Kemjalas Plan

14.

Trotz aller Mühe hatte Ninári es nicht geschafft, den Katzenjungen einzuholen, und auf seine Rufe hörte er auch nicht. Also war er ihm einfach nur hinterher gerannt. Es tat ihm leid, was er ihm erzählt hatte, er wünschte, er hätte es nicht getan oder anders. Er wünschte, er hätte sich zusammenreißen können, er wünschte, dass es keinen Chip geben würde, doch es war vergeblich. Sein Fuß schmerzte, weil er in irgendetwas hinein getreten war, aber er ignorierte es.

Dann sah er Laites fallen, sich abrollen und in einem Blumenbeet landen. Als Laites zu niesen und an der Narbe zu kratzen begann, sich wieder aufrappelte, nur um schließlich auf der Wiese nebenan zusammenzubrechen, steigerte sich seine Angst zu Panik. /Er erstickt! Oh Herrin, lass ihn nicht ersticken!/ Hastig sah er sich um, entdeckte einen Gärtner, der gerade dabei war, ein Blumenbeet zu wässern und jetzt neugierig und besorgt zu dem gefallenen Katzenjungen hinsah, aber ob der anderen, die schon auf ihn zu eilten, nicht auch noch hinlief.

"Darf ich?", fragte Ninári und riss ihm den Schlauch aus den Händen, ohne auf Antwort zu warten. Er zog ihn weiter, bis er am Ende der Reichweite angelangt war, was gerade noch ausreichte, um den kalten Strahl auf Laites zu richten. Das Wasser spülte die gelben Pollen davon und das Blut. Dann bekam Laites offensichtlich auch noch davon in die Lungen und musste husten.

Erschrocken ließ Ninári den Schlauch fallen, kümmerte sich nicht um die aufgeregten Stimmen hinter sich, als er sich auf die nasse Wiese zu Laites kniete und ihn in die Arme zog. Er presste ihn an sich, wiegte ihn in den Armen und betete verzweifelt, dass der Anfall aufhören möge. "Laites, ich bin da. Es tut mir leid. Geht es wieder? Bekommst du genügend Luft? Soll ich eine Heilerin rufen? Laites!"

Laites rang nach Atem; pfeifend und unter größter Mühe sog er die Luft in seine Lungen. Alles brannte, juckte, zog sich in seiner Brust zusammen. "Ta...r..lant... bit...te..." Mehr konnte er nicht hervorbringen, seine Luft reichte einfach nicht aus.

Ninári spürte die Tränen nicht, die ihm über die Wangen liefen, als er hochsah, in hilflose Gesichter, die er nicht kannte. "Holt eine Priesterin, bitte! Irgendjemand muss zum Tempel laufen und eine Heilerin holen! Er erstickt sonst!"

Es dauerte nicht lange, bis sich eine schmale Hand sacht auf seine Schulter legte. "Lass ihn los", sagte eine weiche Frauenstimme, und Ninári folgte ihr sofort, indem er Laites vorsichtig auf den Boden legte. Jemand kniete sich neben ihn, schlanke Finger glitten über Laites' Körper, schienen zu tasten, zu suchen und dann innezuhalten.

Es brauchte nur Momente, bis sich Laites' Atem beruhigte. Erst jetzt konnte Ninári aufblicken und zu der Priesterin hin, die so schnell gekommen war, dass er vermutete, dass sie schon gerufen worden war, noch ehe er danach verlangt hatte. Ihre blaugrünen Augen waren geschlossen, und ihr langes Haar fiel über ihre fast weißen Schultern, umspielte sie wie die Wellen des Meeres, die auch in dem eng anliegenden, blauen Kleid eingefangen worden zu sein schienen.

Dankbarkeit und Erleichterung durchfluteten Ninári so warm und heftig, dass ihm die Stimme versagte. Sie war nicht alleine da, sondern hatte zwei Tempelwächter mit dabei, welche die Schaulustigen zum Weitergehen veranlasst hatten und die jetzt in respektvollem Abstand warteten.

Als Ninári sich wieder zu ihr wandte, konnte er beobachten, wie die aufgekratzte Haut heilte, während Laites immer ruhiger wurde. Erst dann öffnete sie die Augen und erwiderte seinen Blick, allerdings nur sehr kurz, ehe sie sich wieder zu dem Katzenjungen wandte. "Geht es wieder, Laites?"

Laites holte einige Male tief Luft. Die Panik fiel von ihm ab, der Schmerz und die Trauer jedoch blieben. Dumpf in seinem Inneren hallten die Sätze wieder, mit denen Ninári sein Glück beendet hatte. /Dass du jeden anderen auch lieben würdest, wenn er dein Besitzer wäre. Das ist nicht wahr... das... er würde mir doch niemals glauben, dass es nicht wahr ist! In seinen Augen belüge ich ihn und bin nichts weiter als ein Ding mit Chip!/

Laites sah die Frau in der blauen Kleidung kurz schüchtern an, dann setzte er sich auf und flüsterte ihr seinen Dank zu, bevor er sich mühsam aufrappelte, um mit unsicheren Schritten fortzugehen. /Aber wohin? Zu wem? Ich kann nicht allein sein? Wohin nur? Tarlant.../ Er hatte nach ihr gefragt und wusste, dass nur sie ihm helfen konnte.

Den Katzenjungen ohne einen Blick weggehen zu sehen, tat weh. Ninári biss sich auf die Lippe und wischte sich hastig die Tränen aus dem Gesicht, ehe er noch einmal zu der Hohen Schwester hinsah.

Sie lächelte und stand auf. "Du solltest ihm folgen."

"Danke", murmelte er, ehe er ebenfalls aufsprang. Jetzt fühlte er den Schmerz in seinem Fuß deutlicher, doch er ließ sich nicht davon aufhalten, als er eilig Laites hinterher humpelte. "So warte doch, Laites!"

Dieses Mal holte er ihn ein, und bevor er ihm wieder davon laufen konnte, griff er nach seinem Arm, hielt ihn fest und drehte ihn zu sich um. "Hör mir doch zu! Lauf nicht weg! Es tut mir leid, was ich gesagt habe. Ich wollte dir nicht weh tun; auch wenn ich wusste, dass es das tun würde. Aber ich wusste nicht, wie sehr. Es tut mir so leid..."

Laites senkte den Blick. "Ich weiß", flüsterte er noch immer heiser. Dann sah er Ninári in die Augen und fragte müde "Aber wirst du nicht immer wieder daran denken? An den Tempel und an den Chip? Wenn ich dich jemals wieder küssen dürfte, wirst du an den Chip denken und nicht an mich, falls..." /Falls ich ihn küssen dürfte. Das wird doch nie wieder der Fall sein. Warum will ich das nur so sehr?/

Ninári hatte geweint, hatte sich Sorgen gemacht, er hatte sich verletzt. Erst in dem Moment fielen Laites all die Dinge auf, die seine Schuld waren, die Ninári seinetwegen zugestoßen waren, und er erschrak zutiefst. "Es tut mir auch leid, Nin. Mehr als dir. Es ist alles meine Schuld! Tut es sehr weh?" Er blickte bekümmert auf den leicht angezogenen Fuß, den Ninári auf diese Art entlastete.

"Es geht, es wird heilen. Geschieht mir nur recht." Ninári zog den nassen Katzenjungen in seine Arme und drückte ihn an sich; er wollte die Traurigkeit vertreiben, für die er doch selbst verantwortlich war. /Was habe ich da nur angerichtet?/

"Ich bin so dumm", flüsterte er. "Statt glücklich zu sein, muss ich alles kaputt machen. Ich habe dich so lieb, Laites, ich will nicht... Ich will dich nicht verlieren. Wir werden eine Lösung finden, bestimmt werden wir das. Es wird einen Weg geben. Es gibt immer einen."

Laites schnüffelte und legte langsam ebenfalls seine Arme um Nináris Taille. "Glaubst du, Nin?" Unsicher sah er sich um. Der Gärtner, zwei Wachen, einige Schaulustige und die Hohe Schwester beobachteten sie. Sonst hätte er Ninári mit Sicherheit geküsst. Er war noch immer nicht vollkommen von dem Schrecken befreit, aber glaubte doch daran, dass er glücklich sein durfte. Ninári ließ ihn so sein, wie er nun einmal war, entschuldigte sich, hatte ihn noch immer gern.

Erleichtert drückte Ninári ihn noch ein wenig fester an sich. "Ganz sicher, ganz fest." Dann schob er ihn wieder etwas von sich, so dass er ihm ins Gesicht sehen konnte und lächelte. "Du hast mich Nin genannt. Das mag ich", sagte er leise und wischte ihm die Tränen ab. Gerne hätte er ihn geküsst, doch er traute sich nicht. Nicht vor all den Leuten. "Wir müssen noch mal zurück, ich habe meine Sandalen bei der Laube stehen gelassen. Und dann gehen wir nach Hause, hm?"

Als er ihn losließ und sich umdrehte, sah er, dass Shasiya näher gekommen war, jedoch nicht nah genug, um zu hören, was sie redeten. Trotzdem fühlte er sich ein wenig unbehaglich, als er auf sie zuhumpelte; offensichtlich wollte sie noch etwas. "Hohe Schwester?"

Sie wies auf seinen Fuß. "Ich habe nicht gemerkt, dass du verletzt warst. Lass es mich heilen, Ninári. Setz dich."

"Oh." Er kam sich ein wenig dumm vor, als er verlegen lächelnd ihrer Aufforderung folgte, während sie bei ihm niederkniete. Als sie ihre schlanken, hellen Hände auf seinen Fuß legte, verschwand der Schmerz fast augenblicklich, und nur Momente später war die Wunde verschwunden, als hätte sie nie existiert.

"Sei beim nächsten Mal vorsichtiger, Bruder", sagte sie mit einem Lächeln und ihm war, als meinte sie nicht die Wunde.

"Das werde ich. Ich danke dir", sagte er und nahm es sich im gleichen Moment auch fest vor. /Ich werde darauf achten, dass ich ihn niemals, niemals wieder so verletze./

Ihr Lächeln vertiefte sich, als sie aufstand und den beiden Wächtern winkte. "Und Ninári... mach dir keine Sorgen. Die große Mutter liebt ihre Kinder. Alle. Immer." Damit wandte sie sich ab und ging mit den beiden Männern davon.

Röte schoss in Nináris Wangen, als er begriff, dass sie wusste. Er sah ihr hinterher, ehe ihm bewusst wurde, dass er noch immer auf dem Rasen saß. Hastig stand er auf und drehte sich zu Laites um, sah ihn ein wenig fassungslos an. "Laites, sie weiß es. Sie weiß es, und es stört sie nicht."

Laites blinzelte ein wenig, dann nickte er jedoch und schlang den Arm um Nináris Taille. "Sie hat dich gern, obwohl du mich gern hast?" Er sah der Schwester nach, die sich in die Gebäude entfernte, doch dann zog er Ninári mit sich. "Wollen wir zum Hotel zurück gehen? Ich sollte mich abtrocknen." Er sah an sich herunter. "Vielleicht sollte ich vorher noch einmal duschen."

Später in ihrem Zimmer bürstete Ninári Laites eine lange Zeit das Fell, bis dieser sich vor Wonne kaum noch rühren konnte. Laites war ohnehin zu erschöpft, um auch nur einen Finger zu heben. Schon bald konnte er nicht mehr auf Nináris Fragen antworten und schlummerte endlich, den Schwanz um dessen Beine gelegt, fort.

Ninári hielt ihn weiter ihm Arm, legte die Bürste jedoch beiseite, um ihn nur noch sacht zu streicheln. /Schmusekater/, dachte er zärtlich. /Mein Schmusekater. Ich werde einen Weg finden. Und wenn er dazu führt, dass Laites mich nicht mehr liebt? Gar nicht mehr?/ Ninári fröstelte und schob die Furcht weit von sich. Es würde nichts an seinen Gefühlen für ihn ändern, es wäre schmerzhaft, doch vermutlich besser.

Vorsichtig löste er sich von dem Katzenjungen und ließ ihn auf die Matratze gleiten. Er küsste sacht seine Stirn, ehe er ihn zudeckte und den Vorhang zuzog.

"Ruh dich aus, mein Liebling", flüsterte er. "Ich bin bald wieder da."

Rasch zog er sich um, denn die nasse Wiese hatte auch an seiner Kleidung ihre Spuren hinterlassen, bürstete sich noch einmal das Haar durch, dann verließ er ihr Zimmer. Dai'thi hatte ihm erzählt, wo Tarlant wohnte und arbeitete. Er würde sie aufsuchen und mit ihr reden. Wenn jemand helfen konnte, dann sie.

Die Arche zu finden war nicht schwierig. Fasziniert beobachtete Ninári die Bewohner des riesigen Aquariums eine Weile, das sie gänzlich zu umgeben schien, ehe er sich endlich abwenden konnte, um das Gebäude zu betreten. Ohne sich noch weiter ablenken zu lassen, ging er direkt zum Informationsschalter und erkundigte sich nach dem Casino, in dem sie arbeitete.

Es war recht unwahrscheinlich, dass sie im Moment frei hatte, denn dann hätte sein Bruder bereits davon erzählt und wäre aller Wahrscheinlichkeit nach bei ihr. Ein kurzes Lächeln huschte über Nináris Gesicht, verschwand jedoch auch fast sofort wieder, als er die große Halle durchquerte, um den Weg zu nehmen, der ihm genannt worden war.

Er hatte Glück. Nachdem er sich durch das trotz der dafür vermutlich frühen Stunde bereits volle Casino gefragt und verärgert einigen plumpen Annährungsversuchen ausgewichen war, fand er sie bereits im dritten Nebenraum. Erleichtert eilte er auf sie zu. "Sha'aina Tarlant! Vergeben Sie mir, dass ich störe. Aber haben Sie ein wenig Zeit für mich?"

Tarlant hatte ihren Tisch und die kristallene Kanzel, von der aus sie die dreidimensionalen Räder, in denen mehrere Kugeln zugleich entlang schießen würden, soeben begonnen aufzubauen. Es war noch ruhig. Hier würde sie für die nächste Stunde noch keinen Gast empfangen müssen, was sie stets als angenehm empfand. Dies war ein abgelegener Saal mit nur zwei Spieltischen, an denen auch nur die reicheren Spieler zu finden waren, sehr häufig vorangemeldete Gruppen.

Ein bekanntes Wort ließ sie herumfahren. /Sha'aina? Das kann doch nur einer sagen. Dai...!/ Doch die Stimme war heller gewesen, und vor ihr stand, als sie sich herumwendete, auch dessen Bruder. Auffällig in den hautengen, leuchtenden Kleidern, mit der goldenen Haarflut war auch er, wenngleich nicht derart spektakulär wie sein älterer Bruder, jedenfalls in ihren Augen nicht.

/Sein Name... Wie war der noch mal gewesen? Mit Ni.../ Sie lächelte den Kemjasheri'i durch das elektrische Feld an und entsicherte die Anlage, die sie während der Arbeit mit einer Schutzkuppel umgab. Der kleine Moment, den sie brauchte, um von der Kanzel herabzusteigen, reichte, um sich zu erinnern. "Natürlich, Ninári. Darf ich Sie auf ein Getränk einladen?" Mit einer kleinen Geste umfasste sie die Vorhalle mit den beiden Bars.

"Sie sind sehr großzügig, ich danke Ihnen." Ninári erwiderte ihr Lächeln erleichtert. Als sie ihn erreichte, stellte er das erste Mal fest, dass sie größer war als er. Die ganze Zeit über hatte er sie immer nur mit Dai'thi zusammen gesehen, da fiel ihre Größe nicht weiter auf. /Menschen sind im Durchschnitt insgesamt größer/, erinnerte er sich, während er nach ihrer Hand griff und sie für den traditionellen Gruß flüchtig küsste. Gemeinsam gingen sie zu einer der Bars und setzten sich auf die hohen Stühle aus Leder und Chrom.

Ninári bestellte nach einem kurzen Blick auf die Karte einen exotischen Tee, dessen Namen er noch nie gehört hatte, während sie die üblichen Höflichkeiten nach dem Befinden wechselten. Als die Getränke gebracht wurden und der Barkeeper sich wieder entfernte, strich er sich mit beiden Händen die Haare hinter die Ohren, wie um noch ein paar Sekunden Zeit zu schinden, und sah Tarlant dann direkt an.

"Sie können sich denken, dass ich nicht hier bin, um einfach nur ein wenig zu plaudern. Es geht um Laites. Dai'thi hat mir von dem Chip erzählt und was damit zusammenhängt." Er senkte den Blick auf den grünen Tee, wobei seine langen Wimpern seine Augen fast vollkommen verbargen.

Tarlant waren die Regeln des Anstands seiner Welt unbekannt, er konnte nicht erwarten, dass sie von sich aus wegsah, doch er wollte auch nicht, dass sie in aller Deutlichkeit bemerkte, wie wichtig ihm die Frage war. /Sie kann es sich ohnehin denken, was machst du dir vor? Bestimmt denkt sie es sich. Die Hohe Schwester hat es bemerkt, wie sollte Tarlant es übersehen?/ "Gibt es eine Möglichkeit, diese unnatürliche Liebe, die durch den Chip hervorgerufen wird, irgendwie zu umgehen? Gibt es einen Weg, sie zu unterbinden? Oder einen, um herauszufinden, ob die Liebe echt ist, die Laites empfindet oder nur künstlich, weil ein Programm es ihm vorschreibt?"

Tarlant hob eine feine Augenbraue, als die Erkenntnis sie erreichte. Entgegen der strengen Vorstellungen, die Dai'thi an den Tag legte und für die seines Volkes ausgegeben hatte, schien sein Bruder sich in Laites verliebt zu haben. Nachdenklich rührte sie in ihrem hohen Glas, vermischte die noch eben so dekorativ geschichteten Flüssigkeiten zu einer einheitlich roten. Vorsichtig nippte sie einen Schluck. "Ninári, gehe ich recht in der Annahme, dass es Ihnen also gar nicht so unangenehm wäre, wenn Laites ehrlich für Sie zu fühlen beginnt?"

Umständlich holte Ninári den Filter aus seiner Tasse und legte ihn auf das dafür vorgesehene Tellerchen, während er überlegte, was er ihr sagen durfte. /Wenn ich es jetzt einfach zugebe, wird sie es Dai'thi erzählen. Dai'thi darf es aber nicht erfahren!/

Er erschrak, als ihm einfiel, dass er Laites nicht gesagt hatte, dass er gegenüber seinem Bruder schweigen musste. /Wenn er jetzt aufwacht und Dai'thi kommt wieder! Oh Herrin, bitte, lass ihn schlafen./ Andererseits, wenn er ihr nicht die Wahrheit sagte oder wenn er ihr zumindest nicht das sagte, was sie hören wollte, vielleicht würde sie ihm dann nicht erzählen, was sie darüber wusste. /Warum gehst du überhaupt davon aus, dass sie dir helfen will? Nur, weil dein Bruder in sie verliebt ist? Sie war Assistentin bei LeRoux, und über den weißt du ja mittlerweile genug. Sie hat ihn unterstützt, hat in seinem Auftrag gelogen und betrogen./

Aber sie war seine einzige Möglichkeit, überhaupt mehr zu erfahren. Wenn jemand etwas wusste, dann sie. /Und Dai'thi meinte, sie bereut./ Zudem war es mittlerweile ohnehin gleichgültig. Wenn sie ihre Vermutung gegenüber seinem Bruder äußern würde, würde Dai'thi ihn danach fragen, gleichgültig, ob er hier abstritt oder nicht. Und ihn konnte Ninári nicht anlügen. /Herrin, er würde so enttäuscht von mir sein!/ Der Gedanke tat weh. Er wollte ihn nicht enttäuschen.

Mit dunklen Augen sah er auf und zu der schlanken Frau ihm gegenüber hin. "Sha'aina, ich bitte Sie inständig, erwähnen Sie Dai'thi gegenüber nichts. Ich weiß nicht, wie er reagieren würde." Er stockte kurz, ehe er doch weitersprach. "Ich empfinde viel für Laites, das ist wahr. Und seine Empfindungen auf ein Programm reduziert zu sehen, ist... schwer erträglich. Deswegen bitte ich Sie um Hilfe."

Tarlant unterdrückte ein Lächeln. Es schien tatsächlich, als hätte Laites es sehr gut getroffen. "Keine Sorge. Ich würde Dai'thi nie von Ihren Problemen berichten, genauso wenig, wie ich die Dinge, die er mir sagt, an Sie weitergeben würde. Das ist nicht meine Art."

Sie warf einen flüchtigen Blick zu den Spieltischen, aber noch war es ruhig. Deswegen nahm sie sich die Zeit und fragte nun doch neugieriger nach. "Ist denn etwas vorgefallen, das Ihre Besorgnis ausgelöst hat? Geht es Laites nicht gut? Hatte er vielleicht einen Anfall?" Verspätet fiel ihr ein, dass das Medikament, das Laites in dem Fall eigentlich stets bei sich tragen sollte, natürlich über die Entführung und die anderen sehr unangenehmen Begebenheiten schlicht vergessen worden war.

"Ich danke Ihnen, Sha'aina." Ehrlich erleichtert sah er sie an und konnte wieder lächeln, als er einen Schluck des auch ohne Zuckers leicht süßen Tees nahm, der nach unbekannten Beeren schmeckte. "Nun, Dai'thi hat mir von dem Chip erzählt und dass sich Laites dadurch automatisch in das Wesen verliebt, das er als seinen Besitzer ansieht. Ist das nicht Befürchtung genug, wenn man mehr für jemanden empfindet? Es ist nicht angenehm zu wissen, dass man nur aufgrund eines Programms geliebt werden könnte und unter Umständen einfach ersetzbar ist."

Trotz aller Dankbarkeit würde er ihr bestimmt nicht mehr erzählen von dem, was zwischen ihnen gewesen war. Bis auf eines. Sie hatte den Anfall angesprochen, und das nächste Mal würde vielleicht niemand in der Nähe sein, der helfen konnte. "Aber das hat nichts mit dem Anfall zu tun. Er hatte einen, ja, und es war Glück, dass wir in der Nähe des Tempels waren. Die Hohe Schwester ist rechtzeitig da gewesen, um ihn zu heilen."

Erst in dem Moment wurde ihm bewusst, wie groß das Glück wirklich gewesen war, und ihm wurde noch im Nachhinein schwindelig, als ihm klar wurde, dass Laites wirklich hätte sterben können. Seine Hand schloss sich fester um die Teetasse, als er den schmerzhaften Stich spürte. "Oh Herrin, er hätte ersticken können!"


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig