Forever's Kiss

4.

Für einen Moment erwiderte Roland den Blick finster, dann ließ er Chrys mit einem Knurren los. Chrys taumelte zurück und starrte den großen Mann fassungslos an. Die Brauen düster zusammengezogen, die Zähne wie ein Raubtier gefletscht, sah er nicht weniger gefährlich aus als jeder Vampir. Eine Gänsehaut rann Chrys' Rücken hinab, er griff sich an den Hals und rieb die Schramme, die der Pullover hinterlassen hatte.

"Verdammt noch mal, Masha..." begann Roland zornig, doch Masha ließ ihn nicht ausreden.

"Was zur Hölle soll das, Roland?!?" fuhr sie ihn an. "Du tauchst einfach hier auf, nachdem du nicht einmal in der Lage warst, dich vorher anzumelden, kriegst die Zähne nicht weit genug auseinander, um Chrys Hallo zu sagen und zerrst ihm aus vollkommen nichtigen Gründen die Kleidung vom Leib! Was denkst du dir eigentlich? Er ist..."

"Verdammt noch mal!" versuchte Roland sie wütend zu unterbrechen und verschränkte die Arme vor der Brust. "Ich..."

Mit einer heftigen Handbewegung schnitt sie ihm erneut das Wort ab. "Ich bin noch nicht fertig!" fauchte sie. "Ja, es ist ein Vampir in der Stadt! Ja, Chrys ist von ihm gebissen worden! Aber das gibt dir nicht das verdammte Recht, dich aufzuführen wie ein hirnloser Idiot! Ich weiß noch nicht mal, was du hier überhaupt willst. Ich dachte, ich hätte dir klar und deutlich genug gesagt, daß ich dich nie wieder sehen will!"

Rolands Miene wurde zu einer Maske, unbewegt sah er Masha an. "Ja, das hast du. Und deswegen bin ich hier auch nicht mehr aufgetaucht. Aber ist er," er wies mit einer Kopfbewegung zu Chrys, "nicht Grund genug, daß ich zu dir komme?" Seine dichten, geraden Brauen zogen sich wieder finster zusammen. "Warum zur Hölle hast du mir nichts gesagt? Glaubst du allen Ernstes, du könntest es alleine? Dann bist du verrückter, als ich dachte!"

//Ich bin Grund genug, daß er hier ist?// Chrys wich verstört zurück. Gott, der Mann war doch nicht etwa eifersüchtig? Nein, das war ein ziemlich absurder Gedanke! //Der Vampir. Es hat etwas mit dem Vampir zu tun! So, wie Roland meinen Hals angestarrt hat?...//

"Hat das hier irgend jemand gesagt, werter Herr Petry?" fauchte sie. "Was veranlaßt dich zu dieser stupiden, hirnlosen Vermutung?"

"Die Bißmale sind nicht von heute!" knurrte Roland finster. "Und hör auf, mich hirnlos zu nennen!"

"Ich habe nicht dich, sondern deine Vermutungen hirnlos genannt. Aber wenn du darauf bestehst..." Sie funkelte ihn an und wischte diesen Teil der Diskussion dann mit einer energischen Geste beiseite. "Verdammt, Roland! Denk mal zwei Minuten nach, bevor du irgend welche Schlüsse ziehst! Selbst wenn die Male von vor drei Wochen wären, heißt das, daß ich es auch vor drei Wochen erfahren habe? Chrys hat mich vorhin angerufen, ich bin zu ihm gefahren und habe ihn abgeholt. Seitdem sind vielleicht drei Stunden vergangen!"

Roland öffnete den Mund zu einer zornigen Antwort, doch als ihm der Sinn ihrer Worte klar wurde, schloß er ihn abrupt wieder. Ungläubig sah er Masha an. "Du weißt es erst seit... drei Stunden?"

"Ja, du Holzkopf!" Wütend sah sie ihn an, doch unvermittelt wurde ihre Miene weicher. Sie seufzte. "Du machst dir immer noch Sorgen um mich... wann begreifst du, daß ich gut auf mich selber aufpassen kann?"

Verlegen fuhr Roland sich durchs Haar, dann lächelte er.

"Ich glaube nie, Masha", sagte er leise.

Dieses Lächeln wirkte so jungenhaft, daß Chrys verdutzt blinzelte. Doch es blieb. Die Drohung, die von dem großen Mann ausgegangen war, hatte sich von einem Moment auf den anderen in nichts aufgelöst.

"Du änderst dich nie." Mit einem leisen Seufzen wandte sich Masha zu Chrys um und lächelte entschuldigend. "Die Szene tut mir leid, Lieber. Ist alles in Ordnung?"

Chrys nickte und verkniff es sich, nach der brennenden Schramme an seinem Hals zu greifen. "Ist er... immer so?" fragte er so leise, daß Masha Schwierigkeiten hatte, ihn zu verstehen.

Ihr Lächeln wurde einen Hauch breiter. "Ja, aber es ist nur halb so schlimm", flüsterte sie schmunzelnd, dann wies sie mit einer ironischen Geste zu Roland. "Darf ich vorstellen? Falls du es noch nicht mitbekommen haben solltest, das ist Roland. Ein... alter Freund von mir. Roland - Chrys. Er arbeitet bei mir im Laden - und nebenbei sind wir gut befreundet."

Mit einem verlegenen Grinsen hielt Roland Chrys eine Hand hin. "Es tut mir echt leid, das mit dem Pullover. Ich habe wohl etwas überreagiert. Ich ersetze ihn dir..."

Chrys schlug ein und erwiderte das Lächeln schief. "Bist du immer so ... impulsiv? Dann erinnere mich bei Gelegenheit daran, daß ich mindestens drei Meter Abstand von dir halte, wenn ich das nächste Mals von einem Vampir gebissen werde."

Verdutzt zog Roland die Brauen hoch, dann brach er in schallendes Gelächter aus. "Ich werde mir Mühe geben", prustete er.

Masha verschwand kurz in einem Nebenzimmer; nur einen Moment später kam sie mit einem braunen Wollpullover mit Yin-Yang-Muster wieder, den sie Chrys zuwarf. "Zieh den an, Lieber. Eigentlich habe ich ihn für einen Kunden zurückgelegt, aber du brauchst ihn jetzt eindeutig dringender. Und gib mir den anderen. Ich werde ihn flicken." Amüsiert sah sie zu Roland hin. "Eigentlich müßte er das ja machen, aber wenn sich in den letzten fünf Jahren nichts Grundlegendes geändert hat, kannst du den Pullover nach seinen Flickversuchen bestenfalls noch als Scheuerlappen verwenden."

Entschuldigend hob Roland die Hände und grinste. "Sorry, Masha... Nadeln sind immer noch so klein wie damals. Die passen einfach nicht mit meinen Pranken zusammen.."

Sie schnaubte, doch um ihre Mundwinkel zuckte es. "Alles Ausreden. Und immer noch keine besseren. - Setzt euch doch, oder findet ihr es im Stehen bequemer? Roland-Lieber, willst du was trinken?"

Roland warf einen mißtrauischen Blick auf die beiden halbleeren Teetassen und ließ sich in einen der beiden Sessel fallen.

"Bier hast du nicht zufällig im Haus?" fragte er hoffnungsvoll.

"Du hast dich nicht angemeldet, Lieber", erwiderte Masha ungerührt. "Saft, Sprudel, Tee, Milch?" Sie grinste. "Wein? Ich hätte noch eine Flasche da, die ich aufmachen könnte. Mädchentraube..."

Als Chrys im Bad verschwand, um sich umzuziehen, hörte er noch Rolands entsetztes "Wein? Das nennst du Wein? Das ist Zuckerwasser!"

Mit einem Seufzen schloß er die Badezimmertür hinter sich. Die Stimmen verblaßten zu einem undeutlichen Murmeln im Hintergrund. Für einen Moment lehnte er sich mit geschlossenen Augen gegen die Tür. Das hatte jetzt noch sein müssen, nicht? Warum hatte Roland sich ausgerechnet diesen Tag ausgesucht, um Masha zu besuchen? Hatte er nicht fünf Jahre lang Zeit gehabt? Oder hätte er nicht noch später kommen können? Ob es ihr Ex war? Chrys vermutete es beinahe. So wie er sich benahm... Auf jeden Fall kannten sie sich sehr gut. Und er wußte über Vampire Bescheid...

Chrys stieß sich von der Tür ab und zog den zerrissenen Pullover über den Kopf. Er ging zum Waschbecken und verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen, als ihm sein blasses Ebenbild aus dem Spiegel entgegenschaute. Sein Hals sah immer besser aus. Auf der einen Seite die roten Bißmale, auf der anderen ein fast genauso roter Streifen. Himmel, war der Mann immer so heftig? Hoffentlich nicht... Ansonsten schien er ja ganz nett zu sein. Aber das?...

Chrys drehte den Hahn auf und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Was für ein Scheißtag!

"... ihm schon was erzählt?" fragte Roland gerade, als er zurück ins Wohnzimmer kam.

Masha hatte es sich wieder im Schneidersitz in ihrer Sofaecke bequem gemacht, die Teetasse mit einer Hand auf dem Knie balancierend. Roland hatte sein halbvolles Glas Wasser auf der Sessellehne abgestellt, das in seiner großen Hand zerbrechlich und klein wirkte.

Masha sah auf und zwinkerte Chrys zu. "Ich war gerade dabei, als du uns unterbrochen hast. Perfektes Timing wie immer."

Roland lachte gutmütig. "Ich habe einen Riecher für so was, das weißt du doch."

Chrys setzte sich wieder in seinen Sessel und kam sich etwas fehl am Platz vor. Die beiden hatten bestimmt genug unter vier Augen zu besprechen... Aber wohin sollte er gehen? Er wagte es nicht, nach Hause zurückzukehren. Vielleicht sollte er mal versuchen, einen seiner Freunde zu erreichen und bei ihnen unterzukommen. Aber was sollte er ihnen erzählen? //He, ich hatte da einen kleinen Zusammenstoß mit einem Vampir und jetzt traue ich mich nicht in meine eigene Wohnung!// Irgendwie klang das nicht sehr überzeugend. Er beugte sich vor und griff dankbar nach seiner nachgefüllten Teetasse, um wenigstens etwas zu haben, an dem er sich festhalten konnte.

Roland wandte sich zu ihm um. "Entschuldige noch mal, Chrys. Ich... hab nur gedacht, diese Frau wäre gerade dabei, eine Dummheit zu begehen... Es tut mir wirklich leid."

"Ist schon vergessen." Verlegen zuckte Chrys mit den Schultern und warf Masha einen Seitenblick zu; er mußte unwillkürlich grinsen. "Dummheit? Masha begeht nie Dummheiten. Zumindest würde ich es nicht wagen, das in ihrer Gegenwart zu behaupten."

"Einzig und allein der Umstand, daß ich an meinen Teetassen hänge, schützt dich jetzt davor, ein Kissen an den Kopf zu bekommen, Chrysostomus Mittnacht!" Lachend drohte Masha ihm mit dem Finger, doch unvermittelt wurde sie ernst, als ihr Blick an der Bißwunde hängenblieb. Sie sah zu Roland hin. "Der Vampir hat dich hierher geführt, nicht wahr?"

Auch Rolands Miene verfinsterte sich wieder. "Vor etwa einer halben Stunde habe ich ihn unten am Bahnhof gesehen." Dann grinste er schief und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. "Ich dachte, ich seh nicht recht... und bin sofort hierher gefahren."

Chrys verkniff sich ein Lächeln, als er feststellte, daß Mashas Gesicht weich wurde. Beinah zärtlich blickte sie den großen Mann an. "He, alter Herr, habe ich dir nicht gesagt, daß ich selber auf mich aufpassen kann?"

Roland schnaubte. "Sicher hast du das. Aber wenn du keine Ahnung hast? Ich wußte doch nicht, daß du bereits einen Kontakt bei dir zu Hause hast."

Kontakt? Verwirrt sah Chrys ihn an. Was war denn das für ein eigenartiger Ausdruck?

"Wissen Josh und Dave schon Bescheid?" fragte Masha nüchtern.

Roland schüttelte den Kopf. "Nein, wie gesagt, ich bin sofort hierher... - Ich rufe sie an, wenn du nichts dagegen hast. Bevor jeder hier alles zweimal erzählen muß...?"

Masha winkte ab. "Schon gut. Du würdest dich ja ohnehin nicht davon abhalten lassen... Ich versuche derweil, es Chrys zu erklären."

Grinsend stand Roland auf. "Viel Spaß."

Verständnislos sah Chrys ihm hinterher, beobachtete, wie der große Mann den Kopf einzog, als er durch die Tür in den Flur ging und wandte sich dann wieder zu Masha um. "Masha? Ich verstehe nicht..."

Sie lächelte. "Kein Wunder, Lieber... Wie solltest du auch?"

"Warum hat er mich 'Kontakt' genannt?" Irgendwie störte Chrys dieses Wort. Er verzog das Gesicht.

"Kontakte... sind Personen, die Kontakt mit Vampiren hatten." Ihr Lächeln wurde breiter. "Und du kannst nicht abstreiten, daß du den hattest..."

"Und Josh und Dave? Wer sind sie? Und was haben sie damit zu tun? Muß ich..." Er wurde rot und starrte in seine Tasse. //Verdammt, sie wird doch wohl nicht verlangen...// Nein, das würde er nicht! Nicht vor wildfremden Leuten!

"Chrys-Lieber, du mußt nichts erzählen, was du nicht willst", sagte Masha leise. "Keiner wird dich dazu zwingen..." Sie griff nach einem Plätzchen, doch sie aß es nicht; gedankenverloren drehte sie es in der Hand. "Mach dir darüber keine Sorgen, okay?"

Chrys nickte erleichtert und schämte sich fast ein wenig. Natürlich würde Masha das nicht verlangen. Und sie würde es nicht verraten, wenn er ihr nicht das Okay dazu gab.

"Und Josh und Dave... gehören zu uns." Masha lachte und legte das Plätzchen auf den Tisch, ohne es auch nur angebissen zu haben. "Himmel, ich habe keine Ahnung, wie ich anfangen soll, ohne daß es pathetisch oder unglaubwürdig klingt!"

"Kümmere dich nicht darum?", schlug er vor. "Sprich 's einfach aus?"

Sie kicherte. "Das ist mein Text, Lieber. Du lernst... nun gut", sie wurde wieder ernst und sah ihn ruhig an. "Kurz gesagt, wir sind eine kleine Gruppe von Verrückten, die Vampire jagen. Vampirjäger."

Chrys' Augen weiteten sich; ungläubig erwiderte er ihren Blick. Ein Bild von einer in eine schwarze Kutte gehüllten Masha, die Kreuze schwenkte und mit Holzpflöcken um sich stach, erschien vor seinem inneren Auge. Das meinte sie doch nicht ernst, oder?

"Was?!?" fragte er fassungslos. Sie hätte genauso gut erzählen können, daß sie zum CIA gehörte.

"Ich wußte, daß du so reagieren würdest...", murmelte sie unwirsch und blies sich eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht. "Ich habe dich gewarnt. Ich sagte, es würde pathetisch klingen! Es ist nicht ganz so dramatisch, wie man das in manchen Filmen sieht. Wir haben keine geheime Basis, meistens treffen wir uns bei Roland oder mir. Gut, wir haben natürlich auch einiges an notwendiger Ausrüstung und diversem Zubehör, aber das braucht man einfach. Wir jagen sie auch nicht quer durch die halbe Welt. Wenn hier einer auftaucht, wird er aufgespürt und ausgelöscht. Wenn nötig verfolgen wir ihn auch, weil er dann eine Gefahr auch für unsere Identität ist, die er anderen Vampiren preisgeben könnte... was Gott sei Dank noch nie geschehen ist. Aber wir suchen keine Vampire, die wir vernichten können. Es ist mehr wie .... Selbstverteidigung."

"Das ist..." Chrys sah sie hilflos an. //Das klingt so falsch! Wieso...//

"Lachhaft? Pathetisch?" schlug Masha vor und lächelte schwach. "Nein, Lieber, das ist es nicht..." Sie trank einen kleinen Schluck Tee und sah für einen Moment in die klare, hellbraune Flüssigkeit. "Ich versuche es mal anders, hm?" Sie stellte die Tasse ab und legte gedankenverloren die Zeigefinger ihrer zusammengelegten Hände an die Lippen. "Das es Vampire gibt, streitest du wohl kaum ab, richtig?"

Chrys nickte langsam, unwillkürlich strich er sich über die Male an seinem Hals.

"Gut. Sie trinken das Blut von Menschen... sie fallen sie an." Ihr Blick wurde stechend und hielt seinen fest.

Wieder nickte Chrys. Ein Schauder lief seinen Rücken herab, doch er wußte nicht, ob wegen Masha oder dem, was sie sagte.

"Ja..." flüsterte er.

Mashas Gesicht wurde hart, eisige Kälte überschattete ihre Augen. "Und du kannst von Glück sagen, daß der Vampir Gefallen an dir gefunden zu haben scheint. Sonst wärst du jetzt ein kalter Körper in einer kalten, dunklen Straße. Sie sind gefährlich, weitaus gefährlicher als jedes Tier, denn sie sind intelligent. Sie sind skrupellose Mörder, die mit ihren Opfern spielen. Sie morden aus Vergnügen, denn sie sind nicht auf den Tod ihrer Opfer angewiesen, um leben zu können. Und wenn niemand sie aufhält, dann tun sie es wieder... und wieder... und wieder..." Mashas Stimme war leise geworden und nahezu hypnotisch. Sie spann ein Netz um ihn, dichter und dichter, und schlängelte sich in jeden Winkel seines Hirns. "Sie hören nicht auf, wenn sie einmal angefangen haben. Sie laben sich an dem Schmerz der Opfer genauso wie an ihrem Blut. Und irgend jemand muß sie aufhalten."

Chrys schauderte, Gänsehaut lief seinen Rücken hinab. Schutzsuchend umklammerten seine kalten Hände die beruhigend warme Teetasse. Das Grau von Mashas Augen war das Grau des tosenden Meeres kurz vor einem Orkan, der jeden Moment losbrechen konnte...

Doch dann schloß sie für einen Moment mit einem Seufzen die Lider, und als sie sie wieder öffnete, war ihr Blick müde, und sie wirkte unendlich verletzlich.

"Findest du es grausam?" fragte sie weich. "Warum, Lieber?"

"Ich weiß nicht..." murmelte er benommen. "Du sprichst so kalt davon, ein Leben auszulöschen. Was ist das, Masha? Das paßt nicht zu dir.... Einfach jemanden zu töten."

"Nicht jemanden. Etwas." Die dunkle Stimme ließ ihn zusammenfahren. Er hatte nicht mitbekommen, daß Roland zurück ins Wohnzimmer gekommen war. Der große Mann ließ sich wieder in seinen Sessel fallen.

"Dave und Josh sind auf dem Weg hierher", sagte er kurz zu Masha gewandt, dann wandte er sich wieder Chrys zu. "Chrys, du machst einen Fehler... einen Fehler, den sie zu nutzen wissen. Das sind keine Menschen, und wir sind keine Mörder. Wir sind eine Notfalltruppe. Ein Sicherheitsteam, wenn du es so willst. Du kannst Vampire mit tollwütigen Hunden vergleichen. Niemand sagt, daß sie nicht einmal Hunde waren. Doch es gibt keine Heilung. Sie sind wahnsinnig. Sie töten wahllos. Wenn du nicht ihnen zum Opfer fallen willst, mußt du schneller sein. Du mußt sie töten. Du mußt dich schützen... dich und alle, die es nicht besser wissen. Alle, die sich nicht wehren können."

Chrys dachte an die hypnotischen schwarzen Augen, an das Höllenfeuer, das in ihnen glomm und nickte langsam, auch wenn er sich nicht wohl dabei fühlte. Es war nicht menschlich gewesen... Er erinnerte sich an seine Hilflosigkeit, an die unmenschliche Kraft des Vampirs, mit der er ihn gehalten hatte. An das Gefühl von Blut in der Kehle... er schluckte trocken.

//Du kannst von Glück sagen, daß der Vampir Gefallen an dir gefunden hat.// Ungebeten drängte sich das Gefühl von warmen, unendlich weichen Lippen in seine Gedanken.

//...skrupellose Mörder, die mit ihren Opfern spielen.// Liebkosende Hände, die seinen Körper erforschten...

//'Du gehörst mir, Chrys...// Eine Stimme wie schwerer, dunkler Wein... er schüttelte sich. Je öfter er daran dachte, um so weniger bedrohlich klang es. Es wurde immer surealer, je mehr Abstand er davon gewann.

//Tollwütige Hunde...// Das Höllenfeuer in seinen Augen, war das der Wahnsinn?

Dann erinnerte er sich an das Bild, als er den Vampir von sich gestoßen hatte. Das weiße, zarte Gesicht mit den schmalen, geschwungenen Augenbrauen, die zurückgezogenen Lippen, die blitzenden Fangzähne. Die Mordlust in dem Blick. "Sind sie... alle so?"

Masha lehnte sich erleichtert zurück, als sie sah, daß er zu verstehen begann. Sie nickte. "Ja, zumindest in den Grundzügen. Natürlich sind sie so verschieden wie die Menschen, die sie vorher waren. Manche ziehen es vor, schnell zu töten. Manche dehnen es in die Unendlichkeit. Manche spielen mit ihren Opfern, so wie der Vampir es zu tun scheint, mit dem wir es hier zu tun haben. Aber es gibt Dinge, die ändern sich nie."

"Sie töten mit Lust", nahm Roland den Faden auf und spann ihn weiter. "Sie sind grausam. Sie genießen die Angst ihrer Opfer. Menschliches Leben ist ihnen gleichgültig."

"Aber wieso?" fragte Chrys leise. "Sie waren doch auch mal menschlich! Ich meine, sie hatten Gefühle, sie wußten, was Angst ist, was Liebe..."

Roland bedachte ihn mit einem mitleidigen Blick. "Ein kleiner Weltverbesserer, hm? Bist du am Überlegen, wie du sie retten kannst? Ob wirklich alle böse sind? Ob man ihnen 'helfen', sie 'erlösen' kann?" Er schüttelte den Kopf. "Der Vergleich mit der Tollwut hat durchaus seine Berechtigung, Chrys. Vampirismus ist wie eine Krankheit. Sie ist ansteckend, wenn auch nicht durch bloßen Biß. Frag mich nicht, woran es liegt, daß manche Menschen zu Vampiren werden und manche nicht. Es ist ihr gut gehütetes Geheimnis. Aber es gehört mehr dazu als ein bloßer Biß. Und auch das Trinken von ihrem Blut scheint nicht zu reichen... Aber diese Krankheit zerstört etwas in einem Menschen, der damit angesteckt wird. Sie gibt ihm Möglichkeiten, die jenseits der von Menschen sind. Sie sind schneller, stärker, sehen mehr, hören schärfer... und mit dem Alter scheinen sie noch mehr an Fertigkeiten zu gewinnen. Doch dafür geben sie die Fähigkeit zu leiden auf, zu fühlen und zu lieben. Sie verlieren ihre Menschlichkeit... Alte Quellen liegen gar nicht so fern, wenn sie sagen, sie hätten einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Ein weiterer, durchaus treffender Vergleich."

"Aber wenn sie so schnell, so stark sind, wie könnt ihr dann gegen sie kämpfen? Ich meine, ihr seid Menschen!" Er sah von Roland zu Masha und hielt sich hilflos an ihrem ruhigen Blick fest. Seine Welt war irgendwie neben ihn geglitten und hatte ihn im Nichts zurückgelassen. "Und wie seid ihr überhaupt dazu gekommen, ... Vampire zu jagen?"

Mashas Blick wurde dunkel, sie preßte die Lippen zusammen, bis sie nur noch ein schmaler Strich in ihrem Gesicht waren. Ihre Finger wurden weiß, so fest umklammerte sie die Tasse.

Auch Rolands Miene verfinsterte sich. "Wir hatten... einen persönlichen Zusammenstoß. Glaub mir, du hast noch Glück gehabt. - Masha und ich, wir kannten uns zu dem Zeitpunkt schon. Unsere Eltern verstanden sich gut, sie hatten sich getroffen - gemeinsam essen, Urlaubsbilder austauschen... zwei Tage lang haben wir nichts mehr von ihnen gehört und uns nichts dabei gedacht. Schließlich haben wir nicht jeden Tag mit ihnen telefoniert. Als wir uns anfingen Sorgen zu machen, war es zu spät..."

"Du meinst, Vampire haben sie umgebracht?" fragte Chrys betroffen. //Ihre Eltern? Seine Eltern?// "Das..."

"Umgebracht?" unterbrach ihn Masha hart. "Sie haben sie ... es war schwer herauszufinden, wer wer war... Rolands Eltern, meine Eltern... mein kleiner Bruder. Alle ausgesaugt bis auf den letzten Tropfen... und..."

Chrys öffnete den Mund, er wollte irgend etwas sagen, etwas tröstendes, helfendes, aber er brachte keinen Ton heraus. Er wußte nicht einmal, was er hätte sagen sollen. Ihm fehlten die Worte. Was konnte man dazu sagen? Nichts... Aber daß es sie nach all der Zeit, die seit dem vergangen sein mußte, noch immer so tief traf, wenn sie daran dachte... Himmel, was mußten die Vampire ihrer Familie angetan haben?

Roland stand auf und ging zur Couch herüber. Er setzte sich neben Masha und legte einen Arm um sie. Erst versteifte sie sich und sah ihn abweisend an, doch dann schwand die Ablehnung aus ihrem Blick. Sie lehnte sich an ihn und vergrub das Gesicht an seiner Schulter. Sanft schloß der große Mann sie in den Arm und drückte sie an sich.

Eine Weile war es still. Chrys' Gedanken flohen davor, sich fassen zu lassen. Wie aufgewirbelte Blätter flogen sie durch seinen Kopf. //...es war schwer, herauszufinden, wer wer war...// Was hatten die Vampire getan? Er wollte es nicht wirklich wissen. - Er hatte nicht gewußt, daß ihre Eltern tot waren. Und schon gar nicht, wie sie ums Leben gekommen waren. Oder daß sie einen kleinen Bruder gehabt hatte.

Eigentlich wußte er recht wenig über ihre Vergangenheit. Aber es war auch kein Wunder, daß sie nie darüber sprach. Und keines, daß sie Vampire haßte. Daß sie sie töten wollte... aber waren wirklich alle gleich? //Chrys, du gehörst mir...// Der Blick seines Todesengels... dieser hier wollte seinen Tod. Dieser würde ihn umbringen, wenn er ihn noch einmal zu fassen bekam. Und wenn er sich irrte? Wenn Masha und Roland sich irrten? Und...

"...woher habt ihr gewußt, daß es Vampire und keine Verrückten gewesen sind?"

Für einen Moment dachte Chrys, daß sie ihn nicht gehört hatten, denn weder Masha noch Roland reagierten auf seine Frage.

Dann wanderte Rolands Blick von der Frau in seinen Armen zu Chrys, und der junge Mann schauderte unter den eiskalten blauen Augen. "Woher weißt du, daß es ein Vampir war, der dich gebissen hat? Du weißt es einfach. Nur wenn du blind und ignorant bist, wirst du es leugnen. So wie die Polizei es getan hat, sowie die Presse es verleugnet hat. Sie sprachen von den Morden eines Psychopathen. Sie wußten nicht einmal, ob es ein oder mehrere Täter waren. Sie haben Vermutungen angestellt. Sie haben nach Hintergründen geforscht. Sie haben Zeugen gesucht. Sie haben Milieustudien angestellt. Das Offensichtliche haben sie übersehen! Es gibt keine Gesetze, die Vampire einschließen. Ein Vampir läßt sich nicht mit den Normen erfassen, er ist in keiner Datenbank gelistet. Es gibt ihn nicht." Roland schnaubte zornig. "Blinde Narren!"

In dem Moment schrillte die Türglocke durch die Wohnung und zerriß die Schleier der Vergangenheit.

Masha befreite sich sanft aus Rolands Armen und stand auf. "Josh oder Dave... Deine Wette, Roland?"

"Josh", grinste der große Mann. "Du glaubst doch nicht, daß Dave einmal schneller ist?"

Masha lachte. "Vielleicht ist ja in der Zwischenzeit ein Wunder geschehen?"

Sie verließ das Zimmer, während Roland sein Glas auf seine Seite des Tisches zog. "Für Dave ist es ein Ding der Unmöglichkeit, pünktlich zu kommen", erklärte er grinsend. "Ich habe ihm immer eine falsche Uhrzeit genannt, wenn wir uns getroffen haben - mindestens eine halbe Stunde früher. Nur deswegen ist es ihm halbwegs gelungen, pünktlich aufzutauchen. Eine Ausnahme waren die Einsätze - wenn es wirklich darauf ankam - dann wußte er, wann er da zu sein hatte. Verlassen kann man sich auf ihn."

"Dave?" Mashas ungläubige Stimme scholl zu ihnen ins Wohnzimmer.

"Dave?" echote Roland verblüfft. Seine Augenbrauen wanderten verdutzt nach oben. "Da ist was schief gelaufen... das kann nicht sein!"

Chrys mußte grinsen, als er das fassungslose Gesicht von Roland sah. "Sieht aus, als wäre er nicht immer so langsam wie du sagst."

Die Tür fiel ins Schloß, Schritte näherten sich, dann wurde der Vorhang beiseite geschoben und Masha und Dave traten ein. Chrys drehte sich in seinem Sessel um und sah Dave neugierig entgegen.

Dann weiteten sich seine Augen überrascht. Braune, zerzauste, lange Haare, die mehr schlecht als recht im Nacken zu einem Zopf zusammengefaßt waren, aus dem sich wirre Strähnen lösten und in ein fröhliches Gesicht fielen. Weiche Lippen, die gerne lachten. Strahlend blaue Augen, die suchend im Raum herumirrten, dann seine fanden und aufleuchteten.

"Hi Chrys", sagte David mit seiner warmen Stimme und ließ seinen Blick besorgt über ihn gleiten. "Ich habe vielleicht einen Schreck bekommen, als Roland mir am Telefon erzählt hat, was passiert ist. Geht es dir gut? Ist alles okay?"

 


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by Meike "Pandorah" Ludwig