Kemjalas Plan

27.

Finn hatte die Zeit mitgerechnet und wusste, dass Jessi nun bald, sehr bald, wieder zum Herzen musste. Sein kleiner Dieb hatte die letzten Tage vermehrt mit Laites und Ninári verbracht, hatte begonnen, Schreiben zu lernen und ein Musikinstrument zu spielen.

Die Lehrerin war offensichtlich voll des Lobes, und Finn freute sich, dass Jessi nun endlich einmal Anerkennung erfuhr, die ihm sonst mit Sicherheit noch nie zuteil geworden war. Zudem freute er sich über dessen ehrliche Ader. Zwei Male gestand er Finn, dass er den Wunsch gehabt hatte, zu stehlen, regelrecht das Bedürfnis zu probieren, ob er es noch konnte. Beide Male hatte er dieses Verlangen niedergekämpft und es hinterher mit Finn besprochen.

Endlich hatte Finn von seinen Informanten die gewünschten Informationen über das Innere des Herzens erlangt und zudem noch einen Plan der Räumlichkeiten und der Wachen. Er kehrte nach seiner letzten Schicht vor einigen freien Tagen zu seinem Geliebten zurück und kuschelte sich zunächst nach einer Dusche nur an dessen Körper, wartete, bis er wacher wurde, um ihm dann leise ins Ohr zu flüstern "Morgen, Jessi. Einverstanden?"

Jessi gähnte, vergrub das Gesicht an Finns Schulter und genoss die Nähe des großen Katers. "Du hast geduscht", murmelte er. "Du bist noch ein bisschen feucht hier." Dann streckte er sich ein wenig, ohne sich allerdings von Finn zu entfernen und hob den Kopf, um ihn anzusehen. "Morgen zum Herzen? Morgen ist okay. Sonst hätte ich mich bald wieder für ein paar Tage verabschieden müssen."

"Das kannste gleich vergessen. Ich lass dich nicht mehr gehen, Püppchen." Grinsend brachte Finn sich vor der fälligen Abreibung für diesen Ausdruck in Sicherheit und schaffte es recht leicht, die Rangelei in ein ganz anderes Spiel umzuwandeln.

Am anderen Tag zog er seine Weste mit den vielen Taschen an, brachte ein Messer, einige Strickenden und einen Kompass darin unter. Dann gab er Jessi noch ein wenig Proviant, stopfte sich den Rest in seine Hosentaschen und seufzte endlich. Sie standen noch im Hotelzimmer vor dem Bett, und seine Spannung nahm stetig zu. "Ich weiß nicht, wie diese Sache ausgehen wird, Jessi. Aber ich will, dass du immer und zu jeder Zeit nur an dich denkst. Wenn ich mal zurückfalle, wenn ich zu langsam oder zu groß bin, lass mich zurück, vergiss mich; ich finde dich wieder, und ich sterbe nicht so schnell. Ist das klar?!"

Jessi imitierte seinen finsteren Blick, indem er die Augen zu schmalen Schlitzen zusammenkniff. "Vergiss es", sagte er entschlossen. "Ich sterbe auch nicht so schnell. Und wenn du zu groß bist, dann suchen wir einen anderen Weg." Er wusste bereits jetzt die eine oder andere Stelle, an der die Größe zu einem Problem werden konnte, doch er hatte sich schon Ersatzstrecken für den Fall der Fälle zurecht gelegt. "Du kannst nicht erwarten, dass ich dich dort sitzen lasse."

Finn starrt Jessi noch einen Augenblick lang an, dann gab er auf und lachte leise. "Ich... liebe dich, du dummer Dieb!" Er zog ihn mit einer schnellen Bewegung an sich und flüsterte ihm ins Ohr "Viel zu sehr."

Jessi lächelte, als er das vertraute Kribbeln in seinem Magen spürte. Rasch küsste er Finn auf den Mundwinkel, ehe er zufrieden sagte "Tja, wenn ich schon nichts anderes mehr stehlen darf, dann halte ich mich eben an dein Herz. Und wie es aussieht, habe ich da durchaus Erfolg."

Er lachte, wand sich aus Finns Arm und schob seine Hand in die des Katers, um diesen dann mit zur Tür und auf den Flur hinaus zu ziehen. Dort entfernte er nach einem sichernden Blick in die Runde und einem angestrengten Lauschen mit routinierten Griffen das Lüftungsgitter. "Rein mit dir, schnell."

Hastig folgte er dann dem Kater, zog das Gitter hinter sich wieder an seinen Platz und befestigte es, ehe er ihm auf allen Vieren tiefer in den Schacht folgte. Er war froh, dass Finn sich ebenso leise bewegte wie er, denn an manchen Stellen trug der Schall sehr weit. Als der Gang in einen größeren mündete, wartete Finn auf ihn, um sich von ihm führen zu lassen.

Jessi ließ eine kleine Lampe aufleuchten, die er zwar nicht brauchte, die seinem Freund den Weg jedoch vereinfachen würde. Er brachte ihn durch einige weitere Schächte erst einmal in einen abgelegenen Teil der Kanalisation, in der man sich auch unterhalten konnte, ohne dass es von unerwünschten Ohren zu hören war.

"Wir müssen noch mal zu mir", sagte er leise und betrachtete wie schon so oft fasziniert die in der Dunkelheit schimmernden Augen des Katers. "Ich habe den Dietrich vergessen, und den brauchen wir an einigen Stellen." Normalerweise trug er ihn immer mit sich herum, doch in den letzten Wochen war er durch die Schlüsselkarte zu dem Hotelzimmer ersetzt worden. Zudem stellte es für ihn so eine größere Sicherheit dar. Wenn er den Dietrich nicht dabei hatte, konnte er ihn nicht benutzen.

Finn war schon ein Stück stolz auf seinen Schatz. Mit seinen Katzenaugen konnte er dessen Bewegungen im Dunklen nicht selten dennoch gut beobachten und bewunderte die sichere Eleganz, mit der Jessi seinen Weg ohne hinsehen zu müssen fand. Schweigend und so still er konnte, folge Finn dem kleinen Dieb zu dessen ehemaliger Behausung.

Nur wenig später ließ Jessi sich in sein Zimmer gleiten und schaltete die kahle Neonröhre ein. Während er den Kater beobachtete, wie er sich durch die enge Öffnung quetschte, ersetzte er in Gedanken eine Schmalstelle des Wegs zum Herzen durch eine andere, erklärte eine weitere dafür als passierbar und fragte sich stumm, was Finn wohl von seinem Heim halten mochte.

In dem kargen Raum gab es nichts, was irgendwie der Zierde gedient hätte. Rohre zogen sich durch das ehemalige Zwischenquartier für Arbeiter, die Wände waren blankes Metall. In einer Ecke bildeten nicht zueinander passende Decken, Kissen und zwei Matratzen ein wirres Lager. Das Regal gegenüber stammte noch von Chiriko und enthielt seine Kleidung zum Wechseln, Dinge, die selbst eine Kreation wie er hin und wieder brauchte wie Zahnbürste und Seife, und Dietriche der altmodischen Art.

Die ursprüngliche Tür war verschweißt worden, ihr Griff diente ihm als Aufhänger für seinen Mantel, wenn er ihn nicht einfach irgendwo auf den Boden warf. Immerhin funktionierte der Abfluss noch, wenn auch nicht mehr die Dusche, so dass sich Chirikos Provisorium, mit dem sie das Rohr direkt angezapft hatte, schon mehr als bewährt hatte.

"Tja, hier wohne ich halt, wenn ich nicht gerade bei dir bin", sagte er ein wenig nervös, während er zu dem Mantel ging und in den Tiefen von dessen Taschen nach der Codekarte suchte. "Nicht gerade das, was man als Luxusappartement bezeichnen könnte, aber sicher."

Finn war nicht überrascht, aber dennoch machte ihn der Anblick sehr, sehr froh, dass er Jessi aus diesen Verhältnissen hatte rausholen können. Rasch trat er zu ihm und schloss ihn in seine Arme. "Ich bin dermaßen froh, dass ich dich erwischt habe, mein kleiner Dieb. Hier musst du wirklich nicht mehr wohnen, nicht, wenn es nach mir geht."

Jessi lehnte sich gegen ihn und lächelte erleichtert. Der Raum schien mit Finns Gegenwart an Wärme gewonnen zu haben. "Ich dachte immer, wenn ich erwischt werde, ist es das Schlimmste, was mir passieren kann. Ich hätte nie geglaubt, dass es mein größtes Glück werden würde", murmelte er und drehte sich in Finns Armen um. Rasch und kurz küsste er ihn einmal, zweimal, dreimal hintereinander, um den Kuss dann doch zu verlängern und zu vertiefen.

Mit einem Mal kam ihm sein ehemaliges Leben dunkel und schal vor, erfüllt nur von dem Gedanken an Hivosh und daran, wie er möglichst schnell an möglichst viel Geld kommen konnte, um sich die nächste Ration und damit das Überleben leisten zu können. "Danke, dass du mir gezeigt hast, dass es so viel mehr gibt", flüsterte er, als sie sich wieder voneinander trennten.

 

Jessi hatte ein ungutes Gefühl, als er das Schott im Boden öffnete und einen kurzen Blick nach unten in den dämmrigen Gang riskierte, in dem die Wachdroiden ihre gleichmäßigen Bahnen zogen. Kurz konzentrierte er sich auf ihre Routinen, stellte fest, dass sie sich nach wie vor nicht geändert hatten und schloss die Bodenluke wieder.

Nervös leckte er sich über die Lippen, als er zu seinem Freund hinsah, der ihm gegenüber hockte und ihn aufmerksam beobachtete. Bis hier war alles gut gegangen, Finn hatte sich wacker geschlagen und in Jessi den Verdacht geweckt, dass er Touren wie diese nicht zum ersten Mal machte. Doch das hier war etwas anderes. Es kam nicht länger nur auf Körperbeherrschung, Ausdauer und Kraft an. Nicht nur auf Timing. Hier kam mehr zusammen, Jessi würde nicht eingreifen können, und der unsicherste Faktor war mit Sicherheit das Glück. Mit einem Mal hatte er furchtbare Angst um ihn.

"Das nächste Stück ist ziemlich heikel", erklärte er leise. "Es ist eines der kritischsten auf der ganzen Strecke, ein gut bewachter Wartungsgang, der zu den Kühlanlagen führt. Du hast zwanzig Sekunden, mehr nicht. In der Zeit musst du den Gang hinab bis zu dem Schacht, der dann nach unten weiter führt. Es gibt keinen anderen Weg. Natürlich wäre das an sich kein Problem, aber die Droiden warten nur darauf, dich rösten zu können. Und wir haben leider nicht die Möglichkeit, sie wie die Techniker abzustellen. Sie sind mit Laserwaffen der R-Klasse, vierte Generation, bestückt. Das heißt, nach sechzehn Schuss brauchen sie drei Sekunden, um die Aggregate neu zu laden. Das hat mir schon das ein oder andere Mal die Haut gerettet, aber ich würde mich nicht darauf verlassen. Meinst du, du schaffst dreihundert Meter in zwanzig Sekunden?"

Wenn nicht, wenn er auch nur das leiseste Zögern, die geringste Unsicherheit bei dem Kater spüren würde, dann war es das. Er würde ihn nicht weiter mitnehmen. Er wollte ihn nicht verlieren.

Finn sah seinem Schatz in das unendlich besorgte Gesicht und streichelte ihm einmal lächelnd eine Haarsträhne unter das Tuch zurück. "Jessi, ich habe dir noch nicht viel von meinem bisherigen Leben erzählt, aber die allermeisten Teile davon habe ich im Weglaufen vor Wachdroiden verbracht, ich kann es auch in zehn Sekunden schaffen, wenn das sein muss. Geh vor, ich treffe dich dort." Das war zwar ein wenig übertrieben gesagt, aber Finn hatte sich noch kein einziges Mal verausgaben müssen, von einem sehr engen Schott einmal abgesehen, durch das er nur mit sehr großer Mühe gepasst hatte.

Jessi schüttelte den Kopf. "Du gehst zuerst, ich sage dir den richtigen Zeitpunkt. Der ist wichtig, sonst reicht es nicht, weil sie nach einem bestimmten Muster patrouillieren. Der Gang ist gebogen. Du musst dich an die innere Seite halten; mal abgesehen davon, dass es den Weg minimal kürzer macht, schützt es dich auch ein wenig vor ihren Schüssen."

Er legte eine Hand auf Finns, die auf seiner Schulter ruhte, und drückte sie. "Untersteh dich zu fallen", murmelte er. "Und orientiere dich nicht, sondern renn einfach. Der Rest kostet zu viel Zeit. Es kann ein wenig dauern, bis ich nachkomme. Meist müssen sie sich erst mal wieder beruhigen, ehe man den nächsten Durchgang wagen kann. Warte bloß auf mich, und versuche nicht einmal im Traum nachzuschauen, wo ich bleibe."

Finn musste grinsen; diese besorgte, fast schon gluckenhafte Art mochte er auch an Laites immer so gern leiden. Er nickte jedoch nur und flüsterte "Alles, was du sagst. Ich warte auf dich, also mach du auch keine Fehler!"

Vorsichtig öffnete Jessi die Luke erneut und sah nach unten. /Ich muss ihm das Zeichen etwas früher geben. Einen Hauch nur, weil ich erst von der Öffnung weg muss und er runter. Ich darf nichts falsch machen. Ich darf mich nicht verschätzen. Ich habe Angst!/ Niemals zuvor hatte er wirklich Angst um jemand anderen als sich selbst gehabt. Manchmal hatte er sich um Chiriko gesorgt, doch die war aus allem immer rausgekommen und hatte ihm hier unten so einiges gezeigt, Kniffe und Tricks, an den Droiden vorbeizukommen, Wachen zu umgehen, anderen Gestalten auszuweichen, welche die Dunkelheit der Kanalisation ebenfalls für sich nutzten.

Den Weg zum Herzen zurück hatte sie ihm zu einem großen Teil gezeigt, nachdem er mehr tot als lebendig von dort entkommen und es klar war, dass er auf dem gleichen Weg nicht zurückkonnte, aber dringend zurückmusste, da sein Hivosh-Vorrat nicht allzu lange reichte.

/Ich darf nicht versagen. Ich habe hier noch nie versagt, was das Schätzen betrifft. Schwierigkeiten habe ich immer nur dann bekommen, wenn die Schmerzen eingesetzt haben./ Er kniff die Augen zu Schlitzen zusammen, musterte die Rückfront eines Droiden, der sich langsam entfernte, lauschte auf das Surren, das er von sich gab. Der zweite glitt vorbei, schwebend, metallisch. Seine Sensoren blinkten in der Dämmerung, verliehen ihm ein unheimliches Aussehen. /Fünf, vier, drei, zwei, eins... Stehen bleiben. Check. Drei, zwei, eins. Weiter. Fünf, vier, drei.../ Hastig zog er sich von der Luke zurück.

"Jetzt", wisperte er.

 

Tarlant lag in der Badewanne, auch wenn ihre Finger sich schon komplett aufgeschrumpelt über das stetige erneute Aufheizen des Wasser beschwerten. Natürlich hatte sie sich lange nicht aufraffen können, hatte geheult, sich selber verflucht, dann wieder eingesehen, dass Dai'thi es wissen musste, dann wieder hoffnungsvoll auf Schritte auf dem Gang gelauscht, die doch nicht zu ihm gehörten.

Endlich hatte sie sich betrunken und lag in zu heißes Wasser und ihren Weltschmerz eingetaucht im Bad und überlegte, wie sie ihr Leben nun weiterhin würde bestreiten können, ohne ihn. Ohne seine ruhige Anwesenheit, ohne die Wärme und ohne die Bewunderung, die sie sich selber nie hatte entgegen bringen können.

Bewunderung und Wärme, sogar Liebe, hatten nur die Kreationen für sie empfunden. Ihre eigene Mutter war zu alt gewesen und verstorben, bevor Tarlant erwachsen geworden war, die Freunde und Arbeitskollegen im Casino waren nur oberflächlich, nie wirklich interessiert gewesen, und die vergangenen Liebschaften hatten lediglich ein schales Gefühl hinterlassen.

Tarlant lehnte den Kopf zurück und konnte Dai'this Finger wieder auf sich spüren, sanft und vorsichtig, obgleich sie ihm soeben das Ungeheuerlichste gezeigt hatte, das man jemandem zeigen konnte. Den vollkommen falschen Körper.

/Nein, das war wunderschön, aber es war ein Traum, nur ein Traum; und nun sollte ich aufwachen und wieder das tun, was mich zuvor glücklich gemacht hat./ Die Kreationen waren auch ein Teil Glück gewesen. LeRoux' verletzenden Worte, Zoo und albern kamen darin vor, bissen zwar noch, aber Tarlant dachte nun eher /Dann bin ich es eben auch, Teil eines albernen Zoos. Aber dann bin ich lieber das als gar nichts! Die Kleinen haben mich gebraucht, ich bin ja auch die einzige Familie, die sie haben. LeRoux war zu weit weg, die Pfleger waren doch eigentlich zu uninteressiert, und ich habe ihnen alles beigebracht, was sie lernen sollten, die Sprachen, das Allgemeinwissen. Das macht mich verantwortlich! Davor darf ich nicht davonlaufen!/

Noch immer leicht betrunken, aber schon sicherer im Gang machte Tarlant sich auf, um sich erneut im abweisendem Hosenanzug zum Herzen zu begeben, um von LeRoux die Codes zu verlangen, damit sie auf der Insel für die verbliebenen Kreationen sorgen konnte. Auf dem Weg zu den Andockstellen, an denen sie zum Herzen gefahren würde, gingen ihr alle die Namen durch den Kopf, und sie betete, dass es den Kleinen gut ging.

 

Finn betete, was er noch nie getan hatte. Aber Jessi war so lange fort. Viel zu lang. Er lag in einem großen Rohr hinter der Tür und wartete in der Düsternis und dem ewigwährenden Rauschen der Kanäle auf seinen Schatz. Stetig lauschend versuchte er, ihn herbeizudenken, doch Jessi kam nicht.

Finn rieb sich gähnend die Arme und versuchte, sein Fell zu glätten. Dies war eine der beschwerlichsten Touren, die er je unternommen hatte. Er wünschte sich in dem Augenblick wirklich, dass er einfach aufwachen und alles nur geträumt haben sollte, alles, von Jessi einmal abgesehen.

 

Tarlant kannte den Weg zum Herzen, sie war mit Teilen der Betreiber dieses wichtigsten Teils der Icesior noch recht nahe verwandt. Ihre Familie hatte es nach einer Generation geschafft, sich eine gute Position dort zu erarbeiten, wo über die Fahrt und deren Ziel der Icesior bestimmt wurde und wo der Antrieb saß.

Mit einem melancholischen Lächeln begrüßte sie den alten Echsenmann, eine der ersten Kreationen, die sie verkauft hatte, und ließ sogar zu, dass er ihr mit der gegabelten Zunge leicht tastend über das Gesicht fuhr, seine Art zu sehen, zu riechen.

"Tarlant, willkommen. Willst du deine Verwandten besuchen?"

Tarlant fühlte sich noch immer betrunken und lehnte sich an die Reling, während sie in den leeren, schwarzen Raum blickte, durch den Blitze mit ungeheurer Energie jagten, alles verbrannten, was in der Nähe lag. Nur die isolierten Gondeln und einige Versorgungsrohre führten in das sonst abgeschnittene Herz.

"Tselo, wie geht es dir überhaupt, mein Lieber? Ich will mal sehen, wie es meinem Ururneffen geht. Ist viel zu tun gewesen?"

"Nein, seit niemand das Herz mehr betreten darf, habe ich nur wenig Gäste gefahren. Der Doktor war dabei, ich habe ihn zwei Male fahren dürfen, letztes Mal roch er eigenartig. Mein Bruder sagte mir, dass er das auch fand; wird der Doktor alt?"

Tselo und sein eineiiger Bruder hatten nur zusammen abgegeben werden wollen und waren beide mit den stacheligen Rücken, den braunen, toten Augen und ihren merkwürdigen Angewohnheiten, alles mit den Zungen sehen zu wollen, nicht gerade einfach zu verkaufen gewesen. Zu Tarlants Glück war die Icesior aufgetaucht, und einer ihrer Neffen hatte die beiden als Fährmänner zum Herzen in seinen Dienst genommen.

Die kleine Gondel war rundherum zwar durchsichtig, aber wies die Blitze resolut durch die Isolierung ab. Während Tarlant sich von Tselo erzählen ließ, was in ihrer Familie alles für Kinder geboren, Großeltern verstorben und Hochzeiten gefeiert worden waren, glitt die Gondel, von dem Echsenmann durch die schlimmsten Blitze gelenkt, sachte schwankend auf das Herz zu.

Tarlant nippte seufzend an dem Glas mit Kopfschmerzmittel und wappnete sich für das schwierigste Gespräch, das sie jemals führen würde, von dem Abschied von Dai'thi einmal abgesehen, den sie befürchtete, aber zu dem sie sich zwingen wollte, allein um sich zu entschuldigen und sich ein weiteres Mal zu bedanken.


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig