Kemjalas Plan

37.

Willenlos ließ Laites sich mitnehmen, das Wort Tarlant half ihm, sich auf den Beinen zu halten.

Laites fest in den Arm geschlossen, ging Ninári erneut zu den Toren des Hotels, die ihm von einem ein wenig mitleidig aussehenden Pagen geöffnet wurden, und trat in die kühle Hotelhalle. Dankbar erinnerte er sich an Dai'this Überschwang, mit dem sein Bruder ihm haarklein erklärt hatte, wo Tarlant wohnte.

Die Fahrt mit dem Aufzug, während der sich Laites so erschöpft an ihn lehnte, ohne auch nur einen Funken seiner Fröhlichkeit und seiner Lebhaftigkeit zu zeigen, erschien ihm zu lang, ebenso wie der Weg durch den geschmackvollen, luxuriösen Flur, der zu Tarlants Zimmer führte. Stumm betete er, dass Tarlant da war und dass sie wirklich helfen konnte. Sie hatte gesagt, er würde Zeit und Geduld brauchen, aber er fühlte sich so hilflos und so voller Angst. Er wollte nicht, dass Laites leiden musste und konnte doch nur wenig tun. Energischer, als er sich fühlte, klopfte er an.

Tarlant summte ein Lied mit dem Übertragungsgerät mit und zuckte leicht zusammen, als es an der Tür klopfte. Sie warf einen Blick auf Dai'thi, aber der hob nur die Schultern und legte sein Lesegerät nieder, während sie öffnete.

Ninári stand davor mit einem vollkommen verstörten Laites im Arm. Der kleine Kater weinte und wirkte entfernt, nicht ansprechbar. Erschrocken öffnete Tarlant die Tür weiter und fragte, während sie Laites mit Nináris Hilfe auf ihr Bett legte, was denn vorgefallen war.

Ninári erklärte es ihr knapp, so weit er es wusste und vermuten konnte, während er sich zu seinem Geliebten ans Bett setzte und dessen zitternde Hände in seine nahm, ihm sacht wieder und wieder über den Kopf streichelte. "Er wollte zu Ihnen, Tarlant. Und ehrlich, ich weiß nicht, was ich sonst tun soll. Ich hatte mir eine Begegnung mit diesem Jarales vollkommen anders vorgestellt. Ich wollte mit ihm reden, aber er... er hat Lai festgehalten und mir vom Wagen aus nur zugewinkt, als wollte er mir zeigen, dass Lai ihm gehört. Aber er gehört ihm nicht! Laites gehört ihm nicht!"

Eine warme, schwere Hand legte sich auf seine Schultern und drückte ihn beruhigend, als Dai'thi zu ihm trat; Ninári war dankbar über dessen Nähe, als etwas von dessen Sicherheit und Stärke auf ihn überzufließen schien. "Können Sie ihm nicht helfen, Sha'aina? Bitte..." Er wollte alles tun, nur damit es Lai wieder besser ging.

Tarlant seufzte leise und nickte. "Wartet doch auf dem Balkon auf mich. Ich denke schon, dass ich helfen kann."

Ninári nickte, doch er wollte sich nicht von Laites wegbewegen, wollte ihn nicht allein lassen, bis ihn Dai'thi bei den Schultern packte und ihn zum Aufstehen regelrecht zwang. Er wollte widersprechen, doch Dai'thi schob ihn ungerührt zum Balkon. "Vertrau ihr, Nin. Wenn sie sagt, wir sollen sie mit ihm allein lassen, dann ist es wichtig. Ich verstehe, wie du dich fühlst, aber es ist das beste für ihn. Und das willst du schließlich."

Tarlant wartete einen Moment lang, bis die beiden außer Sichtweite waren, dann stand sie langsam auf und ging zu ihrer Kommode, um ein flaches, handtellergroßes, silbernes Gerät zwischen der Unterwäsche zu suchen.

Sie streichelte Laites sachte einmal über den Kopf, dann drehte sie sein Gesicht zur Seite und legte die feine Narbe zwischen dem Fellansatz hinter seinem Ohr frei. Sorgfältig programmierte sie das Gerät in ihrer Hand, dann hielt sie es Laites an die Narbe und gab einen kleinen Impuls ab. Sie wartete einen Augenblick lang, dann versuchte sie es in einer anderen Einstellung.

Beim fünften Versuch erst erreichte sie ihn, sein Körper krampfte kurz, und er schrie leise auf. Hastig nahm Tarlant das Gerät fort und hielt ihn fest. Sein Körper wehrte sich nur kurz, dann erwachte Laites und blinzelte verstört in ihr Gesicht. "Tarlant?"

"Ich bin da, Laites. Was hast du für Unsinn angestellt?" Sie strich ihm über den Kopf und wartete, bis er sich erneut erinnerte.

"Was? Wie... Jarales! Moru! Ich muss... Nin!" Laites wollte aufspringen, aber Tarlant hinderte ihn mit sanfter Gewalt. "Sch... Schon gut. Ninári ist hier, und Jarales werden wir gleich anrufen. Bleib ganz ruhig und erzähl, wie du zu dieser grauenhaften Fehlfunktion gekommen bist."

Laites sackte zusammen und erzählte von dem Konflikt, von der Liebe, die er plötzlich gefühlt hatte, von dem Moment, in dem er diese Liebe nicht mehr fühlen wollte, in dem er sich gegen sich selber wenden musste, weil er Jarales nicht liebte. Weil er in Wirklichkeit Angst vor dem jungen Mann bekommen hatte. "... und dann war da Moru, hat er nun uns beide gekauft?"

Tarlant schüttelte den Kopf. "Nein. Er hat dich nicht gekauft, Laites. Es gab den Vertrag, aber er ist nicht dein Besitzer. Ich habe dich Ninári überlassen, als ich gesehen habe, dass es dir gut gehen wird. Willst du denn nicht bei ihm bleiben?"

Laites nagte an seiner Lippe. Es brannte noch immer in ihm, aber er konnte dagegen andenken. "Ich... glaube ja. Ich will bei ihm sein. Wenn Jarales mich nicht will, dann kann ich das auch, nicht wahr?"

"Du kannst dir erwählen, wohin du gehen willst, ganz gleich, was Hifna Jarales denkt, Laites. Dein Programm läuft dagegen, aber seit Finn dich mitgenommen hat, bist du frei."

"Nin ist auch nicht mein Besitzer?" Laites große Augen suchten den Raum nach einer Spur von Ninári ab, um zu Tarlants Gesicht zurückzukehren.

"Nein. Kann er nicht sein, weil du selber dein Besitzer bist. Kannst du das begreifen, Laites? Du bist dein eigener Herr und musst nun dich selber lieben und befolgen, was du dir befiehlst. Kannst du das?"

Laites nagte an seiner Unterlippe und wischte sich schließlich mit zitternden Fingern über die feuchten Wangen. "Ich... kann es versuchen, Tarlant."

Sie lächelte und brachte das Gerät fort. "Ich hoffe, dass du es schaffst, Laites. Ich habe den Chip für eine sehr lange Zeit ausschalten müssen, damit du erwachst; du wirst vermutlich leichte Schmerzen haben. Ist es auszuhalten?"

Laites nickte abwesend. Das dumpfe Brennen, das sich durch seinen kleinen Körper fraß, war nicht angenehm, aber er fühlte sich selber dadurch nur besser. Langsam hob er eine Hand und starrte die zerschrammte Fläche an.

/Ich besitze mich selber? Ich mich? Aber... dann... wenn ich entscheiden kann, wenn ich es sogar muss, was will ich denn dann tun? Was nur? Ninári. Ich will bei Nin bleiben, ich liebe ihn! Mehr als mich selber, mehr als das, was mein Programm mir vorschreiben wollte! Das will ich!/ Mit einem lauten "Ja!" war der Beschluss gefasst. Nun musste Laites sich nur einen Weg erdenken, in dem er Nin um Verzeihung bitten konnte.

/Jedenfalls nicht, indem du zerschrammt, verwuschelt und verheult bist. Das erzeugt Mitleid und kein Verständnis! Schnell, sieh zu, dass das in Ordnung kommt, Laites!/, gab er sich selber seinen ersten Befehl als sein eigener Besitzer.

Mit routinierten Bewegungen leckte er über seine Handflächen, um sein Gesicht und seine Haare nach Katzenart zu putzen, während Tarlant auf die Terrasse zu den beiden Kemjasheri'i trat.

Ninári sah ihr voller Angst entgegen. Mehrfach hatte er einfach nur wieder zurückkehren wollen, doch Dai'thi hatte ihn erfolgreich davon abgehalten, bis Ninári zu beten begonnen hatte, niemals mit mehr Inbrunst, niemals mit mehr Verzweiflung. "Sha'aina, wie geht es ihm? Ist er wieder wach?"

Tarlant nickte leicht und erklärte mit ruhiger Stimme "Es war knapp; man unterschätzt die Kämpfe, die er gegen den Chip ausgetragen hat, von außen her, aber nun ist er wach und wird sich erholen können. Ich hoffe, dass es nicht zu lange dauert. Gehen Sie doch zu ihm, Ninári. Er fragt, schon seit er die Augen aufgetan hat, nach Ihnen."

Für einen Moment fühlte Ninári sich schwindlig und schwach vor Erleichterung. Er stützte sich am Geländer, während er zu Tarlant hinsah und ihr endlich in die grauen Augen, um sie wissen zu lassen, wie ernst es ihm war. "Sha'aina, ich stehe für immer in Ihrer Schuld." Dann stieß er sich ab und rannte mehr, als er ging, in das Appartement zurück.

Sein Geliebter lag auf dem Bett und putzte sich, munter und lebendig und... Mit Herzklopfen blieb er vor ihm stehen, wollte nichts lieber, als ihn in die Arme ziehen und schaute ihn doch einfach nur an, seinen schönen, wundervollen, lebendigen Ta'ari. "Laites... wie fühlst du dich?"

Laites hatte ihn sofort auf sich zurennen sehen und hatte seine Hände sinken lassen, er errötete und senkte den Blick. "Ich... es tut noch ein wenig weh, aber ich... will mich entschuldigen. Ich hätte stärker sein müssen für dich, Nin. Ich hätte es nicht zulassen dürfen, dass ich mich freue, dass ich von dir weglaufe... wie konnte ich nur...!" Er griff krampfhaft in die weiche Tagesdecke, auf der er lag, und wandte sich ab. "Es tut mir so leid, aber ich bin so schwach... viel zu..."

"Ta'ari." Flüchtig wunderte sich Ninári, wie weich seine Stimme klang, voller Liebe und Wärme, und gleichzeitig rau vor Erleichterung. "Du bist nicht schwach! Du bist so stark." Er setzte sich zu ihm auf die Bettkante und beugte sich zu ihm, um ihn zu umarmen, vorsichtig nur, um ihm keine zusätzlichen Schmerzen zu bereiten. Das Gefühl des vertrauten Fells durch den dünnen Stoff, die Wärme seines Körpers, der Atem, sein Herzschlag waren unendlich kostbar für ihn. "Du hast dich gegen den Chip gewehrt, du hast es geschafft, trotz des Programms von diesem Mann wegzugehen!" Ein Schauer lief durch seinen Körper, als er an Tarlants Worte dachte. "Und du lebst. Ich bin so froh, so unsagbar froh..."

Laites seufzte, als der vertraute Geruch ihn wieder umgab, das Gefühl, am richtigen Ort zu sein. Er vergrub sein Gesicht an Nináris Brust und atmete tief ein und aus. Das Brennen in seinem Körper nahm jedoch bei jeder Bewegung wieder zu, und ermattet ließ er sich in die Kissen zurücksinken.

"Ich bin glücklich, weil du hier bist, Nin", flüsterte er heiser und schloss die Augen, atmete flach gegen den Schmerz an. "Bleibst du bei mir? Nur bis ich kräftig genug bin, um aufstehen zu können?" /Ich lebe... ja, Tarlant hat mir einmal gesagt, dass ich sterben kann, wenn ich mich gegen mein Programm entscheide, wenn ich mich wehren will. Sie hat mich gewarnt, dass ich nicht versuchen soll, stark zu sein, weil es mir gehen könnte, wie... Finn! Er... er hat... wie hat er es nur überlebt?!/ Laites' Finger krampften sich in den leichten Stoff von Nináris Hemd, während er aufstöhnend erschauderte und sich auf die Lippen biss.

"Ich bleibe bei dir. Immer." Ninári streichelte sanft Laites' Schultern und versuchte, sich seine wieder erwachende Angst nicht anmerken zu lassen. Hatte Tarlant nicht gesagt, er hätte es überstanden? /Nein, nur dass er sich erholen wird, aber nicht, wie lange es dauert./ Und auch nicht, was dieses Erholen beinhaltete. Vielleicht würde er noch länger leiden müssen. Wie sehr wünschte er sich, es ihm leichter machen, es ihm abnehmen zu können! "Für immer."

Tarlant hatte Ninári einen Moment mit Laites geben wollen, aber trat nun ans Bett, als sie sein Versprechen hörte. Sie lächelte, als sie Laites Gesichtsausdruck sah. Trotz der Schmerzen wirkte er glücklich, umklammerte Nináris Hand, als sei dies sein Rettungsanker.

Leise trat sie noch einen Schritt näher und murmelte "Ich gebe ihm jetzt besser ein Mittel gegen die Schmerzen und zum Schlafen. Bleiben Sie doch einfach hier bei ihm. Die Suite hat noch ein Zimmer, ein Wohnzimmer, aber ich bin mir sicher, dass sich die Liegen ausziehen lassen. Für die letzte Nacht hier für mich wird es gehen."

Ninári nickte. Es gab ohnehin nur sehr wenig, was ihn in diesem Moment von Laites' Seite wegbekommen hätte. "Ich danke Ihnen, Sha'aina", sagte er leise, während er stumm für die abfälligen Dinge um Vergebung bat, die er ab und an gedacht hatte. Sie hatte das Leben seines Ta'ari gerettet, sie hatte seinen Bruder glücklich und gesund gemacht. Er stand tief in ihrer Schuld.

 

Dai'thi wandte sich ab und schloss leise die Tür hinter sich, um Ninári und Laites allein zu lassen. Nin hatte sich zu seinem Geliebten gelegt und hielt ihn weiterhin fest, auch wenn der kleine Kater längst eingeschlafen war. Dai'thi legte einen Arm um Tarlants Taille und drückte sie an sich, während sie gemeinsam zu der ausladenden Couch gingen. "Ich bin so froh, dass du ihm hast helfen können, Ta'ari." Nin so außer sich zu sehen und den kleinen Kater derart leidend, war furchtbar gewesen. "Ich habe Nin noch nie so erlebt. Seine Augen waren schwarz. Er liebt ihn wirklich sehr."

Tarlant nickte und ließ sich mit Dai'thi auf dem Sofa nieder. "Ich bin so froh, dass Laites es so gut übersteht. Er ist schon immer empfindlich gewesen. Ich weiß noch, wie er damals so lange krank war, weil ein Allergieanfall beinahe sein Leben gekostet hat. Ich habe mir wirklich gewünscht, dass er glücklich wird."

Sie umfing Dai'this Finger. "Ich habe es mir für ihn noch mehr gewünscht, als ich es für mich hätte haben wollen." Sie lächelte ihn an. "Und ich bin nun so glücklich, Ta'ari, dass er es einfach werden muss. Ich glaube fest, dass Ninári das schafft."

Dai'thi erwiderte ihr Lächeln voller Zuversicht und drückte sacht ihre Hand. "Wenn es jemand schafft, dann Nin. Schließlich liebt Laites ihn auch sehr. Wenn jemand in der Lage ist, Mut zu geben, dann ist es mein Bruder." Er lachte. "Ich finde es eigenartig, dass du ihn noch immer siezt. Magst du ihm nicht die Möglichkeit geben, dass ihr euch duzt? Immerhin wird er bald dein Schwager sein."

Verwirrt sah Tarlant ihn an, dann begriff sie und nickte. "Ich... vergesse immer wieder, welche Position ich bei euch habe, Ta'ari. Ich werde das gleich nachholen, wenn wir uns später noch einmal unterhalten. Vielleicht können wir ihn ja überreden, Laites für ein Abendessen kurz zu verlassen. Der kleine Kater wird ohnehin bis weit in den nächsten Tag schlafen."

Sie wollte noch etwas zu der Bettensituation hinzufügen, aber ein schrilles Pfeifen brachte sie zum Zusammenfahren. Ihr silbernes Übertragungs- und Lesegerät lag auf dem Couchtisch, es zeigte neben dem Buch über Vash'esi noch, dass jemand versuchte, sie zu erreichen.

Langsam griff sie danach und schaltete den Bildschirm um. LeRoux erschien. Tarlant runzelte die Stirn, denn sie hatte ihn erst am Abend zuvor zu einem kleinen Gespräch getroffen, bei dem er ihr dann die Codes für das Labor übertragen hatte. Diese verwahrte sie in Sicherheit, ebenso wie ihre Kontenzugriffe.

"Tarlant. Es tut mir unendlich leid, aber ich muss um die Codes bitten. Es haben sich Änderungen ergeben." Eine schlanke, helle Hand schob die Brillengläser höher.

Tarlant nickte leicht und erhob sich. "Moment bitte." Das schmale, blasse Gesicht am anderen Ende lächelte ihr zu, dann ging Tarlant zu ihrem Safe und öffnete ihn.

Sie sortierte die Codes, sah sie durch, welche aktuell und welche veraltet waren und wollte sie nach einer kleinen Bemerkung gerade in das Gerät eingeben, als ihr etwas einfiel. "Doktor, wie geht es dem Patienten?"

LeRoux blinzelte irritiert, aber nickte dann und murmelte fahrig "Ganz ausgezeichnet."

Tarlant lächelte und nickte "Da bin ich aber froh. Die Codes werden jetzt übertragen."

LeRoux lächelte nun auch wieder und sagte "Sehr freundlich, Tarlant."

Einen Augenblick später war der Bildschirm schwarz, und Tarlant lehnte sich auf der Couch zurück. "Merkwürdigerweise habe ich den Unterschied nun wirklich gesehen, Dai'thi."

Irritiert sah er sie an. "War das nicht LeRoux? Oder war es LeRoux, und du hast gesehen, dass es nicht seine Schwester war?"

Tarlant rieb sich die Augen. "Ich habe gesehen, dass es nicht LeRoux war. Zudem hab ich die Fangfrage gestellt. Die Brille. LeRoux, der echte, braucht sie wirklich. Er hat eine mit dicken Gläsern, seine Augen sind verzerrt davon, und er zwinkert immer. Und dann... ich hab nach dem Patienten gefragt. Dieser LeRoux wusste nicht, wen ich meine, sonst hätte er, der echte, nämlich zurückgeben müssen, dass er es nicht weiß."

Sie sah Dai'thi ins Gesicht. "Jessi ist mit Finn zusammen in dem Hotelzimmer, aber gestern noch hat er mir erzählt, dass Jessi zu den letzten zwei Untersuchungen des Doktors nicht da war. Der Frechdachs ist getürmt und hatte keine Lust, sich Blut abnehmen zu lassen, um die Maschinchen zu testen."

Dai'thi musste lachen, doch schnell wurde er wieder ernst. "Dann war das also die falsche LeRoux, der du so viel Kummer zu verdanken hast." Seine Augen verdunkelten sich wütend, als er daran dachte, dass die Frau, wegen der seine Ta'ari so sehr hatte leiden müssen, frei und reich und vermutlich sogar glücklich war. "Warum hast du nichts gesagt? Und was hast du ihr gegeben? Die Codes doch wohl kaum."

Tarlant lächelte und sagte "Nein, ich habe einige der Schimpfworte weitergegeben, die du mich gelehrt hast. Mal sehen, wie lange es braucht, bis sie es merkt." Mit einer kleinen Handbewegung schaltete Tarlant ihr Empfangsgerät aus und kuschelte sich an ihn. "Aber wenn, dann bin ich nicht mehr zu sprechen. Ich habe etwas viel, viel Wichtigeres vor heute." Sie sah ihm in die Augen. "Sehr viel wichtiger, Ta'ari."

Dai'thi lachte und nahm sie in den Arm, während er die warme Flutwelle an Liebe für Tarlant spürte, die durch ihn hindurchbrandete. "Ich wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, diese Frau aus dem Verkehr zu ziehen. Aber für den Moment bin ich durchaus damit zufrieden, mir von den wirklich wichtigen Dingen erzählen zu lassen, die du heute noch vor hast. Und dich natürlich tatkräftig zu unterstützen, wie es sich für einen folgsamen Verlobten ziemt."

 

Laites wachte auf und konnte sich einige Momente lang nicht entsinnen, wo er war und wie er dorthin gekommen war. Er hatte doch sonst immer an Ninári gekuschelt geschlafen, nun konnte er ihn nicht spüren.

Sein Körper fühlte sich an wie nach einem besonders schlimmen Anfall. Alle Muskeln schmerzten ihn, jede Bewegung fühlte sich an wie durch ein Kraftfeld erschwert. "Nin...?" Seine Stimme war heiser. Er rollte sich schlapp in den Kissen herum. "Nin?" Endlich erinnerte Laites sich. Tarlants Stimme, ihre Worte, er war frei, sein eigener Besitzer. Diese Verantwortung wurde ihm bewusst. /Kann ich das denn? Kann ich das? Ich bin doch nur ein tollpatschiger Kater./

Ninári hastete von der Tür her zu ihm und setzte sich auf die Bettkante. Es gab einige Dinge, die mussten einfach erledigt werden, so ungern er auch von der Seite des Geliebten gewichen war. Aber natürlich musste Laites ausgerechnet in dem Moment aufwachen, in dem er nicht bei ihm war.

"Ich bin da, Laites." Besorgt sah er in die matten Augen und das müde Gesicht, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und fuhr zärtlich mit einer Hand durch das längere Kopffell. "Wie geht es dir?"

Laites maunzte zurückhaltend und schmiegte sich an Ninári an. "Es geht. Mein Körper tut mir weh, aber das kommt, weil Tarlant den Chip blockiert hat, denke ich. Das hat sie schon mal machen müssen. Ich hasse es..." Er streckte sich mit verzerrtem Gesicht gegen die Krämpfe in den Muskeln an, und es wurde tatsächlich besser davon.

Ninári ließ ihn los, bis er wieder einigermaßen entspannt lag und begann dann aufs Neue, ihn sachte zu streicheln. Hoffentlich würde es bald besser werden. Nachher wollte er Tarlant fragen, ob eine Massage helfen oder ob die Schmerzen dadurch schlimmer würden. Oder ob es irgendetwas gab, was er tun konnte, um es seinem Geliebten leichter zu machen.

Laites sah Ninári nachdenklich an, die Sorge wollte er nicht mehr sehen in seinem Gesicht. "Es geht schon, Nin, ich werde bald wieder so sein wie vorher." Er zögerte einen Moment lang. "Nicht ganz. Ich bin mein eigener Besitzer, Tarlant hat es mir gesagt. Ich gehöre nur mir, aber... ich glaube..." Er senkte den Kopf. "Ich glaube fast, dass es mir zuviel ist, so viel zu entscheiden. Hilfst du mir?" Er tastete nach den Fingern seines Geliebten. "So wie vorher?"

"Sie hat dir..." Ein Lächeln huschte über Nináris Gesicht und vertiefte sich, als er begriff, was Laites ihm da sagte. Er umfasste die Hand, die sich so zaghaft in seine geschoben hatte, fester. Tarlant war für Lai immer die erste Person gewesen, an die er sich gewandt hatte, wenn es um so etwas ging, und wenn sie es ihm gesagt hatte, würde er es ihr glauben.

"Natürlich werde ich dir helfen, Ta'ari", versprach er glücklich. "So lange, wie du Hilfe willst und brauchst." Laites würde wirklich lernen, seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Das, was er sich die ganze Zeit schon für ihn gewünscht hatte. Er beugte sich zu ihm und küsste ihn zart auf den Mund, während er die Tränen spürte, die ihm in die Augen traten. "Dann ist es also doch gut gewesen, dass du auf Jarales getroffen bist. Jetzt gehörst du einfach nur noch dir."

Laites nickte nachdenklich und murmelte "Und er hat Moru, er ist auch nicht mehr allein. Wird er wütend auf mich sein? Es fühlt sich so falsch an, können wir noch einmal mit ihm reden?" Schläfrig kuschelte er sich an Nináris Brust und gähnte leicht. Sein Magen knurrte leise, aber Laites hatte nicht die Kraft, um an Essen zu denken.

Ninári wollte nicht, dass sein kleiner Kater diesem Mann noch einmal unter die Augen kam, da dieser ihm so weh getan hatte. Er presste die Lippen zusammen, verwarf aber eine komplett abwehrende Antwort. "Auf keinen Fall, bevor es dir nicht deutlich besser geht." Beschützend legte er einen Arm um Laites und drückte ihn vorsichtig an sich. "Dann können wir weiter darüber reden." Und er würde so lange dagegen sein, bis er sich sicher sein konnte, dass es wirklich Laites war, der das wollte und nicht das Programm dieses Chips.

 

Tarlant hatte die Nacht über nur wenig geschlafen und fühlte sich zerknittert, aber nicht unglücklich. Sie nahm, nachdem sie Dai'thi zu seinem Training verabschiedet hatte, ein heißes Bad und richtete sich fröhlich summend wieder her.

Weil sie nun zu einem Kemjasheri'i gehörte, wurde es nach und nach selbstverständlicher, eine kurze Shorts zu tragen, ein ärmelloses Oberteil. Dai'this leuchtende Augen, wenn er sie so gekleidet sah, waren ihr jedes leichte Unwohlsein wert, das sie noch immer ab und zu verspürte, wenn sie sich den Blicken von anderen ausgeliefert sah.

Tarlant bestellte ein Frühstück auf den Balkon und ging dann nach einem leisen Klopfen in das Schlafzimmer, hoffte, dass sie Ninári überreden konnte, für einen Augenblick von Laites zu weichen, damit sie mit ihm reden konnte.

Als Ninári bemerkte, dass es Tarlant war, die das Zimmer betrat und nicht sein Bruder oder ein Bediensteter des Hotels, löste er sich nach einem leichten Kuss von seinem Kater, der ohnehin wieder eingeschlafen war, und stand hastig auf, um sie angemessen begrüßen zu können.

"Sha'aina, ich wünsche Ihnen einen guten Morgen." Während er sich über ihre Hand beugte, um sie zu küssen, ging ihm durch den Kopf, dass sie langsam begann, sich vorteilhafter zu kleiden, nicht mehr in diese schrecklichen Sachen, die sie vollkommen versteckten. Sein Bruder war auch deutlich gut für sie, wie er fand. Er lächelte, als er sich wieder aufrichtete. "Lai war kurz wach vorhin, es geht ihm nicht gut, aber besser."

Tarlant zögerte einen Moment lang, dann sagte sie leise "Ich... weiß nicht, in wieweit Dai'thi mit Ihnen geredet hat, Ninári. Er... möchte mich gern heiraten." Sie zögerte und fuhr dann sicherer fort "Ich bin sehr glücklich darüber und hoffe nun, dass auch Sie das sein können."

Sie traten auf den Balkon hinaus, und Tarlant bot ihm einen Platz an. "Wenn es Ihnen nichts ausmacht, es würde mich freuen, wenn wir uns nicht mehr so förmlich anreden würden, Ninári. Mein Name lautet Tarlant."

Nináris Lächeln vertiefte sich, als er sich nach einer leichten, dankenden Verneigung setzte. "Ich danke dir. Es ist mir eine Ehre, Tarlant. Und ich gratuliere aus tiefstem Herzen zu eurem Entschluss, dass ihr den Bund schließen wollt. Ich glaube wirklich, dass die Göttin euch füreinander bestimmt hat und bin froh, dass du bald zur Familie gehören wirst."

Tarlant freute sich mehr über seine Akzeptanz, als sie sich zuvor hatte zugestehen wollen. Sie wusste, dass Laites es ihm verraten haben musste. Die beiden hatten sicherlich keinerlei Geheimnisse voreinander.

"Laites wird später vermutlich etwas essen können, aber erst einmal solltest du dich stärken, Ninári. Die ganze Nacht in Sorge verbringen, ist anstrengend." Sie goss Tee in eine zierliche Schale und zuckte zusammen, verschüttete etwas, als es an der Tür klopfte. "Einen Augenblick, ich bin gleich wieder da."

Tarlant sah nur durch den Spion und erblickte sogleich die Drachenechsenmänner, in deren Mitte LeRoux stand. Sie trat zurück und war einen unsicheren Blick auf die Tür zum Schlafzimmer. Sie überlegte nur kurz, dann öffnete sie die Tür und fragte betont freundlich "Was kann ich zu so früher Stunde für sie tun, Doktor?"

Der Doktor trat einen Schritt auf die Tür zu, aber Tarlant wich nicht zurück, hielt die Tür fest und lächelte weiterhin, als würde sie die leichte Spannung nicht bemerken. Die Brillengläser waren nicht der einzige Unterschied. Nun, in Person betrachtet, konnte sie mehr noch ausmachen. Die Gesichtsform war spitzer, die Bewegungen weniger fahrig, viel mehr hektisch auf eine aggressiv genervte Art.

"Die Codes, Tarlant. Etwas schien damit nicht zu stimmen. Ich habe sie nicht auf das Sicherheitssystem des Labors anwenden können."

Tarlant lehnte sich in der Tür an und lächelte. "Das ist richtig. Da Ihr Bruder mir die Codes gegeben hat, wusste ich nicht, ob er auch will, dass ich sie weitergebe. Wollen wir ihn nicht gemeinsam anrufen und um Erlaubnis bitten... Josephine?"

Das Zusammenzucken war schon fast genug Antwort für Tarlant. Es handelte sich wirklich um den falschen Doktor. Josephine straffte sich dann jedoch und verlangte harsch "Die Codes, Tarlant! Die Labors sind meine Erfindung und mein Eigentum!"

Tarlant hob die Schultern. "Nun, diese Labors gehören mir, wenn man es genau nimmt. Ich habe ein halbes Jahr Zeit bekommen, um sie aufzulösen. Die Safes sind jetzt, während wir sprechen, bereits leer." Es war eine Lüge, aber Tarlant dachte bei sich, dass diese Person sie so häufig angelogen hatte, dass es auf diese kleine Rache nicht ankommen konnte.

"Leer? Ich werde Sie verklagen, Tarlant! Ich werde allen zeigen, was Sie sind! Ich habe die Bilder noch, die wird ein jeder hier erhalten, jeder wird es wissen. Ja... ist das nicht ein Kemjasheri'i? Na, wie ist es, wenn ich ihm ein wenig mehr über Sie erzähle? Über den Körper, den Sie so ausstellen hier?!"

Als die Stimmen an der Tür lauter geworden waren, war Ninári aufgestanden und zu Tarlant gegangen, um ihr beizustehen, wer immer da auch beleidigend werden wollte. Zorn verdunkelte seine Augen, als er sah, wer dort im Flur stand. /Wenn Dai'thi nur da wäre! Andererseits ist es vielleicht ganz gut, dass er es nicht ist./

"Dieser Kemjasheri'i fragt sich eher, wie eine Frau auf den Gedanken kommen kann, sich als ihr Bruder zu verkleiden", sagte er kühl und ohne jede Höflichkeit. "Bevor Sie versuchen, andere in den Schmutz zu ziehen, sollten Sie daran denken, was Ihnen alles angehängt werden kann."

Tarlant seufzte und dankte im Geiste jedem Gott, dass sie es Dai'thi schon erzählt und gezeigt hatte, dass er sie dennoch oder vielleicht sogar gerade wegen ihres Körpers liebte. Das gab ihr nun auch die Kraft, leise zu lachen.

"LeRoux, Sie machen sich lächerlich. Ninári hat Recht. Wer sich verkleidet, sollte nicht über die richten, die es auch tun. Gehen Sie jetzt bitte. Seien Sie einfach dankbar, dass ich Ihnen diese beiden Echsenmänner lasse. Wie Sie wissen, ist der Chip so konzipiert, dass sie auch und vor allen Dingen auf mein Wort hören."

Tarlant sah, wie der falsche Doktor leicht zusammenzuckte, und ihr Lächeln vertiefte sich. "Gehen Sie und lassen mich meine Arbeit in den Labors tun. Ich bin nicht mächtig genug, um Sie aufzuhalten; ich weiß von Ihren Freunden, aber zu denen sollten Sie sich nun wenden, nicht an mich, nie wieder an mich!"

Ohne die Antwort abzuwarten, schloss Tarlant die schwere Tür und lehnte sich dagegen. Sie fühlte sich leicht, unbeschwert mit einem Mal. "Danke, Ninári. Ich bin froh, dass ich dies nicht allein hinter mich bringen musste." Sie lächelte leicht. "Wollen wir dem kranken Kätzchen jetzt vielleicht ein wenig Milch geben?"

Ninári atmete tief durch. Es widerstrebte ihm, diese Frau einfach so gehen zu lassen, auch wenn er wusste, dass er keine Wahl hatte. Doch ein Blick in Tarlants erleichtertes, regelrecht glückliches Gesicht und der Gedanke an Laites bewirkten, dass seine Ruhe zurückkam und er ihr Lächeln erwidern konnte. "Ja, das ist eine gute Idee."

Er gestattete sich die Vertrautheit, seiner zukünftigen Schwägerin einen Arm um die Schultern zu legen und sie kurz zu drücken, ehe sie zum Schlafzimmer gingen. "Du bist eine großartige Frau, Tarlant. Ich bin froh, dass Dai jemanden wie dich gefunden hat."

Tarlant half Ninári dabei, Laites aufzusetzen und beobachtete, während sie ihre Tasche für die Abreise zur Laborinsel packte, wie der zierliche Mann seinem Geliebten mit der Milchschale half, wie er ihm mit einem feuchten Tuch über das Gesicht wusch, ihm Geschichten erzählte.

Sie ging leise im Hintergrund hin und her und räumte ihre Kleidung und Toilettenartikel zusammen und konnte mit dem Lächeln nicht mehr aufhören. Im Geiste beschloss sie, nicht eher zu ruhen, bis sie alle ihre verbliebenen Kreationen in einer solch guten Beziehung wusste.

Es musste nicht Liebe sein, aber Freundschaft und Gemeinsamkeiten. Sie dachte lächelnd an Finn und dessen nun schon fünften Herrn Angelo. Diese beiden kamen endlich einmal ganz gut miteinander aus. Wehmütig erinnerte sie sich daran, was mit Finn passiert war, als sein erster Herr verstorben war. Das hatte sie sehr nah miterlebt, denn zu der Zeit hatte LeRoux ihr Finn als erste Aufgabe übertragen.

/Finn ist nun glücklich, Laites endlich auch, all die anderen können es ebenso schaffen! Ich konnte es sogar schaffen. Sogar ich./ Sie berührte das weiße Tuch von Dai'thi mit den Fingerspitzen, bevor sie es in ihrer Tasche verstaute. /Vor allem ich und zwar so sehr, dass ich keinen Platz mehr für Trauer der Vergangenheit wegen haben kann./


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig