Kemjalas Plan

25.

Finn war müde und ausgelaugt. Das Wissen, das er erfahren hatte, war nicht unbedingt beruhigend gewesen. Als er jedoch die Tür öffnete, konnte er Jessi gleich erschnuppern. Ein Lächeln hellte sein Gesicht auf, und er schlich sich leiser, als er es sonst getan hätte, zu seinem Bett. Dort lag auch wirklich sein kleiner Schatz, die roten Haare verwühlt auf seinem Kissen und ein schlanker, heller Arm um einen Teil der Decke gelegt.

Finn seufzte tonlos und setzte sich, nachdem er sich ausgezogen hatte, zu Jessi auf die Bettkante. /Ich wünschte, dass ich dir eine Zauberlösung bieten könnte. Einen magischen Trank, der all deine Probleme mit einem Schluck beenden kann./ Vorsichtig beugte er sich zu ihm herab und küsste ihn auf die Schulter.

In der Koje über ihm gähnte Laites geräuschvoll und streckte sich. Der Flohsack würde gleich aufspringen und Wirbel im Zimmer veranstalten. Hastig zog Finn den Vorhang vor und legte sich zu Jessi. Nun war er wirklich erleichtert, dass die Vorhänge sehr dicht waren, die Geräusche und das Licht aus dem Raum nahezu komplett abwehrten, wenn man sie richtig schloss. Sachte entwand Finn Jessi noch einen Teil der Decke und schob ihn weiter nach hinten, um sich an ihn zu schmiegen und seufzend die Augen zu schließen. Bei dem Kleinen fühlte er sich wirklich wohl, wie Zuhause.

Jessi erwachte, als sich ein großer, warmer Körper zu ihm unter die Decke legte und der Geruch nach Finn deutlicher wurde. Er blinzelte müde und lächelte dann, als er feststellte, dass es nicht nur ein lebendiger Traum war, sondern wirklich der Kater, der zu ihm gekommen war.

Vorsichtig schob er ihm einen Arm über die Brust und kuschelte sich näher an ihn. Jetzt, wo Finn wieder da war, fühlte er sich besser, und die Probleme, über die er sich so sehr den Kopf zerbrochen hatte, verschwanden ein wenig in den Hintergrund.

"Guten Morgen", flüsterte er. "Ich hoffe, dich stört es nicht, dass ich jetzt schon hier bin."

"Mich stören? Ich bin so froh, dass du hier bist. Ich hab dich vermisst, mein Schatz." Finn küsste Jessis Mund, der sich ihm verführerisch genähert hatte, und strich ihm durch die Haare. "Hältst du es denn aus, wenn ich noch ein wenig schlafe? Ich bin todmüde."

Jessis Lächeln vertiefte sich. Schatz genannt und vermisst zu werden, war ebenfalls eine neue und sehr angenehme Erfahrung. Er legte seinen Kopf auf die Brust des Katers, wo er dessen Herzschlag hören konnte und ihn noch intensiver roch. Finn hatte nicht geduscht, bevor er ins Bett gekommen war, und irgendwie gefiel Jessi das.

"Sicher halte ich es aus", murmelte er und streichelte ihn ein wenig, nur um das Fell unter seiner Hand zu spüren.

Finn streckte sich und zog Jessi noch dichter an sich heran. "Ich weiß, dass du sie nicht magst, aber ich war bei Tarlant, um sie zu fragen, was es mit Hivosh auf sich hat. Leider gibt es nur eine Lösung für dein Problem. Wir müssen jemanden finden, der dir einen Chip einbauen kann, wie ich ihn habe. Dann bist du von dem Zeug unabhängig."

Erschrocken weiteten sich Jessis Augen, und er erstarrte regelrecht, bis er sich erinnerte, dass Finn ihm erzählt hatte, dass Tarlant nicht mehr für LeRoux arbeitete. Trotzdem schlug sein Herz noch viel zu hektisch weiter, während er sich halb aufrichtete und in Finns in der Dämmerung leicht schimmernden Augen sah. "Damit ist das keine Lösung, Kater. Die einzigen, die das machen können, sind LeRoux und die aus dem Herzen. Und ehe die mir etwas einbauen, bringen die mich um. Finn, die suchen mich, das ist dir klar, ja? Ich bin ein Fehlschlag, der nicht leben sollte und ich bin weggelaufen."

"Tarlant würde dich nicht umbringen, sie hat bislang noch jedem zu seinem Platz im Leben verholfen. Sie wusste nicht einmal, dass es dich gibt, Süßer." Finn wusste von Jessis Angst, und er wusste auch, wie berechtigt diese Angst war. "Ich weiß nicht, wie wir eine Lösung finden werden, aber ich bin mir sehr sicher, dass es eine Lösung gibt. Eine andere als fortlaufen, sich verstecken und stehlen. Eine schöne, eine, bei der du glücklich sein kannst." Und das wünschte Finn sich so sehr. /Wenn ich es irgendwie schaffen kann, dann werde ich es schaffen, und wenn ich ihm meinen Chip geben müsste. Chip, woher bekommt man einen Chip?/

"Aber jetzt weiß sie es." Jessis Stimme war leise, während er ihn noch immer unverwandt ansah. Er hatte ein flaues Gefühl im Bauch, während er daran dachte, dass er glücklich war, wenn er bei diesem vermaledeiten Kater sein konnte. /Aber er akzeptiert mich nicht, wie ich bin./ "Doch selbst wenn es eine Möglichkeit gibt, an einen Chip zu kommen, selbst wenn ich jemanden finde, der ihn mir einbaut, dann habe ich immer noch nicht viel mehr Wahl, Kater. Ich kann nicht einfach offen durch die Straßen marschieren oder so. Wenn ich gemeldet bin, um mir einen Job zu suchen, dann finden sie mich. Und weg komme ich auch nicht. Wenn die beim Abflug auf Waffen checken, merken die, dass ich voller Nanotechnologie stecke, und damit bin ich ebenfalls weg vom Fenster."

Er legte sich wieder zu ihm und schmiegte sich an ihn, vergrub sein Gesicht in dem beruhigend warmen und nach Finn riechenden Fell. "Ich habe Angst, verstehst du?", flüsterte er. "Ich will nicht sterben und davor noch als Versuchsobjekt herhalten, was man beim nächsten Mal alles besser machen kann."

Finn umfasste seinen Kopf mit einer Hand und zog ihn enger an sich. "Mein Schatz, das will ich auch nicht. Wirklich nicht. Ich kann verstehen, dass du Angst hast. Wir werden einen Weg finden, das verspreche ich dir." /Ausgesprochener Überlebenswille, Erfindungsreichtum und vor allem übermäßig hohe Intelligenz. Das hat er mir voraus. Er könnte soviel mehr sein. Ich bin zu dumm gemacht dafür. Wieso sieht er das nicht?/

Beschützend legte Finn seine Arme um Jessi und flüsterte ihm nun an das Ohr "Ich weiß, dass du es mir nicht glauben magst, aber es gibt soviel mehr für dich da draußen, in der richtigen Welt. Nicht in dunklen Abwasserrohren, nicht immer auf der Flucht. Das will ich dir zeigen können, Jessi. Ich will dabei aber nicht ständig über Hivosh nachdenken müssen. Übrigens ist es nur eine Salzlösung, wusstest du das? Eigentlich sehr billig herzustellen. Wer auch immer es dir verkauft, ist ein Betrüger!"

Zitternd atmete Jessi ein und wieder aus. "Ich glaube, mein ganzes Leben ist eine einzige Lüge", murmelte er und konzentrierte sich auf den Herzschlag des Katers, auf dessen schützende Umarmung. "Und wenn es nur ein paar Augenblicke dauert, es herzustellen, mit Stoffen, die man an jeder Straßenecke bekommt, ich kenne das Rezept nicht. Aber ich brauche Hivosh, er sitzt am längeren Hebel. Ich dachte, es ist schwer für ihn zu beschaffen. Er könnte auffliegen oder so. Bis gestern dachte ich auch noch, ich könnte keinen Spaß am Sex haben."

Er schwieg für einen Moment. "Die Lügen lösen sich langsam auf, hm?" Wieder hob er den Kopf und sah auf Finn hinab. Er löste eine Hand aus dem weichen Fell, um ihm durch die kurzen Haare zu fahren, ihn sacht hinter den Ohren zu streicheln, ehe er sich zu ihm beugte, um ihn leicht zu küssen. "Bis gestern dachte ich auch, ich könnte nicht lieben. Und ob ich es kann, weiß ich immer noch nicht so genau. Aber das, was ich für dich empfinde, Kater, ist so... heftig, dass zumindest nicht viel fehlen kann."

Finn lächelte und rollte sich auf den Rücken, um Jessi über sich zu ziehen, während er ihn küsste. Er umfasste den Hintern seines Geliebten und streichelte ihm mit der freien Hand über den Rücken und die Haare. Als sie den Kuss unterbrachen, flüsterte er "Ich werde eine Lösung finden, oder du. Es gibt eine. Wir bekommen das Rezept für Hivosh, und wenn ich es aus dem Kerl rausprügeln muss, der sich so an dir bereichert, mein Liebling."

/Die Lügen..., er fühlt für mich, empfindet heftig.../ Finn wurde sich mit einem Mal der Verantwortung und des Vertrauens bewusst, die ihm Jessi überließ. Dankend nahm er beides an, während er den Mund des, wie er beschlossen hatte, ehemaligen Diebes in einem langen Kuss einnahm.

Mit einem leisen Seufzen schmiegte sich Jessi so eng an ihn, wie es nur möglich war, während er den Kuss hingebungsvoll erwiderte und sich in das Gefühl von Liebe und Schutz fallen ließ, das Finn ihm derart freigiebig anbot. Er war glücklich.

 

Dieses Glücksgefühl war auch nach drei Wochen noch nicht von Jessi gewichen. Es verstärkte sich eher noch, obwohl er sich doch eigentlich langsam daran gewöhnen sollte, in Finns Duft gehüllt einzuschlafen, mit ihm am nächsten Morgen aufzuwachen, seine Küsse zu spüren und die Liebe, mit der er ihn umgab.

Doch Finns Berührungen waren jedes Mal wieder neu, etwas ganz Besonderes, seine Koseworte ließen immer wieder sein Herz schneller schlagen, und die liebevolle, manchmal etwas raue Fürsorge, mit der sich der Kater um ihn kümmerte, diese Nähe, die dennoch nicht bedrückend wirkte, schienen eher mehr als weniger zu werden.

Jessi streckte sich von den Zehen bis zu den Fingerspitzen gründlich durch und gähnte. Dann sah er in den Badezimmerspiegel und grinste sich an. Sein Haar war vollkommen zerzaust, während die rötlichen Male, die sein Kater ihm im Eifer des Gefechts verpasst hatte, schon wieder verblassten. Das war auch etwas, von dem sie beide nie genug bekommen konnten. Nur heute hatten sie ziemlich lange gebraucht, so lange, dass Finn anschließend fluchend festgestellt hatte, dass er vermutlich zu spät in die Bar kommen würde, wenn er sich nicht wahnsinnig beeilte.

Jessi drückte ihm innerlich die Daumen und schloss für einen Moment die Augen, um sich in Gedanken noch einmal den Händen auf seinem Körper hinzugeben, der Zunge, den Lippen, noch einmal Finns Geschmack auf der Zunge zu haben... Mit einem Grinsen sah er wieder auf und sich in die roten Augen, die ihm fröhlich entgegen blitzten.

"Ich könnte dich schon wieder genießen, Kater", murmelte er und lachte, einfach, weil er sich so wohl fühlte. Rasch sprang er unter die Dusche und aalte sich in dem Luxus des heißen Wassers, spülte die Spuren ihres Liebesspiels und leider auch Finns Geruch fort. Er war so süchtig danach! Nur wenig später kam er aus dem Bad, nackt, weil er ohnehin allein war und auf niemanden Rücksicht nehmen musste; der kleine Kater und der Priester waren unterwegs, und das große Fächerohr wieder bei Tarlant, wie eigentlich immer. Grinsend stellte er fest, dass er Finns Ausdrücke zu übernehmen begann.

Während er sich anzog, überlegte er, was er den Tag über, bis Finn zurück war, machen sollte. Seit er nicht mehr unterwegs war, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und darum zu kämpfen, genügend Geld für Hivosh zusammen zu bekommen, hatte er überraschend viel Zeit.

Kurz überlegte er, ob er nicht einfach in die Bar nachkommen sollte, einfach um bei Finn zu sein, doch er verwarf den Gedanken wieder. Der Kater musste arbeiten und hatte wenig Zeit für ihn. Zudem war der Barkeeper nicht sonderlich angetan von ihm, und Jessi wollte Finn keine Schwierigkeiten machen. Abholen würde er ihn, wie mittlerweile fast jedes Mal. /Ich bin nicht nur süchtig nach seinem Geruch, ich bin süchtig nach dem ganzen Mann!/

 

Laites war ein wenig ungehalten. Ninári wollte mit der blauen Schwester allein reden. Es drehte sich sehr wahrscheinlich darum, wie man Laites in Nináris Leben in seiner Heimat integrieren konnte, wie die beiden es schaffen konnten, zusammen zu bleiben, ohne dass Nináris Familie oder sein Tempel an Ansehen verlor.

Laites war aus diesem Gespräch ausgeschlossen und wollte eigentlich einkaufen gehen, ein wenig im Park in der Sonne liegen, aber nun war sein Zimmerschlüssel verschollen. Dies gab ihm jedoch endlich die Gelegenheit, Finns Freund zu sehen. Nach Wochen, in denen er ihn nie gesehen, immer nur seinen Geruch wahrgenommen hatte, war Laites so neugierig, dass er seinen Frust und seine Eifersucht der Schwester gegenüber vergaß und das nackte Wesen in der Tür zum Bad anstarrte.

Männlich, kleiner als Nin noch. Wuschelige, nasse Haare umgaben ein rundes Gesicht, aus dem eine frech anmutende Stupsnase hervorsah. Die Augenbrauen gefielen Laites, sie schwangen sich ganz fein, wie gezeichnet in perfekten Bögen über den feuerroten Augen entlang. Der Körper erschien ihm beinahe zu mager, aber er war makellos weiß und ohne jegliche Schramme, was Laites bei einem Zusammensein mit Finn sehr verdächtig vorkam. Er beschloss, dass er den Kerl mochte und sprang auf ihn zu, nachdem er ihm Gelegenheit gegeben hatte, sich anzuziehen. "Hallo! Endlich begegnet man dir einmal! Ich bin Laites."

Erschreckt fuhr Jessi herum, als er die Stimme und damit verbunden ein dumpfes Geräusch hörte, als jemand aus einer der oberen Bettnischen hinab sprang. Er musste feststellen, dass er mit dem Stehlen auch seine Aufmerksamkeit erst einmal auf Eis gelegt zu haben schien, denn der kleine Vanillekater war alles andere als weg, sondern strahlte ihn aus kaffeebraunen Augen fröhlich an. Gegenüber Finn war er schlank und zierlich, er kam Jessi im ersten Moment regelrecht winzig vor, bis ihm auffiel, dass der andere trotzdem noch größer war als er.

"Oh, hi. Ich bin Jessi." Er grinste ein wenig unsicher, wie immer, wenn er ohne den Sicherheit bringenden Mantel und das Tuch jemandem begegnete. Das hatte Finn ihm noch nicht abgewöhnen können, auch wenn er hartnäckig daran arbeitete. "Was machst du denn noch hier? Du bist doch sonst immer mit dem Priester unterwegs."

Laites scharrte unwillig mit einem Fuß, dann murrte er "Nin hat was mit seiner Oberpriesterin zu besprechen. Vermutlich geht es um mich. Mich bei sich zu haben, ist in seiner Heimat nicht erlaubt." Er betrachtete den kleinen Kerl forschend und beschloss, mehr über ihn erfahren zu wollen. "Ich wäre schon längst fort zum Einkaufen, aber kann meinen Schlüssel nicht finden. Wenn du mich wieder reinlässt, dann hole ich uns einen Tee, willst du?"

Unschlüssig betrachtete Jessi ihn, dann zuckte er mit den Schultern und lächelte. Er stellte fest, dass Katzenmenschen seit Finn bei ihm einen Sympathiebonus hatten und dass er den zierlichen Kater mochte. "Sicher. Wenn du magst, können wir nachher auch gemeinsam einkaufen gehen. Ich habe nichts besseres vor heute, und Finn hat mir seine Karte gegeben." Zudem hatte Finn die Karte von Laites, so dass er ein wenig ein schlechtes Gewissen hatte. /He, ich hab schon ganz andere Sachen genommen! Wieso auf einmal das?/

Laites nickte leicht und hob die Schultern. "Das klingt nett. Ich bin eigentlich froh, dass ich einen freien Tag habe. Im Labor und jetzt mit Ninári im Tempel musste ich immer so schrecklich viel lernen, und die Sprache der Kemjasheri'i ist kompliziert." Er hopste auf seine Koje und kramte nach seinen Sachen, dem Geld, das Nin ihm zum Einkaufen überließ, und nach der netteren Shorts.

Jessi band sich währenddessen das Tuch um und stopfte sorgfältig jede fliehende Strähne darunter. Nur kurz überlegte er, ob er den Mantel ebenfalls anziehen sollte, entschied sich aber dagegen. Das zerschlissene Ding war akzeptabel in den Schächten, in der Kanalisation und im dunklen Distrikt, aber er würde damit in den Geschäften des Katerchens eher auffallen als ohne.

"Ich habe dauerfrei im Moment", sagte er und zuckte mit den Schultern. "Ist auch nicht das Wahre."

Laites stöhnte mitfühlend auf. "Ich würde eingehen. Ich bin zwar immer ganz froh, wenn ich mich mal austoben darf, aber ohne den Unterricht, ohne die Musik und meine Arbeit würde ich mich ganz schön langweilen. Suchst du dir gerade eine neue Arbeit, oder hast du Ferien?" Er nahm seine Schultertasche von ihrem Haken in seinem Schrank und baute sich vor der Tür auf. Seine Ohren bewegten sich freudig hin und her. "Auf geht's!"

"Ich suche etwas Neues." Jessi steckte die Karte von der Mantel- in die Hosentasche und folgte Laites nach draußen, um hinter sich abzuschließen und die Alarmanlage einzuschalten, was ihn heimlich grinsen ließ. "Aber ich kann nicht viel, deswegen ist das schwierig."

Laites blinzelte ihn kurz an, dann fragte er naiv "Aber du bist eine Kreation, zu welchem Zweck bist du denn entworfen? Jeder von uns hat doch eine eingepflanzte Aufgabe. Ich mag gar nicht an meine denken."

"Ich bin eine Fehlkonstruktion." Jessi rettete sich in ein schiefes Grinsen, als er daran dachte, was Finn ihm noch alles erzählt hatte. /Ein Soldat, der nicht in der Lage ist zu töten, und eine männliche Hure, die nur mit einem einzigen Wesen kann./ "An der sie versucht haben zu retten, was zu retten ist, und das hat auch nicht hingehauen. Ich habe ganz geschickte Finger, kann mich gut orientieren und so. Aber für Rausschmeißer sehe ich nicht bedrohlich genug aus. Tellerwäscher und Co verdient man kaum was, außerdem ist es tödlich langweilig. Ich kann einigermaßen lesen, aber beim Schreiben hapert es schon. Nun ja, und so ließe sich die Liste weiterführen."

Frustriert kickte er einen Stein beiseite, als sie aus dem Hotel in die Sonne traten. /Ich sollte die Sache mit dem Langweilen beiseite schieben und nehmen, was ich bekommen kann. Es ist ja nicht so, als ob ich Auswahl hätte. Bevor ich mich melde, ziehe ich lieber wieder in die Kanäle zurück./

Laites nahm den Gesichtsausdruck von Jessi wahr und fragte "Aber du bist eine Kreation, oder? Du riechst ein wenig nach Kunst. Wenn du magst, dann kannst du mit mir zum Tempel der Kemjasheri'i kommen. Sie freuen sich über Gäste, und dort kannst du einfach so am Musikunterricht teilnehmen. Ich spiele Flöte, das macht sehr viel Spaß." Er bog leicht hüpfend in einen der Läden ein, in denen er schon mit "Guten Morgen, Laites!" begrüßt wurde, um ein wenig Obst einzukaufen.

Jessi zuckte ein wenig mit den Schultern. Kreation lag nicht ganz falsch, wenn auch auf andere Weise, als Laites das betrachtete. Aber er hatte ihm eigentlich schon viel zu viel verraten. Der Vanillekater hatte etwas erschreckend Vertrauenserweckendes an sich.

"Ich kann kein Instrument spielen. Hatte keine Zeit, das zu lernen. Ich würde da vollkommen rausfallen als totaler Anfänger", wehrte er ab, während er sich in dem hellen, freundlichen Laden umsah, seinen Blick über die bunte Auswahl an Obst und Gemüse in dekorativen Holzkisten gleiten ließ und sich fragte, was davon Finn wohl schmecken würde. "Aber ich kann dich hinbringen, wenn du magst."

"Jeder, der anfängt ein Instrument zu spielen, ist ein Anfänger, Jessi. Aber wenn du mich bringen könntest, würde ich mich freuen."

"Ich konnte aber noch nie etwas in der Art. Ich hab nicht mal den Hauch einer Ahnung." Trotzdem ertappte Jessi sich bei dem Gedanken, dass es ihm möglicherweise gefallen könnte. Nicht gerade Flöte, aber irgendein Saiteninstrument vielleicht. "Wenn du meinst, dass es geht, kann ich es ja mal versuchen." Er lachte. "Und wenn ich es nicht ausprobiere, kann es nie etwas werden." Außerdem gefielen ihm an dem Gedanken noch ein paar Dinge mehr. Er würde sich nicht langweilen, mal nicht frustriert von der Erfolglosigkeit seines Suchens nach einem Job sein und Finn am nächsten Tag etwas erzählen können. Zwar brachte es ihm auch kein Geld, aber für einen Nachmittag war es eine nette Alternative.

Laites brachte zuerst seinen Einkauf zum Hotelzimmer, dann ging er mit Jessi, den er schon nach der kurzen Zeit sehr gern hatte, zum Tempel. Die Wachen erkannten ihn gleich wieder und ließen ihn ohne weitere Fragen in den inneren Garten des Tempelgeländes. Fröhlich und ein wenig stolz zeigte Laites Jessi einige der Blumenarten, erklärte die Wandbilder und Mosaike und lockte mit einigen Rufen auch noch die weißen Katzen für seinen neugewonnenen Freund an.

Er war an einer der Lauben mit Ninári verabredet und warf sich dort faul in die Sonne, um auf seinen Geliebten zu warten. Der Tag ohne ihn war Laites merkwürdig erschienen. Durch Jessi hatte er es nicht so sehr gemerkt, aber ohne Nin zu sein, kam ihm schon falsch vor, leer, als würde etwas an ihm fehlen. Sonst waren sie fast permanent zusammen gewesen, daran mochte es liegen.

Während Laites Jessi von den Klavier und Flötenstunden erzählte und von der Bibliothek der Kemjasheri'i, sah er sich doch fortwährend nach Ninári um und sprang ihm begeistert winkend entgegen, als er ihn entdeckte. Überschwänglich umarmte Laites seinen Geliebten und küsste ihn, ohne sich um Umstehende oder um Jessi zu kümmern.

Ninári erwiderte die Umarmung und den Kuss ebenso intensiv. Er hatte es aufgegeben, sich im Tempel zu verstecken und zu verstellen. Er liebte Laites, jeder konnte es ohnehin sehen, zudem störte es wirklich niemanden. Sie alle betrachteten es als ein Geschenk, dass er so tiefe Liebe gefunden hatte, so wie sie jede Liebe als Geschenk betrachteten. Er lächelte, als sie sich wieder von einander lösten und er seinen Schatz ansah. "Ich habe dich vermisst, Ta'ari. Der Tag war lang ohne dich."

Laites schmuste sich einmal rasch unter sein langes Haar und küsste seinen Nacken. "Mein Tag war auch sehr lang ohne dich, Nin. Und das, obwohl ich Finns Freund aufgesammelt habe im Zimmer. Ich hab ihn mitgebracht."

Ninári lachte leise an Laites' Schulter. "Ah, der geheimnisvolle Unbekannte bekommt ein Gesicht. Na, dann will ich mal nicht unhöflich sein." Rasch knabberte er seinem Geliebten noch einmal am Hals, als könnte der Geschmack das Vermissen auslöschen, dann löste er sich soweit von ihm, dass er nur noch einen Arm um ihn geschlungen hielt. Neugierig musterte er den zierlichen jungen Mann, dessen Haut in der Sonne weiß schimmerte und der seinen flüchtigen Blick aus roten Augen erwiderte. "Hallo. Schön dich endlich kennen zu lernen, nachdem Finn so ein Geheimnis um dich gemacht hat. Ich bin Ninári."

"Ich bin Jessi." Unwillkürlich musste Jessi lächeln. Selbst vor seinen Zimmergenossen hatte Finn ihn beschützt, obwohl er sich recht sicher war, dass sie ihn nicht verraten würden. Zumindest so lange nicht, bis sie heraus fanden, dass er sie hatte bestehlen wollen. "Laites hat gesagt, man könnte hier lernen, Musik zu machen."

Ninári nickte und drückte seinen Schatz kurz fester an sich. "Ja, das ist richtig. Der Tempel bietet Musikunterricht der unterschiedlichsten Art an, jedoch fast ausschließlich für Kemjasheri'i-Instrumente. Hast du daran Interesse? Spielst du ein Instrument?"

Jessi schüttelte den Kopf und sah zu Laites hin.

Laites hob die Schultern leicht und grinste Ninári fröhlich an. "Er ist ein Anfänger, Nin. Er bezeichnet sich als nur ein Anfänger, weil er nicht weiß, wie begeistert die Musiklehrer hier sein werden, wenn sie endlich einmal wieder einen Anfänger sehen können. Darf ich ihn meiner Lehrerin vorstellen?"

Ninári nickte lachend. "Natürlich. Sie wird sich freuen." Rasch küsste er seinen Liebling noch einmal. "Jetzt, wo ich zwischendurch einen Blick auf dich werfen und dich im Arm halten durfte, werde ich es die nächsten zwei Stunden ohne dich auch noch überleben", neckte er ihn. "Zeig ihm ruhig alles. Ich hole dich nach deiner Übungsstunde ab und werde ich dich zum Essen in ein Restaurant deiner Wahl entführen, Ta'ari."

Laites maunzte leise, dann sprang er einmal in die Luft und verlangte "Fisch, definitiv Fisch, Nin!" Seine Augen glänzten, und mit freudigen kleinen Hüpfern zog er Jessi mit sich zu dem kleinen zwiebelförmigen Tempelchen, in dem die Musiklehrerin sie bereits erwartete.

Jessi fühlte sich ein wenig überrumpelt, als Laites ihn an der Hand nahm und ihn begeistert mit sich zog, doch die Fröhlichkeit und der Enthusiasmus des kleinen Katers waren ansteckend. Jessi ertappte sich dabei, dass es ihm Spaß machte, sich von ihm alles zeigen zu lassen, die verschiedensten Wunder des Tempels von innen zu sehen und nicht nur ein paar Abwasserschächte, die eine willkommene Abkürzung zu diversen für ihn wichtigen Punkten boten.

Vor der Musikstunde an sich fürchtete er sich ein wenig, doch Laites ließ ihm auch hier keine rechte Zeit, um zu denken. Er stellte ihn vor, und binnen kürzester Zeit schien ihn die ganze Gruppe angenommen zu haben. Eine junge Frau mit grünem Haar, die mindestens ebenso begeisterungsfähig war wie Laites, nahm sich seiner an, um ihm ein Zupfinstrument zu erklären, das so groß war, dass es einen ganzen Tisch einnahm.

Sie erklärte ihm so viel dazu, dass er sich nicht alles merken konnte, doch am Ende der Stunde war er in der Lage, ein einfaches Kinderlied aus ihrer Kultur darauf zu spielen. Er war wirklich stolz, als sie ihn lobte, und ertappte sich dabei, dass er gerne ein Leben wie Laites führen würde, zumindest des Teils, den er davon kennen gelernt hatte. Mit dem Mann zusammen, den er liebte und nur das tun, was ihm Spaß machte.

Innerlich zuckte er mit den Schultern. /Ist bestimmt auch nicht alles so rosig, wie es aussieht. Ist es nie./ Er bedankte sich ehrlich bei der jungen Frau, versprach ihr, dass er versuchen würde wiederzukommen, freute sich noch mehr, als sie ihm versicherte, dass er begabt sei, und wartete dann auf Laites, der noch ein wenig länger brauchte, weil er auf einem Notenblatt noch etwas notiert bekam.

Durch ein Fenster konnte er Ninári bereits warten sehen und seufzte leise. /Schade, ich wäre gerne noch ein wenig mit Laites zusammengewesen./ Doch dass er jetzt nach einem langen Tag vermutlich seinen Geliebten vermisste, konnte er gut verstehen. Er grinste, als der Kater mit einer Notenmappe unter dem Arm auf ihn zugesprungen kam. "Dein Schatz wartet auf dich. Ich werde dann mal zurück gehen. Danke für den schönen Tag, Lai. Hat mir wirklich Spaß gemacht."

Laites blinzelte einmal gegen die sinkende Sonne an und winkte Ninári zu, dann drehte er sich zu Jessi um und schlug vor "Komm doch morgen wieder mit. Ich hab morgen Unterricht im Schreiben und Lesen von Nináris Sprache, damit ich bei ihm daheim zurechtkomme."

Ein Lächeln huschte über Jessis Gesicht. "Meinst du, dass das geht? Dann sehr gerne. Danke. Also bis morgen dann!" Anstatt den Vanillekater zu umarmen, wie er es gerne getan hätte, hob er die Hand zu einem kurzen Gruß und wandte sich ab, um sich auf den Weg nach Hause zu machen.

In einer Seitenstraße sah er sich hastig um, stellte fest, dass er allein war und nahm dann den kürzeren und sichereren Weg durch die Kanalisation. Doch statt zum Hotel zurückzukehren, schlugen seine Beine fast automatisch den Weg zu Finns Bar ein. Der Kater wäre ohnehin noch lange nicht zurück, aber bald musste er Pause haben, wenn sich Jessi nicht verrechnet hatte. Und vielleicht hätte er Zeit, sich von ihm vom Tempel erzählen zu lassen.


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig