Forever's Kiss

5.

"David?" Ungläubig sah Chrys ihn an. "Du? Du bist der Dave, von dem Roland gesprochen hat?" Wieso von allen Menschen dieser Stadt ausgerechnet David? "Du... du bist... bist Vampirj... ich meine, du gehörst dazu?"

Dave kratzte sich verlegen am Kopf und grinste etwas unsicher. "Tja... das hättest du nicht gedacht, hm?"

"Ihr kennt euch? Na wunderbar, dann muß ich euch ja nicht mehr vorstellen!" Mit einem breiten Grinsen stand Roland auf, um Dave zu begrüßen. "Schön, dich mal wieder zu sehen. Ich hoffe, dir ist die Zeit ohne uns nicht zu lang geworden."

Während er Dave umarmte, versuchte Chrys, sich von seiner Überraschung zu erholen. David... wieso ausgerechnet David?

Vor knapp einem Monat war David das erste Mal bei ihm im Laden aufgetaucht. Er hatte sich nach Masha erkundigt, und als Chrys ihm nur sagen konnte, daß sie für zwei Wochen weg war, hatte er ihm zugezwinkert. /'Scheint so, als hätte ich Glück im Unglück.'/ Danach war er immer öfter gekommen und jedes Mal länger geblieben. Gekauft hatte er selten etwas. Hin und wieder mal eine Postkarte. Oder ein paar Räucherstäbchen, bei denen Chrys sicher war, daß er sie nie anzünden würde. Seine tiefblauen Augen ließen jedes Mal Schmetterlingen in seinem Magen tanzen, wenn er ihn ansah. Und seine warme Stimme schien ihn mit jedem Wort zu liebkosen, das er an ihn richtete.

Aber warum war er hier? Warum gehörte er zu ... den Vampirjägern? Er konnte sich David einfach nicht dabei vorstellen, wie er einem Menschen - oder einem menschengleichen Wesen - einen Holzpfahl in die Brust rammte. Verdammt, er konnte es sich auch nicht bei Masha vorstellen! Und trotzdem gehörte sie dazu!

Irgend etwas war schief gegangen. Er hatte nichts erwartet, als er Masha in ihre Wohnung gefolgt war, außer in Sicherheit zu sein. Vielleicht, daß sie ein paar Vampirbanne beherrschte? Aber mit Sicherheit nicht, daß sie mit ganz profanen Mitteln Vampire... ermorden wollte.

"Ich setze noch mal Teewasser auf. Kommst du mit, Roland? Es gibt da noch ein paar Dinge, über die wir reden müssen..." Masha wandte sich ab und verließ das Wohnzimmer.

Mit einem unbehaglichen Schulterzucken folgte Roland ihr. "Habe ich eine Wahl?"

Sie lachte. "Nein. Die hast du nie."

Chrys' Sessel gab etwas nach, als sich jemand mit den Ellenbogen auf der Rückenlehne abstützte. Eine Hand legte sich leicht auf Chrys' Schulter. Er mußte nicht hinschauen, um zu wissen, daß es Dave war. Ein warmer Schauer rann durch seinen Körper.

"Hey, alles okay mit dir?" fragte Dave leise.

Sein Atem streifte Chrys' Wange und ließ sein Herz einen Satz machen. Er drehte den Kopf, so daß er ihn ansehen konnte, und spürte, wie seine Wangen heiß wurden, als er die blauen Augen so nahe sah. Ein paar zerzauste Strähnen hingen Dave in die Stirn, und Chrys mußte gegen das Verlangen ankämpfen, sie ihm einfach aus dem Gesicht zu streichen.

"Sicher. Das bißchen Blut..." Sein Herz schlug schneller. David roch gut... nach frischer Luft und Aftershave. Und er war so... nah... Chrys konnte die Bartstoppeln auf seinem Kinn erkennen. Und seine Lippen... schienen so weich...

/Wie es sich wohl anfühlt, wenn er mich küssen würde?/, fragte eine kleine Stimme in seinem Kopf. /Hör auf, Chrys!/, schalt er sich sofort. /Wie kannst du jetzt an so etwas denken?/

"Was machst du hier?" fragte er statt dessen atemlos.

"Roland hat mich angerufen, und ich bin gekommen." Daves Augen waren voller Sorge. "Ist das Blut alles, was dir fehlt? Wie geht es dir? Hat er... hat er dir etwas getan?" Sein Blick glitt zu Chrys' Hals. "Darf ich?..." Ohne auf eine Antwort zu warten, bog Dave Chrys' Kopf sacht beiseite. Er zog den Pullover vorsichtig soweit herunter, daß er einen Blick auf die roten, punktförmigen Wunden werfen konnte.

Ein warmer Schauer rann Chrys' Rücken hinab, als die schlanken Finger seine Haut berührten und sanft seinen Hals abtasteten. Er spürte die Bahn, die sie zogen, wie mit Feuer gezeichnet. Unwillkürlich hielt er die Luft an, seine Wangen färbten sich. Ein kleiner, angenehmer Stich fuhr durch seinen Magen.

"Nein", murmelte er. "Er hat mir nichts getan. Nur mich gebissen..."

"Gut..." Dave atmete auf und lächelte erleichtert. Dann wurde seine Stimme nüchtern. "Nun, das war auf jeden Fall kein frischer."

Er zog den Pullover wieder über die Bißmale. Als er die Hand zurückzog, strich er sacht und wie unabsichtlich über Chrys' Wange. "Seltsam, ausgerechnet dich hier zu treffen. Eigentlich hätte es jeder andere sein können. Offensichtlich hat er Geschmack, unser Vampirfreund..."

Er stieß sich von der Lehne ab und so entging ihm, wie das Blut in Chrys Wangen schoß. Ein Lächeln huschte über Chrys' Gesicht, das flaue Gefühl in seinem Magen verstärkte sich noch. Er war froh, daß Dave sein Gesicht nicht sehen konnte. "Was meinst du mit 'frisch'?"

Dave lachte. "Grün hinter den Ohren. Jung. Der Vampir, der dich gebissen hat, ist schon älter. Er hat schon viel Erfahrung im Beißen. Die Ader wurde sauber getroffen, er hat kaum Nerven erwischt und dir nicht den Hals zerfetzt. Eben kein junger Vampir, nicht frisch verwandelt. Kein 'frischer'."

"Oh..." Irgendwie kam Chrys sich ein wenig dumm vor. Na, das konnte ja heiter werden, mit vier .... Vampirjägern an einem Tisch, die früher oder später mit ihrem 'Fachjargon' um sich schmeißen würden...

"He, mach dir nichts daraus. Ist wie bei jedem anderen Beruf auch, früher oder später findest du Abkürzungen und Bezeichnungen für alles und jeden", tröstete Dave und schmunzelte. "Und glaub mir, manche von denen wirst du reichlich dämlich finden. Aber sie haben sich halt so eingeschlichen."

Wieder tönte die Klingel, langsam begann sie Chrys wirklich auf die Nerven zu gehen.

"Josh", sagte Dave und grinste zufrieden. "Ich mach auf!" rief er Richtung Küche und zwinkerte Chrys zu. "Ich habe selten die Gelegenheit dazu. Meistens ist er vor mir da. Das muß ich ausnutzen."

Chrys lächelte, als Dave nach draußen verschwand, und lehnte sich zurück. Für einen Moment schloß er die Augen. Er konnte noch immer spüren, wo Dave ihn berührt hatte. Und dann sein Kompliment... es war doch eines gewesen, nicht? Diese atemberaubend blauen Augen! Und seine Lippen, so nah, so weich... sie teilten sich...

/Du gehörst mir, Chrys!/ Das tiefe Blau wurde schwarz.

Mit einem Aufkeuchen riß Chrys die Augen auf und starrte zur Decke empor. Sein Herz raste, als wäre der Vampir wirklich hier gewesen. Masha hatte gesagt, sie könnten hypnotisieren.... Vielleicht hatte er das ja getan? Er schluckte hart.

Im Flur wurde die Tür geöffnet, dann erklang Daves fröhliche Stimme. "Hallo Josh! Du bist mal wieder der letzte. Schön, daß du's überhaupt bis hierher geschafft hast."

Chrys hörte keine Antwort, doch Josh mußte wohl etwas gesagt haben, denn Dave lachte. "Komm rein und laß mich die Tür zumachen, sonst wird Masha böse. So von wegen der Wärme, die in den Hausflur verschwindet und so."

Die Tür fiel ins Schloß, dann wurde der Vorhang beiseite geschlagen. "Chrys? Darf ich vorstellen, das ist Josh. Josh - Chrys, unser Kontakt."

Chrys verzog das Gesicht bei diesem Wort. Er stand auf. Hoffentlich kannte er Josh nicht auch noch irgendwoher...

Doch der dunkelhaarige, drahtige Mann war ihm vollkommen unbekannt. Er war ein Stück kleiner als Chrys. Über seinem schmalen Gesicht mit den hohen Wangenknochen lag ein Hauch von Melancholie, die kleinen Falten um Augen und Mund waren von Trauer und Bitterkeit gegraben worden.

Dunkle Augen musterten Chrys prüfend, dann nickte Josh ihm kurz zu. "Hallo."

Chrys grinste schief. "Hi Josh. Und wenn du mich Kontakt nennst, drehe ich mich auf der Stelle um und gehe. Das war es dann mit eurem Kontakt..."

Joshs Lippen verzogen sich zu dem Hauch eines Lächelns. Er nickte, dann wandte er sich ab und ging ohne ein weiteres Wort zur Küche.

"Joshua-Lieber, schön dich zu sehen!", erscholl Mashas fröhliche Stimme.

Durch die offene Küchentür sah Chrys, wie sie ihn umarmte. "Gesprächig ist er ja nicht gerade..."

"Er war schon immer recht still", erklärte Dave leise, ein düsterer Schatten flog über sein Gesicht. "Doch seit er seine Freundin auf einer Jagd verloren hat, spricht er fast gar nicht mehr..."

"Jagd? Du meinst..." Chrys verstummte.

"Vampirjagd. Ja." Für einen Moment war es still, dann verflog der Schatten über Daves Gesicht und machte einem amüsierten Grinsen Platz. "Sag mal, warum fällt es dir so schwer, dieses Wort auszusprechen? Ist ganz einfach. Ehrlich. Vampirjagd. Vampirjagd! Vampir- ja - haaaagd!" sang er fröhlich.

Chrys verzog das Gesicht ob der schrägen Töne. So schön und warm wie Daves Stimme beim Sprechen war, so grausig war sie beim Singen. "Du bist die ultimative Waffe gegen Vampire, wenn sie wirklich so feine Ohren haben, wie Roland behauptet. Du mußt einfach nur singen, und sie verschwinden freiwillig!"

Dave lachte, aber dann stupste er Chrys' Nase mit einem Finger an. "Nicht ausweichen. Warum fällt es dir so schwer? Man könnte meinen, es sei pervers. Oder verboten. Oder unmoralisch!"

Chrys wurde rot. Verlegen sah er zu Boden. "Nein, das ist es nicht... das heißt... ich weiß es nicht." Warum fiel es ihm so schwer? David hatte recht... aber er konnte nicht sagen wieso. Vielleicht, weil ihm der Gedanke einfach nicht gefiel, daß Dave und Masha Vampiren hinterherhetzten, um sie zu töten...

Dave musterte ihn prüfend, dann legte er den Zeigefinger unter Chrys' Kinn und hob es sacht an, so daß Chrys ihn ansehen mußte. Diese blauen Augen waren so warm, so voller Sorge... Chrys mußte schlucken. Gott, so hatte Dave ihn noch nie angesehen. Was war heute anders als all die Tage davor im Laden?

"Er hat dich nicht nur gebissen, nicht wahr?" fragte Dave leise. "Was hat er mit dir gemacht, Chrys?" Sein Daumen glitt sanft über Chrys' Kinn, streichelte ihn, zaghaft berührte er die Unterlippe...

"Na, dann wollen wir mal!" Rolands Stimme brach den Bann derart abrupt, daß Dave zurückzuckte.

Auch Chrys wich einen Schritt nach hinten. Seine Wangen glühten.

/Scheiße!/ fluchte er lautlos. /Warum ausgerechnet jetzt?/ Oder sollte er froh sein? Denn eigentlich wollte er es Dave nicht erzählen. Dave am allerwenigsten... Aber Masha hatte auf jeden Fall mit einem Recht gehabt. Roland hatte ein verdammt miserables Timing!

Offensichtlich stimmte Dave mit ihm darin überein, denn auch er fluchte verhalten. Dann warf er Chrys einen kleinen Seitenblick zu und lächelte schief. "Später dann, okay? Hey," er wurde leise, "ich mache mir Sorgen um dich."

Noch bevor Chrys etwas erwidern konnte, hatte er sich umgedreht und war zum Tisch gegangen. Mit einem Seufzen ließ er sich auf das Sofa fallen. Verwirrt kam Chrys hinterher und setzte sich still in seinen Sessel. Aus den Augenwinkeln blickte er zu Dave rüber, der den Kopf in den Nacken gelegt hatte und zu der holzverkleideten Decke emporsah. Er machte sich Sorgen? Um ihn? War es das, was so anders war? Was ihm den Mut gab, solche Dinge zu sagen und zu tun? Jeder Besuch im Laden hatte Chrys Anlaß zur Hoffnung gegeben, daß er nicht rein zufällig immer dann kam, wenn er da war. Jedes Mal hatte er kleine Dinge gesagt, die Chrys' Herz hatten höher schlagen lassen. Doch es hatte auch rein zufällig sein können... Heute war es anders. Heute...

Der Knall, als Roland die große, irdene Kanne auf den Tisch stellte, riß ihn aus seinen Gedanken. "Tee. Gut für die Blutbildung, hat Masha gesagt", grinste er.

Josh kam mit drei Tassen und fünf Gläsern hinterher und schaffte es irgendwie, sie nicht fallen zu lassen. Erst als er sie abstellen wollte, geriet der Gläserturm ins Wanken. Eilig griff Roland zu und verhinderte ein Unglück.

Masha brachte eine große Glaskanne mit Apfelsaftschorle mit und ein Messingstövchen, das mit durchbrochenen Ornamenten versehen war. Während Josh den zweiten Sessel in Beschlag nahm und Roland es sich wieder auf dem Sofa bequem machte, zündete sie das Teelicht an und stellte die irdene Kanne auf das Stövchen. Dann setzte sie sich neben Roland und zog die Beine wie gewöhnlich in den Schneidersitz.

"Ich gebe zu", sagte sie mit einem Lächeln und ließ ihren Blick von Dave über Josh zu Roland wandern, wo er für einen Moment hängenblieb, "ich habe euch vermißt..."

Dave hob den Kopf und grinste breit. "Sicher hast du das. Aber du wolltest ja nicht auf uns hören. - Wie in alten Zeiten, hm?"

"Nicht ganz", sagte Josh leise, und Daves Lächeln verschwand.

Roland räusperte sich. "Na gut, da wir ja jetzt alle da sind, laßt uns mal die Fakten zusammentragen. Kurze Zusammenfassung für Dave und Josh: Chrys ist von einem Vampir angefallen worden, und ich habe einen am Bahnhof gesehen. Wir gehen davon aus, daß es der selbe ist; schlank, recht klein, also in etwa Daves Größe..."

Dave grinste. "Klein ist in deinen Augen alles, Roland. Also war der Gute wohl um die 180 groß, ja?"

Roland erwiderte das Grinsen und angelte nach einem Zimtstern. "Sag ich doch. Klein. Er hat schwarzes, langes Haar, Mitte Rücken in etwa, dunkle Augen, schmales Gesicht. Ich habe ihn vielleicht drei Minuten beobachten können, dann war er verschwunden..."

Masha nickte. "Gesehen habe ich ihn auch. Die Beschreibung deckt sich mit meiner Beobachtung."

Rolands Augen weiteten sich überrascht, doch er sagte nichts. Masha erzählte in knappen Worten, was geschehen war, nachdem Chrys sie angerufen hatte. Chrys war ihr unendlich dankbar, daß sie unerwähnt ließ, wieviel Lust er empfunden hatte.

"So weit, so gut. Chrys?" Auffordernd sah Roland ihn an. "Hast du dazu noch was hinzuzufügen? Du hast ihn schließlich", er grinste, "am Hals gehabt."

/Und das im wahrsten Sinne des Wortes/, dachte Chrys mit dem Anflug eines Schmunzelns. Doch es verschwand recht schnell wieder. Sicher, er hätte da noch einiges hinzuzufügen gehabt. Aber ... das wollte er nicht preisgeben... Er überlegte. Verdammt, irgend etwas mußte er noch sagen. Sie erwarteten es von ihm. Und er wollte ja, daß sie ihn fanden. Er wollte doch, daß er unschädlich gemacht wurde...

"Bei... der ersten Begegnung...", er stockte, wußte nicht, wie er fortfahren sollte. Doch die anderen warteten stumm, ließen ihm Zeit. Er atmete tief durch. "Ich habe seine Gedanken ... spüren können... nicht lesen... nur das Gefühl. Wie es ist, Blut zu trinken. Den Durst. Das Verlangen nach Blut..." /Und das Verlangen nach anderem.../

"Mehr nicht?" Roland klang etwas enttäuscht, er sah ihn scharf an.

Chrys mußte schlucken. /Doch, da war mehr... bitte... ich möchte nicht.../

"He, was erwartest du, Roland?", fragte Dave fröhlich und lenkte die Aufmerksamkeit auf sich. Chrys hatte das unbestimmte Gefühl, daß er es nicht zufällig tat. "Daß er einen Zettel mit seiner Adresse hinterläßt? Das schreit geradezu nach 'Bitte, pfählt mich!' Oder?"

Roland mußte lachen, er schüttelte den Kopf. "Ich gebe zu, das klingt recht unwahrscheinlich. Ich hatte nur auf etwas mehr gehofft."

"Auf 'ne Zielscheibe auf der Brust des Vampirs mit Hinweisschild 'Herz hier'?" fragte Dave unschuldig, dann mußte er lachen. Masha und Roland fielen ein, Josh grinste, und selbst Chrys konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Er warf Dave einen dankbaren Blick zu. Als Dave den Blick erwiderte und ihm zuzwinkerte, machte sein Herz einen Satz. Sein Lächeln vertiefte sich. Verlegen beugte er sich vor und schenkte sich ein Glas Apfelsaftschorle ein, hinter dem er sich verstecken konnte.

/Chrys, du benimmst dich wie ein verliebter Teenager/, schalt er sich, doch das änderte nichts an dem warmen Gefühl in seinem Bauch.

Gedankenverloren nippte er am Schorle, während Roland irgendwelche Strategien vorschlug, von denen Chrys ohnehin nichts verstand, weil Roland viel zu oft auf Jagden zurückgriff, die Chrys nicht kannte. Er lauschte nur mit halben Ohr, während er aus den Augenwinkeln zu Dave sah. Meistens redeten Masha oder Roland, Dave warf hin und wieder einen Kommentar ein und Josh schwieg fast nur. Doch wenn er etwas sagte, schien es Hand und Fuß zu haben.

Chrys' Gedanken drifteten weg... weg zu ... dunklen Augen. Schwarze Augen... Obsidian in weißem Alabaster... Lippen, so weich, so unendlich weich... und in scharfem Kontrast dazu die Fangzähne.

/Hat er mich wirklich umbringen wollen? Hätte er das nicht früher tun können? Aber er hat mich geküßt... so zärtlich... und seine Hände, so sanft und liebkosend... 'Skrupellose Mörder, die mit ihren Opfern spielen!' Und was, wenn nicht? Wenn er mich einfach nur... erotisch fand?/ Fast hätte er gelacht. Nein, der Gedanke war zu absurd! /Und der mörderische Blick, als ich ihn weggestoßen habe! Ich hätte geschworen, daß er sich auf mich stürzt!/ Seine Gedanken stockten, langsam stellte er sein Glas ab. /Er hat sich auf mich gestürzt. Aber er hat mich nicht gebissen. Er hat nichts gemacht. Er hat mich nur geschüttelt. 'Chrys, verdammt! Hör auf!' Als wolle er mich zur Vernunft bringen.../ Und dann war da noch etwas gewesen.

"Ich komme zurück..." murmelte er und sah auf. "Er hat gesagt, er kommt zurück."

Sofort hatte er die geballte Aufmerksamkeit der anderen.

"Er hat was gesagt?" hakte Roland nach und beugte sich angespannt vor.

"Kurz bevor Masha reingekommen und er verschwunden ist, hat er gesagt, er kommt zurück." Chrys lächelte schwach. Ein Zittern durchfuhr ihn, als er an das zornige Gesicht dachte. /Zornig, aber nicht mordlüsternd, oder?/ "Besser gesagt, er hat es gefaucht."

Ein Lächeln machte sich auf Rolands Gesicht breit. "Das ändert natürlich einiges", meinte er zufrieden. "Damit haben wir einen Ansatzpunkt! Hat er sonst noch etwas gesagt?"

"...daß ich ihm gehöre", murmelte Chrys und starrte in seinen Apfelsaftschorle. Goldene Bläschen trieben langsam empor und zerplatzten an der Oberfläche. /Warum sage ich ihm das?/

"Das ist gut! Das ist ausgezeichnet!" Roland strahlte regelrecht. "Wenn er Besitzansprüche anmeldet, kommt er auch, um sie einzulösen. Die Frage ist - wann?"

"Da er Chrys gestern das erste Mal gebissen hat und sofort am nächsten Tag - heute - wieder bei ihm aufgetaucht ist, vermute ich, daß er morgen wiederkommt." Josh musterte Chrys mit seinen ernsten, dunklen Augen. "Wir hatten schon mal einen ähnlichen Fall, wenn du dich erinnerst."

Dave verzog das Gesicht, sagte aber nichts.

"Stimmt." Roland rieb sich zufrieden die Hände und warf Chrys einen amüsierten Seitenblick zu. "Er scheint ja schwer was für dich übrig zu haben."

"W-was?" Fassungslos starrte Chrys Roland an. Es versetzte ihm einen Stich, ohne daß er sagen konnte wieso.

Roland hob entschuldigend die Hände und grinste verlegen. "Sorry, Chrys, war nicht so gemeint. Dummer Scherz. Ich weiß, es ist nicht leicht, von Vampiren gejagt zu werden. Du stirbst fast vor Angst... und ich mache dumme Witze. Sorry, ehrlich."

Chrys nickte. "Schon okay", murmelte er.

/'Chrys, verdammt! Hör auf!'/ Er hatte ihn geschüttelt, nicht umgebracht. Als wollte er ihn nur wieder zur Vernunft bringen. Dann war Masha gekommen... Chrys' Blick huschte über die Gesichter der anderen, Josh bleich und schmal und ernst, Roland sehr zufrieden und fast erheitert, Masha ruhig und konzentriert und Dave... sah ihn an. Einfach nur mit seinen blauen Augen an. Als würde er etwas wissen.

Plötzlich schien die Wärme des Zimmers Chrys zu erdrücken. Abrupt stand er auf. Er brauchte frische Luft! Er ging zu dem Vorhang, hinter dem die Balkontür versteckt war, schlüpfte daran vorbei und öffnete sie. Er atmete tief durch, als die frische, kalte Luft ihm entgegenschlug. Barfuß trat er auf den Balkon hinaus, zog die Tür hinter sich zu, damit die Wärme drinne blieb, und sah zum sternenklaren Himmel empor.

"Gute Güte, was mache ich hier eigentlich? Das ist doch nur ein Albtraum, oder?" flüsterte er und trat zur Brüstung. Er stützte sich darauf ab, spürte den kalten, porösen Stein unter seinen Händen und schloß die Augen. Dort drinnen saßen vier Menschen, die gerade berieten, wie man jemanden am schnellsten und unauffälligsten umbringen konnte. Dieser Jemand war ein Vampir... ja... ein blutrünstiges Monster... das hatte selbst Masha gesagt. Aber sie hatte auch gesagt, daß Vampire so verschieden wie die Menschen waren, die sie einmal gewesen waren... Wieso konnte es nicht auch Vampire geben, die nicht einfach nur mordeten? Vampire, die keine Lust am Töten verspürten?

Der Vampir hatte ihn angefallen. Er hatte sein Blut getrunken. Aber hatte er ihn wirklich umbringen wollen? Wer hatte das gesagt? Er hatte ihn am Leben gelassen. Und heute... heute hatte er ihn nicht gebissen. Daß Chrys sich die Zunge an seinem Fangzahn verletzt hatte, war seine eigene Schuld gewesen... Der Vampir hatte ihn geküßt. Und mehr als das...

Als die Tür wieder einrastete, verstummten die anderen abrupt und sahen ihm hinterher.

"Er sollte nicht allein nach draußen gehen, wenn es dunkel ist", sagte Roland unwirsch.

Masha runzelte besorgt die Stirn. "Ich sollte vielleicht noch mal mit ihm reden, er sah so... verwirrt aus."

Sie wollte aufstehen, doch Dave war schneller. "Ist schon okay. Ich mache das. Ich kann ohnehin nicht mehr viel beitragen. Im Pläne schmieden war ich noch nie so gut", er grinste entschuldigend. "Und vielleicht kann ich ihm besser helfen. Gehe ich recht in der Annahme, daß sich sein Fall gar nicht mal so sehr von jenem speziellen unterscheidet?" Er warf Masha einen scharfen Blick zu. "In allem?"

Unbewegt sah sie zurück. "Das solltest du ihn selber fragen, Lieber."

Dave zögerte für einen Moment, dann nickte er und folgte Chrys.

Chrys zuckte zusammen, als die Tür hinter ihm geöffnet wurde. Konnten sie ihn nicht für fünf Minuten allein lassen? Hier würde der Vampir doch wohl nicht hinkommen! Er wußte schließlich nicht, wo er zu finden war! Oder war er dem Auto gefolgt? Lag das in seinen Fähigkeiten? Konnte er derart schnell sein?

"Chrys? Alles okay?" fragte Daves warme Stimme.

"Ja, mach dir keine Sorgen." Chrys spürte, wie sich ein Kloß in seiner Kehle zu bilden begann. Seine Augen brannten. /Nein, aber ich möchte allein sein.../ Oder doch nicht? Am liebsten hätte er sich an Dave gelehnt und geweint.

Dave trat zu ihm an die Brüstung und stellte sich neben ihn. Er stützte sich mit den Ellenbogen ab und sah ihn von der Seite an. "Mache ich mir aber. Wir waren der Meinung, so lange es dunkel ist, solltest du außerhalb der Wohnung nicht allein sein..."

Chrys ließ den Kopf sinken. Die Kälte kroch durch die dünnen Sohlen seiner Socken, kroch durch seine Jeans und ließ ihn frösteln. Nur Mashas Pulli war noch schön warm.

"Ich wollte einfach ein wenig allein sein und einen klaren Kopf kriegen", sagte er leise. "Ich bin doch nicht weg. Ich stehe doch nur hier. Da wird er mich doch kaum entführen."

Sacht legte sich Daves Hand auf seine, warm gegen die kalte Wand und die kalte Luft, und umschloß sie schützend. "Er ist nicht mehr jung. Er könnte es vermutlich."

Jetzt sah Chrys doch auf. Daves Gesicht war blaß im Schein der schmalen Mondsichel, doch seine Augen leuchteten fast wie die einer Katze.

"Deine Hände sind kalt", sagte Dave sanft. Sacht löste er Chrys' Hände von der Brüstung und umschloß sie mit seinen. "Du mußt frieren..."

Dave schien sich wirklich Sorgen um ihn zu machen. Chrys spürte, wie der Kloß in seiner Kehle größer wurde. Ob Dave nur das körperliche Frieren gemeint hatte? Ihm war kalt... und nicht nur äußerlich. Kaum merklich nickte er.

Sacht streichelte Dave die kalten Hände mit den Daumen. Eine Weile standen sie fast reglos da. Dann streckte Dave eine Hand aus und strich Chrys sanft über die Wange. Seine Fingerkuppen glitzerten feucht, als er sie zurückzog.

"Warum weinst du?" fragte er leise.

Chrys antwortete nicht. Er konnte nicht. Er befürchtete, wenn er den Mund auch nur aufmachte, würde er haltlos zu schluchzen anfangen.

Dave zögerte nur einen Moment, dann zog er Chrys an sich und umschloß ihn mit den Armen. Chrys wehrte sich nicht. Dankbar lehnte er sich an den warmen, tröstlichen Körper und ließ seinen Tränen freien Lauf. Der unberechenbare, mysteriöse Vampir, die Vampirjäger, zu denen Masha und Dave gehörten, Dave selber... all das kam zusammen und ließ den Druck unerträglich werden. Hilflos schluchzte er, das Gesicht an Daves warmen Hals vergraben.

Dave hielt ihn, wiegte ihn und murmelte unsinnige tröstende Worte in sein Ohr.

Es dauerte eine Weile, bis Chrys' Tränen verebbten. Dann lehnte er einfach nur noch an ihm, ließ sich halten und genoß das Gefühl von Sicherheit, Wärme und Geborgenheit.

"Es ist der Vampir, nicht?" fragte Dave schließlich so leise, daß Chrys es hätte überhören können, wenn er gewollt hätte. Doch er nickte.

"Dave", murmelte er. "Es ist... so verwirrend..."

"Ich weiß." Dave drückte ihn fest an sich, als hätte er Angst, daß Chrys sich auflösen würde, wenn er ihn nicht festhielt. "Er hat dich geküßt, nicht wahr? Er hat... er wollte nicht nur dein Blut, nicht?"

Chrys schloß die Augen wieder und vergrub sein Gesicht an Daves Schulter.

"Woher weißt du das?" hauchte er.

"Wir hatten einen ähnlichen Fall, damals." Daves Atem strich warm über Chrys' Ohr. Er drückte ihn ein wenig fester, fast meinte Chrys, Dave zittern spüren zu können. Was machte ihm solche Angst?

"Der Fall... war deinem gar nicht unähnlich...", fuhr Dave fast lautlos fort. Chrys mußte sich anstrengen, um ihn zu verstehen. "Ein junger Mann hatte einen Vampir kennengelernt. Zuerst wußte er nicht, mit was er es zu tun hatte. Und als er es schließlich erfuhr, war es zu spät. Er hatte sich verliebt, hoffnungslos, bedingungslos. Doch der Vampir hat nur mit ihm gespielt. Er hat es genossen. Er hat ihm Leidenschaft vorgegaukelt, wo keine war. Er hat ... ihm seine Liebe beteuert, wo nur Kälte herrschte. Der junge Mann hat ihm geglaubt. Er hat gedacht, es sei wahr, was ihm der Vampir erzählte. Er war ihm verfallen, er hätte alles für ihn getan. Lächerlich, nicht?"

Chrys' Schluchzen war verebbt, er lauschte gebannt der warmen, weichen Stimme, die so seltsam gepreßt klang.

"Nein, nicht lächerlich", murmelte er. "Wieso sollte es lächerlich sein? Wenn er ihn geliebt hat?"

"Es war ein Vampir", sagte Dave hart. "Vampire können keine Liebe spüren. Der junge Mann... nun, er wußte es nicht. Er dachte, er würde wiedergeliebt werden."

Langsam begann Chrys zu ahnen, worauf das hinauslief. Er schmiegte sich enger an Dave und schlang die Arme um ihn, sanft streichelte er seinen Rücken. Für einen Moment kam ihm zu Bewußtsein, wie eng umschlungen sie dastanden, doch als Dave weitersprach, war es vergessen.

"Der Vampir hat ihm den Himmel auf Erden versprochen, ohne auch nur daran zu denken, seine Versprechen zu halten. Er hat ihm Rosen gebracht und ihn zu Candlelight-Dinners eingeladen. Herrlich kitschig, nicht?" Dave lachte trocken. "Dann... eines Tages... hat der junge Mann seinen über alles geliebten Schatz in einem Gespräch mit einem anderen Vampir belauscht. Und sein Himmel auf Erden lachte und gestand, daß er nur spielte..."

Chrys zitterte. Es war eiskalt, und nicht einmal von Dave schien noch Wärme zu kommen. Er wollte nicht hören, wie es ausgegangen war. Er wollte es nicht wissen, doch er hielt still und lauschte den bitteren Worten, die wie ein giftiger Strom aus Dave herauszuquellen schienen.

"Der junge Mann war derart verliebt, daß seine Welt zusammenbrach. Als die Sonne aufging, kletterte er auf das höchste Hochhaus der Stadt. Dort wollte er runterspringen und seinem Leben ein Ende setzen... Das war der Moment, in dem Roland ihn fand. Sie haben lange geredet, und schließlich ist er mit Roland wieder runtergekommen." Daves Stimme wurde leise, kaum noch zu hören. "Wir haben Jagd auf den Vampir gemacht, und wir haben ihn gefangen..."

Dave verstummte, und es schien nicht so, als wollte er weitersprechen. Doch Chrys wartete auf das Ende, es schien ihm der Schlüssel zu sein, der ihn sein ganzes Dilemma verstehen lassen würde, wenn er ihn nur bekam.

"Und dann?" fragte er atemlos, doch er fürchtete die Antwort.

"Ich habe ihn umgebracht", erwiderte Dave schlicht.

"Den Vampir?" hauchte Chrys.

Für einen Moment schwieg Dave, und als er dann antwortete, war seine Stimme merkwürdig rauh, fast gebrochen.

"Beide", murmelte er tonlos. "Ich glaube, es waren beide."

 


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by Meike "Pandorah" Ludwig