Kemjalas Plan

26.

Ninári drehte die Musik ein wenig lauter, ehe er sich erneut an die Wand seiner Bettnische zurücklehnte und auf den Block hinabsah, der auf seinen in den Schneidersitz gezogenen Beinen lag. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er die erste männliche Botin der Geschichte der Kemjasheri'i betrachtete. Die erste männliche und mit Sicherheit auch die erste mit Katzenohren und einem Schwanz.

Mit raschen Strichen fügte er noch ein paar Federn zu den weit ausgebreiteten Flügel hinzu, riss lose das Muster des Lendenschurzes an. Wenn sie wieder zu Hause waren, würde er das Bild malen, allein für Laites. Er hoffte nur, dass er dessen freudig begeisterten Gesichtsausdruck genauso gut hinbekam wie in der Skizze.

Als die Tür mit ihrem leisen Zischen aufglitt, schlug er hastig das Deckblatt zu. Egal, ob es Laites oder Dai'thi waren, sie sollten es beide nicht sehen. Für Laites würde es eine Überraschung werden, und bei Dai war er sich nicht sicher, wie sein Bruder so etwas aufnehmen würde. Ninári war dankbar dafür, dass er ihn nach wie vor liebte, nach wie vor zu ihm stand und auch Laites vollkommen akzeptierte. Man musste seine Toleranz nicht unnötig strapazieren.

Als Dai'thi das Zimmer betrat und seine Tasche auf das untere Bett warf, musste Ninári beim Anblick des müden, aber zufriedenen Gesichts grinsen. Unauffällig legte er den Block beiseite und beugte sich vor, während er gleichzeitig die Musik wieder leiser drehte. "Guten Morgen. Wieder die ganze Nacht bei deiner Ta'ari gewesen? Ich hoffe, sie ist nicht zu erschöpft zum Arbeiten. Die meisten Frauen haben dich immer als sehr ausdauernd gelobt."

Dai'thi lachte auf und fuhr sich mit den Händen durch sein Haar, das mittlerweile wieder seine gewohnte Länge hatte und noch leuchtender in all den Goldtönen schien als jemals zuvor. Vielleicht war es aber auch nur so lange her, dass er ihn so glücklich gesehen hatte, dass ihn seine Erinnerung trog.

Dai'thi stützte sich mit den Armen zu ihm aufs Bett, legte das Kinn auf die Hände und sah zu ihm hoch. "Ob du es glaubst oder nicht, Nin, wir haben das Geschenk noch nicht einmal geteilt."

"Sicher. Du wohnst schon mehr bei ihr als hier, bist kaum noch eine Nacht fern von ihr und erzählst mir so was." Ninári grinste und zog ihn verspielt scheltend am Ohr. "Du sollst keine Priester anlügen!"

Dai'thi seufzte, während das Lächeln langsam aus seinem Gesicht verschwand. "Nein, ich meine es ernst. So eigenartig es klingen mag." Mit einem Mal frustriert stieß er sich vom Bett ab und begann, seine Tasche auszupacken.

Nináris Augen weiteten sich überrascht. Alles hätte er geglaubt, aber das kam unerwartet. Rasch räumte er den Block komplett weg, während Dai in der Tiefe seines Schrankes verschwunden war. "Aber wieso? Ihr seid doch fast jede freie Minute zusammen. Ich dachte, sie liebt dich auch. Hat sie Angst? Hält sie es für unziemlich?"

"Nein... ich..." Dai'thi schloss die Tür, nachdem er frische Wäsche herausgeholt hatte, und lehnte sich dagegen, um zu seinem Bruder hochzusehen. Seine Augen waren dunkler geworden, Ninári konnte sehen, wie nervenzehrend er die Situation finden musste.

"Nin, ich liebe sie. Ich begehre sie! Das ist doch nur natürlich. Wer sollte eine Frau wie sie nicht begehren! Aber sie... sie ist so scheu. Sie sorgt sich, dass ich sie nicht mehr will, wegen dieser dummen Narben. Und es hilft nichts, dass ich ihr versichere, dass sie mich nicht stören. Ich habe ihr versprochen, dass ich ihr Zeit gebe, bis sie mir genug vertraut." Er grinste schief. "Da wusste ich aber noch nicht, dass es so lange dauern würde. Und zudem wusste ich nicht, wie sehr ich sie will und wie schwer es sein würde, neben ihr zu liegen, sie im Arm zu halten, sie zu küssen, mit ihr zu flüstern... und ansonsten nichts zu tun."

Nachdenklich erwiderte Ninári seinen Blick. Wenn er sich vorstellte, dass Laites nicht wollen würde, dass er ihn anfasste, ihn berührte, küsste und noch ganz andere Dinge mit ihm tat, konnte er seinen Bruder nur zu gut verstehen. "Ich glaube, du bist rücksichtsvoller, als es auch für sie gut ist. Überzeuge sie, umschmeichle sie, werbe um sie. Im Tempel warst du begehrt, wenn es darum ging, das Geschenk der Göttin zu teilen. Du kannst es doch. Lass dich nicht abweisen, nur weil sie dir nicht sofort die Kleider vom Leib reißt."

"Werd nicht frech!" Lachend warf Dai'thi ein Paar frischgewaschener Socken nach ihm, dem Ninári jedoch geschickt auswich. "Es ist ja nicht so, dass ich mich nicht bemühen würde. Immer, wenn ich versuche, ein wenig intimer zu werden, hält sie mich auf. Mit Blicken, mit kleinen, unsicheren Gesten... Ich wünschte, ich wüsste, was ich tun kann. Wir sind keinen Schritt weiter als am ersten Tag, an dem wir uns wirklich geküsst haben."

"Frag sie doch das nächste Mal einfach, warum sie nicht will. Vielleicht ist es nur der falsche Augenblick? Oder du tust etwas, das dir normal erscheint, sie aber fürchterlich findet? Ich kenne mich mit Menschen nicht aus, Dai. Aber wenn ihr nicht redet, kommt ihr wohl nicht weiter."

"Ich will sie nicht drängen", murmelte Dai'thi und fing seine Socken wieder auf, die Ninári ihm zurückwarf. "Aber vielleicht hast du recht. Ich werde es versuchen. Schaden kann es eigentlich nicht. Danke." Er lächelte und verschwand im Bad, gleich darauf hörte Ninári das Rauschen der Dusche. Sehnsüchtig warf er einen Blick zur Flurtür, ärgerte sich, dass er Laites nicht zum Einkaufen begleitete hatte und sehnte sich danach, dass sein Geliebter zurückkommen möge.

 

Tarlant kam von der Arbeit zurück und schloss müde ihre Zimmertür auf, um bereits am Stiefelausziehen in die blaue Dämmerung hineinzustolpern. Auf dem Tisch stand eine Kristallschale, in der einige leicht leuchtende Seerosen schimmerten.

Der Anblick erinnerte sie an die vergangene Nacht, und sie musste lächeln. Endlich hatte sie einen freien Tag, Dai'thi würde zum Frühstücken in einigen Stunden vorbeikommen. Sie strich zart über eine der Blüten, dann stockte sie in der Bewegung und ließ sich seufzend auf der Couch nieder.

Sein Streicheln in der letzten Nacht, als sie zusammen gewesen waren, kam ihr in die Erinnerung zurück. Stetig, sanft und zurückhaltend wie immer. Er streichelte nur über ihre Schultern, ihren Hals und den Rücken. Er war so verdammt gut erzogen, dass sie ihn nie auch nur im Ansatz hätte zurückweisen müssen.

/Ich muss es ihm sagen, er hat zumindest die Wahrheit verdient. Aber... ich liebe ihn zu sehr, um ihn zu verletzen! Verdammt!/ Und dass es ihn verletzen würde, war Tarlant leider sehr klar.

In Gedanken versunken nahm sie eine der Blüten aus der Schale und begann, die schlanken Blütenblätter abzuzupfen und in die Wasserschale trudeln zu lassen. /Ich sage es ihm, ich sage es lieber nicht, ich rede, ich schweige, ich verrate es, ich verschweige es, ich bin ehrlich, ich bin rücksichtsvoll, ich.../ Mit glasigen Augen und nicht wirklich darauf achtend ließ sie alle Blättchen in das Wasser fallen, bis sie ein letztes übrig hatte. Müde und doch erleichtert starrte Tarlant die kahle Blüte an, bevor sie den Stängel auf den Tisch fallen ließ, um duschen zu gehen.

Sie hatte sich offensichtlich in der Zeit vertan, oder Dai'thi war zu früh dran, denn Tarlant war noch im Bademantel, noch nicht geschminkt, mit noch immer nassen Haaren, und sie fand sich auf der Couch sitzend und die Blütenschale erneut anstarrend wieder, als sein Klopfen sie aus dem Tagtraum riss. Tarlant zuckte zusammen und raffte den dicken Bademantel höher an ihren Hals heran. Mit mühsamen und ihr schwerfallenden Bewegungen ging sie die Tür öffnen.

"Hallo, mein Liebling." Dai'thi lächelte sie an, umarmte sie und gab ihr einen sanften Kuss, ehe er sie ein wenig in das Zimmer zurückdrängte, damit die Tür hinter ihnen zugleiten konnte. "Verzeih mir, ich bin zu früh; ich habe dich zu sehr vermisst." Eigentlich wollte er sie noch einmal küssen, doch dann sah er sie erneut an und fühlte, dass Sorge in ihm hoch kam. "Ist etwas passiert? Du bist so blass."

Tarlant trat zurück, ließ ihn ein und lehnte sich, beide Hände gegen die kühle Fläche gepresst, gegen die Tür. Sie holte tief Luft, atmete dann doch aus und holte noch einmal Luft. Endlich stieß sie hervor "Ich muss dir etwas sehr Wichtiges sagen." Ihre Stimme klang flach und mutlos, genau wie ihr gerade auch war.

Vorsichtig nahm sie seine Hände und zog ihn zur Couch. "Ich denke, dass es besser ist, wenn du dich hinsetzt, Dai'thi."

Zutiefst besorgt sah er sie an und ließ zu, dass sie ihn in die weichen Polster drückte. Doch ihre Hände ließ er nicht los, merkte erschrocken, wie kalt und feucht sie waren. /Oh Herrin, was ist mit ihr? Lass es nichts Schlimmes sein! Vielleicht ist sie unheilbar krank? Das kann nicht sein, nicht mit dem Chip!/ Aufmunternd drückte er ihre Finger und sah zu ihr empor. "Was ist, Ta'ari?"

Tarlant tat es weh, wenn er so redete, weil sie nun, durch ihre Worte, alles zerstören würde. Sie trat leicht zitternd einen Schritt zurück und begann mit Blick auf die Blüten "Ich habe es von Anfang an sagen wollen, Dai'thi. Aber zuerst warst du krank gewesen, hast dich nicht gut gefühlt, und ich hab nicht gewagt, dies zu verschlimmern und dann..." Nachdenklich nahm sie die kahle Blüte erneut vom Tisch auf und drehte das einzelne, letzte Blatt vor ihrem Gesicht hin und her. "Ich hab mich verliebt, und dabei hätte ich das Gefühl nicht mehr für möglich gehalten. In mir hat niemand zuvor eine begehrenswerte Person gesehen, und ich habe das Herzklopfen und dieses Glücksgefühl in mir viel zu sehr genossen und gebraucht, um alles gleich zerstören zu können."

Sie hob den Kopf und sah ihn an. "Ich weiß, das war selbstsüchtig von mir, aber immer wieder hatte ich das Gefühl, dass es dir auch gut tut, wenn wir zusammen sind. Doch jetzt ist das anders geworden. Ich weiß, dass es nicht ewig so weitergehen kann. Ich wollte immer ehrlich sein, und das werde ich nun auch. Vielleicht ein wenig zu spät, aber ich hoffe, dass du mir das nachsehen wirst. Irgendwann... vielleicht, falls du dann noch an mich zurückdenkst."

Sie spürte Tränen aufsteigen und ließ die Blüte erneut fallen, riss sich zusammen, dann flüsterte sie "Ich bin keine Frau, Dai'thi. Leider, auch wenn ich mich so fühle, so denke, und auch wenn es so erscheint. Ich bin keine Frau, war ich nie, werde ich nie sein können."

Dai'thi blinzelte, während er versuchte, ihre Worte zu verstehen. Sie konnte das unmöglich so meinen, wie sie das sagte. Das lag außerhalb jeden Zweifels. Trotzdem spürte er, wie sich sein Herz zusammenkrampfte, als er andere Alternativen in Betracht zog. Ein eisiges Stechen begann in seinem Magen und wurde immer schlimmer.

"Ta'ari..." Er schluckte, setzte erneut an, während er verzweifelt in ihren Augen nach etwas suchte, das ihn beruhigen würde, nach ihrer Nähe, ihrer Liebe. "Hör auf, so etwas zu sagen. Das ist kein Scherz."

Abrupt stand er auf, um die wenigen Schritte zu ihr zu überbrücken und ihr die Hände sanft auf die Schultern zu legen. "Was ist wirklich los, Tarlant? Habe ich etwas getan, dass dich beleidigt hat? Ist etwas vorgefallen? Hast du jemand anderen kennen gelernt?" Er wusste, dass es keine der aufgezählten Dinge war, doch er konnte unmöglich glauben, was sie sagte. Er wollte es nicht.

Tarlant schüttelte den Kopf und wich noch einen Schritt zurück. "Ich weiß, dass es schwer zu glauben ist. Wenn ich es ändern könnte, ich... würde alles tun, aber es geht nicht. Ich liebe dich, du bist perfekt, du bist wundervoll, und gerade deswegen konnte ich es dir so lange Zeit nicht sagen. Du hast mir eben auch das Gefühl gegeben, dass ich jemandem perfekt sein kann, Dai'thi. Aber ich kann es nicht für dich sein, nicht mehr, nicht mehr, ohne zu lügen."

Sie wich noch einen Schritt zurück und stieß gegen das Bett. Kraftlos ließ sie sich auf die Liegefläche sinken. "Es tut mir so leid, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, dann würde ich es tun."

"Tarlant!" Es klang wie ein Hilfeschrei, und so fühlte Dai'thi sich auch. Seine Welt schien Risse zu bekommen und in Trümmer zu fallen, und er wollte sie zusammenhalten, um jeden Preis. Er wollte die Frau, die er liebte, nicht verlieren. Die einzige Frau, die er jemals so geliebt hatte. "Hör auf damit! Ich will die Zeit nicht zurückdrehen. Ich will keinen einzigen Moment mit dir vermissen!"

Er kämpfte die Angst, die Panik nieder und versuchte, wieder ruhiger zu werden, klar zu denken. Sie saß blass auf ihrem Bett, auf dem sie gelegen und sich geküsst hatten, auf dem er sie im Arm hatte halten dürfen, und sie sah kein bisschen weniger aus wie eine Frau als die ganze Zeit davor. Daran änderte auch nicht, dass sie ungeschminkt und im Bademantel war. Er fand sie nicht weniger schön, nicht weniger begehrenswert. /Herrin, das kann einfach nicht sein, das kann nicht sein. Unmöglich!/ Er wiederholte den Gedanken wie eine Litanei, an die er sich klammerte. "Du bist kein Mann. Du bist so sehr Frau, so sehr Frau..."

Tarlant liefen bereits die Tränen der eigentlich doch erwarteten Enttäuschung über das Gesicht. "Im Geiste und in meinen Träumen bin ich es auch", flüsterte sie. Langsam ließ sie sich nach hinten sinken, auf die kühle Tagesdecke. Dann zog sie mit bebenden, ungeschickten Fingern an dem Knoten, der ihren Bademantel verschloss. "Ich würde die Zeit nicht zurückdrehen, weil ich sie vergessen will, sondern weil ich dich nun nicht verletzen müsste, Dai'thi." Noch nie hatte Tarlant es sich so sehr gewünscht, Ta'ari sagen zu dürfen, aber das würde sie mit Sicherheit nie wieder. Hier musste alles enden.

"Ich zeige es dir, damit du glaubst, damit du weißt, dass ich dicht nicht verletzen will, auch wenn ich es tue." Sie lachte ein wenig auf, kam sich hysterisch vor. "Ich zeige es dir, sobald ich den verdammten Knoten aufbekommen habe."

/Sie weint! Oh Herrin, ich habe sie zum Weinen gebracht./ Dai'thi sah in ihr tränennasses Gesicht, dann war er bei ihr, setzte sich zu ihr und legte eine warme Hand auf ihre kühlen, zitternden, die so nervös an dem Knoten zerrten, hielt sie auf, hielt sie fest. Ganz sacht wischte er ihr die Tränen ab, während er ihr in die schönen, grauen Augen sah. Er wollte den Moment so halten wie ihre Hände, wollte ihn festhalten, nicht loslassen, um nicht zu wissen, was dahinter lag, um sie nicht zu verlieren.

/Ich liebe dich/, dachte er und fühlte sich, als wollte es ihm das Herz zerreißen. Neue Tränen bahnten sich ihre glitzernden Spuren über Tarlants blasse Wangen, und er konnte sie nicht aufhalten, so sehr er es auch versuchte. Sanft löste er ihre verkrampften Finger von dem Gürtel, ließ sie behutsam los und öffnete den Knoten. Er spürte das trockene Frottee unter seinen Händen und schob es langsam beiseite, ohne den Blick von ihrem zarten Gesicht zu nehmen. So schön und so voller Angst, die er ihr nehmen wollte; doch es war unmöglich. Der raue Stoff wich warmer, weicher Haut. Dai'thi zögerte einen schmerzhaften Herzschlag lang, dann senkte er den Blick auf ihren Körper.

Reglos starrte er sie an, starrte auf ihren flachen Bauches, auf dem sich drei Narben blass als weiße, zarte Linien abhoben, eher die perfekte Schönheit unterstreichend, als sie zu zerstören. Sie leiteten seinen Blick weiter zu ihrer Brust, die flach und glatt war, vollkommen unbehaart, die Ebenmäßigkeit der Farbe einzig unterbrochen von den dunkleren Erhebungen der Brustwarzen. Zarte Schlüsselbeine unter ihrem langen, schlanken Hals erweckten ein Bild von Zerbrechlichkeit, das ihre schmalen Statur noch unterstrich. Langsam nur wanderte sein Blick zu ihrem Schoß, wo in dem Bett ihrer schönen, glatten Schenkel der endgültige Beweis ruhte.

Dai'thi fühlte sich fern seiner selbst, als er sie behutsam wieder bedeckte. /Ein Mann... sie ist... ein Mann. Herrin, wie kannst du nur so grausam sein?/ Der Schmerz der Enttäuschung raubte ihm fast die Luft zum Atmen. Wieder ein Mann; ganz gleich, wie sehr er sich bemühte, es schien sein Schicksal zu sein, nur für Männer zu fühlen. Und sie... sie hatte ihn damit belogen.

Tarlant war sich einer Berührung und eines Blickes noch nie zuvor so bewusst gewesen wie in dem Moment, in dem seine Fingerspitzen ihren Bauch berührten, als er den Bademantel zur Seite aufschob. Es tat viel mehr weh, als sie gedacht hätte und das, obwohl sie sich doch gut darauf vorbereitet hatte. Sie hatte es sich so oft vorgebetet, dass sie eigentlich hätte wissen müssen, dass er sich abwenden würde, dass er enttäuscht sein würde; seine Liebe würde zerbröseln, zu Vorwürfen vielleicht, vermutlich aber nur zu Schweigen und Verschwinden.

/Ich habe die schönste Zeit meines Lebens gehabt mit ihm. Ich sollte dankbar sein, glücklich. Nicht vielen ist es vergönnt, jemanden so sehr lieben zu dürfen, wie ich ihn geliebt habe. Geliebt und begehrt. Er hat mich auch begehrt, ich hab es gespürt, diese Spannung in ihm, wenn er mich gestreichelt hat. Und nun? Nun wird er sich fragen, woher diese Gefühle jemals haben kommen können./

Verspätet erst zog sie den schützenden Stoff dichter über ihren Körper und rollte sich ein, zu einer schützenden Kugel, umfing ihre Knie mit den Armen und verbarg ihr Gesicht. Sie blieb stumm, genau wie er, Worte würden nichts ändern können.

Jetzt, wo der Morgenmantel sie wieder vollständig verbarg, war sie wieder Frau. Eine Frau, die Dai'thi so sehr liebte, dass er den Bund mit ihr hatte schließen, dass er sie nie hatte verlieren wollen. Und sie weinte, weinte vor Schmerz und Enttäuschung, und er wollte sie an sich ziehen, wollte ihre Tränen wegküssen und wusste doch, dass ihr Körper der eines Mannes war, obwohl er sie nach wie vor nicht so sehen konnte.

/Wieso bist du so grausam, Herrin? Warum tust du so etwas?/ Die Wut, die er mit einem Mal empfand, galt nicht Tarlant. Seine Gefühle für sie waren wie in Nebel gehüllt, als ob er sie nicht zu dicht an sich heranlassen wollte. Sein Zorn galt allein der Göttin, ihrer Grausamkeit und ihrer Unbarmherzigkeit. Niemals hatte er sich so gefühlt wie jetzt, betrogen und im Stich gelassen. /Betrogen. Sie hat mich betrogen./ Sein Blick fiel zurück auf Tarlant, die zusammengerollt auf dem Bett lag, klein und schutzlos wie ein Kind. /Hat sie es nicht auch? Sie hat... mir erst jetzt gesagt, wer oder eher was sie ist./

"Tarlant..." Er erkannte seine Stimme kaum wieder, rau und gepresst wie sie war. Seine Hand zitterte, als er sie hob, um sie Tarlant auf die Schulter zu legen, doch dann hielt er mitten in der Bewegung inne. Er konnte es nicht, konnte sie nicht mehr berühren. "Ich... muss nachdenken. Ich kann nicht..." Er brach ab, ihm fehlten die Worte.

Tarlant stockte der Atem. /Wie kann er nur...?/ Sie hob den Kopf, um ihn anzusehen. "Ich frage mich... frage mich so sehr, wie jemand so gut sein kann? Wie?" Er nahm Rücksicht auf sie, die ihn betrogen hatte! Er wollte darüber nachdenken, schrie nicht, schlug nicht um sich, rannte nicht davon, noch nicht jedenfalls. "Mir sollte es leid tun. Ich bin diejenige, die Verwirrung stiftet." Tarlant wagte es nicht, ihn länger anzusehen, aber sie war sich sicher, dass seine Augen fast schwarz sein mussten, dunkler als jemals zuvor.

Als Dai'thi aufstand, spürte er Schwäche in seinen Gliedern, doch sie war nicht so schlimm, wie sie es so oft gewesen war; es war der Schock, kein Anfall. "Ich höre dadurch nicht auf, für dich zu fühlen." Ganz und gar nicht, sonst würde es nicht so schmerzen. "Aber ich brauche Zeit... um nachzudenken."

"Natürlich. Ich verstehe dich nur zu gut." Tarlant wunderte sich sehr, dass er es überhaupt entschuldigte, dass er überhaupt Zeit wollte, sie verstand nicht so richtig, warum. Aber in ihrem Kopf sah sie ihn schon zum allerletzten Mal aus der Tür gehen. "Wenn du deine Antwort gefunden hast, Dai'thi, lass sie mich bitte wissen."

"Ja." Dai'thi nickte, auch wenn sie es nicht sehen konnte, und wandte sich ab. Die Schritte zur Tür fielen ihm schwer; als diese leise aufglitt, blieb er noch einmal stehen und schaute zu Tarlant zurück, doch sie hatte sich nicht bewegt, nichts hatte sich verändert. Langsam schloss sich die Tür wieder und raubte ihm die Sicht. Es tat körperlich weh. Dai'thi drehte sich um und ging, immer schneller werdend, bis er schließlich rannte, die Blicke ignorierend, die ihm befremdet hinterher sahen, alles ignorierend außer dem brennenden Wunsch, die Zeit zurückdrehen zu können, um einfach nur wieder bei der Frau sein zu können, die er liebte. Und die es nicht mehr gab.


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig