Forever's Kiss

2.

Als Chrys das zweite Mal erwachte, stand die Sonne schon tief am Himmel. Sie schien zum Fenster herein, malte den Schatten des Vorhangs auf die gegenüberliegende Wand und tauchte das Zimmer in das rot-goldene Licht des späten Nachmittags. Feine Staubkörnchen tanzten über der Heizung in der aufsteigenden Luft.

Träge öffnete Chrys die Augen und sah zur Zimmerdecke empor. Der Schmerz in seinem Kopf war zu einem schwachen Pochen abgeklungen, das man ignorieren konnte. Doch sein Durst war nach wie vor immens. Seine Lippen waren spröde und trocken, und seine Zunge lag wie ein ausgetrockneter Schwamm in seinem Mund.

Er drehte sich zur Seite und angelte nach der Mineralwasserflasche auf dem Nachttisch. Hastig schraubte er sie auf und trank in großen Schlucken. Als das kühle, prickelnde Wasser seine Kehle hinunterrann, verschwand mit ihm der letzte Rest an Müdigkeit.

Mit einem ausgiebigen Gähnen streckte er sich. Doch ein plötzliches Stechen am Hals ließ ihn zusammenzuckten. Die letzte Nacht... der Biß in den Hals... Er begann unkontrolliert zu zittern, als die Erinnerung mit einem Schlag zurückkam.

Arme, die ihn unbarmherzig gefangen hielten. Die harte Hand, die ihn am Schreien hinderte und ihm die Luft zum Atmen raubte. Hilflosigkeit. Heißer Atem in seinem Nacken. Dann der stechende Schmerz, die Flut von Gedanken... die Schwäche, die durch seinen Körper schlich..... und die Ekstase.

Ein Alptraum... es war ein Alptraum gewesen, wie er realistischer nicht sein konnte. Verzweifelt klammerte er sich an diesen abwegigen Gedanken, doch unwillkürlich tastete er mit der Hand nach seinem Hals. Er erstarrte, als er die kleinen Vertiefungen der Bißwunden unter den Fingerspitzen fühlte.

"Oh Shit..." hauchte er erstickt.

Er kroch aus dem Bett, hielt einen Moment inne, als ihn ein plötzlicher Schwindelanfall überraschte, und wankte dann zu dem mannshohen Spiegel in der Zimmerecke. Die schlanke Gestalt, die ihm entgegensah, war ihm fremd, so blaß war das Gesicht mit den dunklen Ringen unter den Augen. Die Jeans war vom Schlaf zerknittert, der Pullover mit Blut verkrustet. Sein Blut. Und auf dem weißen Hals prangten anklagend wie entzündete Male zwei blutrote Flecken.

"Nein", hauchte er, eiskalte Furcht legte sich wie ein eiserner Reif um sein Herz. "Nein... es gibt keine Vampire..."

Eine Weile starrte Chrys sein Spiegelbild nur fassungslos an.

Er taumelte zurück und kam erst zum Stehen, als er die Wand im Rücken spürte. Mit einem Wimmern preßte er sich dagegen und und starrte mit weit aufgerissenen Augen den Spiegel an.

"Es gibt keine Vampire... es gibt sie nicht..." murmelte er wie ein schützendes Mantra wieder und wieder, als könne er mit seinem bloßen Willen ungeschehen machen, was geschehen war. "Es gibt sie nicht..."

Nur langsam beruhigte sich sein Herz wieder, das Zittern verebbte. Er atmete tief durch und stieß sich entschlossen von der Wand ab.

"Chryssie", sagte er streng und mit so fester Stimme wie möglich. "Es gibt keine Vampire. Du bist von einem Wahnsinnigen angefallen und fast umgebracht worden, und du wirst Anzeige gegen ihn erstatten, aber es - gibt - keine - Vampire!"

Aber ob Vampir oder Mann, was wenn er wiederkam? Wenn er ihn fand und beenden wollte, was er angefangen hatte? Wieder brach Chrys der kalte Schweiß aus. Wahrscheinlich war er gestört worden, daß er so schnell von ihm abgelassen hatte. Und bestimmt wollte er ihn umbringen, damit er nicht gegen ihn aussagen konnte - nicht ahnend, daß er keine Ahnung hatte, wie er aussah...

Kopflos vor Angst taumelte er in den Flur ans Telefon. Seine Hände zitterten so stark, daß er kaum den Hörer halten konnte. Zum Glück stand die Notrufnummer der Polizei ganz obern auf dem kleinen Schild über der Tastatur, Chrys wäre sie nicht eingefallen. Er wählte mit fliegenden Fingern, als hinge sein Leben davon ab, wie schnell er durchkam.

Das Rattern während der Durchwahl dehnte sich zu einer Ewigkeit. Dann ertönte der Signalton, daß das andere Ende frei war. Einmal... zweimal... dreimal... //Gott, nimm doch jemand ab! Verdammt, nehmt ab! Bitte!!//

"Fünftes Polizeirevier, Burkhard am Apparat. Was kann ich für Sie tun?" meldete sich schließlich eine junge, männliche Stimme am anderen Ende der Leitung.

Vor Erleichterung hätte Chrys fast geschluchzt. Doch als er den Mund öffnete, brachte er keinen Ton hervor. //Was mache ich, wenn sie mir nicht glauben? Wenn sie mich für verrückt halten?//

"Hallo? Ist da jemand?" Die Stimme klang ärgerlich und genervt, als sei es nicht das erste Mal, daß das passierte.

//Scheiße!// fluchte Chrys panisch und würgte vor Angst. Einen kurzen Moment stand er regungslos da, dann legte den Hörer zurück auf die Gabel. Er stützte sich schwer auf das Tischchen und ließ den Kopf hängen. Minutenlang starrte er blicklos auf das Telefon. //Verdammt, verdammt, verdammt! Was mache ich jetzt?//

Warme Flüssigkeit sammelte sich unter seiner rechten Hand und quoll rot und zäh zwischen den Fingern hervor. Es dauerte eine Weile, ehe er es bemerkte und noch länger, bis er begriff, daß es Blut war. Vorsichtig hob er die Hand und sah den dünnen, roten Faden seinen Unterarm hinabrinnen. Er beobachtete ihn mit einer Art morbiden Faszination. Blut... von dem der Vampir getrunken hatte...

//Der Mann//, korrigierte er sich in Erinnerung an den Brustkorb, gegen den er gedrückt worden war. "Kein Vampir, ein Mann."

Er atmete tief durch und schüttelte den Kopf, um ihn zu klären. Irgendwie mußte er wieder zur Ruhe kommen, er mußte der Polizei ruhig und klar erklären können, was geschehen war. Und in seiner Wohnung war er sicher, solange die Tür zu war.

So lange sie zu war... Er warf ihr einen Blick zu, dann ging er hin und rüttelte vorsichtshalber kräftig daran. Sie öffnete sich nicht. Sicherheit... Hier war er so sicher wie er nur sein konnte... Warum nur glaubte er es nicht? Mit einem Schaudern schlang er die Arme um sich. Ihm war kalt, innen und außen.

Das Schrillen des Telefons ließ ihn zusammenfahren. Sein Puls schoß wieder in die Höhe. "Gute Güte, Chrys, es ist nur das Telefon", murmelte er. "Telefone beißen nicht..."

Trotzdem zitterten seine Hände, als er den Hörer abhob. "Mittnacht?"

"Chrys? Gott sei Dank. Ich bin's, Masha."

Die Erleichterung durchflutete ihn wie eine warme, tröstende Welle. Er umklammerte den Hörer und schloß die Augen. Masha... Seine Knie zitterten. Er lehnte sich an die Wand und ließ sich an ihr hinabrutschen, bis er mit angezogenen Beinen auf dem Boden saß. "Masha..."

"Bin ich froh, daß ich dich erreiche! Ich habe mir Sorgen gemacht. Heute morgen hast du geklungen, als lägst du im Sterben. Und das ist das vierte Mal, daß ich versuche bei dir durchzukommen. Es hat niemand abgehoben." Chrys mußte Masha nicht sehen, um zu wissen, daß sie beunruhigt die Brauen über den klaren, grauen Augen zusammenzog. "Alles okay bei dir, Lieber?"

Chrys lachte, und selbst in seinen Ohren klang es hysterisch. Abrupt verstummte er.

"Masha? Ich habe Angst..." flüsterte er.

"Warum? Kann ich dir helfen?" Selbst durch den blechernen Klang der Telefonleitung konnte Chrys die Wärme und den Trost in ihrer Stimme spüren. Er wollte sich hineinfallen lassen und weinen. Statt dessen holte er zitternd Luft.

Dann begann er zu erzählen. Erst kamen die Worte nur stockend, doch dann sprudelten sie aus ihm hinaus wie ein Sturzbach, unzusammenhängend und wirr, doch Masha unterbrach ihn kein einziges Mal. Als er endlich fertig war, schmerzte seine Kehle von unterdrückten Schluchzern.

"Chryssie, hab keine Angst", sagte Masha mit weicher, warmer Stimme, die ihn tröstend zu kosen schien. "Es ist okay, Lieber... ich mach den Laden zu, dann komme ich zu dir. Hab keine Angst. Ich bin gleich bei dir, ja?"

"Ja, Masha." Chrys' Stimme erstickte in Tränen, die jetzt doch zu fließen begannen, so sehr er es auch zu verhindern suchte. "Danke..."

"Ich bin gleich da, mein Lieber. Nimm ein warmes Bad, das beruhigt. Und wenn du noch Lavendelöl da hast, gib ein paar Tropfen dran. Das wird dir gut tun."

Ihre Stimme duldete keinen Widerspruch, und Chrys mußte lachen, reichlich zittrig, aber es war ein echtes Lachen.

Er konnte sie fast schmunzeln hören. "Bis gleich, Lieber. Und hab keine Angst mehr..."

Nach dem Knacken in der Leitung, als sie den Hörer auflegt hatte, war es viel zu still in der Wohnung. Für einen Moment blieb Chrys noch am Boden hocken, dann wischte er sich die Tränen von den Wangen und stand auf. Er sollte besser auf Masha hören... Ein kurzes, kleines Lächeln huschte über sein Gesicht. Masha gehörte zu den Menschen, bei denen man besser tat, was sie einem vorschlugen.

Im Bad war es kalt, das Fenster stand noch auf Kippe. Chrys schloß es. Dann drehte er die Heizung auf volle Kraft, steckte den Stöpsel in den Abfluß und drehte das Wasser auf. Einen guten Schwaps Lavendelbad dazu, perfekt. Während die Wanne vollief, zog er sich aus.

Die kalte Luft ließ ihn frösteln, Gänsehaut überzog seinen Körper. Eilig stieg er in das dampfende Wasser. Es tat gut, unendlich gut, als es ihn warm und weich umfing. Er ließ sich tiefer hineinsinken und seufzte wohlig. Der Lavendelduft hüllte ihn ein und ließ ihn sich entspannen. Und irgendwie gelang es ihm, die nächste Viertelstunde an gar nichts mehr zu denken.

Danach ging es ihm wesentlich besser. Ein Handtuch um die Hüfte geschlungen, kam er aus dem Bad. Sein feuchtes Haar kringelte sich um sein Gesicht, und seine bleichen Wangen hatten wieder etwas Farbe bekommen. Mittlerweile war die Sonne untergegangen. Chrys schauderte. Doch das Masha bald kommen würde, beruhigte ihn wieder.

Er tappte barfuß ins Wohnzimmer, drehte auch hier die Heizung auf und starrte in die dunkle Nacht. Dort draußen lauerte der Vampir... Chrys legte eine Hand auf das kalte Glas. Es fühlte sich mit einem Mal so dünn an, so zerbrechlich... Es würde niemanden aufhalten, der wirklich hier rein wollte.

//Du wohnst im vierten Stock//, ermahnte er sich. //Und für einen normalen Menschen ist das verdammt hoch. Es gibt keine Vampire!//

Wenn doch nur Masha endlich käme... Das erinnerte ihn daran, daß er fast nackt war. So konnte er sie schlecht empfangen. Selbst wenn es sie wohl wenig stören würde. Er wußte nicht, ob es irgend etwas gab, mit dem man Masha aus der Ruhe bringen konnte...

Chrys drehte sich um und sah in schwarze brennende Augen.

Der Schrei, der in seiner wie zugeschnürten Kehle hochstieg, erstickte an tauben Lippen und wurde zu einem tonlosen Krächzen.

Der Vampir hatte ihn gefunden.

Glühende, schwarze Augen bohrten sich in seine, als die Gestalt geschmeidig zu ihm hinglitt.

"Chrys", hauchte die leicht heisere, tiefe Stimme. "Du gehörst mir..."

Damon verschlang ihn förmlich mit den Blicken. Chrys' Anblick vor dem spiegelnden Fenster war atemberaubend schön, eine helle Gestalt vor dem Schwarz der Nacht. Das Licht schimmerte auf seiner Haut und überzog sie mit einem seidenen Schimmer. ...der zarte Duft von Lavendel, gemischt mit seinem eigenen Geruch... Sacht ließ er die Fingerspitzen über Chrys' Brust gleiten, zeichnete die Rippen nach, hauchzart nur, kaum zu spüren. Wundervoll... so wundervoll weich... noch feucht vom Bad... und warm... so warm...

Chrys wollte zurückweichen, doch seine Glieder gehorchten ihm nicht. Sein Kopf schien wie leergefegt vor Angst. Wieso hatte er ihn gefunden?... Sein Herz hämmerte einen schmerzhaften Rhythmus in seiner Brust, das Blut rauschte in seinen Ohren und machte ihn taub für alles andere. //Masha! Gott, wieso ist sie noch nicht hier?// Er brachte keinen Ton heraus. //Er wird mich umbringen. Ich werde sterben...//

Kühle Hände griffen nach ihm, schlossen ihn in eine unentrinnbare Umarmung und preßten ihn an einen warmen, harten Männerkörper. Chrys wimmerte vor Angst, doch er konnte sich nicht bewegen. Die schwarzen Augen hielten ihn in ihrem Bann und ließen ihn nicht los. Immer näher kamen sie... bis sie verschwammen und zu einem Stück samtiger Nacht wurden... Weiche Lippen legten sich sanft auf seine und liebkosten sie zärtlich. Der Vampir schloß die Augen und entließ Chrys aus seinem zwingenden Blick. Fordernd glitt seine Zunge über seine Lippen, warm und weich wie eine menschliche...

Die sanften Hände glitten über seinen Rücken, zeichneten die Bahn des Rückgrats nach, bis sie auf die Kante des Handtuchs stießen. Feuer erwachte unter den Fingerspitzen und zog sich über Chrys' Körper. Er spürte, wie sie an seiner Hüfte entlang wanderten bis zu seinem Bauch. Dann lösten sie das Handtuch, es streifte seine Beine, als es zu Boden glitt. Chrys keuchte erschrocken auf.

Als sich seine Lippen unter Damons teilten, drang Damon sanft mit der Zunge in seinen Mund vor. Ein kleiner, erstickter Laut entfuhr ihm, als er ihn schmeckte.

Hitze floß durch Chrys' Adern, als er die Zunge spürte. Seine Knie wurden schwach, jeder Gedanke war wie ausgelöscht, die Gefahr war vergessen. Er legte die Arme um den Nacken des Vampirs und drängte sich an ihn, seine Finger vergruben sich in dem dichten, langen Haar. Köstliche Stromstöße durchfuhren ihn, als die kühlen Hände von seinem Bauch langsam zwischen seine Beine glitten und dort für einen Moment verharrten. Dann wanderten sie weiter über die Hüfte, schlossen sich um seinen Hintern und zogen ihn an den Vampir.

Feuer setzte Chrys' Körper in Brand, als er die Hitze spürte, die von dem dunkeläugigen Mann ausging. Er preßte sich an ihn und spürte die Erektion des Vampirs an seinem nackten Bauch. Hilflos stöhnte er auf.

Damons Zunge ertastete die glatte Oberfläche von Chrys' Zähnen, er erkundete den Gaumen und die weiche, empfindliche Unterseite seiner Zunge. Auffordernd umkreiste er sie, umspielte sie, liebkoste sie, lockte sie. //...köstlich... so köstlich...// Wann hatte er das letzte Mal eine derartige Lust verspürt?

Chrys konnte sich dem elektrisierenden Locken nicht entziehen, er ging auf das Spiel ein. Als sich die Zunge zurückzog, folgte er ihr mit seiner eigenen und berührte die samtweichen Lippen. Schüchtern ertastete er sie und erschauerte unter der unglaublichen Weichheit. Dann glitt er in den Mund des fremden, atemberaubenden Mannes.

Ein schneidender Schmerz brachte ihn wieder zur Besinnung, als er sich einer der scharfen Fangzähne in seine Zunge bohrte. Chrys zuckte zusammen und riß die Augen auf, als der berauschende Schleier der Ekstase von ihm weggezogen wurde. //Was tue ich hier? Er wird mich umbringen, und ich...?//

Damon stöhnte tief auf, als er das süße Blut schmeckte. Selbstvergessen saugte er an Chrys' Zunge und drückte den schlanken, nachgiebigen Körper noch enger an sich. Der Herzschlag mischte sich mit seinem eigenen zu einer perfekten Symphonie. Chrys war sein...

Mit aller Kraft versuchte Chrys, den Vampir von sich wegzustoßen. Er mußte hier raus! Irgendwie...

Vollkommen überrumpelt taumelte Damon zurück. Mit allem hatte er gerechnet, aber nicht damit. Doch rasch hatte er das Gleichgewicht wiedergefunden. Fauchend fuhr er zu Chrys herum, Zorn brodelte in ihm empor. Was sollte das? Erst gab er sich ihm hin, dann stieß er ihn von sich? Wer war er, daß er glaubte, mit ihm spielen zu können?

Die schwarzen, unmenschlichen Augen glühten von einem inneren Feuer, weiße, tödliche Fangzähne blitzten auf. Das blasse, zarte Gesicht war von fliegendem, nachtschwarzem Haar umrahmt wie von einem dunklen Heiligenschein. So also sah sein Tod aus... Furcht umhüllte Chrys wie ein erstickendes Leichentuch, gellend schrie er auf.

Damon prallte zurück, als er die Panik in den weit aufgerissenen, grünen Augen sah. Der Schrei gellte in seinen Ohren. Das war Todesangst, in der Chrys schwebte. Mit einem Satz war er wieder bei ihm und packte ihn an den Armen.

"Chrys, verdammt!" fauchte er und schüttelte ihn, um ihn zur Besinnung zu bringen. "Hör auf!"

Das Geräusch eines Schlüssels im Schloß ließ ihn herumfahren, die Haustür wurde geöffnet und flog krachend gegen die Wand.

"Chryssie!" Die klare Stimme einer Frau hallte im Hausflur wieder, ihre hastigen, aber nahezu lautlosen Schritte kamen näher.

"Verdammt", fluchte Damon leise und ließ Chrys los. Wie leblos sackte der junge Mann in sich zusammen. Aus brennenden Augen sah er auf ihn herab. Er stand in Flammen, dafür hatte der junge Mann gesorgt. Warum mußten sie ausgerechnet jetzt unterbrochen werden? Dreifache Verdammnis über diese Frau!

Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, sie einfach umzubringen - eine gute Mahlzeit, ein Problem weniger - doch das würde mit tödlicher Sicherheit Ärger mit Raphael heraufbeschwören. Raphael war eigen, was die Menschen in seiner Stadt betraf. Und Chrys...?

"Ich komme zurück", fauchte er.

Als die Frau die Tür zum Wohnzimmer erreichte, war Damon mit einem Satz neben ihr und tauchte an ihr vorbei in den Flur, schneller als es die Augen eines Menschen erfassen konnten - oder sollten. Doch ihre grauen Augen bohrten sich für einen winzigen Moment in seine, mit einem Fluch stürzte er an ihr vorbei und zu der offenen Wohnungstür hinaus.

"Oh Gott, Chryssie!"

Chrys richtete sich halb auf, als er Mashas Stimme hörte. "Masha?"

Sie stürzte zu ihm hin, fiel neben ihm auf die Knie und zog ihn in die Arme. "Chryssie, Lieber..." flüsterte sie. "Ist alles in Ordnung? Hat er dir was getan?"

Er vergrub das Gesicht in ihrem langen, weichen Haar und schluchzte auf. Bebend klammerte er sich an ihr fest, einfach nicht in der Lage, auch nur einen Satz herauszubringen. Masha wiegte ihn sanft wie ein Kind, murmelte tröstende, unsinnige Worte auf ihn ein und streichelte ihn beruhigend.

Als sein Schluchzen leiser wurde und schließlich ganz verebbte, drückte sie ihn sacht auf Armlänge von sich weg. Besorgt musterten ihre grauen, scharfen Augen ihn. "Ist alles in Ordnung? Hat er dir was getan, Lieber? Bist du verletzt?"

Chrys schüttelte den Kopf und wischte sich über die Augen, obwohl er genau wußte, daß es nichts brachte. "Du bist gerade noch rechtzeitig gekommen, glaube ich. Masha... ich hatte solche Angst..."

"Ich bin da", sagte sie beruhigend und drückte ihm einen sanften Kuß auf die Schläfe. "Zieh dich an, Lieber, dann gehen wir zu mir, ja? Da wird er dich nicht suchen..."

Chrys nickte und stand auf. In dem Moment wäre er Masha in die Hölle gefolgt, wenn sie ihn nur nicht allein ließ.

 


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by Meike "Pandorah" Ludwig