Kemjalas Plan

28.

Endlich drang das Geräusch schneller Schritte zu Finn herunter, und nur Augenblicke später sprang Jessi in den Schacht hinab, ohne die Leiter zu benutzen, die an einer Seite angebracht war. Er war vollkommen außer Atem, doch ganz zufrieden mit sich. Sie hatten ihn nicht einmal angeschossen. Es hatte jedoch erschreckend viel Zeit gekostet, bis sich die Droiden wieder beruhigt hatten, nachdem Finn losgelaufen war, und Jessi war tausend Tode gestorben, ob der Kater es geschafft hatte. Seine Nervosität hatte ihn dann noch zweimal den Einsatz verpassen lassen, was das Ganze erneut herausgezögert hatte.

"Finn?", flüsterte er und öffnete hastig die Tür, bevor sich einer der Droiden eine neue Variante seines Programms einfallen ließ und doch mal nach unten sah.

Finn zog seinen Schatz gleich erst einmal an sich und überprüfte angespannt, ob Jessi verletzt war. Er war es nicht, nur außer Atem. "Ein Glück. Wie viele dieser Stellen müssen wir noch überwinden? Ich sterbe jedes Mal tausend Tode vor Angst um dich, mein Püppchen", flüsterte Finn selber atemlos und drückte Jessi noch einmal an sich.

Jessi erwiderte die Umarmung fest, derart erleichtert, dass es seinem Freund gut ging, dass er nicht einmal etwas gegen diesen ungeliebten Ausdruck sagen mochte. "Um mich musst du bestimmt keine Angst haben, Kater. Ich bin den Weg schon tausend Mal gegangen. Aber du noch nicht einmal. Das macht mir Sorgen, auch wenn du dich bis jetzt ganz gut gehalten hast." Er war sogar ziemlich stolz auf ihn, was leider seine Furcht nicht geringer werden ließ.

"Wir müssen uns beide mal ausruhen, denke ich. Was sagst du? Wollen wir hier was essen? Wo machst du deine Pausen sonst immer?" Unsicher sah Finn sich um, sie waren bislang noch nicht an einer bequemen Ecke vorbeigekommen, hier war es immerhin relativ sicher, jedenfalls sicherer als in einem der Rohre, in denen Putz- oder Wachdroiden sie hätten aufspüren können.

"Die Stelle ist gut; hier raste ich meist auch, um meinen Adrenalinspiegel wieder zu senken." Jessi lachte leise. "Und um meine Sachen zusammen zu sammeln und zu prüfen, ob noch alles in Ordnung ist, wenn ich mal wieder mehr gefallen als gesprungen bin. Es sind schon noch ein paar kritische Stellen. Aber das Schlimmste haben wir jetzt hinter uns, ist das nicht beruhigend?"

Finn zog Jessi zu sich und ließ sich nieder, um die Essensvorräte vor ihnen auszubreiten. "Ausgezeichnet, das beruhigt mich wirklich, mein Kleiner." Er konnte sich nicht davon abhalten, Jessi zu streicheln und zu drücken, während sie an ihren Kuchenstücken kauten. /Bald ist das Hetzen und Rennen vorbei. Dann sind wir in Ruhe und Frieden zusammen, vielleicht kann Jessi bei meinem Besitzer einen Job finden, und er wird das verdammt Hivosh umsonst bekommen, einfach so!/ Träumerisch biss Finn in seinen Kuchen.

 

Tarlant war es leid, in die Blitze zu blicken und ließ sich von Tselo ein Sandwich geben. Da die Fahrt lange dauerte, fast drei Stunden, streifte sie die Schuhe ab und streckte sich auf der Plüschbank aus, während sie langsam und unter Rücksichtnahme auf ihren noch vom Alkohol beleidigten Magen an dem Brot kaute.

 

"Ab hier fängt es an zu stinken", erklärte Jessi sachlich, während er mit seiner Codekarte an dem Schloss herumprobierte. Es hakte immer, doch das war er gewohnt; früher oder später gab es nach. Und die Strecke war wesentlich sicherer als die, die er vor der Karte hatte nehmen müssen. Seine Stimme hallte in der Dunkelheit, die sie umgab, von den metallischen Wänden wieder und verlor sich in der Ferne. Die Taschenlampe hatte er ausgeschaltet, er brauchte sie nicht und wollte Energie sparen.

"Das Rohr ist stillgelegt, aber vorher nicht gereinigt worden. Jetzt faulen Algen und Moos in der Feuchtigkeit dort vor sich hin. Zudem ist es höllisch eng. Wir werden durchrobben müssen, wobei du bei deiner Größe hervorragend als Putzschwamm funktionieren wirst." Er grinste. "Das macht aber nichts, dann ist der Weg für mich das nächste Mal angenehmer. Zudem gibt es hinterher passend eine eiskalte Dusche, dann bist du wieder halbwegs sauber. Ist etwas unpassend, weil es eine Frischwasserröhre ist, durch die wir müssen. Ohne Luft, versteht sich. Wir hangeln uns unter Wasser bis zum ersten Schacht durch, machen dort eine kleine Pause, dann geht es weiter. Im zweiten Schacht müssen wir hoch, sind durchgefroren, pitschnass, aber nicht mehr von Schlick verschmiert. Du darfst nur die Griffe nicht loslassen, die Strömung ist recht stark; ich habe keine Ahnung, wo und ob man rauskommt, wenn man davon getrieben wird."

Es klackte leise, als das Schloss endlich seinen Widerstand aufgab. Zufrieden öffnete Jessi das Schott. Fauliger Geruch strömte hervor und ließ ihn das Gesicht verziehen. "Wir warten noch ein wenig, bis wieder etwas mehr Frischluft da drin ist, okay?" Er wusste nicht, wie sehr die Dämpfe Finn behindern würden. Für ihn waren sie lediglich eine Last, aber nichts Gefährliches.

Finn hörte gar nicht, was er sagte, sondern dachte in einem engen, gereizten Kreislauf immer wieder an den einen Satz. /'Dann ist der Weg für mich das nächste Mal angenehmer.'/ "Du wirst diesen Weg heute zum allerletzten Mal gehen müssen, Jessi!" Er hatte es nur für sich gezischt, aber war sich dessen sehr sicher. Er würde das Herz nicht eher verlassen, als bis es eine gute Lösung für sein Problem gab. Diese Tortur war keine gute Lösung!

Jessi lachte nur leise und beugte sich zu ihm, um ihn kurz zu küssen. Finn hatte sich bewegt, und so erwischte er nicht den angepeilten Mund, sondern nur die Wange. "Das wird vermutlich nicht klappen, Katerchen. Schließlich möchte ich gerne weiterleben. Jetzt mit dir erst recht."

Ohne auf eine Antwort zu warten, glitt er in den Schacht und robbte durch den Schlick vorwärts. Es war kalt und fühlte sich eklig an wie jedes Mal, und durch seine Bewegung wurde der Gestank noch verschlimmert. Aber es war eine der Stellen, an denen es keine akzeptablen Ausweichmöglichkeiten gab, und Jessi hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, einmal im Monat hindurch zu müssen. Hinter sich hörte er den Kater ächzen und befürchtete für einen Moment absurderweise, dass er zu groß wäre. Natürlich war er das nicht, er hatte schon durch schmalere Rohre gepasst.

Flink und geübt schob Jessi sich vorwärts, bis er die Luke erreichte, die sich mit einem einfachen Druckventil öffnen ließ, das durch ein Rad betätigt wurde. Wasser schwappte in die Röhre, als er es öffnete, und das Rauschen hallte von den runden Wänden wieder. Mit ihm kam ein frischerer Luftzug, der Jessi aufatmen ließ. Er wandte den Kopf zu Finn um, den er in der Dunkelheit nicht sehen konnte.

"Die Griffe sind rechts, taste nach dem ersten, ehe du reinsteigst." Geschickt sich verdrehend wandte er sich in dem schmalen Schacht um, damit er mit den Füßen voran in das Wasser gleiten konnte. Leise keuchte er auf, als die eisigen Fluten nach ihm griffen. Er biss die Zähne zusammen, hielt sich am Rand fest und rutschte weiter. Zwar war das Stück nicht allzu gefährlich, wenn man sich vorsah, doch er hasste es allein wegen der Kälte.

Zielsicher griff er nach der ersten Halterung, atmete mehrmals tief durch und gab sich dann ganz der ziehenden Strömung hin, dankbar dafür, dass man auf dem Hinweg mit ihr und nicht dagegen arbeiten konnte. Die ersten Male hatte er Angst gehabt, furchtbare Angst, in der erdrückenden Dunkelheit, ohne Luft und immer mit dem Gefühl, dass jeden Moment irgendetwas auftauchen konnte, das die Leitung bewachte und ihn umbringen, vielleicht auffressen würde. Doch nichts war geschehen. Er hatte den Halt nicht verloren, und die Temperatur des Wassers schien seine Schmerzen zu unterdrücken, wenn er wieder einmal zu spät aufgebrochen war. Nicht einmal war er an dieser Stelle von ihnen überfallen worden.

Automatisch fanden seine Hände jeden nächsten Griff, ließen Jessi langsam immer weiter das Rohr hinab treiben. An dem ersten Querschacht tauchte er nur kurz auf, um Luft zu holen, ging aber sofort weiter, um den Platz für Finn freizumachen. Er war zu schmal und nicht hoch genug, um zu zweit dort auszuruhen.

Als er endlich den nächsten erreichte, war er durchgefroren. So schnell es seine klammen Finger erlaubten, kletterte er die Leiter nach oben, öffnete die einfache Verriegelung der Tür und setzte sich aufatmend in den etwas wärmeren Gang, ehe er die Taschenlampe aus seiner Gürteltasche holte und sie einschaltete, um Finn mit ihrem Schein den Weg zu weisen.

Finn hatte deutlichen Würgereiz unterdrücken müssen, noch nie war er sich dermaßen seines Fells bewusst geworden, vor allem noch nie zuvor als dermaßen störend. Die eisigkalte Dusche reinigte zwar wieder, aber half nicht unbedingt zu seinem Wohlbefinden. Er bewunderte Jessis Willen, sich diesen Anstrengungen wieder und wieder auszusetzen, während er seine Luft anhielt und ihm folgte.

Erneut beschloss er, dass es für sein Püppchen wirklich an der Zeit war, dies niemals wieder tun zu müssen. Jessi sollte endlich erhalten, was er verdiente. Eine ordentliche Ausbildung, ein schönes Heim, wobei Finn im Geiste sein eigenes dabei schon recht klar vorschwebte, und natürlich ein sicheres und zufriedenes Leben, wobei Finn hierbei eines mit ihm zusammen vor Augen hatte.

Er folgte dem Geruch von Jessi und dessen Lichtzeichen, bis er sich neben ihn werfen konnte, sich wie ein nasser, alter und stinkender Lappen fühlend, dem er vermutlich auch sehr ähnlich war. Beleidigt strich er sich in einer putzenden Geste über die Ohren und das Gesicht.

 

Sachte schwankend legte die Gondel an, und Tarlant verabschiedete sich von Tselo, indem sie ihn erneut an sich entlang tasten ließ. "Wir sehen uns, wenn ich zurückfahre, in Ordnung?"

"Ich freue mich, vielleicht kommt mein Bruder auch mit, wenn du rufst. Er würde sich auch freuen, dich einmal wieder zu sehen, Tarlant."

Sie stieg aus und zog die Jacke enger um sich, denn in dem Gang zur Empfangshalle des Herzens war es unangenehm frisch. Langsam und sich der Überwachungskameras bewusst, ging sie durch das Tor, winkte Tselo ein letztes Mal und ging dann zur Rezeption.

Doch bevor sie nach LeRoux fragen konnte, bekam sie dieses unangenehme Gefühl im Magen, ein Ziehen, und zugleich kehrte die Unsicherheit zu ihr zurück. /Ich schaffe es nicht, ihm entgegen zu treten. Verdammt! Ich bin pathetisch, nutzlos, selber die größte Fehlkreuzung, die man sich denken kann!/

Rasch wendete sie ihre Schritte zu einem der geräumigen Badezimmer, in denen sich neben Waschbecken und Toiletten sogar Sessel und Tischchen fanden, eine Ecke, in der man sich schminken konnte, und ein Tauchbecken mit Salzwasser, in dem sich fremde Wesen anscheinend frisch zu machen pflegten. Hoffnungslos und traurig ließ Tarlant sich auf einen der Sessel fallen. Sie wünschte sich eine Zigarette. Auf dem Tischchen vor ihr waren etliche verschiedene Marken aufgebaut, und sie nahm sich eine schlanke, hellblaue heraus, fand aber nicht die Energie, sie anzuzünden.

 

Nach der Wassertortur hatten Jessi und Finn einige Zeit damit verbracht, wieder warm zu werden, und Jessi hatte den Kater mit einem hier deponierten, jedoch auch nicht mehr frischen Handtuch abgerubbelt, während er seine eigene Kleidung einfach nur ausgewrungen hatte. Sie waren durch weitere Röhren und Schächte gekrochen, die jedoch immer sauberer wurden, je näher man dem Herzen kam, waren ein paar Putzdroiden und bedrohlichen Kreaturen in der Kanalisation ausgewichen und hatten einige Stunden Pause eingelegt, die sie eng aneinander geschmiegt in einem Maschinenraum neben warmen Heizungsrohren verbrachten.

In einem Abzugsrohr, in dem es dank großzügig, aber dezent verteilter Parfumstoffe angenehm duftete, solange im angrenzenden Raum niemand sein großes Geschäft verrichtete, hielt Jessi inne. "Wir sind so gut wie da", flüsterte er. "Noch durch das nächste Gitter, dann befinden wir uns in der Damentoilette des Empfangsbereichs. Wir kommen in einer Toilettenzelle raus, gehen dann in den Vorraum, wo wir in den nächsten Lüftungsschacht rein müssen und von dort aus zu den Labors. Dort bekomme ich mein Hivosh. Danach können wir nach LeRoux Ausschau halten."

Er lächelte Finn noch einmal zu, dann schob er sich zu dem Gitter vor, lauschte in den Raum und entfernte es lautlos, als nichts zu hören war. Vorsichtig kletterte er nach draußen und auf die Toilette, ehe er den Weg für Finn freimachte und das Gitter anschließend wieder ordentlich anbrachte. Nachdem er Finn einen Wink gegeben hatte zu warten, schlich er zu dem Vorraum, warf einen kurzen Blick hinein und zuckte dann erschrocken zusammen.

Hastig kehrte er in Kabine zurück. "Hast du Tarlant gesagt, dass wir hierher kommen?", fragte er ihn nahezu lautlos und sah erschreckt zu seinem Freund hoch. "Sie sitzt vor dem Spiegel und wartet."

Finn sprang weniger lautlos vorwärts und starrte Tarlant einige Momente lang an. "Tarlant! Was machst du hier?!"

Tarlants Kopf fuhr herum, und sie blinzelte ein wenig irritiert. Irgendetwas war falsch, sie wusste nicht so recht, was genau. "Nun, dies ist die Frauentoilette, Finn. Ich darf also fragen, was du hier tust?" Dann fing sie sich, und ihr logisches Denken schaltete sich ein. "Verdammt noch mal! Was tust du im Herzen?!"

 

Dai'thi lag auf seinem Bett und starrte zur Decke empor. Noch immer konnte er nicht wirklich glauben, was am Vortag geschehen sein sollte. Die Frau seines Lebens, die Frau, in die er sich so sehr verliebt hatte, dass sie ihm binnen so kurzer Zeit das Wichtigste auf der Welt geworden war, hatte sich als Mann zu erkennen gegeben.

Er erinnerte sich an den Schmerz in ihren grauen Augen, an die Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit ihres Blickes, als sie es ihm gestanden hatte. An seine eigene Enttäuschung, an seine regelrechte Flucht von ihrem Zimmer weg, wo er sie allein und verletzt zurückgelassen hatte.

/Sie ist ein Mann! Ich kann doch nicht... ich kann nicht... sie hat mich angelogen./ Seine Augen brannten, doch er konnte nicht weinen, wollte es auch gar nicht. Ärgerlich schluckte er gegen die Enge in seiner Kehle an. Nein, Tarlant hatte nicht gelogen, sie sah sich selbst als Frau. Er erinnerte sich an ihre Worte, die sie nur geflüstert hatte. 'Im Geiste und in meinen Träumen bin ich es auch.'

Aber sie hatte den Körper eines Mannes! Wie sollte er mit einem Mann zusammen sein, wie ihn lieben? Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als er sich ein Leben ohne sie vorzustellen versuchte. Wie sollte er ohne sie leben? Wie ohne die Frau, die er Ta'ari genannt hatte, in vollem Bewusstsein dessen, was dieses kleine Wort bedeutete und das er in jeder Nuance so gemeint hatte...

Dai'thi krümmte sich zusammen und presste sich das Kissen gegen das Gesicht, um jeden Laut zu unterdrücken. Er war durch die Arche gerannt und hatte die verwunderten Blicke ignoriert, war noch ein gutes Stück in Richtung des Hotels gelaufen, bis er vor Erschöpfung nicht mehr weiter gekonnt und er sich einen Gleiter gerufen hatte. Dann hatte er sich seinen Stab geholt und war in die Trainingshalle gefahren, doch auch, als er vollkommen ausgelaugt gewesen war und kaum noch Kraft gehabt hatte, war der Schmerz nicht von ihm gewichen. Nicht die Enttäuschung und das Wissen, von der Göttin betrogen geworden zu sein.

/Warum hat sie mir das angetan? Und warum hat sie es Tarlant angetan, ihr einen Körper zu geben, mit dem sie nicht glücklich sein kann?/ Aber es war so. Tarlant war ein Mann. Ein Mann mit einem männlichen Körper.

Dai'thi erinnerte sich daran, wie sie... nein, wie er vor ihm gelegen hatte. An die glatte, flache Brust mit den zarten Erhebungen der Brustwarzen, klein und dunkel, an die sanften Wellen der Rippen, an den schönen Bauch mit dem ein wenig schiefen Bauchnabel, um den sich die Narben zogen, weiß auf der hellen Haut. An den haarlosen Schoß. Und trotzdem waren die Beine, die Hüften, die Arme, ihre Art sich zu bewegen, sich zu geben, ihre Art zu denken und zu sein, so weiblich. So sehr Frau.

/Ich kann sie einfach nicht als Mann sehen. Selbst wenn ich mir vorstelle, wie sie nackt aussieht./ Sein Herz schlug schneller vor Angst. /Und ich finde sie noch immer schön. Ich begehre sie nach wie vor. Oh Göttin, ich liebe sie noch immer! Das kann nicht sein. Das darf ich nicht!/

"Möchtest du etwas essen?", fragte eine leise Stimme hinter dem Vorhang, der ihn von der Welt trennte. Laites' Stimme. Dai'thi konnte nicht sagen, ob er oder sein Bruder schlimmer waren in ihrer Sorge. Er hatte Ninári nicht sagen können, warum es ihm mit einem Mal wieder so schlecht ging, auch wenn die Anfälle nicht zurückgekommen waren. Er konnte Tarlant nicht bloßstellen vor ihm.

In dem Moment huschte eine Erinnerung durch seinen Kopf, von dem Tag, als er Tarlant hierher gebracht hatte, nachdem sie in den Brunnen gesprungen war. Abrupt setzte er sich auf und zog die Gardine beiseite, starrte Laites aus dunkelgrünen Augen an, denen jeder Glanz zu fehlen schien. "Du wusstest es, nicht wahr? Du wusstest die ganze Zeit, was es mit Tarlant auf sich hat."

Laites fuhr erschrocken zurück, fast hätte er den Teller mit Obstschnitzen und Nüssen fallen lassen, den er Dai'thi reichen wollte. "Ta... Tarlant? Was meinst du denn?" Er trat vorsichtig noch einen Schritt zurück und prallte bereits an den Stuhl, das Zimmer kam ihm mit einem Mal deutlich enger vor. Dai'this Augen ließen leichte Schauer über ihn laufen, stellten sein Nackenfell auf.

Dai'thi machte eine abwehrende Geste und schnaubte. "Du weißt ganz genau, was ich meine, Laites. Du hast Finn angesprungen, damit er es nicht verrät. Warum hast du das getan? Warum hast du es mir nicht früher gesagt? Warum hast du es überhaupt verschwiegen? Du hast doch gewusst, was ich für sie empfinde."

Laites wusste, was Dai'thi meinte. Einer dieser Tage war doch nur dazu gemacht, dass Tarlant es ihm sagen musste. Aber er weigerte sich, deswegen Schuldgefühle zu haben. "Weil ich sie liebe. Tarlant ist meine Familie, und ich liebe sie. Ich wollte nicht, dass jemand etwas Böses über sie sagt. Schon gerade nicht Finn, der ihr soviel verdankt."

"Aber warum hast du es mir nicht gesagt?", fragte Dai'thi verzweifelt und sah zu dem hellen Kater hin, der in seinen Gefühlen genauso verboten war wie Ninári und wie auch er selber. Und doch so glücklich damit. "Es hätte so viel Kummer erspart, nicht nur mir. Du hast es doch gewusst, hast es doch gesehen. Warum, Laites?"

Bockig verschränkte Laites seine Arme, nachdem er den Teller auf das Tischchen gestellt hatte. "Ich habe weder das Recht, noch die Frechheit, mich in ihre Angelegenheiten einzumischen. Außerdem sahst du mir glücklich aus."

Dai'thi erwiderte seinen Blick einen Moment lang, ehe er wegsah. /Glücklich. Ja, das war ich, bis ich herausgefunden habe, dass sie ein Mann ist./ "Danke, ich habe keinen Hunger", murmelte er, ehe er den Vorhang erneut zuzog. Warum hätte der Kater ihm etwas sagen sollen? Nur, weil er der Geliebte seines Bruders war? Schließlich verschwieg Dai'thi es Ninári ja selber. Was für ein Recht hatte er, Laites Vorwürfe zu machen?

Als nach einer Weile die Geräusche verrieten, dass Laites sich fertig machte, um zum Tempel zu gehen und sich schließlich die Tür zischend erst öffnete, dann wieder hinter ihm schloss, stand Dai'thi auf, um selber seine Zweililien zu holen und sich die Enttäuschung, den Schmerz und die Verzweiflung aus den Knochen zu trainieren. Um seinen Körper zu Ruhe zu zwingen, damit er leichter nachdenken konnte. Was er wollte, was das beste war. Um Tarlant endlich eine Entscheidung mitteilen zu können.

Doch als er den Schrank öffnete, fiel sein Blick auf das kleine Etui, das die Kette und den mattsilbernen, runden Anhänger mit dem kleinen Opal in seiner Mitte enthielt. Das Symbol für all das, was er für Tarlant empfand, was Tarlant ihm bedeutete. /Ta'ari. Mein Herz, mein Mittelpunkt, mein Leben./ Er hatte ihr die Kette schenken wollen, damit sie etwas von ihm immer bei sich trug, hatte ihr zeigen wollen, wie sehr er sie liebte. Unschuldig lag es in seinem Schrank, zwischen Kleidung und Büchern und nahezu unbenutztem Schmuck. /Sie leidet so sehr, und ich lasse mir alle Zeit der Welt. Wie kann ich das nur tun? Wie kann ich nur so unfair zu ihr sein? Ich habe ihr versprochen, dass ich mein Bestes tue, sie zu beschützen, sie niemals zu verletzen, niemals zu enttäuschen. Und was mache ich jetzt? Genau das Gegenteil!/

Bilder zogen in rascher Reihenfolge an ihm vorbei, in denen immer und immer wieder Tarlant vorkam. Ihr Lachen, ihre Küsse, ihre strahlenden Augen. Ihre Berührungen, ihre Zärtlichkeit. Ihre bewundernden Blicke und die Ungläubigkeit darin, wann immer er ihr ein Kompliment gemacht hatte. Ihre geröteten Wangen, als sie sich ereifert hatte, dass Liebe nichts war, bei dem man sich anmaßen durfte, es in richtig und falsch einzuteilen.

/Jetzt verstehe ich, warum du mit so viel Leidenschaft gesprochen hast, Ta'ari. Und wie ich dich bewundert habe! Meine Ta'ari, meine Botin./ Mit einem Mal wurde ihm klar, dass er das noch immer tat. Er bewunderte sie mehr denn je. Dass sie diesen Weg in ihrem Leben ging, weil sie ihn für richtig hielt, gleichgültig der Hindernisse, die sich ihr entgegen stellten, gleichgültig der Schwierigkeiten, die es ihr bereitete.

In dem Moment erkannte er, warum er sich nicht wirklich von ihr betrogen fühlen konnte. Sie hatte die ganze Zeit über, wann immer sie von sich als Frau gesprochen, wann immer sie sich so gekleidet, so gegeben hatte, nur die Wahrheit erzählt. Ihre Wahrheit. Für sich war sie Frau, und sie war die schönste, bemerkenswerteste und begehrenswerteste Frau, der er je begegnet war, gleichgültig, in dem welchem Körper sie steckte.

Immer hatte sie die Wahrheit gesagt. Nur den Teil verborgen gehalten, der falsch zu sein schien. /Aber er ist nicht falsch. Du bist wunderschön, Tarlant, so wie du bist. Wunderschön... Und deine Verteidigung der Liebe ist so wahr, wie du es selber bist./ Sein Herz schlug schneller, als er begriff, wie viel sie ihm wirklich bedeutete. Dass ihm egal war, wie sie aussah, dass ihr männlicher Körper ihn genauso wenig störte wie die Narben auf ihrem Bauch. Dass er sie trotz allem und genau deswegen liebte.

/Vergib mir, Ta'ari, dass ich es nicht gleich gesehen habe. Ich darf dich nicht lieben, aber ich tue es, und mir ist egal, was daraus wird. Ich will bei dir bleiben./ Statt nach dem Stab griff er nach seinem Computer, schaltete ihn rasch an und öffnete das Adressbuch. Er tippte auf ihren Namen, den er an die erste Stelle eingefügt hatte, und wartete ungeduldig darauf, durchgestellt zu werden. Die Wartezeit schien sich endlos hinzuziehen, bis ihm klar wurde, dass sie nicht abheben würde.

/Vielleicht arbeitet sie noch und hat ihr Empfangsgerät im Zimmer vergessen/, versuchte er sich zu beruhigen, als die Nervosität in ihm empor zu kriechen begann. Er warf einen hastigen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass die Möglichkeit relativ wahrscheinlich war. Deswegen sandte er ihr eine Nachricht mit der Bitte, dass sie sich bei ihm melden sollte, wenn sie wieder daheim war.

Doch es dauerte nicht lange, bis er das Warten nicht mehr aushielt. Ungebeten Bilder kamen ihm in den Kopf, die ihm Tarlant zeigten, wie sie auf der Galerie des Hotels stand, wie sie fiel. Sie erfüllten ihn mit Schrecken, als er an jemand anderen denken musste, der sich wegen ihm umgebracht hatte.

Noch einmal wählte er ihre Nummer, noch einmal meldete sie sich nicht. Die Nachricht, die er ihr dieses Mal hinterließ, war deutlich besorgter. Warten konnte er trotzdem nicht mehr. Rasch zog er sich die Stiefel an und verließ das Hotel, um zur Arche zu fahren. Doch auf seine Fragen hin bekam er nur gesagt, dass Tarlant frei hatte; in ihrem Zimmer schien sie auch nicht zu sein. Zutiefst besorgt suchte Dai'thi alle Plätze ab, die sie liebte, an denen sie gemeinsam gewesen waren und die sie ihm gezeigt hatte. Es war vergeblich.

Als er wieder mitten in der Nacht in das Hotelzimmer zurückkehrte, checkte er als erstes seinen Computer. Doch sie hatte nicht geantwortet. Immer noch nicht. Mit einem Mal hatte Dai'thi das Gefühl, dass die Angst ihn zu ersticken drohte.


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig