Kemjalas Plan

13.

Dai'thi hatte bereits einen Wagen rufen lassen, der nur wenig später vor den Toren des Tempelparks hielt. Nináris Unruhe verstärkte sich noch, als sein Bruder nicht, wie er erwartet hatte, vorne einstieg, sondern sich nach hinten zu Laites setzte, so dass ihm nichts anderes übrig blieb, als neben dem Fahrer Platz zu nehmen.

Die Fahrt verlief schweigend; Ninári starrte aus dem Fenster und dachte wieder und wieder über den Kuss nach. Er war so ernst gewesen. Und die Gefühle, die er bei ihm ausgelöst hatte, hatten in einer Kaskade andere erweckt.

/Ich darf das nicht/, dachte er, während er gleichzeitig die Sehnsucht verspürte, Laites wieder im Arm zu halten. /Ich darf nicht mehr für ihn empfinden. Ich würde alle enttäuschen. Mutter, Vater, Dai'thi... Die Hohe Mutter, die Hohen Schwestern. Sie dürfen das nie erfahren./

Aber wie sollte er es verbergen? Oder wie konnte er Laites verletzen? Der Katzenjunge würde es nicht verstehen. Das kalte Ziehen in seinem Magen wurde zu einem Brennen, das sich bis in seine Brust ausweitete.

Als sie in ihr Zimmer zurückkamen, fiel Ninári wieder auf, wie klein es war und wie kalt das Licht. Er vermisste die Weite seiner Räumlichkeiten im Tempel, vermisste fast schon schmerzlich einen ruhigen Ort, an den er sich zurückziehen konnte. Finn war mal wieder unterwegs, doch das machte den Raum nicht größer.

Dai'this Stimme ließ ihn zusammenzucken, als er die Stille brach. "Nin? Wir müssen reden."

"Jetzt?" Die Tatsache, dass sein Bruder sich wieder des Dialektes ihrer Kaste bediente und nicht mehr der allgemeinen Sprache, die auch Laites verstand, ließ Nináris Bedürfnis, Türen hinter sich zu schließen und allein zu sein, nur noch mehr anwachsen. "Ich bin recht müde, hat es nicht Zeit bis morgen?"

Dai'thi zögerte, doch dann schüttelte er den Kopf. "Ich hätte am liebsten schon heute früh mit dir darüber gesprochen, aber du warst schon weg, als ich endlich aufgewacht bin."

Für einen Moment hatte Ninári die Befürchtung, dass Dai'thi wusste, was er dachte, was er empfand, und alles in ihm krampfte sich zusammen. /Wie sollte er? Bis vorhin ist nichts passiert. Das kann er nicht wissen/, beruhigte er sich selbst und nickte, ohne ihn jedoch anzusehen.

"Wenn du meinst", sagte er leise und wandte sich kurz zu Laites um, lächelte ihn ein wenig müde an. "Wir müssen noch was besprechen. Ich hoffe, es stört dich nicht."

Laites gähnte und streckte sich. "Nein, natürlich nicht. Ich gehe schon schlafen, Ninári." Er zögerte kurz, aber der Gesichtsausdruck der beiden Kemjasheri'i hinderte ihn daran, seinen geliebten Besitzer noch einmal zu küssen. "Gute Nacht." Ein wenig unsicher krabbelte er in seine Koje und zog den Vorhang zu.

Dai'thi holte Tee, stellte eine Tasse vor Ninári hin, dann setzte er sich zu ihm. Sekundenlang starrte er in den dampfenden, goldenen Flüssigkeit.

"Ich habe mit Tarlant über deinen Pflegling gesprochen", begann er schließlich und sah auf. Sein Bruder hatte die Lider halb niedergeschlagen und erwiderte seinen Blick durch die langen Wimpern, so dass er seine Augen nicht richtig sehen konnte. Allein, dass er sie vor ihm verbergen wollte, war für Dai'thi schon Hinweis genug. "Du hast dir deinen Teil bereits gedacht, nicht?" Er seufzte leise und wünschte, er könnte es einfacher machen für ihn. "Das Verhalten des Kleinen ist auch eigentlich offensichtlich, wenn man ein wenig mehr in andere Richtungen denkt."

"Ist es das?" Langsam rührte Ninári seinen Tee um, während die Hilflosigkeit in der Miene seines Bruders ihn noch nervöser machte, als er ohnehin schon war.

Wieder schwieg Dai'thi, wusste nicht so recht, wie er beginnen sollte. "Es ist alles viel komplizierter, als es dir jetzt schon scheint", erklärte er endlich, ohne zu wissen, dass die Worte Ninári einen Schreck einjagten. "Du weißt von dem Chip, den er und Finn tragen; der für ihren Charakter zuständig ist. Er bewirkt, dass die Wesen, die ihn tragen, sich bedingungslos und abgrundtief in ihren Besitzer verlieben. Wenn Laites dich wirklich als seinen Besitzer ansieht, selbst wenn es für dich nur ein Wort ist, liebt er dich."

Ninári zuckte so heftig zusammen, dass er sich fast den Tee über die Hände geschüttet hätte; seine Augen weiteten sich, als ihm die Worte von Finn wieder einfielen, der ihm dasselbe gesagt hatte. /Wie habe ich das nur vergessen können! Wie habe ich... warum habe ich... Warum habe ich dieses Wort verwendet, als ich ihn fragte, ob er bei mir bleiben will?/

Er wusste es, es war Laites so wichtig erschienen. Und ihm war es so wichtig gewesen, dass der Katzenjunge sicher und gut versorgt war, dass er fast alles getan hätte, um ihn zu sich zu holen. /Ich bin so ein Narr!/ Es war nicht schlimm, dass er ihn liebte, auch wenn es Probleme mit sich brachte, denen Ninári sich am liebsten nicht stellen wollte. Doch der Schmerz, der mit einem Mal durch ihn hindurch raste, war anderer Art, und er war nahezu unerträglich.

Eilig stand Dai'thi auf, als er bemerkte, was seine Worte bei seinem Bruder angerichtet hatten, und trat zu ihm; er nahm ihn in den Arm, und Ninári lehnte sich dankbar an ihn, als er die Tränen kommen spürte. Dai mochte keine Ahnung haben, warum es ihm mit einem Mal so schlecht ging, doch seine Nähe war tröstlich.

"Du kannst ihn nicht dazu bringen, bei dir zu bleiben und nicht verliebt zu sein", fuhr Dai'thi weiter fort, leise nur, während er ihm sacht durch die Haare streichelte. "Tarlant meinte, diese Liebe könnte nur durch eine Enttäuschung ausgelöscht werden, die so tief ist, dass sie das Wesen umbringt. Aber es ist eine Möglichkeit, dass du ihn weiter gibst. Wenn es eine Frau ist, würde er diese dann lieben."

Er wollte nicht weitersprechen, doch er hielt es für unfair, ihm etwas vorzuenthalten. "Sie meinte jedoch auch, dass er sich von je her schon immer mehr zu... Männern hingezogen gefühlt hat. Er ist eine Kreuzung aus Menschenjunge und Katze, und diese ist weitgehend für seine Instinkte und Gefühle zuständig."

Ninári drückte das Gesicht gegen den warmen Körper, dessen starken Arme ihn so sicher und schützend umfingen und biss sich auf die Lippe, um nicht aufzuschluchzen. "Ich gebe ihn nicht her; er ist kein Gegenstand, den man einfach weiterverschenkt. Er lebt, er denkt. Er fühlt."

"Ich weiß."

Die Antwort war leise und weich und ließ Nináris Kehle noch enger werden. Dai'thi wusste nichts, und er konnte es ihm auch nicht erklären. Ihm nicht erklären, dass es nicht weh tat, weil Laites ihn liebte, sondern dass es nahezu unerträglich war, weil er jeden anderen auch geliebt hätte, gleichgültig wen, wenn dieser andere sein Besitzer gewesen wäre. Gleichgültig, ob es er war, Dai'thi, die Hohe Mutter, der Mann hinter dem Tresen in der Hotelhalle oder sonst jemand. Es war das Programm eines Chips und kein Gefühl.

 

Als Ninári am nächsten Morgen aufwachte, war er wie zerschlagen. Er hatte schlecht geschlafen und wirre Träume gehabt, an die er sich jedoch nicht mehr erinnern konnte. An was er sich aber sehr wohl erinnerte, war Dai'this Erklärung zu dem Chip, den Laites in sich trug. Eine Ewigkeit starrte er blicklos auf das hellgraue Plastik über sich, ohne wirklich zu denken, ehe er sich dazu aufraffen konnte, seine verdrehte Bettdecke beiseite zu schieben und sich aufzusetzen.

Als er den Vorhang beiseite schob und heruntersprang, wobei er wie gewöhnlich die Leiter ignorierte, hoffte er, dass eine heiße Dusche ein wenig seiner Sorgen davon spülen würde oder zumindest das drückende Gefühl in seinem Kopf. Sich bewusst nicht nach der Nische von Laites umdrehend, verschwand er erst einmal im Bad, wo er nach einem Blick in den Spiegel feststellte, dass er in etwa so aussah, wie er sich fühlte.

Laites hatte den Morgen über glücklich verträumt, während er darauf wartete, dass Ninári aufwachte. Es dauerte unerwartet lange. Als sein geliebter Besitzer endlich aus seiner Nische herabsprang, wendete er sich gleich dem Bad zu, sah nicht einmal zu Laites hin. Auch nicht zum Frühstückstisch, mit dem Laites sich an diesem Morgen noch mehr Mühe gegeben hatte.

Anstelle von Blumen hatte er an diesem Tag die kleine Decke auf den Tisch gelegt, die er in den letzten Tagen selber bestickt hatte. Es war nicht gerade seine Lieblingsbeschäftigung, aber die violetten Schmetterlinge, die Nináris Platz umgaben, erinnerten ihn sogleich wieder an den Tempelgarten und an die Küsse. Geduldig wartete er darauf, dass Ninári wieder aus dem Bad herauskommen würde.

Als Ninári endlich wieder ins Zimmer trat, fühlte er sich ein wenig besser, doch der liebevoll gedeckte Tisch brachte seine düsteren Gedanken zurück. Sein Magen krampfte sich zusammen und ließ ihn jeden Appetit verlieren. Einen Moment lang hielt er inne, starrte ihn an, bis ihm bewusst wurde, dass Laites ihn vermutlich beobachtete. Und aus welchem Grund auch immer der Katzenjunge die Gefühle hatte, die er ihm entgegen brachte, er hatte sie, und Ninári wollte ihn nicht verletzen. Er zwang sich zu einem Lächeln, sah hoch zu ihm und wie erwartet in die kaffeebraunen Augen. "Die Decke ist wunderschön. Du hast sie selber gemacht, nicht wahr? Du hast Talent dafür."

Laites Wangen röteten sich. Verlegen winkte er ab. "Nein, ich hab nur Übung. Du siehst so müde aus, Ninári. Hast du nicht gut geschlafen?" Besorgt umfing Laites eine seiner Hände und zog ihn zum Tisch. "Ich hab dir einen Tee geholt, möchtest du etwas anderes trinken?"

"Nein, Tee ist gut. Danke." Nináris Lächeln schwand, als er sich setzte, ohne Laites' Hand loszulassen. Sie war warm, umfing ihn mit sanftem Druck, und er wünschte sich, dass die Besorgnis in der Stimme des Katzenjungen nicht einem Chip entspringen würde. /Aber er empfindet so. Es ist ja nicht, als ob es falsch sei. Als ob er es mir vorspielen würde./

Er griff nach dem Becher und trank einen kleinen Schluck, während er der noch zugezogenen Nische von Finn einen Blick zuwarf und bei einem zweiten feststellte, dass Dai'thi wohl schon wieder auf und am Trainieren war. "Laites... wie wäre es, wir gehen nach dem Frühstück noch mal in den Tempelgarten? Du warst nicht gegen die Blumen allergisch, und es ist schön ruhig dort."

Laites nickte eifrig. Es betrübte ihn, Ninári so unglücklich zu sehen, aber sehr offensichtlich war das Wissen um den Grund dafür nicht für seine Ohren gedacht. /Das kann ich nicht von ihm verlangen. Es geht bestimmt um seinen Bruder./

Der Garten der Tempelanlage war an diesem Morgen weitaus stiller. Niemand war auf den Wegen und in den Hallen zu sehen, es war keine Musik zu hören, und die Grasflächen lagen verlassen da. Laites deutete auf die kleine Rosenlaube, neben der sie am Tag davor gesessen hatten.

Ninári hielt ihn nicht im Arm, wies auch seine Hand ab, aber Laites dachte bei sich, dass es an den Regeln des Tempels liegen mochte. Einige Schmetterlinge umflatterten sie, und Laites haschte kurze Zeit von seiner Sorge abgelenkt nach ihnen, lachte leise und folgte dem Schwarm ein wenig.

Ninári beobachtete ihn, spürte die Zuneigung zu dem Katzenjungen in sich nur noch wachsen, als dieser so fröhlich und unbeschwert über die Wiese tollte. Er setzte sich wieder vor die Bank und schlüpfte aus den Sandalen, um das warme Gras unter seinen nackten Füssen zu spüren, während er darauf wartete, dass Laites sich ausgetobt hatte.

/Ich muss wieder tanzen/, dachte er. /Ich habe gestern gemerkt, dass ich steifer geworden bin, das geht nicht./ Doch er verschob es auf später, genoss stattdessen die warmen Sonnenstrahlen, während sein Blick nach wie vor dem ausgelassenen Laites folgte. /Wann ist das passiert? Wann habe ich mich verliebt?/ Es war eine überflüssige Frage, doch er stellte sie trotzdem. /Und warum soll die Göttin Liebe geben, wenn man sie nicht empfinden soll? Aber er liebt mich nicht. Das ist nur sein Programm. Ich muss es ihm sagen, muss ihm sagen, warum ich so eigenartig bin./ Als er sich endlich zu ihm setzte, konnte Ninári einfach nicht wiederstehen und zauste ihm durch das verschwitzte Haar.

"Na, geht es dir jetzt besser?", lächelte er und musterte die geröteten Wangen.

Laites erwiderte das Lächeln unsicher, dann fragte er "Und dir auch? Du siehst jedenfalls nicht mehr so müde aus, Ninári."

"Ein wenig, ja. Die Sonne ist schön, und ich freue mich, dass es dir hier gefällt. Denn dann wird es dir auch bei mir zu Hause gefallen." Kurz sah Ninári sich um, doch außer ihnen war niemand zu entdecken.

Er griff nach Laites' Hand und nahm sie zwischen seine. Sacht streichelte er sie, fuhr die einzelnen, menschlichen Finger nach, legte ihre Handflächen aufeinander und registrierte bewusst, dass der andere einen Finger mehr hatte als er, was sie breiter wirken ließ, obwohl sie so schmal war.

/So schöne Hände.../ Dann seufzte er leise und wandte den Blick davon ab, um ihm ins Gesicht zu schauen. "Laites, Dai'thi und ich, wir haben gestern über dich gesprochen. Tarlant hat den Chip erwähnt, den du in dir trägst. Und auch Finn hat darüber schon etwas erzählt."

Er hob die Hand an seine Lippen und küsste die weiche Innenfläche. "Ich möchte nicht, dass du denkst, dass ich dich deswegen weniger mag. Aber ich will, dass du weißt, dass es nicht einfach für mich ist, damit du verstehen kannst, wenn ich mich seltsam verhalte. Du bedeutest mir so viel, Laites, aber die Tempel sagen, dass es nicht sein darf. Dafür könnte ich vielleicht eine Lösung finden. Irgendetwas. Nur an was ich nichts ändern kann, ist..." Er verstummte, wusste nicht, wie er es ihm sagen sollte, ohne ihn zu verletzen, ohne dass er es falsch verstand, doch er fand keinen Weg.

"Es ist sehr schwer für mich zu akzeptieren, dass du mich aufgrund eines Chips liebst, Laites", sagte er schließlich leise. "Weil ich dein Besitzer bin. Nicht weil ich bin, wer ich bin. Und dass du jeden anderen auch lieben würdest, wenn er dein Besitzer wäre."

Laites spürte, wie seine Brust und sein Bauch zu schmerzen begannen. Ninári sagte solch verwirrende Dinge. Ihm wurde schwindelig, während er eine Hand an seine rechte Halsseite hob, um die feine Narbe zu ertasten.

Was hatten sie im Labor noch gleich erklärt? Sie hatten ihm gesagt, dass er Pech hatte. Dass sein Chip nicht den gewünschten Ausgleich zu schaffen schien, so dass er trotzdem Allergien hatte, dass seine Gefühle ihn verwirren würden, trotzdem, aber doch nicht deswegen!

Langsam entzog er Ninári die Hand und wendete sich ab, seine Eckzähne gruben sich in die Unterlippe, und er spürte den scharfen Schmerz, bevor ihm auffiel, dass sich Tränen aus seinen Augen lösten und über seine Wange liefen.

"Chip", flüsterte er heiser. "Nur deswegen?" Was er versuchte zu begreifen war, was noch alles er nur fühlte, weil der Chip es wollte. /Dann mag ich seine Haare nicht wirklich? Dann belügt mein Herz mich, wenn ich ihn sehe? Mein Bauch, wenn er mich krault? Mag ich seine Augen nicht? Mag ich es nicht wirklich, wenn er mich lobt, wenn er mir sagt, dass er mich gern hat? Hat er mich gern?/

Laites warf einen schnellen Blick auf Ninári neben ihn. Wo zuvor übersprudelnden Freude und Wärme gewesen waren, fühlte er nun Niedergeschlagenheit. /Er glaubt mir nicht, will mir nicht glauben... der Tempel. Gestern hat er es noch gesagt, und diese Schwester hat ihn so merkwürdig angesehen... also will er mich nicht? Dass ich jeden anderen lieben würde? Aber das will ich nicht! Er will nicht, dass ich ihn liebe? Ohne ihn lieben zu dürfen, ertrage ich seine Nähe aber nicht./ Ganz langsam stand Laites auf, sah Ninári nicht noch einmal an, bevor er aus dem Stand loszulaufen begann. Weg, so schnell er konnte weg von diesem beißenden Schmerz.

Es war ein Fehler gewesen. Ninári wusste es in dem Moment, in dem er die Verwirrung und den Schmerz in den braunen Augen sah, noch ehe die Tränen zu fließen begannen. Als der Katzenjunge aufstand, wollte er ihn wieder zu sich ziehen, wollte irgendetwas tun, um dessen Schmerz zu lindern, doch er wagte nicht einmal, ihn zu berühren. Aber als er so unvermittelt losstürmte, erschrak er zutiefst.

"Laites!" Doch der andere drehte sich nicht um. Panik erfasste Ninári und ließ ihn aufspringen. "Laites! Komm zurück!" Er nahm sich keine Zeit, um in seine Sandalen zu schlüpfen, als er ihm hinterher stürzte. Wirre Bilder huschten durch seinen Kopf, was alles passieren könnte, dass er nicht wieder zurückkam, dass er ihn zu tief verletzt hatte, dass er vor einen Gleiter rannte, so kopflos wie er schien. Es waren tausend Visionen des Schreckens, die ihn nur schneller laufen ließen. "Laites!"

Laites rannte schneller als nötig, schlug Haken um Büsche und Lauben. Er wusste nicht, wohin er lief, aber es interessierte ihn auch nicht, bis er stolperte und fiel. Er rollte sich geschmeidig ab, aber konnte nicht mehr aufstehen, weil ein Niesanfall ihn hinderte. Hastig sah er sich um. Er war in ein Blumenbeet voller hellblauer Blümchen gefallen, Pollen färbte seinen Kopf schon fast gelb.

Seine Augen begannen zu jucken, und Laites nieste noch einige Male, während sich zu den Tränen aus Trauer nun auch Tränen wegen des allergischen Anfalls mischten, den er durchzumachen begann. Wütend begann er an der Haut über dem Chip zu kratzen, wollte ihn rausreißen, zerstören, vernichten, bis nur noch er da sein würde und kein Chip mehr, der ihm sowieso nicht mehr helfen würde.

Es tat weh, und seine Augen brannten, weswegen er seine Hand brauchte, um darüber zu reiben. Es interessierte ihn nicht, ob er blutete oder dass er nun fürchterlich aussehen musste. Alles war egal, denn Ninári hatte ihm vorgeworfen, dass er nicht ehrlich fühlen konnte.

Laites hatte es gerade auf die Wiese zurückgeschafft, als die Atemnot zu all den anderen Problemen hinzukam. Er konnte einige der Leute, die auf der Wiese spazieren gegangen waren, auf ihn zulaufen sehen, aber fiel verzweifelt nach Luft ringend zu Boden.


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig