Kemjalas Plan

Epilog II

Finn fand nach kurzer Wahlzeit an der Rezeption des Hotels die geeignete Kabine für sie zwei. Ruhiger gelegen, nicht in der Nähe von katzenallergischen Wesen oder von militärischen Gruppen, so dass sie in Sicherheit vor Anfeindungen sein konnten. Sehr zufrieden begab er sich zum Zimmer zurück, um seine Tasche und die von Jessi schon einmal zur Station zu bringen. Sie würden schneller als erhofft von der Icesior runter sein.

Jessi folgte ihm mit einem unguten Gefühl im Magen, während er gleichzeitig aufgeregt und neugierig war. Noch immer nagte die Angst an ihm, dass die Sicherheitsleute ihn aufhalten würden, zu lange hatte er mit dieser Furcht gelebt. Doch sein Verstand sagte ihm, dass sie es nicht tun würden, selbst wenn er sich noch so offen zeigte und noch so voll mit Nanotechnologie war. Gleichzeitig hoffte er dennoch, dass die Icesior schneller als normal wieder ablegen würde, noch bevor sie das Schiff, das sie von hier wegbringen würde, erreicht hatten.

Finn spürte, da er eine Hand um Jessis Schultern gelegt hatte, wie dieser leicht zuckte, als am Einstieg zum Schiff die Papiere verlangt wurden. "Schatz, damit ist deine Besitzurkunde gemeint. Diese rote Karte, die ich dir gegeben habe." Finn hatte darauf geachtet, dass Jessi diese Karte nicht verlor.

Jessi nickte nervös und holte sie aus der Tasche, reichte sie der Frau hinter dem Schalter. Halb und halb rechnete er damit, dass gleich Sirenen losheulen oder Sicherheitsbeamte aus irgendwelchen Türen stürmen würden. Doch nichts geschah, die Karte wurde geprüft und ihm mit einem Lächeln wieder zurückgegeben. Als sie die Kontrolle hinter sich gelassen hatten, zitterte er am ganzen Körper.

"Finn... ich bin durch", flüsterte er. "Sie haben mich nicht aufgehalten. Ich konnte einfach durchgehen."

Finn lächelte und nickte. "So ist das, Jessi, wenn man sich nicht mehr durch Stehlen ernährt und wenn man sich selber gehört." Er drückte den zitternden Körper eng an sich und führte ihn durch die schmalen Gänge zu der Kabine, in der sie zwar bequeme Betten hatten, aber leider nur eine Fensterattrappe. "Wenn du das Schiff ablegen sehen willst, Schatz, dann müssen wir zum Restaurant gehen. Willst du?" Finn checkte bereits aus Gewohnheit unter den Betten, den Lampenschirmen und in den Schränken, ob Kameras, Abhörgeräte oder andere Dinge versteckt waren, die ihre Fahrt erschweren mochten.

"Pff, das lag nicht am Stehlen!" Jessi konnte wieder befreiter atmen und auch wieder über Finns Misstrauen lachen, als sie das Zimmer erreicht und die Koffer abgestellt hatten. "Ich bin nie wirklich erwischt worden. Das war allein das Herz, was mich wirklich wollte. Und ja, ich will das Schiff ablegen sehen!" Er strahlte. "Dann kann ich die Icesior mal von außen sehen." Und er konnte ihr winken und sich noch einmal verabschieden. Vielleicht würde es das einfacher machen. "Im Restaurant, hm? In einer netten, ruhigen Ecke vielleicht, in die man nicht so gut reinsehen kann?" Wo er sich unbeobachtet an seinen Kater anlehnen konnte.

Das Restaurant erwies sich als kühl möblierter, riesiger Raum, in dem das Gewirr der Stimmen von anderen Passagieren durch geschickte Raumteiler unterdrückt wurde. Die Gerichte erschienen von allein auf den Tischen, nachdem man sie aus aufschimmernden Hologrammen erwählt hatte. Finn war es ganz recht. Er wählte eine Milch und lehnte sich mit Jessi im Arm zurück, überließ ihn sich selber, während eine monotone Stimme die Sicherheitsvorkehrungen erklärte.

Jessi, der das erste Mal in einem Restaurant und zudem noch nie mit einem derartigen System des Essenbestellens zusammengestoßen war, wusste gar nicht, wohin er seine Aufmerksamkeit zuerst wenden sollte. Während er der Stimme zuhörte und sich zu merken versuchte, was sie alles aufzählte, tippte er sich gleichzeitig durch das Menü, um herauszufinden, was er essen wollte, nur um festzustellen, dass er den größten Teil nicht einmal vom Hörensagen her kannte. Zudem konnte er den Blick kaum von der schimmernden, silbern glänzenden Oberfläche der Icesior abwenden, die sie so bald verlassen würden.

Als er sich endlich für ein ihm ebenfalls vollkommen unbekanntes Gericht entschieden hatte, dass jedoch sehr lecker aussah und laut der Beschreibung recht süß sein musste, ging ein Vibrieren durch den Schiffskörper. Jessi zuckte zusammen. Von einem auf den anderen Moment war das Essen unwichtig geworden. Er wandte sich dem großen Fenster zu und klammerte sich an Finns Arm fest, während sich in seinem Magen ein unangenehmes Gefühl breit machte, wie Schmerz und Angst zusammen.

Mit aufgerissenen Augen verfolgte er, wie das Schiff abdockte und sich langsam von der Icesior entfernte. Das Vibrieren verebbte, als sie langsam den Anziehungsbereich hinter sich ließen und die Icesior immer kleiner wurde. Enge begann Jessis Brust zusammenzuziehen, als alles, was er kannte, in unerreichbare Ferne rückte, bis er die Kugelgestalt seiner ehemaligen Heimat erkennen konnte, die immer weiter zu schrumpfen schien.

Dann senkten sich die Sicherheitswände vor die Fenster, auf denen Holographien das All weiterhin zeigten, bevor ein Ruck durch das Schiff ging, als es beschleunigte. Blind starrte Jessi auf den Fleck, an dem eben noch die Icesior zu sehen gewesen war. /Weg.../

Finn tat es weh, Jessi so jammervoll sehen zu müssen, aber er wusste selber zu genüge, dass Abschiede zum Leben dazu gehörten. Die Icesior war nun wirklich kein so wundervoller Ort für Jessi gewesen, lediglich der einzige, den er kannte.

Lächelnd beobachtete er, wie sein kleiner Schatz den Kummer mit Hilfe einer übersüßen Nachspeise zu verdrängen versuchte, aber ließ ihn nicht los, sondern blieb schweigend mit ihm im Arm sitzen, streichelte ihn, ließ ihn blind und taub für die Umgebung essen und traurig sein.

Erst nach einer ganzen Weile schob er Jessi vor sich her in ihre Kabine, um ihn nach ein wenig Überredung auf das Bett zu bugsieren. "Du hast in den letzten Tagen vor Aufregung schon nicht geschlafen, Schatz. Die Fahrt ist nicht lang, aber für ein ordentliches Ausschlafen reicht die Zeit uns sicherlich aus."

Jessi nickte nur, doch er ließ es nicht zu, dass Finn zu dem anderen Bett ging. Stattdessen zog er ihn zu sich, um sich an ihn zu kuscheln. Zwar hatte er sich früher immer gewünscht, die Icesior verlassen können, um frei durch die Welten zu streifen, doch jetzt, wo er es tat, machte es ihm Angst.

/Ich bin dumm/, sagte er sich vor und vergrub das Gesicht in Finns weichem Brustfell. /Ich bin bei dem Mann, den ich liebe. Bei dem Mann, der mir gezeigt hat, dass ich lieben kann und dass Sex mit ihm atemberaubend ist. Dass die Welt aus mehr besteht als aus Hivosh und der Kanalisation. Ich bin doch genau dort, wo ich sein will. Bei ihm. Egal, wo das ist. Ich liebe ihn. Und ich vertraue ihm. Er lässt mich nicht allein./

Plötzlich musste er lächeln, und der Abschiedsschmerz verschwand. Im Grunde ließ er nichts zurück. Sich enger an Finn schmiegend, sah er zu ihm auf. "Weißt du, eigentlich ist das wirklich dumm von mir. Dort gab es nichts, und hier bist du. Ich bin so froh, bei dir zu sein."

 

Laites fühlte sich noch immer schwach, aber dennoch ging er den Flur weiter, immer weiter. Seine Beine trugen ihn schon fast von allein Schritt für Schritt der Tür entgegen, hinter der die Entscheidung liegen würde.

/Jarales. Ich muss es ihm erklären. Ich... kann nicht gegen ihn handeln, er kann mich aber nicht mehr zwingen, ich gehöre mir selber, nur noch mir selber, nur noch mir.../ Noch drei Schritte, vier, wenn er sie klein machte. Laites spürte, wie er zitterte. /Mir selber, niemandem sonst./

Dennoch begann ein kleiner Teil in ihm zu wünschen, dass er nicht schon voraus gegangen wäre. Nin sollte den Zettel, wo er war, erst finden, wenn er schon die Chance gehabt hatte, ein Wort allein mit Jarales zu wechseln.

Laites zwang sich anzuklopfen und seine Haltung zu straffen. Leider öffnete Moru die Tür, aggressiv fauchend, nur wenig unterdrückt hassend, und Laites fiel in sich zusammen. Stotternd bat er um ein Gespräch mit Jarales, wurde zischend darauf hingewiesen, dass es Herr Hifna heißen musste, bevor er dann tatsächlich in eine Art Vorzimmer gelassen wurde.

Nach einer Zeit, die ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen war, wurde er zu Hifna Jarales in den nächsten Raum gebeten und erneut mit dem Pochen seines Herzens, mit dem leichten Schwindel, mit den Gefühlen durch den Chip konfrontiert.

"Laites, dass du hierher kommst, hätte ich nicht gedacht. Was führt dich her? Willst du um Verzeihung bitten?"

Laites schluckte und versuchte, seine Finger zu entkrampfen, es gelang ihm nicht. Seine Fingernägel bohrten sich noch immer in die Handfläche. "Nein. Ich wollte dir sagen, dass ich... dass... ich... nun... ich bin frei! Ich... gehöre... mir allein!" Laites spürte, dass er verschwitzt war, dass sein Herzschlag viel zu schnell war. Außerdem war ihm schwindelig. Noch nie zuvor hatte er sich so sehr nach Nin gesehnt wie in diesem Augenblick.

 

Ninári verfluchte sich dafür, dass er Laites allein gelassen hatte, so lange sie noch auf der Icesior und damit in der Nähe von Jarales Hifna waren. Sein Geliebter hatte doch tatsächlich die Dummheit begangen, seinen ehemaligen Besitzer allein aufzusuchen. Nervös zerknüllte er die Nachricht, die sein Kater ihm immerhin hinterlassen hatte, ohne es wirklich zu merken, während er darauf wartete, dass der Aufzug endlich das Stockwerk erreichte, in dem die Räume Hifnas lagen.

Allzu viel Vorsprung konnte Laites nicht haben, Ninári war nicht lange weggewesen. Und kaum, dass er den Zettel gelesen hatte, hatte er sich so schnell wie nur möglich auf den Weg gemacht, um ihm zu folgen. Er würde ihn nicht allein mit Jarales lassen! Laites war noch längst nicht wieder gesund und trug nach wie vor den Chip in sich, selbst wenn er jetzt laut Tarlant sein eigener Besitzer war. Ninári hatte mitbekommen, wie mächtig dieses Programm war, und er wollte nicht riskieren, dass es erneut über ihn Macht bekam oder ihn wieder dazu brachte, sich so wehren zu müssen, dass er fast daran starb.

Gleichzeitig war Ninári jedoch auch ziemlich stolz auf seinen Ta'ari. Dieser nahm es ernst, dass er sein eigener Herr war und hatte sich trotz dem, was auf ihn warten konnte, trotz seiner Angst vor Moru, allein aufgemacht, um mit dem Mann zu sprechen, dem er aufgrund dieses Chips noch vor so kurzer Zeit bedingungslos verfallen gewesen war.

Ninári nickte dem Liftjungen abwesend zu, als sie den Zielkorridor erreichten und gab ihm hastig Trinkgeld, ehe er zu der Tür lief, hinter der Hifnas Zimmer lagen. Er atmete kurz, aber tief durch, straffte sich und klopfte an. Er hatte ein Recht darauf, hier zu sein und seinen Geliebten zu beschützen. Und er war Hifna in keiner Weise unterlegen, weder an Herkunft noch an sonstigem. Das einzige, was ihn verletzlich machte, war die Angst um Laites.

Der Kater, der seinen Geliebten auf dem Umzug angefallen hatte, öffnete ihm und sah ihn finster an. Ausdruckslos erwiderte Ninári den Blick, das vage, unbehagliche Gefühl ignorierend, das ihm diese unhöfliche Geste bescherte. "Mein Name ist Ninári aus der Familie der Jalach'tai, Siebenter Rang der Hohen Mütter, Priester des dritten Ranges Ihres Tempels zu Monkíwar. Ich weiß, dass Laites hier ist; führ mich zu Hifna Jarales."

Laites wollte sich gerade zusammenfallen lassen und an der nächsten Gelegenheit abstützen, als die Tür hinter ihm langsam aufschwang, und Moru mit einem weiteren Besucher hereintrat. Gleich darauf spürte Laites Nináris Arm an seinem und stützte sich auf ihn, bevor noch jemand im Raum ein Wort hätte sagen können.

Jarales hob eine Augenbraue und sah von ihm zu Nin und zu ihm zurück, während er Moru mit einer kleinen Geste hinausorderte. "So, nun habe ich schon zwei zu Besuch, und bin doch noch nicht um das Wissen reicher geworden, was mir all diese Gesellschaft beschert hat."

Ninári deutete eine kleine, sehr knappe Verneigung aus Höflichkeit an, ehe er sich vorstellte, ohne jedoch seinen Geliebten loszulassen. "Sie waren Laites' vormaliger Besitzer, Dai'inar, doch die Umstände haben sich geändert. Laites bestand trotzdem darauf, noch einmal mit Ihnen zu sprechen, um mit Ihnen ins Reine zu kommen. Da ich die Auswirkungen des Programms beim letzten Mal miterlebt habe, als er sich dagegen stellte, werde ich ihn nicht allein lassen."

Laites merkte mit einem Mal, dass es nun leichter für ihn war, sich gerade zu halten, die Worte, die er sagen wollte, auch zu glauben. "Jarales, ich wäre sehr gern dein Kater geworden, aber du hast dich vor deiner Abfahrt, sicherlich im Glauben, dass ich tot bin, für Moru entschieden. Deswegen kann ich dir nicht mehr gehören. Zudem hast du auch Moru erstanden und nicht mich. Ich gehöre, seit Tarlant mir die Urkunde überreicht hat, mir selber. Das wollte ich noch einmal sagen, und mich für mein Verhalten auf der Parade entschuldigen." Erleichtert, weil er seine Rede fehlerlos hatte aufsagen können, holte er tief Luft und machte sich von Ninári frei, um Jarales zum Abschied die Hand zu geben.

Der junge Hifna-Sohn sprang jedoch aus seinen Kissen auf und ging ebenfalls auf ihn zu. "Laites... Es tut mir leid, dass ich nicht auf dich gewartet habe. Meine Eltern wollten, dass ich eine Kreation wähle, die besser zu meinem Schutz geeignet ist. Moru ist das zweifelsohne, du..." Jarales warf einen abwägenden Blick auf Ninári und seufzte, aber endete dennoch "Du wirst mir fehlen."

Laites' Herz schlug rasend schnell, aber die Gefühle blieben ihm, rein und sicher. Er wusste, dass er Jarales nicht liebte, nicht selber liebte. Leicht lächelnd trat er auf ihn zu und umarmte ihn fest, was ein dunkles Knurren von Moru hervorrief.

"Ich danke dir für das Verständnis", murmelte er dichter an sein Ohr. Langsam trat er zurück und wollte sich gerade verabschieden, als Jarales sich kurz abwandte und in seinen Kistchen neben dem kissenreichen Lager kramte. "Moment noch!" Als er zu Laites trat, hatte er das zierliche Kettchen in der Hand, das er ihm damals in dem Labor umgelegt hatte. "Es gehört nun also dir, Laites. Viel Glück." Jarales sah zu Ninári. "Ihnen auch!" Hastig wendete er sich ab und verschränkte die Arme. "Bring sie raus, Moru!"

Ninári fühlte sich erleichtert darüber, dass es so ruhig und problemlos verlaufen war. "Ich danke Ihnen, Dai'inar. Ganz besonders für Ihr Verständnis. Möge die Göttin Ihren Weg erleuchten und Ihnen Glück schenken." Einen Arm wieder um Laites legend, folgte er Moru nach draußen.

Jarales tat ihm leid, denn er hatte den Eindruck, dass dieser wirklich mehr für Laites empfunden hatte. Doch es war nicht zu ändern. Laites gehörte zu ihm, sie liebten sich. Als sich die Tür hinter ihnen schloss, und sie wieder auf dem Flur standen, ließ Ninári ihn los, um ihn zu sich umzudrehen und ihn anzusehen.

"Ich war erst aufgebracht, weil du allein gegangen bist, Ta'ari", sagte er leise. "Aber ich bin wirklich stolz auf dich."

Laites schnüffelte ein wenig traurig und sah auf das goldene Halskettchen in seiner Hand. "Ich... er wird mir... trotzdem fehlen, Nin. Ich kann es nicht verhindern. Er hat mich als allererster gern gehabt und wollte mich um sich haben." Hilflos schmiegte er sich in Nins Arm.

Ninári umarmte ihn fest und unterdrückte mit aller Gewalt die Gedanken, die ihm kamen, dass es besser gewesen wäre, wenn sie Jarales nie begegnet wären. "Das verstehe ich. Du sollst es auch nicht verhindern. Das würde nicht zu dir passen. Aber manchmal muss man sich einfach entscheiden, und das hast du getan." Sacht küsste er ihn auf die Stirn und hielt ihn noch eine Weile, ehe er ihn sanft zum Aufzug schob.

 

Ninári gab sich Mühe in den nächsten Tagen, das wusste Laites. Es war sicherlich nicht einfach für Nin, da er ebenfalls wusste, wie empfindlich dieser war, wenn es um Jarales ging. Die Kette allein, die er nicht fortwerfen konnte. Er war nicht wirklich traurig, es war nur das Vermissen von etwas, das er nicht hatte kennen lernen dürfen. Nin war nie ein wirklicher Besitzer für ihn gewesen, nicht so, wie Jarales es hatte sein wollen.

Laites fand zu seinem Glück nur wenig Gelegenheit, um nachdenken zu können, über das, was er in sich vermisste, über das, was er Ninári durch seine Traurigkeit antat. Zunächst musste er Nin selber über dessen Traurigkeit hinweghelfen, denn Dai'thi und Tarlant fuhren in Richtung Laborinsel ab, damit Tarlant recht bald ihre Arbeit dort erledigt haben konnte.

Doch als Nináris Bruder abgereist war, entdeckte Laites ihn an einem Morgen, den er allein im geräumigen Bett, das er zuvor mit seinem Geliebten geteilt hatte, aufgewacht war, auf dem Balkon. Ninári saß dort, den Blick in seine Teetasse gerichtet und sah müde aus und verloren. Laites hatte niemals geglaubt, dass Ninári so unsicher wirken konnte, als würde er sich vor seiner Zukunft fürchten.

Rasch legte Laites seine Arme um Nins Hals und ließ die Hände über seine Brust streicheln. "Nin, ich muss mich entschuldigen bei dir, nicht wahr? Ich... hätte diese Kette gleich fortwerfen müssen. Bist du sehr traurig, weil Dai'thi fort ist?"

Ninári griff nach oben und umarmte seinen Geliebten ebenfalls, küsste ihn schnell auf die Wange. "Es ist nicht so schlimm. Ich bin ein wenig traurig deswegen, weil ich ihn vermisse. Wir waren selten getrennt, waren ja selbst im selben Tempel. Aber es geht." Er lächelte ein wenig müde. "Was mich traurig macht, ist, dass ich nicht weiß, was ich tun kann, um dir zu helfen. Wahrscheinlich brauchst du einfach nur Zeit, und Tarlant hat mir gesagt, ich muss geduldig sein. Aber ich würde so gerne etwas für dich tun. Und dann habe ich..."

Er stockte, wollte erst nicht fortfahren, entschloss sich dann aber doch, offen zu sein. "Ich denke immer wieder, ob ich nicht einen Fehler gemacht habe. Ob du wirklich hier bei mir am glücklichsten bist. Oder ob du nicht heimlich doch lieber bei Jarales wärest. Ich weiß, dass du mich liebst, und ich weiß, was du für mich auf dich genommen hast. Aber ich weiß nicht, ob es wirklich das beste für dich ist. Und dann habe ich Angst."

Laites drückte Nináris schlanken Körper erschrocken an sich und küsste ihn, so oft er konnte, über das Gesicht. "Nein, das darfst du nicht denken, Nin! Denk niemals, dass ich nicht glücklich sein könnte bei dir, dass jemand anderes besser wäre, denn das kann nicht sein!" Er kniete sich vor den Sessel und sah zu Ninári auf. Das schlanke Gesicht, in dem doch sonst immer ein Lächeln zu sehen war, sah düster aus und mutlos, selbst die Haare wirkten matter als sonst, spielten nicht um Nins Rücken, sondern hingen lustlos herab.

Laites seufzte unglücklich und streichelte Nin einige Haarsträhnen hinter die gefächerten Ohren, betrachtete die dunklen Augen und litt darunter, dass er Schuld hatte an Nináris Trauer. "Ich bin schuld. Es tut mir leid, dass ich dir soviel Ärger mache, Nin. Hör damit auf, ich liebe dich, nur dich. Jarales hat ein merkwürdiges Gefühl in mir erzeugt, wie Vermissen vielleicht, aber niemals hat er mein Herz so schlagen lassen, hat mich Freude fühlen lassen, diese Wärme hier in der Brust und... dieses... Kribbeln gleich hier unter den Rippen, wenn du mich ansiehst, mich berührst. Er hat mich nie dort berühren können, wo ich dich gespürt habe, Nin, und damit meine ich nicht meinen Körper..." Er wurde rot, weil ihm bewusst wurde, dass auch diese Auslegung stimmte.

Nináris Augen wurden heller, und er beugte sich vor, um seinen Geliebten zu umarmen und an sich zu drücken. "Ich liebe dich, Laites, und du machst mir das Herz leichter. Ich bin derart glücklich, wenn du bei mir bist, dass ich mich manchmal frage, ob ich dich nur glücklich sehe, weil ich es gerne so hätte. Aber wenn du mir so etwas sagst... dann fühle ich mich, als könnte nichts jemals falsch sein zwischen uns." Er küsste ihn auf den Hals, auf die Wange, auf die Schläfe. "Ich will dich nicht drängen, und ich weiß, dass Trauer wichtig ist, dass niemand immer gut gelaunt sein kann. Ich will auch nicht, dass du ein schlechtes Gewissen deswegen hast oder dir wegen mir Vorwürfe machst."

Laites schaffte es, seinen Körper so zusammenzurollen, dass er sich auf Nins Schoß in den Sessel quetschen konnte. "Ich will nur bei dir sein, Nin. Ich weiß, dass ich langsam bin mit den Gefühlen, aber ich vermisse an Jarales keinerlei Gefühle, sondern eher das, was der Chip vermisst. Wenn ich erst einmal bei dir bin, mit dir in dem neuen Tempel, dann wird das Vermissen aufhören, dann hat der Chip genug zu tun, meine Allergien auszugleichen." Er grinste dabei schelmisch und schmiegte sich an Ninári an, freute sich schon auf dessen Heimat, darauf mit ihm zusammen zu sein, mehr zu lernen, zu wissen.

Ninári erwiderte das Grinsen mit einem Lächeln und schloss die Arme enger um Laites, während er innig der großen Mutter Kemjala dankte, dass sie alles so wundervoll gerichtet hatte.

 

Die Fahrt wurde Finn nicht lang. Er zeigte und erklärte Jessi den Planeten, auf den sie ziehen würden. Die Tiere und Pflanzen dort, das Klima, sehr mild und in einigen Zeiten im Jahr regnerisch, was den Wiesen und Wäldern gut tat.

Finn zeigte Bilder von dem Steinhaus, das in der Nähe von Angelos Schloss stand. Aus roten und beigen Sandsteinen gemauert mit zwei Etagen, mit großzügigen Räumen, in denen die Möbel seinen Krallen widerstehen konnten. Natürlich war das alles nichts gegen das wirkliche Haus.

Finn und Jessi waren beide müde, weil die Fahrt vom Fernhafen, in dem das Luftschiff ankam, zu ihrem Haus noch sehr weit war; sie waren auf dem eher rückständigen Planeten noch einen halben Tag länger unterwegs, ehe der Fahrer von Angelo sie vom lokalen Hafen abholte und zu dem Haus brachte.

Finns Augen glitten über den weitläufigen Park, in dem alle Angestellten von Angelo ihre Häuser hatten, in dem dazwischen auch die Pools, Sportanlagen und die Schule untergebracht worden waren, die sich Angelo und die anderen Superreichen teilten.

Finn deutete an Jessi vorbei auf das helle Gebäude. "Das ist die Schule. Wenn du magst, kannst du dort auch hingehen und lernen. Ich bin dort häufiger, um mich auf eine Mission vorzubereiten. Die Bibliothek ist sehr gut ausgestattet."

Jessis Augen leuchteten auf. Eine Schule, in der er noch mehr lernen konnte als das bisschen Schreiben in der Schrift der Kemjasheri'i. Vielleicht konnte er dort sogar weiter Musik machen und all die Dinge lernen, die für Finn und Laites so selbstverständlich waren, das Wissen um die Sterne, um die Koordinaten, Geschichte von verschiedenen Planeten und Föderationen. Wie so vieles funktionierte. Er würde Bücher lesen können.

Finn sah sich um und zeigte auf die Läden, in denen er gern einkaufte, auf den Park, durch den er häufiger joggen ging und die vielen anderen Gebäude, die sich nie zu verändern schienen, egal wie lange er fortbleiben musste. "Meine Nachbarn... Sie haben Hunde, das hasse ich, aber sie selber sind sehr nett. Oh, da ist der Botendienst. Die bringen mir immer meine Nachrichten, wenn ich daheim bin."

Der Fahrer lenkte das Gefährt auf eine sachte zwischen blühende Bäume geschwungene Auffahrt, und nach einer Kurve kam auf dem Hügel Finns Haus in Sicht. Eine der Haushälterinnen von Angelo winkte ihnen aus dem Fenster der Küche her zu.

Alles war, wie er es in Erinnerung hatte. Das durch mit einem typischen Muster überzogenen Steinen verklinkerte Haus mit den großen Fenstern, mit den hellen Gardinen, die Blumenbeete davor, sauber gepflegt von einem von Angelos Gärtnern, mit einer Skulptur von Angelo darin, die Finn hübsch fand, ein runder Brunnen, hatte ihm alles sehr gefehlt.

Finns Herz schlug schneller, seine Freude war umso größer, weil er nicht allein in das Haus heimkehrte, das er so liebte. /Ich bin so froh, dass Jessi bei mir ist. Ich hoffe, hoffe, hoffe so sehr, dass er es hier aushalten kann./ Um von der Macht seiner Hoffnungen abzulenken, erklärte er "Das ist der Schuppen, da habe ich Räder und Roller, du kannst damit sicherlich auch fahren lernen, das offene Fenster geht zur Küche. Eine Haushälterin hat uns schon alles fertiggemacht. Angelo kümmert sich."

Jessi konnte sich nicht satt sehen, er klebte fast an der Scheibe, um ja kein bisschen zu verpassen von dem, was es hier zu entdecken gab. Alles war neu und aufregend und anders, als er es bisher kennen gelernt hatte. Niemals hatte er so viel Landschaft gesehen; die Bäume und Büsche, die Rasenflächen der Parks der Icesior waren alles gewesen. Hier gab es so viel davon, dass man bis ans Ende des Blickes nichts anderes hatte. Nichts war gedrängt, die Läden nicht und die Bibliothek, die anderen Gebäude und Finns Haus, das vollkommen frei stand.

Mit geröteten Wangen und glänzenden Augen drehte er sich zu Finn um und lachte ihn an. "Oh, das ist so atemberaubend! Hier braucht man die Wagen wenigstens. Auf der Icesior konnte ich alles zu Fuß erreichen, aber hier, hier ist so viel Platz, Finn! Hier kann man sich ja verirren, weil so viel Raum ist! Es ist wunderschön! So viele Pflanzen, dass ich sie niemals auseinanderhalten kann! Und so viel immer davon auf einem Fleck! Das Haus ist so groß! Noch viel größer, als ich von den Bildern gedacht habe! Hier werden wir wohnen? Und der Himmel! Er ist irgendwie noch viel blauer als der in der Icesior! Er wirkt, als würde er atmen!"

Kaum stand der Wagen, war er auch schon hinausgesprungen. Doch anstatt herumzulaufen, blieb er einfach nur stehen, lauschte auf die Vogelstimmen, die von Ferne zu ihm drangen, auf die Insekten, auf den leichten Wind, der im Gras raschelte und die Blätter der Büsche zum Rauschen brachte.

Mit einem Mal stellte er fest, dass es ansonsten vollkommen ruhig war. Seit der Motor verstummt war, herrschte eine fast greifbare Stille, die ihn orientierungslos werden ließ. Irritiert sah er sich um, bis er begriff, dass er die unterschwelligen Töne der Maschinen vermisste, die in der Icesior und auch anschließend in dem Schiff und selbst in dem Wagen allgegenwärtig gewesen waren. Ein Zittern lief durch ihn hindurch.

"Oh", flüsterte er, empfand seine eigene Stimme plötzlich als laut. "Es ist so still hier."

Finn nickte der sich von ihm verabschiedenden Haushälterin zu. Die Leute von Angelo waren nicht so gern mit ihm zusammen, seine Katzenaugen, die Katzenart waren zu geheimnisvoll. Die Haushälterin hatte es zudem recht eilig, den anderen von dem rothaarigen, hübschen Jungen zu erzählen, den er sich mitgebracht hatte, da war Finn sich sicher.

"Komm erst einmal in das Haus mit herein, Jessi. Wir gehen nachher vielleicht noch einmal spazieren, ja?" Finn umfasste Jessis schlanke Hand und nahm mit der anderen Hand die beiden Taschen auf, die ihnen gehörten.

Im Haus streckte er sich einmal und seufzte befreit. Sogleich zog er seine Weste aus und hängte sie an einen der Garderobenhaken, dann folgte eine Führung durch Küche, die Wohnzimmer, nach Katzenart mit großen Kissen möbliert, durch den Arbeitsraum und schließlich in die drei zur Wahl stehenden Schlafzimmer.

Eines war noch vollkommen unmöbliert, und Finn sagte mit einem Nicken "Dies ist nun dein Zimmer, wenn du magst. Es hat sogar einen Balkon. Die Möbel kannst du dir selber aussuchen, sobald ich wieder etwas Geld über habe."

Jessi nickte überwältigt und nahm sich im Stillen vor, dass er dringend einen Weg finden musste, selber auf eine Art Geld zu verdienen, die Finn zusagte. Stehlen kam hier schon allein aus dem Grund nicht in Frage, weil alles irgendwie zu dem Besitzer von Finn zu gehören schien und den wollte er nicht bestehlen, selbst wenn er seinem Kater das Versprechen nicht gegeben hätte.

"Das hat auch keine Eile", erwiderte er ein wenig scheu. "Ich wüsste eh nicht, was ich hier reinstellen sollte. Danke."

Zuletzt, nach dem Gästezimmer, kam sein eigenes Schlafzimmer, und Finn lehnte sich mit einem Mal von der Fahrt und der Aufregung müde in der Tür an, um Jessi den Vortritt zu lassen. Die Vorhänge bewegten sich leicht im Wind, waren schon zugezogen, weil die Sonne unterging. Das breite Bett war sehr flach, hob sich nur wenig vom Boden ab. Es war rund und von einem Segeltuch überspannt. Finn liebte es, ein Nest, in dem er sich sicher fühlte. "Na, was sagst du, Jessi?"

Jessi lächelte und sah mit einem schelmischen Blinzeln zu seinem Kater auf. "Wenn das ab heute auch mein Bett ist, bin ich zufrieden." Dann umarmte er ihn und lehnte den Kopf an seine Schulter. Er war genauso müde, wie sein Kater aussah. So viel hatte er an dem Tag gesehen und erfahren, so viel erlebt.

"Es gefällt mir hier sehr, Finn. Es ist alles so groß und so viel Platz, so hell und freundlich. Ich denke, ich werde mich hier wirklich sehr, sehr wohlfühlen. Du hast ein tolles Haus. Aber ich glaube auch, dass ich mich überall wohlfühlen könnte, wenn nur du bei mir bist. In dem kleinen Zimmer auf der Icesior war es mit dir ja auch schön."

Finn drückte Jessi an sich, beugte sich zu ihm herab. Er schloss einmal kurz die Augen, das Gesicht in die roten Haare vergraben. Dann gab er sich einen Ruck und streckte sich einmal. "Ich will noch mein Fell von dem Geruch nach Klimaanlagen befreien, aber bin sehr müde; wenn du Hunger hast, Jessi, dann ist im Schrank in der Küche sicherlich reichlich zu finden." Er küsste Jessi einmal rasch auf die Wange und ging in das Bad.

Jessi dachte nicht einmal an Essen. Es hatte reichlich auf der Fahrt gegeben; stattdessen wäre er am liebsten mit Finn unter die Dusche gegangen, nur um sich nicht von ihm trennen zu müssen. Doch er zog sich rasch aus und legte sich in das nach frisch gewaschener Wäsche duftende Bett, dem noch der Geruch nach seinem Kater fehlte, um es perfekt zu machen. Aber es war weich und warm, und es war sein neues Zuhause, sein Zuhause mit seinem Geliebten, und allein deswegen konnte es kaum besser sein.

Später, als Finn mit nun wieder sauberem und trockenem Fell zurückkehrte, lag Jessi bereits in die Decke eingewickelt und konnte die Augen kaum noch offen halten. Lächelnd blieb er stehen und löste die Kordeln, welche die Vorhänge um seine Schlafstelle zusammenhielten.

In die gewohnte Dunkelheit und Weichheit seines Schlaflagers gehüllt und das herrlichste Gefühl der Welt genießend, nämlich den Körper des Geliebten, der sich im Schlaf an ihn drängte, driftete Finn ebenso in die Träume fort. Glücklicher war er zu keiner Zeit seines Lebens gewesen, da war er sich, während er sich beschützend um Jessi legte, sehr sicher.


© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig
 
~ Ende ~