Kemjalas Plan

19.

"Das klingt mir so sehr wie Ihr Name. Dai'thi. Was bedeutet der Name?" Tarlant fiel die Bedeutung ihres eigenen Namens ein, und die Röte ihrer Wange vertiefte sich.

"Er setzt sich zusammen aus der Stammform von Dai'shir, was Mann bedeutet und der Namensform von thir, das heißt so viel wie groß und stark, sowohl im körperlichen als auch im übertragenen Sinne. Also bedeutet Dai'thi großer, starker Mann." Er lachte. "Ich war als kleines Kind schon ungewöhnlich groß. Kennen Sie die Bedeutung des Ihren, Sha'ara Tarlant?"

Tarlant ließ den Blick kurz über seine Statur schweifen und murmelte "Groß und stark sind Sie sicherlich. Ungewöhnlich für Ihre Rasse." Sie seufzte. "Die Bedeutung meines Namens ist mir nicht besonders angenehm. Ach, was soll das. Meine Vorfahren waren Zigeuner, die in einem dieser kleinen Raumschiffe, die vermutlich nur der Rost zusammengehalten hat, umhergezogen sind, bis sie hier eine Heimat fanden.

Das Raumschiff, das schließlich doch nicht mehr flugtauglich zu bekommen war, nachdem die Familie hier angelangt war, diente ihnen dennoch weiterhin als eine Art Notunterkunft, als ein Versteck. Meine Mutter behauptet, dass ich dort... entstanden bin. Das Schiff war ein sehr altes Modell aus dem Hutchinsonwerk, gestohlen natürlich. Sie hat immer gesagt, dass es genauso besonders war, dass es mich geben konnte, wie dass dieses Schiff sie noch sicher zur Icesior hatte bringen können. Sie war schon so alt gewesen wie das kleine Schiff und hatte nicht mehr mit Kindersegen gerechnet und..." Noch mehr erröten konnte Tarlant nicht mehr, auch wenn ihr noch eine Spur heißer wurde. "...auf der Lenkkonsole stand 'Sonderausstattung der Reihe Tarlant'."

Hastig entzog sie Dai'thi ihre Hand und wendete sich ab. /Mutter. Du warst schon immer so verrückt, nicht? Tarlant, und noch immer weiß ich nicht.../ Sie lachte auf. "Die Ironie der Sache ist, ich weiß bis heute nicht, was an diesem Modell die Sonderausstattung war, die den Namen Tarlant trug."

Dai'thi richtete sich auf und lächelte. Von einer derart eigenartige Namenswahl hatte er noch nie gehört. Es verfügte über eine gewisse geheimnisvolle Ausstrahlung, die zu ihr passte. "Ich bin sehr froh, dass die Göttin ihre Mutter noch einmal gesegnet hat, Sha'ara. Und was immer die Sonderausstattung war, sie muss eine Besonderheit gewesen sein, wenn Ihre Mutter sie danach benannt hat. Eine Sache, mit der sie etwas verband, das ihr sehr wichtig war."

Tarlant lächelte und nickte leicht. "Die Erinnerung an meinen Vater vielleicht. Ich hab ihn nie kennen gelernt." Fröstelnd rieb sie sich über die Arme und seufzte. "Wir sollten vielleicht doch wieder in einen wärmeren Raum gehen, so herrlich der Garten bei Nacht ist."

Dai'thi neigte zustimmend den Kopf, auch wenn er bedauerte, dass sie die Ruhe und Einsamkeit des Parks verlassen würden. "Verzeihen Sie mir, ich hätte daran denken müssen, dass Sie zu leicht angezogen sind für die Nacht." Wieder bot er ihr seinen Arm; und als sie ihre Hand darauf legte und ihm wieder näher kam, stellte er fest, wie kalt sie war und wie kühl ihr nackter Oberarm. Beschämt schloss er die Finger um ihre, um ihr ein wenig Wärme zu geben. "Ich werde beim nächsten Mal aufmerksamer sein."

Tarlant lehnte sich dichter zu ihm und lächelte. "Ich bin ein großes Mädchen, ich sollte von allein wissen, dass eine Jacke keine schlechte Idee ist." Seine Wärme war nicht nur angenehm, weil der Nebel ihr nun auch unangenehm nasskalt an die Beine herankroch, sondern auch innerlich. Sie spürte, dass es immer schwerer wurde, ihn wieder loszulassen.

Auch Dai'thi lächelte, doch er sah sie nicht an. Ihr Näherkommen ließ ihn stumm jubilieren, machte die Dunkelheit der Nacht wärmer und weicher, und er wünschte sich, Tarlant einfach in den Arm nehmen zu können und vielleicht zu kosten, ob ihre Lippen nicht noch süßer schmeckten, als er es sich vorstellte.

Tarlant ertappte sich dabei, dass sie einen Umweg nahm, als sie durch die Flure gingen. Doch unaufhaltsam kam ihre Tür näher, und sie wusste, dass sie ihn unmöglich mit in das Zimmer bitten konnte. Zögernd entriegelte sie das Schloss. "Danke für den angenehmen Abend, Dai'thi." Tarlant drehte sich zu ihm um, unbewusst streifte sie die Augen, wollte die frühlingshafte Atmosphäre, die er mit nur einem Blick versprühte, noch einmal genießen.

"Ich danke Ihnen", erwiderte er leise. Er stand noch immer dicht bei ihr, gerade erst hatte sie ihn losgelassen. Nach wie vor konnte er ihre Wärme auf seinem Arm spüren, das Prickeln, das ihre Berührung immer bei ihm hinterließ. Doch er wusste, dieses Mal würde sie ihn nicht mit hinein bitten. Die Art, wie sie ihn ansah, sagte es ihm, und dennoch war dahinter noch viel mehr, auf das er reagierte, mit all seinen Wünschen, seinem ganzen Sehnen.

Ohne, dass ihm wirklich bewusst wurde, was er tat, hob er die Hand, um sie Tarlant sachte an die Wange zu legen. Er streichelte sie mit dem Daumen, bemerkte flüchtig das so gut zueinander passende Farbspiel seiner dunklen Haut gegen ihre hellere, fühlte die samtige Weichheit ihrer Wange unter seinen Fingerkuppen.

/Lauf weg! Schnell! Mach schon, Tarlant! Verdammt noch mal!/ Die Stimmen in ihrem Kopf passten nicht zu den Gefühlen, die Tarlant lähmten, den Blick in seine Augen gerichtet, obgleich sie doch nun wusste, wie unhöflich gerade so ein direkter Blick sein musste. Seine Finger waren leicht und strichen gerade eben über ihre Wange; es fühlte sich nicht wie das unerfahrene Betatschen an, das sie noch von den letzten Versuchen mit einem Mann in Erinnerung hatte, sondern war viel wissender, viel rücksichtsvoller und derart ehrfürchtig, dass ihr Atem stockte. /So bin ich nicht, bitte... hör doch auf, so zu sein.../

"Sie sind die wundervollste Frau, die ich je kennen gelernt habe, Tarlant", flüsterte er, und noch ehe er es sich anders überlegen konnte, noch ehe sie die Gelegenheit zu einer Antwort bekam, hatte er sich schon vorgebeugt und küsste sie.

Zutiefst erschrocken, anders konnte Tarlant ihre Gefühle nicht beschreiben. Sie riss die Augen auf und sog scharf Luft ein. Damit hatte sie zwar gerechnet, und doch wieder nicht. Nicht so, nicht mit dem Herzrasen, mit dem Schwindelgefühl dabei, und sie hätte niemals gedacht, dass sie, anstelle sich schnell abzuwenden und die Tür zuzuschlagen, eher taumeln und sich gegen ihn lehnen würde. Um Halt zu finden, umfasste sie seine Arme mit leichtem Griff und entschuldigte sich atemlos mit niedergeschlagenen Augen, sobald er sich wieder ein wenig von ihr entfernt hatte.

Er umschlang sie, um sie vorsichtig zu stützen, und zog sie dadurch noch näher an sich. All seine Sinne waren auf sie ausgerichtet. Er konnte ihre Wärme spüren, ihren schnellen Atem, der seine Lippen streifte, so dicht war er bei ihr. Fast vermeinte er, ihr Herz zu hören, das heftig schlug. Ihre kurzatmige Erklärung klang eher wie eine Liebkosung als wie eine Entschuldigung, und ihre leicht geröteten Wangen ließen sie noch schöner, noch atemberaubender aussehen mit der Schüchternheit, die ihr die leichte Färbung verlieh. Ihr Duft war intensiv und doch zart, brachte ihn durcheinander und zu einem weichen Lächeln. Tarlant wirkte hilflos und sehnsüchtig, erwartungsvoll, ein wenig ängstlich und zugleich sehr verwirrt.

Es kostete ihn Mühe, sie nicht sofort noch einmal zu küssen, länger diesmal und in der Hoffnung, dass sie den Kuss vielleicht erwidern könnte. Stattdessen flüsterte er ihren Namen, während er sich wünschte, sie würde ihn ansehen.

Tarlant sah auf und Dai'thi in die Augen. Fröhlichkeit und Übermut tanzten darin und ließen sie lächeln. Es war befreiend und fühlte sich mit einem Mal so gut und richtig an, ihn zu küssen, dass sie es sich noch ein weiteres Mal herbeisehnte. /Ist es nun erlaubt oder nicht, sich einem Mann zu nähern? Verdammt, in der Kultur kenne ich mich noch immer nicht aus!/

Zaghaft lehnte Tarlant sich dichter zu Dai'thi hinauf, stellte sich sogar ein wenig auf die Zehenspitzen, auch wenn eine kleine, sehr leise Stimme in ihrem Hinterkopf zu protestieren begann. Ihm nah zu sein, schaltete jedoch jede Warnung aus. Langsam ließ Tarlant die Hände von den Armen über seine Schulter hinaufstreichen.

Atemlos spürte Dai'thi ihren unsichereren Berührungen nach, ohne den Blick von ihren grauen Augen zu lassen, die ihn voller schüchterner Zuneigung und scheuer Sehnsucht ansahen. Als ihre Finger seinen Hals streiften und sie sich ihm ein wenig entgegen reckte, wie um ihn aufzufordern, konnte er ihr nicht wiederstehen. Er überbrückte den wenigen Raum, der noch zwischen ihnen lag, und als er ihre weichen, warmen Lippen mit den seinen berührte, schloss er die Augen.

Alles, was er konnte, war sich in dieses Gefühl von Richtigkeit, von Wärme und Liebe fallen zu lassen, das er empfand. Sie wirklich zu küssen war viel mehr ein Traum als alles, was er sich bisher erträumt hatte. Er seufzte leise auf und drückte sie noch ein wenig mehr an sich, spürte ihren nachgiebigen Körper, der so gut zu seinem passte, ihr Entgegenkommen, das ihn zu mehr aufzufordern schien. Und ob es ein Wunsch oder Wirklichkeit war, Dai'thi kam der Aufforderung nach, indem er behutsam mit der Zungenspitze ihre Lippen entlang fuhr, sie zart liebkoste und streichelte. Sie schmeckte nach einem Hauch von Lippenstift, dem Wein, den sie zum Essen getrunken hatten und nach... Tarlant.

Es war so viel schöner als in ihrer verblassten Erinnerung, das leichte Prickeln auf ihren Lippen, die Wärme und der Geschmack von ihm, sein sanftes Streicheln auf ihrem Rücken. Ein herrlicher Gefühlstaumel erfasste sie, wie in einem ihrer sonst so grausam mit dem Aufwachen endenden Träume. Doch Tarlant erwachte nicht, dieses Mal genoss sie die Berührungen und den herben Geschmack, das fremde Gefühl seiner Zunge an ihrer und war hellwach, wenn auch ihr allein der Gedanke, dass sie die Augen öffnen sollte, absurd und unerfüllbar erschien. Sie wiegte sich lieber in eine weiche Dunkelheit, von seinen Berührungen und dem Gefühl, gehalten zu werden, bestimmt und gelenkt.

Doch das Erwachen ereilte sie auch dieses Mal. In Form der steigenden Erregung ausgerechnet. Als sich ihre Zungen ein weiteres Mal umstrichen, stöhnte sie leise auf, und in dem Augenblick gewannen die warnenden Stimmen in ihrem Kopf und setzten sich gegen ihren Körper und dessen Verlangen nach diesem Mann durch.

Tarlant machte sich langsam aus seiner Umarmung los, schweratmend bereits, und sie schämte sich ausgiebig für den Kontrollverlust. "Verzeihung", flüsterte sie und trat schwankend einen Schritt in ihre Zimmer zurück. "Ich... muss... Auf Wiedersehen, Dai'thi, und danke." Unsicher griff sie nach dem Türpfosten. /Verdammt, das war nur ein Kuss, reiß dich zusammen!/

Dai'this Herz sang vor Freude; sein Körper prickelte und vibrierte, er hatte ihre Hingabe gespürt, ihr erwachende Leidenschaft für ihn. Er wollte antworten, wollte ihr zeigen, dass er sie mehr begehrte als jemals eine Frau zuvor, doch sie war so verwirrt, so hilflos. Niemals hätte er geglaubt, dass eine Frau sich ihrer selbst derart unsicher sein konnte; manchmal erschien sie ihm, als ob sie daran zweifelte, attraktiv zu sein. Doch er wollte ihr alle Zeit geben, die sie brauchte. Er war sich so sicher, dass sie für ihn empfand, dass er ihr wirklich viel bedeutete, dass es gleichgültig war, wie lange sie noch brauchte.

"Schlafen Sie gut, Sha'ara", sagte er leise und lächelte sie an. Er musste sich zusammennehmen, damit ihm nicht eine viel intimere Koseform über die Lippen kam. Er haschte nach ihrer freien Hand und zog sie an die Lippen, doch dieses Mal küsste er nicht keusch den Handrücken, dieses Mal küsste er, wenn auch nur flüchtig, die zarte Innenseite des Handgelenks, ehe er sie gehen ließ. "Ich wünsche Ihnen süße Träume."

Die Tür schloss sich mit einem leisen Zischlaut, und Tarlant war allein. Zum ersten Mal empfand sie dies nicht wie einen Zustand der Ruhe und zur Erholung gedacht, sondern sie fühlte sich wirklich allein, als würde etwas an ihrer Seite, etwas in ihr fehlen. Mit sehnsuchtsvollem Blick überlegte sie, ob es ein guter Gedanke war, die Tür noch einmal zu öffnen, sei es auch nur, um den Fleck, auf dem sie eben gestanden hatten, ein weiteres Mal anzustarren. Doch dann begann sie, sich langsam auszuziehen, hängte die Uniform ordentlich in den Schrank, um in den Schlafanzug zu schlüpfen, der ihr viel zu groß war und ein wenig der Wärme ersetzte, die Dai'thi sie hatte fühlen lassen.

Auf dem Bett liegend und die Wale im Aquarium beobachtend ließ Tarlant die Buchseiten vor sich abspulen, auf denen die Konversationsregeln der Kemjasheri'i erklärt wurden. Demnach wäre es für Dai'thi angebracht, wenn er sie tatsächlich mit der Koseform ansprechen würde, denn sie hatte ihm mit dem Kuss quasi die Erlaubnis erteilt. Allerdings hatte es sie viel mehr erschaudern lassen, als sie ihren Namen gehört hatte, voller Verlangen geflüstert, als sei ein Kuss von ihr das höchste Ziel. So hatte niemand zuvor, nicht einmal LeRoux sie fühlen lassen.

Doch schon bald kamen die bösen Stimmen. Sie ließen sich nicht vertreiben, und während Tarlant krampfhaft versuchte, Schlaf zu finden, wurden sie unerträglich laut und böse. /Du hast dich verliebt, Tarlant. Davor hattest du solch große Angst und nun? Nun bist du wehrlos glücklich; fang endlich an, nachzudenken und logisch zu überlegen, wie viel Schaden du anrichtest. In dir, in ihm und für seine Gesundheit. Er kann einen Schock bekommen, von dem er sich nie wieder erholt! Wenn du ihn wirklich liebst, dann solltest du ihn nicht wieder sehen, Tarlant./

 

Finn pfiff leise vor sich hin und beobachtete von seinem Posten aus, wie zwei Männer in eine Diskussion gerieten, die vielleicht in einer Prügelei enden konnte. Es waren Menschen, die ihm keine Angst machten. Also wendete er ihnen den Rücken zu, bis sie sich derart in Rage geredet hatten, dass es Sinn machte, die beiden Streithähne zu trennen.

Die beiden Männer waren sehr deutlich betrunken und begannen bereits, sich zu schupsen und zu rangeln, als Finn aus der Galerie zu ihnen hinuntersprang. Er fauchte und zeigte seine Zähne und Krallen, während er ihnen in ihrer Sprache vorschlug, ihre Unterhaltung auf der Straße fortzusetzen.

Er hatte die beiden gerade zur Tür begleitet und kehrte in den warmen, rauchigen Schankraum zurück, in dem soeben eine sehr umfangreiche Sängerin die Bühne betrat, als er den Dieb entdeckte.

Siebenundzwanzig schlich sich auffallend unauffällig in der Nähe des Orchesters hinter die dort sitzenden Arbeiter, die mit Sicherheit an diesem Abend ihren Wochenlohn vertrinken wollten. /Verdammt! Das dumme Gör bringt mich um meinen Job!/

Finn sprang gerade auf Siebenundzwanzig los, als auch schon der Barkeeper, ein schwerer Mann mit schütteren Haaren und humorloser Art, ein Glas nach dem zierlichen Dieb warf und ihn anbrüllte "Du kleine Ratte! Was hast du da zu suchen? Verschwinde!"

Jessi zuckte erschrocken zusammen und duckte sich unter dem Glas hinweg, das splitternd an einem Pfosten zerbrach und ihn mit einem Scherbenregen übergoss. Er spürte einen kleinen Schmerz an der Wange, der von einem Schnitt herrühren mochte, doch recht schnell auch wieder verebbte, während Jessi ängstlich zurückwich. Verdammt, warum musste der Barkeeper ihn entdecken? Er hatte sich solche Mühe gegeben, aus seinem Sichtfeld zu bleiben, nur hier ging das nicht. Und just in dem Moment hatte sich der alte Kerl umdrehen müssen. Doch noch bevor er wirklich Angst bekommen konnte, sah er eine bekannte Gestalt, hörte ein vertrautes Fauchen.

Finn konnte es nicht erklären, aber zu sehen, dass jemand Siebenundzwanzig angriff, machte ihn auf eine Art wütend, die er nur schlecht kontrollieren konnte. Mit zwei Sätzen war er zwischen den beiden und fauchte den Barkeeper mit zu Schlitzen zusammengezogenen Augen an, dass er sich um seine dreckigen Gläser kümmern sollte.

Dann grinste Finn wieder und legte den Kopf ein wenig schief. "Du grober Klotz hast meinen Freund belästigt, wenn du das noch einmal wagst, hast du ein Problem, Dicker!" Mit einer geschmeidigen Bewegung war er bei Siebenundzwanzig und nahm ihn besitzergreifend in den Arm. Er lehnte sich zu ihm hinunter und zischte "Halt still, sonst bist du geliefert!"

Jessi lächelte unsicher und nickte. Es war eigenartig, dass der große Kater ihn in Schutz nahm, doch dann erinnerte er sich daran, dass er keine Wahl hatte, wenn er ins Herz wollte. Trotzdem, er hatte regelrecht wütend ausgesehen. Für einen kurzen Moment gab sich Jessi der Illusion hin, dass er ihn sogar ein wenig mögen könnte, bis er sich bewusst machte, dass er ihn beim Einbruch erwischt hatte. Trotzdem war er ihm dankbar. Das war schon das zweite Mal, dass er ihm half.

"Würde ich es jemals wagen, dir zu widersprechen, du übergroßer Kater?", wisperte er zurück.

Finn sah ihn forschend an und seufzte. "Das ist die richtige Einstellung. Schon wieder Hunger, hm?", flüsterte er und schnupperte an dem Haar und der Haut des anderen. Der Geruch nach Kunst nahm zu. Als würde eine Krankheit sich in dem Kleinen ausbreiten. /Er hat Recht. Er braucht das Zeug vermutlich wirklich. Verdammt./

Finn hatte selten Probleme damit, sich Dinge einzugestehen. Er war ausgezeichnet darin, eigene Fehler zuzugeben, das war zum Teil auch schlecht, da er andere mit allzu ehrlichen Geständnissen nicht selten erschreckte. In dem Fall dieses kleinen Diebes war Finn sich in genau diesem Augenblick darüber sicher geworden, woher seine Sorge stammte, und wieso er das Bedürfnis hatte, den schmalen Körper zu berühren, seine Krallen durch die dicken Haare zu kämmen, wieso er den Kleinen so gern an sich drückte. /Verdammt, ausgerechnet jetzt!/

Er blickte auf das schwarze Tuch und den unkleidsamen Mantel herab. /So sehr hab ich schon lange niemanden mehr gewollt. Und ich kann meinen Besitzer nicht um Erlaubnis bitten!/ Durch diese Zwickmühle verärgert umfasste Finn Siebenundzwanzigs Hüfte eine Spur zu unvorsichtig und zog ihn mit sich in einen der hinteren Räume. "Ich habe dir etwas zu geben, komm mit."

"Du tust mir weh", maulte Jessi, aber mehr aus Prinzip, als weil es wirklich weh tat. Doch er folgte ihm widerstandslos. /Hoffentlich meint er das Geld, ich kann nicht mehr länger warten. Ich muss los, sonst schaff ich es nicht rechtzeitig./ Bereits jetzt spürte er immer wieder schon erste Anzeichen, dass ihm die Zeit knapp wurde, wenn unvermittelt ein stechender Schmerz einsetzte, der jedoch noch relativ schnell wieder vorüber ging.

Finn blieb im Hinterzimmer, in dem er seine Pausen verbringen sollte, seufzend stehen und betrachtete den kleinen Dieb. Langsam ging er vor ihm in die Hocke und sah in das runde, helle Gesicht hinauf. Ja, die Gefühle trogen ihn nicht, verdammter Mist. Aber er hatte schon damals mit seinem ersten Besitzer ausgemacht, dass er immer ehrlich sein würde, zu sich, zu seinem Besitzer und auch und zuallererst zu denjenigen, die ihm etwas bedeuteten.

"Weißt du, Siebenundzwanzig, dass du dich wie Sahne anfühlst für mich?" Finn suchte in den roten Augen nach einem Gefühl, einer Antwort, aber fuhr gleichzeitig fort "Ich haben angefangen, mich um dich zu sorgen, Kleiner. Deswegen... sei vorsichtig und komm zurück von dort."

Er holte eine Blankokarte aus seiner Westentasche hervor und schlug sie einmal gegen seine Hand. "Es ist genug drauf für dich, und es ist frei, keine Codes und kein Umschreiben nötig." Mit einer schnellen Geste hielt er sie vor die flammfarbenen Augen.

Ein Strahlen ging über Jessis Gesicht, wenngleich er sich auch sagte, er sollte misstrauischer sein und nicht alles glauben, was man ihm erzählte. Hastig griff er nach der Karte und ließ sie in seinem Mantel verschwinden. Dann erst registrierte er den Rest dessen, was der Kater ihm erzählte und wiederholte noch einmal stumm, dass er wirklich nicht alles glauben sollte. Doch der Blick war so ernst, und eigentlich wollte er ihm gerne vertrauen, sicher sein, dass er sich um ihn sorgte. /Er will nur, dass ich ihn ins Herz bringe./ Aber wie er vor ihm hockte und zu ihm hochsah...

Ein wenig scheu lächelte er. "Sahne, hm? Katzen mögen Sahne. Ich werde auf jeden Fall zurückkommen. Ich komme immer zurück. Zudem hab ich versprochen, dass ich dich hinbringe."

Finn nickte leicht. Er strich einmal über die Wange und den Hals des anderen und sagte gedehnt "Ich mag Sahne... sehr gern." Er erhob sich und wendete sich zu seiner Tasche, um dem kleinen Dieb ein Paket Kuchen zuzuwerfen. Im Gehen rief er über seine Schulter "Also komm zum Hotel, wenn du wieder da bist! Damit ich probieren kann, ob du so schmeckst, wie du dich anfühlst." Er warf die Tür nach einem letzten Blick auf die schmale Gestalt ins Schloss und kehrte zu seinem Posten zurück.

Jessi stand mit offenem Mund in dem leeren Zimmer, hielt das Kuchenpäckchen in der Hand und starrte die Tür an, durch die Finn verschwunden war. Er spürte noch das Prickeln, wo der Kater ihn berührt hatte, seine Worte hallte in ihm nach. Doch dann verdunkelte sich sein Gesicht.

"Blöder Kater!", rief er ihm erbost hinterher. Erstens konnte er sich ganz gut allein auf den Arm nehmen und zum zweiten hatte das ohnehin keinen Sinn. /Wir haben einen Deal. Er zahlt mir das Hivosh, und ich bringe ihn ins Herz. Mehr nicht. Mehr ganz und gar nicht!/

Dann fiel ihm der Kuchen in seinen Händen ein, und seine Augen begannen zu glänzen. /Aber er hat sich gemerkt, wie gut er mir geschmeckt hat. Ich bin so dumm, dass ich mich darüber freue./ Rasch steckte er ihn ein, und nur Augenblicke später lag das Zimmer vollkommen verlassen da.


by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig