Forever's Kiss

11.

Mit einem hässlichen Fauchen riss der Stoff. Ein Stoß fuhr durch Chrys' Körper, und einen furchtbaren, endlosen Moment kam es ihm vor, als würde die Zeit angehalten werden. Dann griff Wind mit eisigen Fingern nach ihm. Mashas Aufschrei gellte verzerrt in seinen Ohren, er hörte Roland fluchen. Wie losgelöst von seinem Körper sah er den Erdboden näher rasen, David stolperte aus der Eingangstür. Das Gesicht des großen Mannes war der Ausdruck des Entsetzens und der Angst, die Chrys wie hinter einer Glaswand in seinem Inneren fühlen konnte, ohne sie wirklich wahrzunehmen.

Starke Arme schlangen sich um ihn, ein weicher Ruck ging durch seinen Körper, der ihm doch die Luft raubte, als sein Fall abgefangen wurde. Der zarte Duft sagte ihm noch weit vor seinem Verstand, noch vor dem schwarzen, seidigen Haar, das seine Wange streifte, ehe es in sein Gesichtsfeld kam, dass es Damon war.

/Engel... Todesengel/, huschte es Chrys durch den Kopf, doch noch immer fühlte er nichts außer Taubheit.

Dann bemerkte er Joshua; der schlanke Mann bewegte sich so schnell, dass Chrys nur einzelne blitzartige Momentaufnahmen mitbekam, wie von einem Stroboskoplicht in der Disco beleuchtet. Er sah ihn den Mantel zurückschlagen. Nach der Armbrust an seinem Gürtel greifen. Zielen. Sie fallen lassen. Die zweite lösen...

Ein Schauder lief durch Damon, sein gurgelndes Aufstöhnen brach abrupt ab, dann lockerte sich der Griff um Chrys. Josh zielte, schoss aber nicht mehr. Als er die Waffe sinken ließ, wusste Chrys, dass er getroffen hatte.

Das nächste, was er wahrnahm, waren Daves blaue Augen und dessen blasses Gesicht über sich. Wieder umfingen ihn kräftige Arme, pressten ihn an einen warmen Körper. Jemand streichelte sein Haar, seine Wange. Die Lippen seines Freundes bewegten sich, aber es dauerte einige Zeit, bis Chrys erkannte, dass Dave mit ihm sprach. Nur langsam drang die besorgte, warme Stimme seines Geliebten zu ihm durch, die Worte, die er sprach. "Chrys, Baby, sag was! Ist alles okay mit dir? Schatz, bitte... ich rufe einen Krankenwagen. Baby?..."

Chrys holte Luft, und plötzlich begann er zu zittern. Es erfasste seinen ganzen Körper, so heftig, dass er kaum die Kraft hatte, sich an David zu klammern. "Dave?", flüsterte er, erkannte seine eigene Stimme kaum wieder. Er vergrub das Gesicht an der Schulter des großen Mannes. "Dave... ich... Roland... ich bin... Damon..."

Dave presste ihn mit einem erstickten Laut an sich, seine Hand hielt auf Chrys' Hinterkopf inne, drückte ihn an sich. "Himmel... Baby..." Er klang erstickt, doch Chrys registrierte es kaum. Allmählich begriff er, was gerade geschehen war, und jetzt kam die Panik, die er bis eben kaum bemerkt hatte. Er war vom Balkon seiner Wohnung im vierten Stock gefallen, geworfen worden, einfach so, um einen Vampir zurückzuholen.

"Er hat mich... einfach... Roland hat mich... das Hemd..." Er hörte, wie hysterisch er klang, doch er konnte es nicht stoppen. "Einfach über die Brüstung... das Hemd... ich bin gefallen... ich..."

"Schhhh, mein Schatz...." Daves weiche Lippen pressten sich auf seine Stirn, sacht kämmte dessen Hand durch sein Haar. "Alles ist okay. Du bist in Sicherheit, dir ist nichts passiert. Hab keine Angst mehr, Baby... ich bin da. Kannst du aufstehen?"

"Damon... was ist mit Damon?", wisperte Chrys ängstlich, registrierte kaum die Frage. Haltsuchend klammerte er sich in das rotkarierte Holzfällerhemd.

Er konnte spüren, wie Daves Griff ein wenig fester wurde, wie er ihn noch enger an sich drückte. "Mach dir wegen ihm keine Sorgen, Baby", antwortete er rau. Sein Blick wurde dunkel, doch als sich ihre Augen trafen, wich die Finsternis. "Komm, lass uns aufstehen; der Boden ist kalt. Du wirst dir sonst noch etwas holen."

Chrys nickte schwach und ließ sich von seinem Freund aufhelfen, ohne jedoch aus der sicheren Umarmung zu weichen. "Aber Damon..."

Die dunkle, tiefe Stimme von Roland unterbrach ihn. "Alles okay mit ihm?"

Ein eisiger Schauer lief durch Chrys hindurch, er klammerte sich fester an Dave, während er sich halb zu dem großen Mann umwandte und ihn mit vor Entsetzen geweiteten Augen anstarrte. Erneut konnte er die kräftigen Hände spüren, die sich in sein Hemd gruben, ihn mit Schwung über die Balkonbrüstung warfen, hörte wieder das Reißen des Stoffes. Sein Herz begann zu rasen, jeder Ton blieb ihm in der Kehle stecken.

"Rühr ihn nicht an!" Daves Augen blitzten vor Zorn, sein blasses Gesicht bekam Farbe zurück, während er Chrys schützend an sich drückte. "Du hast genug Scheiße gebaut! Gott verdammt, Roland! Was ist dir eingefallen? Du verfluchter Scheißkerl hast ihn fast umgebracht! Nur um an einen Vampir zu kommen. Genau wie damals bei Rahel!"

Roland zuckte zusammen, als hätte ihm Dave einen Schlag versetzt. Sein Gesicht verfinsterte sich, was im Zusammenspiel mit seinen eigenartig leuchtenden Augen noch viel bedrohlicher wirkte. Er machte eine heftige, abwehrende Geste.

"Ist es nicht!", fauchte er. "Ich wollte ihn nicht fallen lassen. Ich habe geblufft! Was kann ich dazu, wenn das Hemd reißt? Außerdem, was beschwerst du dich? Er lebt, ihm ist nichts passiert und wir haben..."

"Du hättest es dir denken können! Schließlich sieht es nicht mal besonders reißfest aus, oder?! Und das ist alles nicht dein Verdienst", unterbrach ihn Dave zornig. Er schien noch weiterreden zu wollen, doch in dem Moment trat Josh zwischen ihn und Roland.

"Es reicht, das könnt ihr morgen noch austragen", sagte er kurz angebunden. "Der Vampir ist im Kofferraum, wir sollten machen, dass wir hier wegkommen. So endlos viel Zeit haben wir auch nicht mehr."

Für einen kurzen Moment starrten sich die beiden Männer noch an, dann wandte Roland sich mit einem Schnauben ab und ging zum Wagen. Ein Zittern lief durch Dave, als sich seine Arme enger um Chrys schlossen.

"Ich lasse nicht zu, dass dir noch einmal etwas passiert", flüsterte er entschlossen, ehe er auch ihn in Richtung des Autos schob. "Ich passe auf dich auf."

Willig ließ Chrys es geschehen, dass Dave ihn auf die Rückbank schob und anschnallte, ehe sich sein Freund neben ihn setzte und ihn wieder in die Arme zog. Er konnte nicht viel mehr als an ihn gelehnt zittern. Roland setzte sich nach einem kurzen, leisen Disput mit Masha ans Steuer, während Josh den Beifahrersitz für sich in Anspruch nahm und Masha zu Dave und Chrys kam. Wortlos nahm sie seine zitternde Hand, streichelte sie sacht, und allein durch ihre ruhige Gegenwart ging es Chrys schon wieder ein wenig besser.

Mit geschlossenen Augen versuchte er sich zu erinnern, was zwischen dem Moment geschehen war, in dem Josh geschossen hatte und dem, in dem er in Daves Armen gelegen hatte, doch die Erinnerung wollte nicht zurückkommen. Stattdessen glitten seine Gedanken beständig zu dem dunkeläugigen Vampir, der ihm das Leben gerettet hatte. /Damon... Er ist zurückgekommen, um mich aufzufangen. Ich habe in seinen Armen gelegen. Er war für mich da... ist er wirklich im Kofferraum? Hat Josh ihn wirklich erwischt? Das kann nicht sein, nicht wahr?/

Viel bekam Chrys von der Fahrt nicht mit. Sein Kopf war wie leergefegt, und wenn sich ein Gedanke dazwischen schlich, drehte er sich nur um eine Frage. Hatten sie Damon wirklich erwischt? Lag der Vampir tatsächlich im Kofferraum, um seinem Tod entgegen zu sehen?

Trotz aufgedrehter Heizung, trotz Daves Umarmung und Mashas Nähe bebte Chrys am ganzen Körper, konnte einfach nicht aufhören damit. Die Zeit, die sie bis in den Vorort brauchten, in dem Roland sein Haus hatte, erschien ihm wie eine Ewigkeit und doch wie ein Augenblick. Er hätte nicht sagen können, wie viel Zeit vergangen war.

Dave half ihm beim Aussteigen, als sei er ein Kind und nahm ihn auch sofort wieder in die Arme. Er schien ihn nicht mehr loslassen zu wollen, und Chrys war ihm dankbar dafür. Die Nähe war beruhigend.

Er hörte, wie der Kofferraum geöffnet wurde, dann fragte Josh "Der Keller ist okay? Da kann man nach wie vor einen unterbringen?"

"Sicher, kein Problem." Roland erklärte mit angespannter Stimme, wo wer schlafen konnte, doch Chrys hörte nicht mehr zu. Er wandte sich um, sah zu Josh hin, der sich über den Kofferraum beugte, und dann mit einer Leichtigkeit, als würde er nichts wiegen, den leblosen Körper des Vampirs heraushob.

Der Anblick versetzte Chrys einen schmerzhaften Stich. Er wand sich aus Daves Armen und wollte zu ihm. "Damon!"

Doch ehe er ihn erreichen konnte, griff Masha nach seinem Arm und hielt ihn fest. "Chrys, er hört dich nicht." Mit unnatürlicher Kraft drückte sie ihn an sich. "Und denke nicht von ihm als einem fühlenden Wesen, einem Freund. Er ist ein Vampir. Er..."

"Er hat mir das Leben gerettet!" Chrys sträubte sich in ihrem Griff und versuchte sich zu befreien, doch es war vergeblich. /Sie hat die Droge... ich habe nicht... kann nicht... Damon!/

"Er hat sein Spielzeug davor bewahrt, zerstört zu werden, mehr nicht, Chryssie." Ihre Stimme war ruhig, trotzdem konnte er hören, dass es ihr leid tat; aber sie ließ ihn nicht gehen. "Vampire kennen keine Gefühle wie Liebe und Freundschaft. Sie sind kalt und unbarmherzig, tun, was sie tun, nur zu ihrem eigenen Nutzen."

"Und wenn nicht?" Wieder traten Chrys Tränen in die Augen, liefen warm seine Wangen hinab, doch er spürte sie kaum. Er hielt mit seinen vergeblichen Befreiungsversuchen inne, ohne aber den Blick von der leblosen Gestalt des Vampirs zu nehmen. Das blasse Gesicht mit den nachtschwarzen, starren Augen, die wie tote Löcher wirkten, war eine Maske des Todes; seine Arme pendelten leicht bei jedem von Joshs Schritten mit, als der ruhige Mann sich abwandte und auf das Haus zuging, während die schwarzen Haare den Blick auf das weiße Gesicht verbargen. /Wegen mir... alles wegen mir... es tut mir leid, Damon! Es tut mir so leid./

Dann wurde ihm der Blick von Dave verstellt, der tröstend einen Arm um seine Schultern legte und Masha endlich dazu bewog, ihn loszulassen.

"Schhh, Baby, komm her", sagte er weich, und Chrys lehnte sich an den warmen Körper und ließ sich ins Haus bringen. Nur am Rand bekam er mit, dass Josh von einer Treppe, die nach unten führte, wieder hochkam, ohne Damon, und nach einem kurzen Seitenblick auf ihn Roland einen kleinen Schlüssel in die Hand drückte.

"Bin weg; hab nur noch drei Minuten. Ich hab es geschluckt, als der Vampir gelandet ist", erklärte er knapp und wandte sich auch schon ab, um als verwischter Schatten über die Treppe nach oben zu verschwinden.

Erschrocken sah Masha auf die Uhr und verzog das Gesicht. Dann wandte sie sich zu Chrys um, fuhr ihm durch das blonde, zerzauste Haar und lächelte aufmunternd. "Chryssie, morgen hat der Albtraum ein Ende. Es tut mir leid, dass ich heute nicht länger bei dir sein kann, aber ich habe ebenfalls nicht mehr viel Zeit." Sie wechselte einen kurzen Blick mit Dave, nickte, und ihr Lächeln vertiefte sich. "Aber du bist ja in guten Händen, nicht wahr?"

Auch wenn Chrys sich gar nicht danach fühlte, musste er für einen winzigen Augenblick ebenfalls lächeln. Er spürte die sicheren, kräftigen Arme um sich, den starken Körper, gegen den er gedrückt wurde. "Ja", murmelte er und keuchte im gleichen Moment erschrocken auf, als Masha ohne einen Laut von sich zu geben zusammenbrach.

Noch ehe sie den Boden erreichte, war Roland bei ihr, fing sie auf und hob sie mühelos auf seine Arme. "Warum muss sie ihre Kapazitäten immer bis aufs Letzte strapazieren", knurrte er unwillig. Einen Augenblick lang betrachtete er ihr blasses Gesicht, und seine Miene wurde weich.

Doch dann sah er auf und zu Chrys und Dave hin. Sein Blick verdüsterte sich wieder, und für einen Moment biss er die Zähne zusammen. "Es tut mir wirklich leid, Chrys. Es war nicht geplant. Ich habe dich nicht fallen lassen wollen. Wir müssen morgen noch mal darüber sprechen."

Ohne auch nur auf eine Antwort zu warten, wandte er sich ab und ging schnell die Treppe nach oben, um in der Dunkelheit dort zu verschwinden.

Einen Augenblick lang blieben Chrys und Dave regungslos stehen, bis Chrys spürte, wie Dave seine Umarmung lockerte und ihm wie zuvor Masha sanft durch die Haare fuhr. "Wir sollten auch zumindest mal unser Zimmer aufsuchen, Baby", erklärte er sanft. "Du bist eiskalt und zitterst."

Chrys nickte nur und ließ sich von Dave mit schieben, der ihn nicht, wie Chrys erwartet hatte, ebenfalls nach oben führte, sondern durch eine Tür in ein großes, dunkles Wohnzimmer, das durch das aus dem Flur hereinfallende Licht ein wenig erhellt wurde. Doch Chrys konnte nur einen kurzen Blick darauf werfen, denn Dave zog ihn weiter durch einen schmalen Korridor zu einer Tür an dessen Ende.

Er öffnete sie und schob Chrys in ein kleines Zimmer, das aber immerhin genügend Platz für einen schmalen Schrank, ein Bücherregal und ein französisches Bett bot. Es war kalt, und Chrys fröstelte in seinem dünnen, zerrissenen Hemd. "Dave... ich... Damon..."

Dave bugsierte ihn auf das Bett und ließ ihn sich setzen, ehe er die Heizung aufdrehte und sich dann neben ihn fallen ließ. Erneut zog er ihn an sich, umfing Chrys' kühle Hand mit seiner.

"Ich mach dir einen Vorschlag, Schatz." Seine Lippen ruhten weich auf Chrys' Haar, und sein warmer Atem ließ Chrys nur noch mehr frieren. "Wir schlüpfen jetzt beide aus unseren Klamotten, dann kuscheln wir uns unter die Decke, da wird dir nämlich schneller wieder warm und wir können reden, hm?"

Für einen Augenblick zögerte Chrys, dann nickte er stumm. Es klang gut, nach einem kleinen bisschen Normalität und Nähe in diesem unwirklichen Albtraum, in dem er gefangen war. Das konnte alles gar nicht wahr sein.

Es gab keine Vampire, und in dem Keller dieses dunklen, stillen Hauses war kein Mann gefangen, der ihm das Leben gerettet hatte. Dave war kein Vampirjäger, Masha auch nicht... Es war zu unwirklich, zu bizarr. So abrupt konnte man sein Leben doch gar nicht auf den Kopf gestellt bekommen!

Er spürte, wie Dave ihn losließ, brauchte aber noch eine Weile, um selber aufzustehen und sich auszuziehen. Dave lag bereits im Bett, ehe er auch nur damit fertig war, sich die Überreste seines Hemdes von den Schultern zu streifen. Doch die langsam zu ihm durchdringende Feststellung, dass er nicht nur fröstelte, sondern erbärmlich fror und dass er die Nähe seines Freundes vermisste, bewirkte, dass er sich doch beeilte. Dankbar kroch er zu Dave unter die Decke, die dieser für ihn anhob, und schmiegte sich an ihn.

Dave legte einen Arm um ihn und zog ihn eng an sich, hielt ihn einfach nur fest. Eine Zeit lang schwiegen sie, bis Dave einen tiefen Seufzer ausstieß und ihn drückte. "Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist. Ich hatte solch eine Angst, als ich dich fallen sah."

Chrys barg das Gesicht in der warmen Halsbeuge und atmete den vertrauten Duft nach Dave ein, der so beruhigend und Sicherheit verheißend war. "Damon hat mir das Leben gerettet", murmelte er und hörte, wie undeutlich und dumpf er klang. "Er ist zurückgekommen, obwohl er wusste, dass ihr auf ihn wartet. Dass ihr ihn umbringen wollt... Dave, er hat für mich sein Leben riskiert. Er... es kann doch nicht richtig sein, dass er dafür sterben soll."

Daves Griff wurde fester, und seine Hand begann in leichten, beruhigenden Bahnen über seinen Rücken zu wandern, hoch zu den Schultern, dann hinab zu seinem Po und wieder zurück, langsam und liebevoll.

"Er hat nicht dich gerettet." Die Stimme neben Chrys' Ohr war warm und vibrierte leicht in ihm wieder. "Er hat sein Spielzeug retten wollen. Und nicht damit gerechnet, dass Menschen ihm gefährlich werden könnten. So sind sie nun einmal, arrogant und überheblich. So weh es tut, es ging ihm nicht um dich."

Chrys starrte ins Leere, spürte Dave, seine Liebkosungen, seinen Herzschlag unter der Hand, die auf dessen Brust ruhte, und dachte an den Vampir. An die dunklen Augen, die ihn angesehen hatten, fast wie tot, als er auf der Brüstung gesessen hatte.

'Ich gebe dich nicht auf, mein Chrys.'

Und an die Worte, die er ihm gesagt hatte, als Chrys ihn gebeten hatte, niemals wieder zu kommen.

'Ich kann nicht.'

Ja, Dave hatte recht, es tat weh. Aber nicht, dass Damon ihn als Spielzeug betrachtete, sondern dass Chrys es nicht glauben konnte. Dass er immer und immer wieder daran denken musste, dass es anders sein konnte. Damon war ein Vampir. Er konnte eiskalt sein, furchteinflößend, tödlich. Doch gleichzeitig gab es den Mann mit den schwarzen Augen, mit der samtweichen Stimme, mit den sanften Händen. Der Mann, der ihm Komplimente machte. Der ihm sagte, dass er ihn liebte. Der ihn küsste. Der sich um ihn sorgte. Aber tat er das wirklich? Oder war es wahr, was die anderen sagten?

"Dave", murmelte er. "Wie kannst du dir so sicher sein? Du hast andere Vampire kennen gelernt. Menschen sind doch auch nicht alle gleich."

"Sind sie nicht. Ja." Dave richtete sich halb auf, so dass Chrys von ihm rutschte und zurück in das Kissen sank, und stützte sich auf seinem Ellbogen ab. Seine blauen Augen wirkten dunkel. "Aber die wenigsten Menschen töten. Die wenigsten Menschen spielen mit ihren Opfern und foltern sie um ihres Vergnügens Willen. Und diese wenigen sind auch nicht besser. Doch Vampire... Vampire versprechen wieder und wieder Dinge, die sie nicht halten. Nur, um zu sehen, wie die Menschen darunter leiden und um sie anschließend doch zu töten." Sacht strich er Chrys ein paar wirre, blonde Strähnen aus der Stirn, ehe er ihm eine Hand an die Wange legte. "Denk nicht mehr daran, Baby. Morgen ist es vorbei." Er lächelte schwach, beugte sich über ihn und küsste ihn.

Als ihn die weichen Lippen berührten, schlang Chrys die Arme um ihn und zog seinen Freund enger an sich, auf sich. Er wollte ihn näher spüren, wollte ihn ganz spüren, wollte, dass seine Wärme, seine Nähe alles verschwinden ließ. /Ich brauche dich, Dave!/ Verzweifelt grub er seine Finger in Daves zerzaustes Haar, während er sich Daves Zunge öffnete, die über seine Lippen strich und um Einlass bat.

Er erwiderte den Kuss hungrig, kam ihm entgegen, wollte alles darin vergessen. Daves Geschmack war berauschend wie immer, und er ließ sich von dem Schwindel davontragen, der ihn erfasste, während ihre Zungen einen hitzigen Kampf austrugen, verlangend, verschlingend, verzweifelt.

Schließlich löste sich Dave schwer atmend von ihm. "Liebling", wisperte er und wischte ihm sacht die Tränen von den Wangen, von denen Chrys nicht einmal bemerkt hatte, dass sie ihre feuchten Spuren auf seinem Gesicht hinterließen. "Ich bin da, mein Liebling."

"Dave, ich habe so Angst, dass ich das Falsche tue, wenn ich hier einfach... wenn ich..." Leise schluchzte Chrys auf. Es brachte nichts, die Furcht und der Schmerz waren nach wie vor da. Daves weiche Lippen unterbrachen ihn, als er die Antwort weg küsste.

"Ich weiß", sagte er leise, und seine tiefen Augen gaben Chrys Halt. "Ich habe mich das auch gefragt. Vorher, währenddessen und nachher. Aber mit der Zeit weißt du, dass es das Richtige ist. Weil du leben kannst. Weil du die Sonne siehst. Weil du lieben kannst und wissen, dass deine Liebe auch erwidert wird." Wieder küsste er ihn voller Zärtlichkeit, während seine Hände sacht Chrys' Haar zausten.

Seine Augen, die Chrys zu umfangen schienen; seine Stimme, die von Geborgenheit und Nähe sprach; sein weicher, besorgter Blick... Mit einem Mal schien alles einfacher zu sein. Chrys hob die Hand und strich ihm über die raue Wange, ehe sie ihren Weg zurück in Daves Nacken fand, um seinen Freund erneut an sich zu ziehen.

Er drückte ihn fest an sich, spürte Daves sichere, warme Umarmung und wusste mit einem Mal, dass Dave ihn nie allein lassen würde. Dass er immer für ihn da sein würde. Und das Gefühl ließ ein anderes in ihm anwachsen, voller Sicherheit und Zuversicht, und für den Moment verdrängte es alle Ängste und Zweifel. "Ich liebe dich."

 

Mit einem leisen Aufjapsen schreckte Chrys empor. Er blinzelte in der Helligkeit einer Lampe, die ein ihm fremdes Zimmer erhellte. Für einen Moment wusste er nicht, wo er war, doch dann kehrte die Erinnerung zurück, und er sank langsam wieder in das warme Bett zurück, an die Seite seines Freundes, der friedlich schlief.

Blicklos sah Chrys zu der weißen Decke empor, froh darüber, dass es nicht dunkel war und über Daves Nähe, selbst wenn dieser nicht wach war. Er schmiegte sich in Daves Arm, lauschte auf den ruhigen Atem und den gleichmäßigen Herzschlag.

Sein eigener Puls raste, und er fröstelte von dem kalten Schweiß, der seinen Körper bedeckte. Wieder sah er die Bilder vor sich, die ihn aus dem Schlaf gerissen hatten, noch immer so klar, als seien sie Realität gewesen. Damons blasses Gesicht, das erste Mal in helles Sonnenlicht getaucht. Die schwarzen Augen voller Traurigkeit, als er ihn ansah. Flammen, die nach ihm griffen und ihn verzehrten. Und der schmerzerfüllte Aufschrei, der ihn schließlich geweckt hatte. Es tat so weh, als sei es real gewesen.

/Das war es nicht... aber in ein paar Stunden wird es das sein!/ Der Gedanke krampfte ihm das Herz zusammen und weckte Übelkeit. /Gott, das kann ich doch nicht zulassen! Aber was mache ich, wenn sie recht haben? Wenn Damon... wenn er mich belogen hat? Wenn er wirklich nur ein Spielzeug in mir sieht, das er nicht aufgeben will, so lange er Spaß und Interesse daran hat?/

Mit einem Mal fühlte er sich vollkommen allein, und ihm fiel auf, wie ruhig es in dem fremden Haus war. Man konnte den Wind draußen heulen hören; die Heizung knackte leise. Aber das war alles. /Masha, Roland und Josh sind unter dem Einfluss der Droge... Dave schläft... und Damon liegt unten im Keller. Morgen soll er sterben. Warum? Weil er Vampir ist... weil er tötet, um zu leben. Weil er tötet, weil es ihm gefällt? Tötet er überhaupt? Gott, warum musste mir das passieren? Warum musste er mich anfallen? Warum habe ich nicht einfach nur ein wenig länger gebraucht, um mit Dave zusammen zu kommen, und das alles hier hätte nicht passieren müssen./

Chrys setzte sich auf und strich sich mit beiden Händen das nass geschwitzte Haar aus dem Gesicht, ehe er wie haltsuchend die Arme um seinen Oberkörper schlang. /Warum kann ich nicht erkennen, was wahr ist und was falsch? Warum habe ich nicht mehr Zeit? Warum musste ich damit zu Masha gehen? Warum müssen sie Vampire jagen? Warum bin ich so feige? Warum habe ich nicht länger mit ihm gesprochen? Warum fasziniert er mich so? Warum kann ich kaum denken, wenn ich in seine schwarzen Augen sehe.../

Er ließ sich nach vorne sinken und vergrub das Gesicht in der Decke. Wieder kamen die Bilder seines Traumes zurück, der traurige Blick, mit dem Damon ihn angesehen hatte, ehe er... Chrys spürte, wie seine Augen zu brennen begannen. Er presste die Lippen zusammen und versuchte, ein Aufschluchzen zu unterdrücken. Seine Kehle begann zu schmerzen, doch er weigerte sich, es herauszulassen. Was er aber nicht zurückhalten konnte, waren die Tränen. Sie lösten sich von seinen Augen und tränkten die Bettdecke, die sein Atem erwärmt hatte und deren Schutz er so lange nicht aufgab, bis ihm vom Sauerstoffmangel schwindelig war.

"Scheiße", murmelte er erstickt. Er wandte sich um und sah zu Dave hin, betrachtete das nach wie vor blasse und so erschöpft wirkende Gesicht seines Freundes. Kurz war er versucht, ihn zu wecken, um sich anzulehnen, um sich trösten zu lassen. Doch dann schüttelte er kaum merklich den Kopf. Dave war nur so erschöpft, weil er, Chrys, so unvorsichtig gewesen war; weil er eingeschlafen war, wo er es niemals hätte tun sollen. Und wirklich helfen konnte er ihm auch nicht.

Chrys presste die Lippen aufeinander. Mit einem Mal hielt er es nicht mehr aus. Er schlug die Decke beiseite und stand leise auf. Erst jetzt fiel ihm auf, wie stickig die Luft im Zimmer war und wie heiß es war. Er erinnerte sich, dass Dave die Heizung angestellt hatte und tappte auf nackten Füßen ans Fenster, um sie zurückzudrehen. Kurz nur zögerte er, dann öffnete er das Fenster, um frische Luft hereinzulassen.

Die Wolken hatten sich verzogen, und der Himmel lag wie eine schwarzsamtene Decke über dem Wald. Hier draußen, wo die Lichter der Stadt die der Sterne nicht verschluckten, wirkte er wie von ihnen übersät. Chrys hatte selten so viele gesehen. Er fröstelte in der eisigen, frischen Luft, doch er rührte sich nicht von der Stelle, als er in die Nacht hinaussah.

/Die Nacht... dein Revier, Damon. Du siehst die Sonne nicht mehr, sie frisst dich auf. Vermisst du ihr warmes Licht? Den Tag? Geschöpf der Nacht, der Dunkelheit. Aber weder die Nacht, noch die Dunkelheit sind böse. Nur weil sich die Menschen davor fürchten, heißt es doch nicht, dass es schlecht ist. Du jagst wie ein Raubtier, doch Raubtiere sind nicht böse, nur weil sie sich ernähren. Tötest du? Musst du es tun?/

Von einem Moment auf den anderen war ihm klar, dass er es nicht konnte. Er konnte Damon nicht einfach so zum Tod verdammen, nur weil er anders war. Weil seine Freunde behaupteten, dass Vampire ein Übel waren, das vernichtet werden musste. /Ich muss wenigstens noch einmal mit ihm reden!/

Entschlossen wandte er sich ab. Sein Blick fiel auf das große Bett, in dem Dave jetzt ganz allein lag. Chrys hielt inne und betrachtete seinen Geliebten; ein weiches Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Noch immer war er so blass und wirkte so erschöpft; das braune Haar war zerzaust wie immer, es schien einen eigenen Willen zu besitzen.

Chrys setzte sich zu ihm, beugte sich vor und berührte sacht mit den Lippen seine Stirn. /Ich liebe dich, mein David. Und ganz egal, was ich nach dem Gespräch mit Damon denke, daran wird sich nichts ändern. Egal, ob der Vampir wirklich der Dämon ist, den ihr in ihm seht, oder ob er einfach nur ein uralter Mann ist, der die Jahrhunderte überdauert hat. Ich werde bei dir bleiben./

Er zog die Decke ein wenig höher und stopfte sie vorsichtig um Dave herum fest, damit er nicht fror. Dann wandte er sich ab, um hastig in seine Hose zu schlüpfen. Doch als er das zerrissene Hemd aufhob, rann ein Schauer durch ihn hindurch. Chrys schluckte und schob die Erinnerung dann entschieden beiseite, während er die unbrauchbaren grünen Fetzen wieder zurücklegte.

Stattdessen schlüpfte er in das weiche, warme Hemd von Dave. Ein verliebtes Lächeln huschte über sein Gesicht, als er die Ärmel hochkrempelte, die ihm ein ganzes Stück zu lang waren. Und es vertiefte sich noch, als er den Geruch wahrnahm, der bewirkte, dass er sich sofort geborgen fühlte.

Mit einem letzten, tiefen Durchatmen verließ er das Zimmer und schloss leise die Tür hinter sich. Als der warme Lichtschein erlosch und er sich unvermittelt in Dunkelheit gehüllt wiederfand, kam die Nervosität mit einem Schlag zurück. Seine Nackenhaare richteten sich auf, als er irgendetwas zu erkennen versuchte. Er fühlte sich, als würden in der Dunkelheit Wesen lauern, die ihn beobachteten, sich anschlichen, unhörbar, bis ihr Atem ihn streifte.


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by Meike "Pandorah" Ludwig