Forever's Kiss

10.

Chrys starrte in seinen Schlafzimmerspiegel, in die großen, grünen Augen, die erschreckt daraus zurücksahen, als wäre das Bild etwas, vor dem man Angst haben müsste. Durch die Blässe seiner Haut schienen sie an Leuchtkraft zu gewinnen, selten hatte er sie als so intensiv empfunden.

Er schluckte und fuhr sich mit zitternden Händen durch das Haar. Seidig glitt es durch seine Finger und fiel in weichen Wellen zurück, umspielten sanft sein schmales Gesicht. Fast unbeteiligt beobachtete er das Beben seiner vollen Unterlippe. Seine Fingerkuppen glitten über die roten Male an seinem Hals, um dann wieder zum Hemd zurückzuwandern und damit fortzufahren, es zu zuknöpfen.

Langsam glitt sein Blick erneut über die Gestalt im Spiegel, als würde er einen Fremden betrachten. Und dieser Fremde sah erschreckend gut aus. Nackte Füße, die aus hellen, eng anliegenden Hosen hervorsahen, deren Nähte mit Zierstich verschönert waren und die unten einen leichten Schlag aufwiesen. Ein grünes Oberteil aus fließender Seide, das oben fast hauteng war, aber nach unten hin weiter wurde und kurz nach dem Hosenbund aufhörte, so dass man den nackten Bauch sehen konnte, wenn Chrys sich streckte. Die Ärmel wurden zum Handgelenk hin weiter und reichten bis zur Mitte der Hand. Es ließ ihn zierlich, zart, fast zerbrechlich wirken.

Chrys hatte sich nie für übermäßig attraktiv gehalten. Es gab Tage, da konnte er sich im Spiegel nicht ansehen, ohne sich missmutig Grimassen zu schneiden und Tage, an denen er sich ganz niedlich fand, was vielleicht noch schlimmer war. An anderen war er recht zufrieden mit sich, doch niemals hatte er sich für gut aussehend gehalten. Bis jetzt.

Seine Hände ballten sich zu Fäusten, als er den letzten Knopf geschlossen hatte. Roland hatte vorgeschlagen, er solle sich etwas zurechtmachen, um den Vampir zu empfangen. Um zu zeigen, dass jener willkommen war, dass er sich auf seinen Besuch gefreut hatte; den notwendigen Gegenpart dazu würde schon seine Nervosität bilden.

/Warum tue ich das?/, dachte er benommen. /Ich will das doch gar nicht. Warum sage ich nicht nein? Wehre mich nicht? Will ich wirklich, dass Damon stirbt?/ Aber was hatte er für eine Wahl? Damon würde sich mit Sicherheit nicht einfach abweisen lassen. Er war so fordernd, so besitzergreifend... und was, wenn Dave, Masha und Roland recht hatten? Wenn das alles ein Spiel des Vampirs war? /Und was, wenn nicht? Wenn alles nach Plan geht, stirbt Damon!/

Ein kurzes, kräftiges Klopfen an der Schlafzimmertür riss ihn aus seinen Gedanken. Hilflos warf er seinem blassen Spiegelbild einen letzten Blick zu. "Ja?"

Die Tür wurde geöffnet und Dave trat ein. Reglos blieb er stehen und schaute ihn einfach nur an. Chrys sah die Bewunderung in den Augen seines Freundes, das Erstaunen und lächelte zaghaft. Dave erreichte, dass ihm warm wurde und für einen winzigen Moment vergaß er alles, fühlte sich attraktiv, begehrt und gut dabei.

"Wow, Baby! Du siehst verdammt sexy aus." Mit leuchtenden Augen ließ Dave seinen Blick über ihn schweifen, ohne sich von der Stelle zu rühren.

Doch die Worte zerrissen den Schleier und brachten die unangenehme Realität zurück. Chrys sah zu Boden, sein Herz machte einen schmerzhaften Satz. "Ich wünschte, ich wäre es nur für dich", murmelte er.

Für einen Augenblick war es still, dann hörte er Schritte, die sich ihm näherten, sah Daves in Jeans steckende, lange Beine, die verkratzten, braunen Stiefel. Warme Hände legten sich auf seine Oberarme, tröstend und Halt gebend, und brachten ihn dazu aufzusehen.

Dave hielt seinen Blick fest, und Chrys musste schlucken, als er die Liebe in dessen Augen sah.

"Baby", sagte Dave leise. "Wir sind bei dir, es kann dir nichts passieren." Seine rechte Hand wanderte langsam den Oberarm hoch, über die Schulter, bis sie in Chrys' Nacken zu ruhen kam, wo die Fingerspitzen hauchzart über die feinen Härchen zu streichen begannen. "Wenn du ihn ins Wohnzimmer lockst, wird es schnell vorbei sein. Ich weiß, wie schwer es ist. Aber es ist notwendig."

Chrys schluckte und nickte, doch seine Augen brannten. Als Dave den Druck der Hand in seinem Nacken verstärkte, ließ er sich widerstandslos nach vorne ziehen und in die beschützenden, warmen Arme seines Freundes. Er schmiegte sich an ihn, spürte die sichere Umarmung, hörte das gleichmäßige Klopfen des Herzens.

/Ich habe Angst/, dachte er und schloss die Augen, atmete Daves geliebten Geruch ein. Ein wenig Ruhe kehrte zu ihm zurück, doch sie währte nur kurz. Dann drückte sein Freund ihn sacht von sich.

"Tut mir leid, Baby, aber eigentlich bin ich nur reingekommen, um dir zu sagen, dass ich zu Josh runter gehe. Und um dir viel Glück zu wünschen. Es wird dunkel." Daves Blick war unruhig, als er ihm in die Augen sah. "Ich liebe dich, Chrys. Vergiss das nicht. Vampire können so erschreckend hypnotisch sein."

Chrys nickte wieder, doch nicht einmal diese Worte konnten den sich ausbreitenden Knoten in seinem Magen lösen. Trotzdem gelang es ihm zu lächeln. "Ich dich auch, Dave", wisperte er. Er hob den Kopf und für einen Moment trafen sich ihre Lippen.

"Du schaffst das, Schatz." Aufmunternd drückte Dave ihn noch einmal an sich, dann lösten sie sich endgültig voneinander.

Chrys brachte ihn bis zur Wohnungstür, wo sie sich ein letztes Mal umarmten, ein letztes Mal küssten, als wollten sie wirklich für längere Zeit voneinander Abschied nehmen. Chrys sah ihm hinterher, wie er schwerfällig die Treppe hinunterging, bis er vor dem Aufzug stand. Dave lächelte ihm zu und zwinkerte, dann stieg er ein. Die Türen schlossen sich hinter ihm, verschluckten das Licht und ließen den Hausflur in unwirklichem Halbdunkel zurück.

Fröstelnd schloss Chrys die Tür und tappte mit nackten Füßen ins Wohnzimmer, wo es sich Roland und Masha nebeneinander auf der Couch bequem gemacht hatten. Sie sahen beide gleichzeitig auf, als er eintrat. Roland grinste ihn an. Er schien eine scherzhafte Bemerkung machen zu wollen, überlegte es sich dann aber offensichtlich doch wieder anders.

"Ich denke, wir machen mal, dass wir aus dem Zimmer kommen", erklärte er nur sachlich. "Wer weiß, wie viel Sonnenlicht dieser Vampir schon verträgt. Am Ende beschließt er, sofort zu kommen, sobald das Licht auch nur einigermaßen erträglich ist."

Er erhob sich mit einer für seine Größe verblüffenden Geschmeidigkeit, und auch Masha stand auf. Ermunternd lächelte sie Chrys zu, und als sie an ihm vorbei ging, legte sie kurz die Hand auf seinen Arm, um ihn zu drücken. "Wir sind ganz nah bei dir, Chrys. Dir kann nichts passieren. Wir werden im Bad warten. Lock ihn einfach rein, das sollte dir nicht schwer fallen. Dann komm zu uns danach übernehmen wir."

Chrys nickte und schluckte. So sehr er es auch versuchte, er bekam einfach kein Lächeln mehr zustande. "Ja, Masha", murmelte er nur.

Sie blieb vor ihm stehen und umarmte ihn kurz, während Roland bereits im Flur verschwunden war. Sacht drückte sie ihn soweit von sich, dass sie ihn ansehen konnte. Ihre grauen Augen waren warm und besorgt, trotz des sie so beunruhigend verändernden Äußeren. "Chryssie, meinst du, du schaffst es? Wenn nicht, sag es. Noch ist Zeit abzubrechen. Wir werden uns etwas anderes einfallen lassen. Wir sind bis jetzt mit noch jedem Vampir fertig geworden."

Ihre Besorgnis ließ ihn sich nur noch schlechter fühlen, doch es gelang ihm, die Tränen zurückzuhalten, und endlich kam auch das Lächeln, das er schon die ganze Zeit versuchte, auf sein Gesicht zu zwingen. "Geht schon, Masha. Mach dir keine Sorgen."

Prüfend sah sie ihn noch einmal an, dann nickte sie und verschwand ebenfalls im Flur. Chrys hörte die Badezimmertür zugehen, dann war es mit einem Mal still in seiner Wohnung. Er fühlte sich allein. Allein gelassen.

Hilflos stand er mitten in seinem Wohnzimmer, das ihm mit einem Mal fremd zu sein schien mit der großen, gemütlichen Couch, vor welcher der niedrige Tisch aus dunklem Holz stand, mit den Bücherregalen, die fast überquollen vor gelesenen und teilweise auch ungelesenen Büchern, der Kommode mit dem Fernseher. Die Grünpflanzen, die das große Fenster vor dem Balkon fast vollkommen verbargen, machten es nicht viel heimeliger. Unter seinen Füßen konnte er den flauschigen, naturweißen Teppich spüren, als würden sie nicht zu ihm gehören. Es war warm, Masha hatte die Heizung wieder aufgedreht; trotz des relativ dünnen Seidenhemdes fror er nicht.

Für einen Moment stand er reglos da, wie gelähmt. /Himmel, wenn Damon dich so sieht, dreht er um, weil er sofort weiß, dass etwas nicht in Ordnung ist./ Mühsam riss er sich zusammen und löste sich aus seiner Erstarrung. /Was würdest du tun, wenn du ein Rendezvous hättest, auf das du dich freust? Vielleicht würde ich mich freuen, wenn Masha und Roland nicht in meinem Bad stecken würden/, mischte sich ungebeten eine kleine Stimme in seinem Inneren dazwischen. Aber er wusste, dass es nur die halbe Wahrheit war. Halb tot vor Angst, halb in erwartungsvoller Freude... doch jetzt war seine ganze Wahrnehmung verzerrt, durch die einfache Tatsache, dass der Mann, der kommen würde, diese Nacht nicht überleben sollte.

Mechanisch ging Chrys zu der Stereoanlage und las die Titel der CDs durch, die daneben säuberlich gestapelt waren, weil sie keinen Platz mehr in seinem CD-Regal hatten. Er konnte sich kaum darauf konzentrieren, statt dessen sah er das blasse Gesicht mit den brennenden, schwarzen Augen vor sich. /Sag, wenn du meinst, dass du es nicht schaffst. Wir werden uns etwas anderes überlegen./ So oder so ähnlich waren Mashas Worte gewesen. Aber wenn er gar nichts anderes wollte? /Ich liebe dich, Chrys. Vergiss das nicht./ Daves Stimme in seinem Kopf ließ etwas der Heizungswärme zu ihm durchdringen und beruhigte sein rasendes Herz ein wenig. Das Zittern seiner Hände ließ nach.

/Er liebt mich. Und ich liebe ihn./ Automatisch griff er nach einer CD, legte sie ein und schaltete die Anlage an. Ruhige, langsame Musik, die zum Träumen einlud, erfüllte den Raum. /Wenn ich so tue, als ob Dave zu mir kommen würde?.../ Doch er verwarf den Gedanken fast auf der Stelle wieder. Er konnte nicht. Damon war nicht Dave und es kam ihm wie Verrat vor an beiden.

/Was mache ich nur? Ich kann doch nicht.../ Mühsam riss Chrys sich von der hypnotisch blinkenden Anzeige der Stereoanlage los und ging langsam zu dem Sessel. Er setzte sich, zog die Beine an und schlang die Arme darum. Er machte sich klein, als würde er frieren oder als müsste er sich schützen. /Aber wenn ich das hier abblase, werden sie ihn später jagen. Und irgendwann wird jemand den Tod finden. Wie damals Rahel./

Es würde nicht Dave sein, Dave hatte gesagt, er würde nicht mehr weitermachen. Der Gedanke war wie ein kurzer Moment der Ruhe in dem dunklen Wirbel, in dem Chrys sich gefangen fühlte. Aber wenn es Masha wäre? Unvorstellbar, aber doch schmerzhaft möglich.

Und selbst wenn es Roland oder Josh wären, er wollte nicht, dass sie starben. /Aber auch Damon soll leben. Warum? Warum kommt mir das immer bizarrer, immer unwirklicher vor? Vampire haben die Familien von Roland und Masha getötet! Ein Vampir hat Dave unendlich tief verletzt. - Sie alle glauben nicht nur, dass Vampire böse sind, sie wissen es!/

Doch wussten sie es wirklich? Vielleicht lebten Vampire einfach nur anders. Anders als die meisten Menschen, wie Chrys auch. Ungebeten mischte sich eine kalte, verächtliche Stimme in seine Gedanken, die ihn schaudern ließ. 'Schwuchtel!', flüsterte sie. 'Du bist eine gottverdammte, widerliche kleine Schwuchtel! Lässt dich von Männern in den Arsch ficken.' Sein Bruder hatte zu wissen geglaubt, dass er eklig und unnatürlich war. Sie hatten seit vier Jahren kein Wort mehr miteinander gewechselt. Und dabei hatte selbst sein Vater ihn nach einer viel zu langen Zeit halbwegs akzeptieren können.

Der Gedanke tat weh. /Hatte zu wissen geglaubt.../ Chrys' Sicht auf die Dinge sah verständlicherweise anders aus. Trotzdem würde es sein Bruder begrüßen, wenn Schwule eher heute als morgen von der Erde verschwanden. War das mit Vampiren so anders? Schwule waren Menschen, manche so, manche so. Und nur, dass sie schwul waren, machte sie nicht alle gleichermaßen sympathisch. Es gab nette und es gab Ekel. Warum sollte es bei Vampiren anders sein?

'Weil es bei Vampiren anders ist!', grollte Rolands Stimme in seinem Kopf. 'Vampirismus ist eine Krankheit, die alles zerstört, was menschlich an ihnen war. Sie werden kalt, berechnend, tödlich, grausam.'

Homosexualität hatte ebenfalls lange Zeit als Krankheit gegolten. Und bei vielen galt sie es auch jetzt noch.

'Sie morden aus Lust', warf der Roland in seinem Kopf unerbittlich ein. 'Das ist ein gewaltiger Unterschied. Du kannst das nicht vergleichen.'

Chrys umfasste seine Beine fester und vergrub das Gesicht in der Kuhle zwischen ihnen und seinem Oberkörper. /Tun sie das wirklich alle? Damon, wer bist du? Ich kann dich doch nicht einfach sterben lassen. Ich kann dich doch nicht einfach hier herein locken, wenn ich weiß, dass dich nur der Tod erwartet./

'Ich weiß, dass es schwer ist, Chrys. Aber du schaffst das.' Daves Stimme, warm und tröstlich. /Wie soll ich ihn enttäuschen? Aber er ist selbst enttäuscht worden. Er kann... kann er überhaupt noch mit klarem Blick auf die Vampire schauen? Oh Gott, was tue ich hier?/

In dem Moment klopfte es an die Fensterscheibe. Chrys fuhr zusammen, vor Schreck schien sein Herz auszusetzen. Damon. Er war gekommen.

Chrys konnte sich nicht rühren, reglos saß er in dem Sessel, hörte den heftigen, rasenden Schlag seines Herzens, das seinen Brustkorb zu sprengen drohte, das Rauschen seines Blutes in den Ohren.

/Ich kann nicht!/, schrie er stumm auf. /Ich kann das nicht!/ Aber was konnte er nicht? Ihm entgegentreten? Oder ihn zum Tod verdammen?

Mashas ruhige Miene, Daves besorgte Augen. Wieder klopfte es, leise, fordernd. Irgendwie schaffte Chrys es, seine verkrampften Hände aus dem Stoff seiner Jeans zu lösen und die Beine auf den Boden zu stellen. 'Du schaffst das', hallte Daves Stimme in seinem Kopf wieder und gab ihm genügend Kraft, um aufzustehen.

Seine Knie zitterten, als er sich umdrehte, und es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis es ihm gelang, den Blick zum Fenster zu heben. Undeutlich sah er sein eigenes, blasses Spiegelbild mit dem grünen Shirt und den hellen Hosen. Daneben schwebte ihm schwarzen Nichts das weiße Gesicht des Vampirs.

Chrys' Magen verkrampfte sich zu einem Knoten, als er durch die Fensterscheibe hindurch den Blick der schwarzen Augen erwiderte. Eine lange Zeit sahen sie sich einfach nur an, und Chrys hatte das Gefühl, in den dunklen Tiefen zu versinken. Langsam näherte er sich der Balkontür, bemerkte flüchtig, dass Damon schwarz trug und dadurch in der Nacht nahezu körperlos wirkte. Seine Hand fand den Griff der Balkontür, dann hielt er wieder inne. /Was tue ich? Ich bin dabei, ihm zu öffnen! Und dann? Wird er über mich herfallen? Werden sie ihn umbringen? Was dann?/

Damon legte nur den Kopf leicht schief, seine Lippen verzogen sich zu einem feinen, fast amüsierten Lächeln, dann trat er einen Schritt zurück. Abwartend. Selbstsicher.

Chrys spürte sein Herz bis zum Hals schlagen, er stand da wie festgefroren, sah auf die schmale Gestalt des Vampirs, suchte verzweifelt nach irgendetwas, das ihm Halt geben würde, das ihm Aufschluss darüber erlaubte, was Damon wirklich vorhatte. Ob er mit ihm spielte, ob er ihn wirklich interessant und attraktiv fand. Ob er das Monster war, als das sie ihn hinstellten.

Der Wind griff nach Damons Haar, spielte damit, ließ die Strähnen aufwirbeln und für einen Moment sein Gesicht verhüllen wie hinter einem Schleier, nur um es dann wieder ebenmäßig und blass, zart und wunderschön auftauchen zu lassen. Die samtig schwarzen Augen, die auf Chrys ruhten. Der fein geschnittene Mund mit den vollen Lippen, der zu einem leichten Lächeln verzogen war. Das vollendet modellierte Gesicht. Der schlanke Körper, verborgen von einer schwarzen Hose und einem schwarzen Hemd, das aussah, als käme es von einem Designer. Wieder zog der Wind an den Haaren des Vampirs.

/Friert er nicht? Es ist so kalt draußen. Das Hemd kann ihn unmöglich wärmen. Warum rührt er sich nicht?/ Mit einem Mal wurde Chrys klar, dass Damon wartete. Darauf wartete, dass er ihn hereinließ. Er wusste, dass er es nicht nötig hatte. Der Vampir konnte sich Zugang zu seiner Wohnung verschaffen, wann immer es ihm beliebte. /Nimmt er... Rücksicht auf mich? Will er mir Zeit geben? Oder mich nur in Sicherheit wiegen?/ Ob er wieder gehen würde, wenn er die Tür geschlossen ließ?

Ihm fiel ein, dass Masha und Roland warteten. Daves Worte, sein Versprechen, dass alles vorbei sein würde, wenn nur endlich dieser Vampir verschwunden wäre. Die Ruhe und der Frieden eines normalen Lebens. Eines normalen Lebens mit Dave zusammen.

Noch bevor er darüber nachdenken konnte, hatte seine Hand die Verriegelung gelöst und die Tür aufgezogen. Damons Lächeln wurde kaum merklich breiter. Seine schwarzen Augen glitten über Chrys' Körper, um dann wieder zu seinem Gesicht zurückzukehren und seinen Blick festzuhalten.

"Du bist wunderschön, mein Chrys", sagte er leise mit seiner leicht heiseren, vollen Stimme und glitt wie eine große Raubkatze näher an ihn heran. Kühle Fingerspitzen berührten Chrys' Wange, glitten sacht über sie hinweg zu seinen Lippen. Kaum wahrnehmbar strichen sie darüber und ließen Chrys erbeben. Damons Gesicht kam seinem näher, dann hielt er inne, lächelte und plötzlich war eine Rose zwischen ihnen. Dunkelrot, fast schwarz. Ihre Blütenblätter waren samtig, als Damon sie sacht über Chrys' Wange gleiten ließ.

"Für dich, mein Chrys", wisperte er rau. "Doch gibt acht, sie hat Dornen. Dornen, die man sieht, und solche, die verborgen sind. Zart und fein durchbohren sie dich, wenn du nicht aufpasst."

Chrys schauderte unwillkürlich. Für einen winzigen Moment hatte er das Gefühl, dass Damon nicht die Rose meinte, sondern ihn. Ein Schauer der Angst kroch seinen Rücken hinab. Wusste der Vampir von der Falle, die sie ihm stellen wollten? Und wenn ja, was machte er dann hier?

Damons Hand wanderte von seinen Lippen über das Kinn die Kehle hinab. Sacht strich er ihm am Schlüsselbein entlang und über die Schulter, den Arm hinunter, bis er Chrys' Hand erreichte und mit seiner umfing. Er zog sie hoch und an seine Lippen, ehe er ihm sanft die Rose gab, seine Finger behutsam darum schloss, gerade fest genug, dass Chrys die Dornen spüren konnte, jedoch ohne, dass sie ihn verletzten.

War es eine Warnung? Eine Drohung? Dass er ihn verletzen könnte, wenn er es wollte? Chrys Augen weiteten sich mit einem Mal, als er zu verstehen glaubte. Weder das eine, noch das andere. Es war ein Hinweis. Ein schlichter Hinweis auf das, was war. Sein Blick suchte die schwarzen Augen des Vampirs, die in dem Licht, das aus seinem Wohnzimmer fiel, genauso samtig schimmerten wie die Blätter der Rose.

"Damon...", flüsterte er atemlos und leicht benommen. /Er könnte mich verletzen, wenn er wollte. Doch er tut es nicht. Er will es nicht. Er warnt mich, will mich schützen. Das ist es doch, oder? Er zeigt mir die Schönheit einer Blume und weist mich gleichzeitig auf deren Gefahren hin. Ist es das? Ist es das, Damon? Vielleicht bin nicht ich die Rose. Vielleicht..../ "...bist du sie?"

In dem Moment, in dem er merkte, dass er seinen letzten Gedanken laut ausgesprochen hatte, wurde er rot und senkte beschämt den Blick. Doch Damon legte ihm einen Finger unter das Kinn und hob seinen Kopf wieder an, so dass er ihm in die Augen schauen konnte. Sein Blick war tief, unergründlich und geheimnisvoll. Das Lächeln war aus seinen Zügen verschwunden, seine Miene war ruhig wie die Oberfläche eines stillen Teiches, die verbarg, was in den Tiefen lauern mochte.

"Was, mein Chrys? Was bin ich?", wisperte er und Chrys vermeinte, Sehnsucht und Hoffnung in der vollen Stimme zu hören; doch sie war zu leise, als dass er sich sicher sein konnte.

Er schluckte, wollte den Kopf schütteln und nichts weiter sagen, als ihm seine Gedanken mit einem Mal vollkommen absurd und lächerlich vorkamen. Doch Damons Hand hielt ihn fest, sein Blick war ruhig, abwartend, auffordernd und ließ nicht zu, dass er wegsah oder sich auf irgendeine Weise von ihm entfernte.

"Die Rose", flüsterte Chrys. Er hörte seine eigene Stimme kaum noch, versank in den schwarzen Tiefen der Augen des Vampirs. "Wunderschön... aber hinter Dornen verborgen. Unerreichbar, verletzend, wenn man sie falsch berührt. Oder samtweich, wenn du willst."

Damons Augen weiteten sich kaum wahrnehmbar, dann schienen sie aufzuleuchten. "Nein, eigentlich nicht", sagte er leise und lächelte. "Aber es gefällt mir, wenn du mich so siehst, mein Chrys."

Er beugte sich vor, überwand den letzten Abstand zwischen ihnen und berührte Chrys' Mund sacht mit den Lippen. Chrys' Herz begann schneller zu schlagen, er schloss die Augen und lehnte sich gegen Damon. Zart spielte der Vampir mit seiner Unterlippe und ließ sie prickeln, sandte ein warmes Flattern in Chrys' Magengrube, während seine Hände Chrys' Schultern fanden, sie streichelten, um dann federleicht über die glatte Seide des Oberteils seinen Rücken hinab zu wandern.

Eine warme, feuchte Zunge teilte seine Lippen, glitt fordernd in seinen Mund und begann ihn aufs Neue zu erforschen, zu streicheln, seine Zunge zu umwerben. Der Geschmack berauschte Chrys, doch gleichzeitig merkte er, wie anders Damons Kuss war. Sanfter, weicher, spielerisch und doch unglaublich viel fordernder als Daves.

/Dave./

Der Gedanke brach den eigenartigen Bann, den der Vampir über ihn gelegt zu haben schien. Erst bekam die Wirklichkeit Risse, dann zersplitterte sie. Atemlos unterbrach Chrys den Kuss und hob den Kopf. Für einen unglaublich flüchtigen Augenblick hatte er das Gefühl, den Mann zu sehen, nicht den Vampir. Einen alten Mann mit dem Gesicht der Jugend, einen einsamen Mann voller Sehnsucht und Hoffnung, die Chrys' Herz schmerzhaft zusammenzog.

Dann war der Moment vorbei, doch er hatte sich in Chrys' Seele gebrannt und würde sich nicht mehr löschen lassen. /Ich kann nicht tun, was sie von mir verlangen. Ich kann ihn nicht zum Tod verdammen. Er ist kein Monster./ Er öffnete den Mund, wollte etwas sagen, doch Damon legte ihm einen Finger auf die Lippen, das Gesicht eine weiße Maske, in der die Augen wie schwarze, seelenlose Spiegel wirkten.

Der eisige Novemberwind umwehte sie beide, doch Chrys spürte die Kälte nicht, als Damon seine Hand umschloss, welche die Rose hielt. Sacht löste er die Finger, nahm sie ihm ab. "Du hast dich verletzt", sagte er leise. "Ich habe dich doch gewarnt..."

Chrys gelang es, den Blick von ihm zu lösen und auf seine Handfläche zu schauen, die Damon nach oben gedreht hatte. Kleine, rote Perlen zierten die helle Haut, doch er fühlte keinen Schmerz, als sein Blick zu Damons Augen zurück kehrte.

Ohne den Blickkontakt zu trennen, beugte Damon sich zu der Hand hinab. Mit der Zunge nahm er sacht eine der roten Perlen auf und balancierte sie auf seiner Zungenspitze, ehe er die Lippen darum schloss. Nach und nach kostete er eine nach der anderen, bis keine mehr zu sehen waren.

"Deine Hände sind eisig, mein Chrys", flüsterte er. "Wir sollten reingehen, bevor du vollkommen auskühlst."

Chrys starrte ihn an, Entsetzen kroch in ihm empor, als Damon einen Schritt auf ihn und somit auf das Wohnzimmer zu machte und ihn damit zwang, nach drinnen zu gehen. Er spürte den Teppich unter seinen tauben Füßen kaum.

"Nein", wisperte er. Wie von selbst tasteten seine Hände nach dem Türrahmen, hielten sich fest und versperrten Damon den Weg in die Wohnung. /Ich kann nicht! Vergebt mir, aber ich kann nicht!/

"Du musst hier weg ", hauchte er, so leise, dass er sich selbst kaum hören konnte. "Bitte, du musst gehen. Komm nicht rein." Seine Stimme wurde immer leiser, bis nur noch seine Lippen die Worte formten. "Es ist eine Falle..."

Damon hielt inne, und Chrys' Magen verkrampfte sich vor Furcht. Was, wenn er ihm nicht glaubte? Oder wenn doch und er die Beherrschung verlor? Wenn er erst recht hereinkam, um die zu finden, die ihn verderben wollten? Wenn...

Stattdessen kräuselte ein Lächeln die Lippen des Vampirs. Ein Lächeln, das an eine Sphinx erinnerte. "Ich weiß", sagte er heiser. "Ich rieche sie. Ich rieche sie an dir, ich rieche sie in der Luft deiner Wohnung."

"Du... weißt?", flüsterte Chrys tonlos und starrte ihn an. Er fühlte sich, als wollten seine Beine unter ihm nachgeben. Entsetzen rann kalt durch ihn hindurch und ließ ihn unkontrolliert zittern. Er wusste es und wollte trotzdem in die Wohnung? /Ich habe... er wird sie umbringen. Er wird... ich habe mich geirrt. Er... Nein!/

"Schhhh." Damons schlanke Hände umfingen Chrys' Gesicht, hielten ihn fest, unausweichlich und doch so sanft. "Hab keine Angst. Denkst du wirklich, ich würde es nicht merken? Ich bin alt, mein süßer Chrys. Älter, als du dir vorstellen kannst." Er zog ihn an sich und küsste ihn hauchzart. "Ich werde deinen Freunden nichts tun. Aber ich wollte, dass du dich selber entscheidest. Für oder gegen mich. Für den Mann oder gegen das Monster." Seine Zunge glitt über Chrys' Lippen, tauchte in seinen Mund und kostete ihn erneut.

Hilflos ließ Chrys es geschehen, öffnete sich ihm und den Gefühlen, die der Kuss bei ihm auslöste, legte den Kopf in den Nacken, um ihm entgegenzukommen. Er schloss die Augen, wissend, dass es nicht richtig war, dass er ihn von sich weisen sollte. Doch genauso wenig, wie er ihn verraten konnte, konnte er ihn zurückweisen.

Seine Hände fanden ihren Weg zu Damons Brust; er fühlte den gleichmäßigen Herzschlag des Vampirs unter den Fingerspitzen. /Wie heute morgen, als ich auf Dave aufgewacht bin.../ Der Gedanke half ihm, den Nebel in seinem Kopf zu lichten. Er öffnete die Augen, doch gerade, als er Damon von sich schieben wollte, löste sich der Vampir von ihm und wich zurück.

"Ich gebe dich nicht auf, mein Chrys." Damon streifte seine Wangen und wich zurück. Noch immer lag das geheimnisvolle Lächeln auf seinen Lippen, doch seine Miene war eigenartig entschlossen. "Deine Freunde werden aktiv, ich muss weg. Aber ich komme wieder."

Mit einem geschmeidigen Satz war er auf der Balkonbrüstung, der Wind peitschte sein Haar nach hinten. Das kalte Licht der Straßenlaternen wurde von seiner blassen Haut schimmernd zurückgeworfen, nur die dunklen Augen schienen dunkel wie das Nichts zu sein.

/Todesengel/, huschte es Chrys wieder durch den Kopf. "Warte!"

Sich nur mit den Fingerspitzen der linken Hand auf der schmalen Brüstung abstützend, wandte Damon sich zu ihm um. Seine Miene war ausdruckslos. "Was ist?"

"Komm nicht zurück. Ich habe einen Freund, und ich liebe ihn", sagte Chrys leise, auch wenn es ihm fast die Kehle abschnürte. "Du bringst dich nur in Gefahr. Bitte."

"Ich kann nicht", erwiderte Damon knapp, dann stieß er sich ab und war im Dunkel der Nacht verschwunden, als wäre er nie da gewesen.

Noch bevor Chrys reagieren konnte, spürte er etwas an seinem Ohr vorbeizischen, dann hörte er den Fluch. "Scheiße!" Ihm wurde kalt, als er Rolands Stimme erkannte.

"Gottverdammt, du Narr", fauchte der große Mann. Etwas fiel hinter Chrys zu Boden, er vernahm den dumpfen Aufschlag, doch bevor er sich umdrehen konnte, gruben sich Hände in den Stoff seines Oberteils, seine Füße verloren den Kontakt zum Boden. Erschrocken japste er auf.

"Komm zurück, oder ich lasse ihn los", brüllte Roland in die Nacht hinaus.

"Roland, nein!"

Mashas Stimme, seltsam verzerrt; Chrys wollte vor Entsetzen aufschreien, als er mit Schwung über das Balkongeländer geworfen wurde, Rolands starke Hände in seinem Shirt der einzige Halt. Doch jeder Ton erstickte in seiner Kehle, als er den Laut von reißendem Stoff hörte.


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by Meike "Pandorah" Ludwig