Kemjalas Plan

20.

Die Hohe Schwester wollte ihn sehen. Dai'thi hatte die Nachricht, die Ninári ihm überbracht hatte, mit Unbehagen aufgenommen, vor allem auch, weil sein Bruder ihn so eigenartig dabei angesehen hatte. Doch worum es ging, davon hatte er nicht sprechen wollen. /Wenn sie meint, eine Menschenfrau ist unpassend für ein Mitglied der siebenten Kaste, dann werde ich das erste Mal eine Priesterin enttäuschen müssen. Tarlant ist nicht unpassend. Wegen ihr habe ich die Anfälle nicht mehr. Wegen ihr bin ich wieder gesund. Zudem liebe ich sie, was noch wichtiger ist. Und sie liebt mich, da bin ich mir sicher. Ich werde sie nicht enttäuschen./

Entschlossen, aber noch immer in dem Hochgefühl, das Tarlants Küsse bei ihm hinterlassen hatten, betrat er den Tempel, dankbar dafür, dass Ninári ihn begleitete, auch wenn er bei dem Gespräch nicht dabei sein würde. Und wo Ninári war, war natürlich Laites nicht fern. Unwillkürlich musste Dai'thi lächeln, als er zu dem Katzenjungen hinsah. Auch wenn dessen Liebe nur durch einen Chip hervorgerufen wurde, war es doch irgendwie niedlich, ihn zu sehen, wie er Ninári anhimmelte. Denn dass er das tat, daran gab es keinen Zweifel.

Für einen winzigen Moment wurde Dai'thi nachdenklich, als er den Blick bemerkte, den sein Bruder Laites zuwarf und das Lächeln, das in seinen Augen lag. Wenn er es nicht besser wüsste, könnte er...

"Dai'thi, schön, dass du so schnell gekommen bist. Ninári, Laites, ich freue mich, euch wiederzusehen." Die klare Stimme der Hohen Schwester unterbrach seine Überlegungen. Er wandte sich um zu ihr und lächelte, als sie durch die große Eingangshalle auf ihn zueilte und ihm die Hand zum Kuss reichte, ihn anschließend jedoch umarmte, um die gleiche Begrüßung bei Ninári und Laites zu wiederholen.

Während die beiden zu den großen Räumen gingen, in denen für die Tänze der Rituale geprobt wurde, die Nin dem Katzenjungen zeigen wollte, folgte Dai'thi ein wenig nervös der Hohen Schwester. Doch während sie ihn auf die großen Katzen hinwies, die sich auf einem künstlich erwärmten Felsen in der Mitte des Hofes räkelten, als sie ihm einen Tee reichte und sich mit ihm auf eine Bank am Rand der Rasenfläche setzte, verschwand seine Unruhe. Wenn es etwas Unangenehmes gewesen wäre, über das sie mit ihm hätte sprechen wollen, hätten sie sich in die Ruhe eines Zimmers zurückgezogen, nicht in die friedliche Nacht des leeren Tempelhofes.

"Sie wollten mich sprechen, Hohe Schwester?"

Sie lächelte und wandte ihm ihr helles, zartes Gesicht zu. "Ja, es gibt einige Dinge, über die wir reden sollten, Dai'thi. Aber lass mich dir zuerst ein paar Fragen stellen. Darf ich?"

Er erwiderte ihr Lächeln ein wenig verwundert, als sie ihn mit ihren leuchtenden, blaugrünen Augen direkt ansah, und schaute hastig seinerseits weg. "Natürlich. Was möchten Sie wissen?"

"Du wirbst um eine Frau, habe ich gehört."

Sein Lächeln vertiefte sich, als er an den Ausdruck in Tarlants Gesicht dachte, nachdem sie sich geküsst hatten. Die Erinnerung an ihren wundervollen Geschmack war mit einem Schlag wieder genau so lebendig wie in dem Moment, als sie sich voneinander gelöst hatten. "Ja. Sie ist einfach atemberaubend. Sie ist... alles, was ich möchte."

Eine der großen Katzen hatte sich von dem Felsen erhoben, kam herangeschlichen und sprang dann mit einem Satz auf die Bank und rollte sich halb auf ihr, halb auf dem Schoss der zierlichen Priesterin zusammen. Shasiya legte ihre schmale Hand auf den eleganten Kopf und begann, den Kater zu kraulen, der fast genauso groß war wie sie. "Es freut mich, dass du jemanden gefunden hast. Wenn sie dich erhört, wirst du mit ihr zusammenziehen wollen und eine Familie gründen, nicht wahr? Wirst du deswegen die große Mutter weniger lieben?"

Dai'this Verwirrung wuchs. "Nein, natürlich nicht! Wie kommen Sie auf diese Idee?"

"Glaubst du, dass dein Bruder die große Mutter weniger lieben wird, wenn er eine Frau findet?", fragte sie, ohne auf ihn einzugehen und stürzte ihn damit vollkommen in Unsicherheit.

"Nein, er dient ihr doch sogar..."

Wieder lächelte sie, noch rätselhafter als zuvor. "Liebe ist etwas wundervolles, Dai'thi. Du erlebst es gerade selber. Doch Liebe ist nicht nur, was ein Mann einer Frau entgegenbringt. Du kannst deine Kinder lieben und deine Eltern, deine Freunde, die große Mutter, ein Tier. Und nur, weil du vielen Liebe entgegenbringst, heißt es nicht, dass du deswegen für irgendjemanden weniger empfindest. Die Liebe in all ihrer Vielfalt ist ein Geschenk der Herrin des Lebens, ihr größtes Geschenk. Es ist eine Sünde, sie nicht anzunehmen, sie zu verwerfen oder schändlich zu machen."

Zustimmend nickte Dai'thi leicht. Das war das, was in allen Tempeln gelehrt wurde.

"Und damit folgt dein Bruder nur dem Willen der Göttin, wenn er annimmt, was ihm geschenkt wurde", erklärte sie leise und fuhr fort, die Katze zu streicheln.

"Nin... Nin ist verliebt?" Überrascht sah er sie an. Das hatte er ihm nicht gesagt! Und wieso sollte ausgerechnet die Hohe Schwester... In dem Moment begriff er. Das Verstehen war kalt und heiß zugleich, Erschütterung und Verwunderung, Verständnis und neue Verwirrung. /Deswegen! Deswegen das alles! Der Katzenjunge... er ist... mein Bruder ist.../ Doch noch ehe er den Gedanken auch nur ansatzweise begriffen hatte, drang die nächste Erkenntnis zu ihm durch. Diese Priesterin, die vor ihm saß, hatte Ninári, hatte seine Liebe verteidigt. Dai'thi kam sich vor wie ein Narr, als er sie mit offenem Mund anstarrte.

Noch ehe er sich wieder gefangen hatte, unterbrach sie die kindliche Stimme einer Novizin, die soeben den Hof betreten hatte. "Hohe Schwester Shasiya, die Hohe Mutter verlangt nach Ihnen! Es ist dringend."

Shasiya seufzte auf und schob sanft die Katze von ihrem Schoss. "Es tut mir leid, Dai'thi, ich hätte gerne länger mit dir gesprochen und hatte mir auch Zeit dafür genommen. Aber das konnte ich nicht wissen. Wenn die Hohe Mutter sagt, es sei dringend, dann ist es dringend. Wenn du möchtest, kannst du gerne warten, dann reden wir nachher weiter."

Sie erhob sich anmutig, und auch Dai'thi sprang hastig auf, um ihre Hand zu küssen. Sein Kopf schwirrte, aber so sehr er ihr Angebot zu schätzen wusste, war er froh, dass das Gespräch unterbrochen worden war. Er musste Klarheit in seine Gedanken bekommen – und mit Ninári reden. "Ich danke Ihnen, doch ich muss erst einmal Ruhe finden. Ich werde darüber nachdenken, was Sie mir gesagt haben."

Sie nickte, lächelte ihn noch ein letztes Mal an und folgte dann der Novizin ins Innere des Tempels. Für einem Moment blieb Dai'thi einfach in der Mitte des Hofes stehen, kümmerte sich nicht um die Katze, die schnurrend um seine Beine strich und offensichtlich erwartete, dass er dort weitermachte, wo die Hohe Schwester aufgehört hatte. /Nin ist... Nin hat... Nin liebt einen Mann. Mein Bruder, der Priester, liebt einen Mann./

Es war schwer zu begreifen, dass Ninári, der sich immer an die Gebote der Göttin gehalten hatte, mit einem Mal genau das tat, was... Und dieser Tempel hier nahm es genauso als ein Geschenk der Herrin Kemjala wie jede andere Liebe auch. /Ich muss mit ihm sprechen!/

Ninári wartete bereits auf ihn, als er aus dem Garten kam. Laites stand an seiner Seite, hatte seine Hand in die seines Geliebten geschoben. Flüchtig musste Dai'thi lächeln, als er Nináris Gesichtsausdruck, seine angespannte Haltung wahrnahm, das Kinn ein wenig trotzig vorgeschoben, in den Augen ein entschlossenes Funkeln. Doch dahinter konnte er die Unsicherheit erkennen und die Angst vor Ablehnung. Dai'thi atmete tief durch. Es waren auch seine Unsicherheit und seine Angst. "Lass uns erst ins Hotel zurückkehren, dann können wir reden, Nin."

 

Sein Kopf schwirrte noch immer, als er früh am nächsten Morgen durch die Arche lief, um Tarlant aufzusuchen. Sprunghaft wanderten seine Gedanken zwischen ihr, seinem Bruder und dem Gespräch am Abend und in der Nacht hin und her; sie hatten viel geredet, hauptsächlich hatte eher Ninári geredet, hatte erklärt, hatte verteidigt, hatte verständlich zu machen versucht. Das Schlimmste war, dass Dai'thi ihn verstehen konnte, sogar nur zu gut. Wenn man verliebt war, dachte man an nicht viel anderes.

Wieder musste er an Tarlant denken und daran, dass er vergessen hatte, sie in dem Taumel seiner Gefühle am Tag davor zu fragen, ob sie Zeit für ihn hatte. Zum wiederholten Male schickte er ein Stoßgebet zur Göttin, dass sie sich nichts anderes vorgenommen hatte. Aber sie war ja direkt ins Bett gegangen, und es war früh, so dass... Doch da war dieser Mann, mit dem sie an der Theke angestoßen hatte. Wenn der eher bei ihr war, könnte Tarlant ihm zusagen, denn er, Dai'thi hatte sich nicht angemeldet. Die Vorstellung ließ ihn schneller laufen.

Ihre Tür war geschlossen, es stand zumindest schon mal kein anderer Mann davor, und so klopfte Dai'thi an. Allein, dass er sie wiedersehen würde, ließ ihn lächeln, während er auf Antwort wartete.

Tarlant schlug aus Reflex gegen ihren Wecker. Dann erst wurde ihr bewusst, dass jenes störende Geräusch nicht der Weckton, sondern ein zurückhaltendes Klopfen gewesen war. "Einen Moment bitte!" Tarlants Blick glitt über ihren Dienstplan. Doch sie hatte sich nicht geirrt. Zwei freie Tage.

Sie zog sich einen dicken, hellgrauen Morgenmantel über und strich sich nach einem Blick in den Badezimmerspiegel die Haare ein wenig zurecht, dann ging sie zur Tür, um zu öffnen.

Das Strahlen in Dai'this Gesicht wich ziemlich schlagartig der Verlegenheit. "Oh... Sha'ara... Guten Morgen. Es tut mir leid, habe ich Sie geweckt? Das wollte ich nicht. Verzeihen Sie!" /Sie hat frei! Du hättest daran denken können, dass Sie noch nicht wach sein könnte!/

Tarlant lächelte spontan, als sie sein verwirrtes und schuldbewusstes Gesicht erblickte. Dann fiel ihr auf, dass er dieselbe Kleidung trug wie am Abend zuvor. "Dai'thi! Ist etwas vorgefallen?" Erschrocken suchte sie seinen Körper nach Verletzungen ab, ihr Herz tat einen unangenehmen Satz, so sehr erschrak sie in dem Moment.

"Ja... nein, nicht direkt." Ihre Sorge tat ihm wohl, doch er wollte sie nicht beunruhigen. Entschuldigend lächelte er. "Ich bin ein wenig durcheinander, aber es ist nichts Schlimmes passiert. Ich wollte Sie nicht wecken, aber jetzt ist es geschehen. Soll ich später wiederkommen? Haben Sie überhaupt Zeit?"

Tarlant streckte sich ein wenig, dann warf sie einen Blick auf die Uhr im Gang und erwiderte "Wie wäre es mit einem Frühstück auf der Terrasse im hinteren Garten? Gehen Sie doch schon vor, Dai'thi, und ich bin so schnell es geht bei ihnen."

"Ich danke Ihnen, Sha'ara." Erleichtert verneigte er sich vor ihr, da sie ihm nicht die Hand zum Kuss reichte und ging, um schon einen Tisch zu reservieren.

Tarlant beeilte sich und suchte nach Kleidung, die betont leichter aussah, weniger nach einem offiziellen Treffen. Es war nicht einfach, denn fast alles, was sie hatte, waren formelle Anzüge und Kostüme. Schließlich wählte sie eine schmale Hose und eine weite, dunkelblaue Bluse mit großem Kragen.

Als sie auf die lichtgeflutete Terrasse trat, konnte sie ihn gleich im Schatten einiger blühender Büsche fast direkt am Rand ausmachen, in einer Ecke, in der niemand so leicht ihre Unterhaltung belauschen würde.

Vor ihm stand die Kellnerin und gaffte ihn an, erwartete seine Bestellung. /Fehlt noch, dass die Kleine zu sabbern anfängt, wie ungehörig!/ Mit wenigen schnellen Schritten war Tarlant am Tisch und genoss es, wie Dai'thi die Kellnerin beinahe umrannte, um ihr den Stuhl zurechtzurücken.

Nachdem sie Tee und Frühstück bestellt hatten, betrachtete sie sein Gesicht und fragte mit ein wenig leiserer Stimme. "Was ist mit Ihrem Bruder vorgefallen, Dai'thi?"

Überrascht sah er auf. "Woher wissen Sie, dass es um meinen Bruder geht?"

Tarlant blinzelte. "Was sollte es sonst sein, Dai'thi? Es geht also um ihn? Ist etwas mit Laites? Hat er etwas falsch gemacht?" Sie konnte es sich nicht vorstellen, aber die Überlegung lag nahe.

"Es hätten tausend Dinge sein können. Nachricht von zu Hause, etwas mit den Tempeln..." Selbst ein Wiederaufkommen seiner Anfälle, aber er war froh, dass sie das nicht in Betracht gezogen hatte. "Wegen Laites... nein oder doch, vielleicht ja." Er strich sich durch die kurzen Haare und starrte auf den Tisch. "Sie hatten gesagt... ich weiß nicht. Wir hatten von dem Chip gesprochen, erinnern Sie sich? Und was er bei Laites bewirkt. Sie fanden nicht schlimm, dass er Liebe empfindet." Er zögerte, sah dann doch auf, fast hilfesuchend zu der Frau ihm gegenüber. "Es ist nicht nur Laites, der Liebe empfindet. Und sie sind sich beide sicher, dass es bei Laites nicht an dem Chip liegt."

Tarlants Herz machte einen schmerzhaften Satz. "Sie... lieben sich. Ah, es sind zwei männliche Wesen, das war nach Ihrer Religion nicht erlaubt. Und nun wollen Sie, dass ich... Was soll ich dazu sagen, Dai'thi? Ich bin nicht Teil Ihrer Kultur. Ich finde es großartig, wenn diese beiden sich so gut verstehen, denn Laites war schon immer ein wenig ein Sorgenkind von uns. Ich war so glücklich, dass auch er es nun sein durfte."

Unsicher sah sie in sein Gesicht, suchte indiskret nach Hinweisen auf seine Stimmung. Seine Augenfarbe aber konnte sie, von der Sonne geblendet, nicht erkennen und blickte deswegen hastig wieder auf ihre Hände.

Die Kellnerin kam und lud die Teller und Kannen auf das Tischchen, verschwand, kehrte mit Obstschalen zurück, verschwand, kam mit einem Brotkorb wieder, und die gesamte Zeit über konnte Tarlant ihren Herzschlag nicht beruhigen. /Wie steht er dazu? Ist es ihm vielleicht nun auch nicht mehr so... Tarlant! Verdammt noch mal! Selbst wenn er es bei seinem Bruder akzeptieren könnte, wäre es nicht das gleiche!/

Unsicher goss sie sich Tee ein und rührte in der Tasse, um Worte verlegen. /Und er ist so entfernt, so unsicher, und er ist noch immer viel zu zurückhaltend. Gute Güte, er hat mich geküsst, aber er siezt mich noch immer! Und heute früh? Da hat er keinerlei Anstalten gemacht, sich zu nähern. Aber es war so hektisch, und er war verlegen, weil er mich geweckt hat. Ich war auch verlegen, denn so früh war es nicht mehr, und ich kann ihm doch unmöglich erzählen, dass ich wegen nur eines Kusses schlaflos gelegen habe. Vor allem, wenn er sich Sorgen um seinen Bruder macht. Sorgen wegen dessen Seelenheil, oder wie auch immer sie es nennen. Aber ich bin doch die allerletzte Person, die er um Hilfe und Rat bitten kann. Ich sollte wirklich.../

Dai'thi lächelte ein wenig, es erreichte kaum seine Augen. "Ich dachte mir, dass Sie es verstehen. Dass Sie es gutheißen. Vielleicht wollte ich deswegen gerne mit Ihnen darüber reden. Die Hohe Schwester Shasiya hat es mir erklärt, und das ist das Verwirrendste. Ninári hat sie um Hilfe deswegen gebeten. Sie hat es akzeptiert. Sie nennt es ein Geschenk der Göttin, wie jede andere Liebe auch. Aber zu Hause... in meiner Heimat... ist es verboten! Es ist so sehr verboten!" Unvermittelt verdunkelte sich sein Gesicht, als die Erinnerung wiederkam.

"Es ist so sehr verboten und so verwerflich, dass sich einer der mir unterstellten Männer deswegen umgebracht hat", sagte er so leise, dass er es selber kaum hörte. "Er war noch so jung, gar nicht so lange in der Tempelwache. Und er hat sich umgebracht."

Tarlant hob den Kopf, ein Verstehen begann in ihr. /Er reibt sich daran auf. War es das, was er als Krankheit bezeichnet hat? Seine Schuldgefühle des Verstorbenen wegen? Weil er für diesen jungen Mann zuständig war und... He, warum wusste er überhaupt von dieser Liebe? War es vielleicht sogar so, dass er das Objekt war? Oh, das ist nicht gut, gar nicht gut.../ Zum ersten Mal in ihrem Leben wünschte sich Tarlant die Fähigkeit ihrer Verwandten, die seherische Kraft.

Langsam und ganz vorsichtig legte sie ihre Fingerspitzen über seine. "Und das war durch den Druck von außen, Dai'thi. Es war nicht, ganz und gar nicht Ihre Schuld", flüsterte sie, wagte es nicht, ihn anzusehen.

Ihre Berührung tat ihm gut, und für einen Moment konzentrierte er sich allein auf die Wärme und den Trost, die von ihr ausgingen, auf den Klang ihrer Stimme und nicht auf das, was sie sagte. Für diesen Augenblick war es nur wichtig, dass er seine Hand ihr weiter entgegenschob, dass er sie umdrehte und die ihre umfassen konnte. Dass sie ihn festhielt und den Druck seiner Finger erwiderte und dass sie nicht vor ihm zurückwich.

Dann erst bekamen ihre Worte Bedeutung. "Doch, es war meine Schuld, Sha'ara. Ich habe es gewusst. Ich hätte anderes tun müssen, als ich getan habe, manches gar nicht oder anders sagen. Ich hätte ihm helfen müssen. Ich wollte ihm helfen. Aber ich habe ihn in den Tod getrieben. Denn ich war es, den er begehrt hat."

Allein dieses Geständnis war schwer, zuzugeben, dass er etwas an sich hatte, das in einem anderen Mann Begehren weckte. Dai'thi schloss die Augen, und in der Dunkelheit war ihre Hand der einzige Halt. Er hatte noch nie zuvor darüber gesprochen, hatte es nie tun wollen. Doch die Worte kamen einfach aus ihm heraus, als hätten sie sich hinter einem Damm angestaut, und jetzt waren sie kaum noch aufzuhalten. "Ich habe ihnen nicht gesagt, dass es meine Schuld war. Ich konnte es nicht. Es ging ja nicht nur um mich. Dass er das Geschenk der Göttin, sein Leben, weggeworfen hat, war schlimm genug. Wenn sie auch noch gewusst hätten, warum er es getan hat, wäre seine Ehre vollkommen verloren gewesen. Und nicht nur das, es hätte auch einen Schatten auf seine Familie geworfen. Auf die Tempelwache. Und vielleicht sogar auf den Tempel. Ich weiß es nicht."

Tarlant erschauderte, als ihr der Umfang seiner Aussage bewusst wurde. /Der ganze Tempel nur der Gefühle wegen?/ "Ich kann nicht verstehen, wie etwas, das Freude und Dankbarkeit sein soll, in Ihren Augen, in den Augen Ihrer Priester, zur Sünde verfällt. Und dazu noch in einer Art, dass jemand sich das Leben nimmt, anstelle es in Zukunft mit dem Geliebten zu teilen."

Tarlant entzog ihm die Hand nicht, im Gegenteil, sie umfing seine kräftigen Finger mit festem Druck, als sie ein wenig lauter frage "Ist denn Liebe nicht als solches gedacht? Will sie nicht unbewertet bleiben? Sich anzumaßen, eine guten und eine schlechte, eine richtige und eine falsche Liebe zu schaffen, ist doch so... dermaßen... Mir fehlen schlicht die Worte! Ich bin zu sehr Zigeuner in der Tiefe, Dai'thi, um solche Lehren akzeptieren zu können. Es ist ganz und gar nicht Ihre Schuld, dass sich ein Mann in Sie verliebt, sondern es ist einfach verständlich."

Sie holte aufgeregt Atem. "Wer sollte Sie nicht lieben, bitte schön! Ihre Aufrichtigkeit, Ihre Sorge, Ihren Sinn für Rechtschaffenheit. Von Ihrer Erscheinung einmal gänzlich abgesehen. Er, da bin ich mir sehr sicher, hat Sie nur so in Erinnerung behalten. Er hat sich nicht getötet, weil er sich bewusst war, dass es falsch war, weil er das Geschenk der Göttin wegwerfen wollte, sondern weil er wusste, dass es nie wieder richtiger werden konnte. Er wollte der Göttin damit danken, dass er keine weiteren Ansprüche mehr stellen wollte. Sie zu lieben und es Ihnen gesagt zu haben, war für ihn das Glück. Das Wissen, dass Sie ihm nie gehören können und es auch nicht wollen, war sein Leid, damit wollte er die Göttin nicht beleidigen. Verstehen Sie, was ich meine, Dai'thi?"

Tarlant sah ihn vorsichtig abwartend an. Sie hatte ihr Temperament schon sehr lange nicht mehr so verloren wie in diesem Moment. /Ihm zu sagen, was ich an ihm schätze, war vermutlich auch sehr unangemessen. Was für eine komplizierte Kultur. Ich werde ihn vermutlich nach diesem Ausbruch nie wieder sehen, er wird schockiert davonlaufen./

Inmitten ihres regelrecht leidenschaftlichen Vortrags, als Dai'thi begriffen hatte, dass ihm nicht die fast schon erwartete Verachtung oder Vorwürfe wegen Feigheit und falschem Handeln entgegenschlugen, hatte er die Augen geöffnet. Tarlants Augen blitzten, ihre Wangen waren von ihrer Hingabe gerötet, und gleichzeitig war sie nun wieder vorsichtig, zurückgezogen. Nie war sie ihm schöner erschienen als in dem Moment. Ihre Empörung, ihr Zorn, ihre Rechtfertigung des toten Mannes und ihre Art, dessen Handeln in einem gänzlich anderen Licht zu sehen, bedeuteten Dai'thi mehr, als er ausdrücken konnte. Es war eine Art, ihm etwas Reines, fast etwas Heiliges zu verleihen. Mehr denn je war sie für ihn eine Botin, seine Botin. Zudem hatte sie ihm Dinge gesagt, die einem Liebesgeständnis sehr, sehr nahe kamen.

Dai'this Augen glänzten verdächtig, als er sich vorbeugte und ihre Hand näher zu sich zog. Er wollte Tarlant in die Arme nehmen, wollte das Gesicht an ihrem Hals verbergen und sie einfach nur halten. Er wollte ihr sagen, wie viel ihre Worte ihm bedeuteten, doch alles, was er zustande brachte, war sich über ihre Hand zu beugen und ihre Innenfläche zu küssen.

"Tarlant, ich danke Ihnen", flüsterte er. "Sie machen mir das Herz leicht."

So hell waren seine Augen noch nie zuvor gewesen, dieses Leuchten, das von ihnen ausging, eine Wärme und Freude verbreitend, bedeutete Tarlant mit einem Mal die Welt. Sie hatte es wie auch immer geschafft, ihn von den düsteren Gedanken wieder abzubringen.

Merkwürdig berührt beobachtete sie, wie er ihre Hand zu sich zog und spürte seine Lippen an der Innenfläche nicht nur äußerlich, sondern als würden sich seine Gefühle durch ihren Körper hindurch ausbreiten bis tief in ihr Innerstes. /Verdammt, all das, was du vermeiden wolltest, Tarlant, ist nun eingetreten. Und auch und vor allen Dingen hast du dich in diesen Mann verliebt. Verliebt./

Nachdenklich hob Tarlant die freie Hand, um ihm an den gefächerten Ohren entlang über die kurzen, hellen Haare zu streichen. /Liebe... so sehr du sie verteidigt hast, du gönnst sie dir doch selber nicht, oder? Diese Stimmen, sie werden Recht behalten. Aber hatte ich eben gerade nicht auch Recht? Ist es nicht so, dass die Liebe eben nicht fragt, wie ungelegen sie kommt? Verdammt, ich hasse es manchmal, wenn ich Recht habe!/ Aber dennoch musste sie lachen. Über ihre dumme Lage, über die Liebe und natürlich darüber, wie unglaublich unpassend alles zusammenfiel, um ein dennoch perfektes Gesamtes zu ergeben. "Und nun, Dai'thi? Werden Sie Ihrem Bruder erlauben, in Laites verliebt zu sein?"

Dai'thi fiel in ihr Lachen ein, auch wenn er nicht wusste, warum sie lachte. Aber es war ansteckend, und es tat gut, genauso gut wie ihre sanfte, liebevolle Berührung. "Ich habe kein Recht, es ihm zu verbieten. Es war nie die Frage, ob ich es ihm verbiete oder nicht. Ich kann es ihm nicht verbieten. Aber ich hatte Sorge. Um ihn und dass die Göttin sich von ihm abwenden könnte, um mich auch, ich gebe es zu, und um unsere Familie. Die Sorge, dass sich die Göttin abwendet, ist verschwunden. Ein Wenig des Restes wird bleiben, weil wir sind, wer wir sind, und unsere Kultur verbietet, was ihn glücklich macht." Wieder drückte er ihre Hand und küsste sie erneut. "Ich werde hinter ihm stehen und zu ihm halten, wie er die ganze Zeit zu mir gehalten und mir geholfen hat."

Sein Lachen verebbte, während er auch die zweite Hand um ihre schloss und in ihre tiefen, grauen Augen sah. "Tarlant, ich habe Ihnen eine Feder geschenkt. Ich glaube, die Bedeutung, die dahinter steht, trifft für mich in mehr als nur einer Hinsicht zu. Vielleicht muss die Liebe manchmal eine greifbare Stimme bekommen, ehe man sie hört. Ich möchte, dass Sie wissen, dass ich vor Ihrer noch niemals eine Feder verschenkt habe. Und ich glaube nicht, dass ich es jemals wieder tun werde."

Tarlant errötete und senkte den Blick; sie war längst wieder ernst geworden, und nun fühlte sie sich regelrecht feierlich. "Und doch sagen wir noch immer nur Sie, und doch... sagen Sie immer noch Sha'ara zu mir; es klingt wie ein Titel, unpersönlich in meinen Ohren." Sie streifte seine Augen vorsichtig mit einem leichten Blick, den sie jedoch rasch wieder auf ihre Hände senkte. "Unpersönlich fühle ich aber nicht, habe ich auch nie, Dai'thi."

Sein Herz begann schneller zu schlagen, als er sie unverwandt ansah. Er fühlte sich nicht danach, die Regeln für Höflichkeit zu beachten, denn das, was er empfand, ging weit über Höflichkeit hinaus. "Sha'ara, ich bin bei dem Sie geblieben, weil ich das Du ein wenig als... zu profan betrachtete. In meiner Sprache kann man trotz der persönlicheren Form zeigen, dass man jemanden ehrt. Ich wollte Sie weiterhin ehren. Aber wenn es Ihnen zu distanziert ist, dann werde ich... dich sehr gerne duzen. Auch ich fühle mich dir nicht fern."

Wieder küsste er ihre Hand, konnte einfach nicht von ihr lassen. "Und wenn dir Sha'ara ebenfalls missfällt", seine Stimme wurde leiser, "mir fällt es ohnehin schwer. Denn dein Name klingt schon so sehr nach etwas anderem. So sehr nach Ta'ari."

/Ta'ari./ Tarlant lächelte leicht. /Er spricht es anders aus, als ich gedacht habe./ Sie nickte und murmelte "Ta'ari. Das Wort klingt schön, Dai'thi. Passend."


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig