Kemjalas Plan

Epilog I

Jessi klopfte an der Tür zu Tarlants Appartement an, während er überlegte, dass es so leicht gewesen wäre, durch die Lüftung im Bad zu kommen. Doch Finn sah es gar nicht mehr gerne, wenn er durch die Kanalisation oder die Schächte der Icesior kletterte. Als würde es ihn dazu bringen, von ihm wegzulaufen und sein Leben in der Dunkelheit wieder aufzunehmen, um zu stehlen und sich einmal im Monat ins Herz durchzukämpfen.

/Aber das muss ich jetzt nicht mehr. Das werde ich niemals mehr müssen./ Er schob die Hände in die Taschen der engen, hellen Jeans, die er statt seiner üblichen schwarzen Hose trug, und wartete. Das war auch etwas, das er Finn zuliebe verändert hatte. Sein Kater mochte die schwarzen Sachen nicht. Vielleicht aus dem gleichen Grund, aus dem er die Kanäle nicht mochte. Und den Mantel hatte er gleich weggeworfen.

Jessi lachte leise, als er daran dachte, wie sie sich deswegen gebalgt hatten und Finn ihn dann auf seine ganz spezielle Art davon überzeugt hatte, dass es viel zu schade wäre, wenn er seinen Körper darin versteckte. Stattdessen trug er ein enges, dunkelblaues T-Shirt; auf seiner Brust prangte ein Comic-Kater in voller Bewaffnung und mit einem halb schelmischen, halb fauchenden Gesichtsausdruck, der ihn an Finn erinnerte, auch wenn Finn nicht schwarz-weiß gefleckt war.

Die Tür öffnete sich, und das große Fächerohr öffnete ihm. Jessi erschien es, als seien die vier einfach nicht zu trennen. Tarlant, Dai'thi, Laites und Ninári. Wo einer war, war der andere nicht weit.

Dai'thi lächelte. "Hallo, Jessi. Schön, dich wiederzusehen. Du willst bestimmt zu Laites, nicht wahr? Er sitzt auf dem Balkon und genießt die Sonne."

"Natürlich, zu wem denn sonst, Fächerohr." Jessi schob sich an dem großen Mann vorbei und sprang munter zum Balkon hin, auf dem der Vanillekater ausnahmsweise einmal ohne Nin saß, was ihn verwunderte, aber ihm eigentlich ganz recht war. "Hallo, Lai!"

Laites konnte noch nicht aufspringen, aber er freute sich und setzte sich höher in den Sessel, in dem er schnurrend die Sonne genießend versunken war. "Jessi! Oh, du siehst gut aus, das Shirt gefällt mir!" Er lachte und tippte auf das Bild.

Mit einem breiten Grinsen setzte sich Jessi halb zu ihm auf die Armlehne. "Mir auch. Ist wie mein Knurrkater." Er fuhr Laites durch die Haare, wie Finn es so gerne mit ihm machte. "Ich hab im Tempel gehört, dass du krank bist. Du siehst in der Tat beschissen aus. Was ist denn passiert? Bist du wieder in ein Blumenbeet gefallen?"

Laites senkte den Kopf und seufzte. "Nein. Ich bin, das ist kompliziert zu verstehen, es ist... Finn ist es auch schon einmal passiert. Wir können uns nicht gegen das Programm in unserem Chip wehren, verstehst du? Ich bin so programmiert, dass ich nur meinen Besitzer umsorgen will. Leider war das nicht dieselbe Person wie Nin. Ich hab versucht, mich gegen den Chip zu wehren und bin deswegen zusammengebrochen. Tarlant hat mich wieder wecken können." Er lächelte. "Wie Finn damals. Hat sie mir mal erzählt."

"Oh!" Jessi umarmte ihn spontan, als ihm der Schreck in die Glieder fuhr. "Das heißt, du hättest sterben können?! Bin ich froh, dass du so miserabel aussiehst, du siehst wenigstens überhaupt noch aus!" Es überraschte ihn, dass er überhaupt so sehr erschrak, dass er überhaupt so viel fühlte dabei. Und mit einem Mal störte es ihn, dass sie die Icesior so bald verlassen wollten. "Du wirst mit deinem Fächerohr zu ihm nach Hause gehen, nicht?"

Laites nickte stolz. "Ich bin mein eigener Besitzer jetzt. Ich werde noch einmal zu Jarales gehen müssen, aber danach fahre ich mit Ninári in den Tempel, um weiter zu lernen. Vielleicht kann ich sogar auch eines Tages Lehrer werden." Er drückte Jessis Hand und fragte "Wirst du mit zu Finn fahren?"

Jessi grinste breit. "Ja, das werde ich. Du glaubst doch nicht, dass ich meinen Kater allein lasse. Aber ich weiß noch fast gar nichts über sein Zuhause und auch noch gar nicht, was ich machen werde. Vielleicht Musik. Das hat mir Spaß gemacht." Er fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar, sein Gesicht wurde traurig. "Danke, dass du es mir gezeigt hast. Ich... hm... ich werde dich wohl vermissen. Wir können uns vielleicht mal besuchen?"

Laites ruckelte ein wenig auf dem Sessel in und her. Sein Schwanz peitschte einmal zur Seite, dann gestand er leise "Ich habe keine Ahnung, wohin Ninári mich bringt. Er hat versucht, es mir zu zeigen, aber ich bin nicht begabt im Kartenlesen. Ich vertraue mich ihm einfach an."

Umständlich kramte Jessi einen kleinen Zettel aus der engen Hosentasche und reichte ihn Laites. "Hier, das ist meine Adresse, Finn hat sie mir aufgeschrieben. Ich weiß zwar nicht genau, wie man die Zahlenkolonnen da deutet, aber wenn er es mir noch mal erklärt, werde ich es schon verstehen. Und da zumindest das große Fächerohr gerade da war, kann ich den ja mal fragen, der sollte schon wissen, wo sein Bruder wohnt. Es sei denn..." Er legte eine Hand in den Nacken und sah weg, ehe er mit den Schultern zuckte, als wäre es ihm gleichgültig. Aber das war es nicht. Er mochte den Vanillekater sehr, und er war nach Chiriko der einzige, mit dem er je befreundet gewesen war. Finn zählte da nicht, Finn war etwas ganz anderes. "Es sei denn, du hast keine Lust. Vielleicht ist es ja auch zu weit."

Laites legte den Kopf schief und verstaute den Zettel sorgfältig in der kleinen Tasche seiner knappen Shorts. "Ich würde sehr gern zu euch zu Besuch kommen. Allein, um mal mit Finn zu reden, aber vor allem, um wieder mit dir Musik machen zu können, Jessi." Er lehnte seinen Kopf auf die Schulter des anderen und blinzelte zu ihm auf. "Wenn ich darf, dann komme ich gern vorbei... und ihr müsst vorbeikommen, wenn Tarlant und Dai'thi heiraten. Das ist noch nicht so bald, aber die Feiern der Kemjasheri'i sollen ganz großartig sein!"

Jessi blinzelte ebenfalls, ein wenig überrascht und sehr erleichtert, dann grinste er fröhlich und legte einen Arm um Laites' Schultern. "Super! Das wird schon möglich sein! Irgendwie. Deine neuen Leute sind ja reich, die können dich ja zu uns schicken. Oder vielleicht auch mitkommen, zumindest dein Freund."

Er warf durch die geöffnete Balkontür einen nachdenklichen Blick nach drinnen, doch er konnte Tarlant nicht entdecken. "Und Tarlant auch. Ich mochte sie zuerst nicht, aber dank ihr bin ich nicht mehr auf Hivosh angewiesen. Ohne sie hätte ich nie mit dem Doktor gesprochen. Aber über dich würde ich mich am allermeisten freuen." Er lachte. "Wenn wir eingeladen sind und das Essen gut ist, kommen wir bestimmt. Finn ist so ein Leckermaul." Sein breites Grinsen ließ deutlich werden, dass nicht nur Finn das war.

Laites lachte ebenfalls und hielt sich gleich den schmerzenden Bauch. Noch immer hatte er Muskelkater bei jeder Bewegung. Er bemerkte, dass Ninári in der Nähe der Balkontür saß und las, ihn und Jessi offensichtlich nicht stören wollte. "Nin? Kannst du kurz kommen, Ta'ari?"

Ninári nickte abwesend und las noch einen Absatz zu Ende, ehe er ein Zeichen in das Buch legte und es zuschlug. Dann erst stand er auf und kam zu ihm, legte ihm eine Hand auf die Schulter und streichelte ihn kurz. "Liebling?"

Laites hatte den Zettel schon wieder aus der Tasche gefriemelt und hielt ihn vor Nináris Augen. "Da zieht Jessi hin. Darf ich ihn dort einmal besuchen fahren? Geht das?" Nebenbei schmiegte er sich gegen Nináris Hände und genoss unter leise beginnendem Schnurren, wie dieser sein Fell glatt strich.

Mit einem Lächeln griff Ninári nach Laites' Hand, um sie ein wenig von seinen Augen wegzuschieben und die Koordinatenangaben lesen zu können. "Hm, das ist nicht zu weit weg, das ist kein Problem." Er hockte bei ihm nieder, um ihn kurz auf den Mundwinkel zu küssen, dann aber wieder aufzustehen. Er wollte Jessi nicht in Verlegenheit bringen. "Aber ob du darfst, ist eine Frage, die du dir ganz allein stellen musst", schmunzelte er. "Immerhin bist du dein eigener Besitzer. Die Finanzen sind auf jeden Fall kein Hindernis."

Laites senkte den Kopf und nickte dann leicht. "Ja, das stimmt. Ich... muss jetzt alles allein entscheiden." Es war anstrengender und zugleich leichter, als er zuvor gedacht hatte.

"Ich schreibe dir schnell unsere Adresse auf." Ninári lief ins Wohnzimmer, um nur wenige Augenblicke später mit einer kleinen Karte wiederzukommen, die er Jessi reichte. "Hier wohnen wir, wenn du ihm schreiben oder mit ihm sprechen möchtest."

"Danke." Jessi verstaute sie in einer seiner Taschen, ohne auch nur einen Blick darauf geworfen zu haben. Es würde ihm ohnehin nichts sagen. Die Sache mit den Koordinaten musste er sich wirklich noch mal von Finn erklären lassen. Als das Fächerohr wieder nach drinnen verschwunden war und sie allein gelassen hatte, grinste er Laites an. "Super! Jetzt steht doch eigentlich nichts mehr im Weg, dass wir uns besuchen, oder?"

Laites nickte heftiger und strahlte ihn erneut an. "Ich freue mich schon. Es wird noch ein wenig dauern, aber du musst ja auch erst einmal umziehen, nicht wahr? Mit dem Trampelkater ist das bestimmt nicht immer leicht." Er kicherte. "Grüß ihn von mir."

Jessi lachte auf. "Mach ich. Aber viel besitze ich nicht, also wird es mit dem Umziehen wohl nicht so schlimm werden." Noch einmal verwuschelte er das weiche Haar seines Freundes. "Ich bin so froh, dass das geklappt hat. Ich mag dich nämlich. Jetzt bin ich auch nicht mehr traurig, dass wir schon so bald aufbrechen." Er umarmte Laites erneut und drückte ihn, wenn auch nicht so fest, wie er es gern getan hätte, doch er wollte ihm nicht weh tun.

 

Finn war ausgeruht und genoss sein Leben gerade sehr. Er hatte sein Fell ausgiebig gepflegt, hatte mehr gegessen als eigentlich gut war, sich deswegen ein wenig trainiert; und nun, da die Icesior angelegt hatte, konnte er auch sein Konto wieder auffüllen. Das hatte der Hivoshkauf von Jessi sehr gebeutelt.

Finn streckte sich und kontaktierte seinen Besitzer Angelo, um ihm von Jessi zu erzählen und um ihm zu sagen, dass er nun nach Hause zurückkehren würde; die Mission, das Labor zu vernichten, war ausgeführt.

Durch die zahlreichen Umleitungen bemerkte Finn, dass auch sein Besitzer auf Reisen sein musste und war erleichtert, als er dessen längliches Gesicht mit den zum Zopf zurückgebundenen, dunklen Haaren erblickte. Ein weiches Gefühl ließ Finn lächeln. Es war nicht die Liebe, die sein erster Besitzer in ihm ausgelöst hatte, aber dennoch eine schöne Empfindung.

"Angelo, ich bin mit der Mission fertig. Wohin soll ich fahren?"

Angelo war auf einem Empfang, vermutlich, um ein neues Kunstwerk zu eröffnen. Seine Kunst war stets sehr raumgreifend und aufwendig, genau wie seine Art sich anzuziehen, seine Art zu reden und zu gestikulieren.

Angelo grinste in den Schirm und winkte Finn dann einmal zu. "Mein Kater! Wundervoll, herrlich, einfach fantastisch! Wir alle lieben dich so und haben dich sehr vermisst. Ich bin auf einer ganz grandiosen Unternehmung, einfach famos, was mir eingefallen ist. Es geht um die Wale auf Lozar, diese dicken, gemütlichen Tiere. Sie sind sehr wahrscheinlich von dem Verkehr mit den Strahlenbooten belastet, und meine Freunde und ich hatten den grandiosen Gedanken, dass wir dies mit einem neuen Kunstwerk verhindern! Was sagst du, mein Lieber? Ist das nicht eine nahezu geniale Idee?"

"Nahezu genial, Angelo. Ich danke dir für das Geld. Das hab ich sehr nötig. Ich werde dann zu meinem Haus fahren. Ich habe jemanden kennen gelernt, dem ich mein und nun auch sein Zuhause gern zeigen will. Werde ich gebraucht?"

Angelos Grinsen wurde weiter. "Oh, wie unglaublich romantisch! Finn, du bist ein liebestoller Charmeur, ich habe es schon immer gewusst! Wenn du dich ausruhen musst, dann fahre heim. Meine geliebten Freunde und ich werden diese grandiose Feier und die Eröffnung des neuen Kunstwerkes hier nicht vor dem nächsten Monat verlassen. Ich werde dich vermutlich leider nicht einsetzen können, Finn. Oh, was für ein absoluter Jammer! Aber, ein Kater und Wasser? Du weißt, es geht um diese herrlichen Tiere, diese wundervollen, dicken Wale, mein Lieber."

"Gut. Ich fahre nach Hause, Angelo. Ich danke dir und hoffe auf das Beste für die Wale." Finn legte auf, bevor Angelo noch einmal 'grandios' sagen konnte. Er grinste den Bildschirm an und schüttelte den Kopf leicht.

"Nein, nein. Angelo, ich mache erst einmal Urlaub Zuhause, bevor du mir wieder eine von deinen wilden Ideen aufschwatzt", erzählte er dem tanzenden Pausezeichen.

"Das war dein Besitzer?" Jessi hatte sich an den Türrahmen angelehnt und betrachtete seinen Kater ebenfalls grinsend. Eigentlich hatte er nicht lauschen wollen, doch seine Neugier war zu groß gewesen. Er stieß sich ab, um zu Finn zu gehen, ihm von hinten die Arme um den Hals zu schlingen und ihn auf den Mundwinkel zu küssen, ehe er sich anders entschied und ihn lieber richtig küsste. "Der ist ja ein durchgedrehter Kerl!"

Finn zuckte zusammen und knurrte "Seit dein Geruch überall hier hängt, kannst du dich verflucht leicht anschleichen, Püppchen. Ich muss mich in Acht nehmen." Er zog Jessi mit Schwung auf seinen Schoß und nickte zum Bildschirm hin. "Das war Angelo, mein derzeitiger Besitzer. Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass ich... jemandem gehöre."

Unsicher blickte Finn auf die Tischplatte. Sie hatten noch nicht darüber geredet. Nur daran vorbei. Aber es war so und würde so bleiben. Er konnte sich nicht so gut gegen das Programm wehren, das einen Besitzer wollte, eine Person, zu der er gehörte. Jessi konnte sehr gut sich selber gehören, und Laites schien es auch zu überleben. Nur Finn hatte es nicht geschafft. Er erinnerte sich sogar an Zeiten, zu denen es ihn beinahe umgebracht hatte.

Jessi legte ihm die Arme um den Hals und streichelte seinen Nacken, während er ihm ernst in die Augen sah. "Ich liebe dich. Und wenn du mich auch liebst und dein Besitzer uns nicht trennen will, dann ist mir das egal, so lange es dich nicht stört. Und wenn du mir nicht wegstirbst, wenn ihm etwas passieren sollte oder er einfach alt wird."

Finn schüttelte den Kopf. "Tarlant hat dafür gesorgt, dass ich vererbt werde, das ist schon geregelt. Und du und ich, wir bleiben auf jeden Fall zusammen. Ohne dich gehe ich nicht zu einem Besitzer hin, egal zu welchem, Jessi!" Er umarmte seinen Schatz fest und genoss das weiche Gefühl seiner Haut und den frischen Geruch. "Hm... wie könnte ich auch. Ich bin süchtig nach dir, nahezu hilflos verloren." Vorsichtig leckte er Jessi einmal über den Hals und bis zum Ohr.

Jessi lächelte weich, spürte die warme Welle, die von seinem Geliebten ausgehend durch ihn hindurchfloss. Er schmiegte sich enger an ihn und streichelte sanft seinen Nacken. "Dann sind wir wenigstens beide süchtig. Das ist wesentlich angenehmer als nach Hivosh..." Eine Weile genoss er einfach die Nähe und das noch immer so unvertraute Gefühl von Liebe, das er empfand und in die Finn ihn einhüllte.

"Aber glaub nicht, dass ich nicht gemerkt habe, dass du mich vorhin schon wieder Püppchen genannt hast", murrte er schließlich weitaus weniger streng, als er eigentlich wollte. Doch wie sollte er sich ärgern, wenn er so umsorgt wurde? Wie sollte er zornig sein, wenn sein Herz so schnell klopfte, um all das zu bewältigen, was er fühlte?

Finn sah sich, während er Jessi durch die Haare kraulte, in dem luxuriösen Zimmer um. Jessi hatte einige seiner neuen Kleidungsstücke strategisch verteilt, nämlich dort, wo Finn sie ihm an den Tagen zuvor ausgezogen hatte.

"Wir werden gleich abreisen, Jessi, fang damit an, deine Klamotten zusammenzupacken. Ich bin schon fertig", teilte er seinem Schatz nebenbei mit.

In seinem Geiste war er die Fahrpläne der Fähren durchgegangen und hatte beschlossen, dass er so bald als möglich abfahren wollte. Er drückte Jessi noch einmal an sich und schmuste sein Gesicht an dessen Haaren und Hals entlang, dann stand er auf und ließ seinen Schatz zu Boden gleiten. "Ich hole die Tickets, mein Süßer, wir haben noch etwas Zeit, aber du solltest nun nicht mehr trödeln."

Jessi seufzte leise auf und strich sich mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht, hielt sie fest, damit sie ihm nicht wieder in die Stirn fielen. "Irgendwie glaube ich, dass ich die Icesior vermissen werde. Immerhin ist das hier mein Zuhause."

Er biss sich auf die Unterlippe und sah sich ein wenig verloren um. "Ich vermisse die Kanäle und Lüftungsschächte ja schon jetzt", murmelte er und ließ seine Haare los, um das erste Hemd vom Boden aufzuheben. "Ich soll dich übrigens vom Vanillekater grüßen; er hat gesagt, wir sind schon mal zur Hochzeit vom Fächerohr und Tarlant eingeladen. Es gibt gutes Essen da."

Finn umarmte ihn von hinten und drückte Jessi fest an sich. "Ich weiß, dass es nun ein wenig schwierig für dich wird, erst einmal von hier fortzugehen. Aber du darfst immer und jeder Zeit gern wieder auf die Icesior zurückgehen. Ich werde dir gewiss nicht... nie vorschreiben, was du wann und mit wem zu tun hast, Jessi. Ich wollte dich nur... zu mir einladen. Wenn du noch nicht soweit bist, um mit mir zu kommen, dann kannst du hier bleiben."

Er hatte Angst, dass er zu weit gegangen war mit den Entscheidungen in Jessis Leben. Er fand es wichtig, dass Jessi nicht wieder mit dem Stehlen anfangen würde. Noch wichtiger fand er, dass Jessi eine andere Betätigung erhalten würde, die er gern tat, die seine Zeit mit Sinn füllte. Sein eigenes Verlangen, immer mit Jessi zusammen zu bleiben, ihn nie wieder vermissen zu müssen, nie wieder Angst um ihn haben zu müssen, stellte Finn mit Macht dahinter.

Jessi lehnte sich an ihn und krampfte seine Hände um das Hemd. Finns Umarmung war schützend und tröstend wie immer. "Du wirst auf jeden Fall wegfahren, nicht?" Er schloss die Augen und dachte an das kalte, dunkle Räumchen, das seines war und das ihm so lange ein Zuhause gewesen war. An die Schächte und Kanäle, die nicht nur Hindernis gewesen waren, um an das Hivosh zu kommen, sondern auch immer wieder jedes Mal aufs Neue eine Bestätigung, dass er etwas konnte, eine Herausforderung. An das, was er am besten und eigentlich als einziges konnte, andere zu bestehlen. An Laites, der auch nicht mehr lange hier bleiben würde. An Chiriko, die schon lange nicht mehr hier war.

"Ich... ich will nicht von dir getrennt sein. Ich habe nur Angst, weil ich dort gar nichts kenne. Weil ich nichts weiß. Weil das einzige, was ich kann, das Stehlen ist. Weil du das nicht leiden kannst. Weil... weil ich deswegen so sehr auf dich angewiesen bin. Weil ich das noch nie war, so sehr auf etwas angewiesen außer auf Hivosh. Weil ich Angst davor habe."

Es sprudelte nur so aus ihm heraus, und im gleichen Moment bemerkte er, dass es falsch klang. Er ließ das Hemd fallen und drehte sich in Finns Armen um, hielt ihn fest. "Und jetzt habe ich Angst, dich zu verlieren. Weil ich so... ich bin so... ich..." Er hatte nie gelernt, wirklich zu vertrauen und doch wollte er es so sehr, wollte Finn nicht enttäuschen und hatte gleichzeitig so sehr Angst, genau dabei zu versagen.

"Du? Mich verlieren? So ein hübsches, zartes, intelligentes und wertvolles Wesen hat Angst, einen alten Kater zu verlieren? Du wirst dich eines Tages noch über meine Anhänglichkeit ärgern, mein Püppchen. Ich bin doch derjenige, der Angst haben muss." Finn streichelte Jessi über die Schultern und den Rücken, dann küsste er ihn auf den unordentlichen Scheitel, atmete seinen Geruch ein und schloss die Augen. "Wir werden eins nach dem anderen tun, in Ordnung? Erst fahren wir hier fort, dann fahren wir dort, wo ich wohne, einmal hin und schauen uns um. Dann erst, wenn du da bist, fangen wir mal an und sehen weiter, was du tun möchtest."

Er drückte Jessi noch einmal schnell. "Du darfst doch Angst haben vor dem Neuen, du darfst dich zurückhalten, darfst misstrauisch sein, du darfst mein Zuhause auch nicht mögen, du kannst jederzeit sagen, was du fühlst. Das einzige, was du nicht tun darfst, ist lügen. Fang damit nicht an, das tut mir mehr weh als eine Wahrheit, die ich nicht so bequem finde, Jessi. Solange du nicht wieder lügst und stiehlst, ist alles gut."

Jessi nickte leicht und kämpfte gegen seine enge Kehle an. "Ich verspreche dir, dass ich dich nie anlügen werde, Finn. Niemals. Ich lüge nicht. Und das Stehlen... ich versuche es." Er hatte noch immer Angst, doch sie war wieder erträglich. Und er wusste, Finn würde für ihn da sein und ihm helfen.


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig