Kemjalas Plan

17.

Finn sah dem Dieb zu, wie er sich mühsam unter dem Kopftuch versteckte, immer wieder rutschten Strähnen der schweren, roten Haare darunter hervor und in das Gesicht herunter. Finn blieb stehen und ließ dem anderen die Freiheit der zweiten Hand, indem er nachgab. "Wenn du dich nur mit Kopftuch wohlfühlst, bitte. Aber ich mag mein Leben und meine Sicherheit zu sehr, um dir jetzt einfach folgen zu wollen. Ich kenne diese Art Vorschläge. Entweder ich verliere dich, oder ich sterbe, oder beides in ungeordneter Reihenfolge. Wenn es dir ein Trost ist, solltest du mich zu LeRoux führen, dann gebe ich dir neben deinem hässlichen Mantel auch eine Belohnung, die ausreichen müsste, um das zu zahlen, was auch immer du zahlen musst."

Für einen Moment hielt Jessi inne, sah interessiert zu dem großen Kater hoch, ehe er seine neue Bewegungsfreiheit nutzte, um rasch das Tuch richtig zu befestigen, die letzten Strähnen zu verbergen und es dann tief genug in die Stirn zu ziehen, damit es auch seine roten Brauen versteckte. Das klang gut, viel zu gut, um wahr zu sein. Aber es brachte eine neue Variante mit ins Spiel, die ihn deutlich kooperativer machte.

"Das mit dem Verlieren, da hättest du Recht haben können." Jessi musste grinsen, er gab nichts Geheimes damit zu, natürlich hätte er versucht, ihn loszuwerden. "Aber umgebracht hätte ich dich mit Sicherheit nicht. Ist nicht mein Ding."

Er legte den Kopf schief und sah dem großen Kater nachdrücklich in die Augen. "Wenn du zu LeRoux willst, dann kannst du aber vergessen, dass wir so dahin kommen. LeRoux befindet sich mitten im Herzen, und der einzige Weg, den ich dorthin kenne, führt durch die Kanalisation, durch Lüftungs- und Wartungsschächte und durch noch einiges anderes an engen Röhren, wo du Hände und Füße brauchst, um durch zu kommen. Man muss an Wartungsrobotern vorbei, an Wachspinnen und dem ganzen Sortiment eben. Und du meinst wirklich, du schaffst das, indem du uns beide zusammenfesselst?" Ob der Kater überhaupt auch nur eine Idee vom Herzen hatte? Ob er überhaupt wusste, dass es existierte? Und wenn, ob er wusste, was das bedeutete? Nun, er würde es früh genug bemerken.

Finn grübelte einen Moment lang, dann nickte er leicht. "Das wäre auch zu langweilig geworden, wenn LeRoux mir auf einem silbernen Tablett präsentiert worden wäre." Außerdem wäre das nicht nach seinem Sinn gewesen.

Er betrachtete den mageren Kleinen. "Also, du wirst mich nicht zu ihm bringen? Dann habe ich einen anderen Vorschlag. Hast du Hunger? Isst du überhaupt?" Irgendwie wirkte das Kerlchen zu künstlich für Nahrung, er roch so gar nicht danach. "Und uns zusammengefesselt hab ich eher deswegen, weil ich weiß, wie das sonst läuft... wie du sonst gleich wegläufst; zum anderen, weil du so ein süßes Kerlchen bist. Na? Was sagst du? Essen?"

Jessi zog eine Schnute. "Süß, pah! Und wenn du wüsstest, wie das ist, würdest du das bestimmt nicht tun. Dann würdest du mich in Frieden lassen", murrte er und schüttelte das Handgelenk. "Wenn du nicht gleich aufbrechen willst, mach mich los. Das sieht wirklich blöd aus, wenn wir so rumlaufen." Er zögerte kurz, dann zuckte er mit den Schultern. "Ich weiß, dass es dir nichts bedeutet, aber du hast mein Wort, dass ich dir nicht ausbüchsen werde. Nicht bei dem Geld, das du mir versprochen hast. Aber damit sind wir gleich auf, oder? Du weißt nicht, ob ich wirklich bleibe und ich weiß nicht, ob ich meinen Lohn wirklich bekomme."

Aber Essen klang gut. Er hatte den ganzen Tag noch nichts bekommen, bis auf etwas Brot am Morgen. Nur würde er dafür nicht in irgendein Restaurant dieses Hotels gehen oder so. Dann lieber Hunger haben.

"Oh, vergiss es, Schätzchen. Wir gehen jetzt zu den Ständen außerhalb des Hotels, dort unter den Bäumen am Park kann man hervorragend sitzen und sich unterhalten, und ich habe Hunger, und ich werde nicht essen und dabei dann lossprinten, nur weil du die Fliege machen willst." Finn streckte sich einmal, dann ging er entschlossen auf die Tür zu. "Komm mit oder ich schleif dich."

"Wenn ich mein Wort gebe, gebe ich mein Wort", protestierte Jessi und stemmte sich gegen seinen Griff. /Das bringt mich auf einen Präsentierteller, wenn du mich da rausziehst!/ Doch natürlich war der Kater stärker, und als sich die Tür öffnete, gab er den Widerstand abrupt auf. Denn wenn er sich sträubte, fiel das noch ungleich mehr auf.

/Verdammt, wenn er schmollt, ist er noch viel, viel süßer!/ Auf dem Weg zu den kleinen Ständen am Randes des Parks pfiff Finn ein fröhliches Lied und umfasste die schmale Hand des anderen. Der dicken Frau, die ihm eine große Portion gebackene Teigtaschen mit Nudeln, Gemüse und Geflügel verkaufte, erklärte er "Ein rejamalanisches Heiratsritual, ich sage Ihnen, machen Sie dort niemals Urlaub. Man wird dort nach nur einem Blick vermählt und kann sich nicht mehr erwehren. Schrecklich ist das."

Grinsend ließ er sich im Gras nieder und begann, die Nudeln mit einer Holzgabel aufzudrehen. Auffordernd legte er die zweite auf den Schoss von Siebenundzwanzig, der mit bleichem und wütendem Gesicht vor ihm hockte und noch immer so süß schmollte.

Jessi hatte erst vorgehabt, allein schon aus Wut, nichts zu essen. Doch als es so verlockend duftete, dass ihm das Wasser im Mund zusammenlief und sein Magen fordernd zu knurren begann, gestand er sich nur zu gern freiwillig ein, wie kindisch sein Verhalten war. Dem Mann einen mürrischen Blick zuwerfend, griff er nach der Gabel und begann heißhungrig zu essen. /Hochzeitsritual. Pah! Blöder Kater!/ Aber er konnte nicht umhin, ihm ein wenig dankbar für das Essen zu sein. Immerhin war es kostenlos. Es kam nicht allzu oft vor, dass jemand für ihn zahlte.

Als sein ärgster Hunger gestillt war und auch die letzten Reste vernichtet waren, lehnte er sich schon wesentlich zufriedener zurück, ließ sich ins Gras sinken und schloss die Augen. Er mochte es nicht, sich draußen aufzuhalten, seine Welt waren die Kanäle und Schächte, in denen er sich auskannte wie kaum ein zweiter und in denen er vor neugierigen Blicken verborgen war. Doch die warme Sonne, die in sein Gesicht schien und seine Haut ganz leicht zum Kribbeln brachte, war angenehm.

"So, und jetzt, Kater?", fragte er, ohne ihn anzusehen.

Finn wünschte sich mit einem Mal, dass Siebenundzwanzig sich nicht so verstecken würde. Diese roten Haare, die feinen roten Brauen über den ebenfalls feurigen Augen waren doch ein herrlicher Anblick, warum unter schwarzem Tuch verbergen? Aber er wollte den Kleinen nicht noch weiter gegen sich aufbringen. Gemächlich pellte er süßen Kuchen aus dem farbenfrohen Papier und hielt einen in Richtung seines Gastes. "Wer hat Karten zu dem Kanalisationssystem der Icesior? Ich habe nur welche zu dem Energienetz, und ich weiß, wo das Herz liegt und was es ist, aber die Kanalisation ist der Weg, den man überleben kann, oder?"

Jessi schnupperte, als der süße Duft ihn erreichte. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er die Augen aufschlug und dann schnell und wie ein Kind nach dem Kuchen haschte. Er ließ sich Zeit mit der Antwort, gönnte sich erst einen Bissen, genoss die Süße, ehe er gegen seinen Kopf tippte.

"Dort sind die Karten, du übergroßer Kater. Ich bin die Wege dort unten mittlerweile derart oft gegangen, dass ich sie auswendig kenne. Ich weiß, wie viel Zeit du hast, um zwischen zwei Wachdroiden Atem zu holen und dich auszuruhen, ehe du wieder rennen musst und wo du Klappen hinter dir schließen kannst, um ihrem Laser zu entgehen. Ich kenne die Schleichpfade, von denen nicht mal die Reinigungsroboter eine Ahnung haben und dementsprechend riecht es dort. Du wirst dir dein hübsches Fell schmutzig machen." In dem Moment fiel ihm auf, dass der Roséschimmer nicht nur im Kunstlicht des Zimmers vorhanden war. Er musste grinsen.

Finn starrte ihn irritiert an. Zum einen war seine einzige Chance, in das Herz der Icesior vorzudringen, nicht gerade verlässlich, was ihn störte, zum anderen grinste der Kerl ihn auch noch irgendwie spöttisch an. "Was?! Wenn es wegen des Fells ist, dann sei bloß still! Es war nicht meine Entscheidung, und es ist robuster, als du vielleicht denkst." Wütend verschränkt er die Arme, was die Hand des anderen erneut in seine Richtung zerrte. "Also gut. Der einzige, der mich dorthin bringen könnte, wärst also du? Ausgerechnet?" Finn sah sich den Dieb noch einmal genauer an. /Warum stiehlst du?/ "Wie viel?"

Jetzt war es an Jessi, die Augen zu Schlitzen zusammen zu kneifen und ihn zu mustern. Der Kater wollte wirklich dringend zu LeRoux. Jessi hatte nichts dagegen, der Doktor war ihm mehr als suspekt. Er arbeitete mit denen im Herzen zu eng zusammen.

Für einen Moment hatte er das Gefühl, den Kater in der Hand zu haben. /So lange er Chancen hat, von mir dorthin geführt zu werden, wird er mich nicht ausliefern. So viel ist schon mal sicher. Er gibt mir Geld, sagt er zumindest. Genug. Warum also nicht? Aber es ist verdammt riskant. Er kennt sich nicht im Geringsten aus. Andererseits hat er vorhin auch gesagt, er lässt mich gehen./

"Erstens." Energisch zog Jessi den Arm wieder zurück. "Bindest du mich los. Zweitens. Dein absolutes Vertrauen, was das betrifft. Ich muss mich da frei bewegen können. Und wenn ich sage 'renn', rennst du, wenn ich sage 'runter', gehst du runter, egal was unten ist. Drittens. Fünftausend." Er machte eine kurze Pause, ziemlich sicher, dass spätestens jetzt der Kater ablehnen würde. "Fünftausend enorische Pfund."

Finn gähnte unbeeindruckt, dann erklärte er "Gut. Ich binde dich los, nachher. Wenn du sagst 'Renn, bitte', dann können wir darüber reden. Vertrauen? Ich weiß nicht so recht, ich wiederhole lieber nicht, ob du dir selber vertrauen würdest. Und dann das... Fünftausend in enorischer Währung. Warum enorisch, Kleiner? Was ist der Grund für einen derart hohen Verbrauch an einer derart dubiosen Währung?"

"Das geht dich nichts an." Jessi zuckte mit den Schultern. Wie sollte er ihm etwas erklären, das er selber nicht wusste? Der Mann, der ihm verkaufte, was er brauchte, hatte darauf bestanden. Vielleicht, weil sie so dubios war, dass niemand darauf kommen würde, dass sie von ihm waren. Es machte die Beschaffung nicht gerade einfacher. "Aber das sind die drei Bedingungen. Und ja, ich würde mir vertrauen. Du kannst es natürlich auch lassen. Erwarte aber nicht, dass ich dir in dem Fall die Haut rette. Du bist zwar stark und groß, aber deine Krallen richten nicht viel gegen Metallpanzerung aus, und dein Fell schützt dich nicht vor Laserwaffen." Dann warf er einen sehnsüchtigen Blick auf das bunte Papier, das neben dem Kater lag. "Ist noch Kuchen da?"

Finn jonglierte mit der freien Hand mit den verbliebenen zwei Kuchen. "War das also ein 'Ich stehle, um Drogen zu kaufen' Das-geht-dich-nichts-an? Wenn es das war, dann traue ich dir kein Stück." Er jonglierte weiter. "Oder war dieses 'Das geht dich nichts an' eines von der 'Ich bin Teil einer geilen Gang' Sorte, nur dass man denen ständig etwas bringen muss, um noch ein wertvolles Mitglied zu sein. Oder war es vielleicht gar ein 'Ich brauche die Kröten, weil ich keinen Bock hab zum Arbeiten?' Spuck es aus, dann vertraue ich dir vielleicht." Er warf Siebenundzwanzig einen der zwei Kuchen zu. "Es kann ja auch ein 'Ich hab nicht mal Geld für Essen' gewesen sein, aber das nehme ich dir nicht ab."

Jessi fing den Kuchen und sah dann den Kater finster an. /Mir doch egal, ob du mir vertraust oder nicht. Dann stirbst du eben unterwegs, wenn du mir nicht glaubst, dass du den Kopf besser einziehen solltest./

Er pulte ein Schokoladenstückchen aus dem weichen Teig und naschte es, ehe er sich wieder dem anderen Mann zuwandte. Aber wenn er ihm nicht weit genug traute, um diese nervende Fessel abzunehmen, würde Jessi mit ihm sterben.

Zudem wollte er nicht wirklich, dass der Kater in dem Dreck der Kanalisation sein Ende fand. Mal abgesehen davon, dass er ihn hinter sich herschleifte und ihn ständig aufzog, ihn Siebenundzwanzig nannte und ihn an sich gebunden hatte, war er eigentlich ganz nett. Immerhin hatte er ihm zu essen gekauft. Und das, obwohl Jessi versucht hatte, ihn auszurauben. Er hatte ihn nicht verpfiffen, selbst wenn das noch kommen konnte. Und ihm Vertrauen zu schenken, war wirklich vertrackt nach dem Einstieg.

/Aber umgekehrt, warum sollte ich ihm vertrauen? Und dann noch derart weit?/ Jessi rieb sich über die Nase, verschmierte etwas Schokolade, ohne es zu merken, und zuckte dann mit den Schultern. "Es gibt eine Substanz, die nennt sich in der Kurzform Hivosh 73. Davon brauche ich alle zwei Wochen einen Milliliter. Zwei Milliliter kosten fünftausend enorische Pfund. Einmal im Monat bin ich deswegen im Herzen. Dazwischen versuche ich, irgendwie das Geld zusammen zu bekommen."

Finn blinzelte, dann noch einmal, aber etwas in ihm begriff nicht ganz. /Im Herzen, um Hivosh 73 zu erstehen. Das Wort kommt mir so bekannt vor, woher nur, woher? Es klingt nicht, als ob der Kleine dies aus Sucht tut. Ob er krank ist? Ob sein Chip defekt ist? Vielleicht riecht er deswegen so künstlich. Ich wüsste nur zu gerne... Verdammt! Und es gibt nur eine Person, die mehr darüber wissen wird, von LeRoux einmal abgesehen. So ein Mist!/

Nachdenklich feuchtete Finn seinen Zeigefinger mit der Zunge an und umfasste Siebenundzwanzigs Gesicht, um die Schokolade abzuwischen. "Ich verstehe nicht viel von diesen Dingen, aber ich kenne jemanden, der es tut. Wir werden diesen Jemand jetzt gleich besuchen gehen. Sie arbeitet in der Arche, du bekommst deine Sachen, und du bekommst deine Anzahlung auf das Geld; wenn wir es ins Herz schaffen und LeRoux ist tatsächlich dort, dann verdoppele ich die Belohnung, verstanden?"

Langsam ließ er das Gesicht des kleinen Diebs los und löste mit einer schnellen Bewegung die verhakten Metallriemen. "Sie waren nicht sehr fest verankert, eigentlich hättest du sie einfach lösen können, aber ich bin froh, dass du es nicht geschafft hast."

"Blöder Kater", murmelte Jessi und rieb sich das Handgelenk. Aus den Augenwinkeln sah er zu dem Mann hin, spürte noch seine Berührung in seinem Gesicht; fast hatte es sich angefühlt wie Fürsorge. Jessi war es nicht gewohnt, dass man sich um ihn irgendwie kümmerte, und es irritierte ihn. "Lass diesen Jemand ruhig aus dem Spiel. Wer auch immer es ist, muss nicht unbedingt erfahren, dass ich es brauche. Das kann im Endeffekt nur die falschen Leute auf mich aufmerksam machen. Aufmerksamkeit ist wirklich das letzte, was ich brauche."

Finn schüttelte den Kopf. "Es handelt sich um Tarlant, und ich will wissen, woran ich bei dir bin. Also, kommst du mit oder was?"

Jessi presste die Lippen zusammen und wich ein Stück zurück. "Tarlant, das ist die Assistentin von LeRoux. Vergiss es! Ehe ich die aufsuche, musst du mich schon totschlagen."

Finn runzelte die Stirn. "So schlimm? Das genau hab ich eigentlich mit LeRoux vorgehabt, bis er sich versteckt hat, der miese Verbrecher!" Wütend erwürgte Finn die Reste der Verpackung seines Kuchens. "Tarlant ist allerdings nicht mehr bei ihm. Sie ist jetzt in der Arche als Croupier oder so angestellt." Er seufzte und sah seinen neuen Fremdenführer noch einmal an. Dann holte er die Codekarte aus der Tasche und warf sie ihm zu. "Komm mit, Siebenundzwanzig. Ich muss morgen arbeiten, bis dahin kannst du mir zeigen, wo ich dich finden kann, wenn ich dich brauchen sollte."

Finn bemerkte den biestigen Ausdruck in dem Gesicht des Kleinen und beugte sich rasch vor, um ihm in die Wange zu kneifen. "Stell dich nicht so an. Lächle. Für so ein Gesicht bist du doch viel zu hübsch, hm? Na los. Ich hab dir Kuchen ausgegeben, und wenn du willst, dann kannst du gern mehr davon haben."

Finn fasste ihm in die Rippen und klopfte ihm auf den Po. Der Kleine war einfach zu niedlich, man musste ihn anfassen, knuddeln und ärgern. Wie goldig sich der Mund bewegte. Er verriet eigentlich ständig, was der Rest von dem Jungen zu verstecken versuchte.

Jessi wich ihm aus und steckte die Karte eilig in eine Hosentasche. Gleich fühlte er sich besser; jetzt fehlte nur noch der Mantel, in dem er sich verstecken konnte, dann wäre er wieder er selbst.

"Blöder Kater", murrte er. Aber nun konnte er sich im Zweifelsfall einfach davon machen, wenn er merkte, dass der ihn reinlegen wollte. Das Wichtigste hatte er zurück.

Er zögerte, dann sah er auf. Zumindest ein wenig Vertrauen musste der Mann ihm entgegen bringen. Zumindest genug, um zu glauben, dass er ihm nicht davonlief, sondern dass er sich darauf verließ, dass er ihm das Geld gab. Seine düstere Miene wich einem kleinen Lächeln.

"Danke", sagte er, während er noch einmal 'Blöder Kater!' dachte, jedoch gar nicht mehr ernst gemeint.

 

Sie hatten ein wenig warten müssen, ehe die Hohe Schwester Zeit für sie hatte. Ninári hatte die Zeit genutzt, um Laites noch ein wenig im Tempel herumzuführen, ihm das Heiligtum mit dem großen Buntglasfenster zu zeigen, das die Göttin und ihre Kinder darstellte, um ihn in den kleinen, inneren Garten zu bringen, in dem auch hier große, weiße Katzen gehalten wurden, die sofort auf jeden Eindringling mit eindeutigen Forderungen nach Zuneigung und nach intensivem Streicheln reagierten.

Dann war die rothaarige, gelbgekleidete Priesterin gekommen, die Ninári mittlerweile ein wenig kannte, und hatte sie zu Shasiya gebracht. Wie immer in leuchtendes Blau gekleidet, heute jedoch mit offenen Haaren, die ihr weit bis über die Hüfte fielen, hatte die Hohe Schwester sie freundlich und warm empfangen und sie nach dem förmlichen Gruß von Ninári einmal umarmt.

Als Ninári sah, wie irritiert Laites davon schon wieder schien, flüsterte er ihm, während sie sich gegenüber der Priesterin auf ein weiches Sofa setzten, zu "Das ist eine weniger formale Begrüßung, aber durchaus üblich. Es bedeutet, dass sie uns wirklich mag, uns beide. Deswegen kann sie dich auch nicht ausschließen davon. Das würde sich nicht richtig anfühlen. Viele der Schwestern und Brüder machen das."

Ein Novize brachte eine Schale mit Hafertalern und Tee, und während er die Tassen auf dem Tisch verteilte, wurden die allgemeinen Höflichkeiten gewechselt. Erst, als er den großen, hellen Raum wieder verlassen hatte, wandte sich Shasiya direkt an Laites und musterte ihn. "Wie geht es dir? Hast du dich erholt oder hast du noch Beschwerden wegen des Anfalles?"

Schüchtern spielte Laites mit der Tischzierde aus weißen Blüten und nickte nur, rückte dichter zu Ninári auf. Wie sollte er seinem geliebten Besitzer erklären, dass diese Schwester ihm in den Gedanken umherstreifte, wann immer sie ihn berührte.

"Danke für die Heilung", flüsterte er heiser, seine Finger tasteten nach Nináris Gewand.

Ninári spürte seine Unsicherheit und legte seine Hand kurz auf Laites', um ihn aufmunternd zu drücken, während er das kleine Lächeln bemerkte, das Shasiyas Mundwinkel umspielte. Sie wusste definitiv, was er für den Katzenjungen empfand. Und genauso definitiv störte es sie nicht. Es war ein eigenartiges Gefühl, vor einer hochrangigen Priesterin zu sitzen, mit seinem Geliebten an seiner Seite und das zu wissen.

Trotzdem war es schwer, sie um Rat zu fragen. Obwohl er die allgemeine Sprache nahezu perfekt beherrschte, erschien es ihm, als würden ihm Worte fehlen, oder als hätte sie nur Worte zur Verfügung, die nicht das ausdrückten, was er sagen wollte. Doch da Laites nur diese verstand, konnte er nicht in seine eigenen wechseln. /Ich muss unbedingt anfangen, sie ihm beizubringen! Wie soll er sonst mit mir kommen, wenn er sich nicht verständigen kann?/

Unsicher sah Laites sich um, sein Blick fiel erneut aus dem großen offenen Fenster auf die im Garten spielenden Katzen. Etwas fing seinen Blick, und sein Schwanz begann zuckend zu peitschen, er legte die Ohren an und krabbelte um Ninári herum, damit er besser in den Garten sehen konnte. Da hatte jemand einen dieser fliegenden, silbernen Bälle für die Katzen in den Garten geworfen! Oh, er wollte so gern einmal wieder... "Nin, darf ich ein wenig in den Garten?"

Ninári lachte und sah kurz fragend zu der ebenfalls amüsierten Shasiya, ehe er nickte. "Sicher, Laites. Viel Spaß."

Laites streifte sich die Sandalen von den krallenbesetzten Zehen und schoss ohne weiter nachzudenken vom Sofa direkt durch das Fenster zu den eleganten, weißen Katzen in den Garten hinaus. Fauchend balgte er sich sogleich mit zweien in ein wildes Spiel verstrickt, während einige der Schwestern überrascht rufend auseinander stoben.

Die Ruhe des Gartens war vernichtet, aber Laites maunzte begeistert und verfolgte den Ball um die Blumenrabatten und Lauben herum, versuchte die anderen Katzen abzuhängen. Mit einem kleinen Kichern, das ihre Würde für einen Moment beiseite schob, sprang Shasiya auf und lief zum Fenster, um die anderen zu beruhigen, dass es in Ordnung war.

Als sie wieder zurückkam, noch immer mit dem vergnügten Schmunzeln, und sich wieder ihm gegenüber setzte, hatte Ninári sich ein wenig gesammelt. "Hohe Schwester, du weißt, was ich... was Laites und ich füreinander empfinden. Ich kann daran nichts Böses entdecken, es fühlt sich wundervoll an und ist auch nicht anders, als wenn ich für eine Frau fühlen würde. Es macht glücklich."

Sie lächelte, während sie nach einem Hafertaler griff, und vorsichtig abbiss. "Wir auf der Icesior haben angefangen, in anderen Bahnen zu denken als die Schwestern und Brüder, die noch zu Hause dienen. Man sieht so viel mehr, man hört so viel mehr als in der Abgeschiedenheit eines Tempels auf einem der Drei. Es gibt ganz andere Dinge, die unserer Aufmerksamkeit und unserer Hilfe bedürfen, als zwei, die miteinander glücklich sind. Es mag eigenartig für dich klingen, Ninári, wenn ich so mit dir spreche, aber es ist meine Meinung, es ist die Meinung aller, die hier dienen. Warum sollte die Herrin Liebe schenken, wenn sie nicht will, dass die Liebe auch gelebt wird? Und dass die Liebe eines ihrer wundervollsten Geschenke ist, darüber sind sich auch die Priesterinnen der höchsten Räte zu Hause einig."

Ninári nickte, er begann sich wieder sicherer zu fühlen. Was sie aussprach, waren seine Gedanken. Für einen winzigen Moment überlegte er, ob er vielleicht sogar hier bleiben könnte, einfach mit Laites hier bleiben, wo sie akzeptiert zu werden schienen. Doch es war nur eine flüchtige Idee. Er wollte wieder nach Hause, wollte einen echten Himmel über sich sehen. Zudem war seine Familie dort und seine Freunde; vielleicht würden auch sie es irgendwie verstehen.

Er schluckte, als er bemerkte, wie unwahrscheinlich das klang. Nun, er würde es sehen. Auf die Icesior würde er immer noch zurück können. Und vorerst galt es, Dai'thi davon zu überzeugen. "Ich hätte nicht damit gerechnet, einen ganzen Tempel zu finden, der diese Auffassung unterstützt, aber es hilft mir sehr. Manchmal... manchmal kommen die Zweifel doch zurück, und wenn man sich noch so sicher ist, dass es richtig ist, was man tut. Wenn alle um einen, die man liebt, das Gegenteil behaupten."

"Du möchtest, dass ich mit deinem Bruder spreche."

Ninári nickte wieder. "Wenn du es ihm als Hohe Schwester sagst, hat es eine ganz andere Wirkung. Es bekommt mehr Bedeutung. Zwar bin ich Priester, aber ich bin unmittelbar davon betroffen, und ich bin sein Bruder. Ich liebe ihn, Shasiya. Ich habe Angst, dass er mich nicht mehr lieben wird."

Ihr Lächeln vertiefte sich, während sie sorgfältig einige Kekskrümel von ihrem Kleid sammelte und sie auf den Unterteller legte. "Er wird verstehen, dass es mehr als nur eine Liebe gibt. Ein Mann hört nicht auf, die große Mutter zu lieben, weil er mit einer Frau den Bund eingeht. Warum sollte ein anderer Mann damit aufhören, wenn er das gleiche mit einem Mann tut? Oder ändert sich die Liebe zu den Eltern, zu den Geschwistern oder der Familie deswegen? Ich werde mit ihm reden. Und ich glaube, er wird es begreifen. Du bedeutest ihm sehr viel, Ninári."

Als Ninári nur wenig später ebenfalls in den Garten kam, fühlte er sich leicht, gelöst und sehr glücklich. Seine Augen leuchteten, als er Laites bei seinem wilden Spiel beobachtete und über die faszinierten und amüsierten Blicke der Schwestern lächelte. Dass eine Hohe Schwester, ja ein ganzer Tempel seine Auffassung teilte, bedeutete ihm mehr, als er mit Worten ausdrücken konnte.


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig