Kemjalas Plan

18.

Tarlant starrte ihren Chef an, blinzelte, starrte noch einmal und sank dann ein wenig in sich zusammen. Es war nicht der Anblick von ihm, der sie irritierte, sondern die Kleidung, die vor ihm auf dem Tisch lag, die sie anziehen sollte. "Bitte..."

Er unterbrach sie, bevor sie ausgeredet hatte. "Das wird angezogen, ich will nicht, dass du gegen die anderen in dem Saal herausstichst durch deine schrecklichen Klamotten. Das Gehalt ist fast doppelt so hoch, und sonst wirst du hier ewig festsitzen, Schätzchen, nicht wahr?" Er glitt auf den Tentakeln in ihre Richtung und tätschelte ihre geröteten Wangen. "Zudem gibt es da einige Verehrer, die der Anblick sicherlich dazu bewegen wird, noch mehr ihres Geldes in unsere Tische zu investieren, Tarlant." Er streifte sie mit einem Blick. "Die Brille macht sich zu der Uniform nicht so besonders, also weg damit. Du trägst sie ohnehin nicht deiner Augen wegen."

Tarlant seufzte tonlos. Sie brauchte das höhere Gehalt, sonst würde sie sich die Fahrt zu den verbliebenen Häusern und dem Planeten, wo sie noch ein wenig in einem Safe zurückgelegt hatte, niemals leisten können. Sie wusste zudem, dass es keinen Sinn hatte, mit ihrem Boss zu diskutieren, er saß am längeren Hebel. Mit mühsamen Bewegungen sammelte sie die Teile der neuen Uniform ein und ging nach einem kleinen Nicken aus dem Büro und in ihr Zimmer.

Dieser Arbeitstag würde ungleich schwieriger werden. Zum Glück hatte sie dann erst einmal zwei Tage frei, um sich zu erholen. Seufzend zog sie die weinrote Shorts an, die gleich unter dem Hintern aufzuhören schien. Darüber kam eine taillierte, ärmellose Bluse aus demselben Material, die zum Glück ebenso lang wie die Shorts war. Erleichterung erfasste sie. Goldene Stickereien verzierten die Bluse üppig, schrieben den Namen der Arche in einigen Sprachen auf dem asymmetrischen Revers; wenigstens war sie sehr hoch geschlossen, bis an den Hals heran.

Leider gehörten auch kniehohe Stiefel zu der Uniform, und so ausgestattet fand Tarlant, dass ihren Beinen bei Weitem zuviel Aufmerksamkeit zukam. Mit nackten Armen war sie auch schon seit Jahren nicht mehr ausgegangen. Die Art, mit der die Blicke auf sie gelenkt wurden, mochte sie ganz und gar nicht.

Vor dem Spiegel in der Schranktür drehte sie sich eine ganze Weile hin und her, empfand die Luftmenge, die so an ihren Körper gelangte, als störend, empfand es als sehr störend, dass man schon fast auf ihren Hintern sehen konnte, wenn sie sich unvorsichtig vorbeugte und hasste den Gedanken, dass nun die falsche Art von Blick auf ihr lasten würde.

Unsicheren Schrittes wankte Tarlant in der neuen Verkleidung an ihren Tisch und wand sich unter den Blicken der Gäste, da sie immerhin auf einem Podest und dort sehr schutzlos stehen würde. Nach und nach verging das Unwohlsein jedoch, und als jemand ihr zur Pause ein seichtes Kompliment machte, schaffte sie es sogar, sich so an die Reling zu lehnen, dass es die Beine betonte, und zu lächeln.

Während sie eine Einladung auf einen Drink annahm, weil es zu dem Job dazugehörte, dachte sie nur voller Dankbarkeit daran, dass Dai'thi sie nicht in dieser Aufmachung sehen würde. Nach all seinen Komplimenten war es ihr stets sehr angenehm, wenn sie sich in ihren formalen Anzügen verstecken konnte. Nichts sagend noch ein weiteres Mal lächelnd stieß sie mit dem Gast, einem Menschen, wie es aussah, auf seine Glückssträhne an.

 

Nervös fuhr sich Dai'thi mit der Hand durch sein unvertraut kurzes Haar. Selbst für einen Tempelwächter war diese Länge von kaum einem Finger Breite ungewöhnlich. Doch seit er Tarlant kannte, hatten seine Haare den vollen Reichtum an Goldbrauntönen zurückerhalten, und er hatte den unschönen Übergang nicht für passend erachtet. Im direkten Vergleich sah man viel zu deutlich, wie schlecht es ihm gegangen war.

Als er die wenigen Stufen zu dem Torbogen der Arche empor stieg, konnte er sein Spiegelbild in den Glastüren erkennen. Das dunkle Goldbraun der Hose harmonierte gut mit seiner helleren Haut, die man durch das einfache geometrische Lochmuster an beiden Seiten seiner Beine sehen konnte. Das langärmlige Oberteil in der gleichen Farbe lag bis zu den Ellbogen eng an, dort wurde es weit und bauschte sich auf, nur um am Handgelenk wieder in einem breiten, engen Bund zu enden. Es war ein wenig ungewohnt, doch der Effekt gefiel Dai'thi, und er hoffte, dass Tarlant das ebenso empfand.

Er lächelte, als er an der Rose roch, die er ihr mitgebracht hatte. Blutrot war sie, auch wenn das nicht seine Wahl gewesen wäre, doch die Verkäuferin hatte ihm versichert, dass Menschenfrauen rote Rosen als etwas ganz Besonderes betrachteten. Der Duft war zart, nicht so schwer wie bei den anderen, die er zur Auswahl gehabt hatte, und passte damit wesentlich besser zu der Frau, die sie bekommen sollte.

Wie so oft sah er ihre grauen, schönen Augen vor sich und beschleunigte unwillkürlich seinen Schritt. Er wollte Tarlant viel zu gerne wiedersehen, wollte ihre sanfte Stimme hören, wie sie seinen Namen sagte mit ihrem kleinen Akzent, ihr regelrecht schüchternes Lächeln sehen, das ihren Mund so weich werden und das sein Herz jedes Mal schneller schlagen ließ.

Er hatte sich bereits am Vormittag nach ihrer Schicht erkundigt, und wenn sie nicht überzog, musste sie jeden Moment fertig sein. Sein Lächeln vertiefte sich, während er in die Vorhalle trat, nachdem ein Page ihm zuvorkommend die Türen geöffnet hatte. Er wollte sie überraschen und hoffte, dass sie zusagen würde, mit ihm Essen zu gehen und anschließend vielleicht noch zu einem kleinen Spaziergang in den nächtlichen Park. Jedoch hatte er sich gleichwohl auch darauf vorbereitet, wenn sie ablehnen würde. Immerhin waren ihre Arbeitstage lang und anstrengend. /Aber da kann ein wenig Ablenkung doch nur gut tun./ In dem Fall würde er sie einfach nur nach einem Treffen fragen.

Er hatte den Zeitpunkt gut gewählt, denn gerade, als er in die Bar trat, durch die er zu den Spielsälen gelangen würde, kam sie durch eine der Türen. Dai'thi konnte nicht anders als sie anzustarren, und er war dankbar, dass sie ihn nicht gesehen zu haben schien. Sie war einfach nur atemberaubend.

Das erste Mal, seit er sie kannte, trug sie Kleidung, die ihren schönen Körper nicht vollkommen versteckte. Jeder Schritt betonte ihre langen Beine und ihren weichen, unaufdringlichen Hüftschwung. Sie lachte, was er durch das Stimmengewirr nicht hören konnte, und unterstrich etwas, das sie gesagt hatte, mit einer kleinen Geste, was seinen Blick auf ihre nackten, schlanken Arme lenkte.

Wie an dem Tag, an dem sie sich kennen gelernt hatten, trug sie keine Brille, was ihre Augen noch viel beeindruckender wirken ließ und in ihm die Frage erweckte, warum sie überhaupt eine trug.

/Herrin! Sie ist... sie ist einfach... die schönste Frau von allen./ Er fand keine Worte, um auszudrücken, was er in dem Moment empfand, doch ein warmes Gefühl breitete sich in ihm aus und raubte ihm fast den Atem. Er wollte zu ihr, wollte bei ihr sein und...

In dem Moment sah er den Mann. Er war einen Schritt hinter ihr gegangen, während sie sich durch die Menge geschoben hatten, doch als sie sich an die Bar setzten, war er bei ihr. Er sagte etwas zu ihr, und sie lächelte. Dai'thi spürte ein flaues Drücken im Magen, welches das Hochgefühl, das er eben noch empfunden hatte, zu ersetzen begann. /Es ist bestimmt nur ein Gast. Sie arbeitet nun mal in einer Branche, in der sie viel mit anderen zu tun hat. Natürlich bin ich nicht der einzige, der sie bemerkt. Wie sollte man auch eine so wunderschöne Frau übersehen?/

Der Barkeeper brachte die Getränke, sie lächelte wieder und stieß mit dem anderen Mann an. Unwillkürlich zogen sich Dai'this Brauen zusammen. Das Drücken in ihm wurde zu einem Brennen, das in seine Brust wanderte und sich dort festsetzte. Noch während er sich über diesen unerwarteten Anfall von heftiger Eifersucht ärgerte, hatte er sich schon in Bewegung gesetzt und lief auf sie zu.

In dem Moment sah sie auf, und als der Blick ihrer grauen Augen ihn traf, die ohne Brille um so viel größer und ausdrucksvoller wirkten, konnte er nun doch nicht anders, als sie strahlend anzulächeln. Der andere Mann, die Menge um sie herum, alles war vergessen.

"Sha'ara", brachte er fast atemlos hervor und merkte erschrocken, dass er von der respektvollen, förmlichen auf die zwar nach wie vor äußerst ehrende, jedoch weitaus persönlichere Anrede gewechselt war. "Die Göttin blickt mit Freude auf Sie." Im gleichen Moment fiel ihm ein, dass sie vermutlich mit dieser Form des Kompliments wenig anfangen konnte. Seine Wangen röteten sich ein wenig vor Verlegenheit, was dank seiner leicht bronzefarbenen Haut nicht weiter auffiel. "Sie sehen wundervoll aus."

Tarlant hatte sich schon in den Klauen dieses unsäglich immer wieder gewinnenden Gastes gesehen, als ein Lichtblick auftauchte. Dai'thi trat mit ungewöhnlich forschen Bewegungen an die Theke zu ihnen heran und begann die Unterhaltung mit einer merkwürdigen Kombination aus persönlicher Ansprache, denn darüber was Sha'aina und Sha'ara hießen, hatte Tarlant sich heimlich informiert, und der sehr zurückhaltenden Formulierung, in der die Göttin erwähnt wurde.

Im nächsten Moment bemerkte sie, wie vollkommen er den Mann ignorierte, der ein wenig verunsichert neben ihr stand. Lächelnd reichte sie Dai'thi die Hand, die er wie stets traditionell küsste. Als er ihr erneut in das Gesicht sah, fragte sie ihn nach einem verlegenen Dank für das Kompliment "Sind Sie zufällig hier, Dai'thi?"

Alles in ihr schrie, dass er das natürlich nicht war, aber sie wollte es nicht so sehen. Nervös bemerkte sie die Aufmerksamkeit aller im Raum auf sich und dem wirklich auffälligen Mann. /Und er sieht so verdammt gut aus, ich sollte wirklich Schluss machen mit diesem grausamen Spiel, ich kann doch unmöglich.../ Ihre Gedanke verwirbelten, als ihr Blick auf seinen traf und Tarlant feststellte, dass die Augen des großen Mannes nicht nur hell und frühlingshaft sein konnte. In dem Augenblick wirkten sie vielmehr düster. Erschrocken fragte sie sich, ob er es beleidigend gefunden haben mochte, wie sie reagiert hatte, oder ob er den Aufzug mit den Stiefel ebenso lächerlich fand.

"Sha'ara, ich bin hier, weil ich Sie wiedersehen wollte." Jetzt, wo er erst einmal diese Form der Anrede gewählt hatte, konnte er sie nicht mehr zurücknehmen. Nicht vor all den Leuten. Er ärgerte sich und nahm sich vor, sich anschließend bei ihr zu entschuldigen. Er hatte nicht darüber nachgedacht, aber sie war so atemberaubend, und zudem hatte er zeigen wollen, dass sie ihm nahe stand, auch wenn er nicht das Recht dazu hatte. Erst jetzt erinnerte er sich an die Rose, die er dabei hatte. Mit einem Lächeln und einer kleinen Verneigung reichte er sie ihr. "Ich wollte fragen, ob Sie mir die Ehre erweisen könnten, mit mir heute Abend ein wenig Zeit zu verbringen. Ich würde Sie gerne einladen."

Tarlants Finger zitterten leicht, als sie die Blüte entgegen nahm. "Danke, Dai'thi." Ihr Blicke wanderten nervös von ihrem Ritter zu dem Gast, der ein wenig irritiert neben ihr stand. Eine Zwickmühle. Sie zögerte und bemerkte die Unruhe, die ihr Zögern in Dai'thi hervorrief. Rasch deutete sie auf einen freien Ecktisch hinter einigen Pflanzen und schlug vor "Nehmen Sie doch einen Moment lang Platz, Dai'thi. Meine Arbeitszeit ist noch nicht ganz zuende."

Indirekt machte sie dem anderen damit klar, dass er von ihr als Arbeitszeit angesehen wurde und konnte sich ihm dennoch freundlich erneut zuwenden.

Das Gespräch mit dem anderen Gast drehte sich um die anderen Casinos auf der Icesior, glitt ab zu den Rennen, bei denen man auf alle möglichen und unmöglichen Tiere wetten konnte und schließlich, nach einigen langen Minuten endete es damit, dass der andere sich mit einem Handkuss von ihr verabschiedete, mit der leisen und ernsthaften Ankündigung, dass er sich auf ihr erneutes Zusammentreffen am Spieltisch sehr freuen würde. Erleichtert sah Tarlant ihm nach und begab sich dann zu Dai'thi an den Tisch.

Dai'thi hatte sich wirklich bemüht, nicht zu ihr zu schauen, um ihr nicht das Gefühl zu geben, dass er sie beobachtete oder gar kontrollieren wollte. Aber natürlich hatte er genau in dem Moment, als der andere Mann ihr die Hand küsste, doch einen Blick zu ihr geworfen, um abzuschätzen, ob sie noch lange brauchte. Das heiße Brennen der Eifersucht, das ihn überschwemmte, war genauso unangenehm wie überraschend. Rasch wandte er sich wieder dem Ka'api-Saft zu, den er sich bestellt hatte, und nahm einen Schluck des kühlen, frischen Getränks.

/Du hast kein Anrecht auf ihre ausschließliche Aufmerksamkeit, Dai!/, schalt er sich verärgert. /Natürlich zieht eine Frau wie sie die Blicke aller auf sich. Besonders jetzt, wenn sie mehr von sich zeigt./ Dann erinnerte er sich daran, dass seine Blumen die einzigen waren, die bei ihr gestanden hatten, und mit einem Schlag fühlte er sich viel besser. Ein Lächeln schlich sich auf sein Gesicht und blieb.

Tarlant ging auf den Tisch zu und nahm auf dem Stuhl Platz, den er ihr zurechtrückte. Sie stellte ihr Getränk, lediglich Wasser mit spiralförmigen roten Strudeln, vor sich ab und lächelte ihm einmal zu. "Das ist aber eine Überraschung, damit hatte ich gar nicht gerechnet."

"Ich habe Sie vermisst und fragte mich, ob es möglich ist, den letzten Abend noch einmal, vielleicht kürzer an einem Tag wie diesem, zu wiederholen", gestand er ehrlich und bewunderte sie erneut, wobei er sich Mühe geben musste, sie nicht zu offensichtlich anzustarren. "Aber ich muss mich für meine Aufdringlichkeit entschuldigen." Verlegen strich er sich durch das kurze Haar und senkte den Blick auf den Tisch. "Es lag nicht in meiner Absicht, Ihnen zu nahe zu treten. Es ist... einfach passiert."

Tarlant ließ ihren Blick unsicher über ihn streichen. Diese freundliche Art, so hoffnungsvoll in ihre Richtung fühlend und denkend, das war sie nicht gewohnt. Es überforderte ihre Fähigkeiten im Abweisen vollkommen. Sie schaffte es noch immer nicht, einfach den Satz auszusprechen, der dies alles töten würde, ihn enttäuschen.

Stattdessen lächelte sie leicht und sagte "Wieso nicht? Etwas essen wollte ich ohnehin, in Gesellschaft ist es doch noch einmal so angenehm. Haben Sie einen Vorschlag, Dai'thi?"

Das Strahlen, das über sein Gesicht ging, erfasste auch seine Augen und ließ sie wieder hell und leuchtend werden. "Ich danke Ihnen, Sha'aina." Es kostete ihn etwas Mühe, wieder zu der förmlicheren Anrede zurück zu kehren, doch er wollte nicht unhöflich sein. Und wenn sie es ihm nicht gestattete, sollte er nicht zu persönlich werden. "Es gibt ganz in der Nähe ein ausgezeichnetes Restaurant, wie ich gehört habe, das Takeshmahal. Es bietet einen schönen Blick auf den größten Park der Icesior, in dem man im Anschluss vielleicht auch noch einen kleinen Spaziergang machen könnte. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen dort einige der Pflanzen zeigen, die auf den Planeten meiner Heimat wachsen. Vermutlich haben sie auch einen Nachtdistrikt. Wir haben mehrere Büsche und Gräser, die in der Dunkelheit leuchten."

Tarlant erhob sich langsam. "Das klingt sehr verlockend. Und, Dai'thi, Sie haben mich vorhin bereits mit Sha'ara angeredet. Haben Sie das nur getan, um meinen Gast zu irritieren und mich zu verwirren, oder wollten Sie mich wirklich so anreden?" Sie unterdrückte ein Grinsen. Es machte Spaß, ihn ein wenig zu erschrecken, und dass er sich erschrecken würde, darauf schloss sie insgeheim schon eine Wette mit sich ab.

Dai'thi spürte, dass ihm das Blut ins Gesicht stieg, spürte die Hitze in seinen Wangen. Dann merkte er, dass ihr der Unterschied aufgefallen war und anhand dem, was sie sagte, auch, dass ihr durchaus bekannt sein musste, was es damit auf sich hatte.

Sie hatte sich also nicht nur mit seiner Kultur und seiner Sprache beschäftigt, wenn er bei ihr war, sondern sich auch privat damit auseinander gesetzt, sonst hätte sie das nicht gewusst. Denn er hatte es ihr nicht erklärt. Ihr Interesse verschaffte ihm ein gutes Gefühl. Rasch erhob er sich, um ihr den Arm zu bieten.

"Das erstere und das letztere, Sha'aina", gab er zu. Er spürte, dass sein Herz schneller schlug, als er weiter sprach. "Habe ich denn die Erlaubnis, dabei zu bleiben?"

Tarlant lachte leise. /Wette gewonnen. Oh, er ist sogar ein wenig rot geworden./ Hastig fing sie sich, um ernsthaft zu erwidern "Aber natürlich, Dai'thi. Ich fand es angenehm und ich habe mich geärgert, dass meinem Gast die Bildung für Irritation gefehlt hat."

Sie legte den Arm in den ihres attraktiven Begleiters und war sich zum ersten Mal an diesem Tag sicher, dass bei all den Shorts und den Stiefeln doch er den größeren Anteil der Blicke bekam. Damit fühlte sie sich zum ersten Mal in einer Situation vollkommen wohl.

Bereits vom Fensterplatz des Restaurants aus konnte Dai'thi Tarlant die ersten Nachtpflanzen zeigen, die man in der Ferne im Park leicht schimmern sah. Ihr Interesse daran ließ ihn weiter reden, er erläuterte ihre Bedeutung für einige Rituale und genoss die Gegenwart seiner schönen Begleitung mehr und mehr. Zudem war ihm, als ob sie heute auch sehr gut gelaunt war, als würde sie seine Gesellschaft ebenfalls mehr als nur schätzen. Dai'thi fühlte sich trunken vor Glück, als sie wesentlich später, als er gedacht hatte, das Restaurant wieder verließen, um durch den dunklen, aber sicheren Park zu schlendern. Tarlant ging dicht neben ihm, wieder bei ihm eingehakt, und konnte ihre Wärme fühlen, roch ihren zarten Duft, der ihm so gefiel.

Es war faszinierend, was ihre ehemalige Heimat alles vor Tarlants Augen verborgen gehalten hatte. Diese schimmernden, leuchtenden Pflanzen waren ihr zuvor noch nicht begegnet. Allerdings passierte in dem dunklen Park noch etwas anderes, etwas Unerwartetes. Tarlant erinnerte sich an einen anderen Park, an sichere Dunkelheit, an geflüsterte Worte und Küsse. Erschaudernd versuchte sie, die Gedanken zu verdrängen. /Das bin ich nicht mehr, alles hat sich geändert, und das darf nie wieder passieren! Hör auf, diese Erinnerungen herbeizurufen, verdammt!/

Dai'thi erklärte ihr gerade, auf welch trickreiche Art die besonders freundlich leuchtenden Seerosen an einem der kleinen Teiche Insekten zu sich lockten, als sie begann, die Erinnerungen und die Gefühle, die ihnen in ihr Bewusstsein folgten, als unerträglich zu empfinden. Fröstelnd entzog sie ihm ihren Arm und seufzte unbewusst, hatte auf seine Worte nicht mehr acht gegeben.

Dai'thi verstummte. Ihr leichtes Schaudern war ihm nicht entgangen, doch hatte er keine Ahnung, was es hervorgerufen hatte. Und dass sie regelrecht von ihm zurückwich, verwirrte ihn und ließ seine Hochstimmung etwas abflauen. Hatte er einen Fehler gemacht? Langweilte sie sich? Erwartete sie etwas von ihm, das er nicht erfüllt hatte? Er mochte die Unsicherheit nicht, die ihn mit einem Mal befiel und verdrängte sie energisch. Vielleicht lag es gar nicht an ihm. Vielleicht ging es ihr nicht gut, und er hatte es nicht bemerkt.

"Sha'ara, ist alles in Ordnung mit Ihnen?", erkundigte er sich besorgt.

Tarlant fuhr aus ihren Gedanken auf und sah ihm ins Gesicht. Da war es schon wieder, die Augen wurden dunkler, matter. Sie beeilte sich zu lächeln und erklärte schnell "Nein, nein. Ich ärgere mich nur gerade über mich selber. So ein schöner Park und solch ein herrlicher Abend, aber natürlich habe ich vergessen, mir die passende Kleidung mitzunehmen. Ich wollte vorhin nicht noch ganz zu meinem Zimmer, um mich umzuziehen, aber nun denke ich, dass es dumm von mir war." Nachdenklich lehnte sie sich an die zierliche Brüstung vor dem Teich, endlich wagte sie es und fragte leiser "Woran liegt es, dass sich die Farbe Ihrer Augen so häufig ändert, Dai'thi?"

"Wenn Ihnen kalt wird, sollten wir umkehren, Sha'ara", erklärte er ernsthaft. "Ich möchte nicht, dass Sie krank werden." Doch sie sah nicht so aus, als würde sie frieren, weswegen er nicht weiter darauf bestand. Während sein Blick suchend über sie glitt, um herauszufinden, ob es ihr wirklich gut ging, verschwammen seine Gedanken.

Wieder stellte er fest, wie schön sie war und dass sie nicht viel brauchte, um sein Herz schneller schlagen zu lassen. Die im Hintergrund schimmernden Seerosen umrahmten ihre schlanke Gestalt mit einem zarten Lichtkranz, der sie aus der Dunkelheit hervorhob und das kühle Licht des Mondes weicher erscheinen ließ. Er wollte ihr nahe sein, noch viel näher, wollte sie halten, berühren, spüren...

Stattdessen trat er nur zu ihr ans Geländer und lehnte sich neben sie. Seine Hand streifte ihren nackten Arm, und er genoss das Gefühl weicher Haut und das Kribbeln, das es in ihm hervorrief, während er sich an ihre Frage erinnerte.

"Meine Augen verraten, was ich fühle, was ich denke", erklärte er. "Wenn man eine Weile unter Kemjasheri'i gelebt hat, ist es nicht länger ein interessantes Farbspiel. Anhand dessen kann man ziemlich sicher ablesen, was in einer Frau oder einem Mann vorgeht. Deswegen gilt es bei uns als unhöflich, wenn man fremden Personen länger in die Augen sieht. Es ist... sehr intim. Fremden wird es verziehen, man bemüht sich, selber auf die Einhaltung der Höflichkeit zu achten, indem man den Blick senkt oder ihn hinter den Wimpern verbirgt." Er lachte leise. "Es kann unbeabsichtigt zu Verwirrungen führen, wenn man auf ein Volk trifft, dass es als äußerst unhöflich empfindet, wenn man sich beim Gespräch nicht in die Augen sieht."

Tarlant senkte hastig den Blick und murmelte eine Entschuldigung. /Dann hieße helles Grün, dass er sich freut? Die Dunkelheit darin, war es Ärger? Wenn ich einen Fehler gemacht habe? Sorge? Oh, so viel einfacher macht es die Sache auch nicht./ "Das habe ich nicht gewusst, aber ich werde es mir merken und Sie nicht mehr durch direktes Starren belästigen."

Dai'thi lächelte. "Bei Ihnen habe ich es nie als Belästigung empfunden, Sha'ara."

Tarlant beobachtete, wie einige exotische Fische nach von den leuchtenden Seerosen angelockten Insekten schnappten. "Es ist vermutlich eine sehr ehrliche Art, die Gefühle zu zeigen, Dai'thi." In dem Moment fiel ihr auf, dass er selten ihren Namen verwendete, sehr häufig die unterschiedlichen Anredeformen. "Sie sagen immer Sha'ara oder Sha'aina zu mir, was sagt denn eine Frau zu einem Mann in der Anrede?" Lächelnd fügte sie hinzu "Ich schlafe nach der Arbeit beim Lesen immer so schnell ein, deswegen habe ich das Kapitel in meinem Buch noch nicht erreicht. Wie mir scheint, kommt die Anrede eines Mannes in Ihrer Kultur weiter, viel weiter hinter der Anrede einer Frau."

Dai'thi sah von der schimmernden Wasseroberfläche weg und zu Tarlant hin. Ihre nebensächliche Bemerkung zu dem Buch erfüllte ihn mit Freude. "Das kommt daher, dass Frauen der Göttin näher stehen. Sie sind höher im Rang, allein durch ihre Weiblichkeit."

Vorsichtig näherte er seine Hand der ihren, die auf der Brüstung ruhte, bis er sie sacht über ihre legen konnte. "Wenn eine Frau einen Mann noch nicht so gut kennt, aber höflich sein will, sagt sie Dai'inar zu ihm, das entspricht Sha'aina im Weiblichen, nur ohne den Einschub des ehrenden 'a und mit männlicher Endung. Dann kommt Sha'aena, was beim Mann Dai'enar entspricht. Für Sha'ara gibt es keine Entsprechung. Die korrekte grammatikalische Umsetzung würde vermutlich Dai'rar lauten, aber das klingt eigenartig und falsch. Man verehrt keinen Mann. Stattdessen bedient man sich dann des Namens", er lächelte, "oder noch eine Stufe weiter, der Koseformen."

Tarlant errötete, es war nicht allein die warme Berührung und die Nähe, die er so plötzlich damit schuf, sondern viel mehr die Art, in der er das Wort 'Koseformen' aussprach; und es lag daran, dass sie in dem Kapitel 'Koseworte', das natürlich weit am Ende ihres Buches stand, zuerst nachgesehen hatte.


by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig