Kemjalas Plan

15.

Tarlant nickte bekümmert. "Es ist zum Teil auch meine Schuld. Durch all die Verwicklungen habe ich vollkommen vergessen, dass Laites seine Medikamente sicherlich nicht mehr bei sich trägt. Ich werde sie gleich nach meinem Feierabend raussuchen und Ihnen das Rezept zukommen lassen, damit Sie für den Fall, dass es noch einmal vorkommen sollte, die rechten Mittel zur Hand haben."

Sie runzelte die Stirn. "Aber Sie müssen keine große Sorge haben, dass Laites ungeschickt ist. Er weiß für gewöhnlich sehr genau, welchen Pflanzen er sich nicht nähern darf. Es muss ein Unfall gewesen sein. Im Labor ist es ihm in den letzten Jahren nur einmal passiert, dass er starke Atemnot erlitten hat."

Sie bemerkte aus dem Augenwinkel, wie einer der angemeldeten Kunden in der Bar gegenüber eintraf.

"Ich habe nicht mehr viel Zeit, deswegen sage ich es nur schnell, erkläre nicht lange. Wenn Sie wollen, können wir uns gern in drei Tagen an meinem freien Nachmittag noch einmal treffen, dann kann ich Ihnen mit etwas mehr Ruhe erklären, wie die Chips arbeiten."

"Ich danke Ihnen, Sha'aina. Das erleichtert mich sehr. Ja, es war ein Unfall, und ich war leider nicht unschuldig daran. Wenn Sie mir mehr dazu erzählen würden, komme ich gerne auf Ihr Angebot zurück, es ist sehr freundlich von Ihnen."

Ein kleines Lächeln huschte über Nináris Gesicht. Er würde es nur nicht zu lang machen dürfen und ihren gesamten Tag belegen, sonst würde sein Bruder nicht sehr glücklich darüber sein. Alles in allem war er sehr froh, sich so spontan dazu entschlossen zu haben, zu ihr zu kommen. Mit einem Mal konnte er sogar Dai'this Zuneigung zu dieser Frau verstehen.

Sie trank ihr Glas aus und legte sich die Worte zurecht. Schließlich nickte sie leicht. "Es ist so, dass die Kreationen eigene Gefühle haben, Wünsche, Gedanken. Sie können diese nur nicht über die des Besitzers stellen. Es ist ihnen nicht möglich, selbstsüchtig oder gar aggressiv gegen den Besitzer zu handeln. Aber Liebe ist nicht in der Form programmiert, wie Sie es verstanden haben, Ninári. Laites nennt es vermutlich Liebe, wenn man ihn fragt, aber er kann sich von dem Besitzer unabhängig sehr wohl verlieben. Ich habe Kreationen gesehen, die sich einen Lebengefährten, mit Einverständnis des Besitzers natürlich, gesucht hatten. Nur Kinder können sie nicht haben."

Sie seufzte und sah ihm forschend in das Gesicht. "Verstehen Sie, Ninári? Er liebt seinen Besitzer, vielleicht sogar mit allem, was er hat, aber er ist durchaus in der Lage, sich in eine unabhängige Person zu verlieben, auch wenn ich es von Laites fast nicht annehme, dazu war er schon zu sehr auf eine Einzelperson fixiert." /Auf mich zuvor, das weiß ich doch. Ich fand es lästig und nun? Nun denke ich, dass er rührend war, der Kleine./ Mit einem Mal sehnte sie sich nach einer Zigarette.

Ninári sah sie an, eine lange Zeit nur an, während er spürte, wie sich etwas in ihm zu lösen begann, etwas, das ihn eingeengt hatte, wie ein dunkler Schatten um ihn gewesen war. "Das heißt, er kann lieben, neben dem, was ihm der Chip vorschreibt. Und wenn er sagt, er liebt mich, dann... ist es nicht nur das, was er über den Chip empfindet?"

Plötzlich kam ihm ein Gedanke, der ihm das Blut in Perlwein zu verwandeln schien und ihn schwindelig werden ließ. "Sha'aina, noch eine Frage, dann werde ich Sie auch nicht weiter stören. Laites erwähnte einen Besitzer, den er hatte, bevor Finn ihn aus dem Labor entführte. Er hat sich damit nie offiziell von ihm getrennt, ist nie weiter verschenkt oder verkauft worden. Kann es sein... Ist es möglich, dass die Liebe, die der Chip hervorruft, noch immer auf diesen anderen Mann gerichtet ist?"

Tarlant winkte ihrem Kollegen zu, dann hob sie jedoch den Kopf und erinnerte sich. "Ja, das ist sogar sehr wahrscheinlich. Er war verkauft, als die Explosion stattfand. Sein neuer Besitzer, Hifna Jarales, war ein erstaunlich attraktiver junger Mann, der ihm sehr augenscheinlich auch gut gefallen hat. Laites ist vermutlich in seiner Auffassung noch immer im Besitz dieses Mannes. Oh. Es kann sogar sein, dass er die Erlaubnis, mit Ihnen weiterhin zusammen zu sein, von ihm einholen wird, wenn er ihn jemals wieder sehen sollte."

Besorgt sah sie Ninári in die hellen Augen. "Wenn das passieren sollte, dann müssen Sie Geduld haben mit ihm. Das kann eine schwere Zeit für Laites und auch Sie werden. Aber ich bin mir sehr sicher, dass die Trennung problemlos vonstatten gehen müsste, denn der Hifnasohn hat sich, bevor er abgereist ist, noch eine andere Kreuzung mitgenommen. Wenn er Laites' Platz ersetzt, dann wird Laites das auch dürfen."

Ninári lächelte, er war unendlich froh und erleichtert über ihre Antwort und gerne bereit, mit Laites alle Geduld der Welt zu haben. "So lange er ihn nicht für sich fordert und Laites bei mir bleibt, werde ich warten und so viel Zeit haben, wie Laites braucht."

Sie erhob sich, zog die eng taillierte, weinrote Jacke gerade und prüfte die Manschettenknöpfe mechanisch nach, bevor sie Ninári erneut die Hand reichte. "Ich bin so froh, Ninári, dass es Laites gut geht. Er hat es Ihnen vielleicht nicht erzählt, aber wir kennen uns schon eine sehr lange Zeit und haben viel miteinander erlebt. Ich war nicht immer so geduldig und freundlich, wie Sie es nun sind, aber gerade das gönne ich dem Kleinen von Herzen. Danke, dass Sie sich so sehr bemühen."

Ninári küsste ihre Hand zum Abschied, während er überlegte, dass sie wirklich sehr nett schien, wenn man sich länger mit ihr unterhielt. /Die Herrin schenkt Einsicht, und Dai'thi scheint Recht zu haben. Die Frau, die vor mir steht, würde mit Sicherheit nicht mehr bei LeRoux arbeiten./ "Ich danke Ihnen, Sha'aina. Sie haben mir sehr geholfen und mir das Herz leicht gemacht. Ich verspreche Ihnen, dass ich gut für ihn sorgen werde."

Tarlant nickte, durchquerte den Raum mit raschen Schritten und stieg die wenigen Stufen in ihre Kanzel hinauf. "Kommen Sie mich gern wieder besuchen, Ninári. Ich freue mich, wirklich." Und das tat sie. Es tat gut, wenn man jemanden hatte, mit dem man reden konnte. Tarlant hatte in all der Zeit niemanden gebraucht; sie hatte gearbeitet und war dadurch von derart vielen Menschen und anderen Rassen umgeben gewesen, dass es ihr gut getan hatte, wenn sie am Abend allein sein konnte.

Doch nun, trotz der Arbeit im Casino, trotz der vielen Kunden, mit denen sie in den Pausen oder nach Dienstschluss auch nicht selten einmal etwas trinken musste, weil die Höflichkeit es gebot, sehnte sie sich am Abend danach, mit jemandem wirklich zu reden.

Während sie die fünf Kugeln prüfte und die Kunden unter sich beobachtete, bevor sie die Einsätze verteilte, die ebenfalls dreidimensional aufleuchteten, dachte sie an den Abend mit Dai'thi zurück. Sie ertappte sich dabei, dass sie sich nach der Wiederholung von solch einem Abend zu sehnen begann.

Ninári verließ die Arche sehr beschwingt. Nach einem kurzen Abstecher auf einem der zahllosen Basare kehrte er ins Zimmer zurück, das er so vorfand, wie er es verlassen hatte. Finn und sein Bruder waren nicht da, die Vorhänge vor Laites' Bett waren zugezogen.

Er schob sie ein wenig zurück, um dann zu dem Katzenjungen zu klettern und sich zu ihm zu setzen. Lächelnd beobachtete er ihn, betrachtete sein zartes Gesicht, die geschlossenen Augen, sah die Katzenohren zucken. "Ta'ari", flüsterte er.

 

Finn hatte einige Tage gebraucht, um sich von dem Regenerieren zu erholen. Er spürte, dass er älter wurde, es begann ihm schwerer und schwerer zu fallen. Am Anfang seiner Existenz waren solche kleinen Problemchen wie Schusswunden, Schürfungen, Quetschungen, Verbrennungen zumeist verheilt gewesen, bevor er sein Schlaflager erreicht hatte.

Die beiden Fächerohren machten keinen Ärger, das empfand er als sehr angenehm. Nin umsorgte Laites, was sehr praktisch war, weil Finn damit von der Arbeit entlastet wurde, die er sich selber aufgesackt hatte. Dai, der größere, war Hals über Kopf in Tarlant verschossen. Finn hätte darüber gelacht, wenn es ihm nicht sogar entgegen kommen würde, dass er so stets wusste, wo sich diese befand.

In den ersten Tagen hatte Finn die Zeit mit dem Studium der sehr bizarren Sprache der oberen Kemjasheri'i-Kasten totgeschlagen. Dies tat er, weil die Fächerohren die unangenehme Eigenschaft hatten, sich in seinem Beisein nur in diesem Dialekt zu unterhalten.

Er brauchte nicht sehr lang, sein Gehirn war für das Erlernen von Sprachen besonders geeignet. Damit erfuhr er aus den belauschten Gesprächen, dass Tarlant in einem Casino arbeitete, in der Arche. Einem der edelsten Läden auf der Icesior. Da sie noch immer wütend auf LeRoux zu sein schien und zudem nicht fort konnte, beschloss Finn, dass er sie zunächst nicht beachten musste und vielleicht später sogar Hilfe von ihr erwarten konnte.

Sein nächstes Projekt war schwieriger. Er brauchte eine neue, günstigere Wohnung. Das beste Viertel um Job und Wohngelegenheit zu finden, war in seinen Augen der dunkle Distrikt, zudem war dort auch die einzige Möglichkeit gegeben, um Informationen über LeRoux zu suchen.

Der dunkle Distrikt hieß so, weil in ihm beinahe nur Wesen lebten, die lichtscheu waren, und weil das Licht der künstlichen Sonne dorthin nicht schien. Dieser Teil der Icesior lag tief im Rumpf, in der Nähe der gewaltigen Maschinen, die den fliegenden Planeten vorantrieben. Er bestand aus Häuserschluchten aus düsterem backsteinähnlichem Material, von Brücken, Tunneln, Durchgängen und Treppen in verwirrender Anordnung verbunden und dicht von dem heimlichtuerischen Volk besiedelt.

Finn mochte einige von den Rassen sogar recht gern, etliche weniger. Die Vampire waren ihm unheimlich, da sie sich schneller bewegen konnten als er, und die meisten Mitglieder der Zigeuner waren ihm auch nicht ganz geheuer, weil er stets den Eindruck hatte, dass sie mehr über ihn wussten, als sie ihm aus den Karten vorlasen. Ihr Lächeln war stets so wissend auf eine hinterhältige Art.

Nach einigen Streifzügen durch die ewige Dämmerung des dunklen Distrikts fand Finn einen Club, in dem in rauchiger Atmosphäre Livemusik spielte und die einfachen Bewohner der Icesior gern ihren Feierabenddrink nahmen. Dieser Laden brauchte einen Rauswerfer, und Finn war nach nur sehr kurzer Besichtigung seiner Argumente, vornehmlich in Form von Krallen und Zähnen, eingestellt.

Der Laden war in einem Eckturm untergebracht und dementsprechend rund, im Inneren wie eine Zirkusmanege aufgebaut. Die Aufführungen von teilweise begabten, manchmal eher unbegabten Musikern fand in der Mitte statt, darum herum standen die Tische, im Hintergrund das Podest, auf dem die Bar untergebracht war.

"Ich kenne den Besitzer deines Hotels, Finn. Du kannst dort also verbilligt wohnen bleiben, wenn es dir recht ist." Der dicke Inhaber stammte von den Zigeunern ab und lächelte wissend. Natürlich war es Finn recht, im hellen Distrikt zu bleiben, die Sonne würde ihm ohnehin fehlen. Er liebte es, auf der Wiese in der Nähe ihres Hotels zu liegen und sich das Fell wärmen zu lassen.

Es war abgemacht, und Finn beschloss, Laites seine neue Position mitzuteilen, weil er sich noch immer verantwortlich für ihn fühlte und im Falle, dass Laites auch Geld brauchte, sicherlich auch eine Position für ihn zu finden war.

Als Finn jedoch am späten Nachmittag zu ihrem Hotel zurückkehrte, fand er Laites eng an das kleinere Fächerohr geschmiegt. Die beiden flüsterten miteinander, und für Finn sah es sehr stark danach aus, als hätte Laites seinen neuen Besitzer davon überzeugt, dass dieser alles einfach nur noch zulassen musste, Laites' Liebe nur noch akzeptieren.

"Wie rührend, Laites hat es also geschafft?" Finn lehnte sich gegen den Pfosten von dem Bett und starrte Ninári forschend an. "Und? Der Herr Bruder weiß es schon? Ich hab mich über eure Fächerohrenreligion informiert, es ist mehr als verboten bei euch."

Mit einer aggressiven Bewegung sprang Finn auf das Bett und lehnte sich sehr dicht an Ninári heran, bevor er zischte "Wenn du den Flohsack verletzt, dann bring ich dich um, hast du das verstanden, Fächerohr?!"

Ninári war bei der Erwähnung seines Bruders zusammengezuckt, doch als Finn aufs Bett sprang, wich er nicht zurück, auch wenn ihm sehr wohl bewusst war, dass er dem Katzenmenschen körperlich weit unterlegen war. Er erwiderte den Blick mit dunklen Augen. "Rührend, dass du dich noch um ihn kümmerst. Sei gewiss, ich habe nicht vor, ihn zu verletzen. Zudem weiß mein Bruder sehr wohl über diesen Chip und seine Auswirkung Bescheid. Und alles, was darüber hinausgeht, geht dich nichts an. Also halte dich da raus!"

Finn rollte sich geschmeidig ab, nicht ohne Laites grob über die Haare zu wuscheln. "Ich hab ihn immerhin dazu gezwungen, sich den Besitzer selber zu wählen. Ich wollte nur mitteilen, dass ich einen Job habe und von nun an Nachts nicht mehr da sein werde."

Er hechtete in seine Koje und beobachtete die beiden anderen einige Augenblicke lang, dann grinste er zahnreich. "Viel Glück." Er meinte es, auch wenn er es nur zynisch sagen konnte, in Wirklichkeit ehrlich. Mit einer harschen Bewegung zog er den Vorhang vor.

Laites blickte von Ninári zu Finn, dann lachte er leise. "Er wollte, dass es mir gut geht, Nin", flüsterte er leise, direkt an Nináris Ohr. "Ich wünschte nur, dass er nicht Fächerohr sagen würde, ich finde dich schön, hör nicht auf ihn."

Ninári lächelte, wenn auch ein wenig gequält. Seine Gedanken waren noch bei den Worten von Finn, seine Religion und seinen Bruder betreffend. "Ich dachte mir, dass er dich mag. Auch wenn er dich immer Fehlkreuzung genannt hat, er hat sich um dich gekümmert. Und wenn er Fächerohr sagt, stört es mich nicht." Sacht streichelte er ihm über den Rücken und warf einen flüchtigen Blick auf den zugezogenen Vorhang, ehe er Laites einen schnellen Kuss gab. "Ich vermute, er wird nicht mit Dai darüber sprechen... aber ich sollte es tun."

Er schloss die Augen, als er seinen Bruder dachte. "Ich will es nicht. Er ist immer so fest in seinem Glauben gewesen, er richtet sich nach all den Geboten der Göttin, soweit ein Wesen das nur kann. Seit seiner Krankheit vielleicht sogar noch mehr als vorher." Einen Moment schwieg er, ehe er Laites wieder ansah.

"Ich habe Angst davor", flüsterte er. "Aber wie lange wird es noch dauern, bis er es von allein bemerkt? Wir teilen ein Zimmer, und ich kann nicht verbergen, wie viel du mir bedeutest. Nicht wirklich. Ich will dir immerzu nahe sein... und meine Augen verraten mich, wenn ich von dir spreche. Er kennt mich zu gut. Aber ich habe solche Angst vor seiner Reaktion."

Laites versteckte die immer wieder aufsprudelnde Freude, die Ninári ihn fühlen ließ und streichelte sein ernstes Gesicht entlang, berührte die Augenbrauen leicht, dann beugte er sich vor und küsste ihn auf die Wange. "Deine Augen ändern ihre Farbe entsprechend deiner Laune, nicht? Eben waren sie noch so dunkel, nun sind sie wie der Sommerhimmel so hell gewesen." Neckend berührte er die Lider mit den Lippen. "Auch wenn ich sie gerade nicht sehen darf."

Doch dann wurde er wieder ernst und stützte sich auf. "Soll ich dich mit Dai'thi allein lassen? Ist es leichter, wenn du mich nicht dabei hast? Obwohl, er ist so glücklich, wäre es nicht besser, wenn wir einfach vorsichtig sind und auf einen günstigen Moment warten?" Nachdenklich kaute Laites auf seiner Unterlippe herum.

"Ja, er ist glücklich; ich habe ihn selten derart glücklich gesehen." Ninári musste lächeln, als er an die strahlenden, leuchtenden Augen seines Bruders dachte, wenn er von Tarlant erzählte. Er seufzte und nickte, freute sich über den Aufschub und ärgerte sich gleichzeitig deswegen, weil er Dai'thi nicht hintergehen wollte; und doch kam es ihm so vor, als würde er das tun.

In dem Moment kam ihm ein Gedanke, der einen Silberstreif an seinen düsteren Horizont zu zeichnen schien. Ninári setzte sich auf. "Lass uns zur Hohen Schwester gehen, Ta'ari. Sie hat es akzeptiert. Oder zumindest hat sie es nicht verwerflich gefunden. Sie hat gesagt, die große Mutter würde all ihre Kinder immer lieben." Ein erleichtertes Lächeln huschte über sein Gesicht. "Wenn wir sie davon überzeugen könnten, mit ihm zu sprechen, dann würde er es vielleicht akzeptieren."

Laites sprang sofort auf. "Ich bin auch wieder ausgeruht genug, Ninári! Ich habe mich außerdem noch gar nicht richtig für die Heilung bei ihr bedankt. Darf ich mit dir kommen?"

Seinem Bettelblick konnte sein Besitzer natürlich nichts entgegensetzen, und so verließen sie recht schnell vor Einbruch der Dunkelheit noch das Hotel, um sich zum Tempel aufzumachen.

 

Finn hatte eine Stunde geschlafen, dann streckte er sich und beschloss, sich noch einmal zum Basar zu begeben, um dort nach einer geeigneten Waffe zu suchen. Sein schweres Jagdmesser war zwar fruchteinflössend, aber zum Rauswerfen von Betrunkenen aus einer Bar gänzlich ungeeignet. Energiegeladen sprang er aus dem Bett, bemerkte, dass auch Laites und sein Besitzer verschwunden waren und schloss die Tür deswegen zwei Male zu, bevor er sich zu den Wagen, die zum Basar fuhren, aufmachte.

 

Er ging. Endlich. Jessi hatte befürchtet, er würde das Zimmer gar nicht mehr verlassen, was ganz gegen die sonstigen Gewohnheiten des großen Katers gewesen wäre. Die kleinere Katze und der Priester waren auf einen ihrer längeren Trips verschwunden, der Große war mal wieder wegen dieser Frau unterwegs und würde auch nicht so schnell wiederkommen. Alles, was noch zwischen Jessi und dem so dringend benötigten Geld stand, war der große, aggressive Katzenmensch gewesen.

Bereits seit ein paar Tagen trieb sich Jessi in der Nähe herum, um herauszufinden, ob es das Risiko überhaupt lohnte, in das Zimmer einzubrechen. Doch auch, wenn es auf den ersten Blick nicht so aussehen wollte, hatten zumindest die beiden Kemjasheri'i einiges an Geld. Die Katzen allein wären eine zu magere Beute gewesen – nicht, dass er sich ihr Habe entgehen lassen würde, wenn er schon mal bei der Arbeit war.

Als der Kater die Tür doppelt verschloss und Alarmanlage einschaltete, verhielt Jessi sich vollkommen still, wagte kaum zu atmen in der Dämmerung hinter dem Lüftungsgitter, das dem Zimmer genau gegenüber lag. Diese Katzen hatten verdammt feine Ohren.

Durch das feine Gitter konnte er sehen, wie der Kater sich noch einmal davon überzeugte, dass alles korrekt eingestellt war, wie er sich geschmeidig streckte, wodurch man das Muskelspiel seiner starken Arme trotz des Fells erkennen konnte. Es ließ Jessi einen kleinen Schauer den Rücken hinabrinnen, als er sich vorstellte, von ihm erwischt zu werden. Dann lief der Kater fast vollkommen lautlos den Gang hinab und verschwand aus Jessis Sicht.

Jessi seufzte leise auf vor Erleichterung und ließ kurz die Schultern kreisen, um sich wieder zu entspannen. Er brauchte das Geld, und in den letzten zwei Wochen hatten sich viel zu wenig gute Gelegenheiten geboten. Das, was er bereits hatte, würde kaum ausreichen, doch er wollte ungern Schulden machen, schließlich musste er es nachliefern, und das würde schwieriger werden, je mehr sich ansammelte.

Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass der Gang wirklich leer war, löste er vorsichtig das Gitter aus seiner Halterung und stellte es ab, ehe er geschmeidig aus dem Wartungsschacht glitt und es wieder einsetzte, ohne es jedoch zu sichern. Man wusste nie, was geschah, vielleicht war ein schneller Rückzug von Nöten.

Rasch stopfte er eine dunkelrote Strähne unter sein schwarzes Kopftuch zurück und zog dieses noch ein wenig tiefer in die Stirn, während er sich erneut auf dem Gang umsah und dann zu der Tür trat. Aus den unzähligen Taschen seines langen, schwarzen Mantels beförderte er einen Schraubenzieher und diverse andere notwendige Kleinigkeiten hervor, ehe er sich etwas widmete, das er mittlerweile nahezu in Perfektion beherrschte.

Geübte, weiße Finger lösten Drähte, bauten Verbindungen ein, veränderten Schaltungen und setzten so fachgerecht und schnell die Alarmanlage außer Betrieb. Nach einem weiteren sichernden Blick holte er die Karte hervor, die ihn gutes Geld gekostet hatte, ihm aber nach einigen Manipulationen, die sie zu einer Art Universalschlüssel umfunktioniert hatten, auf der Icesior Tür und Tor öffnete. Zwar musste er manchmal ein wenig tricksen und ruckeln, doch sie tat ihren Dienst.

Dieses Mal funktionierte sie problemlos. Schnell trat er in das Zimmer ein und sorgte dafür, dass sich die Tür hinter ihm wieder schloss, während seine dunkelroten Augen bereits prüfend den Raum erfassten, der bei seinem Eintritt in Licht getaucht worden waren.

Ein fremder Geruch lag in der Luft, dezent nur, aber aromatisch. Vielleicht brannte der Priester regelmäßig Räucherwerk ab oder sie benutzten eigenartiges, ihm fremdes Duschgel. Kurz sah er zu der zweiten Tür hin, hinter der sich das Bad befand. Das konnte er sich vermutlich sparen, da es für alle Bewohner zugänglich und damit für die Aufbewahrung von Wertsachen ungeeignet war. Die Betten der beiden Kemjasheri'i lagen auf der rechten Seite, was mehr als offensichtlich war. Die beiden Katzenmenschen würden ihre Schlafnischen kaum mit einem Symbol dieser eigenartigen Göttin schmücken.

Jessi warf einen genaueren Blick auf die flache, helle Scheibe mit den drei konzentrischen, silbergrauen Kreisen, die auf einer kleinen Halterung in dem Regal des unteren Bettes stand. Seine Augen weiteten sich überrascht, und er trat näher, als er das Material erkannte, aus dem sie bestand. Remchar, ein sehr seltenes Metall, das ihm einiges an Geld bringen würde. Mit Sicherheit hatten sie vergessen, es einzuschließen. So etwas ließ man nicht offen herumstehen. Rasch ließ er die Scheibe in einer Manteltasche verschwinden, ehe er sich den Schränken zuwandte.

Wie er erwartet hatte, fand er in dem des Priesters relativ viel Schmuck; Ringe für Finger und Zehen, Kettchen mit Clips, die an den Ohrspitzen befestigt getragen wurden, Ketten für die Haare, andere für den Hals, Armreife, Spangen. Und ebenfalls ein Göttinnensymbol, allerdings eines von der bunten Sorte, das sämtliche Farben des Regenbogens auf einer Scheibe darstellte. Da er keine Ahnung hatte, was es wert sein mochte, und sich das erste bereits als so kostbar herausgestellt hatte, steckte er es ebenfalls ein.

Zudem entdeckte er auf einem Stapel aus drei Büchern einen kleiner Computer, der kaum so groß war wie zwei aneinender gelegte Handflächen. /Eines der neusten Modelle, mit einem Energiebildschirm, den man auf verschiedene Größen einstellen kann. Wow, die müssen echt Geld haben. Was machen die in einem Zimmer wie dem hier?/ Schnell ließ er ihn ebenfalls in seinen Taschen verschwinden, zusammen mit ein wenig Bargeld, das er in einer Schatulle fand und einigen Blankokarten, die er würde überprüfen müssen, ob sie Geld enthielten.

Im Schrank des anderen gab es leider nicht ganz so viel von wirklichem Wert. Er spürte etwas Bargeld und noch mehr Blankokarten auf, ein wenig Ohrschmuck, der zudem auch noch schlichter war, immerhin aber einen weiteren Computer der gleichen Art wie der des Priesters. Er musste lächeln, als er die kleine Schatulle fand, in der eine zarte Kette mit einem runden, mattsilbernen Anhänger lag, in dessen Mitte ein schimmernder Opal eingelassen worden war. Der Große musste wirklich schwer verliebt sein. In dieser Kultur war diese Form, der Kreis mit dem Punkt in der Mitte, das Symbol für Herz, Mittelpunkt und Lebenskraft. Jessi zögerte, dann klappte er das Kästchen wieder zu und ließ es, wo es war.

Dafür überlegte er nicht, als er auf die Waffe stieß, die sich auf dem Boden des Schrankes befand; die Zweililien wurde in einigen Gegenden der Icesior sehr geschätzt, besonders wenn sie von so guter Qualität war wie diese hier. Zwar würde sie sich etwas schwieriger als der Kleinkram tragen lassen, aber alles in allem war sie in ihrer momentanen Form nur ein knapp ein Meter langer, wenn auch schwerer Stock.

Einen Moment lang hielt er inne, um zu lauschen, doch als er noch immer nichts hörte, wandte er sich dem nächsten Schrank zu, dem des Katers. Fast hätte er einen leisen Pfiff durch die Zähne ausgestoßen. Der Kater besaß eine erstaunlich große Barschaft, verteilt auf wenigstens fünf Codekarten, als sei er schon länger in verschiedenen Welten unterwegs gewesen. Davon abgesehen schien er jedoch seinen Besitz bei sich zu tragen, denn ansonsten war der Schrank bis auf eine Shorts und zwei kurzarmige Hemden leer. Das sollte ihm jedoch ausgezeichnet weiterhelfen, um wieder eine neue Dosis zu besorgen. Es wurde langsam allerhöchste Zeit.


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig