Kemjalas Plan

30.

Ihr Retter, Arbeitgeber und derjenige, der sie nun hatte fallen lassen, hob den Kopf und zwinkerte hinter der Brille hervor. Merkwürdigerweise erschienen Tarlant die Gläser nun dicker zu sein. Seine Augen wirkten kleiner, der Ausdruck im Gesicht erinnerte sie an einen erschrockenen Maulwurf.

LeRoux ließ ein Lesegerät mit etlichen Daten sinken, zwinkerte noch ein weiteres Mal, dann lächelte er strahlend. "Tarlant! Meine Liebe. Sie sehen gut aus; wie lange habe ich Sie nicht mehr gesehen?"

Verwirrt wollte Tarlant ihn darauf hinweisen, dass sie sich zwar auf der Icesior nicht mehr gesehen hatten, aber er sie doch entlassen und sich dabei auch über sie lustig gemacht hatte. Sie holte einige Male Luft und stammelte dann "Aber... Sie haben mich entlassen, Sie haben die Kreationen im Stich gelassen, die Insel, nach der Explosion haben Sie einfach alles im Stich gelassen, meine Konten sind leer und ich..."

"Aber, aber, Kindchen. Ich verstehe nicht, wovon Sie reden. Welche Kreationen denn? Welche Insel?" Verwirrt sah er erneut auf, und sein Blick streifte über Finn und Jessi, die hinter Tarlant standen.

"Ach, du liebe Güte! Was für ein freudiger Tag! Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas noch einmal passieren könnte!" LeRoux klatschte seine dürren Finger einmal zusammen, ließ das Lesegerät fallen und stürzte hektisch umherblickend auf Finn und Jessi zu. Er umfasste Jessis linken Arm und zog den widerstrebenden, aber sich verwirrt nicht wehrenden Kleinen mit sich zu einem Untersuchungstisch.

"Ein Ynis Jesmalar, dass es noch einen gibt! Und er ist zurückgekommen. Oh, das ist wirklich eine Freude! Halt mal still, Kleiner. Ich tu dir nicht weh. So, dreh deinen Kopf ein wenig, hübsch bist du, ein wenig zu klein, aber siehst mir kräftig aus, siehst mir so aus, als hättest du dich wacker geschlagen. Ein geglückter Versuch kann man schon fast sagen."

LeRoux huschte an der frappierten Tarlant vorbei, holte ein Messgerät, gab Daten ein, leuchtete in Jessis Augen, die rot aufglommen, dann sah er in seinen Mund, drehte den Kopf erneut hin und her.

Jessi kam sich vor wie ein Ding. So hatte er sich nie wieder fühlen wollen, aber jetzt tat er es, und er konnte es nicht ändern. Das Licht blendete ihn, der kleine Mann zog an ihm herum, und er konnte sich nicht wehren. Etwas in ihm sperrte sich dagegen aufzuspringen und zu flüchten. Als hätte LeRoux ein Recht dazu, so mit ihm umzuspringen. Kalte Panik kroch in ihm empor, verkrampfte seinen Magen und setzte sich in seinen Gliedern fest. Als der Doktor kurz von ihm ließ, warf er einen verängstigten, hilfesuchenden Blick zu Finn, doch sein Kater sah genauso hilflos aus, wie er sich fühlte.

"Lassen Sie Jessi in Frieden! Wenn Sie ihm etwas tun, dann bringe ich Sie um!" Finn konnte leider nichts tun, er wusste es, das tat am Allermeisten weh. Er hatte die Wirkung des Programms unterschätzt. Weder er noch Jessi konnten gegen den Doktor handeln. Jessi hielt sogar viel besser still als jemals zuvor.

LeRoux hielt ein Gerät an Jessis Arm, entnahm ihm ein wenig der blassroten Flüssigkeit, die sein Blut bildete. Damit hetzte er zu einem der Geräte neben der Liege. "Ein Ynis Jesmalar. Wie bist du an dein Hivosh gekommen, Kleiner? Oh, schau sich einer die Maschinchen an, quirlig, eifrig, was für eine herrliche Erfindung!"

Jessi antwortete nicht. Ihn anzulügen war unmöglich, doch er würde den Mann nicht verraten, der ihm all die Zeit über das Überleben ermöglicht hatte, selbst wenn er zu viel Geld verlangt hatte. /Ynis Jesmalar./ Schon allein, wie der Doktor seinen alten Namen aussprach, jagte einen Schauer über Jessis Rücken. /Herrliche Erfindung. Versuch./ Er war ein nettes Spielzeug, eine Sache, ein Ding, mit dem man machen konnte, was man wollte; und wenn es ausgedient hatte, ohne schlechtes Gewissen wegwerfen, verschenken, verkaufen, ohne sich Gedanken zu machen, was dieses Ding dabei empfand. /Er wird mir nicht helfen. Er wird nicht auf Tarlant hören. Sie sieht doch genauso hilflos aus wie Finn. Wieso bin ich nur auf den Gedanken gekommen, dass es klappen könnte? Ich muss hier weg. Muss hier weg mit meinem Kater./

Die Angst wuchs weiter, und er wusste, ab einem gewissen Punkt machte sie fast alles möglich. Damals hatte sie es ihm erlaubt, sich gegen den ausdrücklichen Befehl zu stellen, der ihn an das Labor hatte binden sollen. Sie hatte das Programm außer Kraft gesetzt, das ihn zu nahezu bedingungslosem Gehorsam verpflichtete. /Ich werde nicht hier bleiben. Ich lasse mich nicht in Versuchen verwenden. Weder mich noch Finn. Ich bringe uns hier raus, ich habe das schon mal geschafft./

Der Doktor musste verrückt geworden sein. Anders konnte Tarlant sich sein Verhalten nicht erklären. Er huschte freudig erregt um Jessi herum, maß seine Blutwerte, vermaß seinen Kopf; die Werte für Hormone, für die Steuerung seiner Funktionen spulten auf dem Lesegerät ab, und LeRoux schien in seiner Begeisterung nicht ansprechbar.

"Doktor, ich verstehe nicht, wie Sie haben zulassen können, dass er überhaupt so geschaffen wird. Er ist abhängig von einer billigen Salzlösung, die er zu teurem Geld kaufen muss. Wie konnten Sie das zulassen? Ich..." LeRoux sah sie nicht an, aber Tarlant redete nach einigen Schritten in seine Richtung weiter. "Ich will und kann nicht zulassen, dass Sie lebende Wesen mit Gefühlen, mit einem Willen und Wunsch zu leben, derart verletzen und missbrauchen. Das ist kein Auftrag der Forschung."

LeRoux sah sie kurz an, dann sagte er "Die Ynis Jesmalar waren eine Fehlentwicklung. Die Maschinchen waren zu aggressiv konzipiert. Ich wollte sie austauschen, aber habe sehen müssen, dass alle aus der Baureihe, die ich mir aufgehoben hatte, um zu sehen, ob ich den Fehler beheben kann, geflüchtet waren. Jemand hatte sie sozusagen befreit. Wer, weiß ich nicht."

Er schien verwirrt zu überlegen, was er ursprünglich hatte sagen wollen, dann fragte er an Jessi gerichtet "Soll ich deine Maschinchen reparieren, Kleiner? Wenigstens einer von euch ist immerhin zurückgekehrt."

/Er lügt!/ Es war der erste Gedanke, der Jessi durch den Kopf schoss, verbunden mit dem Wunsch, dass er es nicht tat und begleitet von der zynischen Stimme, die ihm erklärte, dass er sein Leben ohne Kampf wegwerfen würde, wenn er sich freiwillig in die Hände des Doktors begab.

"Ich bin nicht zurückgekehrt", flüsterte er. "Nicht zu Ihnen."

Tarlant wurde leicht übel. Sie wollte hier das Schicksal der Kreationen klären, und er war läppisch und wich fahrig aus, schien sie nicht wirklich wahrzunehmen. Ihre Verwirrung stieg, als er Jessi auch noch fragte, was der gern wollte.

Finn konnte sich zwar nicht rühren, aber begann so langsam, etwas zu begreifen. Etwas, das ihm noch weniger gefiel als das Wissen, dass er LeRoux nicht würde töten können. /Wenn er Jessi einschlafen lässt, einfach so, dann bringe ich ihn um, dann werde ich mein Programm überwinden!/ Mit zwei schnellen Sätzen war er bei Jessi und legte schützend den Arm um ihn.

Jessi lehnte sich an ihn, während die angstvolle Kälte ein wenig aus ihm zu weichen schien, sich sein rasender Herzschlag langsam etwas beruhigte. Schon allein wegen Finn konnte er das nicht riskieren, selbst wenn er den törichten Wunschgedanken, ohne Hivosh leben zu können, Glauben schenken wollte. Selbst wenn das Programm in ihm erklärte, dass er dem Doktor vertrauen konnte. Finn liebte ihn, und die Angst, ihn zu verletzen, ihn zu verlieren, war zu groß, als dass er dem Programm hätte Glauben schenken können.

"Sie haben schon einmal versucht, mich zu töten, nachdem die Planung mit dem Soldaten und das Spielzeug für das Bordell schief gegangen ist", sagte er leise. "Sie haben mich und andere, die waren wie ich, jagen lassen, nachdem wir geflohen sind. Ich habe sehen können, wie eine Ihrer Kreaturen jemanden wie mich umgebracht hat."

LeRoux blickte ihn verwirrt an. "Planung? Soldaten? Bordell gar? Was redest du denn da?" Er wendete sich ab und zog mehrere Schubladen auf, öffnete hinter der Liege einen Schrank und brachte ein Beatmungsgerät hervor. "Die Ynis Jesmalar sind von mir entworfen worden, um zu zeigen, dass man mit der Nanotechnik sehr wohl leben kann. Ich habe allerdings zu eifrig konzipiert, die Maschinen mussten durch diese Salzlösung gehemmt werden. Dann, als ich von dem Kongress wieder zurückgekehrt bin, sind alle meine Ynis Jesmalar verschwunden, es waren immerhin acht Stück. Zurückbehalten habe ich nur den neunten, den ich zur Vorstellung mitgenommen hatte."

Er zerrte ein Tischchen auf Rollen heran und sah den Kleinen und den Katzenmenschen neugierig an. "Wenn ich könnte, würde ich die Nummer neun herrufen, um zu beweisen, dass ich ihn umgebaut und damit unabhängig gemacht habe. Aber unglücklicherweise ist er nicht mehr bei mir. Er wollte mit einem Mal Sprachwissenschaftler werden und ist nun Professor für extraterrestrische Sprachwissenschaft auf der Erde." Er tätschelte Jessis Kopf leicht und lachte leise. "Ich hab euch zu intelligent geschaffen."

Tarlant reichte es an Verwirrungen. "Warum, wenn Jessi und die anderen acht nicht dazu entworfen worden waren, ist ihnen dann gesagt worden, dass sie Soldaten werden sollten, dass sie in ein Bordell sollten, und wieso mussten sie dann sterben?" Sie blickte zu Finn. "Und warum mussten etliche Kreationen Verletzungen hinnehmen auf der Insel, um dann einfach alleingelassen zu werden? Sie leben und haben ein Recht auf ein ordentliches Zuhause! Verdammt, warum bin ich fallen gelassen worden, wieso war ich erst wichtig, als Assistentin überall beteiligt und habe mich aufgerieben, und dann bekomme ich eine flache und verhöhnende Nachricht, dass ich wertlos bin. Warum?!"

LeRoux drehte sich langsam zu ihr um und starrte Tarlant an. "Aber, Liebes. Ich weiß nicht, was Sie meinen. Ich habe mit diesen Tierkreationen nichts zu tun. Die Grundlage mag der Chip sein, die Erfindung von mir, aber... ich beschäftige mich schon seit sehr langer Zeit mit den Nanomaschinen und mit der Fortentwicklung des Chips. Ich gestehe, dass ich vergesslich bin, aber ich würde mich doch erinnern, wenn ich Sie jemals in Anstellung gehabt hätte."

Verwirrt nahm er die Brille ab, putzte sie und zwinkerte Tarlant erneut an. "Aber alles, was ich mit Ihnen im Zusammenhang in Erinnerung habe, ist, dass Sie mir das Leben gerettet haben, ich Ihnen einen meiner Chips und eine meiner Nieren eingesetzt habe und, das gestehe ich erneut, dabei den Fehler begangen habe, nicht auf die Geschlechterspezifität des Chips zu achten. Wir haben uns doch seit bestimmt hundert oder mehr Jahren nicht mehr gesehen, meine Liebe."

Tarlant stemmte eine Faust in die Hüfte und fragte recht laut und gereizt "Wer, verdammt noch mal, hat dann all das getan und sah so aus wie Sie?"

LeRoux blinzelte einige Male, dann senkte er den Kopf und murmelte "Oh je. Jetzt verstehe ich." Er sah Tarlant bedauernd in das wütende Gesicht und erklärte "Die Person, die Sie meinen, die all das getan haben wird, ist sicherlich Josephine, meine Schwester."

 

Ninári fühlte sich gereizt und hilflos. Seit Tagen war Dai'thi nicht mehr ansprechbar, hatte ihm nur kurz, wenn auch nicht unfreundlich erklärt, dass er allein mit seinen Problemen fertig werden musste, und Ninári konnte nur vermuten, dass irgendetwas mit Tarlant vorgefallen war. Aber helfen ließ Dai sich nicht. Sein Bruder war blass und nervös, prüfte jede Minute, die er im Zimmer war, seinen Computer auf Nachrichten, und vertrieb sich sonst die Zeit damit, an die Decke zu starren oder sich mit seinen Trainingspartnern über die Sandflächen und Wiesen zu jagen. Das einzige, was Ninári daran erleichterte, war, dass sein Haar weder auf der Stelle weiß, noch schwarz, noch farblos geworden war. Vielleicht hatten Dai'thi und Tarlant nur Meinungsverschiedenheiten.

Eigentlich hatte Ninári an diesem Tag in den Tempel gehen wollen, einmal um zu tanzen, zudem, weil er mit der Hohen Schwester einige Details abklären wollte, wie Laites und er bei sich zu Hause am besten zusammen bleiben konnten. Bevor er nicht alles wirklich genau geplant hatte, wollte er seinem Geliebten keine unnötigen Sorgen oder aber auch vielleicht ungerechtfertigte Hoffnungen machen.

Doch jetzt saß sein Schatz am Tisch, spielte gedankenverloren und grüblerisch einen kleinen Ball von der einen in die andere Hand und schien noch nicht einmal zu bemerken, was er tat. Schon seit dem Morgen war er so gedankenversunken, fast ein wenig traurig, was überhaupt nicht zu seiner sonstigen Lebhaftigkeit passte. Ninári begann, sich um ihn zu sorgen.

Anstatt sich fertig zu machen und ihn zu fragen, ob er mitkommen wollte, trat er hinter ihn und schlang die Arme um ihn. Sacht rieb er seine Wange an der seines Geliebten. "Was hast du, Ta'ari? Du siehst so nachdenklich aus. Ist alles in Ordnung mit dir?"

Laites war in Gedanken verloren, wie er Dai'thi helfen konnte, wie er seine Sorgen um Tarlant zerstreuen konnte. Aber es fiel ihm nichts ein, denn sich nicht zu melden, war nicht ihre Art, und er begann, sich selber zu sorgen. "Es ist Tarlant. Sie ist verschwunden, wie es scheint. Seit Dai'thi weiß, dass sie keine richtige Frau ist, hat er nichts mehr von ihr gehört und gesehen. Sie ist verschwunden, und ich mache mir Sorgen. Um beide."

"Sie ist was?" Vor Überraschung wurden Nináris Augen heller. Er ließ Laites los, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich zu ihm. "Tarlant ist was?" Wenn es das war, was er verstanden zu haben glaubte, konnte er das Verhalten seines Bruders mit einem Mal verstehen – und andererseits auch wieder nicht.

Laites lächelte leicht. "Sie ist einmal ein Mann gewesen. Ist sie im Grunde eigentlich noch, wenn man den Körper nimmt, aber ich habe Tarlant noch nie von sich selber nicht als Frau reden hören."

"Oh große Göttin!" Erschrocken sah Ninári ihn an. "Dann verstehe ich! Dann ist es wirklich kein Wunder, dass Dai sich so eigenartig benimmt in letzter Zeit. Dass er mit mir nicht sprechen wollte. Und sie ist weg, sagst du?" Mit einem Mal setzten sich die Puzzlestücke zusammen, rasend schnell und zeichneten ein großes, komplexes Bild, das ihn benommen zurückließ. "Er liebt sie trotzdem. Er versucht sie zu erreichen. Er... oh Göttin, jetzt verstehe ich! Mein großer, unfehlbarer Bruder hält sich für schuldig, gegen die Gebote der Göttin zu verstoßen." Und plötzlich wurde ihm klar, dass es nicht das erste Mal war.

 

Tarlant wünschte sich nun wirklich eine Zigarette. Sie, Finn und Jessi hockten bei LeRoux in einem Büro, das vollgestopft war mit Karten, biochemischen Formeln, Messgeräten, Tafeln, Lesegeräten und Büchern. Sie saßen in tiefen Ledersesseln und hörten mehr oder weniger geduldig zu, wie er erklärte, dass er und seine Schwester beinahe gleich aussahen, sie sich zudem sehr im Aussehen an ihn angepasst hätte.

"Sie wollte auch sonst sein wie ich und hat immer irgendwie versucht, meine Experimente zu kopieren oder in veränderter Form zu verwenden. Ich glaube fast, dass sie den Verträglichkeitschip sehr übertrieben eingesetzt hat. Ich weiß aber nie, wo sie steckt, sie zeigt sich mir schon länger nicht mehr direkt, sondern immer nur über Nachrichten."

"Dann war ich bei ihr angestellt, habe ihr meinen Dank für eine Operation ausgesprochen, die nicht ihr Werk war, sondern das ihres Bruders. Wieso nur tut sie das?"

"Um mich eines Tages zu überholen? Mit dem Ynis Jesmalar war es auch so. Sie hat meine Idee mit den Nanomaschinen augenscheinlich versucht zu kopieren, in ein Heer einzubauen. Zum Glück funktionieren die Maschinen nicht so wie vermutet, sondern vertragen sich nicht mit dem Körper." Müde rieb LeRoux sich die Augen, aber ergriff dann gleich wieder eines der Lesegeräte, um Jessis Daten zu vergleichen.

Tarlant sah, dass er an einer Narkose rechnete und bemerkte, dass er in seinem Raum auch einiges an Informationen über gerade diese kleinen Maschinen in Jessi hatte. "Kann man Jessi also wirklich unabhängig machen von dem Hivosh?"

"Natürlich, natürlich... Wie viel er wohl wiegt? Na, sagen wir 45 kg oder vielleicht 50? Hm, ich denke, dass für ihn eine Drittelportion reichen wird, sehr schön. Jessi, schau mich mal an, hmhm... ja, ach Tarlant, Liebes. Wenn ich ihn gleich operieren werde, müsste ich meinen Assistenten haben, können Sie so freundlich sein, ihn zu rufen?"

Tarlant stand langsam auf. LeRoux war tatsächlich schon über das Thema hinaus, hatte es abgehakt. Sie fühlte sich hilflos, nickte nur, legte Jessi kurz einen Hand auf die Schulter, um dann hinaus zu gehen, wo sie den Aufenthaltsraum der Assistenten vermutete.

Finn fühlte sich elend. Er begann, Angst um Jessi zu bekommen, während er beobachtete, wie LeRoux seine kleinen, hellen Hände über dessen Arme, seinen Hals und das Gesicht streifen ließ. /Aber kein Hivosh mehr, das war doch unser Traum. Aber andererseits... was will er damit erreichen? Für sich?/

Er wagte es nicht, diese Frage zu stellen, sondern zog Jessi dichter an sich und streichelte ihm über den Rücken, versuchte, ihn nicht merken zu lassen, wie viele Sorgen seinen Kopf schmerzen ließen.

Die ruhigen Bahnen, die Finns Hand auf seinem Rücken zog, schenkten Jessi etwas Trost. LeRoux hatte nicht gefragt, ob er überhaupt operiert werden wollte, so wie er nie fragte. Für ihn war alles ein Experiment, dass er mit seinen Kreationen anstellen konnte. Ein Experiment, auf das er das Recht zu haben meinte. Ob es jetzt er oder seine Schwester war, es machte keinen Unterschied. Und Jessi hatte nicht die Kraft davonzulaufen; wann immer er daran dachte, schaltete sich sein Programm dazwischen.

Finns Gegenwart arbeitete eher noch dagegen, dass er endlich handeln konnte. Finn hatte ihn immer beschützt, und sein Vertrauen zu dem Kater, von dem er gedacht hatte, es wäre nicht wirklich vorhanden oder doch nur sehr gering, trug dazu bei, dass er sich bei ihm sicherer fühlte, als sein Verstand ihm sagte, dass er war. Doch es schraubte seine Angst hinunter und ließ sie nicht in einem Maß anwachsen, dass sie das Programm blockieren konnte.

Er schauderte, als die kühlen, dünnen Finger des Doktors ihn wieder untersuchten, und drückte sich enger an seinen Freund. /Was will er damit erreichen? LeRoux macht niemals etwas ohne Grund. Was will er von mir? Was will er anschließend mit mir machen? Will er mir überhaupt helfen? Oder baut er mir etwas vollkommen anderes ein?/ Er betrachtete das spitze Gesicht mit den auffallend blauen Augen und dem schmalen, kleinen Mund. Die schwarzen Haare ließen es noch blasser wirken, als es ohnehin schon war, und die Brille trug dazu bei, dass er wie ein Gelehrter wirkte, der nie aus seinem Labor und hinter seinem Schreibtisch hervor kam.

"Und was... was wollen Sie dann von mir, wenn Sie fertig sind?", wagte er schließlich zu fragen.

LeRoux lächelte leicht. "Gar nichts, Kleiner. Ich will nur den Chip einbauen und dann die Einstellungen überprüfen. Wenn alles gut funktioniert, wessen ich mir eigentlich sicher bin, dann kannst du in einigen Tagen wieder gehen. Alles, was du bis dahin tun musst, ist den Chip gut annehmen." Er kratzte sich mit einem Stift an der Schläfe und vervollständigte seine Berechnungen. "Natürlich werde ich die Operation aufnehmen und auf dem nächsten Kongress vorführen, aber darum musst du dich nicht sorgen."

Jessi nickte verzagt, während sich in ihm Hoffnung, Zweifel und Angst um den besten Platz in ihm stritten.

Tarlant hatte den Assistenten von LeRoux in einem kleineren Labor gefunden, wo dieser ebenfalls in Berechnungen vertieft war. Als er zu LeRoux, Finn und Jessi in den Raum trat, wurde aus dem müden, blassen Mann allerdings mit einem Mal ein leidenschaftlicher Wissenschaftler. "Doktor! Ein Ynis Jesmalar! Wo ist er hergekommen!? Ich habe mir damals solche Vorwürfe gemacht, dass sie mir alle entkommen sind." Erneut wurde Jessi begutachtet, während LeRoux ihm in einer verwirrend Anordnung die Dinge in Auftrag gab, die er besorgen und vorbereiten sollte.

Tarlant und Finn wurden aufgeregt in einen Warteraum befördert, während der Assistent Jessi für den Eingriff vorbereiten wollte. Tarlant fühlte sich, als hätte sie vollkommen versagt, immerhin hatte sie es nicht einmal geschafft, zu ihren Konten, zu der Insel, zu ihren Anliegen nachzufragen. "Finn, es tut mir so leid, ich hätte euch gern anders und mehr geholfen."

Finn drehte kleine Kreise um die Sessel herum, seine Krallen waren ausgefahren, seine Haltung drückte seine Anspannung nur zum Teil aus. Als Tarlant ihn ansprach, fauchte er, weil er sich erschrocken hatte, aber fing sich recht schnell wieder. "Tarlant, vergiss es. Du kannst eben auch nicht gegen ihn ankommen. Außerdem kannst du ihn in den nächsten zwei Tagen noch genug löchern."

Tarlant wollte etwas erwidern, aber er konnte es nicht mehr aushalten. Mit einem Satz war er zur Tür raus und stürzte in den Raum, in dem Jessi gerade auf eine Liege klettern sollte. "Ich lass ihn nicht allein da reingehen!"

Jessi fuhr erschrocken herum, sah das gesträubte Fell seines Katers und ließ die Liege erst einmal Liege sein, um zu ihm zu laufen und ihm um den Hals zu fallen. Er umarmte ihn fest und vergrub sein Gesicht in dem weichen Fell, wie er es so gerne tat. Finns Sorge tat ihm wohl, auch wenn er nicht wollte, dass er Angst um ihn hatte. /Es hat eh keinen Zweck mehr. Ich komme auf diesen Tisch, ob ich will oder nicht. Ich kann mich nicht wehren, und du kannst auch nichts dagegen tun, mein Katerchen./

Er sah zu ihm hoch und in die besorgten, eisblauen Augen, während er ihm wieder und wieder über den Rücken streichelte.

"Willst du bei mir bleiben?", fragte er leise und war ihm unendlich dankbar dafür, dass er hier war. "Ich habe auch Angst, aber wenn es klappt und wenn es wirklich so ist, wie er sagt, dann wäre ich... dann müsste ich nicht mehr stehlen. Und du nicht mehr für mich zahlen. Und ich könnte gehen und kommen wie ich wollte... und..."

"Ich bleibe bei dir, da lasse ich dich nicht allein reingehen."

"Finn, du hast mir erzählt, dass die Operation nicht sicher ist", flüsterte Jessi und hielt den Blick des Katers fest, hielt sich daran fest. "Der Doktor meint, es sei nicht schwer. Aber falls... falls etwas schief geht... möchte ich es dir zumindest einmal gesagt haben, Finn. Damit du es ganz sicher weißt." Er reckte sich ein wenig, um den Kater küssen zu können, kurz nur, weil so viele Leute noch im Raum waren. "Ich liebe dich."

Finn drückte ihn noch einmal fest an sich. "Ich liebe dich auch, Püppchen. Du kommst natürlich vollkommen gesund da wieder raus, mein Schatz. So einen Chip trage ich doch auch, mach dir keine Sorgen. Du wirst einfach schlafen, und wenn du aufwachst, ist alles vorbei, und ich bin bei dir."

Der Assistent unterbrach sie, indem er Jessi zur Liege bat und ihm Tropfen zu Trinken gab. Dann erklärte er monoton, wie der Eingriff ablaufen würde. "Wir werden mit einer Überdosis Hivosh 73 und unter Kälte die Nanomaschinen stoppen, dann legen wir deine Versorgung extern, während wir am Hals einen Schnitt machen, um den Chip einzusetzen, etwa dort. Anschließend erwärmen wir dich langsam und warten, bis Hivosh seine Wirkung verliert. Du wirst vielleicht noch einige Tage schlafen. Wenn du erwachst, sollte der Chip die Maschinen in ihrer Funktion kontrollieren, so dass es sein kann, dass Verletzungen nicht mehr so schnell heilen, wie du es gewohnt sein wirst. Auch kann es gut sein, dass du eine Narbe von der Operation behältst. Deine Haare werden wir auf dieser Seite ein wenig entfernen, um das Gebiet sauber zu halten. Gleich wirst du müde werden, leg dich bitte hin. Der Kater wird mit mir und dem Doktor mitkommen, er wird dabei sein, wenn es unbedingt sein muss."

Finn schluckte, aber ließ Jessis Hand los, damit sein kleiner Schatz sich hinlegen konnte. Der Kopf wurde auf der linken Seite von den Haaren befreit; es sah merkwürdig aus, und Finn wurde von dem Assistenten zu einem Umkleideraum gebracht, während ein weiterer Assistent Jessi mit der Liege zum Saal fuhr.

/Schlafen. Einige Tage sogar./ Jessi sah zu der Decke empor, die langsam an ihm vorbeizog, auf kalte Neonröhren und steriles Weiß und spürte schmerzlich, dass Finn nicht da war. /Und wenn es nicht klappt? Wenn der Doktor mich angelogen hat? Er hat schon so oft gelogen. Wenn sie jetzt Finn wegbringen, damit sie auch mit ihm Versuche machen können?/

Seine Angst wuchs plötzlich in schwindelerregende Höhe. Doch als sie gerade den Punkt erreichte, den er herbeigesehnt hatte, als er gerade merkte, dass er aufstehen und weglaufen konnte, begann das Betäubungsmittel zu wirken. Und dagegen, dass sein Bewusstsein wegdriftete, dagegen half die Angst nicht.


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig