Forever's Kiss

Epilog

Sacht fuhr Chrys die in den kühlen Stein gemeißelten Buchstaben mit einer Fingerspitze nach. Damon. Unter dem Namen stand der Tag und das Jahr, an dem er gestorben war. Viel mehr wusste er nicht von dem Vampir, der vor nun schon über einem Jahr so abrupt in sein Leben getreten war, um dann ebenso plötzlich drei Tage später wieder daraus zu verschwinden.

"Wo auch immer du jetzt sein magst, ich hoffe, es geht dir gut." Chrys lächelte und legte die langstielige, dunkelrote Rose vor den kleinen Grabstein, den er am Ufer eines kleinen Baches in der Nähe von Rolands Haus aufgestellt hatte. Es war ein verstecktes Fleckchen, und wenn es jemand fand, wurde es bestimmt für die letzte Ruhestätte eines geliebten Haustiers gehalten.

Die Sonne war warm, aber noch nicht brennend. Sie schickte ihre Strahlen durch das Blätterdach der Bäume hinab und ließ Licht und Schatten auf dem Gras tanzen, zeichneten goldene Reflexe in Chrys' Haar. Kleine Fliegen umtanzten ihn, ließen sich auch nicht durch eine ungeduldige Armbewegung verscheuchen.

"Dave und ich wollen im Juni in den Urlaub fahren. Ich werde also die nächste Zeit nicht kommen, um dir wieder Blumen zu bringen." Chrys legte seine Hand auf die raue Oberfläche des Steins, der an der Schattenseite bereits ein wenig Moos angesetzt hatte, und lauschte auf den Gesang einer Amsel über ihm, die ihn bereits ein wenig in Urlaubsstimmung versetzte. "Wir fahren nach Irland. Ein etwas eigenartiger Kompromiss zwischen Spanien und Australien, nicht? Aber für Australien haben wir kein Geld, und auf Spanien hatte Dave keine Lust."

Während er die vertrockneten und ziemlich unkenntlichen Lilien des letzten Besuchs aufsammelte, warf er einen kurzen Blick über die Schulter. Ein paar Meter entfernt stand Dave an einen Baum gelehnt und beobachtete ihn, wie jedes Mal, wenn sie hierher gekommen waren. Immer war er da, und in den ersten Monaten hatte er ihm anschließend regelmäßig Trost gespendet.

Als ihre Augen sich fanden, vertiefte sich Chrys' Lächeln. Nach wie vor durchflutete ihn diese besondere Wärme, wenn Dave ihn so ansah. Für einen Moment hielt er in der Bewegung inne und genoss das liebevolle Gefühl, ehe er sich wieder abwandte. "Wir haben übrigens eine neue Wohnung gefunden. Daves war auf die Dauer einfach zu klein für uns beide. Sie ist sehr schön, hat einen Balkon und ein viel größeres Badezimmer als unsere alte. Und meine Eltern haben sich offensichtlich langsam damit abgefunden, dass ich nicht nur einen Mann liebe, sondern auch mit ihm zusammen lebe. Wir waren am Wochenende bei ihnen."

Mit einem Kichern warf Chrys die trockenen Blumen in den Bach, wo sie träge davon schwammen, und strich sich das Haar aus dem Gesicht, das in seiner feuchten Stirn klebte. "Kaffeetrinken. Es war wirklich süß, wie sich alle bemüht haben. Mama und Paps, um sich normal zu benehmen, und David, um einen akzeptablen Schwiegersohn darzustellen. Er mag die Elternbesuche nicht sonderlich, aber er schlägt sich wacker."

Seine Bemühungen zeigten Erfolg. Seine Mutter hatte Chrys an diesem Sonntag in der Stille der Küche erklärt, dass Dave ein netter, junger Mann sei, der zudem noch gut aussehen würde. Und sein Vater war ganz begeistert gewesen, als er herausgefunden hatte, dass man sich mit ihm über Motoren unterhalten konnte. Chrys musste noch immer grinsen, wenn er daran dachte. Schließlich arbeitete sein Freund in einer Kfz-Werkstatt.

"Die Wohnung wird nächstes Wochenende eingeweiht, mit Grillparty auf dem Balkon. Masha und Roland kommen auch. Roland macht mir noch immer ein wenig Angst. Es ist dumm von mir, ich weiß." Verlegen zog Chrys eine Grimasse und zuckte mit den Schultern. "Er hat nach wie vor ein schlechtes Gewissen. Man merkt es meistens nicht, aber manchmal fällt es doch auf. Ich will auch nicht, dass er weg bleibt. Masha und er sind wieder zusammen, mittlerweile endlich ganz offiziell." Wieder musste er lachen. "Als wenn man es nicht schon länger gemerkt hätte! Die beiden sind niedlich, wieder richtige Turteltäubchen."

"Schatz?" Daves warme Stimme unterbrach ihn und ließ ihn sich umdrehen. Sein Freund lächelte ihn aus diesen unglaublich blauen Augen an, die Chrys nach wie vor die Welt vergessen lassen konnten. "Ich störe dich nur ungern, aber wir wollten um fünfzehn Uhr bei Masha sein, das ist in einer halben Stunde."

"Okay, bin ja so gut wie fertig." Chrys warf dem Stein einen letzten Blick zu, rückte die Rose noch einmal zurecht. "Tschüss, Damon", murmelte er, ehe er aufstand.

Dave war hinter ihn getreten; er umarmte ihn und küsste ihn zärtlich. "Du hast schon seit geraumer Zeit nicht mehr geweint, wenn wir hierher gekommen sind."

Es war eine einfache Feststellung, doch der weiche Ton sagte Chrys, wie froh sein Geliebter darüber war. Dave hatte sich Sorgen um ihn gemacht, weil ihn Damons Tod so lange hatte trauern lassen. Irgendwie schien er trotz allem immer noch befürchtet zu haben, dass der Vampir doch mehr mit ihm angestellt hatte, als ihn nur zu beißen.

Chrys lächelte warm, lehnte sich an ihn und schob Dave einen Arm um die Taille, als sie langsam den Weg zurück schlenderten. "Es ist ja auch schon lange her."

Dave erwiderte nichts, doch er drückte ihn fest an sich, tastete nach seiner Hand, um sie mit seiner zu umfassen. Chrys seufzte wohlig auf, fühlte sich geliebt, umsorgt, geborgen. /Ich hoffe wirklich, dass du glücklich bist, Damon. Denn ich... ich bin es./


Kommentare, Kritiken, Lob?
 
by Meike "Pandorah" Ludwig
~ Ende ~