besser. Er streckte sich und sprang leichtfüßig die wenigen Stufen hinab, ehe er sich zu Laites umdrehte.

Als der Katzenmensch bei ihm angelangt war, griff er nach seiner Hand und zog ihn mit sich, über die Wiese und um den Tempel herum, bis sie die meisten Besucher hinter sich gelassen hatten. Und erst, als sie im Sichtschutz eines kleinen Haines angelangt waren, verlangsamte er sein Tempo wieder, ohne jedoch Laites loszulassen.

"Wollen wir ein wenig spazieren, oder möchtest du lieber in der Sonne sitzen und verdauen?", fragte er und wies mit der freien Hand auf eine der kleinen Lauben, die von Rosenranken mit weißen Blüten bewachsen waren.

"Du willst es mir nicht erklären, oder darfst du nicht? Hat die blaue Schwester deswegen so geschaut?" Laites beobachtete Nináris Gesicht aufmerksam, während er auf eine der Lauben zuging.

"Du hast es auch bemerkt?" Ninári setzte sich in das warme Gras vor die weißgestrichene Bank und zog Laites mit sich herunter, ließ aber nach wie vor die Hand nicht los. "Ich habe keine Ahnung, warum sie mich so seltsam angesehen hat."

Für einen Moment schwieg er, ehe er das Bild der durchdringenden Augen aus seinem Gedächtnis verbannte und sich zu Laites umwandte. "Doch, ich will es dir schon erklären. Aber wenn ich es im Tempel getan hätte, hätte ich dir nur die offizielle Antwort geben können. Da waren zu viele Leute, die zugehört haben."

Wieder verstummte er, ehe er kurz mit den Schultern zuckte. "Doch jetzt sind wir hier. Die offizielle Antwort ist die, dass es die Göttin entehrt, dass es ihre Weiblichkeit herabsetzt, wenn sich zwei Männer lieben. Aber hat sie nicht auch den Mann geboren? Kann nicht auch ein Mann stolz auf seinen Körper sein? Und wenn eine Frau einen Mann schön finden darf, warum nicht auch ein Mann?" Seine Wangen röteten sich, und er sah weg, als er begriff, was er da gerade erzählte.

Laites nickte eifrig. "Das finde ich aber auch. Ich finde dich sehr schön, Ninári. Dann darf ich dich also bewundern?" Ohne es gemerkt zu haben, hatte sich sein Schwanz bereits wieder um Nináris Hüften gelegt, aber nicht allzu deutlich, noch konnte Laites sich beherrschen und zog ihn zu sich herum, um das dunkelbraune Fell glatt zu streichen, während er auf eine Antwort wartete.

"Bewundern ist immer erlaubt. Immerhin ist jedes Wesen von der Göttin gekommen und dadurch in seiner eigenen Art perfekt." Ninári legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und hielt das Gesicht in die Sonne, doch ihre Strahlen konnten die Angst nicht vertreiben, die langsam in ihm empor kroch und mit jedem Herzschlag weiter durch seinen Körper geschwemmt wurde.

"Danke", sagte er leise, doch es fiel ihm schwer. /Ich meine die körperliche Liebe, nur die körperliche. Diese ist nicht verwerflich. Warum sollte sie es sein?/

"Perfekt? Aber ich bin nicht durch die Göttin gekommen, sondern durch LeRoux. Ihn würde ich als Doktor, nicht als Gott bezeichnen." In Gedanken verstrickt begann Laites, Nináris Zöpfchen wieder aufzulösen. Die goldenen Klemmchen sammelte er in der kleinen Tasche an seiner Shorts.

Nináris Gesicht verriet seinen Abscheu, als er an den Doktor dachte. "Ja, er ist kein Gott. Er pervertiert das Leben. Und doch..." Seine Miene wurde wieder weicher, wenngleich er sich auch noch immer nicht wieder wirklich entspannen konnte. "Und doch hat er es fertig gebracht, jemandem wie dir das Leben zu schenken. Vermutlich hat die Göttin doch ihre Hand im Spiel."

Er wollte noch mehr sagen, wollte ihm sagen, dass er ihn auch schön fand, doch mit einem Mal spürte er eine Scheu davor, als würde es etwas ändern zwischen ihnen. Etwas, das er gar nicht verändert haben wollte. Weil er dieses Ziehen der Angst in sich fühlte.

Laites lächelte leicht und sprang auf Nináris andere Seite. "Ich bin nichts Falsches, was die Göttin nicht gewollt hat?" Mit geschickten Fingern löste er die Zöpfchen weiter auf und begann dann, leise summend durch die Flut zu streichen, um die Wellen zu glätten, die seine Frisur vom Morgen hinterlassen hatte. /Er findet es schön, dass es mich gibt, auch wenn er LeRoux nicht mag. Er mag Tarlant auch nicht. Aber das heißt ja, dass er wirklich nur mich gern hat. Und er hat mich gern, weil ich so bin, wie ich bin?/ Sachte strich er durch die Haare, die Ninári ihm so großzügig überließ. "Ninári? Ich bin glücklich."

Ninári öffnete die Augen und sah ihn an. Als er das weiche Lächeln in dem hübschen Gesichtchen sah, konnte er nicht anders, als es zu erwidern. Es ließ seine Angst dahin schmelzen und entzündete ein Leuchten in ihm, das seine Augen hell werden ließ und ihn durch und durch zu wärmen schien.

Er ließ sich ins Gras sinken und bettete den Kopf in Laites' Schoss. "Das macht mich froh", sagte er und sah zu ihm hoch, spürte die schlanken Finger, die sein Haar kämmten und damit spielten. Er streckte die Hand nach ihm aus und streichelte sacht über seine Wange. "Nein, du bist mit Sicherheit von der Göttin gewollt. Und deine ganzen Allergien hat sie dir vielleicht nur gegeben, damit du nicht verkauft wirst, bevor..." /Bevor du zu mir kommen konntest./

Laites nickte in Gedanken versunken und begann statt der Haare, die wie ein schimmerndes Tuch über seinen Beinen lagen, sachte die Stirn und die gefächerten Ohren seines Herrn entlang zu streicheln. Leise fragte er "Die Spitzen haben etwas zu sagen, nicht wahr? Du hast..." Er zählte leise flüsternd nach. "Sieben, oder zählt die kleine hier nicht?" Sachte strich er mit dem Daumen darüber.

Ninári fühlte den warmen Schauer, der durch seinen Körper rann, ausgehend von den sanften Berührungen und von Laites' leiser Stimme. Er wollte den Blick abwenden und konnte es doch nicht. "Sie sind das Zeichen, dass ich in die siebente Kaste, also die höchste, geboren wurde", sagte er leise und streichelte den Hals hinab, ließ seine Finger in Laites' Nacken wandern. "Dass die siebente Spitze so klein ist, heißt, dass ich nicht besonders weit oben innerhalb der Kaste stehe."

Laites beugte sich, unfreiwillig mit einem tiefen Schnurren beginnend, dichter über Ninári, damit dieser seinen Nacken und seine Lieblingsstellen hinter den Ohren erreichen konnte. "Hm. Das ist herrlich." Er schloss seine Augen halb, unbewusst öffneten und schlossen sich seine Hände in Nináris Haaren, sein Schwanz hatte sich schon längst um dessen Brust herum gelegt.

Die künstliche Sonne versank allmählich, während um sie herum Insekten in den Blüten summten und Schmetterlinge sich in den Rosenbüschen umtanzten. Ein schwarzvioletter Falter weckte Laites' Jagdinstinkte, aber andererseits wollte er Ninári nicht loslassen, der sich im Halbschlaf befand. Zudem sah dieser so wundervoll aus, wenn er die Augen geschlossen dalag, voller Vertrauen und entspannt.

Laites starrte auf Nináris Mund, die Lippen schwangen sich leicht aufwärts, ein verträumtes Lächeln, das ihm den Verstand raubte. Er tat es, bevor er in irgendeiner Weise hatte nachdenken können. Leicht beugte er sich tiefer und streifte Nináris Lippen mit seinen.

Die Hand noch immer in Laites' Nacken, hatte Ninári gespürt, wie der Katzenjunge näher gekommen war, hatte den Atem gefühlt, der über sein Gesicht strich, noch bevor sich ihre Lippen berührten. Langsam drifteten seine Lider auf; er erhaschte einen Blick auf das glückliche Gesicht, ehe er sie wieder schloss und Laites entgegen kam, um dessen Mund mit seinem zu bedecken. Zart küsste er ihn, vergaß die Welt um sie herum, vergaß alles andere außer diesem Kuss.

Laites war im Himmel. Ninári küsste ihn wieder, streichelte ihn, liebte ihn. Er umfing sein Gesicht mit einer Hand und antwortete den tastenden Lippen, öffnete seinen Mund und lud ihn ein. Mehr wagte er nicht, denn eigentlich war es ihm gar nicht gestattet, derart aufdringlich zu seinem Eigentümer zu sein. Bei Ninári fiel es ihm so verdammt schwer. Vor allen Dingen in diesem Moment musste Laites sich sehr beherrschen, um den Kuss von sich aus nicht wesentlich leidenschaftlicher werden zu lassen.

Die Zeit schien still zu stehen, als Ninári mit der Zungenspitze Laites' Lippen zu erkunden begann, dann der Einladung folgte und sie tiefer in seinen Mund gleiten ließ. Der Geschmack war unvertraut und wundervoll, entlockte Ninári ein leises Gurren, als er den Kuss noch weiter vertiefte. Kribbelnde Schauer liefen durch seinen Körper, als er sich, ohne sich von Laites zu lösen, aufsetzte, dann auch noch die zweite Hand in dessen Haar vergrub, um ihn enger an sich, zu sich zu ziehen.

Laites schlang seine Arme um Nináris Körper und legte den Kopf zur Seite, gab sich ihm mit geschlossenen Augen vollkommen hin und tat nichts weiter, als sich von ihm einnehmen zu lassen. Auch wenn es ihn schon gereizt hatte, Ninári kennen zu lernen, näher zu spüren, intensiver, so war dies zum einen so unerwartet, zum anderen so viel mehr als erhofft, dass Laites zu überrumpelt war, um mehr zu tun, als zu genießen.

Ninári erforschte ihn, erkundete jeden Winkel, den er erreichen konnte, umspielte, umwarb Laites' Zunge. Es war ein Traum, aus dem er auch nicht erwachte, als er sich endlich von ihm löste, um nur noch die weichen Lippen mit Küssen zu bedecken, sie zu liebkosen, bis sie sich endgültig trennten. Mit einem weichen Lächeln betrachtete er Laites' entspanntes, glückliches Gesicht, konnte nicht anders, als ihn noch einmal zu küssen, wenn auch kurz nur dieses Mal, während er mit einer Hand langsam durch das Fell von Laites' Rücken streichelte.

Laites schnurrte so heftig, dass seine Brust vibrierte, und seine Finger gruben sich in Nináris Schultern, während er sich unter dessen Haare schmuste, um seinen Geruch einzuatmen und zart an seinem Hals entlang zu nippen.

Ninári hielt ihn fest und streichelte ihn weiter, während er sich mit halb geschlossenen Augen den prickelnden, zarten Gefühlen hingab, die Laites' Berührung in ihm auslöste. Kaum hörbar flüsterte er den Namen des Katzenjungen, einfach nur, um ihn auszusprechen, um seinen Klang erneut zu kosten, der mit einem Mal so anders geworden zu sein schien.

Laites seufzte leise, dann zog er sich ein wenig von Ninári zurück und strahlte ihn an, bevor er seinen neugewonnenen Schatz einmal rasch umarmte und an sich drückte. "Das ist der schönste Tag in meinem Leben, Ninári!"

Ninári lächelte und küsste seine Stirn, ehe er sich aus seinen Armen wand und ein wenig steif aufstand. Die Sonne war untergegangen, aber zwei Monde, ein heller und ein etwas dunklerer, spendeten ausreichend Licht, überstrahlten jedoch nicht die Glühwürmchen, die überall wie kleine Sterne in den Büschen und Bäumen glommen. Einen Moment lang betrachtete er das schöne Bild, das sich ihm bot, ehe er sich zu dem Katzenjungen umdrehte und feststellte, dass er im Mondlicht bezaubernd aussah, geheimnisvoll mit den leicht leuchtenden Augen. Sein Lächeln vertiefte sich. Er hielt ihm die Hand hin, um ihm aufzuhelfen und behielt sie in seiner, schob seine Finger zwischen die von Laites'.

Langsam schlenderten sie zurück, und Ninári spürte, wie sich Laites' Schwanz um seine Taille schlang. Doch als sie allmählich in den belebteren Teil des Parks kamen, streifte er ihn sanft von sich und ließ auch die Hand wieder los. Zwar war es nicht ungewöhnlich, auch Männer Arm in Arm laufen zu sehen, aber Ninári hatte das Gefühl, dass man ihnen ansehen würde, dass es nicht einfach nur freundschaftlich war.

/Ist es das nicht?/ Jetzt, wo der Zauber der Einsamkeit und Ruhe sich langsam auflöste, kehrte das kalte Ziehen in seinen Magen zurück. Sein Blick folgte zwei Kemjasheri'i, einem Mann und einer Frau, die Händchen haltend aus dem Tempel kamen, kurz stehen blieben, um sich zu küssen, und dann weiter liefen, miteinander tuschelnd und leise lachend.

Er erinnerte sich an andere Gelegenheiten, an heimlich getauschte Küsse, den Reiz des Verbotenen, an schlanke Männerkörper, die sich unter seinen Liebkosungen gewunden hatten. Es waren wesentlich weniger Männer als Frauen gewesen, mit denen er das Geschenk der Göttin geteilt hatte, aber er hatte es getan. Doch es war nie ernst gewesen. Niemals hatte einer von ihnen mehr gewollt als den Augenblick.

Unwillkürlich beschleunigte er seinen Schritt, als er erschauderte. Laites wollte mehr. Laites wollte... alles. Mit einem Mal war es ihm so klar, dass er sich fragte, wie er es hatte übersehen können, wie er sich hatte einreden können, dass es etwas anderes war. Er hatte sich während des Festes erst so seltsam verhalten, als Ninári angefangen hatte, mit den Frauen zu flirten. Es war Eifersucht gewesen, nicht das Gefühl, vernachlässigt zu werden. Und dieser Blick vor und dann auch nach dem Kuss... Seine eigene Reaktion darauf machte ihm Angst. /Es war ein Traum. Wie ein Traum. Ich wollte nicht aufhören. Ich hätte ewig dort sitzen können, mit ihm im Arm, ihn spürend, in seinen Augen versinkend./

"Ninári!" Dai'this fröhliche Stimme riss ihn aus den Gedanken und ließ ihn aufsehen. Sein Bruder stand mit der Hohen Schwester im Tor und winkte ihm zu. Doch als er seinen Blick erwiderte, konnte er für einen Moment wieder die gleiche Besorgnis in den grünen Augen sehen wie während des Festes. Er hatte sie vergessen, doch jetzt beunruhigte sie ihn plötzlich. Als sie die beiden erreicht hatten, lächelte Shasiya ihnen zu, und der rätselhafte Ausdruck in ihrem Gesicht verstärkte Nináris Unruhe noch weiter.

"Wir sind gar nicht mehr zum Reden gekommen, das bedauere ich, Bruder", sagte sie. "Aber ihr seid ja noch länger hier, und dafür habe ich mich mit Dai'thi unterhalten können. Ich würde mich freuen, wenn ich euch wieder als Gäste begrüßen dürfte."

Ninári verneigte sich leicht und erwiderte das Lächeln mehr höflich als von Herzen. "Ich danke dir. Es wird bestimmt nicht das letzte Mal gewesen sein, Hohe Schwester."

"Ihr seid immer willkommen." Sie ließ ihren Blick von ihm zu Laites, dann zu Dai'thi schweifen, ehe sie den beiden Kemjasheri'i noch einmal die Hände zum Kuss reichte, sich mit einem kleinen Nicken von dem Katzenjungen verabschiedete und dann mit einer von Ninári und Dai'thi gleichermaßen bewunderten Anmut zum Tempel zurücklief.


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig