Kemjalas Plan

22.

Finn warf mit einem kleinen, blauen Ball gegen die Wand neben der Fensterattrappe und versuchte, sich seine Laune als gereizt, nicht zutiefst besorgt ansehen zu lassen. Der Ball hinterließ blaue Tupfen auf der Wand, aber Laites würde die schon verschwinden lassen, putzwütig wie er immer war.

Laites hatte begonnen, sich um ihn zu kümmern, mütterlich und sehr beschützend, wie der Flohsack durch seinen Chip und die Kombination eben ausgelegt war. Auch in dem Moment starrte Finn auf die Tasse mit besonders gutem Kräutertee und die Kekse, die Laites ihm hingestellt hatte. Das fehlte Finn noch zu seiner besten Tiefstlaune.

/Bemuttere deinen Kerl, mit dem du es in jeder freien Sekunde tust, du Flohsack!/ Andererseits war etwas Warmes an Laites' Art, Finn ein Frühstück hinzustellen, damit dieser, wenn er am späten Nachmittag aufwachte, nicht zu den Läden im Hotel gehen musste, sondern noch ein wenig Ruhe genießen konnte.

Laites war es auch, der im Bad Ordnung schaffte, der die Kleidung zur Reinigung brachte und wieder abholte und der sich um das Essen für die anderen kümmerte. Er kaufte sogar Obst ein, gegen das er allergisch war, weil er zu der Auffassung gekommen war, dass es die nötigen Vitamine für gerade Finn enthielt, der nicht viel Licht bekam bei seinem momentanen Lebensrhythmus.

Gereizt war Finn auch nicht deswegen, nicht wegen Laites, dem er das Glück doch gönnte. Immerhin hatte er den kleinen, vanillefarbenen Kater ja auch deswegen entführt, um ihn zu seinem Glück zu zwingen. Es reizte ihn viel mehr, dass der Dieb nicht wieder auftauchte. Er hatte Siebenundzwanzig vertraut, mit seiner Habe, mit seinen Gefühlen. Zudem sorgte Finn sich, denn Siebenundzwanzig und er hatten sich noch nicht kennen lernen können. Der rothaarige Dieb mit den Flammenaugen hatte bereits nach wenigen Blicken und Gesten einen nicht allzu kleinen Platz in Finns Herzen ergattert, und allein der Gedanke an den wendigen Körper, an das Gefühl von Siebenundzwanzigs trainiertem Hintern unter seiner Hand, löste in Finn ein nicht unbeachtliches Verlangen aus.

/Sahne... Komm zurück zu mir, verdammt!/ Finn war besonders wütend, weil er eine freie Nacht hatte, und weil er keine Lust hatte, dem Fächerohr und Laites dabei zuzuhören, wie diese sich liebten, wie es ihm zwei Tage zuvor unverhofft passiert war. Das schuf ein Stechen in ihm, noch nicht Eifersucht, noch nicht Neid, aber dem sehr ähnlich, ein Bedürfnis, auch nicht mehr allein sein zu müssen.

 

Jessi war erschöpft und dreckig, als er nach vier Tagen aus dem Wartungsschacht in den kleinen Raum kletterte, der seit Jahren sein Unterschlupf, seine Heimat war und den er sich vor noch nicht allzu langer Zeit mit jemandem geteilt hatte. Doch diese andere, Chiriko, war tot, und hier war niemand mehr, der sich freute, dass er wieder da war.

Resigniert streifte er sich das zerrissene Hemd über den Kopf und schlüpfte aus Hose und Schuhen, ehe er sich an der Stelle wusch, an der Chiriko das Rohr angezapft hatte, so dass sie in ihrem Domizil fließendes, wenn auch eiskaltes Wasser hatten. Aber genau das war es, was er jetzt brauchte. Er wurde wieder munterer, steckte den Kopf noch einmal vollkommen unter den harten Strahl und war schlagartig fast vollständig wach.

Mit beiden Händen strich er sich das triefend nasse Haar aus dem Gesicht, ehe er sich hastig frische Kleidung anzog, auch wieder schwarz, er hatte nichts anderes und wollte es auch nicht. Mit der Farbe verschmolz man bestens in der Dunkelheit der Kanalisation und der Schächte. Seine Haut war auffallend genug.

Eigentlich wollte er lieber schlafen, doch ihm war eingefallen, dass er dem großen Kater keinen Anhaltspunkt gegeben hatte, wann er wiederkommen würde. Bestimmt hatte der sowohl ihn als auch sein Geld schon aufgegeben, und das wollte Jessi nicht. Er hatte sein Wort gegeben, und sein Wort brach er nie.

Als er sich den Mantel wieder angezogen und das Tuch erneut gebunden hatte, das seine feuerroten Haare verbarg, hatte er genügend neue Kraft gesammelt, um den nicht allzu langen Weg ins Hotel hinter sich zu bringen. Nur eine knappe Stunde später befand er sich hinter dem Lüftungsgitter.

Vorsichtig sah er sich um, lauschte und horchte, ließ eine Gruppe Arbeiter vorbei, ehe er das Gitter entfernte und in den Korridor sprang. Rasch und mit geübten Bewegungen setzte er es wieder ein, straffte sich und klopfte dann an die Tür, um wieder einen Schritt zurückzuweichen und abzuwarten.

Finn fing den Ball auf und verharrte mit zum Wurf erhobener Hand. Ja, ein Geräusch auf dem Gang. Gleich darauf klopfte es an der Tür. Er warf den Ball in den Papierkorb und sprang auf. Ein rascher Blick in seinen Schrank, und er legte das Paket mit dem Kuchen auf den Tisch zu dem Tee, den Laites ihm besorgt hatte.

Mit einer schnellen Geste öffnete Finn die Tür und stand seinem Dieb gegenüber. Der kleine Kerl hatte erneut schwarze Sachen an, wieder den grausamen Mantel, und unter einem unkleidsamen Tuch schauten einige rote Haare hervor. Das helle Gesicht war zu einer schlechtimitierten Rächermiene verzogen, wenn er nicht gerade ein Gähnen unterdrückte. Mit anderen Worten, Siebenundzwanzig war in Finns Augen perfekt.

Ein Strahlen ging durch das eckige Gesicht des Katers, und seine Augen leuchteten kurz auf, dann trat er schnell vor und zog Siebenundzwanzig zu sich in das Zimmer. Die Tür zu schließen und den Kleinen mit den Armen zu umfangen waren eine Bewegung. Mit einer Hand zog er ihm das Kopftuch von den Haaren, mit der anderen verhinderte er die Abwehrbewegungen seines Opfers. "Wo warst du so lange? Ich war in Sorge, verdammt!"

Jessi war mehr als nur leicht überrumpelt von dem Willkommen, das ihm bereitet wurde. Er hatte mit Anschuldigungen gerechnet, mit bösen Worten, aber mit Sicherheit nicht mit einer derartigen Umarmung.

"He!", protestierte er verblüfft und wand sich halbherzig, um ihm zu entkommen. "Du magst ein Schmusekater sein, ich bin es nicht! Und gib mir mein Tuch zurück! Im Übrigen hast du keinen Grund zu meckern, ich liege gut in der Zeit. Zwei Tage hin, zwei zurück und keinen Moment dort, um auszuruhen. Ich hab sogar heute meinen Schlaf verschoben, um dir zu sagen, dass ich mit deinem Geld nicht auf und davon bin."

Finn warf das Tuch zu dem Ball in den Papierkorb und zog Siebenundzwanzig, dessen Protest ignorierend, mit sich zu dem kleinen Tisch. Er setzte sich und ließ ihm keine Wahl, sondern zog ihn auf seinen Schoß, um nach einem Nicken auf den Kuchen und auf einige belegte Brote sowie unglaublich gesunden Salat von Laites zu erklären "Iss erst einmal, dann erzählst du mir genauer von dem Weg dorthin."

Er wehrte den Kleinen in seinen Fluchtversuchen locker ab und schob die Finger der anderen Hand unter dessen Haare, um an seinem Hals zu schnuppern und das Gefühl der weichen, kühlen Haut unter seinen Fingerkuppen zu genießen. "Du riechst anders, ist es von der Medizin?"

"Ich rieche mich nicht." Jessi grinste unsicher. "Aber ich vermute mal ja. Mir geht es schließlich auch besser." Für einen Moment vergaß er alles, als er den reichgedeckten Tisch sah und strahlte. "Hat sich wirklich gelohnt, noch mal hergekommen zu sein." Doch dann wandte er sich zu dem Kater um und starrte ihn an, so entschlossen er konnte, auch wenn die Berührung angenehm war. "Okay, aber das ist jetzt genug. Du lässt mich von deinem Schoß."

"Nein, sicherlich nicht."

Jessi runzelte die Stirn. "Darauf bezog sich kein Teil unserer Abmachung." Er konnte nicht verhindern, dass er nervös wurde und versteckte seine Gefühle hinter einem unbeteiligten Gesicht. Er mochte diesen vertrackten Kater, ja, aber das... aber so... "Ich laufe dir nicht davon, das solltest du allein daran sehen, dass ich wieder gekommen bin. Also, bitte, lass mich los." Nicht, dass er allen Ernstes glaubte, dass es der Grund war, aber...

Finn verdrehte die Augen und verzog den Mund zu einem unzufriedenen Strich. "Ich halte dich nicht fest, weil ich denke, dass du mir davonlaufen könntest." Er lockerte seinen Griff und fasste an Siebenundzwanzig vorbei, um einen Schluck Tee zu trinken. "Ich halte dich fest, weil ich es mag, dich zu spüren, an mir." Er lockerte seinen Griff noch weiter. "Mit dem Mögen meine ich deinen Körper. Wie Sahne. Ich hab es doch schon gesagt. Dachtest du, dass ich dich verarsche? Sag mir jetzt nicht, dass du nicht willst, das wäre dann komplett verlorene Zeit der Vorfreude gewesen."

Finn zog seine Augen enger zusammen und betrachtete das runde, helle Gesicht vor sich. Ein wenig roch der Atem des anderen nach Kunst, aber nicht mehr so stark wie zuvor. Sachte strich er ihm erneut den Nacken entlang und beobachtete die Reaktionen. Siebenundzwanzigs Atmung beschleunigte sich, nur sehr wenig, aber immerhin. Seine äußerliche Entschlossenheit passte nicht dazu, dass er nichts tat. Der kleine Dieb saß dort auf seinem Schoß, starrte ihn mit brennenden Blicken an und rührte sich nicht.

Finn lehnte sich vor und strich mit dem Mund an seiner weichen Wange entlang. "Iss erst mal", flüsterte er ihm ins Ohr.

Jessi spürte das leichte Kribbeln im Magen, das auf die prickelnde Spur folgte, und schloss für einen Moment die Augen. /Das klappt so nicht. Scheiße./ Er presste die Lippen zusammen, dann schob er den Kater entschlossen ein Stück von sich weg, so dass er ihn ansehen konnte. "Ich sollte dir vielleicht so ein oder zwei Dinge über mich erzählen, ehe du anfängst, Fehler zu machen", sagte er mit einer Stimme, die selbst in seinen Ohren ziemlich verloren klang. "Ich hatte es eigentlich nicht vor, aber ich hab ja nicht gewusst... ich wusste ja nicht..."

Er konnte dem Blick der hellblauen Augen nicht mehr standhalten und sah weg. "Ich bin... na ja, dass ich kein Mensch bin, weißt du. Ich bin aber auch nicht wie du, Finn. Ich bin künstlich, so künstlich wie es geht, ohne ein Androide zu sein. Und ich bin eine komplette Fehlkonstruktion."

Kurz schaute er hoch zu den schmalen Schlitzen, nur um hastig den Blick erneut abzuwenden, bevor er den Mut verlor. Sein Magen verkrampfte sich, doch es war besser, er sagte es ihm jetzt, als dass er es später auf unangenehme Art herausfand. Unangenehm für sie beide. "Ich bin ein unfähiges Modell aus einer Serie, in der sie mit Nanotechnologie rumexperimentiert haben. Meine Fehler fangen bei meinen Haaren an, die sich nicht färben lassen. Das geht weiter zu den verdammten Maschinchen, die sich nicht mit meinem Körper vertragen, weswegen ich das Hivosh brauche, um überhaupt zu überleben. Sonst nehmen die mich bei lebendigem Leib auseinander.

Tja... und das, was dich interessieren dürfte, ist der Teil, den sie vollkommen vermasselt haben. Ich kann nicht. Du kannst mit mir machen, was du magst, ich kann nicht." Er biss sich auf die Lippe und wagte nicht, den anderen noch einmal anzuschauen. "Das einzige, was funktioniert, ist, dass ich keine Liebe empfinden kann. Zuneigung ja, aber Liebe nicht. Meine Serie sollte unter anderem in Bordells eingesetzt werden."

Finn seufzte und verdrehte die Augen. Diese Redensart kannte er nur zu gut von anderen Kreationen. Er spießte mit einer Kralle eines der Kuchenstückchen auf und hielt es seinem Dieb vor das Gesicht. "Du kannst dich erschrecken, du kannst dich freuen, du fühlst die Sonne, du kannst genießen, den Kuchen hier zum Beispiel, und du bekommst sogar eine Gänsehaut, wenn ich dich hier hinten im Nacken streichle. Warum glaubst du, kannst du nicht auch mit jemandem anderes zusammen Freude fühlen?" Er beobachtete, wie der andere an dem Kuchen kaute und fügte leiser hinzu "Keine Kreation, die ich kenne, hat nicht schon einmal geglaubt, dass ihr oder ihm keine Gefühle zustehen." Er rieb sich einmal über die Augen. "Keine...", murmelte er noch einmal, dann trank er noch einen Schluck Tee, um die Gedanken fortzuspülen.

Jessi runzelte die Stirn, während er den süßen Geschmack genoss. Er war überrascht, dass sich der Kater um eine Erklärung bemühte, dass er ihn weiterhin festhielt und ihn nicht einfach von sich stieß. Oder ihn auslachte. Zugleich verunsicherte ihn das Verhalten aber noch weitaus mehr.

Wie um Halt zu suchen, lehnte er sich näher zu ihm, an ihn, während er ihn ansah. /Er auch? Hat er es von sich geglaubt, dass er das nicht kann?/ "Es ist ja nicht so, als ob ich das nicht schon ausprobiert hätte", murmelte er. "Ich weiß, dass ich gern haben kann. Gern gehabt habe ich schon ein paar Leute. Und ich bestreite ja auch nicht, dass ich Gefühle habe. Ich mag das... ich mag das sehr gerne, wenn du mich berührst. Aber mehr ist nicht möglich. Das klappt einfach nicht. Und das ist kein Hirngespinst, das sind Erfahrungswerte."

Finn lächelte leicht, dann raffte er Siebenundzwanzig enger in seinen Arm und zupfte in der Art, in der er sein Fell pflegte, durch die dicken roten Haare. "Wie wäre es, wenn du einfach die Zeit für neue Erfahrungen nutzt. Zuerst dachte ich, dass du noch Jungfrau bist und deswegen so cool tust, aber jetzt... vielleicht bist du wirklich einfach nur verwirrt."

Er berührte die Wange des anderen sachte nippend mit den Lippen. Weich, cremig, das Gefühl war herrlich, der Geruch ebenfalls nicht mehr künstlich wie Plastik, sondern fast wie der von kühler Sahne, neutral und doch frisch und nicht so streng zitronig, wie einige Kreationen es angezüchtet bekommen hatten, sondern zarter und zurückhaltender. "Kannst du es nicht darauf ankommen lassen, Siebenundzwanzig? Ich meine... mit mir? Du hast es doch gern, wenn ich dich berühre, und ich gebe zu, ich kann die Finger kaum von dir lassen."

Jessi schluckte, als die sachte Liebkosung des Katers wieder ein Prickeln durch ihn schickte. Ganz eigen, ganz ungewohnt war es, aber es gefiel ihm, das Gefühl. Er wusste, es würde nicht klappen, aber vielleicht musste Finn das selber herausfinden, ehe er es glaubte. Mehr, als es ihm sagen, konnte Jessi kaum. Zudem wollte er nicht wirklich, dass der Kater ihn losließ. Seine Augen schlossen sich halb, als er dem Streicheln nachfühlte. "Nur, wenn du mich nicht mehr Siebenundzwanzig nennst, Kater. Ich heiße Jessi."

"Jessi... na gut, gern. Alles, was du willst." Finn ließ Jessi mehr Raum, damit er in Ruhe etwas essen konnte und begnügte sich damit, ihm lediglich über die Haare und den Nacken zu streicheln, seine Schultern entlang sachte zu massieren, immer darauf bedacht, ob es seinem Dieb auch gefiel.

Jessi genoss die Berührungen fast mehr als den süßen Kuchen, den er fast vollständig vernichtete, ehe er sich den Broten zuwandte. Zwar machte es ihn wieder nervös, doch es war eine eigenartige Variante von Nervosität, die nicht wirklich unangenehm war und die ihn dazu brachte, den Kopf mal hierhin und mal dorthin zu drehen, damit der Kater jede Stelle gut erreichen konnte.

Nach dem Essen lehnte Finn sich jedoch wieder vor und umarmte Jessi fest, um an sein Ohr zu fragen "Was ist, gibst du mir soviel Chancen, dass du hier bleibst? Die Nacht, meine ich? Ich lasse dich auch schlafen."

Jessi zögerte, während sich in seinem Magen Ameisen anzusammeln begannen. Sie kribbelten und krabbelten mit dem Auf und Ab von Finns Stimme und machten ihn ganz unruhig. /Die Nacht bei ihm? Wie soll ich dann schlafen, wenn er so weiter an mir rumfummelt? Ich bin todmüde. Aber es ist angenehm. Die ganze Nacht bei ihm. Ob er mich festhalten wird? So wie jetzt?/

Obwohl die Arme des Katers so stark waren, fühlte er sich nicht eingeengt. Eher beschützend umschlossen, als wollte er auf ihn aufpassen. Und als er an den leeren, kalten Raum zurückdachte, zu dem zusätzlich noch eine ganze Stunde Weg vor ihm lag, nickte er. "Wenn du mich wirklich schlafen lässt, Kater. Ich bin fertig."

Finn verdrehte hinter seinem Rücken die Augen, aber sagte mit gespielt grummeligen Unterton "Ich bin nicht taub gewesen, als du mir von zwei Tagen hin und zweien her ohne Pause erzählt hast. Ich denke, dass ich es gut verstehen kann, wenn du gleich umfällst. Zudem habe ich heute Nacht frei, und wir können auch gut noch morgen weiterreden, denn morgen habe ich auch frei."

Das entsprach nicht der Wahrheit, aber Finn hatte gerade beschlossen, dass er sich für Jessi frei nehmen würde. Er hatte sehr deutlich das Gefühl, dass sein kleiner Dieb ihn gern hatte und dass ihm zudem sein Streicheln doch gefiel, mehr als er vielleicht dachte.

Er ließ Jessi los und stand sich streckend auf. "Ich werde noch schnell heiß duschen, du hast schon geduscht, nehme ich an?" Er erlaubte sich, einen sehnsüchtigen Blick über Jessis Rückseite streifen zu lassen. "Sonst bist du natürlich eingeladen."

Unbekümmert wendete Finn sich ab und zog sich aus, nachdem er ein Handtuch aus seinem Schrank gegriffen hatte. "Dies ist mein Bett. Bis gleich." Mit leicht hin- und herpeitschendem Schwanz, dem man seine Nervosität ein wenig anmerken konnte, ging Finn ins Bad und stellte sich unter die Dusche, um das heiße Wasser auf seine Muskeln wirken zu lassen.

Jessi ließ den Mantel von den Schultern gleiten und warf ihn achtlos in eine Ecke, während er sich überlegte, ob er auf Finns Angebot eingehen sollte. Eine heiße Dusche war dem kalten Wasser seines Domizils eindeutig vorzuziehen. Doch dann beschloss er, das auf den nächsten Morgen zu verschieben. Der große Kater würde es ihm wohl kaum verbieten. Für einen Moment stand er reglos da und starrte auf die geschlossene Badezimmertür, hinter der Wasserplätschern hervor drang, und zögerte erneut. Doch die Erschöpfung siegte.

Hastig zog er sich komplett aus und wollte seine Kleidung eben zu dem Mantel werfen, als er es sich anders überlegte. Hier lag nichts auf dem Boden, bestimmt würden sie es nicht gerne sehen. Mit einem Seufzen hob er alles auf und legte es auf einen Stuhl, ehe er es sich in der Nische bequem machte, die Finn als die seine bezeichnet hatte. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, und er vergrub die Nase in der Decke. Es roch nach Finn, und den Geruch hatte er gern.

Finn mochte sein Fell. Er wurde oft wegen des Roséschimmers geneckt oder deswegen, weil es nur eben gerade auf seine Unterarme reichte, den größten Teil frei ließ und sich nicht wie bei einer richtigen Katzenkreuzung, wie bei Laites, erst auf den Händen verlor. Dennoch hielt es ihn dort warm, wo er es wollte, und war so kurz, dass es schnell trocknete. Genau das war auch an diesem Abend der größte Vorteil für ihn, da er sich schnell zu Jessi ins Bett legen konnte. /Um ihn zu knuddeln und noch viel mehr von dieser weichen Haut spüren zu können. Wundervoll./

Als Finn aus dem Bad trat, sich noch immer über die längeren Haare auf dem Kopf rubbelnd, kamen Laites und Ninári zur Zimmertür herein. Die beiden lachten, und Laites drehte sich gerade zurück, um zu Ninári etwas zu sagen, als er den Geruch wahrnahm und herumfuhr.

Finn lehnte sich in die Badezimmertür. "Ich habe Besuch, wenn ihr den durch eure Spielchen beschämt, dann ziehe ich euch die Haut ab, einzeln." Betont energisch ging er zu seiner Koje hin und schaffte es, sich durch den Vorhang zu schlängeln, ohne den anderen einen Blick auf seinen Jessi zu gönnen.

Laites gaffte den Vorhang vor Finns Koje an und kratze sich verwirrt über den Kopf. Es roch nicht nach Mensch, nicht nach Katze und nicht nach anderen Rassen, die ihnen begegnet waren. Es roch irgendwie... bekannt und freundlich. Als sei dies eine nette Erinnerung aus der Kindheit, die Finn da bei sich im Bett hatte, und kein anderes Wesen. "Nur zu deiner Information, Trampelkater, wir wollten sowieso gleich wieder zum Tempel zurück."

Ninári lachte nur und zog Laites mit sich. "Komm, wir müssen noch das ein oder andere einpacken."

Finn beachtete die anderen vor dem Vorhang nicht weiter, denn er sah sich mit einem halbverschlafenen Blick aus Feueraugen konfrontiert, der einfach nur atemberaubend war. Er tat auch genau, wonach ihm in dem Moment war; er hielt den Atem ehrfürchtig an, bevor er mit den Fingerspitzen die roten Haare von der hellen Stirn fortschob, um die Haut am Haaransatz küssen zu können. Erst dann atmete er langsam aus und ein, während er Jessis Gesicht mit den Lippen entlang fuhr. Über die feinen Augenbrauen, über die Augenwinkel hinab, zu den Schläfen hinüber, zu seinen Wangen. Dort, auf der linken Wange in Nähe des Mundwinkels, hörte er auf.

Vor dem Vorhang raschelte es, die beiden erzählten etwas, die Schranktüren zischten leise, aber es war Finn egal, als er mit einer Hand die Decke anhob, um sich zu Jessi zu legen und dabei bemerkte, dass dieser sich vollständig entkleidet hatte. Ein Lächeln glitt über sein Gesicht, und Finn bedauerte es, dass er sein Wort gegeben hatte. Mit einem Seufzen löschte er das Licht in der Koje, ohne eine weitere Bemerkung zu Jessis Körper, ohne den Versuch unternommen zu haben, ihn auf den Mund zu küssen.

Alles, was er sich erlaubte, war Jessi an sich zu ziehen, sich passend um ihn zu strecken und dann beinahe um ihn einzurollen. Als letztes drapierte er den Schwanz noch über die schmalen Beine des anderen und flüsterte endlich "Du bist wundervoll anzufassen."

Jessi lächelte verschlafen und drehte sich zu ihm, vergrub das Gesicht in dem weichen Brustfell, ebenso wie eine Hand. "Und du riechst gut", murmelte er und schloss wieder die Augen. Das war besser, sehr viel besser als auf seinem kalten, harten Lager ganz allein. Hier war es warm und weich und geborgen... Er brauchte nicht lange, um wirklich einzuschlafen.

Finn streichelte über den roten Schopf unter seinem Kinn, und es störte ihn ganz und gar nicht, dass es für sie beide eigentlich zum einen zu eng und zum anderen viel zu warm sein sollte. Zudem störte es ihn mit einem Mal nicht mehr, dass der Sex, den er sich für dieses Wiedersehen vorgestellt hatte, auf später verschoben werden musste. Auch schlafend, voller Vertrauen an ihn gekuschelt, war Jessi ein Erlebnis, das jede Wartezeit rechtfertigte. /Morgen ist auch noch ein Tag und übermorgen und an den Tagen danach... bis wir den Plan für den Angriff im Herzen fertig haben./


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig