Kemjalas Plan

16.

Die Stände auf dem Basar waren immer offen. Finn wanderte jedoch gar nicht erst hinein, sondern bog davor ab und fand das kleine Zigeunerzelt, in dem er sich gern einen Schlagaffen kaufen wollte, auf Anhieb wieder. Schlagaffen waren fantastische Tierchen. Sie verprügelten sinnlos und hirnlos alles, auf das man sie losließ. Man musste ihnen nur die Kappe von den Augen nehmen, schon wurden sie wild. Niemand konnte sich erklären, wie diese Tiere jemals in der Natur überlebt hatten. Es gab ärgerlicherweise keinen einzigen mehr im Angebot, so dass Finn sich lediglich die Zukunft voraussagen ließ, was erstaunlich schnell ging.

Die alte Frau mit den dunklen Augen und den Tonnen von Goldschmuck nahm sein Geld, dann verkündete sie "Du wirst beraubt, gerade jetzt." Mit einem listigen Blick wendete sie sich ab, und Finn brüllte ihr aufgebracht hinterher "Ja! Und zwar von dir, du blöde Alte!"

Er war so wütend, dass er sich, statt noch zu anderen Ständen zu gehen, nach Hause wendete, um sich in der letzten Nacht vor dem ersten Arbeitstag ein nettes Essen in der Hotelhalle und eine lange, heiße Dusche zu gönnen.

Finn schlich nicht wirklich und war auch nicht wirklich vorsichtig, aber er bewegte sich dennoch beinahe lautlos. Und es sollte sich das eine Mal ausgezahlt haben, dass er niemals unachtsam wurde. Als er in den Flur einbog, in dem sich die Zimmertüren aneinander reihten, bemerkte er doch gleich, dass etwas mit ihrer Tür nicht stimmte.

/Sie ist entsichert. Fächerohr und Flohsack sowie der Große wissen doch genau, dass ich es besser finde, wenn sie stets gesichert ist, ob jemand sich darin befindet oder nicht! Wozu haben wir eine verdammte Alarmanlage, wenn sie einfach ausgeschaltet wird!/

Grummelig schlich er den restlichen Weg und duckte sich lauernd, als er die Tür öffnete, um den anderen eine Lehre zu erteilen. Immerhin war seine Habe dort in dem Schrank verschlossen!

Doch wie wurde Finn überrascht, als die Tür zischend zur Seite glitt und sein Blick in das Innere fiel. Zunächst davon, dass sein Misstrauen sich ausgezahlt zu haben schien. In dem Raum befand sich tatsächlich ausnahmsweise einmal ein Feind, genauer gesagt ein Dieb. Finn wurde dabei noch viel mehr von dem Umstand überrascht, dass die alte Zigeunerin auch noch Recht gehabt hatte. Verdrießlich nahm er sich vor, zu ihr zurückzukehren.

Als nächstes verdrängte er weitere überraschende Gedanken und brüllte den kleinen, mit einem langen, schwarzen Mantel und einem ebenso schwarzen Kopftuch bekleideten Räuber an "Bleib bloß, wo du bist, du kleines Aas! Wenn dir dein Leben lieb ist, dann rührst du dich nicht vom Fleck!"

Jessi zuckte zusammen und wirbelte herum. /Scheiße/, dachte er erschrocken. /Verdammte Scheiße! Ausgerechnet der Kater!/ Im Bruchteil einer Sekunde wog er die Lage ab, die Krallen und die Zähne gegen das erbeutete Geld und den Schmuck, seine Chancen gegen die des Katers. Er kam zu dem Schluss, dass Flucht eine gute Alternative war. Wenn der andere ihm nicht gerade die Kehle zerfetzte oder das Herz herausriss, würde es schon irgendwie gehen, selbst wenn die Krallen ihn erwischten. Wenn er außerdem schnell genug war... /Ruhig Blut, du bist bis jetzt überall rausgekommen. Warte ab, bis er nah genug ist, dann an ihm vorbei und raus. Jetzt blockiert er alles./

Wenn Finn eines nicht vertragen konnte, dann war es Unehrlichkeit. Deswegen hasste er LeRoux, der ihn belogen und enttäuscht hatte. Deswegen war er in diesem Moment, in dem er einen Dieb in seinen Sachen erwischte, auch mehr als nur wütend.

Der andere wartete ab. Finn lehnte sich auch ein wenig an die Tür zurück und starrte ihn durch seine zu Schlitzen verengen Augen an. Er wusste, dass sich einige davor fürchteten. Der Kleine jedoch schien ihm nicht erschrocken genug. /Abgebrühtes, kleines Aas. Ich hab leider Zeit, ich kann warten. Wenn du denkst, dass ich dich angreife und du mich betäuben kannst... von deinem Kumpel vielleicht überfallen lasse, dann hast du dich geschnitten!/

Jessi starrte zurück, während sein Herz ihm bis zum Hals schlug. Er wusste, dass der andere ihm die Angst nicht ansah, aber er hatte welche, und zwar nicht zu knapp, wenn auch aus den unterschiedlichsten Gründen.

/Scheiße, was mache ich jetzt? Die Beute war so gut! Das hätte mich glatt rausgehauen. Das hätte gereicht! Scheißescheißescheiße!/ Hastig überschlug er, was er tun konnte. Auf den großen Kater losgehen und hoffen, dass der doppelte Überraschungseffekt ausreichen würde, einmal, dass er es überhaupt wagte und zum anderen, dass er wesentlich kräftiger war, als er mit seinen knapp einssechzig aussah. Oder hoffen, dass der andere Einsicht zeigte, wenn er sich reumütig gab und die Sachen freiwillig rausrückte. /Und von was träumst du sonst noch?/

Er schluckte trocken. Die hellblauen Augen fixierten ihn unerbittlich, schienen jede Bewegung schon zu erfassen, bevor Jessi sie auch nur gemacht hatte. Außerdem wusste der Kater offensichtlich genau, worauf Jessi es anlegte. /Der wartet darauf, dass ich den ersten Schritt mache. Scheiße! Der weiß genau, wie er mich kriegen kann! Und er muss nur lange genug warten, dann hat er mich. Früher oder später kommt jemand vorbei, den er schicken kann, um den Sicherheitsdienst zu holen. Und dann bin ich geliefert! Die machen mich fertig!/

So weit durfte es erst gar nicht kommen. Fieberhaft ging er die Pläne des Hotels durch, die er mittlerweile auswendig kannte, und fand doch nur heraus, was er ohnehin wusste, nämlich dass es ihm auch nichts bringen würde, sich im Bad einzusperren und dort durch die Lüftungsschächte zu flüchten – die waren nicht groß genug an der Stelle, sonst wäre er dadurch auch reingekommen.

/Ihn reizen? Damit er wütend und unvorsichtig wird?/ Keine gute Idee, der sah ohnehin schon wütend aus, und unvorsichtig war er trotzdem nicht. Jessi biss sich auf die Unterlippe.

"Okay, und was willst du jetzt tun?", fragte er schließlich. "Ich rühre mich nicht, siehst du?"

Finn überraschte es, dass der Dieb ihn ansprach. Die Stimme klang weich und freundlich, aber auch weitaus ängstlicher, gedrängter, als der Kleine es sich hatte anmerken lassen. /Ob er gezwungen wird? Egal. Ich kann es mir nicht leisten, auf meine Konten zu verzichten, dann komm ich hier nie wieder fort!/ "Du hast Schiss. Das hast du zurecht, kleines Aas." Eindrucksvoll genug fuhr Finn die Krallen aus und befahl "Leg die Beute dort auf den Fußboden, wo ich dich sehen kann, und zwar ganz langsam."

Jessi starrte auf die Krallen, nickte und wünschte inständig, einen Betäubungslaser zu besitzen. Doch die wirklich guten waren einfach zu teuer, so gute Beute hatte er noch nie gemacht, dass er sich einen hätte leisten können. Und die qualitativ niederen waren mit zu viel Risiko verbunden. Manche von denen waren derart schlecht, dass sie die Dosierung vermasselten und das Opfer töteten.

Langsam senkte er die Hände in die Taschen, in einer Geschwindigkeit, von der er hoffte, dass der Kater sie weder als Provokation empfand, noch als bedrohlich. /Ob er weiß, was die anderen in ihren Schränken hatten? Ob es ihn interessiert? Ob ich wenigstens etwas behalten kann? Oder ob er mich noch mal durchsucht? Scheiße! Was mache ich nur?/

Er ging in die Hocke und legte die Codekarten auf den Boden, zögerte kurz und fing dann ebenso an, die Sachen der anderen auszuräumen. Als alles beieinander lag, bis auf das, was ihm gehörte, stand er ebenso langsam wieder auf und wich einen Schritt zurück.

Finn betrachtete ihn forschend, dann nickte er leicht. Es waren zumindest alle seine Karten, und er konnte erkennen, dass dort die Geräte von den Fächerohren lagen. "Gut, ich bedanke mich, verschwinde." Ein wenig tat ihm der Kleine leid, nur deswegen ließ er ihn laufen. Zudem musste er anerkennen, dass er wirklich geschickt war.

Was ihn tatsächlich schon die gesamte Zeit irritierte, fiel ihm erst auf, als er auf den Dieb zuging, um die Dinge einzusammeln, die dieser vor sich ausgebreitet hatte. Der Kleine roch... anders. /Kein Mensch, er riecht nach.../ Abrupt riss Finn den Kopf hoch und sprang auf den anderen zu, um ihn festzuhalten und an den Haaren zu schnuppern. Nebenbei fiel ihm auf, wie makellos die Haut gerade am Hals des anderen war. Sie wirkte wie aus Sahne, vollkommen rein und eben. "Was bist du?!"

Jessi zuckte zusammen und keuchte erschrocken auf. Er versuchte zurückzuweichen, doch erstarrte, als er die Krallen des großen Katers durch den Stoff seiner Kleidung spürte. Mit aufgerissenen Augen starrte er ihn an, während sein Herz fast schmerzhaft schlug. /Scheiße! Ich dachte, er lässt mich wirklich gehen. Es war ein Trick! Wieso bin ich nur so blöd?/

"Ich bin... bin Ynis Jesmalar", brachte er hervor. "Jessi nennen mich die meisten."

Finn fauchte leise, dann hatte sein Gehirn diesen Namen soweit übersetzt, dass er über dessen Albernheit lachen konnte, anstelle den kleinen Kerl darauf hinzuweisen, dass er nicht nach dem Namen, sondern nach dem 'Was' gefragt hatte.

"Siebenundzwanziger Modell, soso. Und aus welcher Baureihe?" Er lachte noch einmal, ließ den Dieb jedoch nicht gehen, sondern riss ihm das schwarze Tuch vom Kopf, um nach der Herkunft für diesen altbekannten Geruch zu suchen.

Siebenundzwanzig hatte dunkelrote, dichte Haare, die sein rundes, helles Gesicht fransig umgaben, zum Teil versteckten. Finn grinste. Niedlich war er, irgendwie war alles an ihm rund und weich, dann aber wiederum ganz wie mit Widerhaken besetzt. Allein diese großen, runden Augen. Scheue Blicke, dichte schöne Wimpern, aber sie waren ebenfalls rot, fuhren ihn mit brennenden Blicken an, als er den Kleinen grob drehte. Gar nicht so weich und sahnig wie das Gesicht, aus dem sie ihm entgegenfunkelten.

Finn stellte nach einigem Schnuppern und nachdem er ihm den Mantel weitgehend ausgezogen hatte, fest, dass der eigenartige Geruch nach Kunst, nach einem Chip, von Siebenundzwanzigs gesamten Körper zu kommen schien. "Du riechst nach Kunst, von Kopf bis Fuß, Siebenundzwanzig."

Vollkommen fassungslos starrte Jessi ihn an. "Du... du riechst das?" Panik flackerte in seinen Augen auf; er sträubte sich gegen den Griff, hatte jedoch wenig Chancen, da der Kater den Trick beherrschte, ihn mit seinem eigenen Mantel ziemlich wirkungsvoll zu fesseln. Ihm war schon nicht wohl gewesen, als der andere seine unnatürlich roten Haare freigelegt und ihn so angestarrt hatte. Das war zu viel. /Wenn der rauskriegt, was die für mich zahlen, verpfeift er mich!/

"Scheiße!", keuchte er und tat das einzige, was ihm noch blieb. Er trat nach Finn.

Die Panik war neu, und die Vehemenz, mit der sich das Kerlchen verteidigte, ließ schon fast auf Todesangst schließen. Finn umfasste Siebenundzwanzigs Arme fester und zischte "Ich bin ein Kater, und ich bin ebenfalls eine Kreation. Halt still, Göre!"

Er griff ihm in die Haare und starrte auf seinem Hals entlang, tastete hinter die Ohren. Menschenohren, alles wirkte menschlich, aber der Kleine war es noch weniger, als er es war. "Meinst du, dass ich dich verrate, ausliefere oder umbringe, nur weil ich rieche, dass du einen Chip trägst? Verdammt, dann hast du mich nicht lang genug angesehen! Alles, was mir an dir nicht passt, ist deine nette Art, uns unseren Besitz zu stehlen!" /Na ja, der Priester schien mir aus einer reichen Familie zu stammen, ein wenig zu weich und verwöhnt. Aber es geht den Kleinen nichts an, dass der genug hat, das ist nun wirklich nicht der Punkt./

Die Haut war nicht nur ebenmäßig und perfekt, sie fühlte sich auch so an. Mit eingezogenen Krallen fuhr Finn am Nacken entlang, eigentlich nicht mehr, um nach der Narbe zu suchen, viel mehr um das Gefühl noch ein wenig zu genießen. Tatsächlich genau wie Sahne, kühl und perfekt, das Schönste und Reichste, was es gab.

"Hm, du schaust aus und fühlst dich an wie Sahne, Siebenundzwanzig." Finn zuckte zusammen und nahm die Finger fort. War das ein unterschwelliges Schnurren in seiner Stimme gewesen? Er sollte verflucht sein, wenn er den Kopf verlor über einen kleinen Räuber.

Jessis Herz raste noch immer, und die Stimme des Katers direkt neben seinem Ohr schickte einen Schauer seinen Rücken hinab. /Er ist ebenfalls nicht echt. Ebenfalls... künstlich. Er sagt, er verrät mich nicht. Aber er hat auch gesagt, er lässt mich gehen und jetzt hänge ich hier./ Aber er hatte die Krallen eingezogen gehabt, als er ihm über den Hals gestrichen hatte. /Als ob er etwas suchen würde. Und warum nennt er mich die ganze Zeit Siebenundzwanzig?/

Doch der warme, leicht vibrierende Unterton unter dem, was der Kater sagte, entspannte ihn ein wenig. Er hielt still, spürte den Atem über seinen Hals streifen und fühlte den Schauer erneut. Mit einem flauen Gefühl im Magen wandte er den Kopf zur Seite, um den Kater anschauen zu können, und der durchdringende Blick der hellblauen Augen, die jetzt jedoch wesentlich freundlicher wirkten, verstärkte es noch weiter. Im Moment sah er nicht mehr so aus, als wollte er ihm etwas tun, was Jessi den Mut zu fragen gab. "Was... was suchst du?"

Finn drehte den Kleinen ein wenig weiter herum und fuhr ihm mit der einen Hand in die Haare, um den Kopf ein wenig zurück zu ziehen, er ließ die Hände des Diebs gehen, aber blieb angespannt und vorsichtig, während er mit den Fingerkuppen über die Kehle fuhr. "Ich suche den Chip, wo ist die Narbe? Du musst auch einen tragen, ich kann es förmlich an deinem ganzen Körper riechen."

Jessi hielt vollkommen still, während der Kater die empfindliche Haut abtastete. Zwar hatte er die Krallen nach wie vor eingezogen, aber sie konnten schneller wieder ausgefahren sein, als ihm lieb war, und dafür war die Gegend, in der er sich aufhielt, einfach zu gefährlich. Trotzdem fühlte sich Jessi nicht mehr wirklich bedroht. Die behutsamen Berührungen kitzelten sogar ein wenig, fast war es angenehm.

Das erste Mal musterte Jessi den Mann wirklich bewusst, betrachtete das ihm so nahe, bartlose Gesicht mit den katzenhaften Augen in ihrem hellen Blau, die momentan jedoch nicht aggressiv oder stechend wirkten, sondern nur suchend. Das silbergraue, kurze Fell, das wie normales Haar seinen Kopf mit den Katzenohren bedeckte, zog sich über seinen gesamten, durchtrainierten Körper, ließ nur die Unterarme und die Hände aus, die gerade ein so reges Interesse an Jessis Hals bewiesen. Im kühlen Licht der Spotlights wies es einen leichten Roséschimmer auf, der nicht so recht zu dem großen Kater passen wollte.

Während sich die Untersuchung hinzog, wurde Jessi klar, dass der andere zwar roch, dass etwas nicht stimmte, aber es einer anderen Ursache zuordnete. /Chip... Er spricht von einem Chip! Er hat keine Ahnung./ Die Erleichterung ließ ihn fast lächeln.

"Wunden heilen bei mir sehr schnell, du wirst keine Narben finden", erklärte er und hoffte, dass sich der Kater damit zufrieden geben würde. Eines seiner größten Probleme bestand darin, dass er nicht lügen konnte, so dass es für ihn bei Fragen, die er nicht beantworten wollte, nur zwei Möglichkeiten gab. Sich um eine Antwort zu drücken oder auszuweichen.

"Du stammst also auch aus einem Labor? Kennst du LeRoux?"

Offensichtlich war es ihm genug an Information. Innerlich atmete Jessi tief durch, während er nickte, langsam, um den Kater nicht zu erschrecken und ihn dadurch zu bringen, seine Krallen wieder auszufahren, im Zweifelsfall in seinen Hals.

"Hab ihn schon das ein oder andere Mal gesehen", sagte er vorsichtig, er wollte nicht zu viel preisgeben, was zu unangenehmen weiteren Fragen führen konnte. Aber möglicherweise konnte er sich durch die Information freikaufen. "Bist du von ihm? Willst du zu ihm zurück?"

Finn verfrachtete den Kleinen mit Schwung auf sein Bett und hielt ihn dort fest. Aufgeregt starrte er in das weiße Gesicht und beobachtete die Mimik des anderen. "Du hast ihn schon gesehen?! Wann war das und wo?" /War es hier? Sag mir bitte, dass es hier war, bitte, Kleiner!/ "Ich würde ihn nämlich wirklich, wirklich gern einmal wiedersehen." Finn grinste dem anderen zu, wie er wusste nicht gerade beruhigend, aber so war es auch ganz und gar nicht gemeint.

Wieder schauderte Jessi, er fühlte sich nicht sonderlich wohl in seiner Haut, noch viel weniger, weil er dieses Reißzahngrinsen direkt über sich sah und die Kraft spürte, mit der ihn der Kater auf die Matratze drückte. In Windeseile huschten mehrere Gedanken, Ideen und Möglichkeiten durch seinen Kopf. /Allein kommt er da nie hin. Das heißt, ich müsste ihn führen. Wenn wir erst mal in meinem Reich sind, kann ich ihm auf jeden Fall entkommen, wenn er jetzt vorhat, mich festzuhalten./ "Lässt du mich laufen, wenn ich dir sage, wo du ihn finden kannst?"

Finn ließ Siebenundzwanzig los und setzte sich neben ihn auf sein Bett. "Er ist also hier, das Schwein? Wo ist er?" In Gedanken schmiedete er bereits umfangreiche Pläne.

Jessi sah zu der geschlossenen Tür hin und rechnete seine Chancen nach, ob es klappen könnte, aufzuspringen, hinzuhechten, darauf zu warten, dass sie sich öffnete, bevor der Kater ihn eingeholt hatte. Er verwarf den Plan auf der Stelle. Das war das Lästige an diesen automatisch aufgleitenden Türen. Sie brauchten eine gewisse Zeit dazu; und dafür war der Kater zu schnell. Aber immerhin schien dieser wirklich dringend zu dem Doktor zu wollen, wenn auch nicht gerade aus freundschaftlichen Überlegungen heraus.

"Lässt du mich laufen, wenn ich dir das sage?", wiederholte er beharrlich.

Finn wurde aus seinen Überlegungen herausgerissen, gerade als er bei der Wahl der Waffen war. Unwillig warf er dem Dieb einen Blick zu und knurrte "Na, würdest du dir selber auch nur einen Schritt weit vertrauen?"

Nachdenklich besah er sich das magere Kerlchen und dachte darüber nach, wie er ihm folgen und dabei seine heile Haut behalten konnte. /Ich heile mich, aber bedeutend langsamer und schlechter als er, sonst wäre er nicht dermaßen perfekt. Verdammt. Nicht einmal die neusten Modelle sind so makellos!/ Bedächtig ließ er den Blick einige Male über die dunklen, engen Kleider streifen, dann fiel ihm der Mantel ins Auge, der noch immer an dem Kleinen hing, seine Arme fesselte. "Gib mir den Mantel, Siebenundzwanzig." Auffordernd hielt Finn seine Hand auf.

Unbehaglich sah Jessi auf die fordernd ausgestreckten Finger. Er richtete sich auf, soweit der Kater ihn ließ, während er krampfhaft überlegte, wie er die Karte unauffällig aus der Tasche bekommen konnte. Es war vergeblich, der andere würde es mit Sicherheit bemerken. Der Rest war ersetzbar, aber nicht die Karte. Vielleicht war es genau das, was der Kater wollte? Eine Sicherheit, dass er zurückkam. Oder er wollte sich einfach noch mal davon überzeugen, dass er wirklich keinen Besitz der Kemjasheri'i hatte, ehe er ihn laufen ließ?

Jessi presste die Lippen zusammen, während er sich aus dem Mantel wand. Viel mehr Wahl hatte er ohnehin nicht. "Da ist nichts mehr von dir drin, Kater. Versprochen! Außerdem heiße ich Jessi. Wieso nennst du mich ständig Siebenundzwanzig?"

"Vielen Dank." Gemächlich breitete Finn die persönlichen oder vermutlich angeeigneten Besitztümer von Jessi zwischen ihnen aus. Hauptsächlich wertloser Schrott. Einige Kabel, ein Schraubenzieher, das übliche Sortiment an Drähten, was man so brauchte, um Türen und Schlösser zu knacken. Eine der im dunklen Distrikt an den richtigen Ecken zu kaufenden Codekarten, für etliche Türen passend gemacht, war so ziemlich das Einzige von Wert, das der Kleine bei sich trug.

Finn räumte den Krempel bis auf die Codekarte in den Mantel zurück und warf diesen neben sich auf das Bett. Die Karte drehte er geschickt in den Fingern, an dem Zusammenzucken des anderen erkannte er, dass es sich hierbei um eine Sache von Wert handeln musste.

"Es ist ja eigentlich ziemlich warm hier in der Icesior. Eigentlich braucht man keinen Mantel, nicht, Siebenundzwanzig?" Er sprang auf, schob die Karte in eine der vielen Taschen seiner Weste und hielt dem Dieb erneut seine Krallen hin. "Deine Hand."

Jessi spürte, wie sein Magen zu einem Eisklumpen zu werden drohte. /Er weiß genau, dass ich sie brauche. Er kennt sich damit aus. Verdammter, arroganter Esel! Ich hätte heute morgen im Bett bleiben sollen. Scheiße!/ Ein hilfloses Zittern durchfuhr ihn, als er daran dachte, wie schwer es vor der Karte gewesen war, das notwendige Geld zusammen zu bekommen. /Ruhig Blut, du kennst dich mittlerweile wesentlich besser aus als zu der Zeit, hast auch wesentlich mehr Erfahrung damit, Sicherungen und Verriegelungen außer Funktion zu setzen. Sie ist bequem, aber nicht unbedingt notwendig./

Trotzdem warf er dem Kater einen zornigen Blick zu, ehe er ihm die Hand reichte. "War das alles, was du wolltest? Das mit LeRoux kannst du vergessen, wenn du so weitermachst", grollte er. /Ja klar, so lange vergessen, bis er dir seine Krallen unter die Kehle hält./

Finn lachte auf. "Und du kannst den Deal, dass ich dich einfach laufen lasse, auch gleich vergessen, kleines Aas. Verrate mir mal lieber, wieso du stiehlst." Finn umfasste Jessis Hand fest und umschlag, während er ihn fragen ansah, ihrer beider Handgelenke mit einer Metallschlinge. "Wollen wir losgehen, Schatz?", fragte er mit einem neckenden Unterton und zwinkerte dem kochenden Dieb zu.

/Und du kannst vergessen, dass wir auf die Art und Weise weit kommen/, dachte Jessi giftig und versuchte, seine Angst hinter Zorn zu verstecken. /Erstens erfährst du gar nix von LeRoux, wenn du mich jetzt zum Sicherheitsdienst schleppst. Und zweitens kommen wir, sollten wir uns wirklich auf den Weg machen, so nicht allzu weit. Zudem werde ich dir mit Sicherheit nichts erzählen über mich. Soweit kommt es noch!/

/Niedlich, definitiv süß, der Kleine. Und ohne diesen schrecklichen Mantel kann man auch viel mehr von der Figur erkennen./ Dünn war er, mager schon fast. Ob der Kleine wirklich stahl, um essen zu können? Ob er wirklich gezwungen wurde? Finn zog die Vorhänge vor sein Bett, um den Mantel zu verstecken für den Fall, dass die anderen reinkamen und legte dann, Siebenundzwanzig mit sich ziehend, die Wertgegenstände der anderen wieder in ihre Schränke zurück.

Als sie an der Stelle vorbeikamen, wo sie gerangelt hatten, bückte Jessi sich rasch und hob sein Kopftuch auf, um es sich ein wenig ungeschickt einhändig wieder anzuziehen und seine roten Haare mühsam wieder darunter zu stopfen. Sicher war sicher. Die leuchteten zu sehr, um unauffällig zu sein. Ohne den weiten Mantel fühlte er sich unangenehm genug. Während er noch damit beschäftigt war, beobachtete er wehmütig, wie seine so wertvolle Beute wieder dorthin wanderte, wo er sie her hatte. /Spätestens morgen Abend ist es soweit. Wenn ich ihn bis dahin nicht los bin, habe ich mehr als nur ein leichtes Problem. Scheiße!!/


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig