Forever's Kiss

1.

Ein kalter Wind fegte durch die menschenleere Seitenstraße und trieb Coladosen und alte Zeitungen vor sich her. Er heulte in alten Fensterläden und ließ sie klappern, zauste kahle Äste und zerrte an zerrissenen Plakaten. Die bleiche Mondsichel stand am samtschwarzen Himmel inmitten eines Sternenmeeres, das in der klaren, eisigen Luft wie ein Netz aus Diamanten über der Stadt hing. Eine einsame Laterne versuchte flackernd, die Dunkelheit zu vertreiben. Doch ihr trüber Lichtschein reichte nicht weit.

Eine Tür unter einem Vordach öffnete sich, und eine schlanke Gestalt trat aus dem kleinen Laden, der bereits seit ein paar Stunden geschlossen war. Ein Windstoß blähte den braunen Mantel auf, fröstelnd zog Chrys ihn wieder um sich. Sein Atem kondensierte zu kleinen weißen Wölkchen. Er hatte heute verdammt lange für die Abrechnung gebraucht, warum nur hatte Masha sie ihm aufladen müssen? Er haßte Abrechnungen, und bei Masha schienen sie sich irgendwie selbsttätig zu machen. Er hatte sie noch nie darüber brüten sehen...

Er kramte für einen Moment in der Tasche, dann fand er, was er suchte. Er zog einen großen Schlüsselbund hervor, fahndete nach dem richtigen Schlüssel und schloß ab. Ein kurzer Knopfdruck ließ das Sicherheitsgitter herunterfahren. Das Rattern hallte unnatürlich laut durch die Nacht.

Er wartete, bis es am Boden war, dann wandte er sich ab, steckte die Hände tief in die Taschen, zog den Kopf frierend zwischen die Schultern und stapfte los. Seine Gedanken waren bereits zu Hause, bei einer großen Tassen guten heißen Tees. Den Schatten, der sich von einem der Schornsteine löste, bemerkte er nicht.

Mit der Anmut einer großen Raubkatze folgte Damon ihm über den Dächern, die schwarzen Augen unbeirrt auf ihn gerichtet, seinen Anblick trinkend. Der junge Mann war wie eine Sonne in der kalten Nacht, wunderschön und verheißungsvoll. Goldblondes Haar umwob sein jugendliches Gesicht, floß in weichen Kaskaden auf seine Schultern. Moosgrüne Augen leuchteten wie geheimnisvolle Edelsteine. Seine Wangen waren von der Kälte gerötet, seine weichen, sinnlichen Lippen zu einem leichten Lächeln verzogen, als sei er in Gedanken bereits der Dunkelheit und Kälte entwichen.

"Was für eine klare Nacht", sagte er leise und sah zu der schmalen Mondsichel empor.

Geschmeidig glitt Damon in den Schatten zurück, bevor der junge Mann ihn bemerken konnte. Ein Schauer lief seinen Rücken herab, als er die Stimme hörte. Sanft wie ein Versprechen war sie und süß wie Blut. Sie versetzte sein Innerstes in Aufruhr.

Der zarte Duft seines warmen Blutes stieg bis zu ihm hinauf, sein Körpergeruch, der Schweiß, sein Rasierwasser, der Geruch nach Räucherstäbchen, all das vermischte sich zu einem köstlichen, harmonischen Miteinander. Sein Herzschlag war wie das Dröhnen einer Glocke in einer großen Kathedrale, regelmäßig und überwältigend.

Hunger und Begehren mischten sich und wurden übermächtig. Damon wollte ihn, jetzt und hier. Er sprang hinter Chrys vom Dach und landete lautlos auf dem Kopfsteinpflaster der Straße. Mit den Schatten der Nacht verschmelzend folgte er ihm, seine Schritte erzeugten nicht das geringste Geräusch. Mit jeder Sekunde wuchs sein Hunger und mit ihm das Verlangen, doch er wartete, wartete auf den richtigen Moment.

Eine gefleckte Katze wich mit einem leisen Fauchen vor ihm zurück, ihre Augen leuchteten gelb in der Dunkelheit.

Chrys drehte sich um und warf einen mißtrauischen Blick zurück. Er meinte, etwas gehört zu haben. Seine Augen versuchten die Schatten zu durchdringen, doch sie fanden nichts. Die Straße war leer, beleuchtet nur von dem kalten Licht einiger Laternen. Laut hallten seine Schritte von den Hauswänden wieder, als er weiterging. Ein paar Straßen entfernt fuhr ein Auto vorbei. Als das Motorenbrummen verklungen war, war die Stille noch tiefer, nahezu körperlich.

Wieder wandte er sich um. Er spürte etwas, eine Gegenwart, die er nicht beschreiben konnte. Sie war unfaßbar, ungreifbar, bedrohlich... und fremd. Ein kalter Schauder lief seinen Rücken hinab, nervös beschleunigte er sein Tempo.

Seine Halsschlagader pulsierte, sie schien zu leuchten, und wer weiß, vielleicht tat sie es sogar. Damon leckte sich über die trockenen Lippen, sein Atem ging schneller, fast schon keuchend. Rasender Hunger erfüllte ihn, und vor ihm lief dieser wunderschöne Sterbliche, der seinen Durst stillen würde mit seinem Blut.

Mit einem Mal wurde sein Begehren übermächtig. Als der junge Mann den dunkelsten Punkt zwischen zwei Laternen erreicht hatte, war Damon mit einigen schnellen Schritten bei ihm. Schneller als ein Mensch es erfassen konnte, schlang er einen Arme um ihn, den Schrei erstickte er mit einer Hand.

Für einen Wimpernschlag erstarrte der junge Mann vor Schreck, dann begann er heftig sich zu wehren. Er wand sich in diesem unbarmherzigen Griff und versuchte, nach Damon zu treten. Doch als der Griff fester wurde, erschlaffte er mit einem schmerzerfüllten Wimmern. Damon bog seinen Kopf beiseite, so daß der helle Hals ungeschützt vor ihm lag.

Er preßte seine Lippen in den Nacken des Mannes, sog diese köstliche Wärme ein, den Duft, den der junge Mann ausstrahlte, und der von Nahem noch viel intensiver war; es raubte ihm fast die Sinne. Die weiche Haut der Kehle pulsierte unter dem Druck der dahinterliegenden Ader, klopfte an Damons Lippen. Er spürte die Angst des Sterblichen, roch den Schweiß; er fuhr mit der freien Hand unter seinen Mantel und streichelte seine Brust, fühlte den rasenden Herzschlag an seiner Hand.

"Schhh", murmelte er, sein warmer Atem strich über zarte Haut. "Es hat keinen Sinn, wenn du dich wehrst..."

Damon schloß die Augen und tauchte ein in die Gedanken, die unter dem blonden Haar wie aufgeschreckte Motten flatterten. //Warum? Oh Gott, warum ich? Was willst du? Warum?... Tu mir nicht weh!... Wer bist du?... Angst... Hilft mir niemand? - Chrys, tausendmal habe ich dir gesagt, du sollst nicht abends durch die dunkeln Gassen gehen! - Ach Mama, es wird schon nichts passieren! - Ich will nicht sterben!... Oh Gott, bitte hilf mir! Irgendwer! Götter? Warum?!? - Ich bin schon so oft allein nach Hause gegangen... Ich will nicht sterben!//

Damon zog die Lippen zurück und berührte mit den Spitzen seiner Fangzähne den bloßen Hals. Sie waren kalt auf der warmen Haut. Berauschender Gedankenfluß... ihn trinken wie das Blut... mit dem eigenen verweben...

Chrys erstarrte, er hörte auf mit seinen sinnlosen Befreiungsversuchen, als Gedanken auf ihn einstürmten, die nicht seine eigenen waren, Gefühlen, die er nicht kannte. Er spürte Verlangen, abgrundtiefes, atemberaubendes Verlangen; Hunger, der die Adern zu zerreißen drohte und ihm den Verstand rauben wollte; er wußte mit einem Mal, wie es war, wenn warmes Blut den Mund füllte, wenn es langsam die durstige Kehle hinunterrann, in die eigenen Adern strömte und das Verlangen stillte...

Die weißen Fangzähne bohrten sich in seinen Hals, durchbrachen mit einem Knacken die Wand der großen Ader, zogen sich wieder zurück. Rotes Leben sprudelte hervor und drang in einen hungrigen Mund. Zwei Herzen schlugen im Einklang und füllten ein ganzes Bewußtsein.

Angst mischte sich mit Erregung, die Chrys in einer heißen Welle durchflutete. Sein ganzer Körper reagierte auf diesen tödlichen Kuß, glühende Hitze schoß in seine Lenden und ließ ihn hart werden.

//Gott, was ist das?... Ich werde sterben.// Doch mit einem Mal enthielt der Gedanke keine Drohung mehr. In der Umarmung dieses Wesens die Welt zu verlassen, schien mit einem Mal von einer betörenden Süße zu sein. Aufstöhnend schmiegte er sich in die Arme, die ihn umfangen hielten.

//Ja....// Unendlich köstlich floß das warme, lebendige Blut in Damons Mund. Es strömte in seine hungrigen Adern und rauschte wie flüssiges Feuer durch seinen Körper. Er lockerte seinen Griff, seine Hände glitten unter den Mantel. Er schob den Pullover hoch und streichelte die warme Brust, in der das Herz flatterte wie ein gefangener Vogel. Er spürte die samtweiche Haut unter seinen Fingern. Sacht fuhren seine Hände empor, die Rippen entlang.

Hilflos stöhnte Chrys auf, als die unendlich zärtlichen Finger seine Brustwarzen fanden und sie zu umkreisen begannen. Die kalte Luft ließ ihn frösteln, doch er merkte es nicht. Er stand in Flammen. Er preßte sich an den warmen Körper und griff nach ihm.

Damon spürte, wie die schlanke Gestalt schwächer wurde. Noch mehr, und Chrys würde sterben. //Nein, bei Gott!// Mit einem Keuchen löste er sich von ihm. Zärtlich ließ er seine Zunge über die Wunde schnellen, um die Blutung zu stoppen. Er konnte nicht. Dieses Herz sollte nicht aufhören zu schlagen! Er stieß ihn von sich und verschwand so schnell wie ein Gedanke, ein Schatten, der mit der Nacht verschmolz.

Chrys taumelte. Die Straße schwankte vor seinen Augen, alles drehte sich um ihn. Er konnte sich nicht mehr halten, seine Beine gaben unter ihm nach. Hart landete er auf dem Kopfsteinpflaster. Seine Augen starrten blicklos zu dem dunklen, klaren Sternenhimmel empor. Die Kälte drang durch seine Kleidung, fraß sich bis in seine Knochen und noch tiefer, bis in seine Seele. Er war leer und ausgelaugt, einsam und hilflos, wie ein Kind in der Nacht. Tränen rannen über sein Gesicht.

Die Einsamkeit schmerzte fast körperlich. So unvermittelt dieser engen Verbundenheit beraubt zu werden... die Ekstase war ihm viel zu plötzlich genommen worden... noch jetzt zitterte sein Körper von dieser Berührung. Noch immer vibrierten seine Seele, sein Herz, und doch war er allein zurückgelassen worden.

"Warum?" flüsterte er.

Doch nichts regte sich in der Dunkelheit...

Viele Straßen weiter lehnte Damon keuchend mit dem Rücken gegen eine Hauswand, sein Herz raste, das Blut rann wie flüssiges Feuer durch seine Adern, wärmte ihn, heizte ihn auf, ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Gedanken taumelten wie Schmetterlinge in seinem Kopf umher, es war unmöglich, sie zu fangen. Sein Körper brannte, zwischen seinen Beinen herrschte ein loderndes Inferno. Unendliche Süße erfüllte ihn, und doch fehlte die Erfüllung. Er wünschte sich, er hätte sich nicht von seinem Durst überwältigen lassen, wünschte, etwas länger gewartet zu haben... es war so intensiv gewesen, so berauschend... doch es war zu spät. Alles, was er jetzt noch tun konnte, war, die Bedürfnisse seines Körpers zu befriedigen.

"Du gehörst mir, Chrys", flüsterte er heiser.

Er stieß sich von der Wand ab und leckte sich fahrig über die blutigen Lippen. Aufgewühlt wagte er sich wieder in das nächtliche Leben auf der Straße. Sein Durst war noch lange nicht gestillt, und so mußten zwei streunende Hunde ihr Leben lassen; Raphael, der Schirmherr dieser Stadt, schätzte es nicht, wenn man menschliche Leichen hinterließ, und momentan hatte Damon keinen Nerv, darauf zu achten, ob er zuviel trank oder nicht. Das Blut war wenig schmackhaft, doch es beruhigte ihn ein wenig. Seine Gedanken klärten sich langsam. Doch alles, woran er denken konnte, war der anschmiegsame junge Mann in seinen Armen.

Ein schmales Lächeln huschte über Damons Lippen. Er würde ihn wiederfinden, und dann würde er sich nehmen, was er sich heute versagt hatte. Und wenn er dafür die Stadt auseinandernehmen mußte.

 

Irgendwie hatte Chrys es geschafft, wieder auf die Beine zu kommen. Sich an den Hauswänden abstützend war er nach Hause gewankt, hatte die Hilfe eines Mannes abgelehnt, um nach unendlich langer Zeit seine Wohnung zu erreichen.

Sein Kopf war wie leergefegt, bis auf einen Gedanken, der wie Trommelfeuer durch sein Hirn hämmerte. Trinken... Taumelnd betrat er die Küche ohne das Licht anzuschalten und holte ein Glas aus dem Schrank. Trinken... er mußte den Blutverlust ausgleichen... Durst...

Schwärze legte sich wie ein dunkler Schleier über sein Bewußtsein. Spüle und Herd führten einen wilden Tanz auf, die Kühltruhe drehte sich um ihre eigene Achse. Wie in Zeitlupe sprang der Boden dem Glas entgegen, das sich in seiner Hand befand. Es zersprang mit einem überirdisch hohen Klirren in tausend Scherben, in denen sich das Mondlicht fing. Eine scharfe Kante bohrte sich in Chrys' Hand, bis der Linoliumboden auch seinen Kopf erreichte und alles ausgelöscht wurde.

Er wußte nicht, wie spät es war, als er wieder erwachte. Der seltsame Schwindel war von einem quälenden Durst abgelöst worden, sein Mund war ausgetrocknet, seine Kehle schmerzte. Um seine Hand hatte sich eine Blutlache gebildet, in der die Scherben im Schein des Mondes silbern schimmerten.

Mühsam drehte er sich zur Seite und hob den Kopf. Wieder begann die Welt, sich um ihn zu drehen. Für einen Moment hielt er inne. Einfach liegen bleiben... Nie mehr aufstehen... Doch der Durst war stärker. Auf Händen und Knien kroch er zum Kühlschrank, öffnete ihn und holte einen Tetrapack Orangensaft hervor, setzte ihn an die Lippen und trank. Die kalte Flüssigkeit strömte durch seine Kehle und weckte seine Lebensgeister. Erst jetzt spürte er den Schmerz in der Handfläche und das dumpfe Pulsieren an seinem Hals.

Wie durch einen Nebel hindurch erinnerte er sich an das Fremde, was ihn gebissen hatte. Angst... Ekstase... Warme Hände auf seiner Brust... Schwäche, als das Leben unablässig aus ihm rann. Doch die Erinnerung entglitt ihm. Immer noch auf Händen und Knien krabbelte er aus der Küche, durch den Flur ins Schlafzimmer, wo er sich, kaum noch seiner Glieder mächtig, in das große Bett schob. Kaum berührte sein Kopf das Kissen, war er auch schon eingeschlafen.

 

//Er rannte, doch seine Beine waren schwer wie Blei. Stechender Schmerz bohrte sich in seine Lunge und ließ sein Herz verkrampfen. Jeder Schlag war eine Qual, jeder Atemzug eine brennende Folter. Die Straße war menschenleer und dunkel. Endlos reihte sich Tür an Tür, doch sie alle waren verschlossen. Hinter sich hörte er das heisere Keuchen, er konnte den heißen Atem fast schon im Nacken spüren. Er wußte, wenn es ihn einholte, würde er sterben...

Zähflüssiges Blut rann ihm aus dem Mund. Er lag auf dem kalten Kopfsteinpflaster, begraben unter einem schweren, warmen Körper. Er konnte sich nicht rühren, konnte kaum atmen. Heiße Lippen wurden auf sein Handgelenk gepreßt, er spürte den Schmerz, als sich die Fangzähne in die zarte Haut gruben. Hilflos schluchzte er auf, Tränen rannen seine Wangen hinab, während das Leben unbarmherzig aus ihm herausrann...//

Das Schrillen des Weckers riß ihn aus dem Schlaf. Mit einem leisen Schrei schreckte er auf. Blind schlug er um sich, um sich von dem Mann zu befreien, der über ihm lag... Doch er traf nur die weiche Federbettdecke und die Matratze. Er war allein. Mühsam kämpfte er sich aus den zähen Träumen empor, die ihn gefangenhielten.

Bebend zwang er sich, die Augen zu öffnen. Mit rasendem Herz sah er sich in seinem Schlafzimmer um. Der Vorhang war halb beiseite geschoben. Flackernd drang der trübe Schein der Laterne durch das Fenster herein. Er hob jede Kante mit kalter Deutlichkeit hervor, und wo das Licht keinen Weg hinfand, waren tiefschwarze Schatten zum Leben erwacht, bizarren Wesen gleich, die nur darauf zu warten schienen, sich auf ihn stürzen zu können.

Wie erstarrt lag Chrys da und wagte nicht, sich zu rühren. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er zur Decke empor. Sein Mund war trocken vor Angst, kalter Schweiß bedeckte seinen Körper.

Eine Ewigkeit lag er so da, bis ihn Durst und die Kälte wieder halbwegs zur Besinnung brachten. Er war in seiner Wohnung, allein, und es gab keinen Grund, warum er sich so fürchtete. Mühsam rollte er sich zur Seite und schaltete die Nachttischlampe ein.

Geblendet schloß er für einen Moment die Augen, als sich das kalte Licht schmerzhaft in seinen Kopf bohrte. Doch es durchflutete den Raum mit tröstlicher Helligkeit und vertrieb die drohenden Schatten.

Müde kämpfte Chrys sich empor. Er blieb für eine ganze Zeit auf der Bettkante sitzen und versuchte die lähmende Leere in seinem Hirn zu vertreiben. Vergeblich... Schließlich stand er träge auf.

Stechender Schmerz raste durch seinen Kopf, das Zimmer begann sich um ihn zu drehen. Schwärze überflutete ihn. Haltsuchend lehnte Chrys sich an die Wand und preßte die Wange gegen die kühle Tapete. Oh Gott, was war nur mit ihm los?

//Schatten... eisige Finger... warmes Blut...//

Mit einem Aufkeuchen riß er die Augen auf, doch so schnell wie das Bild gekommen war, war es auch wieder verschwunden. Für einen Moment hielt er noch inne, dann wankte er ins Bad. Himmel, er mußte sich anziehen, er mußte auf die Arbeit...

Als er sich das Pyjamaoberteil über den Kopf ziehen wollte, um unter die Dusche zu schlüpfen, hielt er inne. Der Anblick eines grünen Pullovers störte seine Routine. Pullover und Jeans... Rotbraune Flecken auf dem einen Ärmel und auf seiner Brust...

Es dauerte eine Weile, bis sein zerschlagenes Gehirn begriff, daß es getrocknetes Blut war. Fassungslos starrte er es an. Wo kam es her? Sollte es etwa seines sein? Aber woher denn? Hatte er sich verletzt? Ein dumpfes Pochen an der Hand, an seinem Hals... Es dauerte etwas, bis er merkte, daß es Schmerz war. Chrys hob langsam den dröhnenden Kopf und preßte die Handflächen gegen die Schläfen. //Denken... Gott, du mußt denken...//

Aus den Augenwinkeln sah er die dunkle Gestalt hinter sich. Gehetzt fuhr er herum, ohne zu wissen, was ihn so in Panik versetzte. Doch es war nur der Spiegel. Als sein Blick hineinfiel, entfuhr ihm ein erschrockenes Keuchen. Sein Gesicht war grau, die Lippen hatten eine bläuliche Farbe angenommen. Dunkle Ringe waren unter den matten, grünen Augen gezeichnet. Auf der blassen Haut seines Halses hoben sich zwei rote Flecken leuchtend ab...

"Oh Gott", krächzte er heiser. Er sah genauso aus, wie er sich fühlte.

Und so konnte er unmöglich im Laden erscheinen... Er wankte zum Telefon und hob den Hörer ab. Dankbar drückte er die Programmtaste mit Mashas Nummer - Masha, die ihm mehr Freundin als Vorgesetzte war. Es klingelte einmal, zweimal... dann meldete sich eine weiche, weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung.

"Masha? Ich bin's, Chrys", krächzte er in den Hörer. "Ich... tut mir leid, ich kann nicht kommen... Bin krank..."

Gute Güte, sein Kopf drohte zu platzen... Er verstand kaum, was sie sagte. Irgend etwas von ausruhen und schlafen... Er murmelte ein Danke in den Hörer und legte auf.

 


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by Meike "Pandorah" Ludwig