Kemjalas Plan

21.

Laites beobachtete seinen Geliebten mit wachsender Sorge. Ninári hatte in der letzten Nacht nicht geschlafen, sondern mit seinem Bruder geredet, geredet und noch einmal geredet. Nun starrte der schöne Mann nur vor sich hin, ließ den Tee bereits zum dritten Mal kalt werden, seine Finger beschrieben nervöse Wege über das Tischtuch, und er sah blass aus.

/Seine Augen... Sie sind nicht hell, sondern sehen aus wie nach einem Sturm. Ich wünschte, wünschte so sehr, dass ich ihm helfen könnte./ Laites blickte sich zum ungezählten Male in dem kleinen, engen Zimmerchen um.

Finn war zwischendurch nach Hause gekehrt, hatte merkwürdigerweise sehr aufgeregt nach Besuch oder Nachrichten für ihn gefragt und war dann in seine Koje, um bei zugezogenen Vorhängen den halben Tag zu verschlafen. Er war auch keine Hilfe.

Endlich blieb Laites' Blick an der Fensterattrappe hängen, und er wusste, wie er Ninári zumindest aus seinen Gedanken aufschrecken konnte. "Ninári! Ich gehe ein wenig im Park spielen, mach dir keine Sorgen um mich!"

Laites sprang mit seiner Shorts und den Sandalen bekleidet so schnell durch die Tür davon, wie er konnte und wartete grinsend an der nächsten Kreuzung zweier Flure ab.

Ninári nickte nur, ehe er wieder in seinen Tee sah. Gerne hätte er Laites bei sich behalten, einfach nur um seine Nähe zu spüren, doch der Katzenjunge hatte mit Sicherheit keine Lust, ruhig einem trüben Priester Gesellschaft zu leisten. Er war immer so fröhlich, voller Leben und... /Und er hat schon oft einen halben Tag einfach nur in deinen Armen gelegen und laut geschnurrt, wenn du ihn gestreichelt hast. Wenn du ihn nicht an dich ranlässt, weil du deinen Tee umklammern musst, wie soll er wissen, dass du ihn halten willst?/

Er überlegte, ob er ihm folgen sollte, doch dann dachte er daran, dass Dai'thi zurückkommen könnte und verwarf die Idee. /Soll er sich austoben, dann.../ Abrupt hob er den Kopf, als ihm etwas einfiel.

"Die Medizin! Ich habe vergessen, ihm die Medizin zu geben, die Tarlant mir für ihn geschickt hat!" Er war immer bei ihm gewesen, von daher war es nicht so wichtig gewesen; doch als er sich an den Anfall erinnerte, der seinen Geliebten das Leben hätte kosten können, wuchs seine Angst schlagartig an. Er sprang auf und hätte dabei fast den Tee umgeworfen, griff hastig nach seiner Tasche und stürzte dem Katzenjungen hinterher. "Laites!"

Laites wartete, bis Ninári fast an ihm vorbei war, dann sprang er mit einem kräftigen Satz zu ihm und warf ihn fast um. Natürlich nur fast, zugleich fing er sich und ihn wieder ab und presste seinen Geliebten, anstatt ihn fallen zu lassen, an die nächste Wand, um schnurrend das Gesicht gegen seine Wange und den Hals zu reiben.

"Danke für die Medizin, Nin." Laites sah ihm kurz in die Augen. "Ich liebe dich", flüsterte er, dann stob er mit dem Fläschchen in der Hand davon, zu dem Park in der Nähe des Hotels, in dem er sich immer gern austobte.

Erst hatte Ninári sich richtig erschrocken, als er so unvermittelt überfallen wurde, jetzt war ihm heiß und fast ein wenig schwindelig. Mehr noch als vorher hatte er das Verlangen, bei seinem Geliebten zu sein. /Ist mir egal, was sie denken! Ich liebe ihn. Und er liebt mich./

"Laites, warte auf mich!", rief er, als er ihm folgte.

Laites war schon zwei Flure weiter, aber seine Katzenohren hatten den Vorteil, dass er ausgezeichnet hören konnte. Scharf bremste er ab, um auf Nin zu warten, der zwar sehr fit war, aber mit seinem katzenhaft trainierte Körper nicht mithalten konnte.

Als Ninári um die Ecke bog, ein wenig außer Atem, schlang Laites schnell einen Arm um seine Taille und zog ihn mit sich, nicht bereit, sich noch ein weiteres Wort zu den ewig im Kreis führenden Gedanken an Dai'this Gesundheit, an dessen Moral, an dessen Leiden oder seine Traurigkeit anzuhören. Übermütig schleifte er Ninári durch den Park und tobte dort umher, bis er so müde war, dass er sich zu seinem Geliebten unter einen besonders schönen, schattenspendenden Baum legen konnte.

Schnurrend rollte Laites sich zu einem Knäuel zur Hälfte auf Nináris Schoss zusammen und fragte schließlich leise "Geht es dir besser, Nin?"

Ninári lächelte und lehnte sich an den rauen Stamm, während er auf das zusammengekugelte Bündel auf seinen Beinen hinabsah und zärtlich seinen Nacken und die empfindlichen Stellen hinter den Ohren streichelte. "Viel besser. Das Spazieren durch den Park hat mir gut getan. Die Sonne, deine Fröhlichkeit." Er lachte leise und kitzelte ihn mit einem Finger zwischen den Rippen. "Gib zu, das hast du absichtlich gemacht, Ta'ari! Du wolltest mich aus dem Zimmer locken."

"Ja, das hab ich absichtlich gemacht. Ich wollte nicht, dass du deine Zeit mit Grübeln verschenkst. Unsere Zeit. Meinst du nicht, dass Dai'thi ein großer Junge ist und auf sich selber achten kann, Ninári?"

Er streichelte Ninári über die Hüfte und die Taille entlang unter dessen mal wieder viel zu enges und knappes Oberteil. "Als ich eben 'ich liebe dich' gesagt habe, Nin, habe ich es ernst gemeint. Ich weiß, dass du noch immer denkst, dass ich es wegen des Chips sage, aber das glaube ich nicht. Ich liebe dich wirklich, nicht erst seit du mein Besitzer bist; schon vorher habe ich das, schon als du mich zum ersten Mal gebürstet und gestreichelt hast." Zaghaft sah er seinen Schatz an und küsste dann eine kleine Spur über seinen Hals und an der halbwegs freien Schulter entlang.

Ninári fühlte das kleine, angenehme Kribbeln in seinem Bauch einsetzen und anwachsen. Hastig sah er sich um, doch sie waren recht versteckt hier, und niemand war in der Nähe. Wohlig seufzte er leise auf und vergrub die Hand in Laites' weichem Haar, brachte ihn dazu, den Kopf zu heben. Lange sah er ihn an, versank in den warmen, kaffeebraunen Augen, die so voller Zuneigung waren, dass er kaum glauben konnte, sie verdient zu haben, so rückhaltlos, bedingungslos.

"Ich weiß. Ich denke nicht mehr an den Chip, Ta'ari. Ich liebe dich auch." Er beugte sich zu ihm und küsste ihn kurz auf den Mund. "Ich liebe dich", murmelte er auf seinen Lippen, ehe er den Kuss vertiefte.

Laites lächelte an seinem Mund, dann schob er seine Hände auf Nináris Rücken und zog ihn mit sich in das Gras, um halb unter ihn zu rollen. Mit einer Hand kraulte er am Haaransatz den Nacken entlang, die andere strich weniger zurückhaltend über Nináris Seite und bis auf seinen Hintern, den Laites mutiger als je zuvor zu streicheln begann, wo die Lochmuster der engen Hosen ihm ein wenig Haut anboten.

Als die Erregung in Ninári zu wachsen begann und das Zungenspiel intensiver wurde, stellte er fest, dass er nur zu bereit war, das Geschenk der Herrin mit seinem Geliebten zu teilen. Das letzte Mal, dass er es mit jemandem geteilt hatte, schien eine Ewigkeit her zu sein, und gerade Laites schmeckte berauschender als jemals irgendwer zuvor. Ob ungewollt oder absichtlich, er fand zielstrebig die Stellen, an denen Ninári besonders empfindlich war, ohne den offensichtlichsten auch nur nahe zu kommen.

Ninári erwiderte die Zärtlichkeiten, während er sich tiefer und tiefer in den Kuss, in diese Tiefe der Gefühle sinken ließ, die Laites in ihm erweckte. Erst als er das leise Gurren hörte, das ihm entschlüpfte, ein Zeichen für seine wachsende Erregung, hielt er abrupt inne und löste sich schwer atmend von seinem Geliebten. Lächeln sah er in das gerötete Gesicht hinab und konnte nicht widerstehen, ihn noch einmal schnell zu küssen.

"Was hältst du davon, wenn wir nach Hause gehen, Ta'ari?", flüsterte er.

Laites schmollte eine winzige Sekunde lang. "Schon?"

Dann glitt sein Blick durch den zwar ruhigen, aber nicht gänzlich verlassenen Park, und er errötete. Rasch sprang er auf und half Ninári ebenfalls mit Schwung auf die Füße. An ihn geschmiegt konnte er zwar nicht so schnell und wendig um Hindernisse herumlaufen, aber er hätte Ninári um nichts in der Welt loslassen mögen.

 

Jessi rannte um sein Leben, als der Schmerz einsetzte. Er begann in der rechten Brustseite und zog sich von dort durch seinen gesamten Oberkörper, wanderte in seine Arme und sein rechtes Bein. Panik erfasste ihn, als er versuchte noch schneller zu laufen.

/Nicht jetzt! Nicht jetzt!/, hämmerte es durch seinen Kopf. Das hier war eine der kritischsten Stellen, er hatte nur zwanzig Sekunden, um einen Gang hinter sich zu bringen, der im Grunde viel zu lang für die Kürze der Zeit war. Er war auch nur zu schaffen, weil er eine leichte Biegung aufwies, die es ermöglichte, dass man den Geschossen der Wachdroiden entgehen konnte, wenn man sich eng an die kürzere Seite hielt. Doch es war jedes Mal knapp, und wenn er jetzt zu langsam wurde...

Neben ihm traf ein gleißender Laserstrahl die Wand gegenüber und hinterließ einen stechenden Geruch, als die Luft verbrannte. Jessi drohten die Beine wegzusacken, ihm wurde schwindelig. /Nicht jetzt! Nicht jetzt!/

Der zweite Schuss verfehlte ihn wesentlich knapper, streifte seinen Oberarm und fügte dem allgemeinen Schmerz noch einen weiteren hinzu, der ihn dazu brachte, wieder näher an die Wand zu taumeln. Alles in ihm schrie danach, sich umzudrehen und zu sehen, wie viel Vorsprung er noch hatte, doch das würde zu viel Zeit kosten. Unbeirrt hielt er den Blick auf das Loch im Boden gerichtet, das ihn in Sicherheit bringen würde, das aber nur schleichend langsam näher zu kommen schien.

/Es hat keinen Zweck. Ich schaffe das nicht! Diesmal nicht./ Der Gedanke raubte ihm die Kraft, brachte seine Knie dazu, nachzugeben. /Das war's dann. Scheiße./ Tränen traten ihm in die Augen, als zu dem Brennen, das sich mittlerweile durch seinen gesamten Körper zog, der Schmerz des Aufpralls hinzukam. Aber er wollte nicht sterben!

'Ich habe angefangen, mich um dich zu sorgen, Kleiner. Deswegen... sei vorsichtig und komm zurück von dort.' Warum er ausgerechnet in dem Moment die grollende Stimme des Katers hörte und seine durchdringenden, hellblauen Augen vor sich sah, wusste er nicht. Aber er hatte ein Versprechen gegeben, und das musste er halten.

Er registrierte, dass er nur wenige Meter vor dem abwärtsführenden Schacht aufgekommen war, rollte sich hastig an die Wand und wich damit gleichzeitig weiteren Schüssen aus, welche nur die Stelle trafen, an der er eben noch gelegen hatte. Er zwang sich aufzuspringen. Mit einem lebensmüde anmutenden Satz überbrückte er die Entfernung, stolperte und landete erneut auf dem Boden. Durch den Schwung getragen rutschte er geradewegs zu dem Loch hin.

Das leise Surren hinter ihm machte ihm bewusst, dass er trotz allem eine Glückssträhne zu haben schien. Das Laseraggregat wurde neu aufgeladen, was ihm kostbare zusätzliche drei Sekunden bescherte. Er nutzte sie, zog sich über den Rand des Schachtes und ließ sich fallen. Der Aufschlag presste ihm die Luft aus den Lungen und zog einen dunklen Schleier über sein Bewusstsein. Unfähig, sich zu rühren, blieb er liegen, bis der Schmerz langsam verebbte und ihn mit der Erkenntnis zurückließ, dass er trotz allem noch am Leben war.

Er rappelte sich mühsam auf und stopfte die Haare wieder unter das Tuch zurück, damit sie ihm nicht mehr ins Gesicht und in die Augen hingen. Besorgt checkte er den Inhalt der Gürteltasche, die seine benötigten Werkzeuge auf dem Weg ins Herz enthielt, denn der Mantel schränkte ihn zu sehr ein. Die Strecke verlangte vollen Einsatz seiner gesamten Kenntnisse und seines Könnens.

Alles war unbeschadet, einschließlich der Codekarte des Katers. Nachdenklich betrachtete er das blaue, neue Plastik, während er an den kleinen Moment dachte, in dem er die hellblauen Augen vor sich gesehen hatte. Ihm wurde warm, auch wenn sich gleichzeitig ein flaues Gefühl in seinem Magen ausbreitete. /Nur der Weg ins Herz und zurück, mehr nicht, Jessi. Du weißt, dass mehr nicht möglich ist. Und wenn er sich noch so sehr fragt, wie Sahne schmecken mag./ Er presste die Lippen zusammen, verstaute die Karte hastig wieder in der Tasche und stand auf, um den nächsten Teilabschnitt in Angriff zu nehmen.

 

Tarlant hatte noch nicht einen Tag ihres Lebens so sehr genossen wie diesen. Sie hatte sich sehr rücksichtslos um ihre Termine gekümmert, obwohl Dai'thi sich weigerte, von ihrer Seite zu weichen. Zuerst zum Friseur, dann zu einem Schneider, um die geänderte Uniform anpassen zu lassen, in einige der Läden in der Arche, um sich neue Kleidung zu kaufen, da sie bei Weitem nicht genug für die deutlich längere Zeit mitgenommen hatte. Außerdem brauchte sie noch einige Kleinigkeiten, Seife, Creme und einen neuen Lippenstift, Dinge, die in der Eile der Abreise vergessen worden waren.

Erst beim Mittagessen stellte sie fest, dass ihre Termine alle erledigt waren und der Nachmittag frei war. "Ich bin fertig und bewundere deine Geduld, Dai'thi. Ab jetzt gehöre ich nur noch dir für den Tag, wie findest du das?" Übermütig, sorglos. In seinen Blick gefangen, in sein Lächeln und seine Arme eingehüllt, stetig wurde sie umgeben, wurde umsorgt und von Aufmerksamkeit überschüttet. "Du bist den Vormittag über mir gefolgt, ab jetzt folge ich nur noch dir, ist das ein fairer Handel?"

Dai'thi lachte und küsste ihren Hals, der so verlockend in Reichweite war, da er sie von hinten umarmte. "Ich finde, das ist ein wirklich guter Handel, auch wenn ich den Vormittag selber sehr genossen habe." Er drückte sie enger an sich und berührte den Rand ihres kleinen, runden Ohres mit den Lippen. "Aber der Gedanke, dass du nur mir gehörst, sagt mir sehr zu, Ta'ari", gestand er mit einem zufriedenen Lächeln. "Ich möchte etwas machen, bei dem ich dich nicht loslassen muss. Bei dem ich dich küssen kann. Vielleicht ein Spaziergang durch den Park." Doch er verwarf den Gedanken wieder, sie waren fast den gesamten Vormittag auf den Beinen gewesen. "Oder einfach irgendwo sitzen, dir in die Augen schauen und die Zeit vergessen", neckte er sie.

Tarlant lehnte sich gegen ihn zurück und seufzte leise. /Die Zeit vergessen, das wäre schön. Zeit, die verstreicht, die beginnt, seine Ungeduld zu schüren, bis er mehr will als nur eine Umarmung. Ich wünschte, ich würde dies hier, seine Art, ihn nicht so sehr genießen. Ich wünschte.../

Sie seufzte noch einmal und machte sich zögerlich frei, um seine Hand in ihre zu nehmen. "Lass mich die Einkäufe erst einmal in mein Zimmer bringen. Dann sind wir noch immer frei, um den Nachmittag zu planen." Munterer als ihr zumute war, zog sie ihn mit sich die Flure hinunter, in denen nun bei Schichtwechsel etliche ihrer Kollegen mit ihnen zu den kleinen Räumen strebten.

Dai'thi folgte ihr, während er ihre Taschen ausbalancierte und sich bemühte, mit ihnen keinen entgegen kommenden Passanten zu erschlagen. Er lächelte, als er kurz stehen blieb, sie zu sich zog, um ihr den freien Arm fast besitzergreifend um die Taille zu schlingen und sie an sich zu drücken.

"Du warst mir zu weit weg", schmunzelte er und küsste ihre Stirn, dann ihre Schläfe und schließlich doch wieder ihren Mund, obwohl er das gar nicht vorgehabt hatte. Als er erneut aufsah, waren seine Augen von einer nahezu samtigen Färbung. "Ich kann dir einfach nicht widerstehen, Ta'ari."

"Und ich kann dir niemals wiederstehen, Ta'ari", flüsterte Tarlant atemlos, die vorbeidrängende Menge war vergessen, als sie die Augen halb schloss, um den Kuss zu erwidern. Sie hob eine Hand an seine Wange, ließ sie über den Hals streichen, ertastete seine Haut, das Gefühl der kürzeren Haar zwischen den Fingerspitzen. Sie passten so gut zueinander, keine Berührung wirkte aufdringlich, nichts, was er tat oder sagte, war falsch, und er schmeckte und roch so betäubend gut.

Unter Aufbringen ihres Willens und weil wiederholt jemand gegen sie gerempelt war, löste sie sich von ihm, blickte ihm lächelnd noch ein letztes Mal in die Augen, dann zog sie ihn an der freien Hand den Flur hinunter und in Richtung ihres Zimmers.

Drinnen war alles unaufgeräumt, und errötend sperrte Tarlant ihn aus, um Ordnung zu schaffen, das Bett zu richten und die Kleidung einzuräumen. Sie verstand nun mehr von seiner Kultur und zog sich deswegen nach einem schnellen Frischmachen eine ärmellose Bluse über, die zwar streng geschnitten war, aber immerhin ein wenig Haut zeigte. Hastig öffnete sie ihm wieder die Tür und bat ihn herein, um ihm noch etwas zu trinken anzubieten.

Dass sie sich umgezogen hatte, bemerkte er mit einem bewundernden Blick. "Du solltest öfter etwas tragen, bei dem man mehr von dir sieht, Ta'ari", sagte er mit einem weichen Lächeln. "Die Göttin hat dir einen schönen Körper geschenkt, du solltest ihn nicht verstecken."

Tarlant wendete sich ab und schüttelte kurz den Kopf. "Nein, hat sie nicht. Möchtest du etwas trinken, Dai'thi?"

Verwirrt sah Dai'thi auf ihren Rücken, den sie mit einem Mal so gerade hielt, die leicht angespannten Schultern. Er wusste nicht, wieso es falsch war, was er gesagt hatte, denn er hatte es vollkommen ehrlich gemeint, doch offensichtlich hatten sie da zwei verschiedene Meinungen. /Warum? Sie ist so perfekt. Schlank und geschmeidig und mit ihren langen Beinen und den schönen Armen, mit ihren zierlichen Handgelenken und den genau richtig gerundeten Schultern, ihrer schmalen Taille.../

Rasch trat er hinter sie und umarmte sie. "Ich finde dich schön, so wie du bist, Ta'ari. Ganz egal, was du denkst." Er küsste ihren Nacken, ihren Hals, ehe er sich für Tee entschied. "Und wenn der Tee fertig ist, werde ich dir wichtige Dinge aus meiner Sprache beibringen." Er lächelte. "Dinge, die so in keinem Wörterbuch stehen. Wie zum Beispiel Shim'ashkal'ach. Das heißt mein weißer Schmetterling. Oder Lunai'ni'shun'ech. Das bedeutet mein Sonnenstrahl. Sonst weißt du nicht, wie ich dich nenne und kannst dich nicht wehren."

Tarlant lächelte leicht, doch fiel es ihr schwer, erneut genauso glücklich zu sein wie vor dem blitzartigen Gedanken an den Körper. Ohne seine Hände abzuwehren, richtete sie die bauchigen Teegläser, verzierte den Teller, auf dem sie typisches Honiggebäck angerichtet hatte und brachte beides zu dem kleinen Tischchen an der Couch.

"Ich freue mich, deine Sprache zu lernen. Alle Wörter, auch die netten Dinge, die man zueinander sagen kann, Dai'thi." Sie senkte den Kopf unmerklich und fügte hinzu "Auch die unnetten, bitte. Ich weiß, dass es merkwürdig klingt, wenn ich so etwas sage, aber ich..." Sie wendete sich abrupt ab. /Ich kann es nicht sagen. Er lobt meinen Körper, er liebt mich, wie er mich sieht, sieht aber doch nicht hin. Wie könnte er auch? Die Illusionen sind perfekt, ich bin perfekt, das habe ich immerhin geschafft, mich perfekt zu machen für andere./

Verzweifelt schüttelte sie den Kopf und fragte endlich "Der Körper, Dai'thi. Er ist euch so wichtig. Warum ist das so? Was wäre... wenn ich hässlich wäre? Was wäre, wenn..." Sie zögerte und schüttelte erneut den Kopf. "Was wäre dann?"

Dai'thi überlegte einen Moment, um die richtigen Worte zu finden. Es war nicht einfach zu erklären, ohne dass es oberflächlich wirkte, und er wusste nicht einmal, ob er es begreiflich machen konnte. Er wünschte, Ninári wäre hier, um es ihr zu erklären; er fand immer einen Weg, um darzustellen, was wichtig war.

"Der Körper ist ein Geschenk der Göttin", begann er schließlich. "Sie hat ihn uns gegeben, damit wir ihn ehren. Damit wir die Schönheit in ihrer Schöpfung bewundern. Man soll ihn pflegen und gut behandeln, denn er kommt von ihr, wie alles Leben." Er stockte, suchte nach Worten. "Jeder Körper ist von vorne herein schön. Es ist nicht wichtig, ob du eine lange Nase hast oder eine kurze, ob deine Augen kleiner sind oder größer. Ich habe kleine Augen, und ich mag sie, weil die Herrin sie mir gegeben hat. Sie passen zu mir. Ninári hat große, und ich mag sie, weil die Herrin sie ihm gegeben hat. Sie gehören zu ihm. Die Hohe Schwester des hiesigen Tempels ist selbst für eine Frau meines Volkes sehr klein, aber wenn du sie siehst, kannst du nicht anders als zu sagen, dass sie wunderschön ist. Ich bin sehr groß für mein Volk, und doch gefalle ich dir.

Hässlich... ist etwas anderes. Hässlich ist, wenn du das Geschenk der Göttin nicht ehrst und deinen Körper verkommen lässt. Wenn du Dinge tust, von denen du ganz genau weißt, dass sie schlecht für ihn sind." Ein wenig hilflos sah er sie an. "Ich kann nicht anders als Wesen hässlich finden, die sich so vollgestopft haben, dass ihr Körper nur noch herumquillt. Oder wenn man sich nicht pflegt, dass man stinkt oder gar irgendwelche Ausschläge bekommt."

Wieder verstummte er und griff nach ihrer Hand, ehe er weitersprach. "Was auch bei uns als unschön gilt, ist, wenn man Narben davonträgt, durch was auch immer." Sacht legte er eine Hand auf ihren Bauch, auf die Stelle, von der er sich erinnerte, dass sie dort verletzt worden war. "Aber das heißt nicht, dass ich dich deswegen hässlich finde. Nin hat mir gesagt, nicht alles, was von der Göttin kommt und was danach aussieht, ist eine Strafe. Es kann auch eine Prüfung sein. Oder nur ein Weg, um jemanden dort hinzubringen, wo jemand anderes auf ihn wartet. Wärest du nicht verletzt worden, hätte LeRoux dich nicht retten können. Und du wärst nicht hier, wo ich dich getroffen habe. Wäre ich nicht krank geworden, so krank, dass mir die Heiler meiner Heimat nicht mehr hatten helfen können, hätte ich mich nie auf die Suche nach einem Arzt gemacht. Und ich hätte nie die Frau gefunden, die ich lieben kann."

Tarlant zuckte leicht zusammen, als er ihren Bauch berührte, aber sie wich nicht aus, hielt den Blick in seine Augen gerichtet. Schließlich taumelte sie leicht und setzte sich rasch auf das Bett hinter ihr. Sie senkte den Kopf und legte ihre Hand ebenfalls auf ihren Leib. Ihre Stimme war tonlos. "Es ist nicht irgendeine Narbe, Dai'thi. Es sind drei Narben. Eine führt auf jeder Seite an meinen Rippen entlang, hier und hier. Und eine... durchschneidet meine Haut auf dem Bauch der Länge nach. Es sieht grauenhaft aus, und ich kann diesen Anblick niemandem zumuten. Niemals!" /Und nicht nur den Anblick der Narben, diese sind eigentlich noch das geringste Problem. Oh, wenn ich nur mehr Mut hätte!/

Dai'thi sah auf die mit einem Mal sehr blasse Frau hinab, die so verschreckt, fast verängstigt wirkte. So leicht zu verletzen, zerbrechlich. Es tat ihm weh. Er zögerte nicht, als er ihr folgte, das Knie vor ihr beugte und ihre Hände ergriff, sie erst an seine Lippen zog und sie dann gegen die Stirn drückte, einen Gruß, den man normalerweise nur Priesterinnen gewährte oder jemandem, den man ebenso verehrte. Er erwartete nicht, dass sie es wusste, doch das war ihm gleich. Erst dann sah er wieder auf, und in seinen Augen leuchteten all die Gefühle, die er für sie empfand.

"Ta'ari", sagte er leise. "Es ist mir vollkommen gleichgültig. Es sind nur drei. Und wenn es vier oder fünf wären oder noch mehr, es ändert nichts. Ich habe mich an dich verloren. Ich werde alle Geduld haben, die du brauchst, bis du mir genug vertrauen kannst." Mochten es Wochen, Monate oder länger sein. "Ich liebe dich, und daran kann nichts etwas ändern."

Tarlant hob den Kopf ein wenig, um in sein Gesicht sehen zu können. Noch immer hatte sie eine Hand auf ihren Bauch gelegt, aber das war alles unwichtig geworden. /Es ist ihm alles egal. Vielleicht, vielleicht könnte er sogar... würde er sogar... Oh, verdammt Tarlant! Du hast dich doch tatsächlich.../

"Ich liebe dich", flüsterte sie, die Stimmen in ihrem Kopf unterbrechend, und vertrieb jeden Zweifel. "Wirklich. Und so sehr! Das Gefühl, es... erscheint mir fast zuviel, zu groß für mich zu sein!"

Dai'this Herz schien zu singen, als er die Worte von ihr hörte, nach denen er sich so sehr gesehnt hatte. Rasch stand er auf und setzte sich zu ihr, um die Arme um sie zu schließen und sie an sich zu drücken. "Ta'ari... Du machst mich zu dem glücklichsten Mann." Er konnte nicht anders; seine Hand fand ihren Weg in ihr seidiges Haar, als er sich zu ihr herunter beugte, um sie erneut zu küssen. Glück war kein Ausdruck für das, was er empfand. Die Göttin selbst schien auf ihn herabzusehen, und doch hatte er selbst sie vergessen in diesem Augenblick.

Tarlant ließ sich in den Kuss fallen und ließ zu, dass er alle ihre Gedanken auslöschte, alle ihre Sorgen. Schon bald fand sie sich auf dem Bett liegend wieder, in seinem Arm geborgen, seine Finger streichelten ihr sachte über das Haar, über ihren Hals, während er sie leicht und unaufdringlich, jedoch immer wieder zu ihrem Mund zurückkehrend über das Gesicht küsste.

Sie seufzte tonlos auf und öffnete die Augen, um sein Gesicht zu betrachten. Sie ließ die Finger über seine Haare gleiten, über seine Schultern und den Rücken entlang, dann zog sie ihn dichter über sich und vertiefte den Kuss, öffnete den Mund, um ihn zu schmecken. Seine Zunge zu spüren, an ihren Lippen, an ihrer Zunge, versetzte sie allein schon in genügend Aufregung, aber Tarlant schloss die Augen mit einem leisen Lächeln wieder und festigte die Umarmung weiter. Sie wusste einfach, dass er nicht zudringlicher werden würde, als sie erlaubte und so war sie sicher, auf diese Art konnte sie vielleicht sogar gewinnen; einmal in ihrem Leben sollte sie eine Chance auf Glück haben, und sie wollte diese Chance nie wieder loslassen.


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig