Kemjalas Plan

24.

Nicht unbedingt beruhigt sah Finn Jessi hinterher. /Er ist es nicht gewohnt, dass ihm jemand vertraut. Das gibt ihm sicherlich das Gefühl, dass er nun etwas tun muss, dass etwas von ihm verlangt wird, das er nicht leisten kann./ Aber er konnte es nicht ändern. Mit einem Dieb, jemandem, der nicht einmal bereit war, sich seinen Lebensunterhalt ehrlich zu verdienen, konnte er sich nicht verbunden fühlen.

Finn streckte sich und zog sich seine Weste über, ließ Laites' Türkarte in eine der Taschen gleiten und verließ ebenfalls das Hotel. Er wendete sich zunächst zu seiner Arbeitsstelle und begann seine Schicht normal, entschuldigte sich jedoch in der Nacht und verließ den dunklen Stadtteil.

 

Jessi begrüßte das leise Rauschen der Lüftungsschächte, das ihn umfing, jedes andere Geräusch auslöschte und unbedeutend werden ließ, das den kaum hörbaren Laut seiner Schritte verschluckte. Hier endlich, in der Dunkelheit, die tiefer wurde, je weiter er sich von dem Gitter und dem Gang, der zu Finns Zimmer führte, entfernte, zog er sich wieder seinen Mantel über und band das Tuch erneut um, das einerseits dazu da war, um seine auffällige Haarfarbe zu verbergen, zum anderen, um ihm die Strähnen aus den Augen zu halten.

Eng wickelte er sich in den schwarzen, zerschlissenen Stoff ein und presste die Lippen zusammen, während er sicher durch die wohlbekannte Schwärze lief. Er brauchte kein Licht mehr, schon lange nicht. Seine Ohren waren mit der Zeit so trainiert geworden, dass er sich vielfach auch anhand der Geräusche gut orientieren konnte, nicht immer und eher in bekannteren Gefilden, aber hier definitiv ausreichend.

Wieder kamen ihm die Tränen, und er schluckte hart, um sie nicht zuzulassen. /Was bildet sich der Kater eigentlich ein? Warum soll ich mich anpassen, damit er mich noch mag? Wenn er das Liebe nennt, kann ich auf seine Liebe verzichten./

Die Gedanken halfen nicht viel, es tat nach wie vor weh. /Ich brauche das Zeug! Was meint er, warum ich mit dem Stehlen angefangen habe? Zeitungsjunge, Kofferträger und Tellerwäscher sind nicht wirklich Wege, um reich genug zu werden./ Zudem war er da viel zu leicht zu finden. Er fiel auf mit seiner sahneweißen Haut und dem rotem Haar.

Jessi wusste, dass sie ihn noch immer suchten. Zwar nicht mehr so intensiv wie zu Beginn, weil sie damit rechneten, dass er schon tot sein könnte, doch sie hielten nach wie vor die Augen offen. Er hatte es schon als Risiko empfunden, einfach mit Finn in den Park zu gehen, noch dazu ohne sein Tuch. /Aber das ist ihm egal. Er sieht nur, dass ich stehle. Warum, ist ihm gleichgültig. Und er versteht nicht im Geringsten, dass ich ihm einfach nicht auf der Tasche liegen kann. Wir hatten Sex, wir haben uns geküsst. Dafür lasse ich mich nicht bezahlen! Was bildet er sich eigentlich ein?/

Den gesamten Weg zurück drehten sich seine Gedanken im Kreis, ohne sich zu klären. Er fühlte sich nicht besser, es wurde nicht leichter, und er wusste nach wie vor nicht, was er tun sollte oder eher wollte. Das Vernünftigste wäre, von dem Kater fern zu bleiben, bis dieser zum Herzen wollte, ihn dann dorthin zu bringen, und das wäre es gewesen. Nur erschien Jessi das nicht wirklich als eine Alternative. Finn hatte ihm Dinge gezeigt und gegeben, die viel zu wertvoll waren, um sie einfach so wegzuwerfen. Aber dennoch konnte er nicht aufgeben, was ihn am Leben hielt.

Als er durch den Lüftungsschacht in das düstere Räumchen glitt, das sein Zuhause war, wünschte er sich um so mehr, dass Chiriko noch am Leben wäre. Sie hätte ihm durch die Haare gezaust, hätte gelacht und ihm wahrscheinlich gesagt, er solle den Kater zur Hölle schicken. Entweder würde Jessi ihm etwas bedeuten, dann würde er sich damit abfinden, dass er stehlen musste, um zu überleben, oder er sei es nicht wert, dass man ihm auch nur eine Träne nachweinte. Müde ließ sich Jessi auf das harte, kalte Lager fallen, ohne auch nur den Mantel ausgezogen zu haben, und rieb sich über das tränenverschmierte Gesicht. Er vermisste sie.

Eine Ewigkeit blieb er regungslos liegen, spürte die Kühle der Luft, die langsam in ihm empor kroch und sich in ihm festsetzte, ihn zittern ließ, während er abwechselnd an Chiriko und den Kater dachte, mehr und mehr aber an Finn. An seine hellen Augen, die so viel ausdrücken konnten, von kaltem Zorn über Freude, Glück, Leidenschaft... und Trauer und Schmerz.

"Du hast gesagt, du liebst mich, Kater", murmelte er. "Wie kannst du mich lieben, wenn du mich gleich wieder fallen lässt, weil ich etwas mache, das dir nicht zusagt? Und es waren erst ein paar Tage, die du mich kennst. Aber das ist es, du kennst mich nicht. Du magst meinen Körper, du magst, wie ich dich anfasse, du magst es, mich anzufassen, das ist alles."

Die Erinnerung an Finns Miene, als er ihm das, wenn auch mit anderen Worten, gesagt hatte, ließ ihn nach seinem Kissen greifen und das Gesicht darin verbergen, um ein Wimmern zu ersticken. /Oh Himmel, wenn es jetzt schon so weh tut, wie kann man sich dann nach Liebe verzehren? Das muss ja noch viel schlimmer sein./

Das ruhige Liegen wurde ihm zu viel. Er sprang auf, schlüpfte aus dem Mantel, der ihn bei seinem nächsten Weg nur behindern würde und verließ das Zimmer, als sei er auf der Flucht. Er musste sich bewegen, musste raus.

Als er nassgeschwitzt und außer Atem an seinem Ziel ankam, schlug ihm aus der Dunkelheit verzerrtes Stimmengewirr entgegen. Jessi lehnte sich an die Wand und wartete, bis er wieder zu Luft gekommen war, ehe er aus dem großen Lüftungsschacht abbog und sich auf dem Bauch in einen kleinen Seitenzweig schlängelte. Das Licht an dessen Ende zerteilte den glatten Boden in schmale Streifen, und Jessi robbte bis an das Gitter heran, das ihm einen guten Blick in die Bar ermöglichte.

Sein Herz machte einen kleinen, schmerzhaften Sprung, als er den Kater entdeckte, der an einen Pfosten gelehnt seinen durchdringenden Blick durch den Raum schweifen ließ, die kräftigen Arme vor der Brust verschränkt. Der Schwanz, der sich so beschützend und besitzergreifend noch in der Nacht davor um Jessi geschlungen hatte, war jetzt leicht um eines seiner Beine gelegt.

Mit einem Mal hatte Jessi das dringende Bedürfnis, bei ihm zu sein, seine Umarmung zu spüren und die tiefe, grollende Stimme an seinem Ohr zu hören, die ihm neckende Kosenamen zuflüsterte... und ihm sagte, dass er ihn liebte.

/Er hat mich Lust spüren lassen. Ich dachte, es wäre unmöglich. Vielleicht kann ich doch lieben? Das ist genauso unmöglich. Aber dieser ganze Kater ist unmöglich!/ Und eine andere Erklärung, warum er sich so viele Gedanken um ihn machte, konnte Jessi nicht finden. Warum es so weh tat, auch nur in Erwägung zu ziehen, ihn nur noch das eine Mal zu sehen, wenn er ihn zum Herzen führte. /Warum ausgerechnet er? Warum niemand, der mich einfach liebt, wie ich bin?/

Als Finn irgendwann mitten in der Nacht und noch längst nicht am Schichtende, wie Jessi vermutete, nach einem kurzen Gespräch mit seinem Chef die Bar verließ, glitt auch er wieder aus dem Schacht heraus. Wesentlich langsamer als auf dem Hinweg kehrte er zurück, jedoch nur, um aus seinem Raum die Karte zu holen und dann in Finns Hotelzimmer zu gehen.

Leise, um die schlafenden Zimmerbewohner nicht zu stören, zog er sich aus und kletterte in Finns Bett. Er wickelte sich in die Decke, atmete den so angenehmen Geruch des Katers ein und rollte sich zusammen. Er hatte nichts von dem, was er eigentlich für die letzte Ration Hivosh angesammelt hatte, ausgeben müssen. Das gab ihm eine Pause. /Das heißt, ich muss mich fast drei Wochen nicht wirklich um Geld bemühen./ Drei Wochen, um auszutesten, ob es wirklich mehr war als nur Zuneigung. Drei Wochen, um zu sehen, wie weit es dem Kater ernst war.

 

Finn hatte, während er die an diesem Abend ausgerechnet schlechte Musik hörte und die wenigen Arbeiter beobachtete, die am Tresen hockten, alles gut durchdacht. Jessi war abhängig von Hivosh 73. Er brauchte es, weil er sonst von Maschinchen zerstört würde.

Für ihn war es nun klar, dass er zwei Dinge erfahren musste. Zum einen, was Hivosh eigentlich war, zum anderen natürlich, wie Jessi in Zukunft vielleicht ohne würde auskommen können. /Ohne dafür zu stehlen, sich zu verstecken, zu leiden. In diesem Kreislauf aus Stehlen und Leiden festzustecken./ Finn wusste sehr sicher, dass Tarlant zu beiden Fragen eine Antwort wissen würde.

Er wusste, dass sie in der Arche zu finden sein würde, aber zugleich war ihm auch klar, dass es ihm nicht gestattet sein würde, zu ihrer Arbeitsstelle direkt zu gehen. Er lief mit schnellen Schritten auf die Arche zu, bog jedoch vor den schönen Hallen ab und wandte sich in den Park, der an das Aquarium dort angrenzte, wo die Seelöwen und andere Seetiere auf Inseln lagen und schliefen.

Eine der Inseln war stets besonders beliebt. Auf ihr waren nun auch im weichen Sand in der leichten Dünung zwei von dem Meervolk zu erkennen, das auf der Arche oder vielmehr in deren Aquarium lebte. Kreuzungen zwischen Delphinen und Menschen, ihre schlanken, grauen Körper ruhten im seichten Wasser, während ihre hellen, menschlichen Oberkörper in einer leichten Umarmung nebeneinander lagen.

Finn zog die Augen zusammen und stellte fest, dass es ein Pärchen war, sie war jung, er kannte sie nicht, ein leiser Lilaton am Rücken machte sie attraktiver und zog sich über ihre wallenden Haare hin. Aber ihn kannte Finn. Eine ältere Kreuzung, er hatte ihn im Labor getroffen, als er einmal wieder aus seinem Gehege ausgebrochen war.

Finn ging in der Nähe des Beckenrandes in die Hocke und starrte intensiv zu den beiden hinüber. "Joah! Kennst du mich noch?"

Joah machte eine unwillige Abwehrbewegung mit der Schwanzflosse, doch dann hob er den Kopf und schien zu überlegen. Finn winkte und rief "Ich bin's, Finn."

"Ach, du meine Güte!" Joah ließ sein Mädchen los, stieß sich ab und schwamm mit zwei kräftigen Schlägen der Flossen zu Finn hinüber. "Was hast du nun ausgefressen, Finn?"

Finn lachte auf und reichte seine Hand hinab, um Joah gegen den von langen, silbrigen Haaren umgebenen Kopf zu stupsen. "Ich brauch deine Hilfe."

"Das war mir klar, Finn. Deswegen hab ich gefragt." Das delphinartige Schnarren passte zu seinem ewigen Zynismus.

"Nein, nicht so. Ich muss Tarlant finden. Sie ist hier, nicht?"

Joah warf einen Blick zu seinem Mädchen zurück. Sie schien jedoch zu schlafen oder sich zu langweilen. "Es ist schön hier, wir sind Tarlant dankbar, dass sie sich für uns eingesetzt hat, Finn. Ich will nicht, dass sie Ärger bekommt."

"Ich brauche ihre Hilfe, Joah. Ich werde ihr nichts tun."

Der silbergraue Meermann blinzelte, schwamm eine Weile überlegend im Kreis, dann seufzte er und nickte. "Na gut. Wir werden auf sie achten und glaub mir, Finn. Wenn du ihr Ärger machst, dann werden wir dich bekommen, irgendwie." Er schwamm los. "Folge mir!"

Finn musste sich anstrengen, um mithalten zu können, zumal er über Brücken und durch Beete hetzen musste, auf die Joah keine Rücksicht nahm. Doch am Ende gelangten sie auf die Rückseite und jenseits des weiten Beckens. Joah nickte auf leuchtende Kreise unter der Wasserfläche, tief unten.

"Tarlant wohnt im untersten Flur, es ist das fünfte Licht auf dieser Seite. Das ist alles, was ich dir sagen kann."

"Danke." Finn fand mit Hilfe des Fluchtwegplans der Arche heraus, wo das Zimmer sich von den Gängen aus gesehen befand und konnte ungehindert zu den Fluren kommen, weil er von allen für einen Teil der vielfältigen Shows gehalten wurde.

Das verhältnismäßig einfache Schloss zu knacken, war kein Problem. Im Hinterkopf behielt Finn den Entschluss, Jessi niemals sehen zu lassen, wie gut er in dergleichen Dingen war.

Tarlants Zimmer war spartanisch möbliert und zeigte nichts Persönliches, die einzige Ausnahme war das Lesegerät, in das sie augenscheinlich einen Sprachlehrer für Kemjasheri'i aufgerufen hatte. /Fächerohr, Fächerohr. Du hast sie rumgekriegt? Zum Lachen, bei seiner Moral ausgerechnet Tarlant!/

 

Tarlant war müde, und sie war wütend, weil sie ihre Überstunden einmal mehr demselben Gast zu verdanken hatte. Immer wieder fragte er sie aus, wollte sie sogar zum Zimmer begleiten. Entnervend! Sie schloss ihre Zimmertür auf und war schon mit der einen Hand am Verschluss der Stiefel, als sie erstarrte, einen stummen Schrei auf den Lippen.

Finn stand an ihr Fenster gelehnt und beobachtete die Fische, die draußen nur wenig beleuchtet vorbeischwammen. Mit einer knappen Bewegung machte sie Licht und stemmte eine Hand auf die Hüfte. "Na, Finn. Schon wieder Mordgelüste?"

Finn hob eine Augenbraue, immerhin war Tarlant wirklich kess, nicht nur in der Art, auch angezogen. So hatte er sie noch nie gesehen. "Nette Klamotten, Tarlant. Ich wusste nicht, dass du Beine hast."

"Du mich auch, Finn. Was hast du ausgefressen?"

Finn verdrehte die Augen und erklärte gereizt "Ich bin unschuldig, und aus der Flegelzeit bin ich schon lange heraus. Ich habe Fragen, verdammt."

Tarlant seufzte, ging unbeeindruckt in ihr Bad und schloss sich ein. "Und ich habe Feierabend. Ich mache mich fertig fürs Bett, frag deine Fragen, wenn ich fertig bin und hier wieder herauskomme, bist du verschwunden!"

Finn vernahm Wasserplätschern und knurrte wütend. "Es ist dir mal wieder egal! Da leidet jemand, es ist LeRoux' Schuld, auch deine vermutlich, und ich verlange, dass du dich mehr einsetzt!" Die Antwort war lediglich Kleiderrascheln, und Finn wurde klar, dass seine Zeit verstrich. Tarlant konnte er nichts entgegensetzen, es war ihm in den Chip gegeben worden, dass er sie schätzen und ihr Folge leisten musste.

"Es geht um eine Kreation. Ich will wissen, was ich davon zu halten habe. Jemand, den ich zufällig getroffen habe." Finn verwand die Finger ineinander. "Was weißt du über Hivosh 73?"

Etwas fiel zu Boden, im nächsten Moment wurde die Tür vom Bad aufgerissen, und Tarlant starrte ihn an. "Woher..." Sie zögerte, weil ihr auffiel, dass sie lediglich ihr Pyjamaoberteil trug und zog sich hastig zurück, um die weite Hose auch überzustreifen. "Woher hast du diesen Namen?"

"Von der Kreation. Der Kleine behauptet, dass er ohne Hivosh nicht existieren kann."

Tarlant fluchte leise und murmelte "Ich wusste nicht, dass diese Pläne jemals ausgeführt wurden. So ein Mistkerl!"

"Welche Pläne?"

"Die Pläne zu einer Armee, die man nach Belieben durch Nichtversorgen mit einer ihr wichtigen Substanz einfach ausschalten konnte. Es gibt die verschiedensten Baugruppen, jeweils von verschiedenen Forschern. Ein Herrscher hatte sie für sich erwerben wollen, um einen Krieg zu führen, die Armee hinterher aber nicht auszuzahlen oder mit ihrer bloßen Anwesenheit belastet zu sein, sondern wollte sie einfach ausgelöscht wissen."

Finn blinzelte einige Male, dann warf er sich auf Tarlants Bett und lachte. "Jessi? Armee? Nein, Tarlant, er geht mir gerade einmal bis an die Brust und ist insgesamt..."

"Oh, ist er ein Ynis Jesmalar? Lass dich von der Größe nicht täuschen, Finn. Das ist ein fortgeschrittenes Modell, siebenundzwanziger immerhin, vielleicht gar die modernste Version davon." Neugierig setzte Tarlant sich auch und beobachtete Finns Gesichtsausdruck.

"Ja, er mag es aber nicht, wenn man ihn Siebenundzwanzig nennt. Was hat es damit auf sich?"

Tarlant erklärte Finn in der folgenden Stunde geduldig, immer wieder von Zwischenfragen unterbrochen, dass die Baureihe Jesmalar einen Fehler enthielt, der bedingte, dass die Ynis Jesmalar zu intelligent und friedliebend für Krieg und dass sie leider auch ganz und gar nicht brutal genug waren, um zu einer Armee zu gehören. Es war beschlossen worden, dass man diese Modelle einfach durch den Entzug der ihnen wichtigen Substanz, einer Salzlösung mit dem Namen Hivosh 73, das Leben beendete.

"Leider hat es sich herausgestellt, dass gerade diese eine Baureihe viel zu intelligent angelegt wurde. Sie haben zudem einen sehr starken Überlebenswillen. Beides hat dazu geführt, dass etliche getürmt sind. Die meisten sind natürlich früher oder später gestorben, anscheinend hat es einer doch noch geschafft."

Finn erkundigte sich, wie diese Maschinchen funktionierten und wie das Hivosh sie im Zaum hielt und wagte es endlich zu fragen, ob es nicht eine andere Möglichkeit geben mochte.

Tarlant senkte den Kopf und rieb sich die Schläfen. Vor dem Fenster wurde das klare Wasser des Aquariums bereits wieder von Morgenlicht durchschimmert. "Es gibt eine Möglichkeit. Diese wäre die Maschinchen komplett zu einem Stillstand zu spritzen, das geht mit einer Überdosis der Salzlösung. Wenn sie stillstehen, kann man den Kleinen operieren, um ihm einen Chip einzubauen, der sie dann in Zukunft durch Anpassung seines eigenen Salzhaushaltes unter Kontrolle hält. Das ist zum einen nicht vollkommen ungefährlich, er könnte sterben, zum anderen gibt es nur einen, der das tun kann, Finn."

Tarlant und Finn sahen sich an, und beide wussten ohne auszusprechen, wer diese eine Person sein würde.

Tarlant warf eigentlich nur wegen eines kleinen Lichtreflexes einen Blick auf ihre Uhr und erschrak zutiefst. "Oh... verdammt! Ich bin mit Dai'thi zum Frühstück verabredet!" Sie sprang auf und hetzte zum Kleiderschrank, kramte sich neue Kleider heraus, lief zu ihrem Badezimmer.

Sie wurde von Finns missgünstig schnarrender Stimme unterbrochen "Und? Weiß er es schon? Diese Fächerohren sind doch Moralaposteln und Körperkultler."

Tarlant wurde rot, dann blass. Schließlich ließ sie sich neben Finn nieder. "Ich... wage es nicht. Ich habe ihm lediglich von der Operation erzählt. Ich wage es einfach nicht, weil..." Sie hob die Hände vor ihr Gesicht. "Ich fühle mich doch selber nur so richtig! Solange ich es nicht sehen kann, bin ich mir sicher, wer und was ich bin, verdammt!"

Erschrocken legte Finn eine Hand auf ihre Schulter. Es tat ihm eigentlich gut, wieder freundlich und sorgevoll zu ihr zu sein. Tarlant war ihnen, den Kreationen, eben doch immer das gewesen, was ihnen innerlich fehlte, die Familie. Sie leiden zu sehen, tat auch ihm weh, und er bereute, dass er sie hatte ärgern wollen.

Langsam stand sie auf und ging zum Badezimmer. "Danke, Finn. Er wird gleich hier sein. Irgendwann... schaffe ich das schon."

 

Die vergangenen zwei Tage waren wundervoll gewesen; Dai'thi war noch nie so glücklich gewesen. Während er den Korridor zu Tarlants Zimmer hinablief, waren seine Gedanken schon lange bei ihr. Tarlant war wirklich die atemberaubendste Frau, die er je getroffen hatte, und seine Träume gingen schon viel, viel weiter, als es für die derart kurze Zeit eigentlich zulässig sein sollte, die sie sich erst kannten.

Mit einem kleinen Lächeln roch er an den weißen Rosen, die er ihr mitgebracht hatte, ein Kompromiss aus den roten Rosen, die Menschenfrauen so gern mochten und den weißen Blüten der Göttin. Am liebsten hätte er Tarlant gefragt, ob sie nicht den Bund mit ihm eingehen würde.

Er wusste, dass er diese Frau niemals wieder verlieren wollte. Doch das hatte Zeit, viel Zeit. Sie hatte ja noch nicht einmal genügend Vertrauen gefasst, um zu glauben, dass ihm die Narben wirklich gleichgültig waren. Allein die Tür zu ihrem Zimmer ließ sein Lächeln tiefer werden, weil er sie gleich sehen würde. /Dai, du bist wirklich schlimm verliebt!/

Als er jedoch näher kam, hörte er die Stimmen. Nicht so laut, dass er sie verstehen konnte, aber deutlich genug, um sie auseinander zu halten. Die eine war die vertraute von Tarlant, die andere... Sein Herz machte einen schmerzhaften Schlag vor Schreck, und sein Magen krampfte sich fast angstvoll zusammen. /Finn! Was will er von ihr? Wehe ihm, er hat ihr auch nur ein Haar gekrümmt!/ Heftig klopfte er an die Tür, hoffend, dass er nicht zu spät war, sollte der Kater ihr wirklich etwas tun wollen. Hoffend, dass er irgendwie hinein kommen würde, wenn ihm nicht geöffnet wurde.

Es klopfte an der Tür, und Tarlant fuhr erschrocken herum, als sie gerade sagen wollte, dass sie Finn doch nicht so schlimm fand, wie sie früher immer gedacht hatte. /Dai'thi! Verdammt!/ Viel schlimmer noch war, dass Finn bereits die Tür öffnen ging. "Tarlant, ich hau dann mal ab und lasse deinen Kerl rein. Danke für den Rat."

Finn grinste, als er die Tür öffnete und dem hochgewachsenen Kemjasheri'i jovial mit einer Verbeugung Einlass gewährte. "Guten Morgen, Fächerohr. Auf Wiedersehen, Tarlant."

Dai'thi sah von einer Drohung ab, was er mit ihm machen würde, sollte er Tarlant etwas getan haben, denn das Zimmer sah ordentlich und nicht nach einem Schlachtfeld aus. Zudem konnte er sie im Bad hören.

"Guten Morgen, Finn", sagte er reserviert, als er eintrat und die Tür hinter sich schloss. "Ta'ari! Ist alles in Ordnung mit dir?" Seiner Stimme hörte man die Sorge an, auch wenn er sie herauszuhalten versuchte. /Was hat er von ihr gewollt? Hat er ihr gedroht?/

Tarlant lächelte und machte eine wegwerfende Handbewegung, während sie sich hoch streckte, um ihn auf die Wange zu küssen. "Beachte Finn einfach nicht." Sie winkte ihn noch kurz, zu ihr in den Raum zu kommen und erklärte, während sie ihre Tagesdecke auf dem Bett glatt zog "Die Kreationen hatten immer nur den einen Ansprechpartner im Labor, mich. Ich habe mich speziell um Finn kümmern müssen, als sein erster Besitzer verstorben ist und dessen Erben sich um ihn gestritten haben. Das war eine schwere Zeit für ihn, und er hat nicht gerade gut darauf reagiert. Zum Glück ist er nun wirklich wesentlich ausgeglichener. Aber wenn er Ärger hat, kommt er noch immer gern zu mir."

Zweifelnd zog Dai'thi beide Augenbrauen hoch. "Tarlant, er hat dich umbringen wollen. So habe ich dich ja kennen gelernt."

Tarlant seufzte und strich sich ein wenig nervös die Kleider glatt. Unter Rücksichtnahme auf ihn sogar erneut eine sehr kurze Shorts, jedoch mit Sandalen kombiniert, da es recht warm geworden war in der Icesior. "Finn kann mich, wie alle anderen Kreationen, nicht hassen, mir nicht schaden. Finn hat solche Durchbrüche schon häufiger gehabt, sie gehen soweit, dass er mir gedroht hat, gefaucht und Krallen gezeigt hat. Wenn etwas nicht ehrlich ist, jemand ihn anlügt oder er den Eindruck hat, dass er betrogen worden ist, dann neigt er dazu, sich zu vergessen. Bei mir ist das egal, denn Teil seines ihm eingepflanzten Programms ist seine treue Liebe zu mir."

Ein kühler Schauer rann Dai'this Rücken hinab, als er die Frau ansah, die er liebte. Manches an ihr war schwer zu akzeptieren, wie der Gedanke, dass sie so lange für einen Menschen wie diesen LeRoux gearbeitet hatte. Andererseits konnten die Kreaturen von Glück sprechen, dass ausgerechnet sie es gewesen war, die sich um sie gekümmert hatte.

Ein anderer Gedanke kreuzte seine Überlegungen und ließ ihn unvermittelt schmunzeln. Er trat zu seiner Geliebten, umarmte sie von hinten und küsste ihren Nacken, ehe er ihr die Rosen reichte, ohne sie jedoch loszulassen. "Dann warst du nie durch ihn in Gefahr, und ich habe dir nicht das Leben gerettet. Wie raffiniert von dir, das trotzdem zu behaupten, meine Liebste."

Tarlant senkte den Kopf und nahm die Blüte entgegen, dann murmelte sie leise "Nein, du hast mich gerettet, Dai'thi. Vor mir selber."

Ihre Antwort ließ Dai'thi ernst werden. Sacht drehte er sie in seinen Armen zu sich, hob ihr Kinn leicht an, um ihr in die Augen zu sehen, die mit einem Mal dunkel wirkten, und küsste sie kurz und federleicht auf die Lippen. "Ta'ari", sagte er leise, während seine Fingerkuppen zart über ihre Wange strichen, ihren Hals hinabwanderten, um dann zu ihrem Ohr zurückzukehren und von dort in ihr Haar zu gleiten. Ein eigenartiges Gefühl wuchs in ihm an, ein Gefühl von Nähe und unendlich tiefer Liebe, das er derart nie zuvor empfunden hatte; es verstärkte den Wunsch nur noch, sie für immer zu beschützen. "Ich verspreche dir, dass ich versuchen werde, dich niemals zu enttäuschen, dass ich mein Bestes gebe, dich niemals zu verletzen. Dir ist so weh getan worden, ich will nicht, dass es noch einmal geschieht. Ich liebe dich so sehr, meine Ta'ari, meine Tarlant."

Tarlant lächelte unsicher, aber umarmte ihn statt einer Antwort fest. Anschließend sagte sie, das Thema vollkommen verlassend "Ich habe schrecklichen Hunger. Finns Probleme treten natürlich immer nachts auf, typisch für eine Katze, und natürlich können sie nicht warten, sondern müssen sofort verhandelt werden. Wollen wir uns etwas zum Frühstücken suchen?"

Sie ließ ihm den Vortritt, um das Zimmer abzuschließen. Als er es nicht mehr sehen konnte, blickte Tarlant sich im Spiegel an der Tür noch ein letztes Mal in die Augen. /Ehrlich sein, das ist Finn immer so wichtig, deswegen ist er so bissig zu mir. Aber wie kann ich Dai'thi enttäuschen?/ Sie schüttelte den Kopf und schloss die Tür.


by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig