Forever's Kiss

12.

/Hör auf, du Idiot/, schalt Chrys sich, doch seine Kehle war trocken und sein Herz klopfte, als er nach einem Lichtschalter suchte. /Bloß, weil es Vampire gibt, heißt das noch lange nicht, dass alle deine Phantasien zum Leben erwachen können./

Als seine Hand endlich über kühles Holz anstatt der rauen Tapete tastete, hielt er jedoch inne. /Was, wenn Roland nicht nur mehr Zeit mit der Droge hat, sondern auch früher aufwacht als die anderen?/ Unsicher verharrte er.

Dann würde der große Mann mit Sicherheit schlafen und sich nicht darum kümmern, dass in seinem Wohnzimmer, das zudem noch auf einem anderen Stockwerk lag, das Licht anging. Er hatte ja keinen Melder in seinem Schlafzimmer, wann wo welche Lampen eingeschaltet wurden. Er würde weiterschlafen. Auf jeden Fall. Und außerdem hatte niemand etwas erwähnt, dass Roland früher als die anderen aus der Erschöpfungsphase erwachte. Bestimmt hätte Dave das erzählt.

Die Tür quietschte leise, als er sie öffnete, und ließ ihn zusammenzucken. Zögernd hielt er erneut inne, als ihn nahezu vollkommene Dunkelheit empfing, in der er die Hand vor Augen nicht mehr sehen konnte. Sein Herz schlug bis zum Hals, während er einen Schritt nach vorne trat und dann stehen blieb. Es hatte keinen Sinn. Auf die Art würde er vermutlich noch die Treppe herunterfallen, und das würde Roland weitaus eher wecken als das Licht.

/Vor allem, selbst wenn er mich entdeckt, was will er tun?/, fragte er trotzig und gab sich die Antwort dummerweise gleich selbst. /Er wird mich davon abhalten, mit Damon zu sprechen. Und vielleicht wird er mich aus Wut, dass ich es wagen wollte, schlagen./

Der Gedanke ließ einen eisigen Schauer seinen Rücken hinab laufen. Roland machte ihm panische Angst, jetzt mehr denn je. Trotzdem suchte er nach dem Lichtschalter und betätigte ihn; er fuhr zusammen, als Helligkeit die Wendeltreppe überflutete. Atemlos lauschte er in die Stille des Hauses, doch nichts war zu hören.

Sich die schweißnassen Hände an der Hose abwischend stieg er nahezu lautlos die Stufen hinab, nur um am Ende eine geschlossene Tür vorzufinden. Vorsichtig drückte er die Klinke herunter, rüttelte dann daran, doch nichts geschah.

"Damon?", flüsterte er, aber er bekam keine Antwort. /Wie auch. Josh hat ihn erschossen. Ich brauche den Schlüssel! Ich kann Damon doch nicht im Stich lassen!/ Erschrocken bemerkte er, dass er in Gedanken bereits weiter war als noch oben im Zimmer. /Reden. Ich will erst mal mit ihm reden/, sagte er sich vor. /Nicht gleich ihn befreien./

Aber für den Moment war das ohnehin nebensächlich, schließlich hatte er keinen Schlüssel. Er biss sich auf die Unterlippe, als er sich dran erinnerte, dass Josh einen an Roland überreicht hatte, dann drehte er sich entschlossen um und lief wieder zurück und ins Obergeschoss. Dort blieb er jedoch unsicher stehen, als sein Blick auf vier Türen fiel, die sich durch nichts voneinander unterschieden. /Oh Gott, und welche gehört jetzt zu Rolands Schlafzimmer?/

Zögernd trat er zu der ersten und drückte nach mit bebenden Händen die Klinke herunter, unablässig in Gedanken /Bitte, bitte, bitte, bitte/ wiederholend, ohne genau zu wissen, um was er eigentlich bat. Dementsprechend wusste er auch nicht, ob er erleichtert oder enttäuscht sein sollte, als sich dahinter das Badezimmer befand.

Wieder verharrte er eine Weile, ehe er genug Mut aufbrachte, um zur nächsten zu gehen, sie zu öffnen und mit angehaltenem Atem einen Blick zu riskieren. Das aus dem Flur kommende Licht warf einen hellen Streifen auf ein großes Doppelbett. Unter einer der beiden hellen Decken lugte Mashas rotbrauner Wuschelkopf hervor, auf der anderen Seite lag Roland.

Erst nach endlosen Sekunden fiel ihm auf, dass Roland seinen Blick nicht erwiderte und sich unter der Decke nur sein Brustkorb im Rhythmus der ruhigen Atemzüge bewegte. Langsam kehrte das Leben in Chrys zurück, wenn er auch nach wie vor noch am ganzen Körper zitterte. Doch als die Angst allmählich etwas wich, bemerkte er, wie blass Roland war und wie eingefallen das kantige Gesicht wirkte. In dem Moment tat er Chrys beinahe leid.

Mit beiden Händen strich er sich die blonden Haare aus dem Gesicht, atmete tief durch und betrat das Zimmer, nachdem er die Tür weiter aufgestoßen hatte, um mehr Licht herein zu lassen. Suchend glitt sein Blick über den Nachttisch, auf dem sich neben einer Lesebrille nur eine Lampe befand, über ein leeres Fensterbrett hin zu einem Stuhl neben dem Bett. Rolands Kleidung war ordentlich über die Lehne gehängt, und Chrys hielt erneut den Atem an, als er nervös zum Bett hin lauschend zu ihm schlich, um mit schlechtem Gewissen die Hosentaschen zu durchwühlen.

Er hatte Glück. Neben Rolands Schlüsselbund fand er einen einzelnen Schlüssel, von dem er hoffte, dass es der zur Kellertür war. Er zögerte nicht lange und steckte beides rasch ein, um das Zimmer so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Als er die Tür hinter sich zugezogen hatte, fühlte er sich, als hätte er einen Kampf gewonnen.

Seine Knie waren weich, als er die Treppe erneut hinunter eilte, doch das erste Mal in den letzten Tagen hatte er das Gefühl, etwas tun zu können. Das erste Mal meinte er, selber Einfluss auf das Geschehen um sich herum nehmen zu können, und das gab ihm etwas seiner Sicherheit und seines Selbstvertrauens zurück, wenn es auch die Angst nicht verschwinden ließ.

Er musste nicht lange herumprobieren, als er die Tür erreichte. Der einzelne Schlüssel passte, und Chrys war dankbar, dass die Tür nicht knarrte, als sie aufschwang. Einen Augenblick lauschte er in die Dunkelheit, dann suchte er nach dem Lichtschalter. Mit einem leisen Klacken wurde der nahezu leere Raum in Licht getaucht.

Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich neben einer weiteren Tür ein kleiner Matratzenstapel, über den eine Decke ausgebreitet war, daneben lehnte eine zusammengeklappte Tischtennisplatte. Weiter hinten standen zwei Heimtrainer und davor... Alles wurde unwichtig, als Chrys' Blick weiterschweifte und er unter einer Reihe schmaler Fenster Damon auf dem Parkettboden entdeckte.

Der Vampir war totenblass, doch das Licht zauberte einen leichten Schimmer auf die helle Haut. Es ließ die Schatten in dem schönen Gesicht verschwimmen und zeichnete weich dessen feine Züge nach, hob die dunklen, langen Wimpern der geschlossenen Augen hervor. Wie schwarze Seide schien das glatte Haar auf den Boden zu fließen, wo es sich malerisch in einzelne Strähnen verteilte. Wäre nicht der Bolzen gewesen, der aus Damons Brust herausragte, hätte Chrys ihn für schlafend gehalten.

Er biss sich auf die Unterlippe, als ein schmerzhafter Stich durch ihn fuhr, und kämpfte für einen Moment mit der plötzlich auftretenden Enge in seiner Kehle. /Wie schön er ist... und wie unschuldig er aussieht. Wie können sie denken, er sei ein Monster?/ Dennoch war er entschlossen, erst mit ihm zu reden, bevor er irgendetwas entschied. /Wenn ich ihn überhaupt wieder zum Leben erwecken kann. Oh mein Gott!/

Leise schloss er die Tür hinter sich, lief zu Damon hin und kniete bei ihm nieder. Erst jetzt bemerkte er, dass Joshua vorsichtig gewesen war. Er hatte sich nicht allein auf den Bolzen verlassen, sondern dem Vampir die Hände zusammen und an den Körper gebunden, ebenso wie er die Fußknöchel gefesselt hatte.

"Es tut mir so leid, Damon", flüsterte Chrys und streckte die Hand nach ihm aus, um ihm sacht über die kalte Wange zu streicheln. Erneut überfiel ihn lähmende Unsicherheit. /Gibt es überhaupt etwas, das ich tun kann? Was, wenn ich den Bolzen entferne und er trotzdem nicht aufwacht? Was mache ich dann?/

Undeutlich wurde ihm bewusst, dass er einfach nur Angst hatte; Angst davor, wie Damon reagieren würde. Dass er ihn ablehnen würde. Dass sich die Behauptungen der anderen bestätigen könnten und er ihn wirklich nur als Spielzeug sah. Für einen Moment schloss Chrys die Augen, um Kraft zu sammeln. /Keine Ausreden mehr./

Er atmete tief durch, dann schaute er wieder in Damons Gesicht, während er blind nach dem Schaft tastete. Klebrige Feuchtigkeit empfing ihn und ließ ihn würgen. Dennoch schloss er eine Hand um das glatte Holz, legte die andere auf Damons Brust, um dagegen halten zu können, und zog erst zaghaft, dann ein wenig kräftiger daran. Der Bolzen setzte ihm wesentlich weniger Widerstand als erwartet entgegen und glitt aus dem Körper des Vampirs, als würde dieser ihn auswerfen. Chrys würgte, als er die nass glänzende, rote Spitze sah und ließ ihn hastig fallen.

Voll banger Hoffnung und Erwartung kehrte sein Blick zu dem weißen Gesicht zurück. Einen angstvollen Moment lang musste er warten, ehe ein Beben durch den Vampir ging; dann öffnete sich der Mund und offenbarte die langen Fangzähne, als Damon rasselnd Luft holte.

Die Erleichterung ließ Chrys schwindlig werden. /Ich habe es geschafft. Er lebt.../

Doch jeder weitere Gedanke wurde erstickt, als Damon die Augen aufschlug. Chrys fühlte sich eingesogen in die schwarzen Tiefen, die ihn Raum und Zeit vergessen und all seine Befürchtungen nichtig werden ließen. Unwillkürlich musste er lächeln. Eine ganze Weile sahen sie sich einfach nur an, ehe sich auch Damons Lippen zu einem Lächeln verzogen. "Dir geht es gut, Engel."

Chrys nickte leicht, und sein Lächeln vertiefte sich noch, als die samtige, jetzt jedoch ein wenig heisere Stimme etwas tief in ihm berührte. Beinahe wie durch Nebel bemerkte er, dass er die Hand nach Damon ausstreckte und sacht durch das seidige Haar kämmte.

Es fühlte sich wundervoll an, und gerne hätte er einfach damit fortgefahren. Doch er hatte weder vergessen, weshalb er eigentlich hier war, noch was Masha und Roland über Vampire gesagt hatten. Nach einer letzten, kosenden Berührung hielt er inne, auch wenn es ihm schwer fiel. Es war nicht fair, was er tat, weder sich selber noch dem Vampir gegenüber. Leicht erschauderte er.

Als hätte er seine Gedanken gelesen, wurde Damons Gesicht ernst, beinahe kühl. Unwillkürlich wich Chrys zurück und wandte den Blick ab, auch wenn er wusste, dass es nicht half. Wenn der Vampir es darauf anlegte, konnte er durch ihn hindurchsehen wie durch Glas.

Einen Moment schwieg er, während er die richtigen Worte zu finden versuchte. Viel weiter als bis hier hatten seine Pläne nicht gereicht, und nun war es alles andere als einfach. Unsicher starrte er auf seine nervös verschränkten Finger, registrierte mit einem Mal das Blut, das an ihnen klebte. Blut, weil Damon ihn nicht hatte sterben lassen. Rasch sah er auf und in Damons dunkle Augen.

"Es ist nicht ganz einfach, aber bitte, lass mich erklären", begann er schließlich. "Du hast mir das Leben gerettet, und dafür bin ich dir dankbar, so dankbar, dass ich es nicht in Worte fassen kann. Und du hast es getan, obwohl du wusstest, dass meine Freunde auf dich warten."

Damon schnaubte angewidert und verzog verächtlich den Mund. "Freunde? Das nennst du Freunde? Menschen, die dein Leben riskieren, nur um einen Vampir in die Hände zu bekommen!"

"Es war ein Unfall", warf Chrys ein, bevor er auch nur darüber nachgedacht hatte. "Er wollte mich nicht fallen lassen."

Dann erinnerte er sich an Rahel, deren Tod alles andere als ein Unfall gewesen war, und er schluckte. Vielleicht hätte Roland ihn doch losgelassen, wenn das Hemd nicht gerissen und der Vampir nicht zurückgekommen wäre. Dennoch schob er den Gedanken von sich. Zum einen, damit ihn nicht erneut Furcht und Unsicherheit lähmten, wenn er daran dachte, was der große Mann mit ihm machen würde, sobald er merkte, dass Chrys bei Damon gewesen war, zum anderen, weil andere Dinge wichtiger waren.

"Aber darum geht es nicht; es geht nicht um Roland. Ich bin nicht hier, um mich zwischen ihnen und dir zu entscheiden." Es überraschte ihn, als er die Klarheit in dieser Aussage erkannte. Nun, da er wusste, wohin er gehörte, machte es alles leichter. "Was ich wissen will, ist, wer du bist, Damon. Das Monster ohne Gefühle, jemand, der nur mit Menschen spielt. Oder..."

"Du zweifelst daran, dass ich für dich empfinde." Die Stimme des Vampirs war leise, als sie ihn unterbrach, und sie fasste all seine Sorgen in diesem Satz zusammen. Kaum merklich nickte er. Verwirrt stellte er fest, dass wirklich alles auf diese Frage hinauszulaufen schien. Waren Damons Gefühle echt? War er mit all seinem Alter, trotz dem, was er war, noch menschlich genug?

Trotz der Stricke, die ihn hielten, war die Bewegung, mit der Damon sich aufsetzte, geschmeidig. Die Schwärze seiner Augen schien Chrys zu umfangen, warm und sicher und ohne jede Gefahr, dafür voll sehnsüchtiger Versprechen. "Komm mit mir, und ich werde dir jede Nacht aufs Neue beweisen, dass du mir die Welt bedeutest."

Chrys fühlte einen Stich in seiner Brust, von dem er nicht wusste, ob er von Schmerz oder Glück herrührte. Er wollte ihm glauben, wollte es so gerne, und doch er schüttelte den Kopf und sah zu Boden. "Ich habe dir gesagt, dass ich meinen Freund liebe. Sehr liebe, Damon. Aber ich mag auch dich, und ich will nicht, dass du stirbst. Zugleich habe ich Angst, dass Masha und David Recht haben mit dem, was sie sagen. Deswegen bin ich hier. Um mit dir zu reden. Ich kenne dich nicht. Wir haben nie geredet. Du hast mich... wir haben uns geküsst. Wann immer wir zusammen waren, hatte ich nie Zeit zu denken. Es war immer nur so kurz und wie in einem Rausch." Scheu sah er unter gesenkten Wimpern zu Damon hin, hoffend, dass der andere Mann ihn verstand.

"Ein Rausch, ein Traum... Ja, das warst du von Anfang an für mich." Ein leichtes, trauriges Lächeln umspielte Damons Lippen. "Ein Traum, der sich so unerwartet in meine Wirklichkeit verirrt hat. Eine Sonne, die hell und heiß in meiner Dunkelheit zu leuchten begann. Wie hätte ich jemals mit dir spielen können, wenn doch alles, wonach ich mich gesehnt habe, wonach ich mich noch immer sehne, dein Licht, deine Wärme ist..."

Chrys spürte, wie sich seine Wangen röteten, und mit einem Mal wusste er, dass er den Vampir nicht sterben lassen konnte. /Vielleicht bin ich dumm, vielleicht einfach nur naiv. Vielleicht ist es auch genau das, was er will./ Doch etwas tief in ihm sagte ihm, dass Damon wirklich so empfand. Er wollte die Hand nach ihm ausstrecken, um ihn zu berühren, aber es waren eben diese Gefühle, die Damon für ihn hegte, die ihn davon abhielten.

"Es tut mir leid", flüsterte er.

Unbewegt sah Damon ihn an, und langsam, ganz langsam wich das Lächeln. Auch wenn sein Gesicht nach wie vor jung und ebenmäßig war, so schien es Chrys doch, als wäre er mit einem Schlag alt geworden. Leer erwiderte Damon seinen Blick, dann nickte er.

Plötzlich wirkte er derart müde, dass Chrys erschauderte. /Oh Gott, was tue ich? Was tue ich ihm an? Ich... aber ich kann nicht. Ich liebe Dave./ Dennoch war seine Stimme heiser und klang erstickt, als er endlich weitersprechen konnte. "Ich binde dich los und lasse dich raus. Dann bist du frei zu gehen, wohin immer du willst. Aber ich werde nicht mit dir kommen."

Doch Damon schüttelte nur kurz den Kopf, und im nächsten Moment hatte er die Arme nach vorne genommen, von den Stricken befreit. Nur einen Augenblick später fielen auch die, die seine Füße gehalten hatten, ohne dass Chrys gewusst hätte, wie der Vampir das erreicht hatte.

Erschrocken zuckte er zurück und riss die Augen auf, spürte für einen winzigen Augenblick Furcht. "Du bist... du hast..."

"Ich hätte das jederzeit gekonnt, nachdem du mich erst einmal geweckt hattest." Damon zögerte, dann hob er eine Hand und strich Chrys zärtlich über die Wange. "Aber ich wollte abwarten, wie du dich entscheidest."

Ein weiches Prickeln floss durch Chrys hindurch, das sich noch verstärkte, als Damons Finger sein Haar durchkämmend zu seinem Nacken wanderten. Er empfand keine Angst mehr, auch dann nicht, als sich der Druck verstärkte und Damon ihn sacht zu sich zog. Für einen Moment berührten sich ihre Lippen, weich und zart, und es war wie ein Versprechen und Abschied zugleich.

Das Herz wurde ihm eng, als Damon ihn wieder gehen ließ, und er öffnete den Mund. Doch noch ehe er etwas sagen konnte, legte der andere Mann ihm einen schlanken Finger auf die Lippen. Seine dunkle Augen nahmen Chrys' Blick gefangen, als er leicht den Kopf schüttelte.

Als er endlich aufstand, waren seine Gesten langsam und erschöpft, aber auf seinem Gesicht lag ein leichtes, wenn auch müdes Lächeln, während er Chrys die Hand entgegen hielt, um ihm aufzuhelfen. Plötzlich konnte Chrys sein Alter sehen. In den dunklen Augen blickten ihm lange Jahrhunderte an Erfahrung, an Leid und Glück, Schmerz und Freude entgegen. Er entdeckte es in den geschmeidigen Bewegungen, die jenseits dessen lagen, was ein Mensch jemals erreichen konnte, so perfekt, so anmutig. Die ewig jungen Linien seines Gesichtes erzählten davon, obwohl sie nicht von den Jahren vertieft und gezeichnet worden waren.

"Ich weiß es... Ich habe es von dem Moment an gewusst, als er kam, um dich zu holen." Sanft zog Damon Chrys' Hand an den Mund und küsste sie mit kühlen Lippen. "Aber ich konnte nicht anders." Sein Lächeln vertiefte sich, und wieder vergrub er eine Hand in Chrys' Haar, um es langsam durch seine Finger gleiten zu lassen. "Wie fließendes Sonnenlicht..."

"Lass die Hände von ihm!"

Erschrocken wirbelte Chrys herum, als er die vertraute Stimme so unvermutet hinter sich hörte. In der geöffneten Kellertür stand Dave, nur in Jeans und barfuß. Sein Haar hing ihm wirr und ungebändigt ins Gesicht, und in seinen blauen Augen glomm eine derartige Entschlossenheit, dass Chrys' Herz sich vor Angst verkrampfte.

"Rühr ihn nicht an!" Auch wenn Daves Stimme kalt und beherrscht klang, konnte Chrys doch die nahezu panische Furcht dahinter hören, was ihn fast noch mehr erschreckte als Daves unerwartetes Auftauchen. Die Furcht, dass Damon ihn verletzen, ihn töten könnte oder vielleicht auch mit sich nehmen.

Daves Erzählungen schossen ihm durch den Kopf, was Vampire mit Menschen gemacht hatten, daran, was mit Rahel passiert war und wie hilflos er dabei gewesen war, und er wusste, dass sein Freund sich jetzt ebenso hilflos fühlte, weil er wieder einen Menschen zu verlieren schien, der ihm so viel bedeutete. Blass und verloren wirkte er dort am anderen Ende des Raumes, eine kleine Armbrust in der Hand, die er auf sie gerichtet hatte und die doch nichts nutzte, weil sich zwischen ihm und dem Vampir der Mann befand, der ihm mehr bedeutete als sein Leben.

Liebe und Besorgnis überschwemmten Chrys und ließen Damon für den Moment unwichtig werden; das Verlangen, diesen Mann beschützen zu wollen, war so heftig, dass er erschauerte. Schützen, halten und nie wieder loslassen. Und mit einem Mal empfand er die überraschende, verwirrende Sicherheit, dass er es auch konnte.

"Dave, es ist alles geklärt; du musst keine Angst haben. Er hat mich nicht verletzt, würde es auch nie tun, und er wird mich nicht mitnehmen", sagte er leise und ruhig, während er einen vorsichtigen Schritt von Damon weg und auf Dave zu trat.

"Das hat er dir eingeredet; du kannst ihm nicht trauen." Dave rührte sich nicht, doch nach einem weiteren Schritt in seine Richtung wandte sich sein Blick für einen Wimpernschlag von Damon ab und zu Chrys hin, flog erneut zu dem Vampir, um dann zu Chrys zurückzukehren. Schweißtröpfchen glitzerten auf seiner Stirn und seinem nackten Oberkörper.

"Aber mir kannst du trauen." Langsam ging Chrys weiter auf ihn zu. "Dave, vertrau mir."

Dave sah ihn an, ohne auch nur zu blinzeln, und Chrys konnte den Kampf in seinen Augen sehen, den sein Freund mit sich ausfocht, während er immer näher kam. Schließlich stand er vor ihm, die Armbrust zielte noch immer auf seine Brust, denn Dave hatte sich nicht bewegt. Die Hand, die sie hielt, zitterte mit einem Mal. Vorsichtig umschloss Chrys sie mit seinen Händen, spürte die Kälte, welche in seinen Geliebten gekrochen war.

Das schien David aus seiner Starre zu lösen. Hörbar atmete er durch und löste den Finger vom Abzug, um stattdessen Chrys' Hand zu umfangen und ihn mit einem Ruck an sich und in seine Arme zu ziehen. Chrys spürte, dass er am ganzen Körper bebte, und erwiderte die Umarmung fest. "Liebling... Schhhh, Liebling... alles ist gut."

Als Antwort drückte ihn Dave nur noch enger an sich. Eine Ewigkeit schienen sie so zu stehen, bis Chrys sich erinnerte, dass sie nicht allein waren. Behutsam löste er sich so weit von Dave, dass er sich in dessen Armen umdrehen konnte. Zwar wollte er den Vampir nicht verletzen, auch wenn er vermutete, dass der Anblick von ihm und seinen Freund genau das bewirkte, aber andererseits dachte er bei sich, dass es gut war, wenn er sie zusammen sah, so dass er vielleicht wirklich damit abschließen und sich jemand anderem zuwenden konnte.

Damon hatte sich nicht von der Stelle gerührt; er schien sich überhaupt nicht bewegt zu haben. Einen Moment sahen sie sich an, dann ging ein leichtes Schauern durch den Vampir. Er straffte sich, ehe er auf sie zukam, um zur Tür zu gelangen. Chrys spürte einen nahezu körperlichen Schmerz, als ihm bewusst wurde, dass er Damon nie wieder sehen würde, und gleichzeitig ergriff ihn eine unbestimmte Angst, die mit jedem Herzschlag unaufhaltsam in ihm anwuchs.

Daves Arme schlangen sich fester um Chrys, als der Vampir bei ihnen stehen blieb und den Blick zu dem großen Mann hob. Zu Chrys' Überraschung lächelte er leicht, als er sich wieder stumm abwandte. Die schlanke, blasse Hand griff nach der Türklinke, und Chrys musste sich auf die Lippe beißen, um ihn nicht zurückzurufen. /Er geht... Wenn er durch die Tür getreten ist, wird er vollkommen aus meinem Leben verschwunden sein. Für immer./

Lautlos öffnete sie sich, schwang zurück und offenbarte den Blick auf die in noch dämmriges Rot gebadete Treppe. Für einen Wimpernschlag schien Damon innezuhalten, doch dann ging er ohne zu zögern nach oben und verschwand aus Chrys' Sicht.

Nur langsam drang die Erkenntnis zu diesem durch. Rotes Licht. Morgenlicht. Seine Augen weiteten sich, entsetzt keuchte er auf. Abrupt befreite er sich aus Daves Armen, hörte dessen Stimme kaum, die rau seinen Namen rief. Er stürzte dem Vampir hinterher und holte ihn am oberen Treppenabsatz ein, bevor er die Haustür öffnen und in die Morgensonne treten konnte.

Chrys stolperte, als er gleichzeitig versuchte, die letzten Stufen hinauf zu hetzen und nach dem Vampir zu greifen, um ihn aufzuhalten. "Damon! Nicht!"

Mit einer fließenden Bewegung wandte Damon sich um; er machte einen kleinen Schritt nach vorne, streckte die Arme nach ihm aus, um ihn aufzufangen und an sich zu ziehen. Chrys konnte seinen Atem spüren, der seine Wange streifte, vermeinte sein Herz zu hören. Hauchzart nur berührten ihn die kalten Lippen, dann schob Damon ihn sacht von sich fort, hielt nur noch für einen Augenblick seine Hand fest.

Er musste nichts sagen. Chrys konnte ihn fühlen, nicht nur die kühle Haut, die seine Hand umfing und den leichten, aber vertrauten und sicheren Druck der schlanken Finger. Er konnte ihn spüren jenseits allem, in ihn sehen, seine Seele berühren. Alt und jung zugleich, dunkel und hell, leidenschaftlich und ruhig. Gegensätze in einem zermürbenden Kontrast, der gerade zur Ruhe kam. Sich ausglich. Vollkommen. Und ein Gedanke hallte in Chrys wieder, ohne dass Damon einen Ton gesagt hätte. Schwer und tragend, samtig, vibrierend, erfüllend und von einer nahezu überirdischen Ruhe.

'Danke... dass ich noch einmal lieben durfte.'

Langsam hob Damon Chrys' Hand an die Lippen, küsste sie ein letztes Mal. Er lächelte, und aus seinem Blick sprachen Ruhe und ein Frieden, der Chrys die Tränen in die Augen trieb. Dann ließ er ihn los, die weiche Haut streifte Chrys' Finger, als er sich abwandte und zur Tür trat.

'Lebe wohl.'

Reglos blieb Chrys zurück. Ohne zu blinzeln versuchte er nur, den Augenblick in sich aufzunehmen wie einen kostbaren Schatz, sich jeden Moment einzuprägen. Die roten Lichtreflexe auf Damons Haar, seine Art sich zu bewegen. Die schlanke, weiße Hand, die endgültig nach der Klinke griff. Die dunklen Strähnen, die von einem Luftzug gestreift wurden und wie nächtliche Schatten aufwirbelten, als er die Tür öffnete.

Das warme Licht des frühen Morgens, das den schlanken Körper umfing und ihn in eine rotgoldene Aura hüllte. Die schwerelos wirkenden Schritte, als er die wenigen Stufen hinabstieg und langsam der Sonne entgegen ging, die in ihrer morgendlichen Röte noch hinter Wolken verborgen war und diese in glühendes Feuer tauchte.

Chrys konnte das Glück spüren, das Damon empfand, weil er sie sehen konnte, wenn es auch nur für diesen kurzen, letzten Moment war. Schmerzlich schön und voller Frieden. Chrys' Sicht verschwamm in Tränen, als Damon die Augen schloss und das Gesicht der Sonne entgegen hielt, die langsam weiter emporstieg, zu langsam, um es wirklich zu sehen und doch viel zu schnell.

/Schau nicht hin/, flüsterte Damons Stimme in seinen Gedanken. /Behalte mich in Erinnerung, wie du mich kennen gelernt hast. Schön und geheimnisvoll, ein Kind der Nacht./

Kaum merklich nickte Chrys, und als die ersten goldenen Strahlen nach dem Vampir griffen, wandte er sich ab. Starke Hände griffen nach ihm, sichere Arme umfingen ihn und drückten ihn gegen einen vertrauten Körper. Chrys presste sich an ihn und verbarg das Gesicht an seiner Schulter. Alles in ihm war taub, und er spürte die Tränen nicht, die seine Wangen hinabliefen und Daves Schulter benetzten.

Wie lange er so gestanden hatte, ob nur für einen Augenblick oder für Stunden, wusste er nicht, und es war auch nicht wichtig, als Daves Hand langsam durch sein Haar strich und seine warme Stimme den einen Satz sagte, vor dem er sich so gefürchtet und den er doch herbeigesehnt hatte.

"Es ist vorbei."


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by Meike "Pandorah" Ludwig