Kemjalas Plan

29.

Tarlant konnte den Mund nicht schließen, während Finn ihr erzählte, unter welchen Bedingungen und Anstrengungen der Weg zum Herzen für Jessi augenscheinlich ablief. /Das arme Ding. Finn hat eben Püppchen gesagt, das ist er wirklich. Ein niedliches Jüngelchen. Ich wusste nicht, dass diese Baureihe in der Form gelungen war./

Sie näherte sich dem noch immer misstrauisch hinter Finn versteckten Jungen vorsichtig, um das Kopftuch von den Haaren zu ziehen. Feuerrot, genau wie die Augen, aus denen der Kleine wilde Blicke auf sie warf. Finn hielt ihn fest, sonst wäre er sicherlich fortgelaufen.

"Kommt mit. Ich habe hier immer ein Zimmer bei einer meiner näheren Verwandten. Wir baden euch erst mal und ziehen dem Kleinen neue Sachen an, dann werde ich LeRoux suchen und ihn diesbezüglich zur Rede stellen."

"Kein Wort zu LeRoux von mir! Kein einziges Wort!" Jessi schnappte nach dem Tuch und zog es sich wieder über den Kopf, stopfte fast schon aggressiv, jedoch mit zitternden Fingern seine Haare darunter. Finns Hände auf seiner Taille beruhigten ihn nicht wirklich, schließlich war der Kater so unvorsichtig vorgestürmt und hatte sie damit verraten, selbst wenn er es nicht böse gemeint hatte. "Außerdem bin ich kein Püppchen, nichts Nettes zum Anschauen und ganz bestimmt in der Lage, auf mich allein acht zu geben."

Tarlant hob eine Augenbraue, dann stellte sie fest "Ja, in einer Reihe von Abwasserkanälen kann man sich gut um sich selber sorgen, Jessi. Seid bitte still jetzt. Ich hole meinen Zimmerschlüssel, so kann man sich mit euch nicht sehen lassen."

Sie ließ die Zigarette unangezündet in den Aschenbecher fallen und wendete sich ab. Mit sicheren Schritten ging sie zu der Rezeption, um sich bei einer ihrer Großnichten vorstellen zu lassen. Kinder der Kinder ihrer Geschwister, die sie alle schon überlebt hatte, kannten dennoch ihre Geschichte, und da etliche Kreationen hierher verkauft worden waren, hatte Tarlant auch immer wieder Anlass zu einem Besuch gehabt.

Finn sah ihr nach, dann zog er Jessi noch enger an sich. "Sch... bitte, Liebling. Es hat keinen Zweck, jetzt der Angst den Vorzug zu geben. Ich bin einmal wie eine Ratte durch die Röhren und Kanäle gekrochen, ein zweites Mal werde ich das nicht tun, und du solltest es auch nicht müssen. Tarlant kannst du vertrauen. Sie wird dich beschützen."

"Hast du gesehen, wie sie mich angeschaut hat? Wie was kleines, ekliges. Und gehört, wie sie von den Kanälen gesprochen hat? Was meint sie wohl, wie sie aussähe, wenn sie da durch gekrochen wäre. Sie könnte es vermutlich nicht mal." Jessi versuchte zitternd, sich loszumachen, gab die vergeblichen Bemühungen jedoch schnell wieder auf. Zu der Angst kam verletzter Stolz hinzu. /Ich bin keine Ratte!/ "Außerdem wolltest du, dass ich dir den Weg hierher zeige, obwohl ich dir gesagt habe, wie es aussieht und dass du durch Matsch robben musst. Du hättest jeden Moment umkehren können. Ein Wort nur, und ich hätte dich zurückgebracht. Du hättest ja auch mit Tarlant gehen können. Zudem war keine Rede davon gewesen, dass du mich hier gegenüber irgendwem erwähnst. Mir egal, wenn du ihr vertraust. Du bist eine von ihren Kreationen. Ich bin es nicht. Lass mich los, ich hole mir mein Hivosh und mache mich auf den Rückweg auf meine Art." Fast schon flehend sah er zu ihm hoch, seine Hände hatten sich in Finns Weste gekrallt.

Finn entließ ihn aus einer seiner Klauen, um ihm über die Haare zu streichen, nachdem er ihm das Tuch erneut weggenommen hatte. "Sch... Jessi. Sie hat dich angesehen, wie eine Mutter ihre Kinder ansieht, die verdreckt vom Spielen kommen. Mit den Kanälen meinte sie, dass es kein Ort ist für einen so hübschen und dazu noch intelligenten Jungen wie dich. Sie will uns helfen. Sei jetzt bitte nicht so dumm und bockig. Ich verspreche dir, dass ich nicht zulassen werde, dass dir jemand etwas tut, aber das kann ich nur, wenn du bei mir bleibst. Wir werden dein Hivosh holen, aber erst, wenn ich erfahren habe, dass es keine andere Lösung für dich gibt."

Jessi presste die Lippen zusammen, während er gegen seinen harten, fast schmerzhaften Herzschlag vernünftig zu denken versuchte. "Du kannst mich hier nicht beschützen", murmelte er. "Was willst du gegen ihre Waffen machen? Das geht nicht. Außerdem sind es viel mehr als du. Zudem habe ich nicht unbegrenzt Zeit, um zu warten, ob dein Weg funktioniert."

Er presste sein Gesicht gegen Finns Brust, spürte den ruhigen, gleichmäßigen Puls des Katers, der auch ihn ein wenig sicherer werden ließ. Er wollte ihm gerne glauben, wollte ihm vertrauen, doch es war schwer, gerade hier. "Außerdem hasse ich es wirklich, wenn du dauernd meinst, mir mein Tuch wegnehmen zu müssen. Dauernd. Reiße ich dir deine Weste vom Leib? Nein. Also."

"Ich nehme dir das Tuch weg, weil es dich versteckt; ich möchte nicht, dass du immer denkst, dich verstecken zu müssen, Jessi." Resolut stopfte Finn das Tuch in eine seiner Taschen, dann küsste er Jessi ausgiebig. "Kopf hoch, vertrau mir, wenigstens heute."

"Finn, wenn das schief geht, rede ich kein Wort mehr mit dir", flüsterte Jessi nervös und strich sich die Haare aus dem Gesicht, die ihm ohne Tuch ständig in die Stirn und in die Augen fielen.

Tarlant sah nur flüchtig in den kleinen Raum. "Kommt mit, schnell. Ich hab das Mädchen an der Rezeption abgelenkt, und es bleibt nicht viel Zeit, bis sie wieder zurückkommt." Sie warf Finn den Schlüssel zu ihrem Zimmer zu. "Geht vor, ich bin bald bei euch."

Finn sah fragend zu Jessi und hoffte, dass er nun freiwillig mitkommen würde. Zu seiner Erleichterung nickte Jessi einmal, die Haare fielen ihm vor die Augen, und er wirkte nun noch einmal so niedlich. Rasch umfing Finn seine schmalen Schultern mit einem Arm und lief los, während er einen halben Blick auf die Zimmernummer warf.

Sie mussten zweimal ausweichen, weil Zimmermädchen schwatzend entlang kamen oder Gäste zu ihren Zimmer gingen, aber zum Glück brauchten sie nicht mit dem gläsernen Fahrstuhl fahren, in dem sie sehr den Blicken ausgesetzt gewesen wären.

Tarlants kleines Zimmer verfügte über ein Bad und war sonst für die Größe sehr sparsam, wenn auch zugleich verdächtig plüschig eingerichtet, mit Trotteln, Passen und Kordeln an dem zierlichen Sofa und einer berüschten Tagesdecke. Nach einer Inspektion des Wandschranks und des Badezimmers warf Finn seine Shorts und die Weste, nachdem er die Taschen ausgeräumt hatte, gleich in eine Reinigungstüte und hielt diese dann Jessi hin. "Komm, das ist die Chance. Die Klamotten werden in Minuten gereinigt, und wir können heiß duschen, hm? Was sagst du?"

Jessi sah die Tüte mit einem misstrauischen Blick an, dann zog auch er sich rasch aus und stopfte seine Kleidung dazu. Er hatte beschlossen, dass er die Kontrolle in dem Moment ohnehin verloren hatte und sich das Leben nun auch so schön wie möglich machen konnte. /Oder meine letzten Stunden/, meckerte eine unwillkommene Stimme, die er verärgert sofort zum Verstummen brachte. "Heiße Dusche klingt verlockend", sagte er mit einem schiefen, unsicheren Grinsen, während er hinter Finn in das kleine Bad trottete.

Finn genoss es, seinen Schatz einmal in Ruhe anzusehen. Gemütlich seifte er ihn ein, wusch die verbliebenen Algenteile aus den schönen, dichten Haaren und streichelte ihm über den Rücken und Po. "Hab keine Angst, Jessi. Das lohnt sich hier einmal nicht. Entweder es funktioniert oder eben nicht. Wenn nicht, finden wir einen anderen Weg, um dein Hivosh zu bekommen, wenn ja, dann haben wir alles gewonnen, dann bist du frei, von dem Händler, von der Icesior, von den Kanälen."

Nachdem sie sich abgetrocknet hatten, war Tarlant noch immer nicht da. Seufzend gab Finn seiner Müdigkeit nach und warf sich auf das Rüschenbett, um sich unter die Tagesdecke zu verkriechen. Ihre Kleider waren längst ordentlich gestärkt und sanften Frischeduft verströmend wieder abgeliefert worden, aber ihm war nach Ausstrecken und Schlafen zumute. "Komm zu mir, mehr als auf Tarlant warten, können wir nicht machen, Liebling."

Jessi nickte und krabbelte zu ihm unter die Decke, um sich an seinen warmen, kräftigen Körper zu schmiegen. Während er den Kopf an Finns Schulter bettete und ein Arm des Katers sich um ihn schlang, spürte er, wie Frieden zu ihm zurückkehrte. Selten hatte er sich Ruhe gegönnt nach seiner Reise hierher. Meist war er nach einer nur kurzen Pause wieder umgekehrt, weil er sich im Herzen immer beobachtet fühlte. Jetzt jedoch, in dem abgelegenen Zimmer, in Finns Armen, schien die Welt auf einmal in Ordnung zu sein.

Tarlant währenddessen war zunächst zu dem sozialen Besuch mit ihren Verwandten aufgebrochen. Dort erfuhr sie auch, dass LeRoux tatsächlich im Herzen weilte, allerdings um den Antrieb zu optimieren. Dieser war zum Teil biologisch und schien in letzter Zeit nicht mehr optimal gelaufen zu sein. LeRoux, so erzählte Tarlants Verwandte ihr, sei ein echter Workaholic, schien fast nie zu schlafen, man sah ihn eigentlich immer nur im Labor bei der Arbeit.

Auf das Hivosh angesprochen zuckten die Ururururnichten jedoch nur mit den Achseln und verwiesen Tarlant auf die Händler im Gondelhafen, die neben den Lebensmitteln wohl auch mit dergleichen Dingen für die Kreationen im Herzen handelten. "Die Preise sind aber unverschämt. Wir lassen die Händler nur deswegen gewähren, weil wir von ihnen abhängig sind. Ohne sie könnten wir das alles hier drin nicht mehr finanzieren. Sie zahlen uns einen sehr anständigen Tribut."

Resigniert musste Tarlant einsehen, dass sie über ihre Beziehungen vermutlich keinerlei Hilfe für Jessi bekommen würde. Anschließend ließ sie sich zeigen, wo es zu den Labors ging und stellte sehr erfreut fest, dass es dort auch nur Kreationen als Wächter gab. Ein wenig optimistischer kehrte sie zu ihrem Zimmer zurück und fand die Tür unverschlossen vor.

Als sie Finn und Jessi in dem Rüschenbett entdeckte, beide schlafend, umeinandergeschlungen, musste sie lächeln. /Wenigstens meinen Kleinen, Laites und Finn und all den anderen will ich helfen; wenn ich selber schon nicht glücklich werden kann, dann werde ich es eben über sie./ Sie bestellte sich einen starken Kaffee und weckte die beiden, indem sie im Zimmer ein wenig umherraschelte.

Ein wenig unwillig blinzelte Jessi, dann sah er auf, um festzustellen, dass Tarlant wieder da war. Er warf ihr einen misstrauischen Blick zu, wobei er sich daran erinnerte, dass Finn ihm gesagt hatte, dass sie ihm helfen wollte, während er gleichzeitig versuchte, den Worten des Katers Glauben zu schenken. Er gähnte, streckte sich und setzte sich auf. "Dein Bett ist gemütlich." /Und breiter als das im Hotelzimmer/, fügte er gedanklich an.

Tarlant lächelte knapp und versenkte die untere Hälfte ihres Gesichtes in der Tasse. "Meine Verwandten sind nicht in der Lage, den Händlern Einhalt zu gebieten, es scheint eine gegenseitige Abmachung zu geben, nach der beide Seiten die andere in Ruhe lassen."

Nebenbei ließ sie ihre Blicke über Finns Körper streichen, der sich aus Jessis Armen rollte, um sich anzuziehen. Er war schon älter als sie. Verwunderlich, dass er noch immer in einer derart guten Verfassung war. "Deswegen schlage ich vor, dass ich zu LeRoux gehe, ihn ein wenig zu Hivosh befrage und versuche etwas herauszubekommen. Ich muss sowieso mit ihm reden."

Jessi presste die Lippen zusammen und angelte nach seiner Kleidung, die mit Sicherheit noch nie besser geduftet hatte. Ihm gefiel der Gedanke, LeRoux dazu zu befragen, ganz und gar nicht. "Wenn du meinst, dass das etwas bringt", nuschelte er, während er sein Oberteil über den Kopf zog, und setzte den Gedanken Finn zuliebe nur im Stillen fort. /Und wenn er sich nicht einfach nur darüber freut, dass er endlich weiß, wo ich stecke und wie er mich zu fassen bekommt, damit er mich endlich ausschalten kann. Finn vertraut ihr! Wieso? Ich mag sie nicht. Sie hat bei LeRoux gearbeitet, obwohl sie wusste, was er macht./

Tarlant betrachtete den Ynis Jesmalar nachdenklich, schließlich setzte sie ihre Tasse ab und fragte leise "Sind alle deiner Baureihe rothaarig? Ich hab von diesen Plänen zu dir immer nur als ein Konzept gelesen, das nicht ausführbar ist und deswegen nicht unternommen werden sollte. Aber in den Plänen waren die Haare der Ynis Jesmalar stets moorgrün, so unauffällig wie möglich. Und ihre Haut war ebenso eher dunkel geplant."

"Ich glaube, moorgrün war ihnen für ein Bordell zu langweilig", entgegnete Jessi bissig und schlüpfte in seine Hose. Er fing einen ärgerlichen Blick von Finn auf und sah trotzig zur Seite. /Er mag sie. Verdammt noch mal, warum? Außerdem ist das kein Grund, dass ich sie auch mögen muss./ Aber der Kater hatte gesagt, dass sie ihm helfen wollte. Sein Kater vertraute ihr. Und wenn sie ihm wirklich half, war er ziemlich undankbar. /Was willst du denn, Jessi? Im Moment hast du eh nichts zu verlieren. Du steckst bei ihr, sie muss nur einen kleinen Knopf drücken, dann stürmen Wachen hier rein, und du sitzt in der Falle. Bis jetzt hat sie es nicht getan./ Er atmete einmal tief durch und beschloss, dass es an der Zeit war, seinem Kater zu vertrauen. Vollständig.

"Tschuldige", murmelte er und stopfte das Oberteil in die Hose, ehe er wieder zu Tarlant hinsah. "Ich habe erst vor recht kurzem erfahren, dass ich als etwas vollkommen anderes geplant worden bin, das aber schief gegangen ist. Daraufhin haben sie wohl umgeplant. Ich sollte in ein Bordell kommen." Er grinste. "Dazu kam es auch nicht, weil andere Probleme auftraten. Andere meiner... Reihe hatten blaue Haare oder leuchtendes Grün. Manche auch zwei Haarfarben."

Tarlant nickte leicht, von den Plänen hatte sie gewusst, hatte sie nicht gebilligt, aber nicht geahnt, dass mehr als nur Pläne daraus geworden waren.

Finn nahm ihr den Kaffeebecher fort, schnupperte und stürzte die lauwarme Flüssigkeit herunter. "Ich werde dich nicht allein zu LeRoux gehen lassen."

Tarlants Augen wurden schmal. "Was soll das, Finn?" Die Zeiten, in denen er ihr einmal vorgeschrieben hatte, was sie tun sollte, waren schon länger vorbei. Sie machte den Rücken ein wenig steifer, dann erklärte sie "Das ist taktisch sehr unklug, immerhin warst es du, der das Labor hochgejagt hat."

Finn verschränkte die Arme und wandte sich ab. "Mein Besitzer hat LeRoux den Krieg erklärt, ich bin mit ihm einer Meinung. Ich war mit ihm auch einer Meinung, dass du sterben sollst, Tarlant. Und das trotz allem, was einmal war."

Tarlant lehnte sich unbeeindruckt zurück. "Und dass ich LeRoux immer und immer wieder nur unterstützt habe, weil ich wollte, dass es euch besser geht, weil ich wusste, dass ich ihn nicht aufhalten kann, nur helfen, dass es euch gut geht, besser als wenn er euch einfach an den Meistbietenden verkauft hätte, haben dein Besitzer und du mal wieder nicht bedacht."

Sie seufzte, als sie Finns Gesichtsausdruck bemerkte. Gern hätte sie seine wuscheligen Haare auf dem Kopf ein wenig glatt gestrichen, aber wollte die Spannungen zwischen ihm und seinem Freund nicht noch vermehren. "Finn... du hast ja auch ein Stück weit Recht. Ich war naiv, und ich war immer noch der Meinung, dass ich ihm danken muss, obwohl es seine Schuld ist, dass ich nun so bin, wie ich bin. Dass es seine Schuld ist, in gewisser Weise, dass ich nicht mit dem Mann zusammensein kann, den ich liebe."

Finn ging vor ihr in die Hocke und sah von unten her in ihr Gesicht. "Aufgeben war sonst nicht deine Art, Tarlant." Ihre Traurigkeit gefiel ihm weniger, als er zugeben mochte. Ungeduldig umfasste er ihre Schultern. "Verdammt, bring das Fächerohr doch dazu, vernünftig zu sein, Tar! Früher hast du dich doch festgebissen, hast gekämpft, bis alles deinen Weg gehen konnte!" Er starrte sie an. "Ach ja, das war nie für dich selber, nicht? Du hast es ja immer nur für andere getan, hast den anderen gezeigt, dass du Zigeunerin bist. Aber nur für andere."

Tarlant lächelte. Sie mochte es, wenn er so ungestüm war, auch wenn der Griff an ihren Schultern schmerzte. "Ja, so ist es. Ich bin nur für andere kämpferisch. Für mich selber habe ich immer den Eindruck, dass es nicht angemessen ist." Sie legte eine Hand auf seine an ihrer Schulter. "Na gut, dann komm du mit. LeRoux kann eigentlich auch gleich sehen, dass ich mich mal wieder mit ihm streiten will, genau wie damals."

Sie warf einen kleinen Seitenblick und begegnete Jessis Augen, deren Feuer sie zu verzehren schien. "Ich... mache mich nur rasch frisch, bevor wir gehen. Es ist schon recht spät am Abend, wir werden nicht vielen anderen begegnen, aber LeRoux hat einen seiner Arbeitsanfälle, er wird im Labor sein."

Kaum war sie im Bad verschwunden, sprang Jessi auf und funkelte den Kater an. "Was wird das, Finn?", fragte er hitzig. "Eine Selbstmordaktion? Du hast sein Labor in die Luft gesprengt! Du wolltest ihn umbringen. Und jetzt marschierst du einfach so zu ihm rein? Glaubst du, dass er dich wieder weglässt? Glaubst du, dass er dich auch nur am Leben lässt?"

Es war nicht wirklich Wut, die ihn so aufbrausen ließ. Vielmehr war es rasende Angst. Angst um den Kater, dass ihm etwas passieren könnte, dass man ihn verletzen, ihn wirklich töten würde. Und wenn möglich war seine Furcht noch schlimmer als unten in den Kanälen, denn da hatte er gewusst, was auf sie wartete. Dort hätten ihn maximal die Wachdroiden erschossen. Hier konnten sie noch viel mehr mit ihm anstellen, bevor... Er wollte es nicht einmal denken.

Finn seufzte und rieb sich über die Augen. "Das war nicht das erste Mal, dass ich eins seiner Labors hochgejagt habe. Es war zugegeben das größte, aber noch nie hat er auch nur den kleinsten Teil einer Anstrengung unternommen, um mich zu finden oder gar zu eliminieren, dabei weiß er mit Sicherheit ganz genau, wo ich wohne."

"Dafür bist du ihm vermutlich auch nicht nachgelaufen, um ihm an einem Ort in die Arme zu fallen, wo er nur einmal mit dem Finger schnippen muss, um dich zu haben! Finn, das kannst du nicht machen! Bist du völlig von Sinnen?" Jessi starrte ihn an und wusste, dass der Kater genau das definitiv sehr wohl machen würde. Verzweifelt wünschte er sich, ihn nie hierher gebracht zu haben, dass sie Tarlant nicht begegnet wären, dass irgendetwas nicht so erschreckend schief gegangen wäre. Fast wünschte er sich sogar, dass er ihm nie begegnet wäre, dann wäre der Kater jetzt nämlich sicher. Er schauderte.

"Gut, wenn du so ein Idiot bist, dann komme ich mit", murmelte er. "Das kannst du vergessen, dass ich dich allein ziehen lasse."

Finn grinste und nickte leicht. Er umarmte Jessi und zog ihn an sich, um ihm ins Ohr zu flüstern "Die Kreationen hören alle auf Tarlant, nicht nur ich, alle. Wir sind sicherer, als du glauben magst."

/Wenn du jetzt meinst, das beruhigt mich, dann hast du dich geirrt./ Im Gegenteil hatte Jessi das Gefühl, dass es alles eher schlimmer machte. /Klasse, sie hören alle auf sie, egal was sie ihnen sagt. Und wenn er darauf anspielt, dass die Wächter hier auch auf sie hören, dann hat er sich geschnitten. Das sind nicht alles Kreationen./ Doch er sagte nichts, erwiderte die Umarmung fest und wünschte sich stumm zurück in die sichere Ruhe des Hotelzimmers und dass er Finn niemals vom Herzen erzählt hätte. Aber das war jetzt nicht mehr zu ändern. Und allein lassen würde er ihn nicht.

"Ich... hab dich lieb", flüsterte er. /Viel zu lieb./

Finn schloss kurz die Augen und hoffte, dass sein Optimismus ihn auch dieses Mal nicht verraten würde. /Das eine Mal noch, mehr will ich nicht. Dann gehe ich in mein Haus zurück und lebe fortan friedlich, das schwöre ich./

Tarlant hatte sich eigentlich nur im Spiegel ins Gesicht gesehen. /Finn. Einmal mehr auf dem Weg, eine Dummheit zu begehen. Es gibt Dinge, die sich nie ändern. Der Kleine... Püppchen nennt er ihn. Das muss heißen, dass er verliebt ist./ Tarlant war nicht neidisch, sie gönnte der verwirrten, kleinen Kreation das Glück mit Finn von ganzem Herzen. Sie wusste nur zu gut, dass wenn einer jemanden glücklich machen konnte, sei es auch gegen den eigenen Willen, dann war es Finn.

Sie straffte sich und kehrte zu den beiden zurück. "Dann wollen wir mal losgehen. Ich denke, dass es nicht so schwierig sein wird, LeRoux zu finden, den Weg zu den Labors kenne ich gut."

Jessi presste die Lippen zusammen, warf ihr einen finsteren Blick zu und wand sich aus Finns Armen. /Wehe dir, ihm passiert etwas. Wehe dir!/, dachte er und wusste doch, dass es kein Wehe geben würde. Er konnte einfach niemanden ernsthaft verletzen. /Soldat. Ha. Dabei ist noch mehr schiefgegangen als bei den Bordell-Plänen./ "Ich komme auch mit."

Tarlant führte die beiden Kreationen mit gemischten Gefühlen durch die Gänge des Gästehauses und in den Trakt, in dem die Energiesysteme des Herzens überwacht und fortwährend weiterentwickelt wurden. Hier waren die Labors, in denen etliche verschiedene Forscher arbeiteten. Sie erkundigte sich ganz formal an der Pforte nach LeRoux und zeigte ihren Ausweis vor. Finn und Jessi bekamen jeder einen Gastausweis in Form von Plastikkarten umgehängt. "Bleibt bitte dicht bei mir."

Die Labors waren von einem Gang durchzogen, von dem aus man von schräg oben auf die Tische mit den Versuchsanordnungen, die dreidimensionalen Baupläne oder die Reagenzgläser, aus denen Roboter stetig Proben entnahmen, blicken konnte.

LeRoux zu finden, war nicht schwierig. Einige Drachenechsen standen an der Tür zu einem der hinteren Labors. Tarlant blieb vor dem Glasfenster stehen, nachdem die Echsen zur Seite getreten waren. Mit leerem Blick starrte sie auf den kleinen, schmalen Mann hinunter, der zwischen zwei Computern und einigen Messgeräten hin- und herhuschte.

Er sah aus wie immer, wirkte, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Ein hektisches, ein wenig weltfremdes Männchen mit einem Kopf, der zu klein für die vielen Ideen war. Die rahmenlose Brille, die er nur des gelehrten Effekts wegen trug und der weiße Kittel, der zu ihm gehörte wie der dunkelblaue Maßanzug, der sich nie zu ändern schien, weckten Erinnerungen daran, was er alles für sie getan hatte.

Jessi warf einen kurzen, aber sehnsüchtigen Blick zu einem der Lüftungsgitter hin, die angeblich so perfekt gesichert waren, die ihm jedoch einmal im Monat Zugang zu den Labors gewährt hatten. Von dort aus hatte er auch immer wieder mal LeRoux gesehen, und er hatte nicht wirklich das Bedürfnis, ihn näher kennen zu lernen. Gerne hätte er seine Hand in Finns geschoben, um von seiner Sicherheit und seiner Ruhe ein wenig für sich zu bekommen, doch er fühlte sich nicht danach, als sei das ein Platz für Nähe. Im Gegenteil, hier fühlte er sich trotz Finn klein und allein.

Finn begann, dunkel zu knurren, und Tarlant erschauderte. Leicht legte sie eine Hand auf den unbehaarten Unterarm. "Bitte, Finn. Lass mich erst mal mit ihm reden. Ich will erst von dem Hivosh erfahren, bevor du ihn anfällst." Sie war sich im Klaren darüber, dass Finn ihn nicht anfallen würde. Das war den Kreationen eingezüchtet wie die Liebe zu ihr.

Finn knurrte weiterhin und schüttelte den Kopf. "Ich gehe mit, Tar. Ich lasse den Mistkerl nicht noch einmal davon kommen!" Fragend sah er Jessi an. "Willst du mitkommen oder lieber hier warten? Die Echsen tun dir nichts, da bin ich mir sicher."

Jessi zuckte mit den Schultern und grinste schal. "Ob ich jetzt hier oder dort bin, macht keinen großen Unterschied. Aber dort bin ich wenigstens bei dir und kann aufpassen, dass du keine Dummheiten machst. Außerdem geht es um Hivosh, und wenn ich schon hier bin, soll das ganze wenigstens einen Nutzen haben. Vielleicht überleben wir das ja doch irgendwie, dann könnte das wichtig sein." Er sah zu ihm hoch und sein Lächeln verschwand. "Bitte, auch wenn ich ihr nach wie vor nicht vertraue, lass es sie wenigstens versuchen", flüsterte er. "Es ist wichtig für mich."

Tarlant holte einmal tief Luft und öffnete die zwei Türen der Schleuse mechanisch. Sie fühlte sich, als sei sie aus ihrem Körper getreten und würde nur noch zusehen, wie sie die Treppe hinabging, wie sie den Rechnerkomplex umrundete, um auf LeRoux zuzugehen.

Seine ordentlich gescheitelten Haare schimmerten leicht in dem violetten Licht einer Messstation, als sie ihn endlich sah. "LeRoux..." Tarlant bemerkte, dass sie atemlos klang.


by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig