Kemjalas Plan

31.

Tarlant kehrte in das kleine Gästezimmer zurück und war zufrieden. Zum ersten Mal seit einiger Zeit fühlte sie den brennenden Schmerz, weil sie Dai'thi noch immer so sehr vermisste, nicht mehr so stark. LeRoux hatte sich tatsächlich die Zeit genommen, ihr die Vollmachten zu geben, damit sie sich um die verbliebenen Kreationen kümmern konnte.

Er hatte sie zu der Eigentümerin von Jessi gemacht, was sie dazu genutzt hatte, Jessis Besitzurkunde gleich an Finn weiterzugeben. Nun war sie zwar müde, denn es war nun ein wirklich langer Tag gewesen, aber sie hatte endlich ein Ziel in ihrem Leben.

Erleichtert, dass nicht er, sondern seine Schwester all diese Dinge in die Wege geleitet hatte, dass die Insel und die Kreationen ihm wichtig waren, nun da er davon erfahren hatte, und dass er ihr versprochen hatte, sie und die Wesen zu beschützen, ließ sie sich auf ihr Bett fallen und schlief vollkommen erschöpft in ihrer Kleidung ein.

 

Finn hielt Jessis Hand noch immer. Schon längst war er eingeschlafen, sein Kopf ruhte auf dem Arm neben Jessis halbrasierten Kopf. Die Haare wurden von den Maschinchen aufgebracht ersetzt und waren schon auf eine gehörige Länge angewachsen. Doch Jessi erwachte nicht, sah seit dem Tag des Eingriffs fahl aus, die farblosen Lippen waren leicht geöffnet, und der Atem ging flach und schnell.

Ein Auslasstest mit Hivosh hatte begonnen, und Finn hoffte, dass Jessi dieses Zeug wirklich nicht mehr brauchen würde. Bislang war der kleine Dieb symptomfrei, keinerlei Krämpfe zeigten sich, die Temperatur blieb gleich, und seine Haut zeigte auch keine Veränderungen.

Finn weigerte sich dennoch zu gehen, er wollte da sein, wenn Jessi wach wurde. Er wollte gleich sehen, wie es um ihn stand. Selbst im Schlaf ließ er die kleine Hand nicht gehen, knurrte die Pfleger an, wenn sie dem Bett zu nahe kamen.

 

Das Nichts um Jessi wich mit einem grollenden Laut langsam einem halbwachen Dämmerzustand, aus dem er immer weiter empor zu driften begann. Er bemerkte seinen Atem, gleichmäßig und stetig, mit jedem Zug tiefer werdend. Er schien ein eigenartiges Echo zu haben, doch dann wurde ihm bewusst, dass dieses Echo einen anderen Rhythmus hatte und nicht zu ihm gehörte. Sein Herz pochte regelmäßig in seinen Ohren, er konnte es hören. Wärme hüllte ihn ein, ausgehend von dem leichten Druck seiner linken Hand und einem vertrauten Geruch.

/Ich lebe/, war sein erster bewusster Gedanke. Eine Weile konzentrierte er sich nur darauf, bis er feststellte, dass er sich auch nicht anders fühlte als sonst. Nichts schien sich verändert zu haben, außer, dass ihm leicht übel war. Vorsichtig wackelte er mit den Zehen, und als auch das funktionierte, blinzelte er scheu.

Das Licht war gedämpft und stach ihm deswegen nicht in die Augen. Unsicher hob Jessi seine freie Hand und betrachtete sie. Nach wie vor sahneweiße Haut, fünf Finger. /Sahne. Finn!/ Das leise Schnurren an seiner Seite, der Duft waren vertraut. Vorsichtig wandte er den Kopf. Ein Lächeln glitt über seine Lippen, als er direkt neben sich den Kater entdeckte. /Er ist hier, bei mir./

Sein Gesicht war ruhig, wirkte aber auch im Schlaf noch leicht angespannt und erschöpft. Sacht strich Jessi ihm über die Wange, zeichnete die geraden Brauen mit einer Fingerspitze nach, fuhr die Nase entlang und folgte dann der Form des schönen Mundes. /Warst du die ganze Zeit bei mir, mein Kater? Wie lange habe ich geschlafen?/

Finn zuckte zusammen und unterdrückte ein Gähnen. Jemand berührte ihn, das störte. Leise knurrend machte er eine Abwehrbewegung, dann erst erinnerte er sich und öffnete die Augen. "Jessi..." Seine Stimme klang heiser, und er hustete einmal, dann wiederholte er den Namen "Jessi? Bist du wach?" Sein Schatz hatte zumindest die Augen offen. Alles wirkte, als habe er den Eingriff gut überstanden.

Jessi lachte leise und fühlte seinen Magen leicht rebellieren. "Wenn ich nicht von dir träume, muss ich wohl wach sein. Mir ist schlecht. Geht es dir gut? Wie lange habe ich geschlafen? Hat alles funktioniert? Habe ich jetzt den Chip?"

Finn nickte und fuhr sich mit den Fingern einmal über das Gesicht, um die Müdigkeit zu vertreiben. "Du hast den Chip, am Hals müsste die Narbe noch zu tasten sein. Du hast seit drei Tagen eine Unterdosis an Hivosh, sprich, dein Körper ist schon auf etwa 10 Prozent von der ursprünglich benötigten Dosis, soweit scheinst du es gut auszuhalten."

Er stand auf und streckte sich einmal, dann holte er Jessi etwas zu trinken. "Dir ist bestimmt übel, weil du seit vier Tagen nichts mehr gegessen hast. Du darfst nur Wasser trinken, aber nachher kommt LeRoux vorbei und schaut nach dir, dann darfst du sicherlich mehr haben." Vorsichtig reichte er Jessi den Becher und legte den Arm hinter seinen Kopf. "Bin ich froh, dass du wach bist, Liebling." Rasch schob Finn sein Gesicht gegen Jessis Haare.

Jessi stellte den Becher erst einmal ein wenig ungeschickt auf ein Tischchen direkt neben seinem Bett, obwohl er wirklich furchtbar Durst hatte, drehte sich zu Finn und schlang die Arme um ihn. "Und du warst die ganze Zeit über bei mir? Und hast dich die ganze Zeit gesorgt..." Sacht streichelte er ihm über die wirren Haare und küsste seine Schläfe. "Danke, Kater", sagte er leise und etwas heiser.

Finn nickte leicht. "Ich hab dir doch versprochen, dass ich auf dich Acht gebe." Er erklärte Jessi, dass geplant worden war, Jessi, ihn und Tarlant nach noch einem oder zwei weiteren Tagen wieder aus dem Herzen zu bringen. "Der Doktor will uns sein Zimmer in der Suite geben, bis du gesund bist. Das einzige, was er noch will, ist einige Tests mit dir machen. Sobald die Icesior anhält, können wir uns auf dem Heimweg machen, dann stelle ich dir meinen Besitzer vor."

 

/Noch immer keine Nachricht von ihr! Seit vier Tagen nichts!/ Dai'thi fühlte sich der Verzweiflung nahe. Er hatte Tarlant mehrfach Nachrichten auf dem Computer hinterlassen, hatte ihr einen Zettel unter ihrer Zimmertür durch geschoben, hatte einen Brief in der Arche hinterlegt. Wieder und wieder hatte er die Plätze abgesucht, an denen sie gemeinsam gewesen waren; er zuckte nervös zusammen, wenn in den Nachrichten von Selbstmorden berichtet wurde und war jedes Mal grenzenlos erleichtert, wenn es nicht sie war.

Nicht einmal das regelmäßige Training half ihm noch, seine Sorge zu unterdrücken. /Sie kann doch nicht einfach weg sein!/, sagte er sich zum wiederholten Mal vor, während er das heiße Wasser der Dusche über seinen Körper prasseln ließ, um seine ermüdeten, angespannten Muskeln zu lockern und den Schweiß wegzuspülen.

'Unkonzentriert, aber dafür aggressiv', hatte ihm heute sein Partner vorgeworfen und ihn damit unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückbefördert. Die Zweililien war keine Waffe, bei der man in Gedanken versinken sollte, wenn man sich und den Partner nicht verletzen wollte.

Dai'thi hatte sich entschuldigt und den Kampf abgebrochen. Es hatte keinen Zweck. Mittlerweile war er soweit, dass er ruhelos durch die Straßen strich, in der Hoffnung, Tarlant durch Zufall zu begegnen. Die Icesior konnte sie noch nicht verlassen haben, schließlich hatte das Schiff noch nirgends Halt gemacht. Er fürchtete diesen Tag herbei, sollte er bis dahin immer noch kein Zeichen seiner Ta'ari haben. /Was, wenn sie mich nicht wiedersehen will? Aber sie hat gesagt, sie wartet auf meine Antwort. Wenn sie einen Unfall hatte?/

Selbst eine Vermisstenmeldung hatte er aufgeben wollen, doch man hatte ihn nur spitz gefragt, in welchem Verhältnis er zu der vermissten Person stehen würde, ob er mit ihr verwandt, verheiratet oder ihr Arbeitgeber sei, und als er alles verneint hatte, hatte man ihm erklärt, er habe kein Recht darauf.

Frustriert drehte er das Wasser aus, trocknete sich ab und zog sich wieder an, während er in Gedanken eine neue Möglichkeit suchte, sie zu finden. /Hör auf damit, wenn sie weg ist, wird sie einen Grund dafür haben/, versuchte er sich einzureden, was mit jedem Tag schwerer wurde. /Vielleicht will sie einfach Abstand gewinnen?/ Aber vielleicht war ihr wirklich etwas passiert. Vielleicht brauchte sie Hilfe, vielleicht...

"Dai?" Die unerwartete Stimme seines Bruders riss ihn aus seinen Gedanken, überrascht hob er den Kopf. "Nin, was machst du denn hier?" Er lachte, auch wenn er sich nicht danach fühlte. "Und dann auch noch ohne deinen Schatten."

"Der ist im Tempel. Wenn das so weitergeht, wird er ein besserer Priester als ich. Auf jeden Fall kann er die Chem'chikai schon besser spielen als ich." Ninári grinste. "Ich bin eigentlich hier vorbeigekommen, um dich zu fragen, ob du Zeit für deinen kleinen Bruder hast. Bevor du wieder verschwunden bist. Aber da mir gesagt wurde, dass du das Training frühzeitig beendet hast, dachte ich, könnte ich sie dir jetzt möglicherweise gleich stehlen?"

Trotz des scherzhaften Tons sah Dai'thi, wie ernst es ihm war; seine Augen waren eine Nuance zu dunkel und hatten einen leichten Blaustich, wie immer, wenn er sich Sorgen machte. Er seufzte leise und nickte. Ihm war durchaus bewusst, dass sein Verhalten nicht gerade dazu angetan war, seinen Bruder zu beruhigen. Und da seine Anfälle auch noch nicht so lange vorbei waren...

Überrascht stellte er fest, dass sie trotz der Situation, in der er sich befand, trotz der Entscheidung, die er getroffen hatte, nicht wieder begonnen hatten. "Lass uns durch den Park des Trainingscenters gehen."

Während sie gemeinsam über idyllische Sandwege schlenderten, vorbei an kleinen, dekorativen Teichen und unter alten Bäumen entlang, berichtete Ninári ihm davon, was er mit der Hohen Schwester besprochen hatte, dass er wahrscheinlich den Tempel wechseln würde, von Vash'esi weg hin zu einem auf Koranai, der in einem sehr abgelegenen Landstrich lag und der seine Pforten den eher ungewöhnlichen und freieren Lehren geöffnet hatte. Die Schwestern der Icesior standen in engem Kontakt mit denen jenes Tempels, jedoch drang dieses besondere Geheimnis nicht zu den offiziellen Tempeln der Drei vor.

Dai'thi hörte ihm zu, stellte Fragen und spürte, wie er sich in der Gegenwart seines Bruders mehr und mehr entspannte. Er ertappte sich bei dem Gedanken, dass er ihm gerne alles über Tarlant und sich erzählt hätte, über sein Problem, darüber, wie sehr er sich sorgte, dass sie verschwunden war. Er wollte ihn um Rat fragen, wollte sich einfach nur alles von der Seele reden, doch gleichzeitig wusste er, dass er schweigen würde, weil er Tarlant nicht verraten wollte.

Als Ninári fertig war, herrschte eine Weile Schweigen. Dai'thi genoss die frische Luft und die Ruhe in dem grünen Zwielicht des kleinen Waldes, durch den sie liefen, das Knirschen ihrer Schritte auf dem unbefestigten Weg und die vielfältigen Stimmen der Vögel, während er sich gleichzeitig jedoch wünschte, dass auch Tarlant an seiner Seite wäre.

"Was wirst du tun, wenn sie wieder da ist?" Die Frage riss ihn aus seinem Grübeln und erschreckte ihn. Er warf seinem Bruder einen hastigen Seitenblick zu, doch dieser sah ihn nicht an, beobachtete einen gelben Schmetterling, der an ihnen vorbeigaukelte.

"Du liebst sie." Ninári lächelte leicht. "Gleichgültig, was sie ist, nicht wahr?" Erst jetzt blieb er stehen und wandte sich Dai'thi zu, schaute ihm offen in die Augen. "Ja, ich weiß, was sie ist. Laites hat es mir gesagt, weil er sich Sorgen macht, um sie und um dich. Und ich mache mir auch Sorgen. Du sprichst mit niemandem, weil du niemanden in Verruf bringen willst. Es ist das gleiche wie schon einmal. Dai, wie soll ich dir helfen, wie soll ich für dich da sein, wenn du dich abwendest? Du bist mein Bruder, und ich liebe dich, egal was ist. Meine Ta'ari ist ebenfalls ein Mann. Wieso sollte ich dich verachten, wenn du das gleiche empfindest wie ich? Tarlant – sie ist so weiblich, wie es nur sein kann. Niemand hätte sie für einen Mann gehalten. Du hast sie als Frau geliebt, du liebst sie als Mann und als alles dazwischen, ist es nicht so? Und ist dies nicht das Wesen der Liebe? Ist es nicht das, was die Göttin will? Ist nicht die Liebe ihr größtes Geschenk, gleichgültig, wem sie gegeben wird?"

Fassungslos rang Dai'thi um Worte, doch er fand keine, und Ninári redete weiter, als würde er all das, was ihm die letzten Tage auf der Seele gebrannt hatte, vor ihm ausschütten, all seine Sorge, all seine Zuneigung, all seinen Rückhalt für ihn. "Und reicht es nicht, dass du dich um sie sorgst, weil sie weg ist? Musst du auch noch alles nur auf deine Schultern laden? Immer versuchst du es! Immer und immer wieder versuchst du, alle in deiner Umgebung zu schützen, festzuhalten und zu tragen. Von ihnen fern zu halten, was sie verängstigen, was ihnen gefährlich werden könnte, ohne Rücksicht auf dich selber. Du schweigst, damit niemand verletzt wird und übersiehst, dass es dich selber verletzt. Und dass es in deiner Nähe Leute gibt, die auch dir einmal helfen wollen." Ninári holte erregt Atem, schien weiterreden zu wollen und verstummte dann verschämt. "Ich wollte dir keine Predigt halten. Es tut mir leid. Ich wollte eigentlich nur..."

Weiter kam er nicht. Dai'thi zog ihn an sich und drückte ihn. Er wollte sich bedanken, wollte ihm sagen, wie viel es ihm bedeutete, doch stattdessen begann er zu erzählen. Ninári zog ihn zu einem Haufen am Wegrand gelagerter Baumstämme, wo sie sich Arm in Arm hinsetzten, und Dai'thi redete, redete immer weiter, bis er ihm die Worte ausgingen, und er das erste Mal seit Jahren weinte. Ninári hielt ihn, streichelte ihn und war einfach für ihn da.

 

Finn setzte Jessi auf dem weichen, geradezu monströs großen Bett ab und schlug ihm gleich die Decken auf, um ihn erneut zuzudecken. Die Gondelfahrt war lang und langweilig gewesen, er hatte sie hauptsächlich dazu genutzt, Jessi im Arm zu halten, und um mit Tarlant über dessen und seine eigene Zukunft zu reden. Sein kleiner Schatz war gerade einmal zwei Tage wieder wach, aber schon viel zu kribbelig und krabbelig, um sich die Ruhe zu gönnen, die er eigentlich brauchte.

Nachdenklich erinnerte Finn sich daran, wie LeRoux ihm in einem der vielen hektischen Gespräche erklärt hatte, warum Jessi sich selbst unfähig zu Sex oder Liebe gehalten hatte. Es lag daran, dass beides bei ihm nur zusammen funktionierte. Dummerweise verspürte er ohne Liebe keine Lust auf Sex und kam aber ohne den Sex nicht darauf, dass er jemanden lieben konnte. Bei Jessis Blicken und Gesten, mit denen der kleine Dieb ihm seine Zuneigung deutlich machte, wurde ihm mit diesem Wissen über die Gefühle der Kreation erst Recht warm.

Mit einem strengen Blick schob er ihn unter die Decken und zog diese bis unter die vorwitzige Stupsnase hoch. "Liebling, ich gehe nun los und hole einige meiner Sachen. Bestell dir zu essen, was du willst, scheu dich nicht, wenn es teuer ist; du weißt ja, dass es bezahlt wird vom Doktor."

Er küsste Jessi auf die Stirn und verabschiedete sich vor der Tür des Zimmers dann von Tarlant, die erfahren hatte, dass die Icesior recht bald ihren Bestimmungsort erreichen würde. Rasch trennten sich ihre Wege. Finn wollte zum anderen Hotel, und Tarlant musste ihre Stelle in der Arche kündigen, um ihr Zimmer in dem teuren Hotel wieder zu beziehen.

Vor der Tür zu dem kleinen Hotelzimmer dachte Finn darüber nach, dass LeRoux, den er so oft versucht hatte umzubringen, nun seinen Schatz gerettet hatte. Wenn auch nicht nur aus selbstlosen Motiven heraus, so doch in einer freundlich besorgten Art. Finn beschloss, zum ersten Mal in seinem Leben einem Besitzer zu widersprechen. Mit Schwung öffnete er die Tür zum Hotelzimmer, seine Laune konnte wirklich nicht mehr besser sein.

Dai'thi saß an dem Tisch, hatte seinen Computer vor sich liegen, starrte diesen an und sah kaum auf, als der Kater den Raum betrat. "Hallo."

Finn nickte ihm nur zu und kramte seine Sachen aus dem Schrank. "Ich werde auschecken, das Bett wird aber vermutlich frei bleiben. Tarlant hat mir gesagt, dass die Icesior anlegen wird, innerhalb der nächsten zwei Tage."

"Tarlant?" Dai'thi hob ruckartig den Kopf, während sein Herz in ein unverhältnismäßig hartes Staccato überging. "Du hast Tarlant in den letzten Tagen gesehen? Wo ist sie!? Geht es ihr gut?"

Finn nickte und suchte ein kurzarmiges Hemdchen und eine Hose von Jessi aus seinem Bett. "Sie hat meinem Freund geholfen, einen Termin bei Doktor LeRoux zu bekommen. Der Doktor hat Jessi operiert, und er hat Tarlant wieder eingestellt. Es scheint ein Missverständnis gewesen zu sein. Sie wohnt wieder in dem alten Hotel, in dem sie ursprünglich wohnen sollte."

Dai'thi spürte, wie ihm die Erleichterung alle Kraft raubte. /Dankedankedanke/, dachte er nur immer und immer wieder, während er wie blind auf den Tisch starrte. /Ihr geht es gut, sie lebt, sie ist sogar wieder eingestellt./ Er atmete tief durch und klappte seinen Computer zu, ehe er aufstand. "Danke, Finn." Während er ihn zurück in den Schrank räumte, sah er über die Schulter zu dem Kater. "Seid ihr schon lange da?" /Wie lange braucht sie, um sich abzumelden, um sich in dem anderen Hotel einzurichten? Soll ich warten, bis sie sich meldet? Immerhin habe ich ihr einige Nachrichten geschickt. Wird sie warten?/

"Seit nicht zu langer Zeit. Sie wollte ihre Sachen packen, wird vermutlich in der Arche sein." Es war Finn eigentlich auch egal, er hatte wichtigere Dinge zu entscheiden. Wie zum Beispiel, ob er Jessi jemals wieder sein Kopftuch zurückgeben würde. Eigentlich wollte er ihn nie wieder in diesen schrecklichen Sachen sehen. /Ob ich ihm neue Kleidung kaufen sollte? Aber er würde sie nicht anziehen, er ist bockig, wenn es darum geht./ In Gedanken vertieft wanderte er in das Bad, um dort nach seiner Fellpflege zu suchen.

Dai'thi entschied sich für die schwere Aufgabe, noch mindestens drei Stunden zu warten, ehe er ihr auch nur eine neue Nachricht schickte. Sie würde Zeit brauchen, sie würde... Er bemerkte seine Inkonsequenz in dem Moment, in dem sich die Tür des Hotelzimmers leise zischend hinter ihm schloss und er den Korridor mehr hinunter rannte, als dass er ging.

 

Tarlant öffnete die Tür zu ihrem Zimmer und wurde von Erinnerungen erschlagen. Die Blumen glommen in der Wasserschale auf dem Couchtisch, auf dem Bett lag der Bademantel, auf dem Nachttisch das Lesegerät, mit dem sie die Sprache der Kemjasheri'i gelernt hatte.

Schwäche überfiel Tarlant angesichts dieser Dinge, und ermattet zog sie sich aus, warf die Kleidung ungeordnet in ihre Tasche, um in die Dusche zu gehen. Sie ließ das heiße Wasser lange über sich laufen. Dann kämmte sie sich die Haare streng aus dem Gesicht, zog den Bademantel über und begann, die Kleidung in ihre Taschen zu räumen, nicht fähig einen normalen Gedanken zu fassen, der nicht mit Dai'thi endete.


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig